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- Das Magazin– 09. September 2017 Seite: 4
- NINA KUNZ
- Blue Whale Challenge
- Manche Blauwale sind suizidal. Sie lassen sich einfach an den Strand treiben, um ganz elendiglich auszutrocknen. Das ist der Grund, warum der Koloss jetzt als Wappentier herhalten muss – für das kränkste Spiel, das im Internet je gespielt wurde.
- Im Netz geht nämlich die Blue Whale Challenge um – eine Art Mutprobe aus fünfzig Teilaufgaben. Dafür sind auf den sozialen Netzwerken sogenannte Paten unterwegs, die mit Teenagern chatten, um sie für das Spiel zu gewinnen. Es beginnt harmlos: «Zeichne einen Walfisch», «Höre die Musik, die ich dir sende». Aber dann beginnt der Terror: «Schau einen ganzen Tag lang Horrorfilme», «Ritze dir das Wort Yes in den Arm, und schicke mir ein Beweisbild». Gezielt wird Druck aufgebaut, denn der Pate signalisiert: Ich weiss, wo du lebst, dein VPN verrät alles über dich. Die letzte Challenge: «Töte dich selbst!»
- Ob das Game tatsächlich so «gespielt» wird, ist unklar. Über hundert Todesfälle aus neunzehn Ländern werden bisher mit ihm in Verbindung gebracht. Die Regierungen Indiens und Rumäniens sind alarmiert. Die BBC berichtet, der Psychologiestudent Philipp Budeikin habe das Mobbingspiel aus sozialdarwinistischer Überzeugung entwickelt und auf dem russischen Facebook-Äquivalent VKontakte verbreitet. Wer auf Instagram nach der #bluewhalechallenge sucht, wird gefragt: «Können wir dir helfen? Beiträge mit Worten, nach denen du suchst, können (…) Schäden anrichten oder gar zum Tod führen.» Hinter der Warnung offenbaren sich trotzdem über sechstausend Bilder – unter anderem von Teenagern mit aufgeritzten Armen.
- Das Lechzen nach maximaler Erregung kennt keine Grenzen. Darum ist die Blue Whale Challenge ein globales Phänomen und nicht bloss ein destruktives Hobby wohlstandsverwahrloster Youngsters. Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt, das digitale Zeitalter lebe davon, unmittelbare Affekte auszulösen – ein «Jö» nach einem Katzenvideo, ein «Yeah» nach einem Like. Weil aber alles diesem «Reizschema» unterworfen wird, braucht es eine immer höhere Dosis, um uns zu befriedigen. So gesehen, ist die Blue Whale Challenge der ultimative Nervenkitzel. Die Vorstellung, dass dein eigenes Smartphone dich killt, ist die letzte Steigerungsform in einer Welt, in der nichts mehr schockiert – und Selbstbespiegelung alles ist.
- NINA KUNZ ist Historikerin und Journalistin.
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