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- Maik Franz geht beim KSC wieder ein und aus. Er ist Berater des Beirats. Vorhin saß der 39-Jährige in der Geschäftsstelle noch mit den Entscheidern beisammen, jetzt, nach einem Interview über 90 Minuten plus Verlängerung, geht es für ihn zurück nach Hause. Der gebürtige Merseburger hat in seinem Dienstwagen eine gute Strecke vor sich – zurück nach Berlin. Dort hat auch Alpha Sports seinen Sitz, das Unternehmen, für das der 192-malige Bundesligaspieler inzwischen arbeitet.
- Franz betreut Sportler und Privatpersonen, die nach Arbeitsunfällen Ansprüche gegenüber der Berufsgenossenschaft oder dem Versicherer durchsetzen wollen. Gewissermaßen hat das einstige Bundesliga-Raubein also das Lager gewechselt.
- Ich, in Karlsruhe, in der Jahrhundertelf, das ist einfach traumhaft. Die Urkunde hängt bei mir in Berlin gerahmt an der Wand.
- Maik Franz über die BNN-Wahl zur KSC-Jahrhundertelf
- In seiner Zeit beim Karlsruher SC, zwischen 2006 und 2009, hatten sich die Gegenspieler an „Iron Maik“ weh getan. Bei den KSC-Fans besitzt Franz bis heute Kultstatus. 2019 wählten sie ihn bei einer Aktion der Badischen Neuesten Nachrichten in die KSC-Jahrhundertelf.
- Herr Franz, wie war das für Sie, als Ihnen 2014 klar wurde, dass Sie aus körperlichen Gründen mit dem Fußball aufhören mussten?
- Maik Franz
- Da saß ich kreidebleich in meinem Bad. Es lief „Zeit zu gehen“ von Unheilig. (summt) „...auch, wenn es wehtut...“. Das Lied hat es auf den Punkt gebracht. Ich habe geflennt wie ein kleines Kind.
- Sie haben heute mit Sportlern zu tun, die Ähnliches erleben, oder noch darauf hoffen, aus schweren Verletzungen zurückzukommen. Was haben diese Menschen gemein?
- Maik Franz
- Die Unsicherheit: „Was kommt jetzt?“ Und die Erfahrung: „Ich bin nur interessant, solange ich abliefere.“ In den ersten Wochen kommen meistens noch Fernsehen und Medien zu einem verletzten Spieler. Nach fünf Monaten fragen sie dann vielleicht noch mal: „Wie geht‘s?“ Doch danach interessiert es keinen mehr, das Scheinwerferlicht ist aus, du bist allein. Mit deinen Krücken kommst du in die Kabine, sie sagen „Hallo“, und „Hey, wie geht’s“. Doch: Eigentlich interessiert es kaum einen. Je öfter du solche Phasen erlebst, desto mehr zermürbt es dich. Du realisierst, das Rad dreht sich auch ohne dich weiter. Das zu akzeptieren, ist schwer.
- Sie sprechen aus eigener Erfahrung?
- Maik Franz
- Allerdings. Mein Körper ist eine einzige Krankenakte: Fuß gebrochen, Nase zweimal gebrochen, Hand gebrochen, Kreuzband im Knie gerissen, Knorpelschaden, Schulter zweimal komplett kaputt, Bauchmuskel abgerissen, Verkalkung in der Achillessehne, Schlüsselbeinbruch ... nicht die einzigen Rückschläge.
- Woran denken Sie?
- Maik Franz
- Ich hatte mich nach mehreren schweren Verletzungen bei Hertha BSC zurückgekämpft. Doch Jos Luhukay hat Per Kluge und mich im Winter aussortiert. Er schob uns in die Zweite Mannschaft ab, wogegen wir geklagt haben. Kurz vor dem Urteilsspruch haben wir meinen Vertrag im beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst. In dieser Zeit fühlte ich mich, als ob ich etwas verbrochen hätte. Es wurde nicht mit uns gesprochen, uns wurde die kalte Schulter gezeigt. Für mich hat sich das schon wie Mobbing angefühlt. So etwas passiert öfter im Profifußball, doch meistens wird den Leuten immer nur die andere Seite gezeigt – wenn sich ein Spieler nicht gut verhält.
- Viele der Leute würden einwenden, dass es solche beruflichen Brüche in jeder Branche gibt und dass der Fußballer angesichts der Gagen im Profigeschäft auf hohem Niveau jammert ...
- Maik Franz
- Tendenziell erleben Fußballer solche Szenarien auf enger Zeitstrecke viel häufiger. Verletzungen, neue Trainer, neuer Sportdirektor, neue Spieler. Alles ist extrem schnelllebig. Das hohe Gehalt ist das Argument, das immer kommt, nach dem Motto: Die verdienen viel Geld, die müssen das doch abkönnen. Ich sehe das anders. Nur weil jemand viel Geld verdient, ist er keine Maschine. Solche Erlebnisse machen ja etwas mit dem Menschen: Burnout, Depression, Alkohol. Das lässt sich mit Geld nicht gut machen. Ein Beispiel ist mein Freund Martin Fenin.
- ... Ihr ehemaliger Mitspieler bei der Eintracht?
- Maik Franz
- Genau. Er war mal der Super-Held in Frankfurt. Alle haben ihn gemocht. Martin ist ein cooler, aber auch sensibler Typ. Als Armin Veh kam, sagte er, er baue auf ihn. Am Ende der Vorbereitung, zwei Tage vor Transferschluss, teilte er ihm anscheinend mit: „Martin, du kannst gehen.“ Dann ging er nach Cottbus in die Zweite Liga, spielte dort kaum eine Rolle. Er trank, nahm Schlaftabletten und fiel anschließend aus dem Fenster. Er hatte Glück im Unglück, es hätte für ihn ganz böse enden können.
- Steht der Fußball mit seiner Heldenfabrik nicht in der Verantwortung, Spieler besser auf den Druck und auf Rückschläge vorzubereiten?
- Maik Franz
- Meiner Meinung nach ja. In diesem goldenen Käfig wird dir von der C-Jugend an nahezu alles abgenommen, dein Leben wird für dich organisiert, geplant und geführt. Du hast die beste Ausrüstung, die tollsten Schuhe, du spielst die größten Turniere. Wenn du dann kein stabiles Umfeld hast, kannst du schnell den Boden unter den Füßen verlieren und deine Karriere ist schneller vorbei, als dir lieb ist. Manch einer kommt auch schon mal auf die schiefe Bahn und möchte sich die Wertschätzung anderswo holen. Du ziehst um die Häuser, machst Partys. Andere wiederum bemerken, dass sie zwar Berater haben, aber nicht gut beraten wurden.
- Zum Beispiel?
- Maik Franz
- Ein ehemaliger Spieler von Werder Bremen, der einen Millionenvertrag hatte, jedoch keine private Krankenversicherung. Er wusste nicht, dass der Arbeitgeber nach sechs Wochen Verletzungsausfall nicht mehr zahlt. Das hat ihm leider keiner gesagt. Er war sehr lange verletzt, musste dann aus seiner Wohnung ausziehen, weil er schlichtweg die Miete nicht mehr zahlen konnte. Er musste vorübergehend zwei, drei Gänge zurückschalten und hoffen, dass er schnell wieder auf den Platz kommt.
- War das nicht einfach Dämlichkeit?
- Maik Franz
- Das sagen jetzt wahrscheinlich viele, ja. Andererseits hast du dafür eben einen Berater, dem du vertraust. Ich habe meinem Berater, den ich seit meinem 18. Lebensjahr hatte, auch blind vertraut. Einer meiner größten Fehler.
- Was ist Ihnen widerfahren?
- Maik Franz
- Ich habe auf Anraten meiner Berater sehr viel Geld in Schiffsfonds investiert, was die ersten Jahre überragend lief. 2008 kam die erste große Krise. Mir wurde trotz Krise dazu geraten, weiterhin zu investieren – wie sich im Nachhinein herausstellte aus anderen Gründen als aus Sorge um meine finanzielle Zukunft. Das Geld war nahezu weg. Jetzt kann jeder sagen: „Maik, selten dämlich.“ Ich hatte jedoch keinen Grund, an der Seriosität meiner Berater zu zweifeln.
- Sie sprachen eben die Gleichgültigkeit der Kabine an, die Langzeitverletzte erleben. Ein Spiegel des Fußballs als Ego-Betrieb?
- Maik Franz
- Durchaus. Fußball ist ja eigentlich ein Mannschaftssport. Im Profifußball ist das meiner Meinung nach aber nicht immer so. Die Wahrheit ist doch: Wenn ich nicht spiele, sondern einer meiner Kollegen, bin ich stinkig. Der andere nimmt mir die Prämie, nimmt mir die Aufmerksamkeit. Er ist mein Konkurrent, im Training gibt’s Kasalla. Erinnern Sie sich an Matthias Langkamp?
- Sicher, der spielte mit seinem Bruder Sebastian auch mal beim KSC. Wie kommen Sie auf ihn?
- Maik Franz
- Als ich beim VfL Wolfsburg war, wechselte er aus Bielefeld zu uns. Der Zeitung sagte er die Tage vor dem ersten Training, er komme, um Stammspieler zu sein. Der VfL hätte ja nicht umsonst 1,3 Millionen Euro für ihn bezahlt. Vom ersten Tag an habe ich ihm gezeigt, dass er an mir nicht vorbei kommt. Er bekam von mir ständig die Socken poliert. Bumm. Bumm. Immer wieder. Ich habe mich später dafür bei ihm entschuldigt, denn fair war das nicht. Aber wir reden in der Bundesliga von Prämien zwischen 10.000 und 40.000 Euro pro Spiel und teilweise noch mehr. Wer will mir erzählen, dass er sich freut, wenn der andere spielt?
- Sie haben mit „Weggegrätscht – Im Schatten des Flutlichts“ sogar einen Podcast, in dem Sie sich mit Klienten von Alpha Sports über die Schattenseiten der Sportindustrie unterhalten. Warum ist Ihnen das so wichtig?
- Maik Franz
- Weil die Leute immer nur das Hochglanzprodukt sehen, weniger die Menschen dahinter, die ihre Geschichten haben. Ich habe fast alles erlebt: Von Zero zu Hero und wieder zurück. Ich habe viel mehr schöne als schlechte Seiten erlebt. Doch es gibt eben auch die Schattenseiten und denen gebe ich in unserem Podcast etwas mehr Zeit und Raum. Außerdem glaube ich, dass wir von den Erfahrungen anderer lernen können. Das, was wir im Profisport erleben, erleben doch andere Berufstätige auch tagtäglich. Bestenfalls können sie durch unseren Podcast etwas mitnehmen für ihre eigene Situation.
- Was war so schlecht, dass Sie sich nach Ihrem Aus als Sportdirektor beim 1. FC Magdeburg dazu entschieden, die Seiten zu wechseln?
- Maik Franz
- Ich war 20 Jahre im Profibusiness, Fußball ist mein Leben. Doch ich habe zwei kleine Kinder, die vier und sechs sind. Wenn sie größer sind, möchte ich nicht zurückschauen und sagen müssen, ich habe ihr Aufwachsen verpasst. Diese Gefahr besteht im Profifußball leider. Du musst immer kurzfristig handeln können. Wenn es gut läuft, ist alles super. Läuft es gerade schlecht, musst du immer bereit stehen, auch wenn du eigentlich einen Arzttermin mit deinem Kind hast oder zum Beispiel Kindergeburtstag ist.
- Was nahmen Sie aus Magdeburg als Erfahrung mit?
- Maik Franz
- Sehr viel. Unter anderem auch, wie es ist, Spieler besser machen zu wollen, am Ende jedoch machtlos zu sein, weil die mentale Seite im Profifußball leider immer noch stark vernachlässigt wird. Die meisten Jungs in der Mannschaft, die ich gefragt habe, wie sie mit dem Druck klarkommen, meinten: „Das mache ich mit mir selbst aus“ oder mit der Familie. Mentaltraining wird da immer noch als etwas Negatives gesehen. Oh, ich muss zum Seelenklempner. Auf die Couch. Ich verstehe diese Sichtweise einfach nicht.
- Was verwundert Sie?
- Maik Franz
- Obwohl in den Nachwuchsleistungszentren Sportpsychologen arbeiten, werden die Jungs anscheinend nicht so vorbereitet, dass sie in der mentalen Unterstützung einen Mehrwert für sich erkennen. Wir wissen nahezu alles: wie schnell die Spieler sind, deren Körperfettanteil, wie viele Pässe sie spielen, wie viele Zweikämpfe sie gewinnen. Darüber, was im Kopf eines Spielers passiert, wissen wir so gut wie gar nichts. Dabei ist mentale Fitness ebenso wichtig wie die körperliche. Natürlich ist mentales Training ein langfristiger Prozess, der auch über Jahre gehen kann. Insofern verstehe ich Vereine, die den Aufwand scheuen, einem Profi ein Jahr lang den Mentalcoach zu bezahlen, wenn der Spieler vielleicht nach dem Jahr wieder weg ist. Doch liegt da meiner Meinung viel zu viel Potenzial brach. Mentale Spezialisten sollten fest in die Vereine eingebaut werden.
- Hatten Sie einen Mentalcoach, als Sie beim KSC spielten?
- Maik Franz
- Den hatte ich schon in Wolfsburg und habe ihn in Karlsruhe behalten. Er hat mich begleitet, mich in meiner Persönlichkeit zu dem zu entwickeln, der ich dann wurde. Ich habe in Karlsruhe meine Mitte gefunden. Hierher zu gehen war für mich wie ein Sechser im Lotto plus Zusatzzahl.
- Und wie ist es heute, wenn Sie auf das Gelände zurückkehren und die Stadion-Baustelle sehen?
- Maik Franz
- Wenn ich hier reinfahre, geht mein Herz auf. Ebenso wenn ich an eure Umfrage zur KSC-Jubiläumself denke. Ich meine: Ich, in Karlsruhe, in der Jahrhundertelf, das ist einfach traumhaft. Die Urkunde hängt bei mir in Berlin gerahmt an der Wand. Auch jetzt, wenn ich darüber rede, bekomme ich direkt Gänsehaut. Es ist einfach ein tolles Gefühl, und ich hoffe, dass es für immer so bleibt.
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