Xorbitingwind

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May 7th, 2023
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  1. Manchmal ist mein Taschengeld schon nach ein paar Tagen alle. Wenn ich zum Beispiel an einem neuen Fall arbeite, muss ich mehr nachdenken als sonst. Und das geht nun mal nicht ohne meine heiß geliebten Carpenter's Chewing Gums. Bei meiner alten Freundin Olga kann ich zwar Kaugummi-Schulden machen. Aber irgendwann muss ich zahlen. Da lässt sie nicht mit sich reden.Vor zwei Wochen war es wieder so weit. Meine immer noch beste Freundin schaute mir lächelnd aus dem Verkaufsfenster ihres Kiosks entgegen. Vor ihr dampfte eine Tasse Kaffee.„Hallo, Olga", sagte ich und legte fünf Euro auf die Theke. Jetzt sind wir quitt."Zu meiner Überraschung drückte sie mir den Schein wieder in die Hand„Marie steckt in Schwierigkeiten",erklärte Olga. „Wenn du ihr hilfst,erlasse ich dir deine Schulden."Marie hatte Probleme? Olgas Nichte, auch genannt Lady Oberschlau? Die Siegerin bei der Chemie-Olympiade in Athen, die normalerweise für alles eine Lösung hatte?,,Was ist denn mit ihr?", fragte ich. Olga zuckte die Achseln. „Das wüsste ich auch gern, Kwiatkowski. Jedenfalls ist Maries Laune seit ein paar Wochenunterirdisch. So habe ich sie noch nie erlebt!"Ich dachte an unsere gemeinsamen Ferien auf Kreta. Damals hatte Marie von morgens bis abends mit meinem griechischen Kollegen Herakles zusammengesteckt.,,Vielleicht hat sie Liebeskummer", überlegte ich.„Nein, nein", widersprach Olga. „Das würde sie mir erzählen. Triff dich doch mal mit ihr, mein Engel.",,Ich bin nicht dein Engel", knurrte ich und machte mich auf den Weg nach Hause.Nachdem ich mir ein Glas frische Milch eingeschenkt hatte, wählte ich Maries Nummer.Hier ist Kwiatkowski", meldete ich mich. Wie geht's denn so?* Was willst du?" Marie klang tatsächlich, als wäre ihr eine ganze Armee von Läusen über die Leber gelaufen.Können wir uns vielleicht mal treffen?", schlug ich von Für ein paar Augenblicke war es still in der Leitung. Tante Olga hat mit dir geredet", hörte ich dann wieder Maries Stimme. „Hab ich recht?" 156 Immerhin funktioniertenmindestens so schnell wie meine. Und das will was heißen.Hat sie", erwiderte ich. Sie sagt, bei dir ist was nicht in Ordnung."
  2. Zu meiner Überraschung widersprach Marie nicht. Stattdessen murmelte sie nur: „Du kannst mir auch nicht helfen." Vielleicht doch."Normalerweise hätte sie jetzt irgendeine ätzende Bemerkung über zehnjährige Privatdetektive gemacht. Stattdessen sagte sie: „In Ordnung, Kwiatkowski. Aber ich will nicht am Telefon darüber reden. Komm morgen Nachmittag um vier zur Stadtkirche."Am nächsten Tag regnete es, in der Innenstadt war kaum jemand unterwegs Ich stellte mich unter das Dach des Kirchenportals und wartete. Die Glocken schlugen gerade Viertel nach vier, da kam Marie über den Platz gerannt. Um sich vor dem Regen zu schützen,hatte sie die Kapuze ihres Anoraks tief ins Gesicht gezogen. „Bist du schon lange hier?", fragte sie, machdem sie wieder zu Atem gekommen war Ich zuckte nur mit den Schultern. Für Privatdetektive ist das ganze Leben ein einziges großes Warten, hat ein perühmter Kollege mal gesagt. Eine Wiertelstunde ist da ein Klacks. "Was ist los?", fragte ich. „Ich werde verfolgt",Antwortete Marie. Fast jeden Tag."„Von wem?"ein lieferwagen. ZweiMänner sitzen drin."Bist du sicher, dass sie es auf dich abgesehen haben?"Marie nickte. Ganz sicher. Sie tauchen auf, wenn ich morgens zur Schule gehe. Und mittags passiert dasselbe!"Hast du eine Idee, was die von dir wollen?", setzte ich meine Befragung fort.Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Schimmer. Ehrlich", fügte sie hinzu, als sie mein zweifelndes Gesicht sah. Marie hat diesen Intelligenz Dingsbums von 156. Das bedeutet, sie kann auch schlauer lügen als die meisten Menschen auf der Welt.„Hast du irgendwas unternommen?",wollte ich wissen.„Bis jetzt nicht",antwortete Marie.Vor ungefähr vier Wochen."Gab's da irgendwas Besonderes?" Was Besonderes?" Maries Stirn legte sich in Falten. Nicht dass ich wüsste", antwortete sie schließlich.Inzwischen hatte der Regen aufgehört, die Sonne war herausgekommen. Das Pflaster auf dem von Pfützen übersäten Platz vor der Kirche begann zu dampfen. Ich überlege mir was", sagte ich. Morgen um vier treffen wir uns wieder hier. Einverstanden?" Einverstanden, Kwiatkowski."Am nächsten Morgen stand ich früher auf als sonst. Marie hatte in der Grundschule die zweite Klasse übersprungen. Deshalb ging sie schon seit diesem Schuljahr aufs Goethe- Gymnasium. In der Nacht hatte ich beschlossen, Marie unauffällig auf ihrem Schulweg zu folgen. Ich wollte mir diesen Lieferwagen unbedingt näher anschauen. Vielleicht entdeckte ich ja etwas, was die Frage beantwortete, warum die beiden Männer hinter Marie her waren.Musst du schon los?", fragte Mama beim Frühstück. Ich nickte. Zum Glück bohrte sie nicht weiter. Wegen ihrer Arbeit im Krankenhaus regle ich sowieso das meiste selbst. Inzwischen weiß sie, dass ich damit normalerweise keine Probleme habe. Daher gab sie mir nur einen flüchtigen Abschiedskuss und steckte ihre Nase wieder in die Zeitung. Punkt Viertel vor acht verließ Marie das Haus, in dem sie mit ihren Eltern wohnt. Ich ließ ihr fünfzig Meter Vorsprung und heftete mich dann an ihre Fersen. Maries Schulweg führte zunächst an Olgas Kiosk vorbei. Ich warf meiner alten Freundin einen verschwörerischen Blick zu und legte dabei den Finger an die Lippen. Olga nickte, sie hatte verstanden. Danach ging es durch eine nur wenig befahrene Einbahnstraße, die irgendwann den Kanal überquerte.Marie war schon auf der Brücke, als mich ein Lieferwagen überholte. Ich schaute mich um. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Was war, wenn in dem Wagen die Männer saßen, vor denen sich Marie fürchtete? Was sollte ich tun, wenn jetzt irgendwas Schlimmes passierte? Ohne weiter nachzudenken, steckte ich mir ein Carpenter's zwischen die Zähne und rannte los. Ich sprintete über die Brücke, die sich wie ein Regenbogen über den Kanal spannt und atmete erleichtert auf An einer Fußgängerampel stand Marie. Sie schaute ein bisschen zerzaust aus. In der Hand hielt sie ein Blatt Papier.Die haben mich entführt, Kwiatkowski!", schrie sie, als ich außer Atem vor ihr stoppte.Offenbar interessierte sie gar nicht, was ich hier zu suchen hatte. Die haben mich echt entführt!" Häh?" Ich verstand nur Bahnhof.Und warum stehst du dann hier?" Marie holte tief Luft und legte los: „Da war wieder dieser Lieferwagen. Plötzlich hat er neben mir gehalten. Ein Mann hat mich in den Wagen gezerrt, mir den Wisch hier gegeben und mich gleich wieder rausgeschubst.Ich nahm ihr das Blatt Papier aus der Hand. Und es stand :
  3. WIR WOLLEN DAS MITTEL !!!
  4. UBERGABE MORGEN NACHT UM 24 UHR AUF DER BRÜCKE.fragte ich.
  5.  
  6. Marie zuckte nur mit den Schultern. Sie schien noch unter Schock zu stehen. Kein Wunder. Wer wird schon am helllichten Tage entführt?! Wie viele waren es?", wollte ich wissen.„Zwei", antwortete sie. „Einer saẞ vorn, der andere hat mich in den Laderaum gezogen."Kanntest du sie?"Sie schüttelte den Kopf. Haben sie was gesagt?"Kein einziges Wort."Hast du dir das Kennzeichen gemerkt?"Nein. Und du?"Ich auch nicht", gab ich zu Es ging alles so schnell." Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte ich: Eigentlich müssen wir die Polizei einschalten, Das war eine echte Entführung. Der Fall ist eine Nummer zu groß für mich." Allmählich kehrte die Farbe in Maries Gesicht zurück. „Seit wann arbeitest du mit der Polizei zusammen, Kwiatkowski? Tante Olga sagt, du bist besser als die!"Da hatte meine alte Freundin allerdings recht. Wie kommst du eigentlich mit der Polizei klar?", fuhr sie fort.Nicht besonders", antwortete ich widerwillig. Ich war es nicht gewohnt, so ausgehorcht zu werden. Normalerweise stelle ich die Fragen. Die denken, ich erfinde meine Fälle. Die nehmen mich nicht ernst."Marie grinste. Verstehe ich", sagte sie.Anders als sonst ging ich nicht auf ihren Spott ein. Ist dir an den Entführern irgendwas aufgefallen?", fragte ich stattdessen.Nee. Den Fahrer konnte ich überhaupt nicht sehen. Und der andere sah ganz normal aus. Mittelalt. Und mittelgroß, mit braunen Haaren. Oder blonden? Schwarz waren sie jedenfalls nicht." Marie zuckte mit den Schultem Ich ließ nicht locker. Und was war mit dem Lieferwagen? Gab's an dem was Besonderes?"Sie dachte nach. Die Schrift an der Beifahrerseite war abgeklebt", sagte sie nach einer Weile.Und weiter?"„Das Papier hatte sich an ein paar Stellen vom Lack gelöst", antwortete sie. „Aber ich habe nur ein großes .C', ein kleines,t' und ein kleines,g' erkannt."In welcher Reihenfolge?" „Das,C' war der erste Buchstabe", erklärte Marie. Das,t' stand in der Mitte und das g' hinten."Sagt dir das was?"Überhaupt nichts", antwortete sie und fügte hinzu: „Jetzt bist du dran, Kwiatkowski."Sieht ganz so aus. Und du überlegst dir bitte, welches Mittel die Typen meinen könnten."Meine Mutter war nicht zu Hause. Aut dem Küchentisch lag ein Zettel. Bin zum Abendessen wieder da. Kuss, Mama!", hatte sie drauf gekritzelt. In meinem Zimmer warf ich mich aufs Bett, steckte mir zwei meiner Carpenter's in den Mund und schloss die Augen. C...t...g", ging es mir durch den Kopf. Immer wieder C...t...g". In welchen Wörtern kamen diese drei Buchstaben in genau dieser Reihenfolge vor? Sosehr ich mich auch anstrengte, mir fiel kein einziges ein. Im Deutschen beginnen nur wenige Hauptwörter mit einem C, stellte ich fest.Ich sprang aus dem Bett und setzte meinen alten Computer in Gang. Wie immer dauerte es eine Ewigkeit, bis er hochgefahren war. Dann begann ich, auf die Tastatur einzuhacken. Die meisten Treffer waren englische Wörter Ober City" und Cote" kam ich schließlich zu Cater". Als ich nach vergeblichen Versuchen mit "0", " und „a" ein " hinter das " setzte, erschien umgehend Catering" auf dem Monitor. Ich wusste, was das Wort bedeutete. Das waren Firmen, die Schulen und Kindergärten mit Essen versorgten oder auf Feiern kochten und bedienten. Sofort rief ich Marie an. „Catering",sagte ich nur, als sie sich meldete. Wie... wie.... bitte?", stotterte sie. Ich freue mich immer, wenn ich das Chemie-Genie sprachlos machen kann. Das passiert leider nicht oft. Dann ist es aber umso schöner.„Das Wort auf dem Lieferwagen war Catering'. Glaube ich wenigstens", fügte ich hinzu.Und?"„Denk mal drüber nach, ob dir das was sagt."Am nächsten Tag freute ich mich schon auf dem Weg von der Schule nach Hause wie verrückt aufs Mittagessen. Meine Mutter hatte am Morgen Frikadellen angekündigt. Für die wunderbaren Dinger würde ich glatt ein Verbrechen begehen - auch wenn ich Detektiv bin.Als ich die Wohnungstür öffnete, drang mir sofort der himmlische Duft von gebratenem Hackfleisch in die Nase. Meine Mutter war gerade dabei, den Tisch zu decken. Du sollst Marie anrufen!", rief sie.Die kann warten!", erwiderte ich. Kann sie nicht", widersprach meine Mutter. Wenn ich sie richtig verstanden habe, ist es dringend. Keine Angst, ich stelle die Frikadellen warm", fügte sie hinzu.Marie war sofort am Telefon. Ich hab's", sagte sie aufgeregt und legte los: Du hast mich doch gefragt, ob vor vier Wochen was Besonderes gewesen ist. Heute Nacht ist mir eingefallen, dass mein Papa vor genau einem Monat seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat."Sie zögerte kurz und fuhr dann fort: Mein Vater hat fünfzig Freunde und Verwandte eingeladen. Und ein Catering-Unternehmen hat für Essen und Trinken gesorgt." „Echt?", rief ich. Vielleicht haben die dich ja entfü..."Lass mich ausreden", unterbrach sie mich. Zu den Leuten, die die Gäste bedient haben, gehörten auch zwei Männer!"Das waren bestimmt die beiden aus dem Lieferwagen!", rief ich. Jetzt verschwendete ich keinen Gedanken mehr an die Frikadellen, die im Ofen au mich warteten. „Kannst du den Namen des Catering-Unternehmens rauskriegen?", fragte ich aufgeregt.„Kann ich."In Ordnung. Wir treffen uns in zehn Minuten wieder an der Kirche."Ich lief in die Küche, fischte eine viel zu heiße Frikadelle aus dem Ofen, verbrannte mir dabei die Finger und rannte aus dem Haus, bevor meine Mutter auch nur fragen konnte, wohin ich wollte. Inzwischen war ich einfach zu schnell für sie.Das waren bestimmt die beiden aus dem Lieferwagen!", rief ich. Jetzt verschwendete ich keinen Gedanken mehr an die Frikadellen, die im Ofen auf mich warteten. „Kannst du den Namen des Catering-Unternehmens rauskriegen?", fragte ich aufgeregt.„Kann ich." In Ordnung. Wir treffen uns in zehn Minuten wieder an der Kirche."Ich lief in die Küche, fischte eine viel zu heiße Frikadelle aus dem Ofen, verbrannte mir dabei die Finger und rannte aus dem Haus, bevor meine Mutter auch nur fragen konnte, wohin ich wollte. Inzwischen war ich einfach zu schnell für sie.Marie wartete schon auf mich. In der Hand hielt sie ihr Handy. Ich habe fünt Catering-Firmen bei uns in der Stadt gefunden", erklärte sie. Sie tippte aut das Display. Schau mal, die könnte es gewesen sein!"Über einem riesengroßen Suppentopf stand Ihr Caterer Boris Bull". Das sind sie", sagte sie.Bist du sicher?"Sie nickte. Der Suppentopf war auch auf den T-Shirts der Entführer. Als ich das Bild gesehen habe, ist es mir wieder eingefallen."Ich steckte mir einen Streifen Carpenter's zwischen die Zähne. Es war der letzte. Kein Wunder, der Fall hatte es in sich.Wie geht's denn nun weiter?", fragte Marie.Wir wissen immer noch nicht, welches Mittel die Entführer von dir wollen", antwortete ich.„Vielleicht doch", sagte Marie.Echt?"Sie nickte. Ich habe meinem Papa zum Geburtstag ein besonderes Geschenk gemacht", begann sie. Ihm sind in letzter Zeit ganz viele Haare ausgefallen. Jeden Morgen war sein Kamm voll davon. Er hat sogar schon überlegt, sich Haare einpflanzen zu lassen. Da habe ich extra für ihn ein Haarwuchsmittel entwickelt."Komm zur Sache", forderte ich sie auf.Sofort, Kwiatkowski! In seiner Rede bei der Feier hat Papa gesagt, dass er nie ein schöneres Geburtstagsgeschenk gekriegt hat. Er hätte das Mittel erst ein paarmal benutzt, und schon fielen ihm kaum noch Haare aus."Das ist ja sehr schön für deinen Vater", unterbrach ich ihren Redeschwall. „Aber was hat das mit dem Catering-Unternehmen zu tun?Marie lächelte. Während der Rede sind die Leute von der Catering-Firma mit dem Essen hin- und hergelaufen. Sie konnte also jedes Wort mithören."Jetzt erst fiel bei mir der Groschen. Das Kaugummi in meinem Mund schien nicht besonders gut zu wirken. Du meinst also, die beiden Mitarbeiter von Boris Bull wollen an das Haarwuchsmittel ran", sagte ich.Sie nickte.Ich dachte nach. Vielleicht haben sie ja vor, große Mengen davon herzustellen und damit richtig viel Geld zu verdienen." Wieder nickte sie. „Das denke ich auch."Um ihr Ziel zu erreichen, schrecken sie offenbar vor nichts zurück", überlegte ich weiter. Nicht mal vor einer Entführung."An der Brücke haben sie sich unbeobachtet gefühlt", sagte Marie. „Das haben sie ausgenutzt."Sieht ganz so aus."„Wir müssen wohl doch zur Polizei", stellte sie fest. „Nicht unbedingt", antwortete ich.,,Es gibt noch eine andere Möglichkeit." „Und welche?"„Du gibst ihnen das Mittel. Heute um Mitternacht, genau wie sie es auf dem Zettel verlangen. Dann bist du sie los."„Bist du verrückt?", rief sie. Siehst du einen anderen Weg?"Als Marie nicht antwortete, fragte ich „Kannst du dich nachts aus dem Haus schleichen?",,Das kriege ich schon hin", erklärte sie.„Alles klar, dann treffen wir uns heute Abend um elf an Olgas Kiosk. Ich werde bei der Übergabe dabei sein."Am Abend lag ich auf meinem Bett und las. Aber leider konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren. Mit jeder Minute stieg meine Anspannung. Um halb zehn verabschiedete sich meine Mutter von mir. Sie fuhr ins Krankenhaus zum Nachtdienst. Mach bitte bald das Licht aus", sagte sie und drückte mir den üblichen Kuss auf die Stirn. Sie hatte zwar aus lauter Ärger über meinen schnellen Abgang alle Frikadellen selbst aufgegessen, doch immerhin hatte die große Ladung Fleischklopse sie versöhnlich gestimmt.,,In Ordnung, Mama.",,Stimmt was nicht?", fragte sie, bevor sie ging. Sie spürte wohl meine Aufregung.,,Alles bestens, Mama."Eine Stunde später zog ich eine schwarze Jeans und einen schwarzen Pullover an und setzte statt meiner Kappe meine schwarze Wollmütze auf. Dann steckte ich das letzte Päckchen Carpenter's ein und holte eine volle Flasche Milch aus dem Kühlschrank.Vielleicht mussten wir länger warten. Das geht leichter mit Kaugummi und frischer Milch.Der Mond hing wie eine dicke Kartoffel über der Stadt. Sein Licht war an diesem Abend so hell, dass ich meine Taschenlampe gar nicht brauchte.Marie erwartete mich bereits im Schatten des Kiosks. Genau wie ich hatte sie sich schwarze Sachen angezogen.„Gab's Probleme?", fragte ich.Sie schüttelte den Kopf.,,Glaubst du, die Entführer kommen?"„Wir werden sehen", antwortete ich. Wenn die beiden Männer aus dem Lieferwagen dumm waren, würden sie sich mit uns treffen. Wenn sich in ihren Köpfen nicht nur Stroh befand, würden sie es bleiben lassen. Schließlich mussten sie damit rechnen, dass sie in eine Falle liefen, dass vielleicht sogar die Polizei auf sie wartete.,,Hast du das Mittel?", fragte ich.Marie holte ein Fläschchen aus der Hosentasche.,,In Ordnung. Los geht's!" Der Weg zur Kanalbrücke dauerte länger, als wir geplant hatten. Immer wieder kamen uns Leute entgegen, und wir mussten in den Schatten der Häuser ausweichen.Zwei Kinder kurz vor Mitternacht s unterwegs? Da hätten wir schnell die Polizei an den Hacken gehabt,Als wir die Brücke erreichten, war niemand zu sehen. Wir versteckten uns hinter einem parkenden Auto und warteten. Marie lehnte die Mitch, die ich ihr anbot, ab. Aber sie nahm einen Streifen Carpenter's. Schließlich sind es auch ihre Lieblingskaugummis. Bald schlug die Uhr der benachbarten Lutherkirche zwölf. Dann Viertel nach zwölf. Dann sogar halb eins. „Die kommen nicht mehr", flüsterte Marie.Wir warten noch fünf Minuten. Dann brechen wir ab", flüsterte ich zurück.Kaum hatte ich das gesagt, näherte sich eine Gestalt der Brücke. Sie ging langsam und schaute sich suchend nach allen Seiten um.Das ist unser Mann", flüsterte ich. Wo ist der andere?", fragte Marie, während sie ihr nagelneues Handy aus der Hosentasche zog.Jetzt blieb der Mann mitten auf der Brücke stehen. Er trug eine schwarze Mütze, sein Gesicht war im Mondschein deutlich zu erkennen. Drei-Tage-Bart, dicke Augenbrauen, eine kräftige Nase und ein schmaler Mund- sympathisch sah der Typ nicht gerade aus.Erkennst du ihn wieder?", fragte ich Marie.Sie nickte.Besser wird das Licht nicht", flüsterte ich. Mach schon, wir brauchen ein Foto von ihm!"Gehorsam drückte Marie ein paarmal auf den Auslöser ihres Handys.Weiter wie besprochen?", fragte sie.Wie besprochen", sagte ich.Während wir langsam auf den Mann zugingen, sah es für einen Moment so aus, als wolle er wegrennen. Aber dann blieb er doch stehen. Hastig zog er sich die Mütze fast bis zur Nase.Damit or trotzdem was sehen konnte, hob er den Kopf und schielte uns unter dem Mützenrand hervor an Ein paar Schritte von dem Entführer entfernt hielten wir an.Wer ist das?" Der Mann zeigte auf mich.Mein Freund", antwortete Marie. Ich war ihr Freund? Interessant.Ich holte mein Handy aus der Tasche zeigte es ihm. Keine Tricks", sagte ich. Ich habe 110 schon eingegeben!" Der Vermummte beachtete mich nicht Hast du das Mittel dabei?", fragte er Marie.Sie hielt das Fläschchen hoch. Gib es mir!"Sie bückte sich und stellte das Fläschchen vor sich auf den Bürgersteig. Dann traten wir einen Schritt zurück. Der Mann sah uns, ohne sich zu bewegen, aus schmalen Augen an. Ich schluckte. Nur cool bleiben, Kwiatkowski! Schließlich sah unser Plan vor, den Mann nach der Übergabe heimlich zu verfolgen.Ohne den Blick von uns abzuwenden, ging der Mann jetzt àqqq Q10 q das Fläschchen zu. Ich versuchte, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen. So fest ich konnte, presste ich meine Lippen aufeinander, damit der Entführer nicht hörte, wie meine Zähne klapperten. Marie neben mir trat nervös von einem Bein auf das andere.Als der Mann sich bückte, um nach dem Fläschchen zu greifen, nahm sie plötzlich meine Hand und rannte los Das hatte zwar nicht zu unserem Plan gehör. Manchmal ist mein Taschengeld schon nach ein paar Tagen alle. Wenn ich zum Beispiel an einem neuen Fall arbeite, muss ich mehr nachdenken als sonst. Und das geht nun mal nicht ohne meine heiß geliebten Carpenter's Chewing Gums. Bei meiner alten Freundin Olga kann ich zwar Kaugummi-Schulden machen. Aber irgendwann muss ich zahlen. Da lässt sie nicht mit sich reden.Vor zwei Wochen war es wieder so weit. Meine immer noch beste Freundin schaute mir lächelnd aus dem Verkaufsfenster ihres Kiosks entgegen. Vor ihr dampfte eine Tasse Kaffee.„Hallo, Olga", sagte ich und legte fünf Euro auf die Theke. Jetzt sind wir quitt."Zu meiner Überraschung drückte sie mir den Schein wieder in die Hand„Marie steckt in Schwierigkeiten",erklärte Olga. „Wenn du ihr hilfst,erlasse ich dir deine Schulden."Marie hatte Probleme? Olgas Nichte, auch genannt Lady Oberschlau? Die Siegerin bei der Chemie-Olympiade in Athen, die normalerweise für alles eine Lösung hatte?,,Was ist denn mit ihr?", fragte ich. Olga zuckte die Achseln. „Das wüsste ich auch gern, Kwiatkowski. Jedenfalls ist Maries Laune seit ein paar Wochenunterirdisch. So habe ich sie noch nie erlebt!"Ich dachte an unsere gemeinsamen Ferien auf Kreta. Damals hatte Marie von morgens bis abends mit meinem griechischen Kollegen Herakles zusammengesteckt.,,Vielleicht hat sie Liebeskummer", überlegte ich.„Nein, nein", widersprach Olga. „Das würde sie mir erzählen. Triff dich doch mal mit ihr, mein Engel.",,Ich bin nicht dein Engel", knurrte ich und machte mich auf den Weg nach Hause.Nachdem ich mir ein Glas frische Milch eingeschenkt hatte, wählte ich Maries Nummer.Hier ist Kwiatkowski", meldete ich mich. Wie geht's denn so?* Was willst du?" Marie klang tatsächlich, als wäre ihr eine ganze Armee von Läusen über die Leber gelaufen.Können wir uns vielleicht mal treffen?", schlug ich von Für ein paar Augenblicke war es still in der Leitung. Tante Olga hat mit dir geredet", hörte ich dann wieder Maries Stimme. „Hab ich recht?" 156 Immerhin funktioniertenmindestens so schnell wie meine. Und das will was heißen.Hat sie", erwiderte ich. Sie sagt, bei dir ist was nicht in Ordnung."
  7. Zu meiner Überraschung widersprach Marie nicht. Stattdessen murmelte sie nur: „Du kannst mir auch nicht helfen." Vielleicht doch."Normalerweise hätte sie jetzt irgendeine ätzende Bemerkung über zehnjährige Privatdetektive gemacht. Stattdessen sagte sie: „In Ordnung, Kwiatkowski. Aber ich will nicht am Telefon darüber reden. Komm morgen Nachmittag um vier zur Stadtkirche."Am nächsten Tag regnete es, in der Innenstadt war kaum jemand unterwegs Ich stellte mich unter das Dach des Kirchenportals und wartete. Die Glocken schlugen gerade Viertel nach vier, da kam Marie über den Platz gerannt. Um sich vor dem Regen zu schützen,hatte sie die Kapuze ihres Anoraks tief ins Gesicht gezogen. „Bist du schon lange hier?", fragte sie, machdem sie wieder zu Atem gekommen war Ich zuckte nur mit den Schultern. Für Privatdetektive ist das ganze Leben ein einziges großes Warten, hat ein perühmter Kollege mal gesagt. Eine Wiertelstunde ist da ein Klacks. "Was ist los?", fragte ich. „Ich werde verfolgt",Antwortete Marie. Fast jeden Tag."„Von wem?"ein lieferwagen. ZweiMänner sitzen drin."Bist du sicher, dass sie es auf dich abgesehen haben?"Marie nickte. Ganz sicher. Sie tauchen auf, wenn ich morgens zur Schule gehe. Und mittags passiert dasselbe!"Hast du eine Idee, was die von dir wollen?", setzte ich meine Befragung fort.Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Schimmer. Ehrlich", fügte sie hinzu, als sie mein zweifelndes Gesicht sah. Marie hat diesen Intelligenz Dingsbums von 156. Das bedeutet, sie kann auch schlauer lügen als die meisten Menschen auf der Welt.„Hast du irgendwas unternommen?",wollte ich wissen.„Bis jetzt nicht",antwortete Marie.Vor ungefähr vier Wochen."Gab's da irgendwas Besonderes?" Was Besonderes?" Maries Stirn legte sich in Falten. Nicht dass ich wüsste", antwortete sie schließlich.Inzwischen hatte der Regen aufgehört, die Sonne war herausgekommen. Das Pflaster auf dem von Pfützen übersäten Platz vor der Kirche begann zu dampfen. Ich überlege mir was", sagte ich. Morgen um vier treffen wir uns wieder hier. Einverstanden?" Einverstanden, Kwiatkowski."Am nächsten Morgen stand ich früher auf als sonst. Marie hatte in der Grundschule die zweite Klasse übersprungen. Deshalb ging sie schon seit diesem Schuljahr aufs Goethe- Gymnasium. In der Nacht hatte ich beschlossen, Marie unauffällig auf ihrem Schulweg zu folgen. Ich wollte mir diesen Lieferwagen unbedingt näher anschauen. Vielleicht entdeckte ich ja etwas, was die Frage beantwortete, warum die beiden Männer hinter Marie her waren.Musst du schon los?", fragte Mama beim Frühstück. Ich nickte. Zum Glück bohrte sie nicht weiter. Wegen ihrer Arbeit im Krankenhaus regle ich sowieso das meiste selbst. Inzwischen weiß sie, dass ich damit normalerweise keine Probleme habe. Daher gab sie mir nur einen flüchtigen Abschiedskuss und steckte ihre Nase wieder in die Zeitung. Punkt Viertel vor acht verließ Marie das Haus, in dem sie mit ihren Eltern wohnt. Ich ließ ihr fünfzig Meter Vorsprung und heftete mich dann an ihre Fersen. Maries Schulweg führte zunächst an Olgas Kiosk vorbei. Ich warf meiner alten Freundin einen verschwörerischen Blick zu und legte dabei den Finger an die Lippen. Olga nickte, sie hatte verstanden. Danach ging es durch eine nur wenig befahrene Einbahnstraße, die irgendwann den Kanal überquerte.Marie war schon auf der Brücke, als mich ein Lieferwagen überholte. Ich schaute mich um. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Was war, wenn in dem Wagen die Männer saßen, vor denen sich Marie fürchtete? Was sollte ich tun, wenn jetzt irgendwas Schlimmes passierte? Ohne weiter nachzudenken, steckte ich mir ein Carpenter's zwischen die Zähne und rannte los. Ich sprintete über die Brücke, die sich wie ein Regenbogen über den Kanal spannt und atmete erleichtert auf An einer Fußgängerampel stand Marie. Sie schaute ein bisschen zerzaust aus. In der Hand hielt sie ein Blatt Papier.Die haben mich entführt, Kwiatkowski!", schrie sie, als ich außer Atem vor ihr stoppte.Offenbar interessierte sie gar nicht, was ich hier zu suchen hatte. Die haben mich echt entführt!" Häh?" Ich verstand nur Bahnhof.Und warum stehst du dann hier?" Marie holte tief Luft und legte los: „Da war wieder dieser Lieferwagen. Plötzlich hat er neben mir gehalten. Ein Mann hat mich in den Wagen gezerrt, mir den Wisch hier gegeben und mich gleich wieder rausgeschubst.Ich nahm ihr das Blatt Papier aus der Hand. Und es stand :
  8. WIR WOLLEN DAS MITTEL !!!
  9. UBERGABE MORGEN NACHT UM 24 UHR AUF DER BRÜCKE.fragte ich.
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  11. Marie zuckte nur mit den Schultern. Sie schien noch unter Schock zu stehen. Kein Wunder. Wer wird schon am helllichten Tage entführt?! Wie viele waren es?", wollte ich wissen.„Zwei", antwortete sie. „Einer saẞ vorn, der andere hat mich in den Laderaum gezogen."Kanntest du sie?"Sie schüttelte den Kopf. Haben sie was gesagt?"Kein einziges Wort."Hast du dir das Kennzeichen gemerkt?"Nein. Und du?"Ich auch nicht", gab ich zu Es ging alles so schnell." Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte ich: Eigentlich müssen wir die Polizei einschalten, Das war eine echte Entführung. Der Fall ist eine Nummer zu groß für mich." Allmählich kehrte die Farbe in Maries Gesicht zurück. „Seit wann arbeitest du mit der Polizei zusammen, Kwiatkowski? Tante Olga sagt, du bist besser als die!"Da hatte meine alte Freundin allerdings recht. Wie kommst du eigentlich mit der Polizei klar?", fuhr sie fort.Nicht besonders", antwortete ich widerwillig. Ich war es nicht gewohnt, so ausgehorcht zu werden. Normalerweise stelle ich die Fragen. Die denken, ich erfinde meine Fälle. Die nehmen mich nicht ernst."Marie grinste. Verstehe ich", sagte sie.Anders als sonst ging ich nicht auf ihren Spott ein. Ist dir an den Entführern irgendwas aufgefallen?", fragte ich stattdessen.Nee. Den Fahrer konnte ich überhaupt nicht sehen. Und der andere sah ganz normal aus. Mittelalt. Und mittelgroß, mit braunen Haaren. Oder blonden? Schwarz waren sie jedenfalls nicht." Marie zuckte mit den Schultem Ich ließ nicht locker. Und was war mit dem Lieferwagen? Gab's an dem was Besonderes?"Sie dachte nach. Die Schrift an der Beifahrerseite war abgeklebt", sagte sie nach einer Weile.Und weiter?"„Das Papier hatte sich an ein paar Stellen vom Lack gelöst", antwortete sie. „Aber ich habe nur ein großes .C', ein kleines,t' und ein kleines,g' erkannt."In welcher Reihenfolge?" „Das,C' war der erste Buchstabe", erklärte Marie. Das,t' stand in der Mitte und das g' hinten."Sagt dir das was?"Überhaupt nichts", antwortete sie und fügte hinzu: „Jetzt bist du dran, Kwiatkowski."Sieht ganz so aus. Und du überlegst dir bitte, welches Mittel die Typen meinen könnten."Meine Mutter war nicht zu Hause. Aut dem Küchentisch lag ein Zettel. Bin zum Abendessen wieder da. Kuss, Mama!", hatte sie drauf gekritzelt. In meinem Zimmer warf ich mich aufs Bett, steckte mir zwei meiner Carpenter's in den Mund und schloss die Augen. C...t...g", ging es mir durch den Kopf. Immer wieder C...t...g". In welchen Wörtern kamen diese drei Buchstaben in genau dieser Reihenfolge vor? Sosehr ich mich auch anstrengte, mir fiel kein einziges ein. Im Deutschen beginnen nur wenige Hauptwörter mit einem C, stellte ich fest.Ich sprang aus dem Bett und setzte meinen alten Computer in Gang. Wie immer dauerte es eine Ewigkeit, bis er hochgefahren war. Dann begann ich, auf die Tastatur einzuhacken. Die meisten Treffer waren englische Wörter Ober City" und Cote" kam ich schließlich zu Cater". Als ich nach vergeblichen Versuchen mit "0", " und „a" ein " hinter das " setzte, erschien umgehend Catering" auf dem Monitor. Ich wusste, was das Wort bedeutete. Das waren Firmen, die Schulen und Kindergärten mit Essen versorgten oder auf Feiern kochten und bedienten. Sofort rief ich Marie an. „Catering",sagte ich nur, als sie sich meldete. Wie... wie.... bitte?", stotterte sie. Ich freue mich immer, wenn ich das Chemie-Genie sprachlos machen kann. Das passiert leider nicht oft. Dann ist es aber umso schöner.„Das Wort auf dem Lieferwagen war Catering'. Glaube ich wenigstens", fügte ich hinzu.Und?"„Denk mal drüber nach, ob dir das was sagt."Am nächsten Tag freute ich mich schon auf dem Weg von der Schule nach Hause wie verrückt aufs Mittagessen. Meine Mutter hatte am Morgen Frikadellen angekündigt. Für die wunderbaren Dinger würde ich glatt ein Verbrechen begehen - auch wenn ich Detektiv bin.Als ich die Wohnungstür öffnete, drang mir sofort der himmlische Duft von gebratenem Hackfleisch in die Nase. Meine Mutter war gerade dabei, den Tisch zu decken. Du sollst Marie anrufen!", rief sie.Die kann warten!", erwiderte ich. Kann sie nicht", widersprach meine Mutter. Wenn ich sie richtig verstanden habe, ist es dringend. Keine Angst, ich stelle die Frikadellen warm", fügte sie hinzu.Marie war sofort am Telefon. Ich hab's", sagte sie aufgeregt und legte los: Du hast mich doch gefragt, ob vor vier Wochen was Besonderes gewesen ist. Heute Nacht ist mir eingefallen, dass mein Papa vor genau einem Monat seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat."Sie zögerte kurz und fuhr dann fort: Mein Vater hat fünfzig Freunde und Verwandte eingeladen. Und ein Catering-Unternehmen hat für Essen und Trinken gesorgt." „Echt?", rief ich. Vielleicht haben die dich ja entfü..."Lass mich ausreden", unterbrach sie mich. Zu den Leuten, die die Gäste bedient haben, gehörten auch zwei Männer!"Das waren bestimmt die beiden aus dem Lieferwagen!", rief ich. Jetzt verschwendete ich keinen Gedanken mehr an die Frikadellen, die im Ofen au mich warteten. „Kannst du den Namen des Catering-Unternehmens rauskriegen?", fragte ich aufgeregt.„Kann ich."In Ordnung. Wir treffen uns in zehn Minuten wieder an der Kirche."Ich lief in die Küche, fischte eine viel zu heiße Frikadelle aus dem Ofen, verbrannte mir dabei die Finger und rannte aus dem Haus, bevor meine Mutter auch nur fragen konnte, wohin ich wollte. Inzwischen war ich einfach zu schnell für sie.Das waren bestimmt die beiden aus dem Lieferwagen!", rief ich. Jetzt verschwendete ich keinen Gedanken mehr an die Frikadellen, die im Ofen auf mich warteten. „Kannst du den Namen des Catering-Unternehmens rauskriegen?", fragte ich aufgeregt.„Kann ich." In Ordnung. Wir treffen uns in zehn Minuten wieder an der Kirche."Ich lief in die Küche, fischte eine viel zu heiße Frikadelle aus dem Ofen, verbrannte mir dabei die Finger und rannte aus dem Haus, bevor meine Mutter auch nur fragen konnte, wohin ich wollte. Inzwischen war ich einfach zu schnell für sie.Marie wartete schon auf mich. In der Hand hielt sie ihr Handy. Ich habe fünt Catering-Firmen bei uns in der Stadt gefunden", erklärte sie. Sie tippte aut das Display. Schau mal, die könnte es gewesen sein!"Über einem riesengroßen Suppentopf stand Ihr Caterer Boris Bull". Das sind sie", sagte sie.Bist du sicher?"Sie nickte. Der Suppentopf war auch auf den T-Shirts der Entführer. Als ich das Bild gesehen habe, ist es mir wieder eingefallen."Ich steckte mir einen Streifen Carpenter's zwischen die Zähne. Es war der letzte. Kein Wunder, der Fall hatte es in sich.Wie geht's denn nun weiter?", fragte Marie.Wir wissen immer noch nicht, welches Mittel die Entführer von dir wollen", antwortete ich.„Vielleicht doch", sagte Marie.Echt?"Sie nickte. Ich habe meinem Papa zum Geburtstag ein besonderes Geschenk gemacht", begann sie. Ihm sind in letzter Zeit ganz viele Haare ausgefallen. Jeden Morgen war sein Kamm voll davon. Er hat sogar schon überlegt, sich Haare einpflanzen zu lassen. Da habe ich extra für ihn ein Haarwuchsmittel entwickelt."Komm zur Sache", forderte ich sie auf.Sofort, Kwiatkowski! In seiner Rede bei der Feier hat Papa gesagt, dass er nie ein schöneres Geburtstagsgeschenk gekriegt hat. Er hätte das Mittel erst ein paarmal benutzt, und schon fielen ihm kaum noch Haare aus."Das ist ja sehr schön für deinen Vater", unterbrach ich ihren Redeschwall. „Aber was hat das mit dem Catering-Unternehmen zu tun?Marie lächelte. Während der Rede sind die Leute von der Catering-Firma mit dem Essen hin- und hergelaufen. Sie konnte also jedes Wort mithören."Jetzt erst fiel bei mir der Groschen. Das Kaugummi in meinem Mund schien nicht besonders gut zu wirken. Du meinst also, die beiden Mitarbeiter von Boris Bull wollen an das Haarwuchsmittel ran", sagte ich.Sie nickte.Ich dachte nach. Vielleicht haben sie ja vor, große Mengen davon herzustellen und damit richtig viel Geld zu verdienen." Wieder nickte sie. „Das denke ich auch."Um ihr Ziel zu erreichen, schrecken sie offenbar vor nichts zurück", überlegte ich weiter. Nicht mal vor einer Entführung."An der Brücke haben sie sich unbeobachtet gefühlt", sagte Marie. „Das haben sie ausgenutzt."Sieht ganz so aus."„Wir müssen wohl doch zur Polizei", stellte sie fest. „Nicht unbedingt", antwortete ich.,,Es gibt noch eine andere Möglichkeit." „Und welche?"„Du gibst ihnen das Mittel. Heute um Mitternacht, genau wie sie es auf dem Zettel verlangen. Dann bist du sie los."„Bist du verrückt?", rief sie. Siehst du einen anderen Weg?"Als Marie nicht antwortete, fragte ich „Kannst du dich nachts aus dem Haus schleichen?",,Das kriege ich schon hin", erklärte sie.„Alles klar, dann treffen wir uns heute Abend um elf an Olgas Kiosk. Ich werde bei der Übergabe dabei sein."Am Abend lag ich auf meinem Bett und las. Aber leider konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren. Mit jeder Minute stieg meine Anspannung. Um halb zehn verabschiedete sich meine Mutter von mir. Sie fuhr ins Krankenhaus zum Nachtdienst. Mach bitte bald das Licht aus", sagte sie und drückte mir den üblichen Kuss auf die Stirn. Sie hatte zwar aus lauter Ärger über meinen schnellen Abgang alle Frikadellen selbst aufgegessen, doch immerhin hatte die große Ladung Fleischklopse sie versöhnlich gestimmt.,,In Ordnung, Mama.",,Stimmt was nicht?", fragte sie, bevor sie ging. Sie spürte wohl meine Aufregung.,,Alles bestens, Mama."Eine Stunde später zog ich eine schwarze Jeans und einen schwarzen Pullover an und setzte statt meiner Kappe meine schwarze Wollmütze auf. Dann steckte ich das letzte Päckchen Carpenter's ein und holte eine volle Flasche Milch aus dem Kühlschrank.Vielleicht mussten wir länger warten. Das geht leichter mit Kaugummi und frischer Milch.Der Mond hing wie eine dicke Kartoffel über der Stadt. Sein Licht war an diesem Abend so hell, dass ich meine Taschenlampe gar nicht brauchte.Marie erwartete mich bereits im Schatten des Kiosks. Genau wie ich hatte sie sich schwarze Sachen angezogen.„Gab's Probleme?", fragte ich.Sie schüttelte den Kopf.,,Glaubst du, die Entführer kommen?"„Wir werden sehen", antwortete ich. Wenn die beiden Männer aus dem Lieferwagen dumm waren, würden sie sich mit uns treffen. Wenn sich in ihren Köpfen nicht nur Stroh befand, würden sie es bleiben lassen. Schließlich mussten sie damit rechnen, dass sie in eine Falle liefen, dass vielleicht sogar die Polizei auf sie wartete.,,Hast du das Mittel?", fragte ich.Marie holte ein Fläschchen aus der Hosentasche.,,In Ordnung. Los geht's!" Der Weg zur Kanalbrücke dauerte länger, als wir geplant hatten. Immer wieder kamen uns Leute entgegen, und wir mussten in den Schatten der Häuser ausweichen.Zwei Kinder kurz vor Mitternacht s unterwegs? Da hätten wir schnell die Polizei an den Hacken gehabt,Als wir die Brücke erreichten, war niemand zu sehen. Wir versteckten uns hinter einem parkenden Auto und warteten. Marie lehnte die Mitch, die ich ihr anbot, ab. Aber sie nahm einen Streifen Carpenter's. Schließlich sind es auch ihre Lieblingskaugummis. Bald schlug die Uhr der benachbarten Lutherkirche zwölf. Dann Viertel nach zwölf. Dann sogar halb eins. „Die kommen nicht mehr", flüsterte Marie.Wir warten noch fünf Minuten. Dann brechen wir ab", flüsterte ich zurück.Kaum hatte ich das gesagt, näherte sich eine Gestalt der Brücke. Sie ging langsam und schaute sich suchend nach allen Seiten um.Das ist unser Mann", flüsterte ich. Wo ist der andere?", fragte Marie, während sie ihr nagelneues Handy aus der Hosentasche zog.Jetzt blieb der Mann mitten auf der Brücke stehen. Er trug eine schwarze Mütze, sein Gesicht war im Mondschein deutlich zu erkennen. Drei-Tage-Bart, dicke Augenbrauen, eine kräftige Nase und ein schmaler Mund- sympathisch sah der Typ nicht gerade aus.Erkennst du ihn wieder?", fragte ich Marie.Sie nickte.Besser wird das Licht nicht", flüsterte ich. Mach schon, wir brauchen ein Foto von ihm!"Gehorsam drückte Marie ein paarmal auf den Auslöser ihres Handys.Weiter wie besprochen?", fragte sie.Wie besprochen", sagte ich.Während wir langsam auf den Mann zugingen, sah es für einen Moment so aus, als wolle er wegrennen. Aber dann blieb er doch stehen. Hastig zog er sich die Mütze fast bis zur Nase.Damit or trotzdem was sehen konnte, hob er den Kopf und schielte uns unter dem Mützenrand hervor an Ein paar Schritte von dem Entführer entfernt hielten wir an.Wer ist das?" Der Mann zeigte auf mich.Mein Freund", antwortete Marie. Ich war ihr Freund? Interessant.Ich holte mein Handy aus der Tasche zeigte es ihm. Keine Tricks", sagte ich. Ich habe 110 schon eingegeben!" Der Vermummte beachtete mich nicht Hast du das Mittel dabei?", fragte er Marie.Sie hielt das Fläschchen hoch. Gib es mir!"Sie bückte sich und stellte das Fläschchen vor sich auf den Bürgersteig. Dann traten wir einen Schritt zurück. Der Mann sah uns, ohne sich zu bewegen, aus schmalen Augen an. Ich schluckte. Nur cool bleiben, Kwiatkowski! Schließlich sah unser Plan vor, den Mann nach der Übergabe heimlich zu verfolgen.Ohne den Blick von uns abzuwenden, ging der Mann jetzt àqqq Q10 q das Fläschchen zu. Ich versuchte, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen. So fest ich konnte, presste ich meine Lippen aufeinander, damit der Entführer nicht hörte, wie meine Zähne klapperten. Marie neben mir trat nervös von einem Bein auf das andere.Als der Mann sich bückte, um nach dem Fläschchen zu greifen, nahm sie plötzlich meine Hand und rannte los Das hatte zwar nicht zu unserem Plan gehör.
  12.  
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