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Sep 10th, 2024
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  1. Wer »die KI« sagt, ist schon reingefallen
  2. =========================================
  3. Was da kommt, ist keine neue Kollegin. Es ist unsere
  4. kollektive Geistesarbeit, im Dienste von Krawattenidioten.
  5. Text: Dietmar Dath
  6. JACOBIN #17, S. 014ff
  7.  
  8. 016
  9. I. Vorspiel und Gleichnis
  10. -------------------------
  11. Es war einmal eine kleine Gemeinschaft tapferer
  12. Menschen in einer entlegenen, unwegsam bergi-
  13. gen Gegend. Eine junge Frau dort hatte einen Un-
  14. fall und danach ein kaputtes linkes Bein. Sie konnte
  15. nicht mehr klettern, sammeln, jagen und kaum die
  16. wilden Kinder ihrer Verwandten hüten, denn diese
  17. Kinder liefen und kletterten ihr andauernd davon.
  18. Sie wurde natürlich Erfinderin. Ihre Maschinen
  19. aus Holz und Seilen erleichterten den anderen das
  20. Leben. Ein nicht unberechtigter Kult der Bewun-
  21. derung kam um sie auf. Als sie starb, fingen ihre
  22. Schülerinnen und Schüler an, links zu hinken. Sie
  23. pflegten das Erbe der Bewunderten auch, indem sie
  24. neue Erfindungen machten.
  25. Eines Tages kamen Menschen von woanders ins
  26. Gebirge.
  27. Die staunten über die technische Welt dort oben.
  28. Dann verrieten sie den Bergmenschen, dass jenseits
  29. der Berge die Technik noch viel weiter war.
  30. »Man hat bei uns Roboter«, sagten sie, »die den-
  31. ken, genau wie wir und ihr!«
  32. Da fragten die Bergmenschen: »Denken sie
  33. schon gut genug, dass sie hinken können?«
  34.  
  35. 017
  36. II. Facharbeit, Affen und Papageien
  37. -----------------------------------
  38. Neuerdings bringen gewisse Personen, die schlecht
  39. denken, reden und schreiben, den Maschinen das
  40. Schreiben, Reden und Denken bei. Anders als die-
  41. jenigen, die in den Bergen hinkende Roboter bauen,
  42. können sie sich dabei aber nicht darauf herausreden,
  43. dass sie von Nachrichten isoliert leben, die sie auf
  44. bessere Ideen bringen könnten.
  45. Reden wir über qualifizierte, oder wie man frü-
  46. her sagte: geschickte Arbeit. Wird sie gerade abge-
  47. schafft? Die Behauptung steht vielfach im Raum:
  48. Wir haben jetzt ja künstliche neuronale Netze, bald
  49. sogar kosteneffizientes Quantencomputing, wozu
  50. brauchen wir da noch Fachpersonal? Umgekehrt
  51. aber fragt man auch: Ordnen sich um die neue Tech-
  52. nik vielleicht neue Fächer, entstehen da neue Quali-
  53. fikationswege für Lernwillige?
  54. Zwischen 2015 und 2017 haben Rune Åberg,
  55. Duncan Gallie und andere Gelehrte in Ländern
  56. wie Schweden und Großbritannien, also in arbeits-,
  57. verwaltungs- und überhaupt verfahrenstechnisch
  58. weit fortgeschrittenen Wirtschaftszonen, einige
  59. Untersuchungen angestellt, die zu Ergebnissen
  60. führten, aus denen sich schließen ließe, dass ein
  61. altbekannter Befund der an Marx geschulten Ka-
  62. pitalismuskritik nicht (mehr?) stimmt.
  63. Im dritten Band seines Hauptwerks Das Ka-
  64. pital behauptet Marx für das von ihm korrekt
  65. vorausgesehene Zeitalter der zunehmenden Kapi-
  66. talkonzentration eine Tendenz der Veränderung
  67. des Arbeitslebens, die wir heute zwar tatsächlich
  68. vorfinden, die aber im Zeichen der Digitalisierung
  69. von anderen Tendenzen konterkariert zu werden
  70. scheint.
  71. Modisches Managergeschwätz nennt jene von
  72. Marx entdeckte Tendenz mit pseudosportlichem
  73. Vokabular gern »Flexibilisierung«. Gemeint ist,
  74. dass Krawattenidioten im siebenundzwanzigsten
  75. Stock irgendeines Hochhauses in irgendeinem
  76. Bankendistrikt irgendeiner reichen Großstadt per
  77. Headset zahllose abhängig Beschäftigte willkürlich
  78. durch die Welt schubsen und ihnen dabei jede Chan-
  79. ce verwehren, sich unter Berufung auf ihre ausbil-
  80. dungsbedingte Unersetzlichkeit in qualifizierten
  81. Interessenverbänden zu organisieren.
  82. Das entspricht der Diagnose von Marx, die
  83. Übermacht des Kapitals neige zur »Aufhebung al-
  84. ler Gesetze«, »welche die Arbeiter hindern, aus ei-
  85. ner Produktionssphäre in die andre oder aus einem
  86. Lokalsitz der Produktion nach irgendeinem andern
  87. überzusiedlen.«
  88. Die Monopole streben, heißt es da weiter, die
  89. totale »Gleichgültigkeit des Arbeiters gegen den
  90. Inhalt seiner Arbeit« an, mittels umfassender »Re-
  91. duzierung der Arbeit in allen Produktionssphären
  92. auf einfache Arbeit«, also auf etwas, das zur Not
  93. auch ein dressierter Affe machen kann (oder im
  94. Call-Center: ein Papagei).
  95. Der »Wegfall aller professionellen Vorurteile bei
  96. den Arbeitern«, von dem in der betreffenden Marx-
  97. Passage die Rede ist, mag bei oberflächlichem Lesen
  98. hübsch weltoffen klingen. Doch in dem Fall, dass
  99. dabei vormalige »Fachkräfte« gemeint sein sollten,
  100. ist das keineswegs ein Merkzeichen der Emanzipa-
  101. tion von etwas, das der freien Entfaltung mensch-
  102. licher Subjektivität hinderlich wäre, sondern bloß
  103. eine besonders wirkungsvolle Spielart der »Unter-
  104. werfung des Arbeiters unter die kapitalistische
  105. Produktionsweise«.
  106. 018
  107. Manch ein Aufmacher im Wirtschaftsteil einer Qua-
  108. litätszeitung, die immer mehr Rechtschreib- und
  109. Grammatikpatzer zulässt, weil sie die menschliche
  110. Korrekturarbeit spart, trötet selbst in diesem Zu-
  111. sammenhang von »Chancen«, aber dahinter steckt
  112. nur das Kommando: »Heute hier, morgen da, wie
  113. das Kapital es will.« Ein Berufsleben unter dieser
  114. Fuchtel wird schnell zum irren Wechsel von War-
  115. terei und atemloser Eile für alle, die kein Kapital
  116. besitzen.
  117. Die Arbeitsmedizin darf dann, wenn sie über-
  118. haupt zu Wort kommt, nur noch vorwurfsvoll
  119. konstatieren, dass so etwas den Homo sapiens kei-
  120. neswegs langsamer oder angenehmer verschleißt als
  121. das Hacken und Herumkriechen in Minenschäch-
  122. ten oder das vierzig Jahre lang währende Ausführen
  123. hirnloser Handbewegungen am Fließband.
  124. Im Bannkreis der Informationstechnologie-
  125. branche (»IT«), also auf demjenigen Zweig der
  126. Gesamtökonomie, an dem die Treibmittel der Di-
  127. gitalisierung reifen, kann man aber auch Vorgän-
  128. ge ganz anderer Art erleben. Wer dieses Business
  129. kennt, wird nicht nur die Ersetzung geschickter
  130. Arbeit durch einfache kennen, sondern umgekehrt
  131. auch die Ersetzung einfacher Arbeit vieler Leute
  132. durch die geschickte Arbeit Einzelner.
  133. Im Frühjahr 2024 zum Beispiel machte eine Ge-
  134. schichte im Netz die Runde, die unter anderem auf
  135. der britischen Tech-Webseite The Register zu lesen
  136. war und von einem Profi erzählte, der bei einem
  137. Anbieter für teure Speicher-Arrays (also Daten-
  138. schatztruhen) unter Vertrag stand. Den holte ein
  139. Klient per Flugzeug in eine europäische Stadt, wo
  140. er das Wochenende in einer Hotelsuite für 5.000
  141. Dollar pro Nacht verbrachte, »auf Abruf«, plus
  142. Gefahrenzulage, nur um am Ende ein Problem zu
  143. lösen, dessen Beseitigung nicht mehr als fünf Mi-
  144. nuten konzentrierten Nachdenkens und fachkun-
  145. digen Handelns erforderte. Wenn das Lohnarbeit
  146. ist, dann jedenfalls eine komfortable, für die Lenins
  147. Wort von der »Arbeiteraristokratie«, die am Klas-
  148. senkampf kein Interesse hat, fast eine Verniedli-
  149. chung darstellt.
  150. Wer die Wochenend-Hotelgeschichte als bloße
  151. Anekdote abtun will, sollte sich den Studien von Åb-
  152. erg, Gallie und ihresgleichen stellen, die ich bereits
  153. erwähnt habe: Während sich in den produktions-
  154. technisch weitestfortgeschrittenen Gegenden die
  155. Zahl der in klassischer Industrieproduktion Be-
  156. schäftigten seit den 1960er Jahren stark verringert,
  157. ja teils sogar halbiert hat, ist bis 2010 der Anteil der
  158. Hochqualifizierten von 7 bis 15 Prozent auf 32 bis 40
  159. Prozent angewachsen. Seit den 1990er Jahren ver-
  160. mehren sich in besagten Zentren sowohl die beson-
  161. ders hoch- wie die besonders niedrigqualifizierten
  162. Jobs anteilig relativ zum Gesamtbeschäftigungsvo-
  163. lumen. Man spricht von »Polarisierung«: mehr Bil-
  164. ligjobs, mehr Elitejobs, weniger Mittelfeld. Sogar im
  165. legendär sozialstaatlichen Schweden lässt sich das
  166. seit der Jahrtausendwende nachweisen.
  167. Hat Marx sich mit seiner These der kapitalge-
  168. triebenen Nivellierung aller Qualifikationen also
  169. geirrt?
  170.  
  171. 019
  172. III. Woher kommt die Klickerei?
  173. -------------------------------
  174. Im März 2024 nahm ich als journalistischer Be-
  175. obachter an der Frühjahrstagung der American
  176. Chemical Society (ACS) in New Orleans teil. Der
  177. ungarische Wissenschaftler Oldamur Hollóczki
  178. hielt dort einen Vortrag über seine Forschungen zur
  179. Frage der Verbreitung von Mikroplastikteilchen in
  180. lebenden Organismen.
  181. Er berichtete von Computersimulationen, die
  182. unter anderem der (mittlerweile auch experimen-
  183. tell bestätigten) Vermutung nachspüren sollen,
  184. dass solche künstlichen Partikel sogar die Schran-
  185. ke zwischen dem Blutkreislauf und dem Hirn über-
  186. winden, obwohl diese Schranke eigentlich zu den
  187. bestgesicherten Firewalls der Biosphäre zählt. Im
  188. Zuge seiner Ausführungen ließ Hollóczki die Be-
  189. merkung fallen, er bevorzuge Modelle, in denen die
  190. Mikroplastikfetzen möglichst klein ausfallen.
  191. Aus dem Publikum wollte jemand wissen, wes-
  192. halb. »Weil kleinere Bruchstücke weniger Moleküle
  193. enthalten als große. Dann muss die Maschine we-
  194. niger komplizierte Wechselwirkungen berechnen«,
  195. erklärte der Wissenschaftler.
  196. Im Anschluss an den Vortrag fiel einer Kolle-
  197. gin in kleinerer Runde dazu etwas Bemerkenswer-
  198. tes ein: »Je mehr in allen Medien von intelligenten
  199. Systemen, von KI und so weiter geredet wird, desto
  200. kleinteiliger wird meine Arbeit am Rechner. Flie-
  201. ßende Abläufe werden zerstückelt, dauernd gene-
  202. riere ich per Klicks Daten und Metadaten, kreuze
  203. an und fülle aus. Ich frage mich, ob dabei irgendwer
  204. meine Arbeit so erforscht wie Herr Hollóczki den
  205. Plastikmüll, den er studiert.«
  206. Empirisch konnten wir anderen in der Runde
  207. das Bild bestätigen, und zwar quer durch die Be-
  208. rufslandschaft: Einen Zeitungsartikel so druckfer-
  209. tig zu machen, dass er auch online publiziert werden
  210. kann, verlangt zum Beispiel von der Redakteurin
  211. heute in manchen Redaktionen dreimal so viele
  212. Schritte wie vor zehn Jahren. Vergleichbares er-
  213. zählen Leute aus der Schwimmbad-Eintrittskar-
  214. ten-Datenverarbeitung, aus der Lagerabteilung im
  215. Möbelmarkt, aus dem Sekretariat der Arztpraxis…
  216. Alle stöhnen: Bürokratie!
  217. Aber anders als in den typischen modernen Bü-
  218. ros der Verwaltung, von denen dieses Wort »Bü-
  219. rokratie« abgeleitet ist, entsteht bei der ganzen
  220. Klickerei eine gigantische Detailaufnahme mensch-
  221. licher Arbeit, an der die Automaten lernen, was wir
  222. wann, wo und wie tun.
  223. Ein großes Medienhaus plaudert das im Früh-
  224. jahr 2024 in einer Mitteilung an die Belegschaft so-
  225. gar ganz offen aus. Vorgestellt wird darin ein »Tool«,
  226. also eine KI-Anwendung, die »inhouse« entwickelt
  227. worden sei, »mit Fokus auf den Einsatz in Redak-
  228. tion und Verlag«. Stolz vermeldet man, »dass das
  229. Tool praktisch den gesamten Arbeitsablauf abbil-
  230. den kann«.
  231. Diejenigen, denen solche Tools gehören, werden
  232. sich aller Erfahrung nach die Gelegenheit (wenn
  233. beispielsweise die Geschäftszahlen schlecht genug
  234. sind) kaum entgehen lassen, damit zu drohen, je-
  235. de Arbeit zu automatisieren, die von den noch vor-
  236. handenen Menschen nicht in stiller Demut und für
  237. wenig Geld geleistet wird.
  238. Ein Beispiel: Eine Call-Center-Beschäftigte
  239. konnte bis zur Ausrufung des KI-Zeitalters in der
  240. Stunde sechs Gespräche mit hilfsbedürftigen Kun-
  241. dinnen und Kunden erledigen – mehr nicht, da sie
  242. außerdem gehalten war, zwischen den Dialogen
  243. Protokolle des Besprochenen anzufertigen. Sie mag
  244. sich jetzt denken: Wenn KI mir die Protokolltippe-
  245. rei in Zukunft abnimmt, dann werden die sechs
  246. Gespräche, die ich pro Stunde führe, vermutlich
  247. nützlicher und befriedigender, auch für mich, weil
  248. ich mehr Zeit für die einzelne Unterhaltung habe.
  249. Es ist ja doch frustrierend, Menschen mit Floskeln
  250. abfertigen zu müssen.
  251. Aber die Rechnung des Kapitals geht anders: Ab
  252. jetzt schaffst du sieben oder sogar acht Gespräche
  253. in der Stunde, und falls du sie nicht schaffst, fliegst
  254. du raus, was übrigens auch dann passiert, wenn die
  255. toolgestützte Überwachung deiner Arbeit uns ir-
  256. gendetwas über deine Leistungen verrät, das uns
  257. nicht passt.
  258. 020
  259. Es gibt eine absolut hilflose Sorte Protest gegen
  260. das alles: die humanistische Sorte. Sie legt etwa
  261. dar, dass eine Maschine, die einen Haufen Wörter
  262. irgendwie verarbeitet, vielleicht nicht die ideale
  263. Instanz ist, um ein Gespräch durchzuführen und
  264. zu kontrollieren, das nicht einfach ein zielloses
  265. Schwätzchen sein soll. Denn oftmals lässt sich dabei
  266. ein Problem nicht so lösen, wie man in der Schule
  267. eine Textaufgabe löst, da das in Rede stehende Pro-
  268. blem erst einmal formuliert werden muss.
  269. Eine derartige Tätigkeit, sagt der Neo-Humanis-
  270. mus etwa in Gestalt eines der bedeutendsten Infor-
  271. matiker unserer Zeit, Judea Pearl, verlangt kausales
  272. Denken, wozu die nach Gewichtungen und soge-
  273. nannten Temperaturen aufgeschlüsselte Sprach-
  274. verarbeitung bei den jetzt so beliebten Chatbots
  275. und ihren rechenarchitektonischen Verwandten
  276. nicht in der Lage ist. Denn sie hängt an Wahrschein-
  277. lichkeitskalkülen, die sich zwar verfahrenslogisch
  278. nicht grundsätzlich von der Art und Weise unter-
  279. scheiden, in der auch das Menschenhirn Sprache
  280. prozessiert, aber eben keine selbständige Verallge-
  281. meinerung von als Wahrscheinlichkeitsverteilun-
  282. gen vorliegenden Datenmengen zu Kausalschlüssen
  283. zustande bringt.
  284. Nun sind Kausalschlüsse zwar ohnehin nur Nä-
  285. herungen, sofern nicht sämtliche Informationen
  286. zu allen Determinanten einer Angelegenheit be-
  287. kannt sind. Aber wir Menschen denken nun mal
  288. in solchen Näherungen, und etwas, das nicht in ih-
  289. nen denken kann, liefert folglich kein funktionales
  290. Modell unseres Denkens und kann es deshalb auch
  291. nicht ersetzen.
  292. Mehr noch: Nicht mal unsere allergewöhnlich-
  293. ste Sprachpraxis wird von den Maschinenlernme-
  294. thoden, die jetzt im Schwange sind, sachadäquat
  295. modelliert. Das jedenfalls haben in mühevoller
  296. Kleinarbeit wissenschaftliche Aufsätze in Publi-
  297. kationen wie Trends in Cognitive Sciences, Neu-
  298. roscience and Biobehavioral Reviews oder Cortex
  299. nachgewiesen, verfasst von Leuten namens Noam
  300. Chomsky, Johan J. Bolhuis, Andrea Moro und vielen
  301. anderen. Angezweifelt wird, ganz abgesehen von
  302. Kausalschwäche und Sprachmodelluntauglichkeit,
  303. inzwischen sogar, ob das, was man bei Computern
  304. jetzt »Lernen« nennt, diesen Namen überhaupt
  305. verdient. Auch darüber gibt es ausführliche Lite-
  306. ratur, zum Beispiel Gradient Expectations: Struc-
  307. ture, Origins, and Synthesis of Predictive Neural
  308. Networks von Keith L. Downing.
  309. Das Problem dieser ganzen humanistischen
  310. Schule der systematischen KI-Kritik als Vergleich
  311. von Computerleistungen mit menschlichen Ma-
  312. ßen ist ihre Flughöhe. Die Frage »Sind die neuen
  313. Systeme überhaupt in der Lage, menschliche Ar-
  314. beit bedarfsgerecht zu ersetzen (oder auch nur zu
  315. ergänzen)?« interessiert nämlich Leute, die sich
  316. »Arbeitgeber«, »Unternehmer« oder »Venture
  317. Capitalists« schimpfen, also Herrn Bill Gates und
  318. ähnliche Microschufte, leider gar nicht. Sie ist ih-
  319. nen schlicht zu hoch.
  320. Zum Wesen des Monopolkapitalismus gehört,
  321. dass die Mehrheit der Menschen in seinem Pro-
  322. duktions- und Reproduktionsbann nicht nur vom
  323. philosophischen, sondern überhaupt von jedem
  324. einigermaßen voraussetzungsreichen Denken ab-
  325. geschnitten dahinvegetiert. Die herrschenden
  326. Gedanken sind gröber als der platteste Vulgärmar-
  327. xismus und funktionieren rein polit-ökonomisch,
  328. auf unterstem Niveau. An sie aber wird die gesam-
  329. te einigermaßen reichweitenstarke öffentliche De-
  330. batte über Arbeitsbelange angepasst.
  331.  
  332. 021
  333. IV. Verdeckte Klassenkämpfe offen führen
  334. ----------------------------------------
  335. Wer »die KI« sagt, ist schon reingefallen. Denn das
  336. klingt, inklusive grammatisches Geschlecht, als gin-
  337. ge es um eine neue Kollegin. Stattdessen hat das Ka-
  338. pital hier eine sehr clevere Art gefunden, bereits
  339. vorhandene Kolleginnen und Kollegen so zu ver-
  340. netzen, dass sie die in jeder Vernetzung liegende
  341. Chance zum solidarischen kollektiven Handeln gar
  342. nicht mehr erkennen können.
  343. Ein ehemaliger Microsoft-Programmierer und
  344. jetziger Sprachwissenschaftler am Data Science Ins-
  345. titute der Columbia University in New York namens
  346. Dennis Yi Tenen hat Anfang 2024 in seinem her-
  347. vorragenden Buch Literary Theory for Robots. How
  348. Computers Learned to Write dazu eine Losung aus-
  349. gegeben, die schnell weitestmögliche Verbreitung
  350. verdient: »Artificial Intelligence is collective labor.«
  351. Als kollektive Arbeit müsste KI eine entspre-
  352. chende Bezahlung der Menschen bedingen, die die-
  353. se Arbeit geleistet haben und weiter leisten, nicht
  354. obwohl, sondern weil sich diese Arbeit in teuren
  355. und sehr energiehungrigen Automaten vergegen-
  356. ständlicht. Die Archive, an deren Beständen gene-
  357. rative KI trainiert wird, sind ja in letzter Instanz
  358. von Menschen angelegt, wenn auch oft schon ma-
  359. schinell kollationiert, gefiltert, organisiert. »Die KI«
  360. bringt das, was andere anderswo wissen oder an-
  361. derswann wussten, zu denen, die es hier und jetzt
  362. wissen wollen oder sollen, damit sie es weiterver-
  363. arbeiten können.
  364. »Die KI« als Leerformel aber ähnelt eher als
  365. einem Netz dem von Marx entdeckten »Warenfe-
  366. tisch«, der ein gesellschaftliches Verhältnis (etwas
  367. wird verkauft und gekauft) für eine Eigenschaft der
  368. jeweiligen Sache hält (das Verkaufte und Gekaufte
  369. »ist« eine Ware) und obendrein auch noch die Ver-
  370. kehrsformen des betreffenden Verhältnisses für
  371. Attribute besagter Sache ausgibt: Waren »haben«
  372. Preise, jedes Ding »braucht« »daher« einen Preis.
  373. Der Fetisch macht das Verhältnis als Ganzes un-
  374. sichtbar. Erkennbar sind dann nur noch Haufen von
  375. Einzelheiten: die »ungeheure Warensammlung«
  376. zum Beispiel, als die nach Marx der menschliche
  377. Reichtum im Kapitalismus verkürzt wahrgenom-
  378. men wird. Das betrifft auch die Ware Arbeitskraft,
  379. deren Realität dann nur noch als unvermitteltes
  380. Nebeneinander von Dequalifizierung, Tagelöhnerei
  381. und Minijobs auf der einen Seite und Luxus-Hotel-
  382. Bereitschaftsdienst in First-Class-Debugging-Jobs
  383. oder anderen Vorzugstätigkeiten auf der anderen
  384. Seite aufgefasst werden kann.
  385. Die »Schere« dieses Nebeneinanders ist gar
  386. nicht so neu, sondern eine klassische Folge von
  387. Verschiebungen des Kräfteverhältnisses zwischen
  388. denen, die schuften, und denen, die kommandieren.
  389. Organisiert wird dergleichen schon immer gern als
  390. produktionstechnische Umwälzung. Wer die Ga-
  391. leerensklaverei einführt, schafft nicht nur niedrig
  392. qualifizierte und schlecht behandelte Ruderknech-
  393. te, sondern auch den neuen Posten der Person, die
  394. den Takt trommelt, zu dem gerudert werden soll.
  395. Die darf ruhig ein bisschen länger ausschlafen, sie
  396. muss ja fit sein zum Trommeln.
  397. Das Wesen hinter der Erscheinung heißt Klas-
  398. senkampf. Aber selbst die Thinktanks der herr-
  399. schenden Klasse erkennen manchmal nur noch die
  400. Erscheinung, nicht das Wesen. Ein instruktives
  401. Beispiel bietet das sogenannte »Produktivitätspa-
  402. radox« der vier Dekaden zwischen 1960 und 2000,
  403. das diese Thinktanks heute breit diskutieren.
  404. Die erste Welle der Computerisierung verlang-
  405. samte damals die Zuwächse der Produktivität der
  406. Ausgebeuteten zunächst, statt sie zu beschleuni-
  407. gen. Wenn das Kapital derzeit überhaupt noch vor
  408. irgendetwas Angst hat, dann davor, dass sich ein
  409. solcher Effekt bei den jüngsten Rechnertechnolo-
  410. gien wiederholen könnte.
  411. Figuren wie der »Innovationsforscher« Chan-
  412. der Velu oder der Fachmann für Industrie-Inge-
  413. 022
  414. nieurswesen Fathiro H. R. Putra erklären jenes
  415. vermeintliche Paradox zu einem naturgesetzlich
  416. auftretenden Faktor. Er gehöre, so lehren sie, ein-
  417. fach zu den Kosten der Integration neuer Technik
  418. in die Arbeitsabläufe.
  419. So kommt etwas Wichtiges bei ihnen nicht vor:
  420. der kleine und große Widerstand der Ausgebeute-
  421. ten gegen die Intensivierung der Ausbeutung. Die In-
  422. novationsdenker ignorieren den Bummelstreik und
  423. die Sabotage, an denen nichts auszusetzen ist als der
  424. geringe Organisations- und Bewusstseinsgrad. Vor-
  425. sätzlicher Kampf, überall und immer, wäre schöner.
  426.  
  427. V. Nachspiel und Perspektive
  428. ----------------------------
  429. Computer könnten vielen Menschen langweilige,
  430. stumpfsinnige oder allzu speicherintensive kognitive
  431. Arbeit abnehmen, genau wie andere Maschinen un-
  432. sere Körperkraft dergestalt ergänzen können, dass
  433. wir uns weniger schinden müssen. Besser noch: Was
  434. manche Kritik den in künstlichen neuronalen Net-
  435. zen implementierten Sprachmodellen heute ankrei-
  436. det, nämlich dass sie unter bestimmten Umständen
  437. ein Sprachverhalten zeigen, das vom menschlichen
  438. bedeutend abweicht und dem Umriss nach »unmög-
  439. liche Sprachen« ahnen lässt, könnte vom Makel zum
  440. Vorzug dieser Systeme werden, wenn man sie nicht
  441. mehr als Taktgeber menschlicher Arbeit einsetzen
  442. würde, sondern als Generatoren des Unbekannten.
  443. Allerdings war in der historischen Realität schon
  444. die Dampfmaschine primär ein Werkzeug der Men-
  445. schenquälerei in der Fabrik und eben kein Gerät, an
  446. dem man die Befreiung von Plackerei und Not hätte
  447. üben können.
  448. Computer erschließen der Ausbeutung jetzt die
  449. letzten Nischen in den Köpfen.
  450. Alle Produktionsmittel im Joch der Klassengesell-
  451. schaft kann man mit Hilfsmitteln der Freiheit in ei-
  452. nem gerechten Gemeinwesen vergleichen. Aber der
  453. Vergleich hinkt.
  454. Das tut er allerdings nicht von Natur. Es ist da
  455. auch kein Unfall passiert.
  456. Das Monopolkapital hat dem Vergleich sein Spiel-
  457. bein gebrochen.
  458. Dafür wird es bezahlen müssen.
  459.  
  460. ---
  461. Dietmar Dath ist Publizist, Pop- und Filmkritiker bei der
  462. FAZ und Schriftsteller. Er hat zahlreiche Romane (Die
  463. Abschaffung der Arten, 2008, Gentzen oder: Betrunken auf-
  464. räumen, 2021) und Sachbücher (Maschinenwinter, 2008,
  465. Der Implex, 2012) geschrieben. Zuletzt erschien Miley Cyrus
  466. (2024).
  467.  
  468.  
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