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LVZ, 18. Feb 2013, Nazistück

a guest Feb 18th, 2013 319 Never
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  1. Ideologische Innenschau
  2. Unmittelbarer Blick: Im Spinnwerk findet die Premiere von "Nazistück" statt
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  4. Der 1946 geborene Jürgen Rieger war Jurist, wohlhabend und strammer Neonazi. Und zwar so stramm, dass ihm die NPD viele Jahre nicht stramm genug war. Erst als die Partei sich 2006 für das Gewaltpotential der sogenannten "freien Kameradschaften" öffnet, wird Rieger Mitglied, macht schnell Karriere - und stirbt überraschend 2009 an den Folgen eines Schlaganfalls, der den als Choleriker bekannten Rieger während einer Sitzung des Parteivorstandes ereilt.
  5. Die Wirklichkeit und das Theater - manchmal braucht man nur zwei Vokale in einem Namen tauschen und beides verwischt sich zum gespenstischen Aquarell. Als am Freitag im Spinnwerk zur Premiere von "Nazistück" das Bühnenlicht hochfährt, ist man gleich mittendrin in der trauernden Kameradschaft, die es nicht fassen kann, dass er tot ist. Der Jörg, der hier schlicht und einfach Reiger mit Nachnamen heißt.
  6. Dieser Tod ist der Ausgangspunkt, das Menetekel auch, denn kein Schlaganfall raffte den Nazi-Kader in seiner Theaterwirklichkeit hinweg, sondern erhängt hat er sich. Und auch wenn die Verschwörungstheorie von Mord raunt, so ist der Abschiedsbrief doch im typischen Reiger-Idiom verfasst. In dieser nazistischen Suada aus pathetischer Weinerlichkeit und hysterischer Aggressivität nämlich, in der auch die sechs jugendlichen Kameraden anfänglich ausgiebig baden.
  7. "Nazistück" ist der Versuch einer Innenschau. Der Versuch, eine ideologisch-psychologische Gemengelage zu sezieren. Und zwar - und das ist das Mutige daran - ohne moralisierende Attitüde und vor allem: Ohne sich durch die Notausgänge der ironischen Brechungen davonzuschleichen, ohne sich hinter den Barrikaden des intellektuellen Diskurs-Geklappers wegzuducken, ohne mit einem Übermaß des reflektierenden Theorems die Intensität zu verwässern.
  8. Kurz: Gregor Zocher, für Konzept und Regie zuständig, verzichtet auf das Übliche zugunsten des Unmittelbaren - und riskiert den objektiven Blick. Formal nun ist das mitunter holprig: Die Aggro-Gitarrenakkorde zwischen den schnellen Szenenwechseln dröhnen zu inflationär, die Spielereien mit Videokamera und Monitor sind kaum mehr als eben Spielereien, die vier Darsteller und zwei Darstellerinnen agieren auch insofern als homogenes Ensemble, als dass sie nicht immer deutlich zu verstehen sind. Aber all das sind Mankos, die man einer Jugendproduktion nachsehen kann - zumal, wenn diese wie hier dennoch zu überzeugen weiß.
  9. Und tatsächlich vermag "Nazistück" zu fesseln. Das hat auch, aber nicht nur, mit der konkreten Verortung der Handlung, heute und hier in Leipzig, zu tun. Die topographischen, lokalen Wiedererkennungseffekte sind der feste Boden des Recherchierten auf die Zocher seine oft prägnant-knappen Szenen baut. Szenen, in denen sich die auch psychologische Skizze einer Selbst- und Weltwahrnehmung aufzeigt, die im autistischen Zirkel ihrer eigenen Logik rotiert wie der Hamster im Laufrad. Angetrieben vom Grollen einer Wut, die zwischen der Heiß-Kalt-Front aus Hybris- und Ohnmachtsgefühlen zu gefährlichen Entladungen drängt.
  10. Ausgestellte Didaktik oder gar den Habitus des Diskreditierens hat "Nazistück" dabei nicht nötig. Und wenn bei einer Modenschau die Outfit-Spannbreite des gesinnungsbewussten Volksgenossen, in seinen Facetten von Thor Steinar bis Consdaple, vorgeführt wird, atmet diese Inszenierung sogar noch einen Hauch schwarzen Humors. Den kann man gebrauchen, eingedenk der letzten Worte die diese Kameraden auf der Bühne zum Publikum sprechen: Das hier ist kein Theater, das hier ist Realität. Steffen Georgi
  11. iDie geplanten weiteren Vorstellungen sind vorerst ausgesetzt.
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