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- Der Fall Bajramovic: Anfang vom Ende der Ära Eichner beim Karlsruher SC?
- Kommentierende Analyse zum KSC
- Selten hatte die Trennung von einem Co-Trainer solche Relevanz wie der Fall Zlatan Bajramovic beim KSC. Die Entscheidung von Boss Mario Eggimann trägt Züge einer Selbstzerstörung, kommentiert kicker-Reporter Thiemo Müller.
- Trotz Job-Garantie mit eingeschränkter Perspektive: KSC-Trainer Christian Eichner.IMAGO/DeFodi Images
- Mit 21 Punkten aus 16 Spielen steht der KSC kurz vor Ende der Hinrunde im Niemandsland der 2. Liga. Das entspricht ziemlich genau der Qualität eines über mehrere Transferperioden sukzessive geschwächten Kaders, in dem noch dazu diverse potenzielle Leistungsträger ausfallen. Insofern ist es auch nur folgerichtig, dass Geschäftsführer Mario Eggimann seinem ehemaligen Mitspieler Christian Eichner als KSC-Trainer eine Jobgarantie über die Winterpause hinaus ausgestellt hat - trotz nun fünf Niederlagen in Serie.
- Sicher: Gravierende sportliche Defizite plagen die Badener seit Wochen hinten und vorne. Die jüngsten vier Pleiten setzte es allerdings gegen ausgesprochene Top-Teams. Dass Karlsruhe derzeit nicht mehr zu dieser Kategorie zählt, ist per se nicht dem Trainer anzulasten. Im Laufe der vergangenen Spielzeiten mag sich manch einer, bei noch dazu höherem Kaderpotenzial, an eine gewisse Überperformance als Dauerzustand gewöhnt haben. Doch ist jetzt eben schlicht Normalität eingekehrt, die höchstens in puncto Winterzugänge nach personellen Konsequenzen ruft. Auch das jüngste 0:4 gegen Paderborn war keineswegs so desolat, wie das Ergebnis vermuten lässt. Bis zu Fabian Schleuseners Feldverweis nach 53 Minuten stand es 0:0.
- Das Vorgehen wirkt wie eine gezielte Entmachtung des Trainers
- Als klare Absetzbewegung Eggimanns von Eichner, ja gar als Vorboten einer geplanten Trennung vom Cheftrainer, werteten Beobachter unterdessen schon im Laufe der Woche die plötzliche Freistellung von Assistenzcoach Zlatan Bajramovic. Hatte Eichner seit dem gemeinsamen Amtsantritt im Februar 2020 doch häufig genug betont, der Bosnier sei sein wichtigster Mitstreiter überhaupt. Dass der Cheftrainer nun in diese einschneidende Personalentscheidung nicht einbezogen, sondern lediglich darüber informiert wurde, ließ sich gar nicht anders werten denn als ein Teil einer gezielten Entmachtung.
- Für diese Interpretation von außen zeigt Eggimann nun sogar Verständnis und räumt ein: "So haben wir darüber gar nicht nachgedacht." Nach seiner Darstellung galt es schlicht Verantwortung zu übernehmen für eine aus seiner Perspektive sportfachlich notwendige Maßnahme - von der Eichner ohnehin nicht zu überzeugen gewesen wäre. Anders ausgedrückt: Eggimann, nach rund achtmonatiger Amtszeit als Geschäftsführer durchaus noch Berufsanfänger, glaubt besser zu wissen, was für die Mannschaft und Eichner in der täglichen Arbeit gut ist, als der seit fast sechs Jahren souverän waltende Fußballlehrer selbst.
- Eggimanns Risiko der Selbstüberschätzung und Selbstzerstörung
- Immerhin ließe sich dem Schweizer zugutehalten, dass er die Verantwortung seiner Position nicht scheut. Sein Vorgehen freilich wirkt eher schon verwegen als einfach nur mutig - birgt es doch nicht nur ein hohes Risiko der Selbstüberschätzung. Sondern, mit Blick aufs große Ganze, sogar der Selbstzerstörung. Schließlich basiert die besondere Leistungskultur beim KSC schon seit Jahren - also weit vor Eggimann - auf einer Identifikation, die im Wesentlichen einer familiären Arbeitsatmosphäre entspringt. Bajramovics Rolle als Identifikationsfigur auch für die Mannschaft hat Eggimann offenkundig unterschätzt.
- Dass die Profis um Kapitän Marvin Wanitzek am Tag nach der Freistellung ihres Co-Trainers ohne Frauen zur Weihnachtsfeier erschienen und das Event frühzeitig verließen, war ein unmissverständliches Zeichen des Protests. Dass sich der Unmut nicht auch auf die Arbeitsmoral niederschlug, ungeachtet des jüngsten 0:4, scheint wiederum in allererster Linie Eichners Verdienst. Der machte aus seiner Gemütsverfassung zwar keinen Hehl, moderierte die Angelegenheit nach innen und außen aber schon fast übermenschlich professionell, konstruktiv und frei von persönlichen Befindlichkeiten, allein im Sinne der Sache. Sprich: der Konzentration aufs nächste Spiel.
- Eichners Professionalität jenseits der Grenzen zur Selbstaufgabe
- Das Credo, niemand dürfe größer sein als der Verein, wird in der Branche von vielen gerne zitiert - in der Regel mit Blick auf andere. Eichner hat es in den jüngsten Tagen unmittelbar vor- und ausgelebt, sogar über die Grenzen der Selbstaufgabe als Chefcoach hinaus. Im Wildpark sollte allerspätestens jetzt auch dem letzten Entscheider klar geworden sein: Ein solcher Trainer, jenseits der rein fachlichen Kompetenzen, wird für den KSC so schnell nicht mehr aufzutreiben sein.
- Was das für Eichners Zukunft bedeutet, lässt sich derzeit überhaupt noch nicht seriös abschätzen. Pure Professionalität wird jedenfalls kaum reichen, um zwischen Trainer und Sportboss ein dauerhaft belastbares Vertrauensverhältnis zu etablieren, das von Eggimann sehenden Auges aufs Spiel gesetzt wurde. Ohnehin bleibt die Frage nach einer übereinstimmenden sportlichen Erwartungshaltung. Ist doch Bajramovics Freistellung klares Indiz einer Unzufriedenheit der Klubführung mit Zweitliga-Mittelmaß - worüber logischerweise Eichner als Nächster stolpern könnte. Wenn er nicht sowieso vorher eine der regelmäßigen Gelegenheiten nutzt, sich beruflich zu verbessern. So gesehen spricht einiges dafür, dass der "Fall Bajramovic" trotz Job-Garantie den Anfang markiert vom Ende der Ära Eichner beim KSC. Ob man das nun wollte oder nicht.
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