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- An die Krankenhausleitung
- Asklepios Klinik Nord – Heidberg
- Tangstedter Landstraße 400
- 22417 Hamburg
- Fax: 040 / 181887-3267
- Beschwerde wegen schwerwiegender Vorfälle während meines Aufenthalts
- Sehr geehrte Damen und Herren,
- hiermit erhebe ich Beschwerde wegen schwerwiegender Vorfälle während meines Aufenthalts in
- Ihrer Klinik.
- Die Einzelheiten habe ich in dem beigefügten Vorfallbericht ausführlich geschildert. Ich bitte Sie,
- diesen Bericht vollständig zur Kenntnis zu nehmen und die darin beschriebenen Vorgänge ernsthaft
- aufzuarbeiten.
- Ich befinde mich in der letzten Phase einer Amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Ich kann seit 2017
- keine verständliche Sprache mehr produzieren und bin zur Kommunikation auf Gesten,
- Kopfnicken, Kopfschütteln, Eye-Tracker und TTS-App angewiesen. Gerade deshalb bin ich in
- besonderem Maße darauf angewiesen, dass mein Wille, meine Würde und meine verbliebenen
- Kommunikationsmöglichkeiten respektiert werden.
- Nach meiner Darstellung wurden diese elementaren Rechte während meines Aufenthalts mehrfach
- missachtet. Besonders schwer wiegen für mich die Fixierung gegen meinen deutlich erkennbaren
- Widerstand, das wiederholte Unerreichbar-Ablegen meines Smartphones und der Klingel sowie der
- spätere Vorfall auf dem Flur, bei dem ich trotz meiner offensichtlichen Hilflosigkeit und
- Kommunikationsbehinderung behandelt wurde, als sei ich kognitiv nicht in der Lage, meine
- Situation einzuschätzen.
- Diese Erlebnisse waren für mich entwürdigend, bedrohlich und traumatisierend. Sie haben mein
- Vertrauen in Ihre Einrichtung nachhaltig zerstört.
- Ich erwarte daher keine formelhafte Standardantwort, sondern eine ernsthafte Aufarbeitung durch
- die Krankenhausleitung.
- Insbesondere erwarte ich:
- 1. eine schriftliche Stellungnahme zu den im Vorfallbericht geschilderten Ereignissen,
- 2. eine Erklärung, wie es dazu kommen konnte, dass mein deutlich erkennbarer Wille
- mehrfach übergangen wurde,
- 3. eine Darstellung, welche Maßnahmen Ihre Klinik ergreift, damit schwerstbehinderte, nicht
- sprechfähige Patienten künftig wirksam geschützt werden,
- 4. eine persönliche, glaubwürdige und überzeugende Entschuldigung des beteiligten
- Stationspflegers,
- 5. eine persönliche, glaubwürdige und überzeugende Entschuldigung der rothaarigen
- Mitarbeiterin, die an dem Vorfall auf dem Flur beteiligt war.Mir geht es nicht um bloße Höflichkeit oder um eine pauschale Bedauernsformel. Ich brauche eine
- nachvollziehbare Anerkennung dessen, was mir widerfahren ist, und eine ernst gemeinte
- Entschuldigung der unmittelbar beteiligten Personen.
- Ich bitte um schriftliche Antwort innerhalb von 14 Tagen nach Zugang dieses Schreibens.
- Sollte eine ernsthafte Aufarbeitung ausbleiben oder sollten die beteiligten Personen nicht zu einer
- persönlichen und überzeugenden Entschuldigung bereit sein, werde ich rechtliche Schritte
- einschließlich einer Strafanzeige prüfen beziehungsweise einleiten.
- Mit freundlichen Grüßen
- Jürgen W. Sievers
- Hamburg, den 16.06.2026
- Anlage: Ausführlicher VorfallberichtAusführlicher Vorfallbericht 14-15.6.2026 – Asklepios Klinik Nord – Heidberg
- Alles begann an einem Freitag gegen Mitternacht mit dem erneuten Ausfall meines Rollstuhls: ein
- Permobil T5 VS, der mir erst Mitte 2023 über das Sanitätshaus Stolle ausgeliefert wurde und von
- Anfang an mit erheblichen Mängeln behaftet war.
- Da ich mich bei diesem Totalausfall ausgerechnet in einer Lage befand, aus der ich mich auf
- anderem Wege nicht mehr befreien konnte, drückte ich nach gefühlt zwei Stunden den Notrufknopf
- an meinem Rollstuhl. Aufgrund meiner Körperlage, mit dem Kopf schräg nach unten, drohte ich
- ohnmächtig zu werden.
- Die Rettung war keine zehn Minuten später vor Ort. Über den Versuch, mich zunächst in meinem
- Bett abzulegen, gelangte ich schließlich, nach mehreren Zwischenschritten, am 14.06. in die
- Asklepios Klinik Nord – Heidberg, wo ich den Horror meines Lebens erfahren musste.
- Vorab zur Einordnung: Ich befinde mich in der letzten Phase einer 2013/2014 diagnostizierten
- Amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Seit 2017 kann ich keine verständliche Sprache mehr
- produzieren. Seit 2022 lebe ich ausschließlich im Rollstuhl, da ich heute – bis auf meinen linken
- Arm – keinen Muskel mehr präzise steuern kann. Zur Kommunikation am PC bin ich auf einen
- Eye-Tracker und spezial Tastatur angewiesen; zusätzlich wird die Nutzung einer TTS-App
- zunehmend schwieriger und langsamer.
- Obwohl ich seit 2017 keine verständliche Sprache mehr produzieren kann, bin ich noch in der Lage,
- einen heftigen, unerträglichen und sehr lang anhaltenden, hochfrequenten Schrei auszustoßen.
- Dieser Schrei ist keine Sprache und keine gezielte verbale Äußerung, sondern meine letzte
- verbliebene Möglichkeit, extreme Not, Angst, Schmerz oder Widerspruch unmittelbar hörbar zu
- machen.
- Kurz gesagt: Ich bin für jeden erkennbar schwer hilflos und wehrlos. Genau diese Schutzlosigkeit
- macht Menschen wie mich in besonderem Maße abhängig davon, dass Pflegekräfte, medizinisches
- Personal und Einrichtungen ihre Verantwortung ernst nehmen.
- Solange meine mich seit über zehn Jahren, bis zur eigenen Erschöpfung, ehrenamtlich
- unterstützende Betreuerin Karin Schwarzkopf noch anwesend war, machte die Klinik zunächst
- einen guten Eindruck. Das Personal wirkte auf mich international zusammengesetzt und wurde
- erkennbar von akzentfrei Deutsch sprechenden Mitarbeitenden angeleitet.
- Ich erhielt ein schönes, großes, lichtdurchflutetes Zweibettzimmer, das ich zunächst allein nutzen
- konnte.
- Ein großer, kräftiger und über und über mit bunten Tattoos bedeckter Mann stellte sich mir als mein
- Ansprechpartner auf der Station vor. Ich fand ihn zunächst recht sympathisch, hatte ich doch selbst
- ein paar Tattoos – wenn auch nicht in einer solchen Fülle und Farbenpracht.
- Er schien sehr daran interessiert zu sein, in welchem Verhältnis Frau Schwarzkopf zu mir stand und
- welche Kommunikationsmöglichkeiten mir noch zur Verfügung standen. Das waren alles Fragen,
- die ich mit Kopfschütteln oder Kopfnicken beantworten konnte.
- Ich wähnte mich daher zunächst in guten Händen – bei Menschen, die meine besondere Situation
- verstanden zu haben schienen.Ab diesem Punkt fällt es mir schwer, die folgenden Ereignisse in Worte zu fassen. Die Situation
- wurde für mich zunehmend entwürdigend, bedrohlich und traumatisierend.
- Ich befand mich in einer Lage völliger Abhängigkeit. Aufgrund meiner ALS-Erkrankung konnte ich
- mich weder körperlich entziehen noch verbal verständlich äußern. Genau deshalb war ich in
- besonderem Maße darauf angewiesen, dass mein Wille, meine Würde und meine Hilflosigkeit
- respektiert werden.
- Am frühen Abend sah ich den tätowierten Stationspfleger ein zweites Mal. Er kam mit einer
- weiteren Pflegekraft in mein Zimmer und sagte sinngemäß: „So, Herr Sievers, dann wollen wir Sie
- mal nachtfertig machen.“
- Daraufhin wurde ich auf die rechte Seite gelagert. Gegen diese Lagerung signalisierte ich deutlich
- Widerstand. Dieser Widerstand wurde auch wahrgenommen. Dennoch wurde mir erklärt, man
- müsse mich so lagern, da ich sonst einen Dekubitus bekommen könne.
- Diese Begründung war für mich nicht nachvollziehbar. Ich habe meinen Rollstuhl seit etwa fünf
- Jahren praktisch nicht mehr verlassen – auch nachts nicht – und hatte dennoch in all dieser Zeit
- keinen Dekubitus. Das war nicht Folge einer erzwungenen Seitenlagerung, sondern der
- hervorragenden Pflege durch Karin: durch tägliches, durchblutungsförderndes Reinigen und
- Abbürsten meiner Haut sowie durch ihre sorgfältige, auf meine Bedürfnisse abgestimmte
- Versorgung.
- Hinzu kommt, dass ich in Seitenlage während des Schlafs zu extremem Reflux neige. Nachts muss
- mein Kopfteil daher stets leicht hochgestellt sein, um diese Beschwerden zu vermeiden oder
- zumindest zu verringern. Die gegen meinen deutlich signalisierten Willen erzwungene Seitenlage
- widersprach damit nicht nur meinem Willen, sondern auch meinen bekannten körperlichen
- Bedürfnissen.
- Als ich meinen Widerspruch noch heftiger signalisierte, sagte der Stationspfleger zu der weiteren
- Pflegekraft sinngemäß: „Wollen wir den nicht lieber fixieren? Der dreht sich doch sonst wieder
- um.“ Die Pflegekraft erwiderte in gebrochenem Deutsch: „Er nicht wollen.“ Kurz darauf trat eine
- blonde Krankenschwester an mein Bett und übernahm die Situation.
- Die beiden fixierten mich dann trotz meines heftigen Widerstands und trotz meiner verzweifelten,
- hochfrequenten Schreie in dieser Seitenlage. Mein Smartphone und die Klingel wurden so abgelegt,
- dass sie für mich unerreichbar waren.
- Anschließend verließen sie das Zimmer und schlossen die Tür hinter sich, während meine
- verzweifelten Schreie weiter anhielten.
- Nach meinem Empfinden dauerte dieser Zustand etwa 20 Minuten, in denen ich verzweifelt schrie.
- Immer wieder schaute die Pflegekraft kurz herein und bat mich sinngemäß, nicht mehr zu schreien.
- Erst danach wurde die Fixierung wieder gelöst.
- Zurück blieb nicht nur die körperliche Erschöpfung, sondern vor allem das Gefühl, in meiner
- völligen Hilflosigkeit nicht geschützt, sondern übergangen und ausgeliefert worden zu sein.
- Aber es sollte noch schlimmer kommen.Es folgte eine Nacht, in der ich mich nicht mehr traute, auch nur ein Auge zu schließen. Jedes Mal,
- wenn die Tür aufging, rang ich mit einem Anflug von Panik. Bis mir die Nachtwache endlich das
- von mir verlangte Baldrianpräparat brachte, war es weit nach vier Uhr morgens.
- Kurz darauf hörte ich bereits, wie vor der Tür der Stationsbetrieb wieder begann. Eine Schwester
- stellte mir ein kleines Töpfchen mit verschiedenen Medikamenten hin. Anschließend wurde meine
- Morgenhygiene durchgeführt.
- Zwischendurch hatte ich es geschafft, folgende Frage in meine TTS-App einzugeben: „Wozu sind
- diese Medikamente, und was genau soll ich da einnehmen? Ich verlange vorab eine Aufklärung
- durch einen Arzt.“
- Bis zu diesem Zeitpunkt hatte mich kein Arzt gründlich untersucht oder befragt. Abgesehen von
- einer kaum vierminütigen Reflexprüfung durch eine Neurologin noch während der Aufnahme hatte
- keine erkennbare ärztliche Anamnese oder Aufklärung stattgefunden.
- Ich klingelte nach der Schwester und ließ ihr meine Frage per TTS-App vorlesen. Sie reagierte
- entrüstet und fragte sinngemäß zurück: „Wie, wollen Sie die Tabletten etwa nicht nehmen?“ Es
- folgte die Erklärung, der Arzt habe mir diese Medikamente verordnet; außerdem seien es die
- Medikamente, die ich zu Hause ebenfalls bekäme.
- Da jedoch keine gründliche Untersuchung stattgefunden hatte und ich zu Hause keinerlei
- regelmäßige Medikamente einnehme – abgesehen von drei- oder viermal im Jahr einer Aspirin-C-
- Brausetablette –, wusste ich sofort, dass diese Aussage nicht stimmen konnte.
- Ich stellte meine TTS-App lauter und wiederholte meine Frage: Ich wollte wissen, welche
- Medikamente man mir geben wollte, wozu sie dienen sollten und weshalb ich vor der Einnahme
- nicht ärztlich aufgeklärt worden war.
- Daraufhin nahm die Schwester die Medikamente wieder an sich und verließ das Zimmer. Etwa eine
- Stunde später kam sie erneut mit Tabletten zurück. Sie schüttete diese auf meinen Nachtschrank und
- begann zu erklären, um welche Medikamente es sich handelte und wozu sie jeweils dienen sollten.
- Zwei der Tabletten kannte ich und konnte sie, auch ohne vorherige ärztliche Anamnese und
- Risikoaufklärung, für mich akzeptieren. Das dritte Medikament war Baclofen in mir unbekannter
- Stärke.
- Baclofen kannte ich ebenfalls – allerdings aus äußerst negativer eigener Erfahrung. Für mich war
- und ist es kein harmloses Medikament, sondern ein stark wirkendes Mittel gegen Spastiken und
- Krämpfe, die ich in dieser Form nie hatte. Bereits vor etwa zehn Jahren hatte mich die Einnahme
- von Baclofen in einen Zustand existenziellen Leidens gebracht. Gerade deshalb wäre vor einer
- erneuten Verordnung zwingend eine sorgfältige ärztliche Rücksprache, Anamnese und
- Risikoaufklärung erforderlich gewesen.
- Ich machte später auch dem Stationsarzt deutlich, wie unmöglich ich es fand, mir ein solches
- Medikament ohne vorherige persönliche Aufklärung und ohne meine Einwilligung verabreichen zu
- wollen. Er reagierte darauf lediglich sinngemäß mit dem Hinweis, Baclofen sei durch die
- Neurologin verordnet worden.
- Ich akzeptierte also die beiden anderen Tabletten. Ein junger Pfleger brachte mir etwas Apfelmus,
- damit ich das Aspirin und die andere Tablette einnehmen konnte.Danach kam es mit diesem jungen Pfleger zu einem weiteren, für mich sehr irritierenden
- Zwischenfall. Er wollte mir unbedingt etwas zu trinken geben. Dabei kippte er mir einen solchen
- Schwall Wasser in den Hals, dass ich mich heftig daran verschlucken musste.
- Zunächst glaubte ich noch, er sei lediglich mit dem Glas abgerutscht. Er entschuldigte sich
- mehrfach und sagte sinngemäß, er habe ja nicht wissen können, dass Getränke bei mir zuvor
- angedickt werden müssen.
- Erst nachdem ich mich wieder einigermaßen erholt hatte, wurde mir bewusst, wie widersprüchlich
- diese Erklärung war: Derselbe Pfleger war kurz zuvor ausdrücklich mit Apfelmus zu mir geschickt
- worden, damit ich die Tabletten überhaupt sicher einnehmen konnte. Gerade deshalb hätte ihm klar
- sein müssen, dass normales, nicht angedicktes Wasser für mich problematisch sein kann.
- Ich hatte nun genug. Ich formulierte mein eindeutig erklärtes Entlassungsverlangen in meiner TTS-
- App, klingelte nach der Schwester und spielte ihr diese Erklärung vor.
- Die Schwester erwiderte sinngemäß: „Wenn das Ihr Wunsch ist ...“ und erklärte, sie werde den
- Stationsarzt fragen und mir anschließend dessen Antwort mitteilen.
- Noch bevor mir diese Antwort übermittelt wurde, lief auf dem Flur bereits die Essensausgabe. In
- dieser Situation betrat dieselbe Schwester zusammen mit einem Mann mein Zimmer. Sie nahm mir
- mein Smartphone weg und sagte sinngemäß: „Das brauchen Sie jetzt nicht, der junge Mann bringt
- Sie jetzt zum Ultraschall.“
- Damit entzog man mir erneut das einzige mir noch verbliebene Verständigungsmittel. Ich
- signalisierte deutlich Widerstand gegen die Wegnahme meines Smartphones. Dennoch wurde es
- ungeachtet meines erkennbaren Widerspruchs so abgelegt, dass es für mich unerreichbar war.
- Der Mann fuhr mich anschließend im Bett zum Ultraschall. Ich erduldete diese für mich plötzliche
- und zuvor nicht erklärte Sonografie in der Erwartung, dass meinem bereits eindeutig erklärten
- Entlassungsverlangen nun entsprochen werden müsse.
- Die beiden Ärztinnen, die die Untersuchung durchführten, wirkten auf mich kompetent. Die jüngere
- Ärztin sonografierte mich und erzählte der erfahrenen Ärztin währenddessen von ihrem Urlaub,
- offenbar auf einem Campingplatz. Als sie an einer Stelle nicht weiterwusste, bat sie die erfahrenere
- Ärztin um Hilfe. Das empfand ich als professionell und respektabel.
- Erst nach Abschluss der Untersuchung teilte man mir mit, dass keine Anzeichen einer Entzündung
- zu sehen seien. Damit erfuhr ich zum ersten Mal überhaupt, weshalb diese Sonografie durchgeführt
- worden war.
- Anschließend schob mich die junge Ärztin mit meinem Bett in eine Nische des Flures, unmittelbar
- vor dem Untersuchungszimmer. Sie sagte mir, ich würde von dort zurück auf die Station gebracht.
- Danach verabredeten sich die beiden Ärztinnen, gemeinsam zum Essen zu gehen.
- Was mir anschließend auf diesem Flur angetan wurde, zerstörte auch das letzte Fünkchen Vertrauen.
- Ich kann nur hoffen und beten, dass es mir gelingt, dieses Trauma noch zu Lebzeiten zu
- überwinden.
- Nach etwa 15 Minuten wurde mir das Atmen in dem fensterlosen, stickigen und warmen Flur
- zunehmend schwer. Mit meinem linken Arm versuchte ich, die schwere Winterdecke von meiner
- Brust zur Seite zu ziehen. Als mir das schließlich gelang, rutschte die Decke vom Bett.Eine vorbeikommende, sehr nette blonde Frau bemerkte dies und wollte mich wieder zudecken. Ich
- signalisierte ihr jedoch durch Kopfschütteln und Gesten, dass mir zu warm war. Sie verstand mich,
- schlug die Decke am Fußende über die Bettbegrenzung und ließ nur noch meine Unterschenkel
- bedeckt. Dadurch konnte ich wieder freier atmen.
- Keine fünf Minuten nachdem diese nette Frau gegangen war, kam eine schlanke junge Frau mit
- knallrot gefärbten Haaren und mehreren auffälligen Tattoos an der Nische vorbei, in der man mein
- Bett abgestellt hatte. Sie sah die über das Bettende geschlagene Decke und fragte, was das solle.
- Ich versuchte ihr gestikulierend zu erklären, dass ich nicht sprechen könne und dass die Decke so
- für mich in Ordnung sei. Sie verstand mich jedoch nicht. Stattdessen behandelte sie mich von
- diesem Moment an offenbar so, als sei ich kognitiv nicht in der Lage, meine Situation
- einzuschätzen.
- Sie nahm die Decke und deckte mich erneut zu – gegen meinen zunehmend heftiger werdenden
- Widerstand. Als ich versuchte, die Decke wieder zur Seite zu schieben, sagte sie zu einer
- vorbeigehenden Frau, die auf das Geschehen aufmerksam geworden war, sinngemäß: „Der will das
- Bett verlassen.“ Dabei machte sie eine Geste vor ihrem Gesicht, als sei ich nicht zurechnungsfähig.
- Die andere Frau verstand diese Geste offenbar und ging weiter.
- Als ich weiter versuchte, die Decke zur Seite zu ziehen, sprach die rothaarige Frau in einer kindlich-
- bevormundenden Weise mit mir, etwa: „Nein, nein, Sie dürfen das Bett nicht verlassen.“
- In mir stiegen Wut und Panik auf, auch aufgrund dessen, was ich bereits am Abend zuvor erlebt
- hatte. Unter der schweren Winterdecke bekam ich einen Schweißausbruch. Immer wieder zog sie
- mir die Decke bis unters Kinn, sobald ich es geschafft hatte, mich ein Stück weit davon zu befreien.
- Als meine Befreiungsversuche nicht nachließen, wurde die Frau zunehmend aggressiv. Schließlich
- stellte sie die Seitengitter meines Bettes hoch.
- Auf mich wirkte sie in diesem Moment regelrecht fixiert auf die Vorstellung, ich sei nicht Herr
- meiner Sinne und wolle das Bett verlassen. Dabei hatte ich mit meinen Gesten gerade das Gegenteil
- deutlich zu machen versucht: Ich wollte nicht aus dem Bett steigen, sondern lediglich die schwere
- Decke von meinem Oberkörper bekommen, weil mir darunter heiß wurde und das Atmen
- schwerfiel.
- Dennoch schien sie sich berufen zu fühlen, mich gegen meinen erkennbaren Willen daran zu
- hindern. Je mehr ich versuchte, mich verständlich zu machen, desto bestimmender und aggressiver
- ging sie gegen mich vor.
- Ich wusste mir schließlich nicht mehr anders zu helfen, als meinen durchdringenden,
- hochfrequenten Schrei auszustoßen – meine letzte verbliebene Möglichkeit, extreme Not und
- Widerstand hörbar zu machen.
- Spätestens zu diesem Zeitpunkt schien sich die rothaarige Frau der Wirkung ihres Handelns bewusst
- zu werden, denn ihr Verhalten veränderte sich. Ihr gegen meinen Willen gerichtetes körperliches
- Eingreifen trat nun in den Hintergrund. Zwar versuchte sie weiterhin, mich vermeintlich am
- „Verlassen meines Bettes“ zu hindern, jedoch nur noch verbal.
- Während ich weiter nach Hilfe schrie, sprach sie aktiv vorbeikommende Mitarbeitende und
- Personen an. Dabei äußerte sie sinngemäß, sie sei froh, nicht in der Altenpflege tätig zu sein, da siedort täglich mit solchen „verwirrten Alten“ zu tun hätte. Außerdem ging sie in angrenzende
- Zimmer, offenbar um den Lärm auf dem Flur zu erklären.
- Für mich entstand der Eindruck, dass sie nun vor allem darum bemüht war, die Situation gegenüber
- anderen zu deuten, bevor jemand mich selbst nach dem Grund meiner Schreie fragen konnte. Sie
- stellte mich dabei sinngemäß als geistig verwirrt dar und vermittelte den Eindruck, sie müsse
- verhindern, dass ich mein Bett verlasse und orientierungslos umherirre.
- Tatsächlich schrie ich jedoch nicht, weil ich das Bett verlassen wollte. Aufgrund meiner ALS-
- Erkrankung hätte ich das Bett auch gar nicht selbstständig verlassen können. Ich schrie, weil ich
- gegen meinen Willen zugedeckt, durch die hochgestellten Seitengitter weiter eingeschränkt und in
- meiner Not nicht verstanden wurde.
- Etwa eineinhalb Stunden nachdem ich auf dem Flur abgestellt worden war, fand dieses Martyrium
- ein Ende. Ich wurde auf die Station zurückgebracht.
- Nachdem ich meine Fassung einigermaßen wiedergewonnen hatte, spielte ich der herbeigerufenen
- Schwester über meine TTS-App meine Frage vor: „Wann werde ich nach Hause entlassen?“
- Ihre Antwort war für mich ein neuer Schock. Sie erklärte sinngemäß, der Arzt habe entschieden,
- dass ich nicht nach Hause entlassen, sondern verlegt werden solle.
- Daraufhin erklärte ich der Stationsschwester erneut unmissverständlich über meine TTS-App: „Ich
- verlange, sofort nach Hause entlassen zu werden!“ Sie antwortete, sie werde dies dem Stationsarzt
- mitteilen.
- In meiner Verzweiflung kontaktierte ich anschließend meine Bevollmächtigte Karin Schwarzkopf.
- Aus dem Signal-Verlauf ist ersichtlich, wie dringend meine Lage für mich war: Ich schrieb unter
- anderem, sie möge mich bitte abholen, ich könne nicht mehr, ich halte keine Stunden mehr aus und
- man wolle mich gegen meinen Willen verlegen.
- Karin kam daraufhin in die Klinik und bestand auf meiner sofortigen Entlassung.
- Anlage: Signal-Verlauf mit meiner Bevollmächtigten Karin Schwarzkopf am Tag der Entlassung.
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