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Warum ich nicht mehr bereit bin die deutsche Wikipedia finan

MarcoM8 Jul 22nd, 2019 3,586 Never
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  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
  2. Sehr geehrter Herr Taherivand,
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  4. als mir vor Kurzem ein Spendenaufruf auf der deutschen Wikipedia begegnete, stellte ich überrascht fest, dass meine Reaktion nicht wie sonst war, einen kleinen Betrag zu überweisen oder meine Freunde zu fragen, ob wir gemeinsam etwas dazugeben möchten. Dies hat mich zum Nachdenken gebracht.
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  6. Ich nutze die Wikipedia seit ihrer Entstehung. Sie hat mich während meiner Schul- und Studienzeit begleitet und war meine erste Anlaufstelle, um mir einen ersten Überblick über ein neues Thema zu verschaffen. Diese Stellung hat sie in nachfolgenden Generationen weiter ausgebaut und ist mittlerweile zum de facto Standard-Nachschlagewerk geworden. Dank der Verbreitung vom Smartphones, ist die Lösung für praktisch jede Wissenslücke heute, den zugehörigen Artikel auf Wikipedia nachzuschlagen. Das ist eine großartige Leistung!
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  8. Im vergangenen Jahr habe ich mich erstmals damit auseinandergesetzt, wie die Wikipedia eigentlich „funktioniert“; wie entschieden wird welche Artikel erstellt werden und welche Informationen darin enthalten sind. Das umfangreiche Regelwerke beeindruckte mich, aber die Schreiber fielen vor allem durch eine herablassende Art auf, die mich unangenehm an deutsche Technikforen der frühen 2000er Jahren erinnerte. Es schien ungeschriebene Regeln zu geben, gegen die man als Neuling verstieß, die aber auch niemand konkret benennen konnte oder wollte, und die Dauer der Mitgliedschaft war immer wieder ein gewichtigeres Argument, als die Fachkenntnis neuer Schreiber.
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  10. Die Kritik an der Wikipedia ist so alt wie das Projekt selbst. Mir ist bewusst, dass die Wikimedia-Stiftung auf die redaktionelle Arbeit keinen Einfluss nimmt. Jedoch ist es die Wikimedia-Stiftung, für welche Spenden gesammelt werden und ich bringe es nach den Erlebnissen der letzten 12 Monate nicht mehr über mich, Geld für dieses Projekt beizusteuern und kann dies Anderen auch nicht mehr empfehlen. Die Trennung zwischen Wikipedia und Wikimedia und der daraus resultierende Mangel an Aufsicht über den Redaktionsprozess, ist meiner Meinung nach sogar ursächlich für das Problem.
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  12. Die Wikipedia hat als Enzyklopädie nicht den Anspruch, ein vollständiges Verzeichnis aller existenten Dinge zu sein. Jedoch ist die Wikipedia schon lange keine Enzyklopädie mehr im Sinne des Brockhaus oder der Encyclopaedia Britannica. Die Wikipedia hat als digitales Medium praktisch unbegrenzt viel Platz. Als von Freiwilligen erstelltes Projekt kann sie zudem Orte, Personen, Ereignisse und Dinge behandeln, die aufgrund betriebswirtschaftlicher Überlegungen in einer klassischen Enzyklopädie keine Beachtung fänden. Der enorme Umfang von über 2,3 Mio. Artikeln erweckt durchaus den Anschein, die Wikipedia sei eine universelle Sammlung des Wissens auf dieser Welt.
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  14. Mein Ersteindruck erwies sich jedoch schnell als korrekt. Die deutsche Wikipedia soll, dem Gebaren der Nutzer nach, eben keine universelle Wissenssammlung sein, sondern eine Sammlung von Wissen, welches den etablierten Nutzern genehm ist.
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  16. Beim Studium der Relevanzkriterien, welche regelmäßig angeführt werden, wenn es zu entscheiden gilt, ob ein Eintrag in der Wikipedia verbleibt oder nicht, offenbarte sich schließlich der krasse Kontrast zwischen dem Vorgehen in der deutschen Wikipedia und im englischen „Original“. Wo die englischen Regeln ausführlich sind, auf notwendige und hinreichende Kriterien und Kombinationen von Kriterien eingehen und wenn möglich sogar eine quantifizierbare Bewertungen ermöglichen, scheinen die deutschen Regeln geschrieben, um interpretiert zu werden.
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  18. So wird von „besonderer medialer Aufmerksamkeit“ und „signifikanten Mitgliederzahlen“ gesprochen, ohne zu definieren wann mediale Aufmerksamkeit „besonders“ ist oder in welchem Kontext die „Signifikanz“ von Mitgliederzahlen zu bewerten ist. Den englischen Regeln folgend ist es hingegen, anhand einer Handvoll Kriterien, trivial einfach zu überprüfen, ob eine hinreichende mediale Aufmerksamkeit vorliegt.
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  20. Da die Regeln selbst praktisch unangreifbar sind, können etablierte Mitglieder diese nach Gutdünken auslegen, ohne dass jemals überprüfbare Kriterien niedergeschrieben werden. Mitgliedern, die eine andere Interpretation der Regeln vertreten, wird Ahnungslosigkeit, Unfähigkeit oder eine versteckte Agenda unterstellt. So bleibt es einer Clique von Bearbeitern vorbehalten zu entscheiden, welche Informationen es wert sind dokumentiert zu werden und welche nicht.
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  22. Dies steht dem Gedanken einer freien und offenen Enzyklopädie diametral entgegen. Auch hier zeigt der Vergleich mit der englischen Wikipedia, dass die deutsche Wikipedia den Ansatz komplett verkehrt hat und Grenzfälle auszuschließen versucht, während die englische Wikipedia geradezu eine Anleitung ist, um Anzeichen für die notwendige „Notability“ zu finden.
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  24. So erschafft die englische Wikipedia Aufmerksamkeit für laufende Entwicklungen und Veränderungen, während die deutsche Wikipedia eben jenen die Relevanz abspricht. Warum hier so unterschiedlichen Maßstäbe angewandt werden und in der deutschen Wikipedia immer erst einmal von einem Mangel an Relevanz ausgegangen wird, während die englische Wikipedia es einfach macht, diese zu belegen, erschließt sich mir nicht.
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  26. Was bleibt, ist die Wahrnehmung, dass die deutsche Wikipedia vor mehr 10 Jahren ein Selbstbild entwickelt hat, welches einer klassischen Enzyklopädie in Papierform ähnelt, und nun renitent auf dessen Gültigkeit besteht, vollkommen unabhängig davon, wie sich die Welt rundherum verändert hat. Dies verkennt jedoch die Verantwortung, welche die Wikipedia in den bald 20 Jahren ihres Bestehens, durch das veränderte Verhalten ihrer Benutzer erlangt hat und deswegen bin ich auch nicht mehr bereit die Wikimedia-Stiftung aus ihrer Verantwortung zu entlassen und zu unterstützen.
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  28. Die Wikipedia erschafft heutzutage Realität. Was dort vertreten ist, existiert im Bewusstsein der Menschen. Die Regeln dafür, was in der Wikipedia vertreten sein darf derart offen für Interpretation zu gestalten, ist fahrlässig und gibt die Macht über Relevanz und Irrelevanz von Entwicklungen, Zusammenschlüssen, Personen und Orten in die Hände von Benutzern, die zumindest teilweise entschieden haben, dass ihre Meinung wichtiger ist, als die Realität vor der Tür.
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  30. Die deutsche Wikipedia repliziert damit genau das Verhalten, welches sie eigentlich obsolet machen wollte. Wieder werden nicht die Dinge beschrieben, wie sie sind, sondern was eine kleine Gruppe für würdig und relevant genug hält.
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  32. Gerade weil die englische Wikipedia vormacht, wie es anders geht, komme ich zu dem Schluss, dass die deutsche Wikipedia selbstverschuldet und ohne Notwendigkeit die Funktion einer offenen und freien Enzyklopädie nicht mehr erfüllt. Es kommt rückblickend nicht von ungefähr, dass ich die deutsche Wikipedia zunehmend übergehe und stattdessen die englische Variante besuche.
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  34. Ich schreibe all dies nicht, um den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören, sondern weil ich überzeugt bin, dass das Konzept Wikipedia gerettet werden kann und es auch wert ist gerettet zu werden.
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  36. Hoffnungsvoll und mit besten Grüße
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