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Drachenlord II

a guest Jul 18th, 2016 3,648 Never
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  1. Link zum ersten Teil: http://pastebin.com/YdU1QJXt
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  3. Kinder brauchen Strukturen und Konsequenz. Handlung a zeigt Folge b; so lernen Kinder, Handlung a entweder zu wiederholen oder zu unterlassen. Wenn aber Handlung a mal Folge b zeigt und mal nicht, und Handlung c ebenfalls mal Folge b hat und mal nicht, verstehen Kinder bald die Welt nicht mehr, fühlen sich überfordert und fürchten ständig, irgendwas falsch zu machen. Außerdem reagieren sie auf negative Folgen bald aggressiv, weil sie diese nicht mit eigenem Fehlverhalten kausal verknüpfen können und sich also ungerecht behandelt fühlen.
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  5. Weiterhin ist Kausalität ein Modell, das schon im frühkindlichen Hirn immer wieder benutzt wird, um die Welt zu verstehen. Wenn die Eltern sich um ihr Kind nicht kümmern und ihm nur immer mal wieder Zuneigung zukommen lassen, dann bringen sie ihrem Kind ohne es zu wollen bei, dass zwischen dem Geliebtwerden und seinem Verhalten irgendein Zusammenhang bestehen muss. Das Kind lernt, dass Liebe verdient werden will und entwickelt Sendungsbewusstsein und Geltungsdrang.
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  7. Freilich werden nur die wenigsten Leute ständig bedingungslos geliebt – folglich entwickeln sehr, sehr viele Menschen eine narzisstische Tendenz. Wer aber mit normaler Selbstreflexionsfähigkeit ausgestattet ist, lernt halt irgendwann, sich selbst realistisch einzuschätzen, seine Stärken und Schwächen zu akzeptieren und entwickelt folglich gesunden Selbstwert.
  8. Reiner ist dafür zu blöde. Er kann nichts richtig, also kann er gar nicht anders, als die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Und weil er gelernt hat, dass es Anerkennung nicht für umme gibt, muss er sie sich verdienen, um sie aber zu verdienen, muss er Leistung zeigen. Wie aber Leistung zeigen, wenn man eigentlich nichts kann?
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  10. Was hat Reinerle eigentlich gelernt? Dass er ein danz doll besonderer Mensch ist. Also bildet er sich darauf etwas ein – er hat ja sonst nichts, worauf er sich etwas einbilden könnte. Und beginnt also, seinen Sonderstatus zur Leistung umzudeuten und dafür lauthals Anerkennung einzufordern. Reiner braucht länger als die anderen, alles fällt ihm schwerer – also muss er auch für schlechtere Leistungen mehr gelobt werden als die anderen.
  11. Wenn seine Sonderschule integrativ war, ist er in einer Klasse mit richtig behinderten Kindern, also so ganz armen Würstchen, bei denen die Chromosomenzahl nicht stimmt. Von den genetisch gesunden Kindern wird in solchen Klassen gefordert, dass sie besondere Rücksicht nehmen, besondere Reife zeigen, sich bescheiden.
  12. Dann kommt aber so ein geltungssüchtiger Quallemann wie Reiner daher, den seine immer fetter werdende Mutti auch schon ganz gut rundgenudelt hat und fordert ständig Sonderlob. Das bleibt ihm verwehrt, heißt für ihn: ‘Ich werde gemobbt.‘ Im Lesen und Schreiben wird er dann womöglich noch von einem fleißigen Mädel mit Martin-Bell-Syndrom überholt und ist endgültig unten durch.
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  14. Endlich aus der Schule raus wird er postwendend in eine ‘berufsvorbereitende Maßnahme‘ gesteckt und landet zwischen lauter anderen Dullis, die zwar noch Zahlen und Buchstaben verwechseln, aber trotzdem fest davon überzeugt sind, die Welt würde sich um ihren Arsch drehen. Und hier, zwischen lauter großmäuligen Hauptschulversagern, ist Reiner zum ersten Mal im Leben unter seinesgleichen.
  15. Jetzt hat er zwei Aufgaben:  
  16. 1.) Seinen Platz in der Gruppe finden, also sich anpassen, Vorbilder emulieren, Teil eines Ganzen werden.
  17. 2.) Ein Distinktionsmerkmal entwickeln, also unverwechselbar werden
  18. Reiner erledigt beides zusammen, indem er sich einer Subkultur anschließt. Dazu braucht es wiederum zwei Dinge, die im Leben eines Jungen natürlich nicht fehlen dürfen, nämlich laute Mucke und schön saufi machen. Als Meddler kann er beides tun.
  19. Warum wird er Meddler? Hibbhobber und Raver sind zu sportlich. Das sind durchtrainierte Tänzer, die gern Drogen nehmen und im Club das Oberteil ausziehen. Reiner hat Herrentitten und keine Kohle für Drogen, also sind Raver und Hibbhobber gleich der Feind.
  20. Was Subkulturen anbelangt, sind Meddler sowas wie der Besenwagen. Wer die Aufnahmekriterien anderer Kreise nicht erfüllt, findet seine Heimat im Meddl. Man muss nicht tanzen können, nicht mitsingen und braucht nicht groß Kohle für Drogen oder Markenklamotten – ein Bändschirt reicht. Man kann auch aussehen wie mit dem Brotkanten aus dem Wald gelockt und genau so riechen, egal, basst scho. Hauptsache man hat ein großes Maul und kann herumposen. Reiner und der Meddl, das passt wie Faust aufs Gretchen. Die Erbärmlichkeit der peer group kann man sich ja schönsaufen und reden muss man mit dem Gesocks auch nicht, dafür ist die Mucke ja eh zu laut.
  21. Der Spezialwortschatz der Meddler bietet Reiner außerdem herrliche Gelegenheit, endlich mal Fachmann zu sein. Die vielen verschiedenen Genn-Rehs sind für ihn unverzichtbares Fachwissen und natürlich hält er sich sofort für einen mit allen Wassern gewaschenen Profi, weil er Pagahnmeddl und Deffmeddl auseinanderhalten kann – wenn ihm jemand vorher zweimal g’sacht hat, dess des etzadla fei Pagahnmeddl is.
  22. Jetzt ist Reiner wer, jetzt hat er was. Jetzt hat er auch Leute, die ihn toll finden müssen, nur weil er ein bestimmtes Schört trägt und ohne Rücksicht auf Verluste mit der hässlichen Rübe wackelt. Davon wird er natürlich nicht klüger: In seiner neuen Rolle als Stimmungskanone scheitert er innerhalb eines Jahres in drei beruflichen Tätigkeiten, dann verlängert die Zeitarbeitsfirma seinen Vertrag nicht mehr. Die nächste wirft ihn gleich nach dem ersten Fehlversuch aus der Kartei, vermutlich wegen großem Maul und Inkompetenz gepaart mit Trägheit und Respektlosigkeit. Aber als Meddler darf er auch stolz darauf sein, dumm wie Schifferscheiße durchs Leben zu watscheln. Bestätigung und Anerkennung findet er auch dafür, einfach der größte Hohldübel der Gruppe zu sein; der dickste ist er ohnehin.
  23. In dieser Phase muss vermutlich auch ein besoffenes Kekswichsen dafür herhalten, später als bisexuelle Erfahrung hochgejuxt und nimmermüde zum Beweis der eigenen Bewandertheit herausposaunt zu werden – aber Reiners Sexualität verdient eine gesonderte Behandlung.
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  25. Mit der Tätigkeit als Türstopper beim Plaste-Jakob hat Reiner endlich auch eine Identität als Mann, der wie es sich für einen Mann gehört eine Arbeitsstelle hat.  
  26. Jetzt müsste eigentlich die Zeit stillstehen. Reiner hat nach einigen Anlaufschwierigkeiten endlich einen Platz gefunden, wo er immer sein kann, er hat eine Gruppe, die ihm die Anerkennung liefert, die er zum Funktionieren braucht und die ihn stützen kann, bis Reiner sich in seiner überschaubaren Welt zurechtfindet, sich eine geeignete Vaterfigur sucht und ein Gespür für den eigenen Wert entwickelt. Als mittelprächtiger Sonderschüler mit schlechtem Start hat Reiner es doch noch geschafft.
  27. Aber Pustekuchen: die Firma macht pleite und Reiner ist plötzlich allein und völlig schrankenlos, weil Rudi eingebuddelt wird.
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  29. Aus dem Hochgefühl heraus wird Reiner in eine völlig neue Situation geschleudert, die er aber erstmal bis zum Anschlag auskostet: Endlich darf er tun und lassen, was er will. Statt in die Zukunft zu schauen, die plötzlich alles andere als rosig aussieht, verlässt er sich ganz auf seine imaginierten Fähigkeiten als großer Zampano – schließlich ist er das ja eben noch gewesen! Mutti weg? Na endlich! Die olle Presswurst hat sich eh nie gekümmert und zuletzt immer nur rumgeheult. Arbeit weg? Scheißegal, es ist ja trotzdem Kohle die schwere Menge da! Und als Erstgeborener übernimmt er den Hof, ob in echt oder nur pro forma ist ja ersma egal, sowohl ihm als auch der minderjährigen Dorfjugend, die er jetzt im Erdgeschoss bewirtet, bis es da aussieht wie bei Cracknegers unterm Bett, komplett mit Graffiti und Löchern in der Wand.
  30. Langeweile kommt auch nicht auf, denn endlich darf Reiner ins Internet.
  31. Statt in sich zu gehen, die Lage realistisch zu bewerten und rasch die richtigen Schlüsse zu ziehen, spielt Reiner König der Drachenschanze, legt sich in edler Bescheidenheit den Beinamen „Lord“ zu und schwelgt in der irrigen Annahme, dass jetzt endgültig das süße Leben seine Vollendung gefunden hat.
  32. Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
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