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Jean Ziegler - ÄNDERE DIE WELT!

Apr 22nd, 2015
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  1. Jean Ziegler
  2. ÄNDERE DIE WELT!
  3. Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen
  4.  
  5. VORWORT
  6. Eine Nacht in Olinda
  7. Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen.
  8. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich […] einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch
  9. imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle.
  10. Bertolt Brecht, Leben des Galilei1
  11. Ich erinnere mich an eine kühle Nacht in Olinda, der Halbinsel mit ihren Barockkirchen,
  12. Tavernen, Klöstern und den Slums am Ufer der Lagune nördlich von Recife, im Nordosten
  13. Brasiliens.
  14. Wir saßen gegenüber der Tür an einem Tisch, der sich unter Flaschen mit
  15. portugiesischem Weißwein, Schüsseln mit camarões und Hühnchen assado bog. Männer
  16. und Frauen – Bürger und Militärangehörige aus Recife, Priester aus Olinda, Händler aus
  17. Paraíba, Zuckerrohrbarone von der Küste, Viehzüchter aus dem Norden – kamen und
  18. gingen, schlugen die Türen ihrer Itamaraty-Limousinen zu und begrüßten sich lautstark
  19. von Tisch zu Tisch.
  20. Auf einmal tauchte direkt neben mir ein Junge von neun oder zehn Jahren auf, so alt wie
  21. damals mein Sohn. Er hatte eine ausgerenkte Hüfte und hinkte – und berührte mich am
  22. Arm. In einer Hand hielt er die übliche rostige Konservendose mit weißen Nüssen, die die
  23. Bettler in Recife an die Gäste in den Tavernen verkaufen. Der Schweizer Honorarkonsul,
  24. Besitzer großer Zuckerrohrplantagen im Caribé-Tal, der an unserem Tisch den Vorsitz
  25. führte, warf dem Jungen ein paar Centavos zu. Als er meine Verwirrung bemerkte,
  26. servierte er mir die abgedroschene Floskel, mit der die Herren des Nordens traditionell
  27. durchreisende Europäer abspeisen: »Der kleine Caboclo ist mein Freund. Er ist glücklich,
  28. wissen Sie: Er verdient ein paar Groschen, kauft dafür Bohnen und ein bisschen Reis bei
  29. einem Straßenhändler und legt sich unter einem Torbogen schlafen. Er muss weder in die
  30. Schule noch regelmäßig zur Arbeit gehen. Ach, wenn man doch so frei wäre wie er …!«
  31. Nie werde ich die Augen des kleinen Jungen vergessen. Ich stand unter einem Vorwand
  32. auf und fand ihn draußen, auf den Felsen am Meer sitzend. Sein Name war Joaquim. Er
  33. zeigte weder Wut noch Traurigkeit, die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Seine Geschichte
  34. war alltäglich: Sein Vater, ein wandernder Zuckerrohrschneider, litt an Tuberkulose und
  35. hatte seit zwei Jahren keine Arbeit mehr, seine vier jüngeren Geschwister und seine
  36. kranke Mutter warteten seit dem Morgen in einer Hütte des Slums auf der anderen Seite
  37. der Lagune auf ihn. Das Geld, das er mit dem Verkauf von ein paar Nüssen am Abend
  38. verdiente, war das ganze Einkommen der Familie.
  39. Joaquim hatte fiebrige Augen und wurde von Hunger gepeinigt. Der Koch streckte den
  40. Kopf aus einem Fenster der Taverne, und ich bat ihn, dem Jungen auf den Felsen eine
  41. Mahlzeit zu servieren. Als das Essen kam, breitete Joaquim eine alte Zeitung auf den
  42. Steinen aus. Mit zitternden Fingern leerte er einen Teller nach dem anderen – Reis, Huhn,
  43. fejão, caruru, Salat, Kuchen – über der Zeitung aus, verschnürte das Paket und
  44. verschwand in der Dunkelheit. Obwohl er selbst vom Hunger geplagt war, trug er das
  45. Essen zu seiner Mutter, seinem Vater und seinen Geschwistern.
  46. Ich kehrte in die Taverne zurück, setzte mich wieder an den Tisch und nickte zu dem
  47. albernen Geschwätz des Konsuls – kurzum, ich schlüpfte wieder in meine Rolle als
  48. Professor und als Abgeordneter (der ich damals war), der auf der Durchreise in Olinda ist.
  49. Warum habe ich meine Reise nicht unterbrochen? Und bin in den Slum gefahren? Habe
  50. nach Joaquim und seiner Familie gesucht? Am Morgen hatte ich mit dem Gouverneur
  51. gesprochen und am Mittag mit dem Bürgermeister, ich hatte Freunde in Recife. Wenn ich
  52. nicht weitergefahren wäre, hätte ich eine Arbeitsstelle für den Vater organisieren können,
  53. ein Krankenhausbett für die Mutter und ein Schulstipendium für Joaquim. Ich hätte eine
  54. Woche »verloren« oder einen Monat. Ich habe es nicht getan. Warum? Weil ich einen
  55. Zeitplan einhalten musste, Termine vereinbart hatte, eine soziale Rolle spielen, Berichte
  56. schreiben und Forschungen durchführen musste.
  57. »Ein schlechtes Gewissen ist ein lebendiger Feind«, hat Jean-Paul Sartre gesagt. Fjodor
  58. Dostojewski kämpfte sein ganzes Leben gegen diesen »lebendigen Feind«. In seinem
  59. Roman Die Brüder Karamasow (1880) findet sich folgender Dialog:
  60. Iwan Karamasow: »Ich will leben, und ich lebe, und sei es gegen die Logik. Auch wenn ich an die Ordnung der Dinge
  61. nicht glaube, aber die klebrigen, im Frühling sich entfaltenden Blättchen sind mir teuer, teuer ist mir der blaue Himmel,
  62. teuer ist mir mancher Mensch, den ich liebe, ohne zu wissen, warum, ob du’s mir glaubst oder nicht; teuer ist mir
  63. manche menschliche Tat, an die man vielleicht längst nicht mehr glaubt, die man aber trotzdem in alter Erinnerung von
  64. Herzen achtet.«
  65. Aljoscha: »Ja, unbedingt, [das Leben] lieben vor aller Logik, unbedingt vor aller Logik, dann erst wird auch der Sinn
  66. begreiflich. Die Hälfte deiner Sache ist getan, Iwan, und gewonnen. Du lebst gerne. Jetzt musst du dich auch um die
  67. zweite Hälfte bemühen, und du bist gerettet.«2
  68. Wie Iwan Karamasow lehne ich intellektuell diese Weltordnung ab. Aber wie er habe ich
  69. mich darin eingerichtet. Implizit nehme ich sie als normal hin. Durch mein alltägliches
  70. Handeln reproduziere ich sie.
  71. Wir haben uns selbst verstümmelt. Wie Millionen andere lebe auch ich ständig gegen
  72. mich. Zu tun, was man will, und zu wollen, was man tut, ist das Schwierigste, was es
  73. gibt. Niemand hat die richtige Theorie für seine Praxis, wir alle sind – in
  74. unterschiedlichem Ausmaß – unaufrichtig, das heißt, wir lügen, geben uns Illusionen und
  75. Täuschungen hin. Wir schmieden unsere Ketten selbst, unermüdlich, mit Energie und
  76. Eifer. Wir füllen unsere sozialen Rollen aus, produzieren sie, reproduzieren sie, wie
  77. Beschwörungsrituale, als berge die Freiheit, die unerwartete Begegnung mit dem
  78. anderen, für uns schreckliche Gefahren. Aber diese Rollen ersticken uns, schnüren uns
  79. langsam die Luft ab. Tief in unseren Köpfen haben wir Ketten, die uns hindern, frei zu
  80. denken, zu schauen, zu gehen, zu träumen, zu fühlen.
  81. Aljoscha hat recht: Der Mensch lebt, bildet sich, wächst, entfaltet sich nur mit der Hilfe
  82. anderer Menschen. Das Geheimnis der Beziehung ist viel größer als das Geheimnis des
  83. Seins. Um den Sinn des Lebens zu entdecken, genügt es nicht, das Leben zu lieben. Wir
  84. stoßen nicht auf den Sinn, wie wir beim Gehen an einen Stein stoßen. Der Sinn entsteht,
  85. setzt sich zusammen, offenbart sich. Er erwächst daraus, dass ich in der freien Beziehung
  86. zu einem anderen Menschen das bekomme, was ich nicht habe. Deshalb ist eine soziale
  87. Ordnung, die nicht auf wechselseitigen Beziehungen gründet, darauf, dass die Menschen
  88. sich ergänzen, sondern auf Konkurrenz, Beherrschung und Ausbeutung, zum Scheitern
  89. verurteilt.
  90. Warum diese Entfremdung? Warum verdrängen wir freiwillig diesen fantastischen
  91. Reichtum an Schöpferkraft, an Wünschen, den jede und jeder von uns besitzt? Warum
  92. sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts wir Menschen im Westen, die wir so großartige
  93. Privilegien errungen haben – Freiheiten, Rechte gegen die Willkür –, die wir den Mangel
  94. besiegt, das Geheimnis des Universums, der Sterne, des Atoms, des Lebens gelüftet und
  95. den Tod um Jahrzehnte hinausgeschoben haben, dennoch unfähig, das Joch unserer
  96. Rollen abzuschütteln, in Freiheit und Liebe die unerwartete Begegnung anzunehmen und
  97. endlich unserem Leben einen kollektiven Sinn zu verleihen?
  98. Mein Buch versucht, auf einige dieser Fragen Antworten zu geben. Es enthält Einsichten,
  99. die nach meiner Einschätzung hilfreich sind, um unsere Situation zu verstehen und
  100. aufzuzeigen, was wir tun müssen, um sie zu verändern.
  101. In den letzten dreißig Jahren hat sich die Welt zutiefst gewandelt.
  102. Mit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs im August 1991 verschwand die weltweite
  103. Bipolarität der Staatsgesellschaften. Aus den Ruinen der alten Welt tauchte eine neue
  104. Tyrannei auf: die Tyrannei der Oligarchien des globalen Finanzkapitals.
  105. Hunger und Not sind zurück in Europa. Nach Angaben von UNICEF waren 2013 in Spanien
  106. 11 Prozent der Kinder unter zehn Jahren unterernährt. Die sogenannte
  107. »Sockelarbeitslosigkeit« liegt in den 28 Staaten der Europäischen Union bei 30,2 Millionen
  108. Männern, Frauen und Jugendlichen. Besonders schlimm ist sie bei den jungen Leuten
  109. unter fünfundzwanzig.
  110. Die hochfliegenden Hoffnungen, die die antikolonialistischen Befreiungsbewegungen im
  111. letzten Jahrhundert geweckt haben, sind zerplatzt. In Schwarzafrika, in Mittelamerika und
  112. in mehreren asiatischen Ländern sind aus diesen Kämpfen Rumpfstaaten ohne echte
  113. Souveränität hervorgegangen, in denen Korruption und Elend herrschen.
  114. Die Präambel der im Juni 1945 verabschiedeten Charta der Vereinten Nationen beginnt
  115. mit folgenden Worten: »Wir, die Völker der Vereinten Nationen, fest entschlossen,
  116. künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren
  117. Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat …« Aber die Kriege sind
  118. wieder da, so furchtbar wie eh und je. Nach den blutigen Auseinandersetzungen im
  119. ehemaligen Jugoslawien, auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak wüten heute Kriege
  120. in Syrien, im Jemen, im Ostkongo, im Süden und Westen des Sudan, in der
  121. Zentralafrikanischen Republik, in Myanmar, auf den Philippinen und in weiteren Regionen
  122. der Welt.
  123. Die multiethnische, laizistische, multikulturelle Nation ist eine Errungenschaft der
  124. Zivilisation. Heute ist sie existenziell bedroht durch Schreckgespenster, die sich erhoben
  125. und Gestalt angenommen haben: den Dschihadismus, den christlichen, jüdischen,
  126. hinduistischen und buddhistischen Fundamentalismus, den gewaltbereiten Rassismus und
  127. aufklärungsfeindliches Denken jeder Couleur, allesamt Feinde der Vernunft. In
  128. zahlreichen westlichen Ländern gewinnen antidemokratische Parteien der extremen
  129. Rechten bei jeder Wahl dazu und vergiften das kollektive Bewusstsein.
  130. Die Beziehungen zwischen Mensch und Natur haben sich verändert. Es ist ein neues
  131. Bewusstsein für die Gefährdung des Lebens auf der Erde und die Endlichkeit der
  132. natürlichen Ressourcen entstanden. Aber die Zerstörung der Natur schreitet fort.
  133. Überall werden die Menschenrechte, diese grundlegende Errungenschaft, die man nach
  134. der Schlächterei im Zweiten Weltkrieg für unumstößlich hielt, mit Füßen getreten. Die
  135. Rechte auf Essen, Wohnen, einen Arbeitsplatz, auf Gesundheit, körperliche Unversehrtheit
  136. und Freizügigkeit werden heute auf allen fünf Kontinenten jeden Tag massiv verletzt.
  137. Es ist wieder legitim, Menschen zu foltern. Folter wird als »notwendig« und sogar
  138. »unvermeidlich« erklärt, und das nicht nur von Schurkenstaaten, sondern auch in einem
  139. Dekret des vorletzten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.3
  140. Der schottische Philosoph Edmund Burke schrieb im 18. Jahrhundert: »All that evil needs
  141. to triumph is the silence of good men« (»Alles, was das Böse braucht, um zu
  142. triumphieren, ist das Schweigen der guten Menschen«).
  143. Wenn alle Welt schweigt, den Blick abwendet, nicht zuhört, passiv bleibt, von Schicksal
  144. spricht, vom normalen und unvermeidlichen Lauf der Dinge, muss der »gute Mensch«
  145. Fragen stellen, nachforschen, die Ursachen untersuchen, die Interessen, die im Spiel sind,
  146. die Verantwortlichkeiten, die Dinge beim Namen nennen, auf die Schuldigen hinweisen,
  147. wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Kalküle ans Licht bringen, die
  148. Menschenleben zerstören. Er muss den Frauen und Männern, die die Welt verändern
  149. wollen, Waffen in die Hand geben.
  150. Régis Debray hat das so zusammengefasst: »Die Aufgabe des Intellektuellen ist es
  151. nicht, Liebenswürdigkeiten zu verteilen, sondern zu sagen, was ist. Er will nicht verführen,
  152. sondern bewaffnen.«
  153. Das Buch hat folgenden Aufbau:
  154. Zuerst versuche ich die Frage zu beantworten: Was nützt ein Intellektueller? Wissen ist
  155. nie neutral. Wie jede andere Wissenschaft ist die Soziologie ein Instrument, das befreit
  156. oder unterdrückt. Anschließend werden wir sehen, wie Ungleichheiten zwischen den
  157. Menschen entstehen. Im dritten und vierten Kapitel versuche ich, Ursprung und Funktion
  158. von Ideologien auf der einen Seite und der Wissenschaft auf der anderen Seite
  159. aufzuzeigen. Die Menschen sind nie so, wie sie zu sein glauben. Die Entfremdung des
  160. Bewusstseins hat in den letzten dreißig Jahren enorm zugenommen. Davon erzählt das
  161. fünfte Kapitel. Im sechsten Kapitel geht es um den Staat und im siebten um die Nation.
  162. Das achte Kapitel behandelt die Frage: Wie entsteht und entwickelt sich die Gesellschaft?
  163. Das neunte Kapitel ist den Völkern gewidmet, die keine Stimme haben.
  164. Denken wurzelt immer in einem kulturellen und intellektuellen Nährboden, der bereits
  165. vorhanden ist. Ich werde darlegen, wessen Erbe ich bin, wer mein Denken angeregt hat
  166. und weiterhin anregt. Ich werde auch darlegen, wo ich mit denen, die mir auf dem Weg
  167. vorangegangen sind, und denen, die mich begleitet haben und noch begleiten,
  168. übereinstimme und wo nicht.
  169. Und schließlich werde ich erläutern, welche Hoffnung das Buch durchzieht. Ein neues
  170. Subjekt der Geschichte ist im Entstehen begriffen: die neue, weltumspannende
  171. Zivilgesellschaft. Sie tritt an, die kannibalische Weltordnung zu vernichten. Mein Buch ist
  172. kein Buch der Utopie, sondern ein Handbuch für den Kampf, für den Aufstand dieser
  173. tausendfältigen Widerstandsfront, dieser mysteriösen Bruderschaft der Nacht.
  174. Das Buch ist auch eine intellektuelle Autobiografie. Über drei Jahrzehnte war ich
  175. Professor für Soziologie an afrikanischen, brasilianischen und französischen Universitäten,
  176. vor allem und ganz besonders intensiv aber an der Universität Genf. Im Gegensatz zu
  177. meinen vorausgegangenen Büchern Die neuen Herrscher der Welt; Das Imperium der
  178. Schande; Der Hass auf den Westen; Wir lassen sie verhungern enthält Ändere die Welt!
  179. relativ viele philosophisch-theoretische Elemente. Sie inspirieren und beeinflussen meine
  180. Arbeit seit vielen Jahren.
  181. Bei Ernst Bloch steht der paradoxe Appell: »Vorwärts zu unseren Wurzeln!« Für
  182. zahlreiche Leserinnen und Leser gehören mehrere der hier vielfach zitierten Autoren ins
  183. Neolithikum der Sozialwissenschaften. Karl Marx, Georg Lukács, Max Horkheimer, Jean-
  184. Paul Sartre – um nur einige zu nennen – sind die Begründer des radikal kritischen
  185. Bewusstseins im Kapitalismus. Alle ihre Werke sind von bestechender Aktualität. Die
  186. Mechanismen der Entfremdung, die Schaffung eines homogenisierten Bewusstseins, die
  187. akuten Flurschäden des grassierenden Neoliberalismus bleiben ohne sie unverständlich.
  188. Wir stehen in ihrer Schuld im Sinne des inzwischen geflügelten Wortes: Wir sind Zwerge
  189. auf den Schultern von Riesen … und sehen deshalb weiter als sie.
  190. Ich stelle mir die Frage, wie nützlich mein berufliches Wirken war. Dieses Buch versucht,
  191. seinen Sinn aufzuspüren.
  192. Zum ersten Mal in der Geschichte des Planeten ist heute der objektive Mangel an
  193. materiellen Gütern, die zum elementaren Überleben der Menschen nötig sind,
  194. überwunden.
  195. Karl Marx starb am 14. März 1883 friedlich in dem einzigen Sessel seiner bescheidenen
  196. Wohnung in London. Bis zum letzten Atemzug war er überzeugt, dass der objektive
  197. Mangel – das verfluchte Paar aus Herr und Knecht, die miteinander um die Kontrolle über
  198. die knappen Güter ringen, die alle Menschen zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse
  199. brauchen – die Menschheit noch über Jahrhunderte begleiten würde. Seine gesamte
  200. Theorie über den Klassenkampf, die weltweite Arbeitsteilung, den Staat als Überbau
  201. gründet auf der Hypothese, dass der Mangel an Gütern fortbesteht. Aber Marx hat sich
  202. getäuscht. Seit seinem Tod hat die Menschheit eine großartige Abfolge
  203. wissenschaftlicher, technischer, elektronischer und industrieller Revolutionen erlebt, die
  204. das Potenzial der Produktivkräfte auf unserem Planeten auf außerordentliche und
  205. vollkommen unvorhersehbare Weise um ein Vielfaches gesteigert haben. Der objektive
  206. Mangel wurde tatsächlich überwunden.4
  207. Ich nenne nur ein einziges Beispiel: das tägliche Massaker des Hungers, dem jedes Jahr
  208. viele Millionen Menschen zum Opfer fallen. Zum ersten Mal in der Geschichte besteht
  209. heute das Problem nicht darin, dass zu wenig Nahrungsmittel erzeugt werden, sondern
  210. dass auf skandalöse Weise unzählige Menschen aus Mangel an finanziellen Mitteln keinen
  211. Zugang zu Nahrungsmitteln haben, die andernorts im Überfluss vorhanden sind.
  212. Erinnern wir uns an die älteste, strahlendste Erklärung der Menschenrechte, die direkt von
  213. Jean-Jacques Rousseau und seinem Gesellschaftsvertrag inspiriert wurde: die Erklärung,
  214. die die amerikanischen Revolutionäre am Morgen des 4. Juli 1776 in Philadelphia
  215. verabschiedeten. Sie ist als Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten
  216. Staaten vorangestellt. Verfasst wurde sie von Thomas Jefferson und Benjamin Franklin.
  217. Darin heißt es:
  218. »Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich
  219. geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten
  220. ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass
  221. zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die
  222. ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn
  223. irgendeine Regierungsform sich für diese Zwecke als schädlich erweist, es das Recht des
  224. Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und sie
  225. auf solchen Grundsätzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie
  226. es zur Gewährleistung ihrer Sicherheit und ihres Glücks geboten zu sein scheint.«5
  227. Im Jahr 1776 kam das Menschenrecht auf das Streben nach Glück noch einer Utopie
  228. gleich. Die auf dem Planeten verfügbaren Güter reichten ganz einfach nicht aus, um die
  229. Grundbedürfnisse aller zu befriedigen. Heute hingegen könnte dieses Recht für alle
  230. Menschen Realität werden, egal, wo und in welcher Gesellschaft sie leben. Um genau zu
  231. sein: Ich spreche hier von materiellen Bedürfnissen und materiellen Gütern zu ihrer
  232. Befriedigung. Das immaterielle Unglück – Einsamkeit, Liebeskummer, Trauer,
  233. Verzweiflung – ist ein anderes Kapitel. Aber, darauf beharre ich: Das materielle Leid, das
  234. immer noch Hunderte Millionen unserer Zeitgenossen quält, könnte morgen beseitigt
  235. sein.
  236. Wir leben in einer absurden Weltordnung. Jeder von uns, an welchem Ort er sich
  237. befindet und zu welcher Gesellschaft er gehört, kann viel zu ihrer Bekämpfung und
  238. Überwindung beitragen.
  239. Mein Buch erhebt natürlich nicht den Anspruch, eine Bestandsaufnahme aller aktuellen
  240. Kämpfe gegen die Entfremdung zu liefern oder eine vollständige Liste der vorhandenen
  241. analytischen Konzepte. Es werden nur die vorgestellt, die direkt mit meiner
  242. wissenschaftlichen und politischen Erfahrung verbunden sind und darum mit den
  243. praktischen und theoretischen Kämpfen für die Emanzipation der Menschen, an denen ich
  244. mich beteiligen wollte und weiterhin beteiligen will. Insofern gibt das Buch eine Erfahrung
  245. wieder, ist es eine Rechenschaft mit einem unvermeidlich schicksalhaften und subjektiven
  246. Anteil.
  247. Die Suche nach dem Sinn der Gesellschaft, der Geschichte, des Lebens kann immer nur
  248. ein kollektives Unterfangen sein. Sie findet in den und durch die praktischen und
  249. theoretischen Auseinandersetzungen statt, in denen wir Akteure und Thema zugleich
  250. sind. Jeder von uns, der Autor wie der Leser, ist das konkrete Produkt einer komplexen
  251. Dialektik zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen. Das Verlangen nach Totalität
  252. und das Streben nach Sinn sind den Menschen angeboren. In dem Maß, wie mein Buch
  253. dazu beiträgt, kann es auf einen Wunsch des Lesers antworten, wird es eine gemeinsame
  254. Arbeit und erhält es seine Legitimität.
  255. 1 75. Auflage, Frankfurt am Main 2013, Drittes Bild. S. 34 f.
  256. 2 Fjodor Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, aus dem Russischen von Swetlana Geier, Frankfurt am Main 2006, S. 371
  257. f.
  258. 3 Mit einer executive order zog George W. Bush im Juni 2004 die amerikanische Unterschrift unter die Konvention der
  259. Vereinten Nationen zurück, die Folter und andere Formen unmenschlicher Behandlung verbietet. Seine Begründung
  260. lautete: »Der amerikanische Präsident hat die verfassungsmäßige Gewalt, eine Militäraktion zum Schutz des
  261. amerikanischen Volkes durchzuführen …« Damit wurde das Verbot der Folter bei Verhören auf Anordnung des
  262. Oberbefehlshabers aufgehoben (»The prohibition against torture must be construed as inapplicable to interrogation
  263. undertaken pursuant to his commmander-in-chief-authority«).
  264. 4 Vgl. François Perroux, Vorwort zu OEuvres de Karl Marx, Bd. I, L’Économie, Paris 1965.
  265. 5 Text der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: http://usa.usembassy.de/etexts/gov/unabhaengigkeit.pdf. In der
  266. vom Konvent von Virginia im Zuge der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung verabschiedeten Grundrechtserklärung
  267. war erstmals vom »pursuit of happiness« (vom Recht auf das »Streben nach Glück«) die Rede.
  268.  
  269. ERSTES KAPITEL
  270. Was nützt ein Intellektueller?
  271. Lerne das Einfachste! Für die
  272. Deren Zeit gekommen ist
  273. Ist es nie zu spät!
  274. Lerne das Abc, es genügt nicht, aber
  275. Lerne es! Laß es dich nicht verdrießen!
  276. Fang an! Du mußt alles wissen!
  277. Du mußt die Führung übernehmen.
  278. Lerne, Mann im Asyl!
  279. Lerne, Mann im Gefängnis!
  280. Lerne, Frau in der Küche!
  281. Lerne, Sechzigjährige!
  282. Du mußt die Führung übernehmen.
  283. Suche die Schule auf, Obdachloser!
  284. Verschaffe dir Wissen, Frierender!
  285. Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe.
  286. Du mußt die Führung übernehmen.
  287. Scheue dich nicht zu fragen, Genosse!
  288. Laß dir nichts einreden
  289. Sieh selber nach!
  290. Was du nicht selber weißt
  291. Weißt du nicht.
  292. Prüfe die Rechnung
  293. Du mußt sie bezahlen.
  294. Lege den Finger auf jeden Posten
  295. Frage: wie kommt er hierher?
  296. Du mußt die Führung übernehmen.
  297. Bertolt Brecht, Lob des Lernens6
  298. In den Jahren 1935/1936 hielt Georges Politzer an der Arbeiteruniversität von Paris eine
  299. Vorlesung mit dem Titel Elementare Prinzipien der Philosophie. Die Arbeiteruniversität
  300. wurde 1939 aufgelöst. Politzer, der Widerstandskämpfer gegen den Faschismus und
  301. aktive Kommunist, starb durch die Kugeln eines Exekutionskommandos der Nazis. Nach
  302. der Befreiung Frankreichs veröffentlichte einer seiner ehemaligen Studenten, Maurice Le
  303. Goas, die Aufzeichnungen, die er sich in Politzers Vorlesung gemacht hatte.
  304. Politzer konnte sich eine institutionelle Aufteilung des Wissens nicht vorstellen: Seine
  305. Vorlesung richtete sich an Männer und Frauen aus allen Berufen und allen Altersgruppen,
  306. die durch ihr Denken und Handeln Zeugnis von ihrer Entschlossenheit ablegten, eine
  307. ungerechte Gesellschaft zu verändern. Seine Ausführungen mussten deshalb für
  308. jedermann verständlich sein – weil sie sonst für niemanden verständlich gewesen wären.
  309. Wie Maurice Le Goas schrieb, sollte die Vorlesung den Arbeitern, jungen wie alten, Handund
  310. Kopfarbeitern, »eine Methode des Nachdenkens an die Hand geben, die ihnen
  311. erlaubt, unsere Zeit zu verstehen und ihr Handeln auszurichten, sowohl in ihrer Technik
  312. wie auf dem politischen und sozialen Feld«.7 Politzers Vorlesung ist für mich ein Modell
  313. pädagogischen Handelns.
  314. Indem ich hier die elementaren Prinzipien einer radikal kritischen oppositionellen
  315. Soziologie darlege, möchte ich einen möglichst wirksamen Beitrag dazu leisten, dass die
  316. Gerechtigkeit und das Bewusstsein der Menschen für ihre eigene Macht Fortschritte
  317. machen.
  318. Jede Gesellschaft spricht mit sich über sich selbst. Jeder Mensch hat vielfältige
  319. Meinungen über sich und andere. Die kollektiven und individuellen Vorstellungen, die
  320. Bilder, die die Menschen sich von ihrem Leben machen, bilden den Überbau der
  321. Gesellschaft. Die materiellen Umstände ihres Lebens, die Produktivkräfte und das
  322. dazugehörige Werkzeug bilden den Unterbau. Bilder und Realität, Überbau und Basis
  323. ergänzen sich und stehen zugleich im Widerspruch. Diese Beziehungen bilden die
  324. Gesellschaft.
  325. Es gibt nur eine Wissenschaft, nämlich jene, die jede metasoziale Begründung ablehnt:
  326. Alain Touraine hat als Erster 1973 in seinem grundlegenden Werk Production de la
  327. société8 die überzeugendste, theoretisch untermauerte Kritik an metasozialen
  328. Konzeptionen formuliert. Die metasoziale Begründung, so wie Alain Touraine sie definiert,
  329. geht von einer Instanz jenseits der Realität der Gesellschaft aus. Mittels solcher Instanzen
  330. erheben die Mächtigen den Anspruch, Bedeutungen zu legitimieren, bestimmte Praktiken
  331. aufzuzwingen, Verhaltensweisen zu reglementieren.
  332. In der Geschichte der Gesellschaften hat es den Rückgriff auf metasoziale Begründungen
  333. und die entsprechenden Instanzen immer gegeben. Er diente und dient dazu,
  334. unveränderliche, ahistorische »Wahrheiten« zu rechtfertigen und letzten Endes den
  335. Fortbestand der herrschenden Machtverhältnisse zu sichern.
  336. Drei Beispiele sollen das erläutern, zwei sind der französischen Geschichte entnommen,
  337. das dritte der Aktualität der Weltgesellschaft.
  338. Erstes Beispiel: Ludwig der Heilige, dessen Herrschaft im 13. Jahrhundert den
  339. Höhepunkt des Königtums der Kapetinger markierte, legitimierte seine Macht mit der
  340. Formel »Ludwig, durch die Gnade Gottes König von Frankreich«. Die metasoziale
  341. Begründung seiner Macht verweist auf die religiöse Ideologie. Der König empfing seine
  342. Macht von Gott, vermittelt durch die kirchliche Bürokratie. Der erste französische König,
  343. der gesalbt wurde, war Pippin der Kurze. Er wurde ein erstes Mal 751 von einer
  344. Versammlung von Bischöfen des Königreichs gesalbt, die in Soissons
  345. zusammengekommen waren, und ein zweites Mal 754 in Saint-Denis durch Papst Stephan
  346. II. Als letzter französischer König wurde Karl X. 1825 in der Kathedrale von Reims gesalbt.
  347. Metasoziale Begründungen können auch dazu dienen, komplexere politische
  348. Teilstrategien zu rechtfertigen. Dazu ein Beispiel:
  349. Suger, der Abt von Saint-Denis (der Abtei vor den Toren von Paris, die Grablege der
  350. französischen Könige ist), Ratgeber der Könige Ludwig VI. und Ludwig VII. sowie Kanzler
  351. des Reichs, illustriert, was damit gemeint ist. Suger wollte der im Entstehen begriffenen
  352. Monarchie eine solide Legitimität verschaffen und zugleich seine eigene Macht festigen.
  353. Das konnte er nur erreichen, indem er den Heiligen, dessen Reliquien die Abtei besaß,
  354. zum Beschützer des Reiches und wichtigsten Heiligen Frankreichs erhob.9 Darum musste
  355. er ein möglichst prunkvolles, luxuriöses und eindrucksvolles Heiligtum errichten. Doch
  356. weil damals Not und Hunger herrschten, gab es anhaltende und heftige Kritik an solch
  357. verschwenderischen Ausgaben. Suger fand einen Ausweg: In den Schriften, die er über
  358. die Verwaltung von Saint-Denis hinterlassen hat10 – in denen es um die Rekonstruktion
  359. der Kirche geht, um möglichst große Balken, kostbare Edelsteine, wundervolle
  360. Goldschmiedearbeiten, prächtige Fenster –, präsentiert er sich selbst als Instrument
  361. Gottes, des heiligen Dionysius und der anderen Heiligen. Er beteuert, seine
  362. Entscheidungen über Ausgaben, über teures Material und so weiter seien ihm in Visionen
  363. und durch Wunder »diktiert« worden. Somit geht sein Handeln aus der Heilsgeschichte
  364. hervor, die Ereignisse rechtfertigt, ihnen eine metasoziale Begründung verleiht und damit
  365. die Realität verschleiert.
  366. Heute ist die mächtigste und zugleich die gefährlichste metasoziale Begründungsweise
  367. die »Naturalisierung« ökonomischer Fakten. Die Oligarchien des globalisierten
  368. Finanzkapitals berufen sich auf sogenannte »Naturgesetze der Wirtschaft«, um den
  369. Menschen aus seiner eigenen Geschichte zu vertreiben, um präventiv jeden Ansatz von
  370. Widerstand, der ihm in den Sinn kommen könnte, zu brechen und ihre Profite
  371. abzusichern. Der »Weltmarkt«, die oberste Regelungsinstanz nicht nur für die Produktion
  372. und den Austausch von Waren, sondern auch für menschliche Beziehungen und Konflikte,
  373. wird auf diese Weise in den Rang einer »unfehlbaren unsichtbaren Hand« erhoben. Das
  374. Ziel aller Politik soll demnach die vollständige Liberalisierung sämtlicher Bewegungen von
  375. Kapital, Waren und Dienstleistungen sein, die Unterwerfung aller menschlichen
  376. Tätigkeiten unter den Grundsatz der Maximierung von Profit und Rentabilität und darum
  377. die Privatisierung aller öffentlichen Bereiche. Diese Strategie enthält ein Versprechen: das
  378. Versprechen, dass die Marktkräfte, wenn sie erst einmal endgültig der öffentlichen
  379. Kontrolle und allen territorialen Beschränkungen entzogen sind, unvermeidlich weltweites
  380. Wohlergehen erzeugen werden. Weil dann das Kapital automatisch in jedem Moment
  381. dorthin geht, wo es den maximalen Profit erzielen kann.
  382. James Wolfensohn, der einstige Wall-Street-Banker, Multimilliardär, begnadeter Pianist,
  383. ein warmherziger, kultivierter Mann, war bis 2005 Präsident der Weltbank. Sein Credo,
  384. das er unzählige Male leidenschaftlich auf internationalen Podien wiederholte, lässt sich
  385. auf folgendes Motto reduzieren: »stateless global governance«. Mit anderen Worten: Die
  386. Selbstregulierung des Weltmarkts, endlich befreit von aller Einmischung von Staaten,
  387. Gewerkschaften, Bürgern und so weiter, wartet am Horizont und ist das endgültige Ziel
  388. der Geschichte.
  389. Die »Marktgesetze« sind eine metasoziale Begründung, die zumal dadurch besonders
  390. gefährlich ist, als sie sich auf einen strengen Rationalismus beruft. Tatsächlich handelt es
  391. sich um nichts anderes als Hokuspokus, der uns glauben machen möchte,
  392. wissenschaftliche Strenge und die Strenge der »Marktgesetze« seien das Gleiche.
  393. Und noch etwas anderes gilt es zu verstehen: Indem sich die Diktatur des globalisierten
  394. Finanzkapitals hinter blinden »Marktgesetzen« verschanzt, zwingt sie uns eine
  395. geschlossene, starre Sicht der Welt auf, in der es keine menschliche Initiative gibt, kein
  396. geschichtliches Handeln, das aus der subversiven Tradition des noch nicht Existierenden,
  397. des Unvollendeten, der Freiheit erwächst.
  398. Um zu illustrieren, was ich meine, zitiere ich eine Erinnerung. Einige meiner Bücher, vor
  399. allem Eine Schweiz – über jeden Verdacht erhaben (1976), Die Schweiz wäscht weißer
  400. (1990) und Die Schweiz, das Gold und die Toten (1997) zogen den Hass der
  401. schweizerischen Bankiers auf sich. Um mich finanziell zu ruinieren und so zum Schweigen
  402. zu bringen, wurden neun Prozesse gegen mich angestrengt. Meine parlamentarische
  403. Immunität wurde aufgehoben. Die Schadenersatzforderungen summierten sich auf
  404. mehrere Millionen Schweizer Franken, und weil ich alle Prozesse verloren habe, war ich
  405. am Ende tatsächlich ruiniert. Doch trotz des Hasses, trotz aller
  406. Meinungsverschiedenheiten blieben einige persönliche Beziehungen bestehen. Eines
  407. Abends steige ich in den letzten Zug von Bern nach Genf, der ziemlich leer ist. Ein
  408. Privatbankier, Calvinist, in seiner strengen familiären und gesellschaftlichen Tradition
  409. eingesperrt wie in einer Zwangsjacke, bemerkt mich. Er vergewissert sich, dass außer uns
  410. niemand sonst in dem Abteil sitzt, und macht mir ein Zeichen. Ich setze mich ihm
  411. gegenüber. Wir diskutieren über die Lage in der Demokratischen Republik Kongo nach
  412. dem Tod von Laurent Kabila. Einige Tage zuvor habe ich im Hotel President Wilson in
  413. Genf dessen Sohn und Nachfolger Joseph Kabila getroffen. Die Tribune de Genève hat
  414. über die Begegnung berichtet.
  415. Der Bankier: »Du hast den jungen Kabila getroffen?«
  416. »Ja.«
  417. »Wie ist die Lage im Kongo?«
  418. »Furchtbar. In Kinshasa gibt es wieder Epidemien, es herrscht Hunger. Seit dem Jahr
  419. 2000 sind über zwei Millionen Menschen gestorben. Überall Elend, Krieg. Der Staat ist
  420. bankrott.«
  421. »Ich weiß. Einer meiner Cousins ist Missionar da unten … Er hat mir die Situation
  422. geschildert, sie ist schrecklich.«
  423. Ich gehe zum direkten Angriff über: »Mobutu hat über 4 Milliarden Dollar auf
  424. schweizerische Konten verschoben. Ich habe gehört, ein Teil der Beute liege bei deiner
  425. Bank.«
  426. »Du weißt, dass ich dir darauf keine Antwort geben kann. Bankgeheimnis … Aber unter
  427. uns gesagt: Mobutu war ein Dreckskerl. Mein Bruder hat erzählt, an dem heutigen Elend
  428. seien vor allem die Plünderungen unter Mobutu schuld.«
  429. Mittlerweile hat der Zug Romont weit hinter sich gelassen. Über dem Genfer See
  430. schimmern schwach die Lichter des Lavaux. Es regnet. Ich hake nach: »Also, warum gibst
  431. du das gestohlene Geld nicht einfach der neuen Regierung zurück? Du weißt genau, dass
  432. sie es sich nicht leisten kann, vor schweizerischen Gerichten jahrelang um die Rückgabe
  433. zu prozessieren.«
  434. Mein Gegenüber wirkt nachdenklich. Vor den nassen Zugfenstern ziehen Lichter vorbei.
  435. Schließlich sagt er mit fester Stimme: »Unmöglich! In die Kapitalflüsse kann man nicht
  436. eingreifen.«
  437. Wir werden im dritten Kapitel auf die neoliberale Wahnidee zurückkommen.
  438. Ein Bestand an »Werten« – die nicht aus der Erfahrung der Menschen hervorgehen, die
  439. nicht in ihrer Geschichte ihren Niederschlag finden, sondern die als unerschütterliche,
  440. ewige Leitsätze daherkommen – dient als Rechtfertigung für das Handeln der Mächtigen.
  441. Der Bruch mit den metasozialen Begründungen macht das materialistische, empirischrationalistische
  442. Wesen unserer Wissenschaft aus. Er gibt ihr ihre Realität zurück. Oder wie
  443. Edgar Morin schrieb: »Das Kriterium für Realität ist die Feststellung der empirischen
  444. Existenz des Phänomens, verbunden mit der strikten Beachtung der Regeln rationaler
  445. Logik … Das Kriterium der Realität, das nicht das Gefühl der Realität ist, erlaubt dem
  446. Gefühl der Realität, sich festzusetzen, Gestalt anzunehmen.«11
  447. Wie für jede Wissenschaft gilt auch für die Soziologie: Entweder ist sie materialistisch,
  448. oder sie ist gar nicht. Sie kann nur eine empirische und rationale Erklärung des
  449. Universums (des physischen, sozialen und so weiter) akzeptieren. Mit anderen Worten:
  450. Jede Gesellschaft erschafft sich selbst, sie hat keine anderen Bezüge, keine anderen
  451. Anhaltspunkte für ihre Legitimität, keine anderen Werte als die, die ihrer eigenen Praxis
  452. entspringen. Genau diese Selbsterschaffung der Gesellschaft will ich erläutern und
  453. verständlich machen.
  454. Wenn man die materialistischen Grundlagen der Wissenschaft erst einmal anerkannt
  455. hat, ist der nächste Schritt, die Verschleierungsstrategien zu entlarven, die auf
  456. metasoziale Begründungen zurückgehen. Wie schon gesagt: Jede Gesellschaft spricht zu
  457. sich selbst über sich. Aber jedes System der Selbstinterpretation – jedes kulturelle
  458. System, jede Ideologie, jede Religion – verhüllt, verbirgt, lügt und enthüllt zugleich. Was
  459. am meisten verborgen wird, ist besonders wahr. Was gezeigt wird, muss erklärt werden
  460. durch das, was nicht zu sehen ist. Ich habe gesagt, die Soziologie versuche zu verstehen,
  461. wie die Gesellschaft sich selbst hervorbringt. Um es noch präziser zu formulieren: Der
  462. Soziologe muss das aufspüren, entlarven, ans Licht bringen, was nicht in der
  463. Selbsthervorbringung der Gesellschaft auftaucht. Die Aufgabe ist schwierig, denn was da
  464. verborgen ist, wurde absichtlich versteckt.
  465. Jedes System der Selbstinterpretation ist vom Klasseninteresse durchdrungen und
  466. besetzt. Jede Ideologie, insofern sie behauptet, die »Wahrheit der Fakten«
  467. auszusprechen, ist eine Lüge. Die Aufgabe des Soziologen ist es, die historischen
  468. materiellen Bedingungen aufzudecken, unter denen diese »Wahrheit« produziert wurde,
  469. sowie die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Interessen ans Licht zu
  470. bringen, die sie kaschiert und denen sie dient. Er analysiert auch die Symbolsysteme, die
  471. als Instrumente verwendet werden, um die »Wahrheit« umzusetzen. Bei dieser Aufgabe
  472. muss er in jedem Augenblick berücksichtigen, was Bertolt Brecht über das Verhalten des
  473. Revolutionärs formuliert hat:
  474. Er fragt die Ansichten
  475. Wem nützt ihr?
  476. […]
  477. Und wo Unterdrückung herrscht und von Schicksal die Rede ist
  478. Wird er die Namen nennen.12
  479. Die Arbeit des Intellektuellen (und damit des Soziologen) ist definitionsgemäß subversiv.
  480. Seine Arbeit zielt darauf ab, ein Objekt real zu erfassen. Egal, was die subjektive Absicht
  481. des betreffenden Subjekts sein mag, das reale Erfassen eines Objekts ist immer ein
  482. subversiver Akt, das heißt ein Akt, der in Konflikt mit den herrschenden sozialen
  483. Strategien gerät. Indem der Soziologe aufzeigt, wie gesellschaftliche Strukturen
  484. entstehen, ihre Systeme der Selbstinterpretation, ihre apodiktischen Behauptungen,
  485. bringt er zugleich auch die Strategien ans Licht, mit denen sie erzeugt werden, und die
  486. Gewalt, die bei ihrer Entstehung am Werk ist, kurzum: ihre unabweisbare Kontingenz.
  487. Kein Machthaber kann das dulden.
  488. Ich übernehme folgendes Beispiel von Max Horkheimer: Napoleon war nach Preußen
  489. vorgedrungen und hatte dort die republikanischen Ideale verbreitet, die Menschenrechte,
  490. die Idee der Volkssouveränität, das Konzept der Staatsbürgerschaft. In der Völkerschlacht
  491. von Leipzig wurde die französische Armee 1813 geschlagen. Der preußische König stellte
  492. die autokratische Monarchie wieder her, in Potsdam triumphierte die Restauration. Aber
  493. der König hatte ein Problem: Er musste die Universität Berlin säubern und sich vor allem
  494. um den wichtigsten Lehrstuhl kümmern, den Lehrstuhl für Philosophie. Also ließ er in
  495. allen deutschen Staaten die Mitteilung anschlagen, dass er einen Philosophen suche, der
  496. in der Lage sein müsse, die »französische Drachensaat« auszumerzen, das heißt das
  497. republikanische Denken und all jene Ideen, die den Geist der Studenten vergifteten. In
  498. Heidelberg stießen die Werber des Königs auf den scharfsinnigen, brillanten Georg
  499. Wilhelm Friedrich Hegel, ein Reaktionär durch und durch, der von der monarchischen
  500. Restauration, autoritärem Denken und Gottesgnadentum überzeugt war und fest daran
  501. glaubte, dass der absolutistische Staat Vorrang gegenüber dem Individuum haben müsse.
  502. »Hegel […] war von einer verdrossenen Ablehnung spezifischer Verhältnisse so weit
  503. entfernt, daß der König von Preußen ihn nach Berlin berief, damit er den Studenten die
  504. gebührende Loyalität einschärfe und sie gegen politische Opposition immunisiere. Hegel
  505. tat sein Bestes in dieser Richtung und erklärte den preußischen Staat für die ›Wirklichkeit
  506. der sittlichen Idee‹ auf Erden. Aber das Denken ist eine eigentümliche Sache. Um den
  507. preußischen Staat zu rechtfertigen, mußte Hegel seine Studenten zur Überwindung der
  508. Einseitigkeit und der Beschränkungen des gewöhnlichen Menschenverstandes erziehen
  509. und zur Einsicht in den wechselseitigen Zusammenhang zwischen allen begrifflichen und
  510. realen Verhältnissen bringen. Überdies mußte er sie lehren, die menschliche Geschichte in
  511. ihrer komplexen und widersprüchlichen Struktur zu erfassen, den Ideen von Freiheit und
  512. Gerechtigkeit im Leben der Völker nachzugehen und zu erkennen, daß diese untergehen,
  513. wenn ihr Prinzip sich als unangemessen erweist und die Zeit für neue soziale Formen reif
  514. ist. Die Tatsache, daß Hegel seine Studenten im theoretischen Denken unterweisen
  515. mußte, hatte für den preußischen Staat durchaus zweideutige Folgen. Auf die Dauer
  516. wurde dieser reaktionären Institution dadurch mehr Schaden zugefügt, als sie Nutzen aus
  517. ihrer formalen Glorifizierung bezog. Die Vernunft ist ein schwacher Bundesgenosse der
  518. Reaktion. Noch nicht zehn Jahre nach Hegels Tod (sein Lehrstuhl war während dieser Zeit
  519. unbesetzt) berief der König einen Nachfolger, der gegen die ›Drachensaat des
  520. Hegelschen Pantheismus‹ und gegen ›die Anmaßung und den Fanatismus seiner Schule‹
  521. kämpfen sollte.«13
  522. Die Frage, was genau ein Intellektueller nützt, zieht unvermeidlich andere Fragen nach
  523. sich. Wir schauen uns einige davon an.
  524. Wie jeder Intellektuelle bringt auch der Soziologe neue Erkenntnisse in die Welt. Aber
  525. ebenso wie etwa der Nuklearphysiker hat er keine Kontrolle über ihre Anwendung,
  526. darüber, welchen Gebrauch Dritte von seinen Forschungsmethoden machen, seinen
  527. Analysekonzepten, von dem problematischen Wissen, das er geschaffen hat. So haben
  528. die Soziologen äußerst präzise Forschungsmethoden entwickelt, ausgehend von
  529. Interviews mit kleinen Gruppen von Personen, die sorgfältig aus einer größeren
  530. Gesamtheit ausgewählt wurden. Diese Methoden erlauben es, unbewusste kollektive
  531. Motive einer ganzen Gesellschaft ans Licht zu bringen (und zu nutzen). Dank dieser
  532. Erkenntnisse kann der Soziologe über die subjektiven Antworten der Befragten hinaus auf
  533. ein ganzes Bündel wiederkehrender Verhaltensweisen und verinnerlichter Normen
  534. schließen, die der Person in dem Moment, in dem sie befragt wird, gar nicht vollständig
  535. bewusst sind. Diese Methoden sind im Allgemeinen nützlich und stellen sicher, dass
  536. unsere Kenntnisse über das tatsächliche, reale Funktionieren der Gesellschaft immer
  537. besser werden. Aber dieselben Untersuchungsmethoden über die Motive können auch
  538. verheerende Wirkungen haben, wenn sie dazu eingesetzt werden, herauszufinden, wie
  539. man beispielsweise am besten Zigaretten an junge Leute verkauft. Dazu engagieren
  540. Konzerne Soziologen, die durch wissenschaftliche Forschung zu ermitteln versuchen, mit
  541. welchem »Image« die Zigaretten am besten bei den Befragten, bei einer bestimmten
  542. Altersgruppe, Einkommensschicht und so weiter ankommen.
  543. Wenn das »Image« einmal festgelegt ist, bringen die Marketingleute des Konzerns die
  544. unbewussten motivierenden Bilder der ausgewählten Gruppe »in Form« (so reden sie).
  545. Ergebnis: Die Mauern unserer Städte werden vollgeklebt mit bunten Plakaten, auf denen
  546. halbnackte junge Mädchen, athletische Cowboys oder Discobesucher vor einem
  547. Hintergrund sonnenbeschienener Landschaften oder wilder Partys Zigaretten anbieten,
  548. die – wie erwiesen ist – daran schuld sind, dass Jahre später Hunderttausende an
  549. Lungenkrebs sterben.
  550. Ich gebe noch ein weiteres Beispiel, wie die Forschungsmethoden über die unbewussten
  551. kollektiven Motive auf verhängnisvolle Weise genutzt werden. 1946 finanzierte die
  552. Republikanische Partei von Südkalifornien eine derartige Untersuchung, um
  553. herauszufinden, welches »Image« der ideale Kandidat für die Kongresswahl im 12. Bezirk
  554. haben musste. Ausgehend von den Ergebnissen dieser Untersuchung, entwarf die Partei
  555. ein Phantombild des idealen Kandidaten und machte sich dann auf die Suche nach einem
  556. Mann, der diesem Bild entsprach. In der Presse und bei den Fernsehsendern in
  557. Südkalifornien wurden Anzeigen geschaltet. Schließlich blieb nur ein Kandidat übrig, ein
  558. Quäker von 33 Jahren, der fromme Sohn einer bescheidenen Witwe aus Whittier, von
  559. Beruf Anwalt, bekannt als Kommunistenfeind. Sein Name war Richard Nixon. 1946 wurde
  560. er zum Abgeordneten gewählt, 1950 zum Senator, 1952 wurde er Vizepräsident der
  561. Vereinigten Staaten und 1968 Präsident. Zu den zahlreichen Verbrechen, die während
  562. seiner Präsidentschaft begangen wurden, zählen die schweren Bombardierungen von
  563. Wohnvierteln in Hanoi und Haiphong an Weihnachten 1972, bei denen viele zehntausend
  564. Männer, Frauen und Kinder schwere Verbrennungen erlitten oder starben.
  565. Was kann der Intellektuelle, der Wissenschaftler gegen die Usurpierung und
  566. Zweckentfremdung seiner Methoden durch andere tun, die sie in den Dienst ihrer
  567. mörderischen Sache stellen wollen? Auf den ersten Blick nichts. Das soziologische Wissen
  568. ist wie alle wissenschaftlichen Erkenntnisse ein öffentliches Gut14. Der Soziologe kann
  569. allenfalls seine Forschungen abbrechen, seine Aufzeichnungen verbrennen und sich
  570. weigern, eine Untersuchung fortzusetzen, deren wahrscheinliche Ergebnisse in den
  571. Händen zynischer Machthaber verhängnisvolle Folgen für die Menschheit haben
  572. könnten.15
  573. Zwischen Wissenschaft und Ideologie besteht eine dialektische Beziehung. Um dieses
  574. Problem geht es im vierten Kapitel des vorliegenden Buchs. An dieser Stelle lasse ich es
  575. mit der Feststellung bewenden, dass es manchmal schon ausreicht, wenn eine
  576. drangsalierte Gesellschaft oder Kultur in den Rang eines »Forschungsobjekts« erhoben
  577. wird, weil dadurch ihre Überlebenschancen steigen. Ich erinnere mich an eine heiße
  578. Nacht in den Tropen, in einem südlichen Viertel von Rio de Janeiro. Edison Carneiro, ein
  579. schwarzer Anthropologe, Pionier der Bewegung für die afrikanische Renaissance in
  580. Brasilien, erzählte mir in seiner kleinen Wohnung im Stadtteil Leblon, wenige Schritte
  581. vom Atlantik entfernt, von seinem langen Kampf. 16 Ein ironisches Lächeln huschte über
  582. sein von Schmerz und Erschöpfung gezeichnetes Gesicht: »Zwei Franzosen haben uns
  583. gerettet, zwei Soziologen, uns Crioulos do Brasil!« Carneiro sprach von Claude Lévi-
  584. Strauss und Roger Bastide. Vor allem von Bastide, dem Nachfolger von Lévi-Strauss als
  585. Direktor der Mission universitaire française und Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie an
  586. der Universität von São Paulo. Er wirkte dort von 1938 bis 1957. Wie vor ihm schon Lévi-
  587. Strauss unternahm auch Bastide ausgedehnte Reisen durch Brasilien. Und wie Lévi-
  588. Strauss stieß er auf bedeutende Gesellschaften, reiche Kulturen nicht-europäischen
  589. Ursprungs, die Lehre und Forschung der Weißen nahezu vollständig ignoriert hatten. Die
  590. Regierung setzte sie anhaltender und gewaltsamer Unterdrückung aus. Lévi-Strauss legte
  591. in Brasilien die Grundlagen für eine systematische Erforschung der Indianergesellschaften.
  592. Bastide entdeckte den gewaltigen menschlichen, kulturellen und symbolischen Reichtum
  593. der aus Verschleppung und Versklavung hervorgegangenen afrikanischen
  594. Gemeinschaften. Er begründete eine neue Wissenschaft an der Universität von São Paulo:
  595. die Soziologie der afrikanischen Diaspora in Nord- und Südamerika. Bedeutende Forscher
  596. – Ottavio Ianni, Florestan Fernandes, Maria Isaura Pereira de Queiróz, Juana Elbein dos
  597. Santos, Pierre Verger, Vivaldo Castro-Lima, Fernando Henrique Cardoso und seine Frau
  598. Ruth Cardoso, Guilherme und Yara Castro, Zaíde Machado und andere – waren Schüler
  599. von Roger Bastide. Vor ihm hatten sich hauptsächlich Gerichtsmediziner wie Arturo
  600. Ramos, Fernandez und andere mit der afrikanischen Diaspora befasst. Sie behandelten
  601. die politischen Systeme und sozialen Verhaltensweisen der Afrikaner aus einer fast
  602. ausschließlich eurozentrischen Sicht: Die Trance, ein zentraler Bestandteil des
  603. candomblé, einer afro-brasilianischen Religion, wurde mit Hysterie gleichgesetzt. Die
  604. medizinische und therapeutische Verwendung von Säften bei den Nagô galt als
  605. Giftmischerei, ausgeführt von schwarzen Hausangestellten und darum gefährlich für die
  606. weißen Herren! Auf Drängen der Kirche und der weißen Machthaber verfolgte die Polizei
  607. systematisch die yawalorixa und die babalao (die Priester und Priesterinnen) von Bahia,
  608. Rio und São Luis. Die wenigen terreiros (Kultorte), wo die Eingeweihten und Priester nicht
  609. arretiert und die Hütten nicht geplündert wurden, mussten eine halb versteckte Existenz
  610. am Rand der Städte oder im Busch fristen, wie etwa auf Itaparica, einer Insel in der
  611. Allerheiligenbucht.17 Ich fragte Edison Carneiro: »Wie kommt es, dass Roger Bastide, ein
  612. kleiner, schüchterner, zurückhaltender und distinguierter Mann, der so gar nichts von
  613. einem charismatischen Anführer hatte – weder in seinem Aussehen noch in seiner sehr
  614. traditionalistischen und bürgerlichen Auffassung von der gesellschaftlichen Rolle des
  615. Professors –, in der Lage war, den weißen Mächtigen die Stirn zu bieten und ihre
  616. Vorurteile aufzubrechen? Wie konnte er eine ganze soziale und historische Strömung, die
  617. mit Mitteln der Kultur und der Polizeigewalt praktizierte rassistische Verachtung, die
  618. Ausbeutung und Diskriminierung der Afrikaner in Brasilien, überwinden?«
  619. Carneiro lachte: »Ich sehe, du hast keine Ahnung von den Verhältnissen in Brasilien in
  620. den 1940er- und 1950er-Jahren! Wir waren eine Kolonialgesellschaft. Wir sind es immer
  621. noch. Es herrschten die Oligarchie der Großgrundbesitzer aus dem Norden und die
  622. Oligarchie der Banker aus dem Süden. Diese Leute und damit auch ihre Kinder hatten
  623. nichts anderes im Sinn, als abzustreiten, dass es eine brasilianische Identität gibt. Sie
  624. wollten Europäer sein, am liebsten Franzosen. In geradezu absurder Weise äfften sie den
  625. Lebensstil, die Ideen, Verhaltensweisen und die Kleidung der Pariser nach. Die Damen
  626. der feinen Gesellschaft in Rio trugen Pelzmäntel, in den Tropen!
  627. Und da hielt ein professor francês in geschliffenem Französisch Vorlesungen, zu denen
  628. die gesamte feine Gesellschaft von São Paulo strömte. Bastide erzählte ihnen, dass wir,
  629. die Neger, Träger einiger der sagenhaftesten Kulturen auf der Erde waren und dass der
  630. künftige Reichtum der brasilianischen Kultur gerade im Synkretismus liegen werde oder
  631. wenigstens in der Achtung und der wechselseitigen Kenntnis vom Wissen aller
  632. Gemeinschaften, der weißen, schwarzen, der indianischen und der caboclos, die auf dem
  633. Boden unseres Vaterlands leben!«
  634. Die Fakten sind eindeutig: Bastides Wirken über 19 Jahre als Wissenschaftler, Aktivist
  635. und Lehrer in Brasilien, seine grundlegenden Werke, die beachtlichen Werke seiner
  636. Schüler – all das hat die Lebensbedingungen der 80 Millionen schwarzen Brasilianer nicht
  637. radikal verändert. In bestimmten Regionen hat sich die wirtschaftliche Ausbeutung der
  638. Mehrheit der Schwarzen durch die herrschenden Klassen der compradores oder weißen
  639. Brasilianer noch verschlimmert. Auch die politische Diskriminierung und Repression ist
  640. schlimmer geworden. Aber die Rückeroberung der kulturellen Identität dieser
  641. Gemeinschaften, deren Existenz heute anerkannt wird, war ein erster Schritt. Ihr Wissen
  642. wird verbreitet, weiße Kinder, indianische, schwarze und Mischlinge erfahren in der Schule
  643. von der schrecklichen Geschichte der Sklaverei, aber auch von der Bedeutung der Rituale,
  644. Symbole, Feste und kollektiven Trancen des candomblé. Wenn nachts in Casa Branca
  645. (Salvador da Bahia), in Casa Grande das Minas (São Luis, Maragnan) oder in Gomeia (Rio
  646. de Janeiro) die Trommeln ertönen, strömen die Menschen in Scharen herbei. Viele
  647. Brasilianer, aus ganz verschiedenen sozialen Schichten und mit unterschiedlichem
  648. ethnischem Hintergrund, lassen sich heute, wenn sie eine Entscheidung treffen müssen,
  649. von den yawalorixas und babalaos der Yoruba, Jêjê und Kongo weissagen.18
  650. 1979 musste die seit 1964 herrschende brasilianische Militärdiktatur nach wilden Streiks
  651. und Hungerrevolten eine gewisse »Liberalisierung« ihrer Politik akzeptieren. Der letzte
  652. Militärdiktator João Figueiredo sah sich gezwungen, die Zensur zu lockern und den
  653. Menschen einige Grundrechte zu gewähren, vor allem das Versammlungsrecht und die
  654. Koalitionsfreiheit. Damals entstand eine mächtige schwarze Bewegung, das Movimento
  655. negro unificado. Sie kämpft offen gegen die Rassendiskriminierung und die Ausbeutung
  656. des schwarzen Subproletariats. Eine ihrer wichtigsten Theoretikerinnen und
  657. Anführerinnen, Lélia Gonzalez, orientierte sich in ihren Schriften und in der Art, wie sie
  658. ihren Kampf führte, an den Thesen von Roger Bastide.
  659. Mit der ersten Frage hängt noch eine weitere zusammen: Kann der Soziologe, wie
  660. Antonio Gramsci und viele andere dachten, die Position des »organischen Intellektuellen«
  661. der sozialen Bewegung einnehmen?19
  662. In seltenen Augenblicken und unter besonderen historischen Umständen kann der
  663. Soziologe, ohne es zu wissen, zum Mit-Urheber einer gesellschaftlichen Umwälzung
  664. werden. Ich erinnere mich an einen lange vergangenen Herbstabend im Jahr 1978. In der
  665. kleinen dalmatinischen Küstenstadt Cavtat hatte die Praxis-Gruppe20 Wissenschaftler,
  666. Aktivisten, Schriftsteller aus der ganzen Welt versammelt. Thema des Kongresses war
  667. »der Sozialismus und die Dritte Welt«. Wir saßen auf einer Terrasse, umgeben von Pinien
  668. mit Blick auf eine überwältigend malerische Bucht. Anwesend waren Lelio Basso, Lopez
  669. Cardoso, Melo Antunes, Serge Latouche und andere Freunde. Das Rauschen des Meeres
  670. drang zu uns herauf, dumpf und regelmäßig. Die Wolkenberge, die majestätisch über den
  671. Himmel zogen, ließen uns das internationale Stimmengewirr des Kongresses vergessen.
  672. Jenseits des offiziellen Austauschs sprachen wir ganz selbstverständlich die wirklichen
  673. Fragen, die echten Probleme an: die Ängste und die Freuden der Menschen, ihre Sorgen
  674. und Hoffnungen.
  675. Cardoso und Antunes erzählten von Portugal. Sie schienen darunter zu leiden, dass ihre
  676. Revolution allmählich versickerte – wie an physischen Schmerzen, die sie direkt betrafen.
  677. Was hatten sie falsch gemacht oder nicht gut genug, dass es nun das Scheitern der
  678. großartigen Hoffnung erklärte, die am 25. April 1974 aufgekeimt war?
  679. Weder Basso noch Latouche, noch ich selbst konnten die Frage beantworten. Die Nacht
  680. brach herein, der Mond schob sich über den Horizont, der Duft der Pinien wurde noch
  681. intensiver. Melo Antunes sprach immer noch mit seiner sanften Stimme. Er erzählte uns,
  682. wie sein Vater, ein Militär, ihn gegen seinen Willen gezwungen hatte, in die Armee
  683. einzutreten, und wie er dann 15 Jahre lang das Drama des Kolonialkriegs miterlebt hatte;
  684. wie er, weil er in den Offiziersschulen des Salazar-Regimes sozialisiert worden war,
  685. zunächst keine anderen Analyseinstrumente zur Verfügung gehabt hatte als die des
  686. aggressiven Katholizismus einer Kirche, die fest hinter dem imperialistischen Projekt und
  687. der faschistischen, diskriminierenden und rassistischen Ideologie stand, die seine
  688. militärischen Vorgesetzten vertraten. Aber im Lauf der Jahre, während er in der
  689. militärischen Hierarchie aufstieg, gelang es ihm, sich der Überwachung durch die PIDE (die
  690. politische Polizei der Diktatur) zu entziehen, die Offiziere wie ihn, die als »nicht
  691. zuverlässig« galten, fest im Blick hatte. Während er als Hauptmann in Angola stationiert
  692. war, durfte er ab und zu seinen Urlaub in Portugal verbringen. Dank der Mithilfe der TAP
  693. (der portugiesischen Fluggesellschaft) konnte er von Zeit zu Zeit mit einem Umweg über
  694. Paris nach Europa zurückkehren. Bei solchen Zwischenaufenthalten in Frankreich kaufte er
  695. die Bücher von Georges Balandier, Jacques Berque, Jean Duvignaud, von René Dumont,
  696. Basil Davidson, Laurent Davezies und vielen anderen, auch meine Bücher über die
  697. Befreiungsbewegungen in Afrika, und er las die Artikel von Jean Daniel und Jean
  698. Lacouture zu dem Thema. So gelangten die folgenden Bücher erst nach Lissabon und von
  699. dort nach Angola, nach Guinea und Mosambik: von Georges Balandier Sociologie actuelle
  700. de l’Afrique noire21, von Roger Bastide Les Religions africaines22, von mir Sociologie de la
  701. nouvelle afrique23, von Jean Duvignaud Chebika24. Dort zirkulierten sie bei den späteren
  702. Rebellen der Kolonialarmee. Melo Antunes bilanzierte: »Französische Soziologen waren
  703. die Ersten, die mir die Einzigartigkeit, den unendlichen menschlichen Reichtum, die
  704. Geschichte und die universellen Bedeutungen dieser afrikanischen Gesellschaften
  705. nahegebracht haben, die das Salazar-Regime immer nur als Banden von geschichtslosen
  706. Barbaren hinstellte. Von da an veränderten sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen
  707. meinen Kameraden und mir grundlegend. Schnell durchschauten wir die Lüge der
  708. Kolonialideologie, des Rassenkriegs und des faschistischen Blicks auf die Welt.«
  709. Das Zeugnis von Melo Antunes ist sehr wertvoll: Die geduldige, präzise, innovative
  710. wissenschaftliche Arbeit einiger Soziologen, die sich mit afrikanischen Gesellschaften
  711. befassten, hat zur Erhebung der Offiziere am 25. April beigetragen, zum Zusammenbruch
  712. des Kolonialreichs und zur Vernichtung der faschistischen Diktatur in Portugal.
  713. Der Soziologe entlarvt die ideologischen und sozialen Strategien der gesellschaftlichen
  714. Akteure. Er benennt die Klasseninteressen, denen diese Strategien implizit oder explizit
  715. dienen. Durch seine Analysen trägt er dazu bei, dass Strukturen des Überbaus einstürzen
  716. – Staaten, kulturelle Systeme, Geflechte von Produktionsbeziehungen –, die die freie
  717. Kreativität behindern, die Fähigkeit der Menschen, zu produzieren, zu träumen und Neues
  718. zu erfinden. Er hilft, die Legitimität der Herrschenden zu untergraben, gibt den
  719. Beherrschten eine Waffe für die unverzichtbare Mobilisierung und Erkenntnis in die Hand.
  720. Seine Kritik höhlt kulturelle Systeme, Religionen und Ideologien erst aus und zerstört sie
  721. dann. Systeme, die, indem sie die Kreativität des Menschen – seine Wünsche, seine
  722. Intuition – lähmen und somit seine Entfremdung verfestigen und ihn hindern, wie Marx
  723. sagte, dass er »sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne« bewegt. Auf
  724. diese Weise fällt das Bemühen des Intellektuellen, die Welt zu verstehen, so wie sie ist,
  725. und sie zu verändern, notwendig mit dem Wunsch der Völker nach Unabhängigkeit,
  726. Freiheit und Glück zusammen. Es fällt mit der kollektiven Suche nach Sinn zusammen, die
  727. unerlässlich für die Konkretisierung dieses Wunsches ist. Aber die moralische
  728. Verantwortung des Intellektuellen bleibt erdrückend. Der große Historiker der Pariser
  729. Kommune, Prosper-Olivier Lissagaray, ruft uns ins Gedächtnis: »Wer dem Volke falsche
  730. Revolutionslegenden erzählt und es durch Vorspiegelung falscher Tatsachen täuscht, ist
  731. ebenso strafbar wie der Geograph, der falsche Karten für den Seefahrer entwirft.«25
  732.  
  733.  
  734. ZWEITES KAPITEL
  735. Die Ungleichheit zwischen den Menschen
  736. I. Wie entsteht Ungleichheit?
  737. Im 18. Jahrhundert boten die Wettbewerbe der verschiedenen Akademien in Frankreich
  738. Autoren die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und vor allem ein wenig Geld zu
  739. verdienen. Jean-Jacques Rousseau war 1750 berühmt geworden mit seinem Diskurs über
  740. die Wissenschaften und die Künste. Darin hatte er die Frage der Akademie von Dijon
  741. beantwortet: »Hat die Wiederherstellung der Künste zur Läuterung der Sitten
  742. beigetragen?« Er gewann den Preis und bekam dafür 300 Livres. 1754 antwortete er auf
  743. eine weitere Frage der Akademie von Dijon: »Was ist der Ursprung der Ungleichheit
  744. zwischen den Menschen, und lässt sie sich vom Naturrecht ableiten?« Diesmal gewann er
  745. den Preis nicht, aber sein Diskurs über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit
  746. zwischen den Menschen26 ist bis heute noch berühmter als sein Diskurs über
  747. Wissenschaften und Künste.
  748. Rousseau – ein schmächtiger, bleicher Mann von unglaublicher Vitalität – war damals 41
  749. Jahre alt und sehr arm. 1745 hatte er die Wäscherin Thérèse Levasseur kennengelernt,
  750. die lebenslang seine Gefährtin blieb. Ihre fünf gemeinsamen Kinder brachte Rousseau ins
  751. Findelhaus. Rousseaus Theorie der Ungleichheit nährt sich von seinen
  752. Kindheitserinnerungen. Sein Großvater war einer der Anführer der Arbeiteraufstände im
  753. Genfer Armenviertel Saint-Gervais. Sein Vater, ein Uhrmacher, starb im Exil.
  754. Hören wir Rousseau: »Ich unterscheide in der menschlichen Art zwei Arten von
  755. Ungleichheit: die eine, die ich natürlich oder physisch nenne, weil sie durch die Natur
  756. begründet wird, und die im Unterschied der Lebensalter, der Gesundheit, der Kräfte des
  757. Körpers und der Eigenschaften des Geistes oder Seele besteht; und die andere, die man
  758. moralische oder politische Ungleichheit nennen kann, weil sie von einer Art Konvention
  759. abhängt und durch die Zustimmung der Menschen begründet oder zumindest autorisiert
  760. wird.«27
  761. Und weiter: »Man kann nicht fragen, welches die Quelle der natürlichen Ungleichheit ist,
  762. weil die Antwort sich in der einfachen Definition des Wortes ausgesprochen fände. Noch
  763. weniger kann man danach suchen, ob es nicht eine essenzielle Verbindung zwischen den
  764. beiden Ungleichheiten gäbe; denn das hieße mit anderen Worten, zu fragen, ob jene, die
  765. befehlen, notwendigerweise mehr wert sind als jene, die gehorchen, und ob die Kraft des
  766. Körpers und des Geistes, die Weisheit oder die Tugend sich immer in selben Individuen
  767. im entsprechenden Verhältnis zur Macht oder zum Reichtum befinden: Eine Frage, die
  768. vielleicht dazu gut ist, unter Sklaven erörtert zu werden, wenn ihnen ihre Herren zuhören
  769. die sich aber nicht für vernünftige und freie Menschen schickt, welche die Wahrheit
  770. suchen.«28
  771. Die kollektive Existenz der Menschen ist überall von Ungleichheit geprägt. Es gibt eine
  772. physische, psychische, biochemische oder, um es in Rousseaus Worten auszudrücken,
  773. »natürliche« Ungleichheit zwischen den Menschen. Die körperlichen und geistigen Gaben
  774. sind ungleich verteilt. Dieser primären Ungleichheit stellt er eine zweite an die Seite, die
  775. gesellschaftliche Ungleichheit. Wo immer sie auftaucht, richtet sie schreckliche
  776. Verwüstungen an: »Nun ist in den Beziehungen zwischen Mensch und Mensch das
  777. Schlimmste, was dem einen widerfahren kann, sich dem Belieben des anderen
  778. ausgeliefert zu sehen.«29
  779. Der Urfehler, der Gründungsakt der gesellschaftlichen Ungleichheit, ist die Einführung
  780. des Privateigentums. Rousseau schildert sie folgendermaßen:
  781. »Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies
  782. ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre
  783. Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Not
  784. und Elend und wie viele Schrecken hätte derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der
  785. die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinen Mitmenschen
  786. zugerufen hätte: ›Hütet euch, auf diese Betrüger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr
  787. vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde niemandem.‹«30
  788. Die Idee, dass die Ursache aller gesellschaftlichen Missstände, der Urfehler, die
  789. Einführung des Privateigentums ist, hat sich über die Jahrhunderte gehalten. Pierre-
  790. Joseph Proudhon schrieb in seiner 1846 erschienenen Philosophie des Elends: »Eigentum
  791. ist Diebstahl.« Und ein Jahrhundert später formulierte Max Horkheimer: »Reichtum ist
  792. unterlassene Hilfeleistung.«
  793. Rousseau kam in verschiedenen Phasen seines Lebens immer wieder auf die
  794. verheerenden Folgen der gesellschaftlichen Ungleichheit zurück und prangerte sie mit der
  795. gleichen Heftigkeit an: »Da die Mächtigsten oder die Elendsten sich aus ihrer Stärke oder
  796. aus ihren Bedürfnissen eine Art Recht auf das Gut anderer machten, das – ihnen zufolge –
  797. dem Eigentumsrecht gleichwertig war, zog die Zerstörung der Gleichheit so die
  798. fürchterlichste Unordnung nach sich: Die Usurpationen der Reichen, die Räubereien der
  799. Armen, die zügellosen Leidenschaften aller erstickten das natürliche Mitleid und die noch
  800. schwache Stimme der Gerechtigkeit und machten so die Menschen geizig, ehrsüchtig und
  801. böse. Zwischen dem Recht des Stärkeren und dem Recht des ersten Besitznehmers erhob
  802. sich ein fortwährender Konflikt, der nur mit Kämpfen und Mord und Totschlag endete. Die
  803. entstehende Gesellschaft machte dem entsetzlichsten Kriegszustande Platz: Das
  804. Menschengeschlecht, herabgewürdigt und niedergeschlagen, nicht mehr in der Lage, auf
  805. seinem Weg umzukehren oder auf die unglückseligen Errungenschaften, die es gemacht
  806. hatte, zu verzichten, und durch den Mißbrauch der Fähigkeiten, die es ehren, nur an
  807. seiner Schande arbeitend, brachte sich selbst an den Rand seines Ruins.«31
  808. Es geht hier nicht um die individuelle Entscheidung zwischen Mitgefühl und Bösartigkeit.
  809. Der Fluch der strukturellen gesellschaftlichen Ungleichheit wirkt auf alle, auf den
  810. anständigen Menschen genauso wie auf den Bösewicht: »Die rechtschaffensten Leute
  811. lernten, es unter ihre Pflichten zu rechnen, ihre Mitmenschen umzubringen; schließlich
  812. sah man, wie sich die Menschen zu Tausenden niedermetzelten, ohne zu wissen weshalb;
  813. und es wurden mehr Mordtaten an einem einzigen Gefechtstag begangen und mehr
  814. Greuel bei der Einnahme einer einzigen Stadt, als im Naturzustand während ganzer
  815. Jahrhunderte auf der gesamten Erdoberfläche begangen worden waren. Dies sind die
  816. ersten Wirkungen, die man aus der Teilung des Menschengeschlechts in verschiedene
  817. Gesellschaften bei flüchtigem Hinsehen entstehen sieht.«32
  818. Und an anderer Stelle heißt es: »Ich sah jene weiten, unglücklichen Gegenden [Afrikas],
  819. die zu nichts anderm bestimmt scheinen, als die Welt mit Horden von Sklaven zu
  820. bedecken. Bei ihrem schimpflichen Anblick wandte ich die Augen vor Verachtung,
  821. Entsetzen und Mitleid ab, und da ich den vierten Teil meiner Mitmenschen in Vieh
  822. verwandelt sah, um den andern zu dienen, seufzte ich darüber, daß ich ein Mensch bin.«33
  823. In Briefen zu seinem Diskurs über die Ungleichheit findet man auch folgende Sätze: »Die
  824. wichtigste Quelle des Übels ist die Ungleichheit […] Wir brauchen Mehl, um unsere
  825. Perücken zu pudern, deshalb haben so viele Menschen kein Brot.«
  826. 1762 brachte Rousseau den Gesellschaftsvertrag und Émile heraus, zwei Werke,
  827. derentwegen ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde und er aus Genf, wo beide Bücher
  828. verbrannt wurden, fliehen musste. Der Gesellschaftsvertrag beginnt mit den Worten:
  829. »Der Mensch ist frei geboren, und überall ist er in Ketten. Mancher hält sich für den Herrn
  830. seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie.«
  831. Maximilien Robespierre greift diesen zentralen Gedanken revolutionären Denkens auf:
  832. »Wer nicht Herr seiner selbst ist, muss Sklave von anderen sein. Das gilt für die Völker
  833. genauso wie für die einzelnen Menschen.«34
  834. Die moderne Sozialpsychologie ergänzt die schwierige Frage nach der natürlichen und
  835. der gesellschaftlichen Ungleichheit und ihren jeweiligen Ursprüngen und Konsequenzen
  836. noch um eine weitere, komplexere Differenzierung.
  837. So unterscheidet der Soziologe Pierre Naville zwischen interindividueller und
  838. intraindividueller Ungleichheit. Die interindividuelle Ungleichheit ist die klassische
  839. doppelte Ungleichheit, die »natürliche« und institutionelle (oder gesellschaftliche),
  840. zwischen Individuen derselben Gesellschaft und/oder unterschiedlichen Gesellschaften.
  841. Die intraindividuelle Ungleichheit wurzelt in einer empirisch überprüfbaren
  842. Voraussetzung: Kein Mann, keine Frau ist psychologisch, nervlich-psychisch einheitlich.
  843. Auf ungleiche, diskriminierende soziale Situationen reagieren wir unterschiedlich; die eine
  844. Ungleichheit ertragen wir, die andere hingegen ist für uns unerträglich. Die
  845. Toleranzschwelle, die »Objekte« der Toleranz, variieren von einem Individuum zum
  846. anderen. Sie variieren auch mit dem Alter und je nach den Erfahrungen, die jemand
  847. gemacht hat, und den Spuren, die sie hinterlassen haben. Jeder von uns kennt innere
  848. Ungleichheiten, die sich je nach seiner inneren Verfassung ändern. Mit anderen Worten:
  849. Eine Art Schichtung unserer Subjektivität koexistiert dialektisch und konflikthaft mit der
  850. gesellschaftlichen und/oder natürlichen Schichtung, deren Objekt wir sind.35
  851. Eine weitere Komplikation: Der Proletarier, fremdbestimmt in seiner Arbeit, kulturell in
  852. seinem geistigen Leben abhängig von der herrschenden Ideologie, die ihm ihre Bilder
  853. aufzwingt, kann – in einer patriarchalischen Gesellschaft – gegenüber seiner Frau und
  854. seinen Kindern eine beherrschende Stellung einnehmen. Umgekehrt kann es sein, dass in
  855. einem Land der Peripherie ein Großgrundbesitzer oder Bergwerkbesitzer, der praktisch
  856. unangefochten über seine Arbeiter herrscht und sie ausbeutet, bei seinem Einkommen
  857. von Marktpreisen abhängig ist (den Einkaufspreisen für Rohstoffe, für Technologie, von
  858. Wechselkursen und so weiter), die von den herrschenden Klassen des Zentrums diktiert
  859. werden.
  860. Trotz Rousseaus Warnung konstruieren rechtsgerichtete Autoren wie beispielsweise
  861. Alain de Benoist, ausgehend von der Feststellung, dass es eine natürliche Ungleichheit
  862. und eine institutionelle Ungleichheit gibt, eine Theorie, die jeder empirischen Grundlage
  863. entbehrt: Die institutionelle Schichtung sei nur die logische Konsequenz oder, schlimmer
  864. noch, die simple Umsetzung der natürlichen Schichtungen. Diese Hypothese widerspricht
  865. den Fakten. Jede gesellschaftliche Abstufung ist ein Akt der Gewalt. Sie ist Ausdruck der
  866. strukturellen Gewalt der Gesellschaft.
  867. Welche Formen die gesellschaftlichen Schichtungen auch immer annehmen, sie lösen
  868. mehr oder weniger heftigen Widerstand aus. Niemand, auf keinem Kontinent, zu keiner
  869. Zeit, erträgt auf Dauer Ungleichheit.
  870. II. Die kannibalische Weltordnung
  871. Ich erinnere mich an eine Nacht in einem Hüttendorf auf der steinigen Hochebene über
  872. der Pazifikküste in Guatemala. Nie werde ich die ausgemergelten, zahnlosen Maya-Mütter
  873. vergessen, deren schöne schwarze Augen im Widerschein der Kohlebecken schimmerten.
  874. Die meisten waren nicht einmal dreißig Jahre alt, wirkten aber wie Achtzigjährige. Ihre
  875. vielen Kinder mit den neugierigen Augen warteten ungeduldig, dass die wenigen
  876. Maiskolben auf den Kohlebecken endlich gar waren und von den ältesten Männern an die
  877. versammelte Menge verteilt wurden. Fast alle Kinder waren zu Skeletten abgemagert. In
  878. der Sierra de Chocotan hat die chronische, schwere Unterernährung der Maya
  879. schreckliche Verwüstungen angerichtet. Laut UNICEF starben 2013 in Guatemala 98000
  880. Kinder unter zehn Jahren an Hunger oder an Krankheiten infolge von Unterernährung.
  881. Heute ist der deutlichste Ausdruck der Ungleichheit zwischen den Menschen ganz
  882. offensichtlich die kannibalische Wirtschaftsordnung auf unserem Planeten.
  883. Nach den Weltentwicklungsindikatoren 2013 der Weltbank verfügen 16 Prozent der
  884. Weltbevölkerung über 83 Prozent der Vermögenswerte auf dem Planeten. Im Jahr 2001
  885. gab es in den westlichen Ländern 497 Dollar-Milliardäre, die zusammen 1500 Milliarden
  886. Dollar besaßen. Zehn Jahre später, 2010, war ihre Zahl auf 1210 gestiegen, und ihr
  887. Vermögen summierte sich auf 4500 Milliarden Dollar. Das Vermögen dieser 1210
  888. Milliardäre zusammen übersteigt das Bruttoinlandsprodukt eines wirtschaftlich so starken
  889. Landes wie Deutschland.
  890. Der Zusammenbruch der Finanzmärkte 2007/2008, der durch die Börsenspekulationen
  891. der Beutejäger ausgelöst wurde, hat die Existenz von Millionen Familien in Europa,
  892. Nordamerika, Japan und anderen Regionen zerstört. Nach Angaben der Weltbank wuchs
  893. die Zahl der hungernden Menschen infolge der Finanzkrise um 69 Millionen. In den
  894. Ländern des Südens wurden überall neue Massengräber ausgehoben. Doch wenig später,
  895. 2013, lag das Vermögen der sehr Reichen um das Eineinhalbfache über dem Stand vor
  896. der Krise.
  897. Der Anteil der 42 ärmsten Länder am Welthandel betrug 1970 1,7 Prozent. 2014 waren
  898. es nur noch 0,4 Prozent.
  899. Die neuen kapitalistischen Feudalherrschaften wachsen und gedeihen. Die
  900. Eigenkapitalrendite der 500 größten multinationalen Konzerne der Welt lag seit 2001 im
  901. Durchschnitt bei 15 Prozent pro Jahr in den Vereinigten Staaten und bei 12 Prozent in
  902. Frankreich.
  903. Die finanziellen Mittel dieser Gesellschaften übersteigen bei weitem ihre
  904. Investitionsbedürfnisse. Und was machen die neuen »Feudalherren« in dieser Situation?
  905. Sie kaufen in großem Stil eigene Aktien an der Börse, schütten enorme Dividenden an
  906. ihre Aktionäre aus und zahlen ihren Managern astronomische Boni.
  907. Die 374 größten multinationalen Konzerne, die im S&P-Index zusammengefasst sind,
  908. haben heute Finanzreserven von zusammen 655 Milliarden Dollar. Die Summe hat sich
  909. seit 1999 verdoppelt. Das größte Unternehmen der Welt, Microsoft, hat 60 Milliarden
  910. Dollar auf der hohen Kante.
  911. Die UNCTAD (Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen), die 1964
  912. als Gegengewicht zur Organisation der reichen Länder, dem GATT
  913. (Welthandelsabkommen) und später der WTO (Welthandelsorganisation) gegründet
  914. wurde, versammelt in erster Linie die sogenannten »Entwicklungsländer«. Bei ihrer
  915. Gründung trugen die Mitgliedsländer zusammen eine Schuldenlast von 54 Milliarden
  916. Dollar. Bis heute ist sie auf 2000 Milliarden Dollar angewachsen.
  917. Die Weltbank schätzt die Zahl der Menschen, die in »extremer Armut« leben, das heißt,
  918. weniger als 1,25 Dollar pro Tag zur Verfügung haben, auf 1 Milliarde. Jedes Jahr erstellt
  919. die amerikanische Geschäftsbank Merrill Lynch in Zusammenarbeit mit der
  920. Unternehmensberatung Cap Gemini eine Liste der »Reichen«, das heißt der Menschen,
  921. die ein Vermögen von mehr als 10 Millionen Dollar besitzen. Aus der Liste geht hervor,
  922. dass die Reichen vor allem in Nordamerika und Europa leben und dass ihre Zahl in China,
  923. Südkorea, Japan, Indonesien, Indien, Russland und Brasilien, nicht zu vergessen die
  924. Ölstaaten am Golf, rasch wächst.
  925. Und Afrika? In den meisten Ländern des afrikanischen Kontinents ist die innere
  926. Kapitalakkumulation bekanntlich schwach, es fließen praktisch keine Steuern, und die
  927. öffentlichen Investitionen sind unzureichend. Doch die Zahl der Dollarmillionäre, die aus
  928. einem der 54 afrikanischen Länder stammen, steigt ebenfalls rasant. Heute sind es
  929. bereits mehr als 100000. Im Jahr 2013 besaßen die reichsten Afrikaner gemeinsam fast
  930. 950 Milliarden Dollar.
  931. Auch innerhalb der Länder hat die Einkommensungleichheit in den letzten dreißig Jahren
  932. oft dramatisch zugenommen, das gilt für Europa ebenso wie für Nord- und Südamerika,
  933. für Asien und Afrika. Ich illustriere das an zwei Beispielen aus der jüngsten Geschichte
  934. Lateinamerikas.
  935. Nicaragua ermittelt jährlich den Preis der canesta básica, des Warenkorbs mit den
  936. wichtigsten Haushaltsprodukten. Er enthält die Menge der 24 Lebensmittel, die eine
  937. sechsköpfige Familie in einem Monat zum Leben braucht. Im März 2013 lag der Preis der
  938. canesta básica bei 6650 Córdobas pro Monat, das sind knapp 250 Dollar. Aber der
  939. gesetzliche monatliche Mindestlohn eines Landarbeiters betrug zur selben Zeit nur 2000
  940. Córdobas, umgerechnet 80 Dollar.
  941. Gleichzeitig verstärkten sich in vielen Ländern die Konzentration und Monopolisierung
  942. von Ackerland in den Händen nationaler oder internationaler Finanzkonzerne. Nur ein
  943. Beispiel: In Guatemala besaßen 2013 1,86 Prozent der Bevölkerung 57 Prozent des
  944. Ackerlandes. In Guatemala gibt es 47 landwirtschaftliche Großbetriebe mit jeweils 3700
  945. Hektar oder mehr, während 90 Prozent der Bauern mit 1 Hektar oder weniger
  946. zurechtkommen müssen.
  947. Das durch Unterernährung und Hunger verursachte Massaker an Millionen Menschen ist
  948. heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, ein skandalöser Ausdruck des Kampfs der
  949. Reichen gegen die Armen, eine Ungeheuerlichkeit, eine Absurdität, die durch nichts zu
  950. rechtfertigen und durch keine Politik zu legitimieren ist. Es ist ein unzählige Male
  951. wiederholtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit.36
  952. Heute stirbt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder einer durch
  953. Unterernährung verursachten Krankheit. Im Jahr 2014 starben mehr Menschen durch
  954. Hunger als in sämtlichen Kriegen, die in diesem Jahr geführt wurden.
  955. Wie steht es mit dem Kampf gegen den Hunger? Er lässt nach. Im Jahr 2001 starb alle
  956. sieben Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger. 37 Im selben Jahr wurden 826
  957. Millionen Menschen durch die Folgen von schwerer, chronischer Unterernährung zu
  958. Invaliden. Heute sind es 841 Millionen.38
  959. Hunger bedeutet schweres Leid, Schwächung der motorischen und mentalen
  960. Fähigkeiten, Ausschluss aus dem aktiven Leben, gesellschaftliche Marginalisierung,
  961. Verlust der wirtschaftlichen Autonomie, Angst vor dem nächsten Tag. Er endet in einem
  962. schrecklichen Todeskampf.
  963. Weltweit sterben jedes Jahr rund 74 Millionen Menschen, 1 Prozent der
  964. Weltbevölkerung, an den verschiedensten Todesursachen. 2013 starben 14 Millionen an
  965. Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen.
  966. Damit ist Hunger die Haupttodesursache auf unserem Planeten. Und der Hunger ist von
  967. Menschen gemacht.
  968. Aus dem alljährlich vorgelegten Bericht zur Ernährungsunsicherheit der
  969. Welternährungsorganisation geht hervor, dass die Landwirtschaft weltweit mit dem
  970. erreichten Niveau ihrer Produktivkräfte normalerweise – durch die Zufuhr von 2200
  971. Kilokalorien täglich für einen Erwachsenen – 12 Milliarden Menschen ernähren könnte,
  972. fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung. Das durch den Hunger
  973. verursachte Massaker an Millionen Menschen hängt deshalb heute nicht damit zusammen,
  974. dass zu wenig Nahrungsmittel produziert werden, sondern mit dem Zugang zu den
  975. Nahrungsmitteln. Wer genug Geld hat, kann essen und leben; wer nicht genug Geld hat,
  976. leidet an Unterernährung, den Krankheiten, die eine Folge davon sind, und an Hunger.
  977. Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.
  978. Mächtige Industriestaaten haben damit begonnen, hunderte Millionen Tonnen Mais und
  979. Weizen zu verbrennen, um Biotreibstoffe herzustellen (Bioethanol und Biodiesel). Nach
  980. dem Börsenkrach 2007/2008 haben die großen Spekulanten – die Hedgefonds, die
  981. internationalen Investmentbanken und andere – sich den Warenbörsen zugewandt, auf
  982. denen landwirtschaftliche Rohstoffe gehandelt werden. Dort haben sie gigantische
  983. Gewinne gemacht, indem sie weltweit die Preise von Grundnahrungsmitteln explodieren
  984. ließen. Daher ist Ackerland, vor allem in Afrika, Südasien und Mittelamerika, selbst zum
  985. heiß begehrten Spekulationsobjekt geworden. 2013 erwarben multinationale
  986. Finanzoligarchien 221 Millionen Hektar Ackerland in den Ländern der südlichen
  987. Hemisphäre. Und die Folge?
  988. Auf den Flächen, die so in ihren Besitz gelangt sind – durch unbefristete Pachtverträge,
  989. durch »Kauf« zu lächerlichen Preisen, durch Korruption –, produzieren die ausländischen
  990. Investoren Rosen, Gemüse, Kartoffeln und vieles mehr, was für die Märkte in den
  991. nördlichen Ländern mit ihrer hohen Kaufkraft bestimmt ist. Sie importieren unterbezahlte
  992. Wanderarbeiter aus Sri Lanka, Pakistan und Nepal und vertreiben die einheimischen
  993. Bauernfamilien. Wohin? In die Slums der Megastädte, wo Massenarbeitslosigkeit,
  994. Kinderprostitution und die Ratten herrschen.
  995. III. Wie entsteht ein Klassenbewusstsein?
  996. Wenn die Unterdrückung zunimmt
  997. Werden viele entmutigt
  998. Aber sein Mut wächst.
  999. Er organisiert seinen Kampf
  1000. Um den Lohngroschen, um das Teewasser
  1001. Und um die Macht im Staat.
  1002. Er fragt das Eigentum:
  1003. Woher kommst du?
  1004. Er fragt die Ansichten:
  1005. Wem nützt ihr?
  1006. Wo immer geschwiegen wird
  1007. Dort wird er sprechen
  1008. Und wo Unterdrückung herrscht und von
  1009. Schicksal die Rede ist
  1010. Wird er die Namen nennen […]
  1011. Bertolt Brecht, Lob des Revolutionärs39
  1012. Jede gesellschaftliche Klasse hat zugleich eine objektive und eine subjektive Dimension.
  1013. Die Produktionsverhältnisse in den verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung bestimmen
  1014. die objektive Realität einer Klasse. Ab einem bestimmten Punkt in der Entwicklung einer
  1015. Produktionsweise teilen die Menschen konkrete Bedingungen der Produktion, des
  1016. Wohnens, der Ernährung und der Abhängigkeit. Diese Erfahrung der objektiven
  1017. Gemeinsamkeit der materiellen Lebensbedingungen – zwischen Menschen, die sich
  1018. kennen oder nicht, die miteinander sprechen oder nicht – führt zur Entstehung einer
  1019. kollektiven Erkenntnis ihrer Situation, mit anderen Worten: zu einem Klassenbewusstsein.
  1020. Mit dieser Frage befasst sich vor allem ein Werk: Geschichte und Klassenbewußtsein von
  1021. Georg Lukács, erstmals veröffentlicht 1923.
  1022. Der Autor von Die Seele und die Formen (1911) sowie der Theorie des Romans (1916)
  1023. schloss sich 1919 der kommunistischen Bewegung in Budapest unter der Führung von
  1024. Béla Kun an. Mit 34 Jahren wurde er Volkskommissar für Kultur der ungarischen
  1025. Räterepublik. Als diese von den Truppen des Admirals Miklós Horthy blutig
  1026. niedergeschlagen wurde, gelang Lukács die Flucht nach Deutschland.
  1027. Lukács hat eine Typologie erstellt, die hilfreich ist, um die Probleme des Begriffs
  1028. Klassenbewusstsein zu erfassen.40
  1029. Lukács schlägt in seiner Theorie des Klassenbewusstseins drei Kategorien vor: das
  1030. mögliche Klassenbewusstsein, das Klassenbewusstsein an sich, das Bewusstsein der
  1031. Klasse für sich. Hier eine kurze Definition aller drei:
  1032. – Das mögliche Klassenbewusstsein bildet sich nur punktuell. Es taucht bei besonderen,
  1033. isolierten Konflikten auf. Die Menschen, die einen solchen Konflikt auf der Grundlage
  1034. der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einer Klasse erleben, werden sich ihrer
  1035. gemeinsamen Situation bewusst. Noch präziser formuliert: Sie werden sich bewusst,
  1036. dass das, was ihnen allen widerfährt, die Folge bestimmter, gemeinsam erlebter
  1037. materieller Bedingungen ist, die ihre gesellschaftliche Existenz prägen und ihren
  1038. Handlungsspielraum begrenzen. Das mögliche Klassenbewusstsein ist ein
  1039. Zwitterwesen: Es hat eine dauerhafte objektive Realität, die Klassenzugehörigkeit, und
  1040. es hat eine nicht dauerhafte subjektive Realität, das punktuelle Zusammenfallen
  1041. autochthoner Intersubjektivitäten. Das mögliche Bewusstsein ist vergänglich, und es ist
  1042. rekurrent. Anders ausgedrückt: Es ist latent vorhanden, und nur manchmal wird es
  1043. manifest. Dass es nicht kontinuierlich existiert, kommt daher, dass es nur in
  1044. bestimmten krisenhaften Situationen, bei der Konfrontation mit bestimmten Gegnern,
  1045. auftaucht, bei einem Streik in einem bestimmten Sektor, in Bergwerken oder Fabriken
  1046. zum Beispiel. Es ist rekurrent insofern, als es sich immer wieder neu bildet, wie eine
  1047. Figur der kollektiven Erinnerung, wenn eine Krise oder eine Aggression des gleichen
  1048. Typs auftritt. Die symbolischen Instrumente des möglichen Klassenbewusstseins sind
  1049. heterogen. Es erinnert an einen zerbrochenen Spiegel, dessen tausend Teile dem
  1050. Bewusstsein der Einzelnen bruchstückhafte, individuelle, unterschiedliche Reflexe
  1051. zuwerfen. Das mögliche Klassenbewusstsein setzt der symbolischen Gewalt des
  1052. Herrschenden weder eine allgemeine Ablehnung noch eine alternative Totalität
  1053. entgegen.
  1054. – Das Klassenbewusstsein an sich hingegen ist eine kollektive Subjektivität von
  1055. dauerhaftem Charakter. Die Menschen, die an diesem kollektiven Über-Ich teilhaben,
  1056. die davon durchdrungen sind, sich davon motivieren lassen, haben somit ein klares
  1057. Bewusstsein, zu einer gemeinsamen Klasse zu gehören – durch ihre Eingliederung in
  1058. eine Produktionsmaschinerie materieller und symbolischer Güter. Sie haben das
  1059. Bewusstsein, die objektiven materiellen Bedingungen dieser beiden Produktionsformen
  1060. zu teilen. In den Ländern der Dritten Welt besteht eine besondere Situation: Der innere
  1061. Klassenkampf ist dort in gewisser Weise prädeterminiert durch die ausländische
  1062. imperialistische Beherrschung, die allen Klassen des unterworfenen Volks
  1063. aufgezwungen wird. Das Volk an der Peripherie verwandelt sich angesichts der
  1064. imperialistischen Oligarchie des Zentrums in eine einzige abhängige Klasse. Das
  1065. Bewusstsein an sich ist das alternative Bewusstsein, die antinomische Identität, die das
  1066. beherrschte Volk dem kollektiven Über-Ich, dem System der symbolischen Gewalt des
  1067. Herrschenden entgegenstellt. In den Gesellschaften der Dritten Welt waren und sind
  1068. die nationalen Befreiungsbewegungen die wichtigsten Träger dieses
  1069. Klassenbewusstseins an sich.
  1070. – Das Klassenbewusstsein für sich stellt eine neue Phase in der Entwicklung der
  1071. Menschheit dar, die noch nicht erreicht ist, allenfalls gelegentlich aufscheint. Karl Marx
  1072. schreibt in diesem Zusammenhang: »Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die
  1073. Masse der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für diese
  1074. Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese
  1075. Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst.«41
  1076. Erst in einer späteren Phase fallen die letzten Schranken zwischen den Menschen, der
  1077. freie Zusammenschluss der Produzenten entscheidet in jedem Augenblick über die
  1078. Investition der gesellschaftlichen Kräfte und der Arbeit eines jeden Einzelnen. Wenn
  1079. sich das Klassenbewusstsein für sich durchgesetzt hat, werden die hierarchischen
  1080. Beziehungen zwischen den Menschen verschwinden. An ihre Stelle werden
  1081. ausschließlich wechselseitige, jederzeit reversible Beziehungen treten. Der Mensch wird
  1082. sich frei mit der Hilfe der anderen Menschen konstituieren. Die unvollständige
  1083. Subjektivität eines jeden Einzelnen wird endlich in einem gemeinsamen menschlichen
  1084. Projekt aufgehen, vor allem durch die Befriedigung der Bedürfnisse eines jeden. Die
  1085. einzigen Maßstäbe sind die Entfaltung aller und das Glück eines jeden. Das
  1086. Klassenbewusstsein für sich ist Teil einer konkreten Utopie, eines »Tagtraums« der
  1087. Menschheit, um den Begriff von Ernst Bloch aufzugreifen, mit dem er diese Utopie
  1088. bezeichnete.
  1089. Der argentinische Arzt und Kommandant der Befreiungsarmee Boliviens, Ernesto Che
  1090. Guevara, verkörpert dieses Bewusstsein für sich. Im September 1967 befanden sich die
  1091. Überlebenden seiner Guerillatruppe militärisch in einer desolaten Lage, waren
  1092. gesundheitlich angeschlagen und hatten nicht genug zu essen. Die Eliteregimenter der
  1093. bolivianischen Diktatur, unterstützt von zahlreichen Agenten der nordamerikanischen CIA,
  1094. hatten das trockene, dünn besiedelte Gebiet im Südosten Boliviens, wo die
  1095. Guerillakämpfer seit mehr als zwei Jahren operierten, nahezu vollständig eingeschlossen.
  1096. Che Guevara litt seit seiner Kindheit an schwerem Asthma. An der caratera central, die La
  1097. Paz und den Altiplano mit Santa Cruz und dem Oriente verbindet, befand sich in dem
  1098. kleinen Ort Samaipata eine Apotheke. Er ritt an der Spitze seines Trupps dorthin und
  1099. kaufte die Medikamente, die er dringend benötigte.
  1100. Hinter der breiten, asphaltierten Straße beginnt der Dschungel. Etwas weiter entfernt
  1101. erstrecken sich die Yungas, dichte Bergwälder, und dahinter liegen die Siedlungen der
  1102. Bergarbeiter, die sich damals erhoben hatten. Mehrere Guerillakämpfer drängten Che, die
  1103. große Straße zu überqueren, in dem Wald unterzutauchen und sich zu den Bergarbeitern
  1104. durchzuschlagen. Che lehnte ab. Gequält von Hustenanfällen und Schmerzen, stieg er
  1105. wieder auf sein Pferd und kehrte in die Falle im Tal des Rio Grande zurück.
  1106. Einige Wochen später zerschmetterte ihm in der Quebrada del Yuro, einem engen Tal
  1107. zwischen zwei Bergketten, die Kugel eines bolivianischen Soldaten den rechten Arm. Er
  1108. wurde gefangen genommen und mit zwei Kameraden in die Schule des kleinen Dorfs La
  1109. Higuera gebracht. Dort wurde er an den einzigen Tisch im Klassenzimmer gefesselt und
  1110. in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1967 von Unteroffizier Mario Teran mit einer
  1111. Maschinengewehrsalve erschossen.
  1112. Che Guevara war in Samaipata umgekehrt und in das umzingelte Tal zurückgekehrt,
  1113. weil er die hungernden Bauern und ihre Familien, aus deren Mitte er seinen Kampf
  1114. geführt hatte, nicht im Stich lassen wollte. Er hatte ihnen sein Wort gegeben, dass er bis
  1115. zum Tod für ihre Befreiung und die Rückgabe ihres Landes kämpfen würde. Er wollte ihre
  1116. Hoffnung nicht zerstören.42
  1117. Evo Morales, der 2005 zum Staatspräsidenten Boliviens gewählt wurde und damit zum
  1118. ersten Indio-Präsidenten auf dem südamerikanischen Subkontinent, ist der direkte Erbe
  1119. Che Guevaras. Eine außerordentliche Welle der Solidarität der indigenen Bevölkerung des
  1120. Altiplano und des Oriente trug ihn ins Amt. Im Mai 2006 verstaatlichte er 221
  1121. multinationale ausländische Öl-, Gas- und Bergbaukonzerne und beendete damit beinahe
  1122. fünfhundert Jahre kolonialer Ausplünderung. Heute sind die Völker Boliviens dank der
  1123. reichen Bodenschätze in ihrem Land dabei, die uralten Geißeln zu überwinden: die
  1124. chronische Unterernährung, den Analphabetismus, die Bodenerosion, die
  1125. wiederkehrenden Epidemien, die Zerrüttung ihrer staatlichen Institutionen. Bei praktisch
  1126. allen öffentlichen Veranstaltungen ist die Erinnerung an das Opfer Che Guevaras in
  1127. Bolivien gegenwärtig.
  1128. Das kollektive Bewusstsein für sich durchdringt bis heute die bolivianische Revolution.
  1129. Nachtrag
  1130. Eine Form des Bewusstseins entzieht sich der wissenschaftlichen Analyse: das individuelle
  1131. Gewissen, das unhintergehbar und einzigartig ist. Georg Lukács’ Typologie erfasst es
  1132. nicht, das Vokabular der empirisch-rationalistischen Sozialwissenschaften kennt es nicht.
  1133. Aber weil es der wahre innerste Kern des Menschseins ist, hat es die Philosophen der
  1134. Aufklärung sehr beschäftigt. Für Jean-Jacques Rousseau war es die höchste souveräne
  1135. Instanz, das endgültige soziale Gericht. Zu ermöglichen, dass die »unsterbliche und
  1136. himmlische Stimme«43 des Gewissens sich frei ausdrücken kann, galt ihm als die edelste
  1137. Aufgabe der Philosophen. Eine Generation später beschwor der englische Dichter George
  1138. Byron, ein glühender Anhänger Rousseaus, diese innerste souveräne Macht. Er empfand
  1139. sie, als er auf einer Pilgerfahrt auf den Spuren Rousseaus in Clarens Schloss Chillon
  1140. besuchte und dort den Kerker, in dem man Bonivard eingesperrt hatte, einen Helden des
  1141. Genfer Unabhängigkeitskampfs gegen Savoyen: »Eternal Spirit of the Chainless Mind!
  1142. Brightest in Dungeons, Liberty!«44 (»Ewiges Genie des Geistes ohne Ketten! In den
  1143. Verliesen leuchtest du am hellsten, Freiheit!«)
  1144. Jedes Individuum ist immer das Produkt einer kollektiven und spezifischen,
  1145. kontingenten, historischen, abhängigen Sozialisierung, aber der innerste Kern, das
  1146. absolut Singuläre, entzieht sich der Klassifizierung. Somit ist das eigene Gewissen, das
  1147. die marxistischen Analytiker gern vernachlässigen, eine mächtige historische Kraft.
  1148.  
  1149. DRITTES KAPITEL
  1150. Die Irrwege der Ideologien
  1151. Die Menschen benötigen einen Sinn der Geschichte wie die Zugvögel einen Sinn der Orientierung. Was auch immer die
  1152. konjunkturellen Umstände sind, der Mensch kann sich nicht mit einer Existenz ohne Obsessionen und ohne Utopie
  1153. begnügen.
  1154. Régis Debray, Vorwort zu Victor Serge Carnets45
  1155. I. Was ist eine »richtige« Ideologie, und was ist eine
  1156. »falsche«?
  1157. Der sozialistische Staatsmann und Philosoph Jean Jaurès erzählt folgende Geschichte:
  1158. »An einem Winterabend ergriff mich in dieser riesigen Stadt so etwas wie ein soziales
  1159. Schaudern. Mir schien es, als hätten die Tausende und Abertausende Menschen, die
  1160. aneinander vorbeigingen, ohne sich zu kennen, eine zahllose Menge einsamer Phantome,
  1161. keinerlei Bindungen. Und ich fragte mich mit einer Art unpersönlichem Schrecken, wie all
  1162. diese Wesen die ungleiche Verteilung des Guten und des Schlechten hinnahmen und wie
  1163. es kam, dass die gewaltige gesellschaftliche Struktur nicht zerfiel. Ich sah keine Ketten an
  1164. ihren Händen und Füßen und dachte: Durch welches Wunder ertragen diese Tausende
  1165. leidender, geschundener Menschen all das? […] Die Kette befand sich im Herzen, das
  1166. Denken war gefesselt, das Leben hatte dem Geist ihre Formen eingeprägt, die
  1167. Gewohnheit hatte sie fixiert. Die gesellschaftliche Ordnung hatte die Menschen geformt,
  1168. sie war in ihnen, in gewisser Weise war sie zu ihrer Substanz geworden, und sie lehnten
  1169. sich nicht gegen die Realität auf, weil sie sich mit ihr verwechselten. Der Mann, der da
  1170. schlotternd vorbeiging, hätte es wohl für weniger unvernünftig und weniger schwierig
  1171. gehalten, alle Steine der großen Stadt Paris in die Hand zu nehmen, um sich ein Haus zu
  1172. erbauen, als das gewaltige, niederdrückende und schützende gesellschaftliche System in
  1173. Frage zu stellen, in dem er sich in einer Ecke nach seiner Gewohnheit und in seinem
  1174. Elend eingerichtet hatte.«46
  1175. In der Geschichte spielen Ideologien eine oft entscheidende Rolle. Was ist eine Ideologie?
  1176. Der Historiker Georges Duby bezeichnet Ideologien als »diskursive polemische
  1177. Formationen«; die Ideologie ist »keine Widerspiegelung des Erlebten, sie ist vielmehr ein
  1178. Entwurf, Einfluß auf das Erleben zu nehmen. Soll das Handeln überhaupt eine Chance
  1179. haben, wirksam zu sein, darf der Unterschied zwischen dem imaginären Bild und den
  1180. ›Realitäten‹ des Lebens nicht allzu groß sein. Doch insofern dem Diskurs Gehör geschenkt
  1181. wird, kristallisieren sich alsbald neue Haltungen heraus, welche die menschliche
  1182. Wahrnehmung der Gesellschaft verändern.«47
  1183. Eine Ideologie ist ein Symbolsystem, das auf der Basis einer eigenen Logik errichtet ist
  1184. und dem eine kohärente diskursive Vernunft innewohnt. Der Begriff »Symbolsystem«
  1185. bezeichnet eine Gesamtheit von Bedeutungen, Werten, Ideen, Konzepten,
  1186. Glaubensüberzeugungen und Vorstellungen.
  1187. Jede Ideologie übernimmt damit eine Aufgabe: die Aufgabe, die Welt zu »deuten«.
  1188. Auf die Frage, was eine »richtige« und was eine »falsche« Ideologie sei, geben Duby und
  1189. Vladimir Jankélévitch48 überzeugende Antworten. »Falsch« ist eine Ideologie, wenn sie
  1190. einer Strategie der Entfremdung, der Unterdrückung, der Regression des Menschen dient.
  1191. Befördert sie jedoch die Emanzipation, die Selbstbestimmung, die Menschwerdung eines
  1192. Menschen – dann ist sie »richtig«. In seinem berühmten Dokumentarfilm »Le chagrin et la
  1193. pitié« (1969) gibt Marcel Ophüls dem Anstaltsgeistlichen des Zuchthauses von Nancy,
  1194. einem katholischen Priester, das Wort. Dieser hatte während der deutschen Besatzung
  1195. viele zum Tode verurteilte Menschen zur Hinrichtung in den Gefängnishof, zur Guillotine,
  1196. geführt. Der französische geheime Widerstand war stark und lebendig in Lothringen. Der
  1197. Priester führte viele Widerstandskämpfer – Männer und Frauen allen Alters, aller sozialen
  1198. Klassen – zur Guillotine. Die allermeisten unter ihnen starben mutig, Ihre letzten Worte
  1199. waren häufig: »Vive la France!« Dann legten sie den Hals auf den Block.
  1200. 1944 kerkerten die Behörden des befreiten Paris im selben Zuchthaus die abgeurteilten
  1201. Folterknechte der Gestapo und die Massenmörder der SS ein. Derselbe Priester führte
  1202. auch sie zum Schafott. Viele Nazi-Verbrecher wandten sich nach Osten, nach Berlin,
  1203. hoben den Arm zum Führergruß und riefen: »Heil Hitler!« Die allermeisten starben mutig.
  1204. Die einen – die Widerstandskämpfer – waren beseelt von einer »richtigen« Ideologie,
  1205. jener des Patriotismus, des Widerstands gegen das Verbrechen, der Hoffnung auf
  1206. Befreiung, der Emanzipation des Menschen. Die anderen – die Gestapo-Folterer und SSMörder
  1207. – starben im Dienste einer Ideologie der Menschenverachtung, der rassistischen
  1208. Hybris, der Verehrung von Gewalt und Tod.
  1209. Eine Ideologie ist niemals harmlos. Entweder befreit sie, oder sie unterdrückt. Wenn sie
  1210. in einer Machtbeziehung eingesetzt wird, verschiebt sie mit ihrem Gewicht die
  1211. Machtverhältnisse. Darum muss man wissen, im Dienst welcher Strategien, welcher
  1212. Mächte und welcher Interessen sie eingesetzt wird. Dazu zwei Beispiele:
  1213. Das erste Beispiel hat mit den Begräbnisritualen der katholischen Kirche zu tun. In
  1214. vielen Ländern Lateinamerikas, Südeuropas und Asiens übt die katholische Kirche eine
  1215. große – und meistens rückwärtsgewandte – Macht über Geist und Körper der Menschen
  1216. aus. Die Manipulation des Todes, die Begräbnisrituale bilden die Grundlage der Macht.
  1217. Nur ein mit dem Segen des Priesters bestatteter Toter hat die Aussicht, ins Paradies zu
  1218. gelangen. Den anderen droht das Fegefeuer oder die Hölle! Jeder Mensch hat Angst vor
  1219. dem Tod. Die Manipulation des Todes durch die Kirche unterwirft die Menschen der
  1220. kirchlichen Bürokratie, ihrem Moralkodex, den gesellschaftlichen, sexuellen, politischen,
  1221. ökonomischen und ideologischen Wertvorstellungen, die sie umsetzt. Die Manipulation
  1222. der Angst des Menschen vor dem Tod ist ein Herrschaftsinstrument der Kirche. Trotzdem
  1223. können die Manipulation des Todes und die Begräbnisrituale der Kirche unter bestimmten
  1224. historischen Umständen auch hilfreich sein.
  1225. Nach dem Staatsstreich von General Pinochet im September 1973 »verschwanden« in
  1226. Chile jeden Monat Hunderte Menschen, die ermordet worden oder unter der Folter
  1227. gestorben waren. Im Allgemeinen wurden die »Verschwundenen« in Massengräbern
  1228. verscharrt, den »heimlichen Friedhöfen«. In der Folge kam es immer wieder vor, dass ein
  1229. Bauer, der sein Feld bestellte, oder ein Spaziergänger einen solchen Friedhof entdeckte.
  1230. 1979 legte Kardinal Raúl Silva Henríquez, der Erzbischof von Santiago und höchster
  1231. Würdenträger der katholischen Kirche in Chile, im Kampf gegen die Diktatur
  1232. bemerkenswerten Mut an den Tag und schrieb einen offenen Brief an General Pinochet, in
  1233. dem er die Respektierung des Konkordats einforderte, insbesondere der Bestimmungen,
  1234. die mit den Begräbnisprivilegien der Kirche zusammenhingen. Silva Henríquez verlangte,
  1235. dass jeder getaufte Chilene – und die meisten Chilenen sind getauft – künftig das Recht
  1236. auf ein christliches Begräbnis haben sollte; dass jeder Leichnam, woher er auch kam – ob
  1237. aus einem Krankenhaus, einer Kaserne oder einem Polizeikommissariat – seinen
  1238. Angehörigen übergeben werden müsse, damit sie ihn mit einem Priester und den
  1239. Begräbnisritualen der Kirche zu Grabe tragen könnten. Ohne Zweifel war der Vorstoß von
  1240. Silva Henríquez – bei dem er repressive Begräbnisrituale in den Dienst der Befreiung und
  1241. des Lebens der Menschen stellte – ein mutiger Versuch, gegen das »Verschwinden«
  1242. politischer Gefangener in Chile zu kämpfen. Kardinal Silva Henríquez hörte nicht auf, den
  1243. Mächtigen zuzusetzen; er war für Pinochet ein Stachel im Fleisch, so sehr, dass Pinochets
  1244. Ehefrau im Juni 1983 sagte, als der Kardinal nach Erreichen der Altersgrenze in den
  1245. Ruhestand treten musste: »Es scheint, dass Gott uns erhört hat.«
  1246. Das zweite Beispiel betrifft den Einsatz von Initiationsriten für unterschiedliche
  1247. Altersgruppen bei den Bantu-Völkern. Insbesondere zwei afrikanische Regimes haben
  1248. diese Riten genutzt oder nutzen sie noch, und zwar auf diametral entgegengesetzte Art
  1249. und Weise: Guinea-Bissau und Zaire.
  1250. Amílcar Cabral und sein PAIGC (Partido Africano da Independência da Guiné e Cabo
  1251. verde, Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde) bezogen
  1252. sich auf Initiationsriten, um in der ersten Phase des ländlichen Guerillakampfs gegen die
  1253. portugiesischen Kolonialherren junge Kämpfer zu rekrutieren. Die Befreiungsarmee, die in
  1254. einem sehr kleinen Gebiet operierte, bedrängt von einem Feind, der nicht nur die Städte
  1255. kontrollierte, sondern auch weite Teile des Landesinneren, hatte große Probleme mit der
  1256. Rekrutierung. Die pädagogische Vorbereitung der Rekrutierung – wie sie etwa in Algerien
  1257. während des Unabhängigkeitskriegs von 1954 bis 1962 entwickelt worden war und die
  1258. Cabral genau studiert hatte – war in Guinea praktisch undurchführbar. Bis ins erste Drittel
  1259. der 1960er-Jahre hinein verfügte die Befreiungsarmee nicht über wirklich befreite Zonen.
  1260. Die Führung sah sich mehreren offensichtlich widersprüchlichen Anforderungen
  1261. gegenüber: Die Verluste waren hoch, deshalb mussten beständig und in großer Zahl neue
  1262. Kämpfer rekrutiert werden; die Überwachung des Gebiets und die technischen Mittel zur
  1263. Kontrolle, über die der Feind verfügte, zwangen die Anwerber, strikt im Geheimen zu
  1264. agieren und dauernd ihren Standort zu wechseln. In bestimmten Gebieten konnten sie
  1265. nur eine oder zwei Nächte im selben Dorf bleiben. Selbst die Einberufung einer
  1266. Dorfversammlung war oft unmöglich. Auch die Rekrutierung selbst musste heimlich
  1267. stattfinden und schnell vor sich gehen. Und eine letzte Herausforderung: Auf die
  1268. angeworbenen Kämpfer warteten schwere Opfer. In Guinea wandten die portugiesischen
  1269. Kolonialherren schreckliche Repressionsmethoden an: Folter in Verhören war üblich; ein
  1270. gefangener Guerillakämpfer galt nicht als Kriegsgefangener; er wurde meist sofort
  1271. erschossen; oft gab es Repressalien gegen die Familie. Die Integration eines neuen
  1272. Rekruten in seine Einheit musste nicht nur schnell und heimlich erfolgen, sie musste
  1273. überdies von der ersten Stunde an so überzeugend und so intensiv wie möglich sein. Die
  1274. Initiationsriten aus der Kosmogonie der Balante erfüllten die meisten dieser Forderungen.
  1275. Bei ihren nächtlichen Besuchen überzeugten die jungen Anwerber des PAIGC die Balante-
  1276. Priester von der Notwendigkeit des Befreiungskrieges. Einige Tage oder Monate später
  1277. wurden die Heranwachsenden des Dorfs mittels einer kurzen, geheimen, intensiven
  1278. Zeremonie, die von den Balante-Priestern geleitet wurde, in junge PAIGC-Kämpfer
  1279. verwandelt. Die Promotion zum Krieger fand in Gruppen statt. Die Gruppen junger
  1280. Balante (oder Peuhl, Bissagos, Mandingues und anderer), welche die Initiationsrituale
  1281. (Aussetzung in einem schlangenverseuchten Wald, wochenlanges Fasten, Sprung durch
  1282. loderndes Feuer und so weiter) gemeinsam durchlitten, bildeten fortan eine total
  1283. solidarische Einheit, die kein Feind und keine Angst zu brechen vermochte.
  1284. In Zaire inszenierte Präsident Mobutu das gleiche Ritual. Der korrupte Diktator hoffte,
  1285. auf diese Weise die jungen Kongolesen – die noch nicht akkulturiert waren, im
  1286. traditionellen Milieu lebten, vom Land kamen, die Mehrheit der Bevölkerung stellten – für
  1287. sich und seine politische Strategie zu gewinnen.
  1288. So wie Cabral den Initiationsritus der Balante für die Rekrutierung und Integration neuer
  1289. Kämpfer in die Guerillaeinheiten des PAIGC einsetzte, hatte der Ritus eine »fortschrittliche«
  1290. Bedeutung, das heißt, er diente der Emanzipation, der Befreiung der Menschen. Als das
  1291. Mobutu-Regime mit seiner »Authentizitäts«-Ideologie sich der traditionellen
  1292. Initiationsriten der jeweiligen kongolesischen Völker bemächtigte und sie als Waffe für
  1293. seine Unterwerfungsstrategie gebrauchte, änderte sich ihr Sinn grundlegend: Der Ritus
  1294. wurde zu etwas Entfremdendem, Regressivem. Als »regressiv« bezeichne ich jedes
  1295. Symbol, das den Sinn reduziert, das Glück und die Hoffnung auf Befreiung auslöscht,
  1296. Bedingungen schafft, die die Versklavung von Menschen begünstigen.
  1297. Die Hervorbringung und der Einsatz von Ideologien werfen noch andere Probleme auf.
  1298. Derjenige, der die Ideologie einsetzt, kann in gutem Glauben handeln oder auch nicht. Er
  1299. kann von der Bedeutung, die er dem kollektiven Gedächtnis entnommen hat, überzeugt
  1300. sein oder auch nicht. Zur Erläuterung: Hitler, Goebbels, Rosenberg und Himmler glaubten
  1301. ohne Zweifel an die pangermanischen Rassemythen, die sie ausgegraben hatten,
  1302. aktualisierten, neu interpretierten und einsetzten, um ihre Politik der Ausrottung nichtarischer
  1303. Völker zu »erklären«. Insofern waren sie guten Glaubens. Umgekehrt kenne ich
  1304. einen katholischen Vikar aus dem Norden Brasiliens, einen überzeugten Marxisten, der
  1305. die rückwärtsgewandte Politik der Mehrheit der brasilianischen Bischöfe, die mit der
  1306. Diktatur gemeinsame Sache gemacht hatten, vollkommen ablehnte. Er verwendete, in
  1307. »schlechtem Glauben«, die Sprache der Institutionen der Kirche, um in seiner Diözese
  1308. einen kühnen Kampf für die Agrarreform, die Organisation von Gewerkschaften und die
  1309. »Bewusstseinsbildung« der Bauern zu führen. Während der Militärdiktatur (1964–1982)
  1310. waren die Hirtenbriefe, Proklamationen und Botschaften der brasilianischen
  1311. Bischofskonferenz pompös und verlogen. Der Vikar von Ceará verlas sie von der Kanzel
  1312. und interpretierte die bischöflichen Floskeln in seinem Sinn. Er glaubte nicht an die
  1313. Floskeln. Aber sie waren ihm nützlich. Die Schergen der Geheimdienste von Luftwaffe,
  1314. Armee und Marine wagten es nicht, ihn zu ermorden oder auch nur zu verhaften. Der
  1315. Vikar rechtfertigte ja jede seiner konkreten Initiativen – Gewerkschaftsgründungen,
  1316. Bauernkooperationen und so weiter – mit Zitaten aus den Hirtenbriefen.
  1317. Das Kriterium, ob das jeweilige Subjekt in gutem oder schlechtem Glauben spricht, sagt
  1318. darum nichts über den Wert einer Ideologie aus. Hitler, Goebbels, Rosenberg und
  1319. Himmler verkörperten die abstoßendste Perversion des menschlichen Geistes. Ihre Reden
  1320. »in gutem Glauben« produzierten absurde Behauptungen, die die fürchterlichsten
  1321. Verbrechen zur Folge hatten. Auf der anderen Seite wirkte der episkopale Vikar von Ceará
  1322. »in schlechtem Glauben« für den Schutz der Verfolgten, den Kampf gegen das Elend, die
  1323. Emanzipation der Bauern, die er als Priester unter seiner Obhut hatte.
  1324. Vladimir Jankélévitch, Philosophieprofessor an der Sorbonne, fasst das Problem in einer
  1325. Geschichte zusammen: Die SS dringt in ein Haus ein, in dem sich Widerstandskämpfer
  1326. treffen. Einer hat sich in einem Schrank versteckt. Der SS-Offizier fragt: »Ist jemand in
  1327. dem Schrank?« Die Bewohner des Hauses antworten: »Nein.« Jankélévitch erklärt, dass
  1328. die Bewohner die »Wahrheit« gesagt haben:49 Die französischen Widerstandskämpfer und
  1329. ihre Verbündeten arbeiten für das Ziel einer befreiten Gesellschaft. Ihre Antwort an den
  1330. SS-Offizier zeugt von »schlechtem Glauben«; die Ideologie aber, der sie dient, ist richtig
  1331. und wahr. Sie befördert die Emanzipation des Menschen.
  1332. II. Wie entstehen, entwickeln und wandeln sich
  1333. Ideologien?
  1334. Wissen ist ein Schmerz. Und wir wußten es:
  1335. Jede aus dem Dunkel hervorgesickerte Kunde
  1336. Bescherte uns das nötige Leid:
  1337. jenes Gerücht wurde tausendfach Wahrheit,
  1338. es füllte die dunkle Tür sich mit Licht,
  1339. und es läuterten sich die Schmerzen.
  1340. Wahrheit war bei diesem Tod das Leben.
  1341. Schwer lastete der Sack des Schweigens.
  1342. Und immer noch kostete es Blut, ihn aufzuheben,
  1343. zu viele Steine der Vergangenheit waren es.
  1344. Hernach aber wurde mutig der Tag:
  1345. mit goldnem Messer durchbrach er das Dunkel
  1346. und eindrang die Erörterung wie ein Rad,
  1347. das wiedereingesetzt durch das Licht, hinrollte
  1348. bis zum Polarpunkt des Landes.
  1349. Nun krönten Ähren
  1350. die Herrlichkeit der Sonne und ihre Energie:
  1351. von neuem gab Antwort der Kamerad
  1352. auf die Frage des Kameraden.
  1353. Und jener grausame Weg in die Irre
  1354. wurde unter der Wahrheit wieder Weg.
  1355. Pablo Neruda, Memorial von Isla Negra50
  1356. Die Klassenkämpfe, die der Entstehung, Entwicklung und Wandlung der Ideologien
  1357. Substanz verleihen, vollziehen sich notwendigerweise an der doppelten Front des
  1358. materiellen und des ideologischen Kampfs oder, wie Louis Althusser sagt, des praktischen
  1359. und des theoretischen Klassenkampfs. Nehmen wir als Beispiel, um diese Kämpfe an
  1360. doppelter Front zu verstehen, um zu zeigen, wie eine neue Klasse, die im Begriff ist, die
  1361. wirtschaftliche Macht in der Gesellschaft zu erobern, einen ideologischen Krieg anzettelt,
  1362. um ihren Sieg zu beschleunigen und ihren Kampf zu erklären und zu rechtfertigen, die
  1363. Reformation und insbesondere die calvinistische Prädestinationslehre. Ich zitiere sie nach
  1364. Friedrich Engels: Calvins »Dogma war den kühnsten der damaligen Bürger angepaßt.
  1365. Seine Gnadenwahl war der religiöse Ausdruck der Tatsache, daß in der Handelswelt der
  1366. Konkurrenz Erfolg oder Bankrott nicht abhängt von der Tätigkeit oder dem Geschick des
  1367. einzelnen, sondern von Umständen, die von ihm unabhängig sind. ›So liegt es nicht an
  1368. jemandes Wollen oder Laufen, sondern am Erbarmen‹ überlegner, aber unbekannter
  1369. ökonomischer Mächte. Und dies war ganz besonders wahr zu einer Zeit ökonomischer
  1370. Umwälzung, wo alle alten Handelswege und Handelszentren durch neue verdrängt, wo
  1371. Amerika und Indien der Welt eröffnet wurden und so selbst die altehrwürdigsten
  1372. ökonomischen Glaubensartikel – die Werte des Goldes und des Silbers – ins Wanken und
  1373. Krachen gerieten.«51
  1374. Die erste bürgerliche Republik des Kontinents wurde 1536 von dem puritanischen
  1375. französischen Prediger und Reformator Jean Calvin ausgerufen. Er war ein hagerer,
  1376. introvertierter Mann mit bleichem Gesicht. Er starb mit 56 Jahren an einem Magenleiden.
  1377. Ein bekanntes Theaterstück von Dominique Ziegler trägt den Titel Le maître du temps
  1378. (Der Herr über die Zeit). Ein wichtiges Dekret des Predigers aus der Picardie – der durch
  1379. Zufall auf der Reise von Rom Richtung Straßburg durch Genf gekommen war und dort von
  1380. den mit dem Fürstbischof im Konflikt liegenden Bürgern zurückgehalten wurde – war die
  1381. »Erfindung der Zeit«. Überall in der Stadt und in den umliegenden Dörfern am Ufer des
  1382. Sees wurden Uhren aufgestellt. Fortan galt es, jede Minute zu nutzen. Zeit war gelebtes
  1383. Leben, streng normiert, im Dienste der frühkapitalistischen Produktion. Vom Kirchenvater
  1384. Thomas von Aquin stammt das Wort: »Der Mensch wird geboren, um die Schöpfung zu
  1385. vollenden.«
  1386. Jean Calvin eignete sich diese Moral an. Er kleidete sie in Normen, schuf ein rigides
  1387. Arbeitsethos und eine genaue Arbeitsteilung. Er errichtete eine gewalttätige Theokratie.
  1388. Dissidenten wurden verbrannt, so der immigrierte spanische Theologe Michel Servet.
  1389. Jean Calvin machte das »protestantische Rom« in kurzer Zeit zum Laboratorium der sich
  1390. anbahnenden kapitalistischen Produktionsweise.
  1391. Die Theorie der Prädestination, die Calvin in seinem mehrbändigen Monumentalwerk
  1392. »Institutio Christianae Religionis« verteidigte und die seine Prediger in ganz Europa, in
  1393. Nordamerika und Südafrika verbreiteten, hat die koloniale Eroberung, die Aggressivität
  1394. der Invasoren und die Verachtung der autochthonen Bevölkerung potenzialisiert. Die
  1395. calvinistischen Afrikaaner in Südafrika, die Gründerväter der dreizehn britischen
  1396. Kolonialstaaten in Nordamerika (die 1776 zur Unabhängigkeit gelangten und sich zu den
  1397. Vereinigten Staaten zusammenschlossen), sie alle betrachteten sich als »Auserwählte«
  1398. und damit von anderer, höherer Essenz als die indianischen Völker oder die Bantu-
  1399. Stämme, die sie ihres Landes beraubten und in vielen Fällen massakrierten.
  1400. Die Erschütterungen in der Wirtschaft, die Vervielfachung der Entscheidungszentren, der
  1401. Zerfall der alten Feudalwelt mit ihrer festen, hierarchischen gesellschaftlichen Schichtung,
  1402. dazu die Auflösung der geografischen Grenzen der Welt, die man bis dahin für
  1403. unumstößlich gehalten hatte, all das erzeugte große Ratlosigkeit, Verwirrung und ein
  1404. Gefühl tiefer Verunsicherung bei den Menschen des 16. Jahrhunderts. Die calvinistische
  1405. Ideologie reagierte auf ein konkretes, drängendes Bedürfnis: das Bedürfnis, heftige, die
  1406. Menschen beunruhigende Widersprüche aufzulösen zwischen der kommerziellen,
  1407. wirtschaftlichen, finanziellen, wilden, aggressiven und scheinbar unbegrenzten Freiheit
  1408. der bürgerlichen Bankiers und Händler in den Städten einerseits und der permanenten,
  1409. tiefinneren, unabweisbaren Begierde des Menschen andererseits, die Zukunft
  1410. »vorauszusehen«, die Welt zu verstehen, die gesellschaftlichen Erfahrungen
  1411. zusammenzubringen, in der Geschichte einen Sinn zu finden. Die Lehre von der
  1412. Prädestination der Seelen – unvorhersehbar für den Menschen, aber vorhergesehen von
  1413. Gott –, die Jean Calvin, Theodor von Bèze und ihre Schüler verbreiteten, diente dem
  1414. Bedürfnis der neuen bürgerlichen Klasse ganz hervorragend. Und so wurde der
  1415. Calvinismus im 16. Jahrhundert zur Rechtfertigungslehre für die politischen Eroberungen
  1416. des Handel treibenden Bürgertums in Genf, den Niederlanden, in Schottland und bei
  1417. Teilen des aufstrebenden Bürgertums in Deutschland und Italien. Die Lehre von der
  1418. Vorherbestimmung der Seele diente auch dazu, Völkermorde zu rechtfertigen wie die
  1419. englischer calvinistischer Einwanderer im 17. Jahrhundert an den Mohikanern, den Pequot
  1420. und anderen Völkern an der nordamerikanischen Ostküste oder die Massaker, die im 17.,
  1421. 18. und 19. Jahrhundert aus Holland stammende Calvinisten an den Völkern der
  1422. Buschmänner, der Twa und der Zulu im südlichen Afrika verübten.52
  1423. Eine Ideologie entwickelt sich nach einer relativ autonomen Logik. Die Logik hängt davon
  1424. ab, wie die Werkzeuge der ideologischen Produktion – Institutionen, Berufsstände wie
  1425. Priester, Intellektuelle, Künstler 53 – beschaffen sind sowie von dem Bestand an Ideen,
  1426. Kenntnissen, Symbolen, Bildern, den Kulturen und Wissenschaften, aus denen die
  1427. Ideologien ihre Argumente schöpfen je nach den Strategien, die sie unterstützen.
  1428. Roger Bastide formulierte in seinem Buch Les Religions africaines au Brésil54 eine
  1429. kohärente Theorie des »autonomen Bewusstseins«, die er der marxistischen Theorie von
  1430. der Entwicklung der Ideologien gegenüberstellt. Er analysiert die Entwicklung der
  1431. Ideologien, die von den afrikanischen Gesellschaften in der brasilianischen Diaspora
  1432. hervorgebracht wurden. Ich verweile bei diesem Beispiel, weil es sehr klar zeigt, wie eine
  1433. Ideologie sich verselbstständigt und die materielle Gesellschaft überlebt, in der sie
  1434. entstanden ist. Das gilt natürlich immer unter der Bedingung, dass die betreffende
  1435. Ideologie den realen Bedürfnissen der Menschen dient, die sich auf sie berufen.
  1436. Die traditionellen Gesellschaften der Kongo, Yoruba, Fon und Ewe auf dem afrikanischen
  1437. Kontinent wurden größtenteils zerstört. Aber ihre Ideologien, ihre Symbolsysteme haben
  1438. nicht nur das Überleben der in ein fremdes Land deportierten schwarzen Sklaven
  1439. gesichert, die oft unter unbeschreiblich grausamen Bedingungen lebten, sondern sogar
  1440. ihre kulturelle und politische Renaissance ermöglicht. Obwohl die Abstammungslinien
  1441. zerstört und die Clans niedergemetzelt wurden, trotz der großen geografischen
  1442. Entfernung und obwohl Familien zerrissen und die Schwarzen zu Objekten
  1443. herabgewürdigt wurden, hat das geschundene schwarze Volk überlebt. Und es hat im Exil
  1444. eine sehr mächtige Kultur hervorgebracht, die heute in Brasilien und in anderen Ländern
  1445. Amerikas für die Schwarzen wie auch die Weißen eine Alternative zur Ideologie des
  1446. multinationalen Monopolkapitalismus und seiner Legitimationstheorie, dem aggressiven,
  1447. obskurantistischen Neoliberalismus, darstellt. Eine Zuflucht, eine Waffe des Widerstands,
  1448. eine alternative Identität und paradoxerweise auch einen alternativen Kampf.
  1449. Die zentrale Institution dieser Kultur ist der terreiro oder candomblé55. Er ist in erster
  1450. Linie ein spezieller Ort, wo afrikanische Götter von Männern oder Frauen Besitz ergreifen,
  1451. oder, noch häufiger, ein Ort der kulturellen Gemeinschaft. Der terreiro oder candomblé ist
  1452. zugleich ein System geistiger Vorstellungen, eine Hierarchie der Macht, ein Bestand an
  1453. Ritualen und die Gemeinschaft, die all dies transportiert.
  1454. Diese in sich abgeschlossenen, voneinander unabhängigen Geheimgesellschaften, zu
  1455. denen Nicht-Afrikaner lange Zeit keinen Zutritt hatten, sind typisch für die brasilianische
  1456. Küste von Curitiba bis Belém do Pará. In den kolumbianischen Städten Barranquilla und
  1457. Cartagena gibt es stark strukturierte afrikanische Kultgesellschaften. Auf Kuba schlagen
  1458. die Nachfahren der Sklaven weiter die Trommel, und die Orixas steigen auf sie herab wie
  1459. auf ihre fernen Brüder in Abeokuta (oder Kétou56). Im Tal des Orinoco in Venezuela und
  1460. auf den Hochebenen der Yungas (der alten Andenprovinz der Jesuitenpatres) in Bolivien
  1461. werden die Orixas als Realität erfahren, als allmächtige Gottheiten, die jede Kleinigkeit
  1462. des Alltagslebens und die Vorgänge der umgebenden Welt regeln. Ihre Priester wirken in
  1463. Haiti, auf Jamaika und in Kuba. Vor einigen Jahrzehnten sind die Santeros in den
  1464. schwarzen Gettos der nordamerikanischen Metropolen aufgetaucht. Heute gibt es allein
  1465. im Getto von Harlem über zweihundert Lucumi-terreiros, sie sind eine Inspiration für
  1466. Hunderttausende junger Schwarzer, die gegen die rassistische Unterdrückung durch die
  1467. Weißen aufstehen.
  1468. Der Rückgriff auf diese religiöse Ideologie in Harlem und anderen schwarzen Gettos
  1469. nordamerikanischer Großstädte, in denen die wissenschaftlichen und technischen
  1470. Kenntnisse den höchsten Stand erreicht haben, den es auf der Welt jemals gegeben hat,
  1471. zeigt, dass dort Erklärungen für den Sinn des Lebens, der Welt, des Menschen und seiner
  1472. Beziehung zu den Mitmenschen weitgehend fehlen. Erfolgreich ist die Ideologie dort
  1473. deshalb, weil die Initiation afrikanischer Priesterinnen und Priester sich fortsetzt und die
  1474. Riten und Werte in den massiv diskriminierten Gruppen kontinuierlich reproduziert
  1475. werden.
  1476. III. »Naturgesetze«
  1477. Welche Ideologie dominiert heute auf dem Planeten?
  1478. Es ist die Ideologie des Neoliberalismus.57 Sie dient heute dazu, die weltweite Herrschaft
  1479. der Oligarchien zu rechtfertigen, die das Finanzkapital besitzen.
  1480. Guy Debord schreibt: »Zum ersten Mal sind dieselben Leute Herr über alles, was wir tun,
  1481. und über alles, was wir darüber sagen.«58
  1482. Und was sind die Grundlagen der neoliberalen Ideologie?
  1483. Im August 1991 implodierte die Sowjetunion. Bis dahin lebte jeder dritte Mensch auf
  1484. dem Planeten in einem kommunistischen Regime. Auch wenn die UdSSR den Namen
  1485. »kommunistisch« nicht verdiente, denn sie war ein korrupter Polizeistaat, so war die
  1486. Bipolarität der Weltgesellschaft doch offensichtlich. Die kapitalistischen Klassen im
  1487. Westen lebten in der ständigen Angst, dass die europäischen, amerikanischen und
  1488. anderen Bürger und Bürgerinnen sich womöglich dafür entscheiden könnten, der
  1489. »kommunistischen« Ideologie zu folgen. Darum akzeptierten sie eine zwar begrenzte,
  1490. aber doch freiwillige Umverteilung ihres Reichtums, was Eingriffe des Staates in die
  1491. wirtschaftlichen Mechanismen implizierte. Insbesondere das keynesianische
  1492. Wirtschaftsmodell, benannt nach dem englischen Ökonomen John Maynard Keynes,
  1493. Verfasser des 1936 erschienenen Werks Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des
  1494. Zinses und des Geldes, propagierte eine andere Politik als die des klassischen
  1495. Liberalismus: Die schrittweise Erhöhung der Kaufkraft der Arbeiter soll für
  1496. Wirtschaftswachstum sorgen, und der Wohlfahrtsstaat garantiert den abhängigen Klassen
  1497. ein Minimum an sozialer Sicherheit. An diesem Modell orientierten sich die westlichen
  1498. Demokratien seit dem amerikanischen New Deal von Franklin D. Roosevelt als Reaktion
  1499. auf den Laissez-faire-Kapitalismus und die Weltwirtschaftskrise von 1933 bis zum Zerfall
  1500. des Ostblocks.
  1501. Aber mit dem Ende des Sowjetreichs verschwand die Bipolarität und mit ihr die
  1502. demokratische Gefahr als beständige Bedrohung des Monopols der herrschenden
  1503. westlichen Klassen auf die politische und finanzielle Macht.
  1504. Die herrschenden Klassen führten eine neue wirtschaftliche und politische Praxis und
  1505. eine originelle Bezeichnung dafür ein: den »Washingtoner Konsens«.
  1506. Dabei handelt es sich um informelle Vereinbarungen, um gentleman agreements, die im
  1507. Lauf der 1980er- und 1990er-Jahre zwischen den führenden transkontinentalen Mächten,
  1508. Wall-Street-Banken, der amerikanischen Federal Reserve Bank und internationalen
  1509. Finanzinstitutionen (Weltbank, IWF und so weiter) geschlossen wurden.
  1510. Im Jahr 1989 formalisierte der Chefökonom und Vizepräsident der Weltbank, John
  1511. Williamson, den Konsens. Seine Grundprinzipien zielen darauf ab, so schnell wie möglich
  1512. alle Regulierungsinstanzen zu beseitigen, staatliche wie andere auch, eine möglichst
  1513. weitgehende Liberalisierung der Märkte (für Waren, Kapital, Dienstleistungen und so
  1514. weiter) zu erreichen und letztlich zu stateless global governance zu gelangen, einem
  1515. einheitlichen Weltmarkt, der sich vollständig selbst reguliert.59
  1516. Ziel des Washingtoner Konsenses ist die Privatisierung der Welt 60 durch die Umsetzung
  1517. der folgenden Prinzipien:
  1518. – In jedem Land muss es eine Steuerreform nach den folgenden beiden Gesichtspunkten
  1519. geben: Senkung der Steuerlast für die höchsten Einkommen, damit die Reichen
  1520. produktive Investitionen tätigen; Ausweitung der Zahl der Steuerpflichtigen, das heißt
  1521. Abschaffung von steuerlichen Vergünstigungen für die Ärmsten, um das Volumen der
  1522. Steuereinnahmen zu vergrößern.
  1523. – Aufhebung aller Einschränkungen für die Finanzmärkte.
  1524. – Garantierte Gleichbehandlung von inländischen und ausländischen Investoren, um die
  1525. Sicherheit der ausländischen Investitionen und damit ihr Volumen zu erhöhen.
  1526. – Möglichst weitgehende Zerschlagung des öffentlichen Sektors; alle Unternehmen im
  1527. Besitz des Staates oder quasi-staatlicher Körperschaften sollen privatisiert werden wie
  1528. etwa Schulen, Krankenhäuser, Verkehrsbetriebe, Wasser- und Energieversorgung und
  1529. so weiter. Damit werden sie den Gesetzen des Profits unterworfen.
  1530. – Maximale Deregulierung der Volkswirtschaft, um das freie Spiel der Konkurrenz
  1531. zwischen den verschiedenen ökonomischen Kräften zu gewährleisten.
  1532. – Verstärkter Schutz des Privateigentums.
  1533. – Rasche Liberalisierung des Handels mit dem Ziel, die Zölle immer weiter zu senken und
  1534. schließlich ganz abzuschaffen.
  1535. – Da der Freihandel durch Exporte vorangetrieben wird, muss man in erster Linie die
  1536. Entwicklung jener Wirtschaftsbereiche fördern, deren Produktion in den Export geht.
  1537. – Abbau der staatlichen Haushaltsdefizite bis auf null.
  1538. – Staatliche Subventionen für private Akteure müssen überall gestrichen werden. Ein
  1539. Beispiel: Die Staaten der Dritten Welt, die die Preise von Grundnahrungsmitteln
  1540. subventionieren, um sie niedrig zu halten, müssen diese Politik aufgeben. Bei den
  1541. Staatsausgaben müssen solche Priorität haben, die in den Ausbau der Infrastruktur
  1542. fließen und für die multinationalen Konzerne nützlich sind.
  1543. Die britische Zeitschrift The Economist ist nicht gerade ein revolutionäres Kampfblatt.
  1544. Doch der Kommentar zum Washingtoner Konsens triefte geradezu von Ironie: »Antiglobalists
  1545. see the Washington Consensus as a conspiracy to enrich bankers. They are not
  1546. entirely wrong.«61 (»In den Augen der Globalisierungsgegner ist der Washingtoner
  1547. Konsens eine Verschwörung mit dem Ziel, die Banker reich zu machen. Sie haben nicht
  1548. ganz unrecht.«)
  1549. Der Neoliberalismus behauptet, die »Naturgesetze« der Wirtschaft auszudrücken. Pierre
  1550. Bourdieu urteilte unerbittlich über den Neoliberalismus im Allgemeinen und die
  1551. Umsetzung des Washingtoner Konsenses im Besonderen: »Der Neoliberalismus ist eine
  1552. Eroberungswaffe, er verkündet einen ökonomischen Fatalismus, gegen den jeder
  1553. Widerstand zwecklos erscheint. Er ist wie Aids: Er greift zuerst das Abwehrsystem seiner
  1554. Opfer an.«62
  1555. Und an anderer Stelle schreibt er: »All das, was man unter dem Begriff der
  1556. ›Globalisierung‹ fasst, ist keineswegs das Ergebnis zwangsläufiger ökonomischer
  1557. Entwicklungen […] Diese Politik […] ist eine Politik der Entpolitisierung und zielt
  1558. paradoxerweise darauf ab, die Kräfte der Ökonomie von all ihren Fesseln zu befreien,
  1559. ihnen dadurch einen fatalen Einfluss einzuräumen und die Regierungen ebenso wie die
  1560. Bürger den derart von ihren Fesseln ›befreiten‹ Gesetzen der Ökonomie zu unterwerfen
  1561. […] Der Eindruck von Schicksalhaftigkeit ist das Resultat permanenter Propaganda.«63
  1562. In der Geschichte der Ideen stellt diese Ideologie einen spektakulären Rückschritt dar.
  1563. Ist tatsächlich alles schicksalhaft? Die Lüge ist krass, aber nützlich: Sie erlaubt den
  1564. Herrschenden zu verschleiern, dass sie die Verantwortung für das tragen, was den von
  1565. ihnen unterdrückten Völkern widerfährt.
  1566. Die Kapitalströme? Die weltweite Güterverteilung? Die Abfolge der technologischen
  1567. Revolutionen und der Produktionsweisen? Man kann ihre Gesetzmäßigkeiten beobachten,
  1568. aber man kann nicht den Anspruch erheben, ihren Lauf zu verändern. Denn all das hängt
  1569. mit der »Natur« der Wirtschaft zusammen. Wie der Astronom, der die Bewegung der
  1570. Gestirne, die wechselnde Ausdehnung der Magnetfelder oder die Geburt und den
  1571. Untergang von Galaxien beobachtet, misst, analysiert, betrachtet, kommentiert, wägt der
  1572. neoliberale Banker die komplizierten Bewegungen von Kapital und Gütern ab. Auf
  1573. wirtschaftlichem, gesellschaftlichem oder politischem Gebiet eingreifen? Daran ist gar
  1574. nicht zu denken, meine Herrschaften! Jeder Eingriff würde bestenfalls die freie Entfaltung
  1575. der wirtschaftlichen Kräfte verzerren – schlimmstenfalls würde er sie blockieren.
  1576. Die Naturalisierung der Wirtschaft, ihre Verwandlung in eine Naturkraft, ist die
  1577. ultimative List der neoliberalen Wahnidee.
  1578. IV. Obskurantismus
  1579. Soziale Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Freiheit, wechselseitige Ergänzung? Das universelle
  1580. Band zwischen den Menschen, das Allgemeinwohl, die aus freien Stücken akzeptierte
  1581. Ordnung, das Gesetz, das befreit, unreine Willen, die durch die allgemeine Regel
  1582. verwandelt werden (Kant), der Gesellschaftsvertrag? Alles Schnee von gestern! Veraltetes
  1583. Gestotter, über das die jungen, effizienten Raubtierkapitalisten in den multinationalen
  1584. Banken und anderen globalen Unternehmen nur müde lächeln können.
  1585. Der Gladiator wird wieder zum Helden des Tages. Alle vergangenen Kulturen bemühten
  1586. sich, die kriegerischen, gewalttätigen, destruktiven Triebe zu zügeln, die Beziehungen
  1587. zwischen den Menschen zu befrieden, Bande der Solidarität, der Komplementarität, der
  1588. Reziprozität, des Teilens zu knüpfen. Indem die Piraten der Wall Street und ihre Söldner
  1589. bei der Welthandelsorganisation (WTO) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF)
  1590. wieder den Gladiator als gesellschaftliches Modell propagieren und die gnadenlose
  1591. Konkurrenz zwischen den Menschen glorifizieren, wischen sie Jahrtausende geduldiger
  1592. Bemühungen um Zivilisiertheit einfach beiseite.
  1593. »Das Glück des Schwachen ist der Ruhm des Starken«, schrieb Lamartine 1820 in seinen
  1594. Poetischen Betrachtungen. Für die neoliberale Ideologie ist der Satz des romantischen
  1595. Dichters eine Absurdität. Die Starken (aber auch die Schwachen, die davon träumen, zu
  1596. den Starken zu gehören) finden das Glück künftig im einsamen Genuss eines Reichtums,
  1597. der auf Kosten von anderen errungen wurde, durch die Manipulation von Börsenkursen,
  1598. durch immer größere Unternehmenszusammenschlüsse und die immer schnellere
  1599. Akkumulation von Mehrwert durch denkbar brutale Methoden und aus allen möglichen
  1600. Quellen.
  1601. Die herrschende Ideologie wirkt durch symbolische Gewalt. Was ist damit gemeint?
  1602. Pierre Bourdieu schreibt dazu: »Die Macht der symbolischen Gewalt, das heißt, die
  1603. Macht, die daher rührt, Bedeutungen aufzuzwingen und sie als legitim aufzuzwingen,
  1604. indem man verschleiert, welche Kräfteverhältnisse ihnen zugrunde liegen, fügt diesen
  1605. Kräfteverhältnissen ihre eigene, im eigentlichen Sinn symbolische, Kraft hinzu.«64 Die
  1606. symbolische Gewalt ist ein Konzept, das die Werkzeuge bezeichnet, die auf symbolischer
  1607. Ebene analog zu denen wirken, die auf der materiellen Ebene den gleichen Absichten der
  1608. Beherrschung dienen. Diese symbolischen Waffen haben wie die materiellen Waffen eine
  1609. Geschichte, sie haben Institutionen, sie können auf ihre Hüter vertrauen. Und zu den
  1610. aufmerksamsten Hütern gehören die Schule, die Presse und die Massenmedien.
  1611. Ihren Anfang nimmt die neoliberale Ideologie bei zwei englischen Philosophen aus dem
  1612. frühen 19. Jahrhundert: Adam Smith und David Ricardo.
  1613. Der Schotte Adam Smith hatte kurze Zeit den Lehrstuhl für Logik an der Universität
  1614. Glasgow inne. Dank Protektion durch den Herzog von Buccleuch, einen ehemaligen
  1615. Schüler, erhielt er die fabelhafte Pfründe (von der schon sein Vater profitiert hatte) des
  1616. Zollkommissars von Schottland. 1776 erschien sein Hauptwerk An Inquiry into the Nature
  1617. and Causes of the Wealth of Nations (Untersuchung über Wesen und Ursachen des Wohlstands der
  1618. Nationen).
  1619. David Ricardo war der Sohn eines sephardischen Bankiers aus Portugal, der sich in
  1620. London niedergelassen hatte. Im Alter von 21 Jahren brach er mit seiner Familie und
  1621. wurde Quäker. Als Börsenhändler verdiente er so viel, dass er mit 25 Jahren reich war wie
  1622. Krösus. 1817 veröffentlichte er sein Hauptwerk The Principles of Political Economy and
  1623. Taxation (Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung).
  1624. Smith und Ricardo sind somit die beiden geistigen Väter des ultraliberalen Dogmas, das
  1625. die Basis für das kollektive Über-Ich der derzeit auf dem Planeten herrschenden
  1626. Finanzoligarchen bildet. Und was besagt das Dogma? Wenn das Kapital sich selbst
  1627. überlassen wird, befreit von allen Fesseln, allen Einschränkungen und Kontrollen, fließt es
  1628. spontan und jederzeit an den Ort und in die Objekte, wo es maximalen Profit erbringt. Auf
  1629. diese Weise entscheiden die Produktionskosten darüber, an welchem Ort sich eine
  1630. bestimmte Produktion ansiedelt.
  1631. Bleibt noch das Problem der Verteilung zu regeln.
  1632. Smith und Ricardo waren beide zutiefst gläubig. In Glasgow und London lebten zu ihrer
  1633. Zeit viele Menschen in Not, und ihr Schicksal beschäftigte die beiden reichen Gelehrten
  1634. durchaus ernsthaft. Was schlugen sie vor? Den trickle down effect, das Durchsickern von
  1635. Reichtum von oben nach unten.
  1636. Smith und Ricardo zufolge gibt es eine objektive Grenze für die Akkumulation von
  1637. Reichtum. Diese Grenze hängt mit der Befriedigung von Bedürfnissen zusammen. Der
  1638. Lehrsatz gilt für Einzelne genauso wie für Unternehmen.
  1639. Nehmen wir die Einzelnen. Auf sie bezogen besagt der Lehrsatz: Wenn eine bestimmte
  1640. Menge Brot vorhanden ist, findet die Verteilung an die Armen praktisch automatisch statt.
  1641. Weil die Reichen von dem Reichtum, der weit über die Befriedigung ihrer Bedürfnisse (so
  1642. kostspielig und extravagant sie auch sein mögen) hinausgeht, nichts haben, werden sie
  1643. die Umverteilung selbst in die Wege leiten.
  1644. Mit anderen Worten: Ab einem bestimmten Niveau des Reichtums akkumulieren die
  1645. Reichen nichts mehr. Sie verteilen den Reichtum um. Ein Milliardär erhöht das Gehalt
  1646. seines Chauffeurs, weil er – im wahrsten Sinn des Wortes – nicht mehr weiß, was er mit
  1647. seinem Geld machen soll.
  1648. Diese Theorie ist offensichtlich falsch. Warum? Weil Smith und Ricardo die Akkumulation
  1649. an Bedürfnisse und an den Gebrauch knüpfen. Aber für einen Milliardär hat Geld nichts –
  1650. oder nur sehr wenig – mit der Befriedigung von Bedürfnissen zu tun, und seien es noch so
  1651. luxuriöse. Dass ein Pharao nicht auf zehn Booten gleichzeitig fahren, zehn Villen am
  1652. selben Tag bewohnen oder 50 Kilo Kaviar bei einer Mahlzeit essen kann, ist letztlich
  1653. bedeutungslos. Der Gebrauch spielt keine Rolle mehr. Geld produziert Geld. Geld ist ein
  1654. Mittel zu Macht und Herrschaft. Und der Wunsch zu herrschen ist unausrottbar, für ihn
  1655. gibt es keine objektiven Grenzen.
  1656. Richard Sennett, der aus einer russischen Einwandererfamilie stammt und in Amerika
  1657. aufgewachsen ist, zählt heute zu den renommiertesten Professoren an der London School
  1658. of Economics.
  1659. Ich erinnere mich an einen Herbstabend in einem Heurigenlokal in Wien. Sennett und
  1660. ich hatten zuvor an einer Diskussionsrunde im ORF teilgenommen. Uns gegenüber hatte
  1661. der Generaldirektor des transkontinentalen Erdölgiganten Shell gesessen. Das Thema war
  1662. gewesen: die Hinrichtung in Port Harcourt von Ken Saro-Wiwa, dem großen
  1663. nigerianischen Poeten, und zehn seiner Mitkämpfer. Sie hatten gegen die massive
  1664. Umweltverschmutzung durch den Shell-Konzern protestiert und waren auf Befehl des
  1665. Militärdiktators Sani Abacha im Hof des Gefängnisses von Port Harcourt gehängt worden.
  1666. D i e Shell Nigeria Exploration and Production Company ist dank ihrer Ausbeutung der
  1667. riesigen Offshore- und Inlandquellen die eigentliche Macht im Staat. Sie führt die
  1668. Diktatoren in Abuja am Gängelband. Der Beutejäger von Shell behauptete, dass dank der
  1669. massiven Investitionen des Konzerns im Niger-Delta ein »goldener Regen«, ein trickle
  1670. down effect, entstehe, der eines Tages allen Bewohnern des Deltas – also auch den
  1671. Ogoni – zugutekommen werde.
  1672. Der Abend war mild, der Heurige ausgezeichnet. Sennett war noch immer empört. Er
  1673. sagte zu mir: »Dieses Hirngespinst vom trickle down effect konnte nur in den Köpfen von
  1674. Ökonomen mit jüdisch-christlichem Hintergrund entstehen. Es ist das genaue Abbild der
  1675. absurden Schimäre des Paradieses, wie sie die Kirche verbreitet. Krepiert, ihr lieben
  1676. Leute in der Dritten Welt und anderswo! Im Paradies erwartet euch ein besseres Leben.
  1677. Das Dumme ist, dass niemand euch sagt, wann dieses großartige Paradies kommen wird.
  1678. Was nun den trickle down effect betrifft, so ist die Antwort klar: niemals.«
  1679. Kurz vor seinem Tod sagte Pierre Bourdieu in einem Interview mit Radio suisse romande
  1680. etwas ganz Ähnliches wie Richard Sennett. Er sprach über den theoretischen
  1681. Klassenkampf, der heute auf unserem Planeten wütet: »Der Obskurantimus ist wieder
  1682. zurück. Aber diesmal haben wir es mit Mächten zu tun, die sich auf die Vernunft
  1683. berufen.«65
  1684. Unter diesen neuen Bedingungen geht der weltweite Krieg gegen die Armen, von dem
  1685. im vorangegangenen Kapitel die Rede war, immer und schlimmer noch weiter.
  1686.  
  1687. VIERTES KAPITEL
  1688. Wissenschaft und Ideologie
  1689. I. Max Webers Irrtum
  1690. Der Gegensatz zwischen Ideologie und Wissenschaft ist das Ergebnis eines historischen
  1691. Prozesses. Im Lauf der Jahrhunderte hat sich die wissenschaftliche Praxis, das
  1692. Experimentieren, nur sehr mühsam aus der Bevormundung durch die Kirche gelöst. Erst
  1693. als sich die Wissenschaft Regeln gab, eine eigene Epistemologie, setzte sie sich als
  1694. autonome und – scheinbar – von allem ideologischen Ballast freie Praxis durch.
  1695. Wie können wir Wissenschaft definieren? Durch die Suche nach Wahrheit. Die
  1696. Wissenschaft sucht nach der Wahrheit. Sie ist autonom geworden, als es ihr gelungen ist,
  1697. gegen die Religionen, die Kosmogonien, die Ideologien ihre eigene Definition von
  1698. Wahrheit durchzusetzen. Lange Zeit waren die Wissenschaftler überzeugt, dass ihre
  1699. Definition von Wahrheit nichts mit ideologischen Prämissen zu tun hatte, anders gesagt:
  1700. dass die Regeln, die sie sich für ihre Forschungen und Schlussfolgerungen gaben,
  1701. garantierten, dass sie die Fakten unverfälscht, unmittelbar, durch keine Instanz vermittelt
  1702. erfassten. Heute schwindet diese Überzeugung: Die schwerwiegenden Probleme, die
  1703. jeden Tag in der nuklearen, biologischen, genetischen, medizinischen, pharmazeutischen,
  1704. chemischen, psychologischen Forschung und anderen Forschungsbereichen auftauchen,
  1705. zwingen zu einer neuen Sichtweise. Das Verständnis, was Wahrheit ist, ändert sich
  1706. schrittweise. Immer mehr Wissenschaftler erkennen den paradigmatischen Charakter des
  1707. Konzepts von Wahrheit an, mit dem sie umgehen. Sie entdecken, dass Politik und
  1708. Wirtschaft die Indikatoren für die Legitimität des Konzepts der Wahrheit manipulieren.
  1709. Ideologie und Wissenschaft haben nicht die gleiche Geschichte und nicht den gleichen
  1710. gesellschaftlichen Status. Eine Ideologie ist vor allem ein Bezugsrahmen für das
  1711. politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche – kollektive wie individuelle – Handeln der
  1712. Menschen. Aber wenn Ideen, auch falsche, von den Menschen Besitz ergreifen, wird die
  1713. Ideologie zu einer materiellen Kraft, die die Realität verändert. Die Wissenschaft
  1714. wiederum ist eine Praxis der Erkenntnis und Verwandlung der Realität durch
  1715. Experimentieren.
  1716. Die Debatte über Ideologie und Wissenschaft innerhalb der Soziologie wird heute –
  1717. zumindest in Frankreich, Italien und Deutschland – durch die Axiome und Theoreme von
  1718. Max Weber bestimmt. In zwei Vorträgen, die er 1919 vor Studenten in München hielt –
  1719. Wissenschaft als Beruf und Politik als Beruf66 – unterscheidet Weber zwei Tätigkeiten und
  1720. zwei ethische Vorstellungen, die sich scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen. Weber
  1721. zufolge gehorcht der Wissenschaftler oder Gelehrte einer Ethik der Objektivität. Sein Ziel
  1722. ist es, Konzepte zu entwickeln, die der Realität der Tatsachen möglichst nahe kommen.
  1723. Das höchste Ziel der wissenschaftlichen Tätigkeit ist es somit, die maximale
  1724. Übereinstimmung des Konzepts mit dem Objekt zu erreichen. Der Wissenschaftler kennt
  1725. nur eine Autorität: seinen Wunsch, zur Wahrheit vorzustoßen, die unauslöschbare Stimme
  1726. seines persönlichen Gewissens. Ganz anders der Politiker, der Ideologe: Er folgt einem
  1727. völlig anderen Gebot, dem der Effizienz. Sein oberstes Ziel ist es nicht, die Welt zu
  1728. erkennen, sondern er will sie beherrschen, um sie zu verändern. Dazu erarbeitet er
  1729. Konzepte und Symbole, die Menschen mobilisieren und Gruppen von Mitstreitern
  1730. organisieren können. Die Ideologie verlangt Gefolgschaft aus Überzeugung, die
  1731. Wissenschaft Gefolgschaft durch Evidenz. Gruppen, die durch die Ethik der Ideologie
  1732. gelenkt werden, funktionieren mittels Disziplin. Wenn ein Mitglied der Gruppe zu einer
  1733. anderen Analyse der Realität gelangt als die Mehrheit, unterdrückt es seine Skrupel und
  1734. fügt sich. Es wird davon ausgehen, dass die kämpferische Einheit der Gruppe, ihre
  1735. Handlungsfähigkeit und Schlagkraft wichtiger sind als seine persönliche Wahrnehmung
  1736. der Realität.
  1737. Max Weber war der Prototyp des liberalen Intellektuellen, marxistische Thesen lehnte er
  1738. vehement ab. Als einflussreicher Autor und von seinem Metier begeisterter Professor
  1739. machte er sich Sorgen über die politische, philosophische und existenzielle
  1740. Verunsicherung vieler seiner Studenten und Kollegen. Die sozialdemokratische Regierung
  1741. hatte soeben die deutsche Revolution niedergeschlagen, es war die Zeit der Weimarer
  1742. Republik. Über die jungen Leute brach eine Fülle widersprüchlicher Ideologien herein. Und
  1743. was war die Antwort von Max Weber? Eine Lehre, die zwischen Wissenschaft und
  1744. Ideologie unterschied und eine unüberwindliche Hierarchie errichtete. Ihm zufolge führt
  1745. die Wissenschaft zur Wahrheit, die Ideologie hingegen zur Mobilisierung von Gruppen und
  1746. zur Abdankung des Individuums angesichts der Parolen des Anführers. Julien Freund und
  1747. Raymond Aron, die glühendsten Verfechter der Lehren Max Webers in Frankreich, und
  1748. Reinhard Bendix, sein wichtigster Gefolgsmann in den Vereinigten Staaten, sehen in
  1749. Weber vor allem den Hüter der traditionellen liberalen Werte: Meinungsfreiheit, der
  1750. Wunsch, die Welt zu begreifen, kritische Prüfung ideologischer Aussagen.67
  1751. Ich stimme nicht mit Aron, Freund und Bendix überein und beurteile die konkreten
  1752. Auswirkungen, die Webers Lehren in den Köpfen der jungen Deutschen der damaligen
  1753. Zeit hatten, anders. Webers Theorie der zwei Arten von Ethik mit unterschiedlichem Wert
  1754. erstickte praktisch jedes konkrete politische Engagement der jungen deutschen
  1755. Intellektuellen, und damit trug er ganz wesentlich Verantwortung für die Tragödie der
  1756. deutschen Universität. Bis 1933 hatte die Universität eine Fülle beeindruckender
  1757. Wissenschaftler hervorgebracht. Doch die Mehrzahl – ausgenommen die Soziologen der
  1758. Frankfurter Schule, kommunistische Wissenschaftler wie Walter Markov, Ernst Bloch und
  1759. einige wenige liberale wie Franz Böhm – beobachtete tatenlos die Geburt und den
  1760. Aufstieg des nationalsozialistischen Monsters. Viele wie Martin Heidegger dienten dem
  1761. Hitler-Regime sogar aus Überzeugung.
  1762. Bleiben wir einen Augenblick bei Heidegger. Dank seines 1927 erschienenen
  1763. Hauptwerks Sein und Zeit war er zu dem Zeitpunkt, als Hitler an die Macht kam, einer der
  1764. berühmtesten europäischen Philosophen. Seine Frau gehörte der Nazi-Partei seit der
  1765. ersten Stunde an. Heidegger selbst schwenkte bald zur nationalsozialistischen Ideologie
  1766. um, wie seine Korrespondenz mit Karl Jaspers, Hannah Arendt und anderen belegt 68;
  1767. 1933 trat er in die Partei ein. 1933 wurde er Rektor der Universität Freiburg, und dort
  1768. präsidierte er beim Dies Academicus mit dem Hakenkreuz am Revers. Seine Berühmtheit
  1769. rettete ihn 1945 vor einer schweren Bestrafung: Er wurde nur mit einem zeitweiligen
  1770. Lehrverbot belegt.
  1771. Martin Heideggers Verhalten war nicht ungewöhnlich: Wie er machten viele deutsche
  1772. Wissenschaftler gemeinsame Sache mit den völkermörderischen Nazis oder legten
  1773. zumindest abgrundtiefe Feigheit angesichts ihrer Verbrechen an den Tag. Aber diese
  1774. Haltung hatte verheerende Konsequenzen: Die Vertreibung jüdischer Studenten und
  1775. Professoren von den deutschen Universitäten und später ihre massenhafte Ermordung
  1776. stießen nur auf wenig Widerstand bei ihren Kommilitonen und Kollegen.
  1777. Dennoch waren nicht alle deutschen Universitätsangehörigen aktive oder passive
  1778. Komplizen der Nazi-Tyrannei. Es gab einige wenige Ausnahmen wie beispielsweise die
  1779. Widerstandsorganisation Die Weiße Rose, der Studenten und Professoren der Universität
  1780. München angehörten. In sechs Flugschriften, die sie zwischen Juni 1942 und Februar 1943
  1781. in vielen Tausend Exemplaren an Universitäten und Gymnasien in Süddeutschland
  1782. verteilten, riefen sie zum Widerstand gegen das Hitler-Regime auf, bis ein Pedell der
  1783. Universität München sie verriet. Die Gestapo verhaftete und folterte sie, die führenden
  1784. Köpfe der Gruppe – die Studenten Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Wilhelm
  1785. Graf und Christoph Probst sowie der Philosophieprofessor Kurt Huber – wurden im Lauf
  1786. des Jahres 1943 im Münchner Gefängnis Stadelheim mit der Guillotine hingerichtet. Nach
  1787. der Zerschlagung der Weißen Rose warf die englische Luftwaffe über ganz Deutschland
  1788. Millionen Exemplare ihrer sechsten Flugschrift ab.
  1789. Die Theorie vom Gegensatz zwischen Wissenschaft und Ideologie, wie Max Weber sie
  1790. formuliert hat, funktioniert im Übrigen nicht. Sie ignoriert geflissentlich das Problem der
  1791. Sozialisierung des Wissenschaftlers. Das individuelle Gewissen – Sitz der Ethik der
  1792. Objektivität, höchste Autorität und letzter Bezugspunkt des kognitiven Prozesses – ist
  1793. ebenfalls zum großen Teil das Produkt einer kontingenten, historischen, abhängigen
  1794. Sozialisation. Das Gewissen des Wissenschaftlers fällt nicht vom Himmel, es ist
  1795. historisches Bewusstsein in Verbindung mit dem »individuellen Gewissen«, von dem zuvor
  1796. die Rede war. Anders als Weber, Aron, Bendix, Freund und ihre Schüler glauben, gibt es
  1797. kein »Wissen an sich«. Jede Form des Denkens, auch das wissenschaftliche Denken, wird
  1798. durch die verschiedenen Formen der gesellschaftlichen Organisation gebrochen, die das
  1799. denkende Subjekt erst hervorbringen. Dieses Subjekt ist ein praktisches Wesen, es lässt
  1800. sich nicht darauf reduzieren, dass es in der Lage ist, Dinge zu verstehen. Indem es in die
  1801. Welt tritt, verändert es die Welt. Die subjektiven Intentionen sind in diesem ersten
  1802. Stadium von zweitrangiger Bedeutung. Das reale Erfassen des Objekts, das heißt die
  1803. maximale Annäherung des Konzepts an das Objekt – der Vorgang, der nach meinem
  1804. Verständnis die wissenschaftliche Tätigkeit ausmacht –, bewirkt in der gesellschaftlichen
  1805. Realität Veränderungen, die sich der Kontrolle desjenigen entziehen, der sie verursacht
  1806. hat. Zudem können diese Effekte Veränderungen hervorrufen, die von den Verursachern
  1807. weder vorhergesehen noch gewünscht wurden. Ich verweise auf das im ersten Kapitel
  1808. zitierte Beispiel von Hegel und die Sorgen des preußischen Königs.
  1809. Darum muss man den Primat des individuellen Verstehens, wie ihn Max Weber
  1810. postuliert, bestreiten. Das Verstehen gesellschaftlicher Tatsachen – das heißt der
  1811. Vorgang, diskursiv »Ordnung zu schaffen«, sie in adäquate Symbole zu übersetzen –
  1812. hängt nicht nur von der Anwendung der analytischen, rationalen Fähigkeiten des
  1813. Wissenschaftlers ab, sondern ebenso davon, wie der Wissenschaftler in die Gesellschaft
  1814. eingebunden ist. Die Soziologie – und das gilt für jede andere Wissenschaft genauso – ist
  1815. kein unveränderliches Referenzsystem, durch das alle gesellschaftlichen Ereignisse,
  1816. synchron wie diachron, ihren Sinn bekommen. Sie spricht nicht uneingeschränkt die
  1817. Wahrheit über die Welt aus. Aber sie erzählt von den materiellen Bedingungen, den
  1818. symbolischen Modalitäten, welche die Produktion der Wahrheit bestimmen.
  1819. II. Galileis Sieg
  1820. Auf stund der Doktor Galilei
  1821. Und sprach zur Sonn: Bleib stehn!
  1822. Es soll jetzt die creatio dei
  1823. Mal andersrum sich drehn.
  1824. Jetzt soll sich mal die Herrin, he!
  1825. Um ihre Dienstmagd drehn.
  1826. […]
  1827. Ihr, die auf Erden lebt in Ach und Weh
  1828. Auf, sammelt eure schwachen Lebensgeister
  1829. Und lernt vom guten Doktor Galuleh
  1830. Des Erdenglückes großes ABC.
  1831. Gehorsam war des Menschen Kreuz von je!
  1832. Wer wär nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?
  1833. Bertolt Brecht, Leben des Galilei69
  1834. In der Beziehung zwischen Ideologie und Wissenschaft gibt es vielfältige, komplizierte
  1835. Probleme. Wir betrachten einige davon näher.
  1836. Das erste Beispiel zeigt ein konflikthaftes Verhältnis. Galileo Galilei stammte aus Pisa,
  1837. war Astronom, Mathematiker, Geometer und Physiker, ein Pionier der modernen
  1838. Naturwissenschaften. Im 17. Jahrhundert entdeckte er das Gesetz der Pendelbewegung:
  1839. Die kleinen Schwingungen des Pendels benötigen immer die gleiche Zeit, egal, wie groß
  1840. die Schwingungsweite ist. Galilei beschrieb das Prinzip der Trägheit und unterschiedliche
  1841. Arten von Bewegungen. Er baute das erste Fernrohr zur Himmelsbeobachtung und erfand
  1842. ein Thermometer. Er vertrat die kopernikanische Weltsicht, dass die Erde sich um die
  1843. Sonne dreht (Heliozentrismus), und nicht die antike Lehre seit Aristoteles und Ptolemäus,
  1844. die auch die Kirche lehrte. Die katholische Kirche lehnte Kopernikus’ Lehre ab und verbot
  1845. ihre Verbreitung. Brechts Gedicht am Anfang dieses Abschnitts illustriert großartig die
  1846. Gründe dieser Ablehnung. Aber Galileo gab nicht nach. 1632 veröffentlichte er alle
  1847. »Beweise«, die ihm zur Verfügung standen, um die Richtigkeit der kopernikanischen
  1848. Theorie zu belegen. Daraufhin wurde er 1633 vor das Tribunal der Inquisition zitiert. Nach
  1849. schwerer Folter, bedroht mit dem Tod, schwor er auf Knien all seinen wissenschaftlichen
  1850. Theorien ab. Er tat gut daran und blieb am Leben.
  1851. Eine Version dieser Ereignisse, die lange Zeit dominierte und offenbar Ergebnis einer
  1852. Manipulation der Quellen durch dem Vatikan nahestehende Historiker war, besagt, Galilei
  1853. sei nicht der Folter der Inquisition unterworfen worden. Seriöse Forschungen,
  1854. insbesondere die von Italo Mereu70, belegen jedoch das Gegenteil. Die dominierende
  1855. Ideologie der Zeit war so stark, dass sie Galilei daran hindern konnte zu sprechen, zu
  1856. lehren, seine Entdeckungen bekannt zu machen. Trotzdem war seine wissenschaftliche
  1857. Theorie richtig, und sie setzte sich durch, weil sie sich auf einem Feld der Realität
  1858. bestätigte, das nicht der ideologischen Manipulation durch die Kirche ausgeliefert war:
  1859. der Seefahrt.
  1860. Der toskanische Gelehrte war ein angesehener Lehrer und hatte viele Schüler in Italien.
  1861. Nach seiner Verurteilung in Rom traf sie die Repression. Die Inquisition verfolgte sie. Aber
  1862. vielen gelang die Flucht. Die meisten flohen in die protestantischen Provinzen der
  1863. Niederlande, wo sie einen neuen Broterwerb fanden: die Anfertigung von Seekarten auf
  1864. der Grundlage des Weltbilds von Galilei. Diese Karten waren sehr viel präziser als die
  1865. nach den geozentrischen Vorgaben des Vatikans erstellten.
  1866. Dieser Wissenstransfer hatte spektakuläre wirtschaftliche Folgen: Die Händler, Reeder
  1867. und Bankiers von Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen und anderen Städten kauften
  1868. massenhaft die Karten der exilierten Schüler Galileis. Weil sie so viel besser waren,
  1869. verloren die holländischen Reeder weniger Schiffe und Ladung als ihre Konkurrenten aus
  1870. Venedig, Pisa, Genua und Livorno in den Stürmen auf dem Atlantik und dem Pazifik, durch
  1871. falsche Kursbestimmungen oder weil Schiffe im Indischen Ozean oder im Chinesischen
  1872. Meer auf Grund liefen. Die Holländer eroberten neue Märkte und richteten überall auf der
  1873. Welt Handelskontore ein, kurzum, sie strichen die Gewinne ein, die ihren italienischen,
  1874. spanischen und portugiesischen Konkurrenten entgingen.
  1875. Von da an gärte es in den Palästen in Venedig, Genua, Pisa, Florenz und Livorno. Die
  1876. Dogen von Venedig schickten Delegationen zum Papst, die forderten, der päpstliche Bann
  1877. über die nach den kopernikanischen Erkenntnissen erstellten Karten müsse aufgehoben,
  1878. und in Italien müssten »holländische« Karten für die Navigation zugelassen werden. Die
  1879. päpstliche Bürokratie sah sich gezwungen nachzugeben. Das kapitalistische Interesse
  1880. erwies sich als mächtiger als die kirchliche Lehre.
  1881. III. Die Perversion der Wissenschaft
  1882. Szcytno-Szymany ist ein stillgelegter Militärflugplatz in einer Waldlichtung nahe bei
  1883. Warschau. In einer kalten Winternacht 2005 fährt ein Kleinbus mit verdunkelten Fenstern
  1884. vor. Ein 26-jähriger Tunesier wird in den Keller des Gebäudes gestoßen. Amerikanische
  1885. Agenten foltern ihn. Der junge Tunesier wurde verdächtigt, eine Verbindung zu al-Qaida
  1886. zu haben. Er war Angestellter in einem Restaurant in Islamabad gewesen. Der
  1887. pakistanische Geheimdienst hatte ihn verhaftet und den Amerikanern überstellt. Die USA
  1888. zahlen 5000 Dollar für die Überstellung eines Verdächtigen.
  1889. Die amerikanischen Folterknechte schlugen den jungen Mann bis aufs Blut. Dann
  1890. ketteten sie ihn nackt auf den eiskalten Betonboden … und vergaßen ihn. Drei Tage
  1891. später fand ihn ein Wärter. Tot. In vielen anderen Geheimgefängnissen (etwa in
  1892. Bulgarien, Kairo, Rumänien, Litauen, Afghanistan) folterten amerikanische Beamte
  1893. Verdächtige während rund zehn Jahren. Mit den verschiedensten, fürchterlichsten
  1894. Methoden: Schlafentzug über 180 Stunden, fiktive Erschießung, ausgerissene Fingernägel,
  1895. Waterboarding …
  1896. All diese Schrecken sind dokumentiert in einem viele tausend Seiten umfassenden,
  1897. akribisch recherchierten Untersuchungsbericht der US-Senatskommission für die
  1898. Überwachung der Geheimdienste. Am 10. Dezember 2014 stellte die Vorsitzende der
  1899. Kommission, die demokratische US-Senatorin aus Kalifornien, Dianne Feinstein, eine 3400
  1900. Seiten lange Zusammenfassung des Berichts in Washington vor. Frau Feinstein ist eine
  1901. zierliche, energische, elegante Dame von 81 Jahren. Ich kenne sie. Sie kommt hin und
  1902. wieder nach Genf. Sie hat Nerven wie Stahl. Am 1. Januar 2015 verlor sie ihren Vorsitz.
  1903. Die Republikaner, welche die Wahlen im November 2014 gewonnen hatten, übernahmen
  1904. ihren Posten. Feinstein setzte in letzter Minute die Veröffentlichung des Berichts durch.
  1905. Im Juni 2004 erließ Präsident George W. Bush ein Dekret (Executive Order). Dieses
  1906. besagt, dass im Krieg gegen den Terrorismus das Folterverbot aufgehoben sei. Artikel 5
  1907. der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO lautet: »Niemand darf der Folter
  1908. oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen
  1909. werden.«
  1910. Kein amerikanischer oder sonstiger Präsident kann dieses Verbot aufheben, es sei denn,
  1911. sein Land träte aus der UNO aus.
  1912. Am 11. Dezember 2014 sagte Präsident Obama: »Solche Praktiken sind mit den
  1913. amerikanischen Werten unvereinbar.« Eine Bestrafung der Folterknechte schloss Obama
  1914. jedoch aus. Der Folterkerker Guantanamo zum Beispiel (wo ursprünglich über 700
  1915. Gefangene festgehalten wurden, heute sitzen nach zwölf Jahren immer noch über 100
  1916. Verdächtige ein) funktioniert weiter.
  1917. Der Tessiner Abgeordnete Dick Marty, Berichterstatter des Europarates, verlangte 2007
  1918. von der Regierung in Bern, dass sie den schweizerischen Luftraum für CIA-Flugzeuge mit
  1919. rechtlosen Gefangenen darin schließe. Die Regierung lehnte Martys Ansinnen ab.
  1920. D a s US-Folterprogramm lief unter dem Namen: Enhanced Interrogations (verschärfte
  1921. Verhörmethoden). Die Zeitschrift Der Spiegel (Nr. 51, 2014) weist darauf hin, dass die CIA
  1922. den Titel fast wörtlich von der Gestapo übernommen hat. Ab 1937 hieß das
  1923. Folterprogramm der Nazi-Verbrecher offiziell: »Verschärfte Vernehmung«.
  1924. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Feinstein-Kommission sicherten über 6,2
  1925. Millionen Dokumente der Jahre 2001 bis 2008: E-Mails, Telefonabhörprotokolle,
  1926. Verhörberichte, administrative Anweisungen, medizinische Expertisen und vieles mehr.
  1927. Zwei Wissenschaftler, beide Psychologen, die Professoren James Mitchell und Bruce
  1928. Jessen, entwickelten das Folterprogramm. James Mitchell selbst entwarf zwölf besonders
  1929. schreckliche Foltermethoden, darunter wochenlanges Einschließen in enge Stehzellen,
  1930. Gegen-die Wand-Klatschen, Waterboarding (Eintauchen des Opfers in Wasser bis kurz vor
  1931. dem Erstickungstod). Elf dieser Methoden wurden von der CIA-Direktion akzeptiert.
  1932. Jessen und Mitchell wohnten auch persönlich den »verschärften Verhören« in diversen
  1933. Geheimgefängnissen bei. Sie überprüften vor Ort die Effizienz ihrer Methoden und setzten
  1934. für jedes Opfer die Schmerzgrenzen fest.
  1935. Von Mitchell stammt auch die Anweisung, Leichname verstorbener Opfer sofort zu
  1936. verbrennen, damit bei einer möglichen Autopsie Folterspuren nicht nachgewiesen werden
  1937. können.
  1938. Den beiden Wissenschaftlern James Mitchell und Bruce Jessen zahlte der amerikanische
  1939. Steuerzahler für ihre »Arbeit« insgesamt über 80 Millionen Dollar.
  1940. Welche Verwüstungen im Kollektivbewusstsein eine »falsche« Ideologie bewirken kann,
  1941. haben wir im Kapitel III gesehen. Es gibt auch eine »falsche« Wissenschaft.
  1942. Bei Rabelais heißt es: »Science sans conscience est la ruine de l’âme« (»Wissenschaft
  1943. ohne Gewissen ist der Ruin der Seele«). In den Konzentrations- und Vernichtungslagern
  1944. führten die NS-Wissenschaftler Experimente durch, die wissenschaftliche Erkenntnisse
  1945. erbrachten. Aber jenseits der gewonnenen technischen Resultate war ihre Wissenschaft
  1946. rein kriminelles Handeln, das nichts als Abscheu weckt und Strafe verdient. Später
  1947. experimentierten in den Gefängnissen von Chile, Argentinien und Uruguay, in den
  1948. sowjetischen Nervenkliniken Psychiater mit sogenannten »Wahrheitsdrogen« (das heißt
  1949. Behandlungen, die darauf abzielten, den mentalen Widerstand des Gefangenen zu
  1950. brechen). Diese chemischen Experimente haben unsere rein technischen Kenntnisse über
  1951. die nervlich-psychischen Vorgänge beim Menschen und die chemischen Veränderungen in
  1952. den Zellen des Gehirns vergrößert. Aber trotzdem waren es ungeheuerliche Verbrechen,
  1953. die jeder zivilisierte Mensch unermüdlich anprangern muss.
  1954. Ein weiteres Beispiel: Der spanische Jesuit José de Acosta veröffentlichte 1590 in Sevilla
  1955. eine Historia natural y moral des las Indias, eine minutiöse Beschreibung der kurz zuvor
  1956. von Spaniern und Portugiesen eroberten Neuen Welt. Acostas Werk ist vor allem eine
  1957. bewundernswerte Bestandsaufnahme der Fauna und Flora, der geologischen
  1958. Formationen, der klimatischen Bedingungen, der Geländebeschaffenheit, der Völker, ihrer
  1959. Gepflogenheiten, ihrer Weltbilder, ihrer Bestattungsrituale, ihrer sexuellen
  1960. Verhaltensweisen und Ernährungsgewohnheiten. Es wurde auf Anhieb ein großer Erfolg
  1961. mit Übersetzungen in die meisten europäischen Sprachen und zahlreichen Auflagen. Vom
  1962. 17. bis zum 19. Jahrhundert hatten die meisten Reisenden, die diese Gebiete
  1963. ansteuerten, Acostas Buch im Gepäck, so auch Alexander von Humboldt, und stützten
  1964. sich bei der Formulierung ihrer eigenen Hypothesen auf Acostas Beschreibungen.
  1965. Und das sagte dieser bewunderungswürdige Gelehrte über die Männer, Frauen und
  1966. Kinder, die er in Amerika traf und deren Verhaltensweisen er mit so viel Talent beschrieb:
  1967. »Die Indianer sind Götzenanbeter. Sie kennen keine Schrift, sind dem Geld gegenüber
  1968. gleichgültig und sind nicht beschnitten […] Es scheint uns, dass die Angelegenheiten der
  1969. Indianer nicht mehr Beachtung verdienen als die, die man einem im Wald gefangenen
  1970. Wildbret schenkt, das man zu unserem Dienst und Zeitvertreib nach Hause gebracht
  1971. hat.«71
  1972. Ich wiederhole es noch einmal: Die Folterpsychiater in Uruguay, Chile, Argentinien, in
  1973. den sowjetischen Nervenkliniken, der NS-Mediziner Mengele und der spanische Jesuit
  1974. Acosta trugen zur Vermehrung wissenschaftlicher Kenntnisse bei, aber um den Preis der
  1975. Herabwürdigung oder Vernichtung von Menschen. Ihr Handeln ist uneingeschränkt zu
  1976. verurteilen. Sie sind Feinde der Menschheit.
  1977. IV. Wozu dient die Universität?
  1978. Der Obstbaum, der kein Obst bringt
  1979. Wird unfruchtbar gescholten. Wer
  1980. Untersucht den Boden?
  1981. Der Ast, der zusammenbricht
  1982. Wird faul gescholten, aber
  1983. Hat nicht Schnee auf ihm gelegen?
  1984. Bertolt Brecht,
  1985. Über die Unfruchtbarkeit72
  1986. Bis zu meiner Ernennung zum UN-Sonderberichterstatter im Jahr 2000 habe ich den
  1987. größten Teil meines beruflichen Lebens als Professor an der Universität Genf gewirkt. Ich
  1988. habe diesen Beruf mit Leidenschaft, Dankbarkeit und großer Zufriedenheit ausgeübt. Auf
  1989. welcher Legitimität beruhte diese Fähigkeit zu lehren, eine pädagogische Autorität
  1990. auszuüben, von den Studenten zu fordern, dass sie die Examensnoten akzeptierten, die
  1991. ich ihnen zugedacht hatte?
  1992. Auf den ersten Blick lautet die Antwort: auf keiner Legitimität. Meine pädagogische
  1993. Autorität war situationsbedingt: Sie leitete sich aus einem Erlass des Staatsrats (der
  1994. Regierung) der Republik und des Kantons Genf ab, durch den ich zum Professor für
  1995. Soziologie an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften berufen wurde. Mit
  1996. anderen Worten: Meine Autorität als Professor hing vom zufälligen Stand des
  1997. Klassenkampfs in der Schweiz ab, vom Kräfteverhältnis zwischen feindlichen Klassen, das
  1998. in Genf zum Zeitpunkt meiner Berufung gerade das Fundament der (wirtschaftlichen,
  1999. politischen, universitären) Institutionen bildete. Das ging im Übrigen nicht ohne sehr
  2000. konkrete Kämpfe ab, und es hätte nicht viel gefehlt, dann hätten die Gegner meiner
  2001. Berufung den Sieg davongetragen.73
  2002. In unseren kapitalistischen Warengesellschaften im Westen werden wissenschaftliche
  2003. Erkenntnisse vor allem von den Universitäten und den angegliederten Instituten und
  2004. Forschungszentren produziert und verwaltet. Die Universität besitzt eine ideologische
  2005. Macht, deren Ursprung und Funktionsweise eine Reihe von Fragen aufwerfen.
  2006. Verschiedene Aspekte der heutigen Ausübung dieser vielschichtigen und beträchtlichen
  2007. Macht – beispielsweise Selektion und die Reproduktion kognitiver und sozialer Hierarchien
  2008. – müssen bekämpft werden. Aber in einem wesentlichen Punkt erscheint mir die
  2009. gesellschaftliche und politische Rolle der Universität nützlich: Die ideologische Macht der
  2010. Universität trägt dazu bei, die Autonomie, die Freiheit, die Entfaltung des Individuums zu
  2011. fördern. Die Pariser Sorbonne ist im 13. Jahrhundert entstanden, als sich die Lehrer und
  2012. Studenten allmählich aus der Bevormundung durch den Bischof und die Klöster befreiten.
  2013. Die Universität Genf ging aus der Akademie hervor, die die calvinistischen Rebellen 1559
  2014. gegründet hatten. Die Universität von Bologna, die als die älteste der westlichen Welt
  2015. gilt, wurde 1088 gegründet.
  2016. Was ist das Wesen der Universität?
  2017. Als Produkt einer tausendjährigen Geschichte ist die Institution Universität weder ein
  2018. reines ideologisches Instrument der herrschenden Klassen noch ein Elfenbeinturm
  2019. realitätsfremden Wissens, akademischer Freiheiten und der metaphysischen Spekulation,
  2020. wo sich die Erkenntnis der Welt und des Menschen abgeschottet von den sozialen Kräften
  2021. vollzieht. Heute muss man sie gegen die Strategie der Oligarchien des multinationalen
  2022. Finanzkapitals verteidigen, die in Frankreich, in der Schweiz, in Italien und Deutschland
  2023. den Anschein zu erwecken versuchen, dass die Universität wegen ihrer archaischen
  2024. Strukturen und ihrer Verpflichtung, möglichst viele Studenten auszubilden, nicht mehr in
  2025. der Lage sei, Grundlagenforschung zu betreiben. Diese Aufgabe müsse stattdessen, so
  2026. sagen sie, privaten Labors, Instituten und Forschungszentren übertragen werden.
  2027. In ihrer langen, an Konflikten reichen Geschichte, hat die Universität nach und nach eine
  2028. relative Autonomie errungen. Sie ist mit der und gegen die Aneignung der nacheinander
  2029. herrschenden Klassen entstanden, in jeweils unterschiedlichen, von Widersprüchen
  2030. geprägten Beziehungen. Daraus hat sich bis heute eine komplexe ideologische und
  2031. gesellschaftliche Konstellation ergeben: Auf der einen Seite ist die Universität der
  2032. symbolischen Gewalt des Kapitals ausgeliefert. Das Klassensystem und die Prinzipien von
  2033. Rentabilität und Profit bestimmen die Auswahl der Studenten, die Berufung von
  2034. Professoren und die Bestellung von Assistenten, die Lehrprogramme, die Organisation der
  2035. Wissenskontrollen, die universitäre Machthierarchie. Die Universität ist eine Fabrik, die
  2036. die weltweite gesellschaftliche Schichtung, die bestehenden Produktionsverhältnisse und
  2037. den normativen Diskurs reproduziert. Sie manipuliert die Indizien für die Legitimität von
  2038. Kenntnissen und ihren Produzenten. Die herrschenden Klassen rekrutieren dort ihre
  2039. organischen Intellektuellen und ihre Kader.
  2040. Andererseits sichert die Universität einen Freiraum für Forschung, schöpferisches Wirken
  2041. und Innovation. Dieser Freiraum ist für die durch unsere überverwalteten,
  2042. überausgestatteten, bürokratisierten Gesellschaften entfremdeten Menschen von
  2043. lebenswichtiger Bedeutung. Die Universität ist heute einer der letzten Zufluchtsorte für
  2044. kreatives Denken. Diesen Freiraum gilt es um jeden Preis zu bewahren. Das vorliegende
  2045. Buch will dazu beitragen.
  2046. Vor über vierzig Jahren formulierte der Astrophysiker Evry Schatzman Beobachtungen
  2047. über die Natur der Universität, die bis heute gültig sind: »Die materiellen Veränderungen
  2048. in einer bestimmten Gesellschaft spiegeln sich schließlich in der Repräsentation der
  2049. gesellschaftlichen Beziehungen wider. Aber die materiellen Veränderungen reichen nicht
  2050. aus. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden erst dann allgemein infrage gestellt,
  2051. wenn die Distanzierung ein Massenphänomen wird. Dabei spielt die wissenschaftliche und
  2052. universitäre Entwicklung eine wesentliche Rolle. Indem wir das Räderwerk aufdecken,
  2053. legen wir eindeutig dar, dass die Rolle der Wissenschaft von ihrer Existenz herrührt und
  2054. nicht von einer bestimmten Tätigkeit, die angeblich das Privileg der Wissenschaftler ist.
  2055. Ebenso hängt die Rolle der Universität in erster Linie mit der Natur der Bildung
  2056. zusammen, damit, dass die höhere Bildung zu einem Massenphänomen wird. So wie die
  2057. französische Kolonialmacht in ihrem Gepäck Lehrer mitbrachte, die die Ideen der
  2058. Französischen Revolution verbreiteten – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –, so erstickt
  2059. die Universität einerseits die Studenten in einem komplexen System von Initiationsriten,
  2060. spiegelt auf der anderen Seite aber die rebellische, kreative und kritische Natur der
  2061. Wissenschaft wider.«
  2062. Und weiter heißt es bei Schatzman: »Genauso sind für die Wissenschaft trotz der
  2063. hierarchischen Strukturen und der Entfremdungen die neuen Züge charakteristisch, weil
  2064. sie Initiation, Macht und Repression infrage stellen, die nötige Distanz vermitteln, damit
  2065. man die wahre Natur der Transmission der Institutionen und des Wissens erfassen
  2066. kann.«74
  2067. Die tägliche Aufgabe des Soziologen besteht darin, die Gesetze aufzudecken, die bei der
  2068. Geburt, der Entwicklung und dem Verfall von Gesellschaften am Werk sind. Er muss sich
  2069. unermüdlich bemühen zu enthüllen, wie die Gesellschaft hervorgebracht wurde, und – um
  2070. Pierre Bourdieu zu zitieren – welche »Kräfteverhältnisse das Fundament ihrer Kraft
  2071. bilden«. Dazu muss er hinter die täuschenden Vorstellungen, die Verschleierungen, die
  2072. Illusionen und die Lügen blicken, die die Ideologien den Menschen aufzwingen. Die
  2073. Universität bietet den idealen Freiraum für solches Tun.
  2074. Nachtrag: Was die Wissenschaft über die Kunst sagen
  2075. kann
  2076. Die Wissenschaft ist absolut unfähig zu sagen, was Kunst ist. Trotz ihrer mächtigen
  2077. gesellschaftlichen Wirkung gehört die künstlerische Praxis zu den menschlichen
  2078. Betätigungen, die sich weitgehend dem wissenschaftlichen Zugriff entziehen.
  2079. Die Wissenschaft, ganz besonders die Soziologie, hat trotzdem versucht, die Kunst zu
  2080. ergründen. Aber dabei stieß sie sogleich auf eine Reihe von Schwierigkeiten.
  2081. Erste Schwierigkeit: Das Feld der Kunst oder vielmehr die Felder der unterschiedlichen
  2082. künstlerischen Produktionen sind derart mit Kommentaren, Beschreibungen, kritischen
  2083. Urteilen, Interpretationen, geschichtlichen Darstellungen überfrachtet, dass der
  2084. Wissenschaftler sie erst einmal entwirren muss, bevor er zu ihrem Objekt vordringen
  2085. kann.
  2086. Zweite Schwierigkeit: Die verschiedenen Formen der künstlerischen Produktion stellen
  2087. jeweils eigene, in mehr oder weniger getrennte Bereiche zerschnittene Universen dar, die
  2088. sich gegenüber der Wirtschaft und der Gesellschaft verselbstständigt haben, zuerst in der
  2089. Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert im Westen, bis zum Anbruch des 21. Jahrhunderts
  2090. dann in der ganzen Welt. Pierre Bourdieu, der vor allem untersucht hat, wie die Kunst am
  2091. Ende des 19. Jahrhunderts autonom wurde, spricht von einem fremden Universum, in der
  2092. eine »umgekehrte Ökonomie« herrscht, wo der Künstler durch finanziellen Profit jedes
  2093. Prestige einbüßt und wo die Künste nur dann als solche »anerkannt« werden, wenn sie
  2094. gerade nicht den ökonomischen Gesetzen gehorchen, die auf den anderen Feldern
  2095. herrschen. Jeder künstlerische Teilbereich ist durch seine eigene Geschichte, eigene
  2096. Zeitlichkeit, eigene gesellschaftliche Produktionsbedingungen und Handlungsweisen
  2097. charakterisiert, hinzu kommt noch die unendliche Verzweigung der materiell und
  2098. symbolisch betroffenen Objekte (Gemälde, Bauwerke, Sinfonien, Romane, Gedichte,
  2099. Fotografien und so weiter). Dies alles in einem großen theoretischen Entwurf zu erfassen,
  2100. stellt eine ungeheure Herausforderung dar, während gleichzeitig in diesen Bereichen ein
  2101. lähmender Positivismus herrscht.
  2102. Der Ungar Arnold Hauser hat sich dieser Herausforderung gestellt. Er gehörte 1915 in
  2103. Budapest zum »Sonntagskreis«, einer Gruppe von Intellektuellen, die bei dem Filmkritiker
  2104. und -theoretiker Béla Balázs zusammenkamen; zu der Gruppe gehörten auch Georg
  2105. Lukács, Karl Mannheim und Friedrich Antal. Diese Gruppe institutionalisierte sich als
  2106. »Freie Schule der Geisteswissenschaften«. Man debattierte über alle damals brennenden
  2107. Fragen des kulturellen Lebens. Auf Anregung von Lukács engagierte sich Hauser ab 1917
  2108. auch in der Kulturpolitik der Revolutionsregierung von Béla Kun, und wie Lukács musste
  2109. er nach deren Sturz 1919 das Land verlassen. Nach einer Irrfahrt durch ganz Europa ließ
  2110. sich Hauser schließlich in London nieder. Er hat eine kunstgeschichtliche Darstellung
  2111. verfasst, die von der herrschenden Kunstkritik bis heute ignoriert wird: The Social History
  2112. of Art and Literature, erschienen 1951. Auf die deutsche Übersetzung musste man
  2113. zwanzig Jahre warten, auf die französische Übersetzung ein Vierteljahrhundert.75
  2114. Einer rein formalistischen und idealistischen Geschichte der Kunst stellt Arnold Hauser
  2115. eine echte Geschichte gegenüber. Er setzt die künstlerischen Formen und technischen
  2116. Fähigkeiten mit den geistigen Strukturen und den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und
  2117. politischen (den Arbeits- und Herrschaftsverhältnissen) Bedingungen einer jeden Epoche
  2118. in Beziehung. Die Rezeption des Werks von Arnold Hauser, welche Kritiken, Widerstände,
  2119. Entdeckungen es begünstigt hat, hat der italienische Kunsthistoriker Enrico Castelnuovo
  2120. materialreich dokumentiert.76
  2121. Kunst ist eine Hervorbringung des Menschen. Der Soziologe kann darum ihre Geschichte
  2122. nachzeichnen, er kann die Produktionsbedingungen untersuchen. Wer sind die
  2123. Produzenten und die Adressaten? Welches sind die Rezeptionsbedingungen? Wer
  2124. definiert, was Kunst ist und was nicht? Wer legt die Norm und den Wert fest? Welche
  2125. theoretischen Debatten werden geführt? Welche materiellen und technischen
  2126. Innovationen haben die Kunst vorangebracht? Welchen Interessen dient sie? Wie werden
  2127. die Künstler sozialisiert? Welchen Einflüssen unterliegen sie? Woher nehmen sie ihre
  2128. Modelle? Woher und von wem erhalten sie ihre Inspiration? Im Rahmen welcher
  2129. Institutionen arbeiten sie? Wer sind ihre Auftraggeber, ihre Kunden, ihre Händler, ihr
  2130. Publikum? Was ist ihr Marktwert, und sogar, um eine Frage von Pierre Bourdieu im
  2131. Hinblick auf die zeitgenössischen visuellen Künste aufzugreifen, »wer hat die Schöpfer
  2132. geschaffen«?77
  2133. Die Kunst produziert materielle und symbolische Güter, sie ist Gegenstand von
  2134. Strategien, vermittelt Kenntnisse, Glaubensüberzeugungen, Ideologien und dient ihnen
  2135. als Unterstützung; Kunst wird gesammelt, lässt Berufe und Vermittlungsinstanzen
  2136. entstehen, unterhält finanzielle Kreisläufe, bringt Moden und Schulen hervor, wird zum
  2137. kollektiven Erbe. Die Künstler schreiben sich in ihre Epoche ein, erhalten eine Ausbildung,
  2138. unterliegen Einflüssen, profitieren von Entdeckungen, spüren neue Geschmacksrichtungen
  2139. auf. All diese Umstände können erforscht werden.78
  2140. Die Werke selbst – der Teil von Poesie und Verzauberung in der Literatur, das
  2141. Geheimnis der Musik, das Un-Sinnige an der Musik, der Anteil der Genialität an der
  2142. visuellen und plastischen Schöpfung, die emotionale Wirkung bestimmter Werke von
  2143. Theater und Kino, die Talente, die in den betreffenden Werken erkennbar werden und so
  2144. weiter –, all das wird leider von den soziologischen, anthropologischen und
  2145. psychologischen Ansätzen kaum berührt und bleibt die Domäne der »Spezialisten« für die
  2146. verschiedenen Künste: der Kunsthistoriker, Musikhistoriker, Theaterhistoriker, Ethnologen
  2147. und anderen.79
  2148. Die Beziehung zwischen den Werken und der Gesellschaft bricht jedoch nicht ab, wenn
  2149. der schöpferische Akt vollendet ist. Sofern die Werke nicht zerstört werden, werden sie
  2150. weitergegeben, verändert, neu interpretiert, wiedergelesen, sind sie Objekte wiederholter
  2151. kultureller und gesellschaftlicher Filterungsprozesse, Träger vielfältiger Kenntnisse und
  2152. Missverständnisse, nationale Kulturgüter. Die Rezeption der Werke und ihr Schicksal im
  2153. Lauf der Zeit sind Teil des Forschungsgegenstands der Wissenschaft. Wie man sieht, ist
  2154. die zu leistende Aufgabe gewaltig.
  2155. Gibt es noch etwas hinter oder jenseits der Wissenschaft und der Ideologie? Existieren
  2156. Formen der Wahrnehmung, die nicht dem rationalen Verständnis unterworfen sind? Wird
  2157. es eines Tages möglich sein, eine wissenschaftliche Theorie der fühlenden Erkenntnis,
  2158. eine wissenschaftliche Theorie der künstlerischen Schöpfung aufzustellen? Diese Fragen
  2159. bleiben offen. Die Sozialgeschichte der Kunst und die Kunstphilosophie haben in den
  2160. letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Aber es sieht sehr danach aus, als ob die
  2161. Schönheit, das künstlerische Talent, die Qualität oder der existenzielle Wert von
  2162. Kunstwerken in den Augen der Sozialwissenschaftler nach wie vor suspekt wären, weil sie
  2163. mit der Subjektivität assoziiert werden, dem unauflöslichen Kern des menschlichen
  2164. Wesens.
  2165. Derzeit haben wir nur einige Gewissheiten: Die Gefühle, die Kunst im tiefsten Inneren
  2166. des Menschen auslöst, die Kommunikation, die sie zwischen Menschen anregt, die neuen
  2167. und immer unerwarteten Formen, die sie jeden Tag zu den bereits bestehenden Formen
  2168. hinzufügt, sind wesentliche und unersetzliche Bereicherungen der menschlichen Existenz.
  2169.  
  2170. FÜNFTES KAPITEL
  2171. Die Ketten in unseren Köpfen
  2172. Unsere Arme sind Zweige, mit Früchten überladen,
  2173. Der Feind schüttelt sie.
  2174. Er schüttelt uns, Tag und Nacht;
  2175. Und um uns leichter und unbekümmerter
  2176. plündern zu können,
  2177. Legt er nicht mehr unsere Füße in Ketten,
  2178. Sondern unsere Köpfe,
  2179. Meine Geliebte.
  2180. Nâzim Hikmet, »Die Feinde«80
  2181. I. Die Entfremdung
  2182. Antonio Gramsci war ein kluger Philosoph, ein unabhängiger Geist und ein unbeugsamer
  2183. Revolutionär. Mit seinen wachen, dunklen Augen hinter den randlosen Brillengläsern,
  2184. seinem mächtigen Haarschopf, seinem zurückhaltenden, zur geduldigen Analyse
  2185. neigenden Temperament war der junge Sarde auch rein äußerlich der Prototyp des linken
  2186. italienischen Intellektuellen. In Turin studierte er Philosophie und
  2187. Literaturwissenschaften. Mit seinem fast gleichaltrigen Freund Palmiro Togliatti gründete
  2188. er als knapp Dreißigjähriger 1919 die Zeitung L’Ordine Nuovo , die bald großen Einfluss in
  2189. der politischen und literarischen italienischsprachigen Welt erlangte. 1921 entstand aus
  2190. diesem Freundeskreis die Kommunistische Partei Italiens, deren Generalsekretär der
  2191. junge Philosoph 1924 wurde. Sein Traum von der demokratischen Emanzipation der
  2192. unterdrückten sozialen Klassen Italiens jedoch zerbrach. 1922 hatte König Vittorio
  2193. Emanuele III. – eingeschüchtert durch den bedrohlichen faschistischen Marsch auf Rom –
  2194. den ehemaligen Lehrer Benito Mussolini zum Ministerpräsidenten berufen. Dessen Partei
  2195. gewann 1924 die Wahlen, ein Jahr später kassierte Mussolini die Freiheitsrechte und
  2196. zementierte seine persönliche Diktatur.
  2197. Antonio Gramsci wurde eingekerkert, seine Partei zerschlagen und verfolgt. Der
  2198. Philosoph blieb praktisch Zeit seines verbleibenden Lebens hinter Gittern. 1937
  2199. amnestiert, starb er kurze Zeit nach seiner Entlassung aus dem Kerker.
  2200. In den Jahren von 1929 bis 1935 schrieb er sein Hauptwerk, bescheiden betitelt:
  2201. Quaderni del carcere (Gefängnishefte). Für Gramsci wie für seine marxistischen Freunde
  2202. konnte nur der Aufstand der unterdrückten Klassen zur Menschwerdung des Menschen,
  2203. zur Emanzipation, zur revolutionären Gesellschaft führen. Aber anders als seine Genossen
  2204. stellt Gramsci eine Bedingung: Der revolutionäre Aufstand kann nur dann eine befreite,
  2205. gerechte Gesellschaft hervorbringen, wenn die Proletarier zuvor die »kulturelle und
  2206. moralische Hegemonie« über sich selbst und über die alte Gesellschaft erringen. In den
  2207. Quaderni, der umfänglichen Sammlung der von Gramsci im Gefängnis
  2208. niedergeschriebenen Gedanken und Reflexionen, kommt das Konzept der »kulturellen
  2209. Hegemonie« wie ein beschwörendes Mantra immer wieder vor.
  2210. Hören wir Antonio Gramsci: »Man kann die politische Macht nicht übernehmen, ohne
  2211. zuvor die kulturelle Macht übernommen zu haben.« Beinahe visionär hat Gramsci in
  2212. seiner Zelle das zentrale Problem der menschlichen Emanzipation, des demokratischen
  2213. Revolutionsprozesses erkannt. Heute liegt seine Vision in Trümmern.
  2214. In den kapitalistischen Warengesellschaften in Europa, Nordamerika und Asien haben
  2215. die Arbeiterklassen vorläufig den ideologischen Krieg verloren. Diese Niederlage erklärt,
  2216. dass sie politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich durch die transkontinentale
  2217. Finanzoligarchie und die mit ihr verbundenen bürgerlichen Klassen anhaltend beherrscht
  2218. werden. Mit anderen Worten: Die Entfremdung der arbeitenden Klassen schreitet in dem
  2219. Maß voran, wie die Monopolisierung des Kapitals und die Rationalisierung des
  2220. imperialistischen Systems zunehmen. Wie Horkheimer gesagt hat: »Die Sklaven
  2221. schmieden unablässig ihre eigenen Ketten.« Im Westen ist die Entfremdung der Arbeiter
  2222. heute beinahe vollständig. Der Begriff »Entfremdung« stammt aus der materialistischen
  2223. deutschen Philosophie und bezeichnet »den Menschen, der sich selbst fremd geworden
  2224. ist«. Das Synonym ist Verdinglichung, »zum Ding werden«.
  2225. Theodor W. Adorno verwendet noch einen anderen Begriff: Entäußerung. Er bedeutet,
  2226. »sich freiwillig von seiner eigenen Substanz trennen«. Das Individuum verliert seine
  2227. Einzigartigkeit und wird allein auf seine Funktion in der Warengesellschaft reduziert.
  2228. Der Mensch existiert, entwickelt und reproduziert sich nur mit der Hilfe anderer
  2229. Menschen, im wechselseitigen Austausch und in gegenseitiger Ergänzung. Ohne
  2230. Gesellschaft und ohne Geschichte gibt es keine Menschen. Und es gibt keine Gesellschaft
  2231. ohne ein kollektives System der Selbstdeutung, das die menschlichen Erfahrungen in
  2232. einen großen Zusammenhang bringt und in richtiger oder falscher Weise auf die
  2233. grundlegenden Fragen antwortet, die sich die Menschen stellen. Der von den anderen
  2234. Menschen getrennte Mensch ist nur ein Schrei. Deshalb ist es die implizite Strategie im
  2235. wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen System des heutigen
  2236. Kapitalismus, den Menschen auf sein Funktionieren in der Warengesellschaft zu
  2237. beschränken. Auf diese Weise »enthumanisiert« man den Menschen, um eine
  2238. Formulierung von Georg Lukács aufzugreifen.
  2239. Was auch immer der dominierende Diskurs der neoliberalen kapitalistischen Oligarchien
  2240. behauptet, nicht der Mensch, seine Selbstverwirklichung und die schrittweise Entfaltung
  2241. seiner schöpferischen Kräfte bestimmen den Aufbau der Gesellschaft. Vielmehr hat eine
  2242. Verschiebung stattgefunden: Die Parameter des gesellschaftlichen Prozesses, welche die
  2243. abhängigen Klassen – und die herrschenden Klassen im Übrigen auch – verinnerlicht
  2244. haben, heißen nunmehr technischer Fortschritt, Rentabilität der Produktion, Konkurrenz,
  2245. Wettbewerbsfähigkeit, Tauschwert, Funktionalität, Konformität. Auf diese Weise wird der
  2246. Mensch von den anderen Menschen und von der kollektiven Sinnsuche abgetrennt, er ist
  2247. allein. Er wird ein Fremder für sich selbst.
  2248. Zwei Analysen der Entfremdung in Europa erscheinen besonders hilfreich: einmal die von
  2249. Karl Marx und seinen Nachfolgern, und dann die von Roger Bastide.
  2250. Im Zentrum der marxistischen Theorie steht die »doppelte Reproduktion«. Was ist damit
  2251. gemeint?
  2252. Das Ziel der »Entfremdung« ist die Reduzierung des Menschen auf sein reines
  2253. Funktionieren in der Warengesellschaft. Mit anderen Worten: die Zerstörung seiner
  2254. einzigartigen Identität. In der kapitalistischen Warengesellschaft sind die
  2255. Produktionsverhältnisse fundamental ungleich. Der Arbeiter vor seiner Maschine, die
  2256. Supermarktverkäuferin vor ihrer Kasse, der Büroangestellte vor seinem Computer – sie
  2257. alle erleiden, reproduzieren und akzeptieren nolens volens diese Ungleichheit.
  2258. Gezwungenermaßen setzen sie die ungleichen Arbeitsbedingungen um. Noch bevor sie
  2259. am Morgen an ihrem Arbeitsplatz ankommen, haben der Arbeiter, die Verkäuferin und der
  2260. Angestellte ihre Bedingungen als Unterdrückte und Ausgebeutete in ihren Köpfen
  2261. reproduziert, also verinnerlicht, akzeptiert und legitimiert. In dem Augenblick, in dem
  2262. nach Verlassen der Wohnung der Arbeiter seinen Motorroller anwirft, die Verkäuferin zur
  2263. U-Bahn hinuntersteigt und der Angestellte sein Auto anlässt, vollziehen sie die erste
  2264. Reproduktion. Die zweite kommt, wenn sie konkret mit der Arbeit beginnen.
  2265. Der Mensch konkretisiert seine Freiheit in der Arbeit. Er wird vom anderen in seinen
  2266. Werken erkannt, und er erkennt den anderen in dem, was er aus seinem Leben macht.
  2267. Die Arbeit schafft die Reziprozität, die die Grundlage jeder gesellschaftlichen Existenz
  2268. bildet. Jean-Paul Sartre hat geschrieben: »Der Mensch ist das, was er aus dem macht,
  2269. was man mit ihm gemacht hat.« Gesellschaftliche und persönliche Existenz fließen in der
  2270. Arbeit zusammen.81
  2271. Die kapitalistische Produktionsweise bricht diese Einheit auf: Die kapitalistische
  2272. Verdinglichung entfremdet den Menschen dem Produkt seiner Arbeit und damit dem, was
  2273. ihn zum Menschen macht.82 Dieser Punkt ist mir besonders wichtig: Der Kapitalismus
  2274. setzt die Warenbeziehung als universelle Beziehung durch. Im kapitalistischen System
  2275. muss die Arbeitskraft verkauft werden. Sie hat einen Preis. Dieser Preis wird durch den
  2276. Tauschwert bestimmt, das heißt durch die Summe der Güter, die für ihre Reproduktion
  2277. erforderlich sind. Die Objektivierung der menschlichen Arbeit führt somit zur formalen
  2278. Gleichsetzung aller Arten von menschlicher Arbeit. Das bedeutet den totalen Bruch mit
  2279. dem Universum der organischen Produktion von Gütern, die nach dem Gebrauchswert
  2280. ausgerichtet ist. In Bezug auf was sind die Waren für den unterschiedlichen Gebrauch im
  2281. kapitalistischen System austauschbar? Natürlich in Bezug auf ihren Tauschwert. Und der
  2282. Tauschwert wird nach der gesellschaftlichen Zeit bemessen, die für die Produktion der
  2283. betreffenden Güter aufgewendet werden muss. Aber die gesellschaftliche Zeit des
  2284. kapitalistischen Systems, das den universellen Austausch der Waren sicherstellt, wird in
  2285. eine ganz bestimmte Dynamik investiert.
  2286. Die Besitzer der Produktionsmittel betreiben die beschleunigte Akkumulation und die
  2287. kontinuierliche Profitmaximierung. Dabei unterwerfen sie den Prozess der Arbeit einer
  2288. zunehmenden Rationalisierung. Die Rationalisierung beschleunigt wiederum die
  2289. kontinuierliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durch die Komprimierung der
  2290. gesellschaftlichen Zeit, die für die Produktion aufgewendet wird. Die schrittweise
  2291. Universalisierung der Warenform führt auf diese Weise zu einer Abstraktion der
  2292. menschlichen Arbeit. Zuerst objektiviert sich die Arbeit in der Ware, wird zur Ware. Dann
  2293. verändern sich die gesellschaftlichen Beziehungen selbst (ursprünglich reziproke,
  2294. komplementäre, solidarische Beziehungen) und werden immer mehr zu
  2295. Warenbeziehungen. Auf diese Weise tendiert die Gesamtheit der Beziehungen – sie
  2296. machen ein menschliches Wesen aus – zur schrittweisen Verdinglichung, zur Verwandlung
  2297. in eine Ware. Dies betrifft und verändert die Beziehungen zwischen den Menschen, löst
  2298. sie von der Gesellschaft ab und enthumanisiert sie damit.
  2299. Die gesellschaftliche Zeit ist das Maß, wie viel Arbeit zur Herstellung einer bestimmten
  2300. Ware gesellschaftlich nötig ist. Die Arbeitszeit wird zunächst als mittlere Arbeitszeit
  2301. empirisch erfasst. Aber unter dem Einfluss einer immer stärkeren Automatisierung wird
  2302. die Arbeitszeit »als objektiv berechenbares Arbeitspensum« begriffen, »das dem Arbeiter
  2303. in fertiger und abgeschlossener Objektivität gegenübersteht«, wie Georg Lukács sagt.83
  2304. An dem Punkt kündigt sich der Niedergang des kulturellen Systems an, dessen Träger
  2305. der Produzent ist: Konfrontiert mit einem fertigen und abgeschlossenen System, dem
  2306. System der rationalisierten Arbeit, das unabhängig von seinen Wünschen funktioniert,
  2307. nach Festlegungen, auf die er keinen Einfluss hat, versinkt der arbeitende, der
  2308. produzierende Mensch allmählich in einer Art von Gleichgültigkeit. Der Mensch weiß, dass
  2309. er keine Kontrolle mehr über die Welt hat, und zieht sich geistig von der Welt zurück. Sein
  2310. System der Selbstinterpretation, seine Vision der Welt, kurzum sein symbolisches
  2311. Universum torkelt ins Leere. Oder wie Marx sagt: »Das Pendel der Uhr [ist] der genaue
  2312. Messer für das Verhältnis der Leistungen zweier Arbeiter geworden, wie er es für die
  2313. Schnelligkeit zweier Lokomotiven ist. So muß es nicht mehr heißen, daß eine [Arbeits-]
  2314. Stunde eines Menschen gleichkommt der Stunde eines andern Menschen, sondern daß
  2315. vielmehr ein Mensch während einer [Arbeits-] Stunde soviel wert ist wie ein anderer
  2316. Mensch während einer Stunde. Die Zeit ist alles, der Mensch ist nichts mehr, er ist
  2317. höchstens noch die Verkörperung der Zeit.«84
  2318. Und nun die Theorie der Entfremdung, wie sie Roger Bastide formuliert hat.
  2319. Bastide interessierte sich in erster Linie für die psychologischen und psychosomatischen
  2320. Auswirkungen, die der mentale Strukturverlust, die Angst des Individuums verursachen.
  2321. Der Strukturverlust und die Angst sind die Folge der zunehmenden Verdinglichung des
  2322. Bewusstseins der Menschen. In den kapitalistischen Warengesellschaften des Westens
  2323. sind die Menschen zu Waren geworden. Sie müssen in scheußlichen Bauten wohnen,
  2324. werden wie Waren in Betonsilos gelagert, einsortiert, nummeriert. Immer mehr
  2325. »Siedlungen« umzingeln das, was von den europäischen Städten, wie man sie früher
  2326. kannte, noch übrig ist. Die Warenwelt der Banker und Immobilienspekulanten dringt in
  2327. die Städte ein und verwüstet alles bis zum letzten Stein. Auch die Sprache folgt der
  2328. allgemeinen Tendenz zur Anonymisierung. Die alten Symbolsysteme sterben. An ihre
  2329. Stelle tritt eine notdürftige Verständigung, ein phonetisches Stammeln, wie es die in
  2330. ihrem Realismus erschreckenden Figuren in den Filmen von Jean-Luc Godard ausstoßen.
  2331. Die neuen Lautsysteme bringen im eigentlichen Sinn des Wortes nichts mehr zum
  2332. Ausdruck. Sie dienen nur dazu, das für die Produktion, die Verteilung und den Konsum der
  2333. Waren unverzichtbare Minimum von Verständigung zwischen den Menschen
  2334. aufrechtzuerhalten. Selbst das Geld ist heute anonym. Früher war Geld »das Blut der
  2335. Armen«85. In der ursprünglichen kapitalistischen Gesellschaft war seine Akkumulation in
  2336. den Händen einiger Weniger das sichtbare Zeichen der Ausbeutung, des Elends und der
  2337. Unterdrückung der großen Masse. Die Theaterstücke von Ibsen, Strindberg, Wedekind
  2338. und Hauptmann legen Zeugnis von der Leidenschaft für Geld in den bürgerlichen Klassen
  2339. des 19. Jahrhunderts ab, davon, welche blutigen Dramen, welche Verfehlungen und
  2340. welche Schlachten diese Leidenschaft verursachte. Das Geld war Objekt der Begierde
  2341. oder des Abscheus. Ibsens Stücke Ein Puppenheim (1879) und Hedda Gabler (1890),
  2342. August Strindbergs autobiografischer Roman Der Sohn einer Magd (1886) und sein Stück
  2343. Fräulein Julie (1888), die die Zuschauer und Leser erst in Oslo und Stockholm und bald in
  2344. der ganzen Welt begeisterten, drehen sich alle mehr oder weniger um das gleiche
  2345. Problem: die Mesalliance, die romantische Liebe, die nicht standesgemäße Leidenschaft
  2346. zwischen Menschen, die unterschiedlichen Gesellschaftsklassen angehören und
  2347. unterschiedlich viel Geld besitzen. Das Geld trennt sie, zerstört ihre Leidenschaft,
  2348. verwandelt die Liebe, die sie anfänglich verband, in Eifersucht und Hass.
  2349. Roger Bastide schreibt dazu: »Als Objekt der Zuneigung, Quelle von Mesalliancen und
  2350. vielfältigen täglichen Dramen war das Geld damals Träger existenzieller Werte. Heute
  2351. haben das Geld und die Ware, seine perfekte Verkörperung, jede Individualität verloren.
  2352. Die Ware ist zum schlichten Referenzsystem eines verrückten Wettlaufs um Produktion,
  2353. Konsum, Reproduktion und erneutem Konsum von Gütern geworden, die bei diesem
  2354. Wettlauf ihre Qualität als Güter eingebüßt haben.«86
  2355. Die Gehirnwäsche – ob durch staatliche Propaganda, durch die perversen Weltbilder
  2356. bestimmter religiöser Bewegungen oder durch die verlogene Werbung der großen
  2357. Handelsunternehmen – erstaunt niemanden mehr. Die täglichen, unendlich geschickten
  2358. Aggressionen haben den Widerstand der meisten Menschen schon vor langer Zeit
  2359. gebrochen. Man könnte denken, dass zumindest der Körper, die letzte Bastion der
  2360. konkreten Individualität der Menschen, mit seinen geheimnisvollen Kreisläufen, seinen
  2361. verborgenen Organen, seinem pulsierenden Leben dem Kannibalismus der Warenwelt
  2362. entzogen bliebe. Weit gefehlt! Die Nieren, das Herz, die Lungen, die Leber und die Augen
  2363. sind heute Waren. Die wichtigsten Organe des Menschen werden gekauft, verkauft,
  2364. transplantiert, gelagert, vermarktet. In den amerikanischen Krankenhäusern zirkulieren
  2365. bebilderte Kataloge, in denen Organe zum Kauf angeboten werden. Organbanken und -
  2366. börsen setzen immer mehr Organe um. Der menschliche Körper, der lebende wie der
  2367. tote, wird Teil des Kreislaufs der produzierten, konsumierten, reproduzierten und wieder
  2368. konsumierten Dinge. Dieser Kreislauf und seine Beschleunigung erzeugen eine – für den
  2369. Menschen – radikal neue Situation in der Geschichte der Gesellschaften. Roger Bastide
  2370. definiert sie so: »Man kann sagen, dass die (Waren-)Gesellschaft ein Modell unserer
  2371. Persönlichkeit vom Typ der Schizophrenie begünstigt, wie sie der Psychiater definiert, das
  2372. heißt: Unpersönlichkeit der menschlichen Beziehungen, affektive Gleichgültigkeit und
  2373. Isolierung in den großen Metropolen, auf den Geschlechtsakt reduzierte Sexualität,
  2374. Fragmentierung unserer täglichen Verhaltensweisen infolge unserer Zugehörigkeit zu
  2375. vielfältigen Gruppen, die uns oftmals widersprüchliche Rollen aufzwingen, Verlust des
  2376. Gefühls der Verwurzelung in der sozialen Welt wie auch des Gefühls für unsere
  2377. persönliche Identität, Vermännlichung der Frau, generelle Zunahme unserer
  2378. Abhängigkeiten statt Eroberung von Autonomie.«87
  2379. Und etwas weiter: »Am schlimmsten ist, dass die Beschleunigung der Geschichte zu
  2380. einer fundamentalen Diskontinuität im Verlauf unseres Lebens führt, dass sie langsame
  2381. Entwicklungen durch brutale Veränderungen ersetzt und das Individuum damit zwingt,
  2382. permanent seine Energien zu mobilisieren und, wenn es nicht genug davon hat, gegen
  2383. die unvorhergesehenen Veränderungen und die Vielzahl der Brüche anzukämpfen,
  2384. entweder durch eine neurotische Reaktion oder durch die rigiden Strukturen der
  2385. Psychose, um das Trauma der Veränderung ohne Atempause aufzuheben.«88
  2386. II. Das homogenisierte Bewusstsein
  2387. Die Sterne sind fern, sagt Ihr?
  2388. Und unsere Erde ist ganz klein.
  2389. Und wenn schon!
  2390. Darüber lache ich.
  2391. Denn das finde ich viel wichtiger,
  2392. Viel gewaltiger
  2393. Viel geheimnisvoller und viel größer:
  2394. Einen Menschen, den man hindert zu gehen;
  2395. Einen Menschen, den man in Ketten legt.
  2396. Nâzim Hikmet,
  2397. »Leben und Tod von Benerdji«89
  2398. Die kapitalistische Warengesellschaft im Westen steht unter der Herrschaft des
  2399. versteinerten, homogenisierten Bewusstseins: Die Entfremdung ist beinahe vollständig.
  2400. Sie betrifft alle Klassen und jedes Klassenbewusstsein, die Herrschenden erleiden sie
  2401. ebenso wie die Beherrschten. Oft lassen sich diejenigen, die täuschen, als Erste selbst
  2402. täuschen. In Westeuropa restrukturiert die transkontinentale kapitalistische Oligarchie –
  2403. die aus den Handel treibenden bürgerlichen Klassen und der kolonialen Akkumulation im
  2404. 19. und 20. Jahrhundert hervorgegangen ist – ihr System der Beherrschung, indem sie die
  2405. verbreiteten Wünsche nach Freiheit und allgemeiner Brüderlichkeit, die aus den
  2406. Widerstandskämpfen gegen den Faschismus erwachsen sind, zu ihrem Vorteil umlenkt
  2407. und pervertiert.
  2408. Die Art und Weise, wie die herrschende Klasse, konkret die Chefs der transnationalen
  2409. Konzerne, die Banker, Industriellen und ihre Söldner, sich ihre eigene Praxis vorstellt, ist
  2410. offensichtlich keine wissenschaftliche Theorie dieser Praxis. Wäre das der Fall, würde sie
  2411. darauf hinwirken, ihnen jedes Mittel zum Handeln zu nehmen, denn die Theorie würde
  2412. zeigen, wie die Praxis funktioniert, wem sie nützt, wen sie ausbeutet, wen sie tötet, wen
  2413. sie über seine Ziele täuscht. Niemand würde sie mehr akzeptieren. Doch das Gegenteil ist
  2414. der Fall: Die herrschende Klasse produziert Erklärungen, die ihre Praxis falsch darstellen,
  2415. damit sie ihre Herrschaft weiter ausüben kann, und die sie gleichzeitig als logisches,
  2416. harmloses, natürliches, alternativloses Handeln im Dienst der Nation und der
  2417. Allgemeinheit legitimieren.
  2418. Die Ideologie der Herrschenden belügt nicht nur die Beherrschten. Sie führt oftmals auch
  2419. die hinters Licht, die sie propagieren. Tatsächlich kommt es häufig vor, dass die
  2420. Hauptprotagonisten des Imperialismus fest an die Wohltätigkeit ihrer Mission glauben. Im
  2421. Übrigen greifen die Herrscher aus den Banken, den Handelsgesellschaften und den
  2422. transkontinentalen Industriekonzernen oft auf Ideologien der Vergangenheit zurück, die
  2423. Bildung und Sozialisation als universelle Wahrheiten in den Köpfen aller Menschen
  2424. verankern und ihnen ihre Urteilskriterien liefern. Und so wird die reale Praxis der
  2425. herrschenden Klasse, die Praxis, die die unerträgliche Ordnung der Welt verkörpert, für
  2426. gut befunden auf der Grundlage von Parametern, die aus falschen Voraussetzungen
  2427. resultieren.
  2428. Heute sieht der Vorstandsvorsitzende eines transkontinentalen Bankenimperiums
  2429. dieselben Fernsehsendungen wie der Arbeiter, die Putzfrau, der Bauer oder der
  2430. Angestellte. Er hat die gleichen Wahrnehmungskategorien wie sie und ist dem Wirken
  2431. derselben medialen Vermittler unterworfen. Die Homogenisierung des kollektiven
  2432. Bewusstseins, die wir heute feststellen, ist das Ergebnis einer langen Geschichte.
  2433. Ein Beispiel: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen für die Französische Schweiz führte bei
  2434. Fernsehzuschauern (eine Stichprobe von tausend Personen aus allen
  2435. französischsprachigen Regionen des Landes, allen sozialen Schichten, Altersgruppen und
  2436. so weiter) eine Umfrage durch. Sie sollten folgende Frage beantworten: Sind die
  2437. politischen Sendungen, die politischen Informationen des französischsprachigen
  2438. Fernsehens eher links oder eher rechts ausgerichtet? Ergebnis: 12,3 Prozent sagten »eher
  2439. links«, 12,7 Prozent fanden sie »eher rechts«, 75 Prozent meinten »weder das eine noch
  2440. das andere«. Das bedeutet, dass drei Viertel der befragten Fernsehzuschauer glauben, ihr
  2441. öffentliches Fernsehen gebe Tag für Tag die Wahrheit über die Welt wieder, berichte die
  2442. objektive Realität der Dinge.
  2443. Das Ergebnis ist erstaunlich: Wie bei jeder Kommunikationseinrichtung bestehen und
  2444. herrschen auch im französischsprachigen schweizerischen Fernsehen bestimmte
  2445. ideologische Strategien. Aber in der französischsprachigen Schweiz hat die
  2446. Homogenisierung des Bewusstseins, die Verdinglichung, bereits ein solches Ausmaß
  2447. erreicht, dass 75 Prozent der Konsumenten der Information keinen kritischen eigenen
  2448. Gedanken mehr entgegensetzen.
  2449. Was wird aus einem Menschen, der unter der Herrschaft des homogenisierten
  2450. Bewusstseins lebt? Max Horkheimer hat diese Frage beantwortet: »Die Maschine hat den
  2451. Piloten abgeworfen, sie rast blind in den Raum. Im Augenblick ihrer Vollendung ist die
  2452. Vernunft irrational und dumm geworden. Das Thema dieser Zeit ist Selbsterhaltung,
  2453. während es gar kein Selbst zu erhalten gibt […] Wenn wir vom Individuum als einer
  2454. historischen Kategorie sprechen, meinen wir nicht nur die raum-zeitliche und sinnliche
  2455. Existenz eines besonderen Gliedes der menschlichen Gattung, sondern darüber hinaus,
  2456. daß es seiner eigenen Individualität als eines bewußten menschlichen Wesens inne wird,
  2457. wozu die Erkenntnis seiner Identität gehört.« Und weiter: »Individualität setzt das
  2458. freiwillige Opfer unmittelbarer Befriedigung voraus zugunsten von Sicherheit, materieller
  2459. und geistiger Erhaltung der eigenen Existenz. Sind die Wege zu einem solchen Leben
  2460. versperrt, so hat einer wenig Anreiz, sich momentane Freuden zu versagen […]
  2461. Gesellschaftliche Macht ist heute mehr denn je durch Macht über Dinge vermittelt. Je
  2462. intensiver das Interesse eines Individuums an der Macht über Dinge ist, desto mehr
  2463. werden die Dinge es beherrschen, desto mehr werden ihm wirklich individuelle Züge
  2464. fehlen, desto mehr wird sein Geist sich in einen Automaten der formalisierten Vernunft
  2465. verwandeln.«90
  2466. Noch einmal Horkheimer: »Wenn […] jeder Mann ein König sein kann, warum kann nicht
  2467. jedes Mädchen eine Filmkönigin sein, deren Einmaligkeit darin besteht, typisch zu sein?
  2468. Das Individuum hat keine persönliche Geschichte mehr […] ›Wir erschöpfen uns in ewigen
  2469. Kreisen/Stets umherirrend und immer hier!‹«91
  2470. Die Einkommensunterschiede zwischen den Klassen ändern daran nichts. Die Warenlogik
  2471. zerstört die alltägliche Lebensqualität der Beherrschten wie der Herrschenden. Die
  2472. Verschmutzung von Luft und Wasser betrifft alle und zerstört die Landschaften für alle.
  2473. Die extremen Gefahren der Energieproduktion durch Kernkraftwerke – deren technische
  2474. Probleme keineswegs vollständig gelöst sind – bedrohen konkret die Gesundheit aller
  2475. Bevölkerungsschichten. Dem täglichen, intensiven Lärm in den Städten sind Arbeitgeber
  2476. wie Arbeitnehmer ausgesetzt. Giftige Autoabgase und das generelle Fehlen einer Politik,
  2477. die konsequent umweltfreundliche, öffentliche Transportmittel fördert, macht den
  2478. Straßenverkehr nahezu unerträglich, und zwar für die Herrschenden genauso wie für die
  2479. Beherrschten. Die Gewalt der Warengesellschaft ist heute strukturell, die Ohnmacht
  2480. angesichts der Gewalt ist paradoxerweise in allen Klassen ähnlich.
  2481. Die Gewalt der Warengesellschaft – vor allem in der Werbung – praktiziert das, was
  2482. Herbert Marcuse als repressive Bedürfnisbefriedigung bezeichnet. Was ist damit gemeint?
  2483. Die Warenlogik erzeugt selbst die Bedürfnisse, die sie anschließend im Überfluss
  2484. befriedigt. Der Gebrauchswert verschwindet, der Mensch verliert noch die Erinnerung an
  2485. die Suche nach dem Sinn. Er wird eindimensional, uniform. Seine Identität liegt in seiner
  2486. Übereinstimmung mit der Funktionalität der Warengesellschaft. Marcuse sagt, die einzige
  2487. Zuflucht der menschlichen Würde sei heute das »unglückliche Bewusstsein« des
  2488. Menschen. Das »unglückliche Bewusstsein« weiß, dass das, was ist, falsch ist. Es kennt
  2489. die wahren materiellen, intellektuellen, emotionalen und existenziellen Bedürfnisse. Aber
  2490. es nimmt gleichzeitig auch die Ohnmacht wahr, es weiß genau, dass es seine eigenen
  2491. existenziellen Bedürfnisse dem – autonom gewordenen – System der Warenlogik nicht
  2492. aufzwingen kann. In den westlichen Gesellschaften existiert heute ein umfangreicher
  2493. institutioneller Apparat zum Schutz der Menschenrechte, der das Recht auf freie
  2494. Entfaltung eines jeden Menschen propagiert. Dazu hat Marcuse eine interessante
  2495. Bemerkung gemacht: Die Toleranz, die wir im Westen genießen, ist repressiv. Sie endet
  2496. an den Grenzen der Warengesellschaft. Wer immer etwas fordert oder tut, was das
  2497. Funktionieren dieses Systems infrage stellt oder beeinträchtigt, wird sofort aus der
  2498. Diskussion ausgeschlossen. Er wird denunziert, pathologisiert, marginalisiert. Oft erlebt er
  2499. soziale Repression (durch Einweisung in eine psychiatrische Klinik, durch Kriminalisierung
  2500. des Protests und so weiter), kurzum Isolation.
  2501. Die Menschenrechte, der relativ große Spielraum, den die repressive Toleranz den
  2502. Männern und Frauen im Westen einräumt, sind im Übrigen mit dem Blut und dem Leiden
  2503. von vielen Millionen anderer Menschen und Frauen erkauft. In zahlreichen Ländern der
  2504. südlichen Hemisphäre sind Hunderte Millionen von Massenarbeitslosigkeit, dauerndem
  2505. Hunger und Krankheiten gepeinigt. Weil das transnationale Kapital des Zentrums
  2506. (Europa, Nordamerika) eine beschleunigte Akkumulation der Profite aus der Arbeitskraft,
  2507. den Rohstoffen der Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas betreibt, kann es seinen
  2508. Subjekten im Zentrum einen relativ größeren Spielraum von »Freiheit« zugestehen. Die
  2509. Existenz freiheitlicher politischer Regimes im Zentrum wird durch die übermäßige
  2510. Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft in der Peripherie erst ermöglicht. Oder wie
  2511. Régis Debray es ausgedrückt hat: »Freie Menschen brauchen Sklaven.«
  2512. Heute ist die Arbeiterbewegung nicht mehr die wichtigste revolutionäre Kraft in der
  2513. Warengesellschaft. Warum? Max Horkheimer gibt folgende Antwort: Die Führer der
  2514. Gewerkschaften »kontrollieren wie die Direktoren der großen Gesellschaften die
  2515. Rohmaterialien, Maschinen oder anderen Produktionsfaktoren. Die Arbeiterführer sind die
  2516. Manager der Arbeiterschaft, manipulieren sie, machen für sie Reklame und versuchen,
  2517. ihren Preis so hoch wie möglich festzusetzen. Gleichzeitig hängen ihre eigene
  2518. gesellschaftliche und ökonomische Macht, ihre Positionen und Einkommen, die alle der
  2519. Macht, Position und dem Einkommen des einzelnen Arbeiters weit überlegen sind, vom
  2520. Industriesystem ab.«92
  2521. Und weiter sagt Horkheimer: »Die Arbeiter, zumindest jene, die nicht durch die Hölle
  2522. des Faschismus gegangen sind, werden sich jeder Verfolgung eines Kapitalisten oder
  2523. Politikers anschließen, der angeprangert wird, weil er die Spielregeln verletzt hat; aber
  2524. sie stellen die Regeln als solche nicht in Frage. Sie haben es gelernt, gesellschaftliche
  2525. Ungerechtigkeit – selbst Ungleichheit innerhalb ihrer eigenen Gruppe – als mächtige
  2526. Tatsache hinzunehmen und mächtige Tatsachen als das einzige anzusehen, was zu
  2527. respektieren ist. Ihr Bewußtsein ist Träumen von einer grundlegend anderen Welt ebenso
  2528. verschlossen wie Begriffen, die, anstatt eine bloße Klassifikation von Tatsachen zu sein,
  2529. an einer realen Erfüllung dieser Träume orientiert sind. Die modernen ökonomischen
  2530. Verhältnisse bewirken sowohl in den Mitgliedern als auch in den Führern der
  2531. Gewerkschaften eine positivistische Haltung, so daß sie einander immer mehr ähneln.«93
  2532. Dieser visionäre Text wurde 1944 in den Vereinigten Staaten geschrieben. Ihm lagen
  2533. Beobachtungen darüber zugrunde, wie die gigantischen bürokratischen Apparate der
  2534. amerikanischen Gewerkschaften funktionierten. Jean Duvignaud stellt in einem Aufsatz,
  2535. der ebenfalls von offenkundiger Aktualität ist, ähnliche Beobachtungen über die
  2536. Arbeiterbewegung in Europa an: »Wenn man die kargen und konfusen Ideen Revue
  2537. passieren lässt, die heute im Westen der Begriff Revolution weckt, muss man zugeben,
  2538. dass das Wort nichts mehr anderes bezeichnet als den Wunsch nach rationaler
  2539. Bewältigung des unvermeidlichen Wachstums. Das ist der Preis für fragile Sicherheit.«
  2540. Und weiter schreibt er: »Es ist möglich, dass sich die massive Frustration, die im letzten
  2541. Jahrhundert die Utopie am Leben erhielt, abgeschwächt hat. Niemand malt sich mehr die
  2542. Revolution aus, weil niemand mehr sich der Welt des Doppelspiels aus Achtung vor einer
  2543. Ordnung und konzertierter Opposition entziehen kann. Die politischen Gegner stellen die
  2544. Bewahrung der Gesellschaft und die Logik, die ihre jeweiligen Kontrahenten in eine
  2545. beruhigende Synthese hineinzieht, nicht infrage […] Die Idee der Revolution erschöpft
  2546. sich in den Auseinandersetzungen von Sekten. Sie resultierte aus der Feststellung eines
  2547. Subjekts, dass die Fülle des menschlichen Daseins in einer materiellen Weise einforderte,
  2548. die für die hierarchische Ordnung subversiv ist. Sie war nicht nur das konkrete Universum
  2549. der Philosophen, sondern das stets ungestillte Streben nach allem, was der Mensch von
  2550. der Welt und von anderen Menschen bekommen kann.«94
  2551. Etwas ist heute unübersehbar: Die sozialistischen Bewegungen des kapitalistischen
  2552. industriellen Zentrums – und die Intellektuellen, die sich in ihren Dienst stellen – haben
  2553. den ideologischen Krieg vorläufig verloren oder, wie Louis Althusser sagt, den
  2554. »theoretischen Klassenkampf«. In Europa liefern nicht mehr die sozialistischen
  2555. Bewegungen und ihre organischen Intellektuellen den arbeitenden Menschen die Bilder
  2556. und Symbole, die sie brauchen, um die Welt wahrzunehmen, zu analysieren, zu
  2557. verstehen, zu denken. Die Integration der europäischen Arbeiter in die Strategie und das
  2558. imperialistische Projekt war der Tod aller Theorie, aller praktischen Solidarität mit den
  2559. unterjochten Klassen der Dritten Welt. Der Schrecken von Hunger, Demütigung, Zerfall
  2560. der Familien und Folter, den die Menschen in zahlreichen Ländern der südlichen
  2561. Hemisphäre erleiden, wurde von der symbolischen Gewalt des Kapitals »naturalisiert«, zu
  2562. etwas »Normalem« und »Unvermeidlichem« deklariert. Erinnern wir uns: Die Urheber des
  2563. sogenannten »Kriegs gegen den Terrorismus«, allen voran der amerikanische Präsident
  2564. George W. Bush, haben die Folter, das letzte Mittel der Gewalt, zu etwas »Normalem«
  2565. gemacht.
  2566. Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre, an einen fernen Tag im September
  2567. 1973, als ich am Bahnhof Cornavin in Genf auf Roger Bastide wartete. Er kam aus Paris,
  2568. sein Zug hatte Verspätung. Ein Radio, das beim schweizerischen Zoll auf dem Rand des
  2569. Schalters stand, verkündete die ersten Nachrichten des Tages: »Staatsstreich in Chile.
  2570. Eine Militärjunta unter General Augusto Pinochet übernimmt die Macht von Präsident
  2571. Salvador Allende.« Zwei Zöllner hörten nachdenklich zu, und dann sagte der eine, den ich
  2572. aus der Gewerkschaft für öffentliche Dienste, der auch ich angehöre, kannte: »Das
  2573. musste ja so kommen! Wenn ein Volk nicht mehr arbeitet, passieren solche Sachen.«
  2574. Dieser Mann, sozialistischen Ideen zugeneigt, kultiviert und ehrlich bemüht, die
  2575. Menschen und seine Zeit zu verstehen, reproduzierte in dem Augenblick in gutem
  2576. Glauben die Sichtweise, die die Oligarchie – durch die Presse, das Radio, die Schule und
  2577. das Fernsehen – ihm aufgezwungen hatte und die er für das wahre Bild der Welt hielt:
  2578. Chile unter der Volksfrontregierung hatte wirtschaftliche Schwierigkeiten, die die Schweiz
  2579. nicht kannte. In der Schweiz arbeiten alle viel. Wenn Chile Schwierigkeiten hatte, dann
  2580. konnte es nur daran liegen, dass unter der linken Regierung des Bündnisses Unidad
  2581. popular die Arbeitsmoral zu wünschen übrig ließ; die Leute da unten machten
  2582. »Revolution«, anstatt zu arbeiten. In den Augen des Schweizer Zöllners war es deshalb
  2583. normal, dass diese Regierung stürzen musste.
  2584. Seit diesem Tag, dem so viele weitere Schrecken folgten, hat die Homogenisierung des
  2585. Bewusstseins noch zugenommen. Sie hat sich noch einmal verstärkt, seit die bipolare
  2586. Welt nicht mehr besteht, die »kommunistischen« Alternativen verschwunden sind und es
  2587. heute nicht mehr viele Intellektuelle und linke politische Aktivisten gibt, die wenigstens
  2588. mit einem Minimum an Klarsicht die Wege erkennen, die zu einem radikalen, kritischen
  2589. Bruch mit dem globalisierten Finanzkapital führen.
  2590. Von allen demokratischen Staaten verfügt nur die Schweiz über die verfassungsmäßigen
  2591. Instrumente des »Referendumsrechts« und des »Initiativrechts«. Dank des
  2592. Referendumsrechts können 50000 Bürgerinnen und Bürger verlangen, dass jedes
  2593. beliebige vom Parlament beschlossene Gesetz dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wird.
  2594. Das Initiativrecht macht es möglich, dass 100000 Bürgerinnen und Bürger einen
  2595. Volksentscheid über eine Verfassungsänderung erzwingen können, das heißt über die
  2596. Abschaffung oder Änderung eines Verfassungsartikels oder über die Einführung eines
  2597. neuen. Ein Blick auf die Volksabstimmungen der letzten Zeit – Referenden oder
  2598. Volksabstimmungen im Anschluss an eine Volksinitiative – bestätigt meine These von der
  2599. sehr weit fortgeschrittenen Homogenisierung des kollektiven Bewusstseins in der
  2600. Schweiz. So hat das Schweizer Volk in der jüngsten Vergangenheit aus freien Stücken –
  2601. und oft mit einer großen Mehrheit – gegen die Verlängerung des Urlaubsanspruchs für
  2602. Arbeitnehmer gestimmt, gegen die einheitliche Krankenversicherung (wodurch die
  2603. Versicherungsbeiträge für Familien stark gesunken wären), gegen die Erhöhung der
  2604. Mindestrente, gegen die Begrenzung der astronomischen Einkommen mancher Manager
  2605. (die sogenannte 1:12-Initiative forderte, Firmenchefs sollten in einem Monat maximal so
  2606. viel verdienen wie ein einfacher Mitarbeiter in einem Jahr) und gegen die Einführung
  2607. eines Mindestlohns (das wurde am 18. Mai 2014 mit 77 Prozent der Stimmen abgelehnt).
  2608. In einem Anfall von pathologischer Fremdenfeindlichkeit stimmte das Schweizer Volk am
  2609. 9. Februar 2014 für die Abschaffung der mit der EU ausgehandelten Personenfreizügigkeit;
  2610. der Entscheid wurde gefällt von einem Volk, das auf seinem kleinen Territorium (42000
  2611. Quadratkilometer) seit Jahrhunderten selbst vier lebendige Kulturen beherbergt.
  2612. Weil die Schweizer Opfer ihres homogenisierten Bewusstseins und einer weit
  2613. fortgeschrittenen Entfremdung sind, stimmen sie freiwillig – und regelmäßig – gegen ihre
  2614. eigenen Interessen.
  2615. Die transkontinentalen Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals haben die Welt nach
  2616. ihren Vorstellungen umgestaltet. Dem ganzen Planeten haben sie ihre ungeteilte
  2617. Herrschaft aufgezwungen. In den letzten zwanzig Jahren hat die Entfremdung der
  2618. abhängigen Klassen in den westlichen Warengesellschaften, aber auch in zahlreichen
  2619. Gesellschaften der südlichen Hemisphäre, gigantische Fortschritte gemacht. In vielen
  2620. Ländern, so auch in der Schweiz, ist sie beinahe vollendet.
  2621.  
  2622. SECHSTES KAPITEL
  2623. Der Staat
  2624. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.
  2625. – Aber wo geht sie hin?
  2626. Ja, wo geht sie wohl hin
  2627. Irgendwo geht sie doch hin!
  2628. Bertolt Brecht, Paragraph 195
  2629. I. Wie entsteht der Staat?
  2630. Die modernen westlichen Staaten entstanden in einem Prozess, der sich über viele
  2631. Jahrhunderte erstreckte. Die Dauer variierte von Region zu Region und von Volk zu Volk.
  2632. In Europa lagen um das 4. Jahrhundert herum die antiken Gesellschaften darnieder, vor
  2633. allem im Römischen Reich, das zugleich unter einer um sich greifenden inneren Krise und
  2634. unter Einfällen von nicht staatlich organisierten Völkern der Peripherie litt.
  2635. Die schrittweise Ausdehnung der Grenzen des Römischen Reichs, die Geburt und die
  2636. Entwicklung einer Verwaltung und einer bald schon wuchernden Bürokratie in den
  2637. Jahrhunderten zuvor, schließlich die Überfälle der »Barbaren«, hatten zu einer
  2638. katastrophalen Entvölkerung der ländlichen Gebiete geführt. Tausende Sklaven waren
  2639. von den Landgütern in die Städte geflohen, wo sie neuen Herren dienten. Befreite
  2640. Sklaven gelangten damals in wichtige gesellschaftliche Positionen, einige wurden sogar
  2641. Kaiser. In Rom entstand ein Subproletariat, eine riesige Masse von Arbeitslosen, die
  2642. Plebs, aus der die Politiker ihre Anhänger rekrutierten. Diese Manövriermasse
  2643. verelendeter Proletarier, korrumpierbar und wankelmütig, war jederzeit bereit, sich in alle
  2644. Arten von Abenteuern zu stürzen. Die verschiedenen Fraktionen des Senats, die diversen
  2645. Anwärter für die höchsten Ämter, die Konkurrenten im Wettlauf um die Macht – sie alle
  2646. bedienten sich der Plebs, um ihre Strategien zur Machtübernahme umzusetzen. Ende des
  2647. 3. Jahrhunderts versuchte Kaiser Diokletian, der selbst aus einer peripheren Provinz
  2648. stammte, aus Dalmatia, die Krise durch eine grundlegende Reform der wirtschaftlichen,
  2649. politischen und gesellschaftlichen Struktur des Reichs unter Kontrolle zu bringen. Er führte
  2650. eine allgemeine, sehr strenge Steuerpflicht ein. Die Bauern und Arbeiter wurden an ihre
  2651. Scholle und ihren Arbeitsplatz gebunden: Tausende Siedler erhielten damit Land als ihren
  2652. Besitz, aber sie durften es nicht mehr verlassen. Wenn sie das Land verkauften,
  2653. verkauften sie zugleich ihre Arbeitskraft, sich selbst und ihre Familie. Der Arbeiter in der
  2654. Ziegelei war künftig an seine Ziegelei gebunden, der Maurer an seinen Arbeitsplatz und
  2655. so weiter. Der Preis für die neue wirtschaftliche Effizienz und das relative Wohlergehen
  2656. der Produzenten bestand somit in einem dauerhaften Verlust von Freiheit. Der Status des
  2657. Siedlers unter Diokletian nimmt die Leibeigenschaft des Mittelalters vorweg.
  2658. Das Zeitalter der Invasionen, der großen Wanderungsbewegungen, erstreckte sich vom
  2659. 4. bis zum 10. Jahrhundert. Die Invasionen wurden von Eroberungen und Plünderungen
  2660. begleitet (Alarichs Einnahme von Rom 410), von der mehr oder weniger durch
  2661. Verhandlungen erreichten Errichtung von Königreichen auf dem Territorium des Reichs,
  2662. von einem anhaltenden Niedergang der Wirtschaft und führten schließlich zum Untergang
  2663. Roms (Sturz des letzten weströmischen Kaisers 476). Zwischen dem 4. und dem 6.
  2664. Jahrhundert überfluteten hauptsächlich die Hunnen, die Goten (Westgoten und
  2665. Ostgoten), die Vandalen, die Franken, die Burgunder, die Lombarden, die Angeln, die
  2666. Sachsen, die Jüten, die Bulgaren und die Slawen die verschiedenen Teile des Römischen
  2667. Reichs. Im 7. Jahrhundert kamen die Araber, im 9. und 10. Jahrhundert die Normannen
  2668. (Wikinger) und die Ungarn. Im 10. Jahrhundert hörten die großen Invasionen auf. Als sehr
  2669. viel später türkische Eroberer gegen Europa anrannten (Einnahme von Konstantinopel
  2670. und Sturz des Byzantinischen Reichs 1453, Belagerung von Wien 1529 und erneut 1683),
  2671. scheiterten sie an den Verteidigungslinien der Habsburgischen Monarchie und an den
  2672. Staaten, die die Ritterorden gebildet hatten, allen voran Malta.
  2673. Der allmähliche Zerfall der inneren Ordnung und der Gesellschaft des Römischen Reichs
  2674. – in Europa, im Nahen Osten und in Nordafrika – einerseits, die Invasionen von Völkern
  2675. mit Stammes- und Clanstrukturen andererseits verursachten in der politischen Landschaft
  2676. des 4. und 5. Jahrhunderts einen radikalen Bruch.
  2677. Eine komplett veränderte, komplizierte Situation entstand: Die neuen politischen
  2678. Gebilde, die aus den Invasionen und dem Zerfall des Römischen Reichs hervorgegangen
  2679. waren, ahmten die alten Machtstrukturen nach. Die letzten Träger römischer Legitimität –
  2680. die römischen Kaiser in Byzanz – erhielten das ganze 1. Jahrtausend hindurch ihre
  2681. symbolische Herrschaft über den größten Teil des ehemaligen Reichs aufrecht. Die
  2682. Merowingerkönige, die Heerführer der Franken waren und ausschließlich innerhalb der
  2683. Stammesstrukturen Macht besaßen, nahmen den römischen Konsultitel an – um sich
  2684. zusätzliche Legitimität gegenüber den Angehörigen ihres Stammes zu verschaffen ebenso
  2685. wie gegenüber den Konkurrenten anderer Stämme, die ebenfalls die Macht
  2686. beanspruchten – und betrachteten sich als Repräsentanten des römischen Kaisers von
  2687. Byzanz. Andere Eroberer taten es ihnen gleich, etwa die Anführer der Bulgaren,
  2688. Lombarden, Goten und Slawen: Sie internalisierten und imitierten die Machtsymbolik des
  2689. römischen Kaiserreichs. Aber die Symbole der alten Macht verloren nach und nach ihre
  2690. Kraft.
  2691. Hinter der Macht der Eroberer – hervorgegangen aus dem Rang im Stammesverband,
  2692. Frucht der im Krieg errungenen Siege, die sich aus Nachahmungsstreben und auch aus
  2693. strategischen Gründen mit den Attributen der kaiserlichen Symbolik schmückte – tauchte
  2694. eine neue Macht auf: die Macht, die sich auf das Eigentum an den Produktionsmitteln
  2695. stützte.
  2696. Das Feudalsystem etablierte sich durch drei unterschiedliche Mechanismen.
  2697. Erster Mechanismus: Beamte, die comites des Kaisers oder Königs, deren Hauptaufgabe
  2698. es war, die Steuern zu erheben, wandten sich in dem Maß ab, wie die kaiserliche
  2699. Symbolik, mit der die Herrscher ihre Legitimität demonstrierten, an Bedeutung und
  2700. legitimierender Kraft verlor. Die comites – aus comes wurde im Französischen comte96,
  2701. der Graf – begannen, dem Kaiser oder König die Stirn zu bieten und auf eigene Rechnung
  2702. Steuern zu erheben. Ein Beispiel: Hugo Capet war im 10. Jahrhundert comes des
  2703. Frankenkönigs für die fruchtbaren Gebiete der Île-de-France und der Stadt Paris. Seine
  2704. Familie emanzipierte sich nach und nach und errichtete eine quasi autonome Herrschaft
  2705. über die Regionen, die sie verwaltete. Die Geschichte der Capetinger wiederholte sich
  2706. praktisch überall im Westen. Ein Landbesitzer in Toulouse, der ausreichend Verwandte
  2707. und Verbündete mobilisieren konnte, um die Grenzen seiner Ländereien zu verteidigen
  2708. und den Soldaten und Steuereinnehmern des Königs – oder seines Vertreters – den
  2709. Zutritt zu verwehren, hatte de facto die autonome Gewalt über sein Land. Kurzum: Wem
  2710. es gelang, das Korn zu säen oder säen zu lassen, die Ernte zu schützen und zu verkaufen
  2711. und das Geld aus dem Verkauf einzustreichen, der hatte künftig die wahre Macht,
  2712. unabhängig von den Titeln, Symbolen und Zeichen der Legitimität, auf die sich seine
  2713. Gegner beriefen.
  2714. Der zweite Mechanismus, der das Aufkommen und die allgemeine Verbreitung des
  2715. Feudalsystems erklärt, ist das Ende der Invasionen im Lauf des 10. Jahrhunderts.
  2716. Der dritte Mechanismus wurde durch Klimaveränderungen in Europa im 10. Jahrhundert
  2717. in Gang gesetzt. Damals erlebte die Landwirtschaft infolge einer dauerhaften Erwärmung
  2718. einen großartigen Aufschwung. Aber die Sklavengesellschaft war mit dem Römischen
  2719. Reich untergegangen. Der Landbesitzer konnte die Produktivität nicht mehr dadurch
  2720. steigern, dass er zusätzliche Arbeitskräfte kaufte. Er musste seine Werkzeuge
  2721. weiterentwickeln und die Netze weiter spannen, über die er seine Produkte verkaufte,
  2722. musste seine Methoden für die Gewinnung von Rohstoffen verbessern. Neue
  2723. Energiequellen wurden genutzt: Windenergie (mit Windmühlen), Wasserenergie (mit
  2724. Wassermühlen), Holz, Kohle und so weiter. Der handwerkliche Umgang mit Rohstoffen
  2725. machte Fortschritte: Die Bearbeitung von Stoff, Leder, Holz und Metallen erlebte einen
  2726. bemerkenswerten Aufschwung. Um ihre Ländereien, Werkstätten, ihre
  2727. Vermarktungsstrukturen und ihre Arbeiter zu schützen, um ihren Einfluss auszudehnen
  2728. und damit ihre politische Macht zu vergrößern, schlossen die Feudalherren Bündnisse mit
  2729. anderen Herren (in Schlössern, Klöstern, Abteien, Städten und so weiter). Ein
  2730. hochkomplexes System von Rechten und Pflichten, das seinen Ursprung im Landbesitz
  2731. hatte, bildete sich heraus.
  2732. Aber im Verlauf des 12. und 13. Jahrhunderts erfolgte eine weitere gesellschaftliche,
  2733. symbolische, wirtschaftliche und politische Veränderung: Sie kündigte den Verfall der
  2734. Feudalmacht und die allmähliche Entstehung des modernen Staates an. Nach und nach
  2735. wurde der Besitz von Arbeitsgerät wichtiger als der Besitz von Land. Und durch den Besitz
  2736. von Arbeitsgerät entstand eine neue Klasse. Der Besitz verlieh der neuen Klasse, dem
  2737. jungen städtischen Bürgertum, eine neue Macht oder vielmehr eine Gegenmacht zur
  2738. Macht des Feudalherren. Diejenigen Feudalherren, die wie etwa die Capetinger in
  2739. Frankreich, die Plantagenets in England, die Ottonen in Deutschland, auf die feudalen
  2740. Werte und Hierarchien verzichteten und die sich in einer historischen Situation befanden,
  2741. die ihnen erlaubte, Bündnisse mit dem städtischen Bürgertum gegen die Feudalherrschaft
  2742. zu schließen, standen am Ursprung der ersten monarchischen Staaten im 12. Jahrhundert.
  2743. Für das Bündnis zwischen bestimmten Feudalherren und dem städtischen Bürgertum
  2744. gibt es zahlreiche und widersprüchliche Erklärungen: Manchmal suchte ein
  2745. vorausschauender Feudalherr die Nähe zu Vertretern des Bürgertums, weil er ihre
  2746. Fähigkeiten schätzte; manchmal wurde das Bündnis in der Hoffnung geschlossen, die
  2747. eigene Macht gegenüber anderen Feudalherren zu stärken; und manchmal wurde das
  2748. Bündnis durch die objektive geografische Situation diktiert, etwa wenn das Schloss des
  2749. Feudalherren in einer Stadt lag, wo sich der vorindustrielle Aufschwung vollzog, dessen
  2750. Haupttriebkraft das aufstrebende Bürgertum war. So stand beispielsweise das wichtigste
  2751. Schloss in Frankreich auf der Île de la Cité in Paris, im Herzen der vorindustriellen
  2752. bürgerlichen Gemeinschaft und in unmittelbarer Nähe zu den Mühlen an der Seine.
  2753. Diese Politik der Allianzen zwischen einzelnen Feudalherren und bürgerlichen
  2754. städtischen Händlern verbreitete sich ab dem 12. Jahrhundert in ganz Europa, jedoch mit
  2755. einigen wichtigen Ausnahmen. In Italien traf die Allianz zwischen den Feudalherren und
  2756. dem jungen Bürgertum auf mehrere Hindernisse: Die städtischen bürgerlichen
  2757. Gemeinschaften, die Städte, in denen sich eine bemerkenswerte Entwicklung der
  2758. frühindustriellen Werkzeuge vollzog, ausgedehnte Handelsnetze entstanden und eine
  2759. erste Akkumulation von Finanzkapital stattfand, koexistierten mit dem Kirchenstaat und
  2760. mit Feudalstaaten, die jede Allianz mit den neuen bürgerlichen Klassen ablehnten. Im
  2761. Übrigen lag Italien geografisch viel näher an Byzanz als an der Île-de-France, England und
  2762. den Gebieten entlang des Rheins. Die italienischen Feudalherren unterlagen darum länger
  2763. als jene in anderen Regionen Europas der symbolischen und materiellen Herrschaft von
  2764. Byzanz.
  2765. Der moderne Staat, dessen erste konstitutive Elemente sich am Ende des 12.
  2766. Jahrhunderts ausbildeten, erreichte seinen Höhepunkt im 18. und 19. Jahrhundert, als die
  2767. bürgerliche Macht endgültig über die Feudalmacht triumphierte und die Nation sich
  2768. durchsetzte.
  2769. Als Produkt eines historischen Prozesses, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte,
  2770. hat der moderne Staat im zeitgenössischen Nationalstaat seine Vollendung gefunden.
  2771. Dieser Staat ist eine Zwangsanstalt im Dienst der Interessen der neuen herrschenden
  2772. Klassen, allen voran des Handel treibenden Bürgertums. Ausgestattet mit einer
  2773. universalistischen Ideologie, dient er vor allem dazu, die Macht des Bürgertums zu
  2774. legitimieren, zu perpetuieren und zu mehren. Er vereinigt außerdem in einem
  2775. gemeinsamen – zugleich realen und fiktiven – Bewusstsein die widersprüchlichen
  2776. Wünsche aller Klassen, die dazu beigetragen haben, seine Legitimität zu begründen. Der
  2777. moderne Nationalstaat, der im Namen der Interessen einer herrschenden Klasse etabliert
  2778. wurde, ist damit zugleich ein klassenübergreifendes gesellschaftliches Gebilde und in der
  2779. Lage, antagonistische Interessen im Namen der Verteidigung bestimmter »gemeinsamer«
  2780. Werte, eines Staatsgebiets oder eines gemeinsamen historischen Projekts zu
  2781. mobilisieren.
  2782. Der bürgerliche Nationalstaat, der aus einer bestimmten Produktionsweise
  2783. hervorgegangen ist, hat sich trotz der nachfolgenden Veränderungen der
  2784. Produktionsweisen behauptet und nach und nach gewissermaßen eine autonome Existenz
  2785. erlangt. Heute ist in den meisten europäischen Nationen das kapitalistischen Handel
  2786. treibende Bürgertum im Verschwinden begriffen. Die transkontinentalen
  2787. Finanzoligarchien, die ihre Stärke aus der Überausbeutung der Arbeitnehmer, der
  2788. Rohstoffe und der Märkte in den Ländern der südlichen Hemisphäre ziehen und immer
  2789. mehr Produktionseinrichtungen außerhalb der nationalen Grenzen verlagern, usurpieren
  2790. die wirtschaftliche, politische und ideologische Macht. In Europa haben die Oligarchien
  2791. des globalisierten Finanzkapitals schrittweise die Errichtung eines supranationalen
  2792. Zwangs- und Regelungsapparats durchgesetzt, der ihren Interessen dient. Die
  2793. Europäische Union ist das Musterbeispiel. Trotz dieser grundlegenden gesellschaftlichen
  2794. Veränderung, die den Nationalstaat radikal schwächt, funktionieren seine Institutionen,
  2795. sein Zwangsapparat und sein ideologischer Apparat weiterhin.
  2796. II. Der Staat, eine Waffe der Mächtigen
  2797. Kardinal Bellarmin: Bedenken Sie einen Augenblick, was es die Kirchenväter und so viele nach ihnen für Mühe und
  2798. Nachdenken gekostet hat, in eine solche Welt (ist sie etwa nicht abscheulich?) etwas Sinn zu bringen. Bedenken Sie die
  2799. Roheit derer, die ihre Bauern in der Campagna halbnackt über ihre Güter peitschen lassen, und die Dummheit dieser
  2800. Armen, die ihnen dafür die Füße küssen.
  2801. Galilei: Schandbar! Auf meiner Fahrt hierher sah ich …
  2802. Kardinal Bellarmin: Wir haben die Verantwortung für den Sinn solcher Vorgänge (das Leben besteht daraus), die wir nicht
  2803. begreifen können, einem höheren Wesen zugeschoben, davon gesprochen, daß mit derlei gewisse Absichten verfolgt
  2804. werden, daß dies alles einem großen Plan zufolge geschieht […]
  2805. Bertolt Brecht, Leben des Galilei97
  2806. Oliver Cromwell war im 17. Jahrhundert einer der wichtigsten Anführer des
  2807. frühkapitalistischen städtischen Bürgertums in England. Er verkörperte die Interessen des
  2808. aufstrebenden städtischen Bürgertums, der Reeder, der Handwerker, der Geldwechsler,
  2809. der Händler. Deren Interessen standen denen des müßiggängerischen und korrupten
  2810. Adels diametral entgegen, der dem Bürgertum vielfältige Steuern und hohe Abgaben
  2811. aufzwang und die meisten Pfründen für sich behielt. Außerordentlich entschlossen,
  2812. willensstark und brutal lieferte Cromwell dem Adel und dem König einen gnadenlosen
  2813. Kampf. Er war mittelgroß, aber von massiger Statur, hatte kohlschwarze Augen, lebhafte,
  2814. ungeduldige Gesten, war Puritaner durch und durch und von einer erschreckenden
  2815. Grausamkeit. Dank seiner Talente als Redner, Organisator und Soldat gelang es ihm, den
  2816. Großteil der heimlichen und offenen Opposition gegen die pflichtvergessene Monarchie zu
  2817. einen. Er führte die republikanische Armee an, die 1645 die Streitkräfte von Karl I.
  2818. vernichtete, und setzte das Gericht ein, das den König 1649 enthaupten ließ. Daraufhin
  2819. wurde die Republik ausgerufen. Als Nächstes zwang Cromwell Holland die
  2820. »Navigationsakte« auf, die englischen Reedern die Vormacht in der weltweiten Seefahrt
  2821. sicherten. Er eroberte Irland und dann Schottland. In Irland organisierte er Massaker an
  2822. Tausenden katholischen Männern, Frauen und Kindern, weshalb er noch heute in
  2823. britischen Schulbüchern den Beinamen »Iren-Schlächter« trägt.
  2824. Nach und nach überwältigte ihn die Hybris der Macht. In seinen Anfängen war er
  2825. Republikaner und Demokrat, aber er entfernte sich immer mehr von seinen
  2826. Gesinnungsgenossen. 1653 löste er das Parlament auf und errichtete als »Lordprotektor«
  2827. seine persönliche Diktatur. Einem ehemaligen Gefährten, den die Entwicklung – und die
  2828. politischen Gefahren, die sie in sich barg – beunruhigte, antwortete er: »Was interessiert
  2829. es mich, dass mich neun von zehn Bürgern hassen … wenn der zehnte mich liebt und eine
  2830. Waffe trägt.«98
  2831. Karl Marx hat eine kohärente Theorie des Staates ausgearbeitet, in deren Mittelpunkt vier
  2832. Hauptthesen stehen.
  2833. Erste These: In jeder Gesellschaft herrscht ursprünglich objektiver Mangel. Die
  2834. Mangelgesellschaft gibt den Anstoß zur Arbeitsteilung.
  2835. Zweite These: Durch die Arbeitsteilung entstehen die verschiedenen gesellschaftlichen
  2836. Klassen, die gegeneinander zu kämpfen beginnen.
  2837. Dritte These: Der Staat ist eine Zwangsanstalt, die institutionalisierte Gewalt, die Waffe,
  2838. die die siegreichen Klassen einsetzen, um ihre Herrschaft über die abhängigen Klassen
  2839. (im eigenen Land oder in fremden Ländern) zu errichten. Im Manifest der
  2840. Kommunistischen Partei (1848) schreibt Marx: »Die politische Gewalt im eigentlichen Sinn
  2841. ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen.«
  2842. Vierte These: Jeder Staat, egal, welche Klasse dominiert, ist dazu bestimmt, besiegt,
  2843. überwunden und abgeschafft zu werden. In Die deutsche Ideologie (entstanden 1845–
  2844. 1847) schreiben Marx und Engels, dass Staat und Sklaverei untrennbar verbunden sind.
  2845. Der Staat, seine Macht, sein Absterben und seine Überwindung stehen im Zentrum des
  2846. marxistischen Denkens. Aber paradoxerweise hat Marx selbst nie eine Abhandlung über
  2847. den Staat geschrieben. Seine Theorie des Staates ist auf eine Vielzahl von Werken aus
  2848. verschiedenen Phasen seines Lebens verteilt.
  2849. Hier die einzelnen Stadien der Ausarbeitung der marxistischen Thesen über den Staat.
  2850. Trotz der großartigen wissenschaftlichen und technischen Revolution herrschte in
  2851. Westeuropa im 19. Jahrhundert Mangel. Marx blieb als armer politischer Flüchtling selbst
  2852. nicht davon verschont. Die meiste Zeit seines Lebens hatte er keine ausreichenden
  2853. regelmäßigen Einnahmen, es war ein beständiges Problem, den Lebensunterhalt der
  2854. Familie zu sichern. Insofern litt er an der Mangelgesellschaft. Von Einsamkeit und
  2855. Demütigung abgesehen, teilte er damit den Großteil seines Erwachsenenlebens die
  2856. qualvollen Lebensumstände des Proletariats im 19. Jahrhundert.
  2857. Das Jahrhundert der industriellen Revolution wurde von außerordentlichen
  2858. gesellschaftlichen Erschütterungen begleitet. Zwischen 1882 und 1895 wuchs die
  2859. deutsche Arbeiterklasse von 7 Millionen auf 10 Millionen Menschen, eine Steigerung um
  2860. fast 40 Prozent.99 Von 1850 bis 1900 wuchs die französische Arbeiterklasse von 1,3
  2861. Millionen auf 5 Millionen. Diese aufsteigende Klasse fand bald ein mächtiges politisches
  2862. Sprachrohr: Die deutsche sozialdemokratische Partei wurde 1869 gegründet, die
  2863. schweizerische Partei 1882, die belgische Partei 1885, die schwedische 1895, die
  2864. französische 1905. 1864 gründeten sozialistische Organisationen (Arbeitervereine,
  2865. Parteien, Studienkreise und so weiter) die Erste Internationale Arbeiterassoziation, 1889
  2866. folgte die Zweite Internationale. Wie Karl Marx sagte: Das Kapital kommt »aus allen
  2867. Poren blut- und schmutztriefend« zur Welt. Und er illustriert diesen Satz mit einem Zitat
  2868. aus dem Quarterly Reviewer: »Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit
  2869. oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird
  2870. Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es
  2871. wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig: für 100 Prozent stampft es alle menschlichen
  2872. Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht
  2873. riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.«100
  2874. 1841 wurde Marx mit einer Arbeit über die Philosophie der griechischen Materialisten
  2875. Demokrit und Epikur an der Universität Jena promoviert. Die ersten Schriften, die danach
  2876. folgten, sind bereits zu einem großen Teil der Analyse des Staates gewidmet: die Kritik
  2877. des Hegelschen Staatsrechts und eine Einleitung dazu, zusammen veröffentlicht unter
  2878. dem Titel Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1843). Darin verwendet er die
  2879. Begriffe Arbeiterklasse und Proletariat synonym. 1850 schrieb Marx Die Klassenkämpfe in
  2880. Frankreich. Dort sprach er zum ersten Mal von der »proletarischen Klasse«. Zwischen
  2881. 1850 und 1853 lieferte er nacheinander sechs Definitionen dieses Begriffs, die sich
  2882. ergänzen. Die Begriffe antagonistische Klassen und Klassenkampf stammen nicht von
  2883. ihm, sondern von den Enzyklopädisten, speziell Diderot und dann von Saint-Simon und
  2884. seinen Schülern, die als Erste im Klassenkampf eine der wichtigsten Triebkräfte der
  2885. gesellschaftlichen Entwicklung erkannten. Die Originalität, die radikale Neuheit der
  2886. marxistischen Staatstheorie besteht darin, dass gesellschaftliche Mechanismen ans Licht
  2887. gehoben werden, die, wenn revolutionäre Bewegungen sie richtig anwenden, zum
  2888. Absterben des Staates führen müssen und zu seiner Ablösung durch eine freie Assoziation
  2889. von Produzenten.
  2890. 1852 veröffentlichte Marx Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In diesem Buch
  2891. wie auch in einem Brief an Joseph Weydemeyer101 schildert Marx sehr präzise den
  2892. Übergang der politischen Macht von einer Klasse zu einer anderen. Er zerschmettert die
  2893. Behauptung Louis Bonapartes, Napoleons III., sein Staatsstreich sei die Übertragung der
  2894. politischen Macht aus den Händen einer einzelnen Klasse, der Aristokratie, auf die
  2895. gesamte Nation. Die bisher im Namen und im Dienst einer Klasse ausgeübte Macht stehe,
  2896. so Bonaparte, künftig im Dienst des allgemeinen Interesses, das heißt der gemeinsamen,
  2897. auf wundersame Weise versöhnten Interessen aller antagonistischen Klassen der
  2898. Gesellschaft.
  2899. Marx kämpfte vehement gegen die bonapartistische Staatstheorie. In seinen Augen
  2900. reduzierte sie den Staat fast vollständig auf seine repressive Funktion. Marx schildert
  2901. zuerst ausführlich und mit zahlreichen Details die Armee, die Polizei, die religiösen
  2902. Apparate, die künstliche Ordnung der Gesetze, die von den »Prokuristen der Macht«, wie
  2903. man sie nennen könnte (Abgeordneten, Ministern, Trägern der Regierungsgewalt,
  2904. Richtern und so weiter) der herrschenden Klasse ausgearbeitet, verkündet und
  2905. angewendet werden. Der Staatsapparat, so zeigt er, ist eine Waffe im Klassenkampf. Die
  2906. herrschende Klasse setzt ihn ausschließlich im Dienst ihrer Klasseninteressen ein. Der
  2907. bürgerliche Staat ist in all seinen historischen Erscheinungsformen (als liberale
  2908. parlamentarische Demokratie, als faschistische Militärdiktatur, als Ständeregime und so
  2909. weiter) immer nur der Staat der herrschenden Klasse, das heißt das Instrument für die
  2910. Repression, die eine sehr kleine Schicht der Bevölkerung über die gewaltige Mehrheit der
  2911. Arbeiter, der Ausgebeuteten, der Getäuschten und Gedemütigten ausübt.
  2912. Extremster Ausdruck staatlicher Zwangsgewalt ist die Anwendung der Todesstrafe.
  2913. Zahlreiche Länder – darunter die beiden mächtigsten, die Vereinigten Staaten und China
  2914. – maßen sich bis heute an, über Leben und Tod ihrer Bürger zu entscheiden. 2013 ließ
  2915. China mehr als 2000 Männer, Frauen und Jugendliche hinrichten.
  2916. Samstag, 31. Mai 2014, Mitternacht: In meinem Schlafzimmer in Russin klingelt das
  2917. Telefon. Am anderen Ende meldet sich Behzad Naziri aus Paris. Er ist Delegierter des
  2918. Nationalen Widerstandsrats Irans (NWRI) beim Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen.
  2919. Behzad sagt: »Es soll morgen früh passieren. Er wurde von Abteilung 350 des
  2920. Gefängnisses in Evin, wo er seit 2007 einsitzt, ins Gefängnis von Karadsch gebracht, in die
  2921. Abteilung für Todeskandidaten. Gholam-Reza Khosravi soll durch Erhängen hingerichtet
  2922. werden. Er ist Schweißer, 47 Jahre alt, stammt aus Abadan, hat ein Kind. Er wurde als
  2923. ›Feind Gottes‹ zum Tode verurteilt, tatsächlich ist er ein politischer Gefangener, um den
  2924. sich Amnesty International kümmert. Tun Sie, was Sie können.«
  2925. Zehn Minuten später trifft eine E-Mail ein: »Guten Abend, morgen früh werden sie den
  2926. Gefangenen Gholam-Reza Khosravi Savadschani hinrichten. Schreiben Sie an humanitäre
  2927. Organisationen, an Ban Ki-moon, an Catherine Ashton. Rufen Sie das schweizerische
  2928. Außenministerium an – das amerikanische, französische, kanadische –, und bitten Sie sie,
  2929. zu intervenieren. Im Anhang Dokument von Amnesty, E-Mail-Verteiler. Danke. Behzad.«
  2930. Weder die UNO noch das schweizerische Außenministerium intervenierten. Am Sonntag,
  2931. dem 1. Juni, um sechs Uhr morgens, wurde Gholam-Reza Khosravi Savadschani im Hof
  2932. des Gefängnisses Karadsch gehenkt.
  2933. Nach Angaben des Sonderberichterstatters des UN-Menschenrechtsrats für den Iran, des
  2934. früheren Außenministers der Republik Malediven, Ahmed Shaheed, wurden 2013 im Iran
  2935. 687 politische Häftlinge hingerichtet. In den ersten vier Monaten des Jahres 2014 belief
  2936. sich die Zahl der Exekutionen bereits auf 289. Keiner dieser Männer, keine dieser Frauen
  2937. hatte eine Gewalttat begangen. Alle wurden zum Tod verurteilt, weil sie friedlich
  2938. mündlich oder schriftlich gegen die eine oder andere Entscheidung der Regierung
  2939. protestiert hatten. Alle Hinrichtungen erfolgten nach Verurteilungen wegen moharebeh
  2940. (»Feindschaft zu Gott, Krieg gegen Gott«). Alle politischen Gefangenen wurden und
  2941. werden wegen moharebeh zum Tod verurteilt.
  2942. III. Die Bürokraten
  2943. Marx enthüllte schon sehr früh ein Phänomen, das heute unübersehbar ist: die
  2944. Bürokratisierung der Macht, die Schwemme an Staatsdienern, den Parasitismus der
  2945. Beamtenschaft. So schrieb er über »Frankreich […], wo die Exekutivgewalt über ein
  2946. Beamtenheer von mehr als einer halben Million von Individuen verfügt, also eine
  2947. ungeheure Masse von Interessen und Existenzen beständig in der unbedingtesten
  2948. Abhängigkeit hält, wo der Staat die bürgerliche Gesellschaft […] kontrolliert, maßregelt,
  2949. überwacht und bevormundet, wo dieser Parasitenkörper durch die außerordentlichste
  2950. Zentralisation eine Allgegenwart […] gewinnt«.102
  2951. In den modernen Industriestaaten beansprucht eine krakenhafte, manchmal parasitäre,
  2952. praktisch immer unkontrollierbare Bürokratie den größten Teil der Ressourcen der
  2953. Gemeinschaft. Sie funktioniert, reproduziert sich und wächst unablässig nach ihren
  2954. eigenen Gesetzen. Sie macht den Bürger zum geplagten Untertanen. Die kleine Republik,
  2955. in der ich lebe – die Republik und der Kanton Genf –, hat heute 470512 Einwohner,
  2956. verteilt auf ein Territorium von 282 Quadratkilometern. Im Jahr 2014 belief sich der
  2957. Haushalt dieses Staats auf astronomische 7,9 Milliarden Schweizer Franken (umgerechnet
  2958. etwa 6,47 Milliarden Euro). Denn dieser kleine Staat beschäftigt in der eigenen
  2959. Verwaltung und den öffentlichen Betrieben (Verkehrsbetriebe, Flughafen, Krankenhäuser,
  2960. Wasserversorgung, Energieversorgung und so weiter) mehr als 36000 Beamte, für die
  2961. mehr als die Hälfte aller Einnahmen ausgegeben wird.103 In manchen Bereichen ist das
  2962. Wirken dieser weitgehend parasitären Beamtenschaft trotz offenen Widerstands der
  2963. Bevölkerung überwiegend schädlich: Zum Beispiel zerstört sie systematisch das Aussehen
  2964. der Straßen und Gassen des Kantons, verwandelt die großen historischen Plätze in
  2965. Betonwüsten, verbreitert die Straßen in den Dörfern zu autobahnähnlichen Boulevards
  2966. und verunstaltet die Landstraßen mit Betonwänden.
  2967. Max Horkheimer bezeichnete die »Überverwaltung« als die schlimmste Geißel der
  2968. modernen demokratischen Staaten. Die Republik Genf ist ein eindrückliches Beispiel
  2969. dafür.
  2970. IV. Die Staatsräson
  2971. Am 2. Mai 1808 drangen französische Revolutionstruppen nach Madrid vor. Die spanische
  2972. Armee und der Hof flohen Hals über Kopf, aber das Volk leistete Widerstand und erhob
  2973. sich. Vom Balkon seines Hauses an der Puerta del Sol beobachtete der damals 62-jährige
  2974. Francisco Goya, wie die Arbeiter und Handwerker Madrids gegen Murats Mamelukken
  2975. kämpften. Die Erhebung wurde niedergeschlagen, die Überlebenden wurden
  2976. festgenommen. In der Nacht vom 3. auf den 4. Mai führte man die Gefangenen ans Ufer
  2977. des Manzanares, wo sie gruppenweise erschossen wurden. Goya schaute bei den
  2978. Exekutionen zu, begleitet von seinem Diener, der die Lampe trug.
  2979. Wie Tausende seiner Landsleute hatte Goya die französischen Soldaten als Befreier
  2980. erwartet. Doch er erlebte die unerbittliche Logik der Macht. Wer sich der Macht in den
  2981. Weg stellt, wird beseitigt, ganz egal, mit welchem Anspruch und welcher legitimierenden
  2982. Theorie die Macht ursprünglich angetreten ist. In dem Gemälde Die Erschießung der
  2983. Aufständischen hat Goya die französischen Soldaten ohne Gesichter dargestellt. Sie
  2984. tragen graue Uniformen und braune Tschakos. Gesichtslose Männer stehen den Opfern
  2985. gegenüber, auf die das volle Licht fällt und die perfekt erkennbar sind.
  2986. Die Staatsräson wendet Gewalt an, um sich durchzusetzen. Ihre Glaubwürdigkeit
  2987. gründet auf Zwang und Repression.
  2988. Montaigne schreibt über die Staatsräson: »Das öffentliche Wohl verlangt, daß man zum
  2989. Verräter werde, daß man lüge und morde? […] Das eigentliche, natürliche und
  2990. allgemeingültige Recht hat andere, erhabnere Normen als die auf die gesellschaftlichen
  2991. Erfordernisse des jeweiligen Landes zugeschnittenen Gesetze.«104
  2992. Die Staatsräson ist keine historische Konstante, sondern eine schwankende, kontingente
  2993. Logik, die in den gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen entsteht.
  2994. Das wichtigste Element der Staatsräson ist die Sicherheit. Der Staat erhebt den
  2995. Anspruch, die Sicherheit aller Bürger zu garantieren. Eine absurde Behauptung, wenn
  2996. man die Militärpolitik der meisten Staaten heute bedenkt, ihre übermäßige Rüstung, die
  2997. Demagogie, die sie auf diesem Feld betreiben. Ganz im Gegenteil: Die Staaten schaffen
  2998. mit ihrer Staatsräson die Unsicherheit und stellen die Völker unter eine tödliche
  2999. Bedrohung. Aber die symbolische Kraft der Staatsräson, die Macht der Bilder, die sie uns
  3000. aufzwingt, ist derart, dass die Menschen an die schützende, Sicherheit gewährende
  3001. Mission des Staates glauben wie an ein Naturgesetz.
  3002. Die Effektivität der Staatsräson bemisst sich an zwei unterschiedlichen Parametern:
  3003. einerseits der Intensität und Solidität des Konsenses, den sie erzeugt, andererseits daran,
  3004. wie erfolgreich sie ihr wahres Handeln verschleiert.
  3005. Die Staatsräson organisiert ihre eigene Undurchschaubarkeit, sorgt dafür, dass ihr
  3006. Geheimnis gewahrt bleibt. Je besser es der Staatsräson gelingt, ihr wahres Wirken zu
  3007. verbergen, desto mächtiger, homogener, kohärenter und funktioneller ist sie. Die
  3008. Undurchschaubarkeit gehört ganz wesentlich zu ihr. Sie wirkt überzeugend in dem Maß,
  3009. wie sie die Realität auf Distanz hält, den Widerspruch der Fakten vermeidet, weil sie ganz
  3010. genau weiß, dass jeder Widerspruch sie diskreditiert, sie tötet.
  3011. Der französische Philosoph Henri Lefebvre analysiert diese Strategie folgendermaßen:
  3012. »Der Staat organisiert seine eigene Undurchschaubarkeit, vor allem indem er das
  3013. gesellschaftliche Wissen monopolisiert, indem er dessen Produktion und Distribution
  3014. kontrolliert. In der Folge haben die Menschen nur Zugang zu einem fragmentierten,
  3015. atomisierten Wissen. Die Vervielfachung der staatlichen Institutionen in jeder
  3016. Gesellschaft wird hingestellt und wahrgenommen als Verteilung der Macht über die ganze
  3017. Gesellschaft, ein bisschen so, als könnte die Ausdehnung der staatlichen Funktionen als
  3018. eine echte Sozialisierung verstanden werden. Es wird alles getan, damit die Realität der
  3019. Macht und ihr wahres Gewicht in den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht erkannt
  3020. werden. Die Staatsmacht ist in ihrer fließenden, nicht fassbaren Allgegenwart ein ebenso
  3021. geheimnisvolles wie bedrohliches Wesen. Die Staatsräson verschleiert den Staat und die
  3022. Modalitäten seines Funktionierens ebenso wie die Prozesse, die ihn durchziehen und
  3023. strukturieren.«
  3024. Und an anderer Stelle: »So kann man von der Negation des unterdrückerischen
  3025. Charakters der staatlichen Institutionen (und der Affirmation ihrer funktionellen Natur) zu
  3026. einem Gefühl der tiefen Unterlegenheit angesichts ihrer vermuteten Allmacht gelangen.
  3027. Die Macht erscheint als ewig, weil sie naturalisiert, fetischisiert und mit der abstrakten
  3028. Notwendigkeit der Organisation gleichgesetzt wird, unabhängig von jeder ernsthaften
  3029. Prüfung ihrer widersprüchlichen Beziehungen zu den gesellschaftlichen Klassen. Deshalb
  3030. kann die mittelmäßige darstellerische Qualität der staatlichen Darbietungen, die Pseudo-
  3031. Erhabenheit der personalisierten Mächte sich inmitten des verängstigten oder devoten
  3032. Schweigens und unterwürfigen oder komplizenhaften Beifalls entfalten. Der Staat hat die
  3033. Eigenheit, sich immer als das auszugeben, was er nicht ist.«105
  3034. Arthur E. Schlesinger, ein kluger Analytiker der nordamerikanischen Staatsräson, hat den
  3035. gleichen Inhalt wie Lefebvre prosaischer ausgedrückt. Der ehemalige Geschichtsprofessor
  3036. der New York University war von 1961 bis 1963 einer der wichtigsten politischen Berater
  3037. von Präsident John F. Kennedy. Er sagte: »Je besser es dem Staat gelingt, sich hinter
  3038. dem Geheimnis zu verstecken, desto eher kann er sich das Recht zu lügen anmaßen.«106
  3039. Es gibt eine Lust an der Machtausübung und am Zelebrieren der Staatsräson.
  3040. Der Staat entfaltet zahlreiche, mächtige symbolische Instrumente. Seine stereotypen
  3041. Formeln, sein Apparat, seine Rituale und Fahnen, sein Pomp und sein Flitter beeindrucken
  3042. das kollektive Vorstellungsvermögen. Die Scheingefechte seiner Politiker monopolisieren
  3043. die Diskussionen in der Gesellschaft. Klassen und Kasten lösen sich an der Macht ab: Ihre
  3044. Lebensweisen, die Paläste, in denen sie wohnen, die Bankette, die sie organisieren, die
  3045. Reisen, die sie inszenieren, ihre Fernsehauftritte – all das unterscheidet sich kaum.
  3046. Obschon vom Volk gewählt, gerieren sich die Männer und die wenigen Frauen an den
  3047. Schaltstellen der Macht meist wie Fürsten, denen der Staat, seine Institutionen und die
  3048. gewaltigen symbolischen und materiellen Profite, die sie erbringen, als Eigentum
  3049. gehören. Victor Goldschmidt hat dazu gesagt: »Die aktuelle politische Klasse in
  3050. Frankreich funktioniert wie eine Wahlaristokratie.«107
  3051. Ein Beispiel: Man kann sagen, dass mit Valéry Giscard d’Estaing 1974 die neue moderne
  3052. Mittelschicht aus der Privatwirtschaft an die Macht gelangte. Einige Jahre später, 1981,
  3053. war im Gefolge von François Mitterrand die »unproduktive« Mittelschicht – die Lehrer,
  3054. Pensionäre, Beamten und so weiter – an der Reihe.108 Aber das förmliche Auftreten
  3055. Mitterrands – sein Verhältnis zu Untergebenen, zu den Institutionen, seine Art zu reisen,
  3056. die Funktionsweise seines Hofs – unterschied sich nicht grundsätzlich von der seines
  3057. Vorgängers, im Übrigen auch nicht von der Art seiner Nachfolger, ob Jacques Chirac,
  3058. Nicolas Sarkozy oder François Hollande.
  3059. Die Autonomie der Macht, ihre Nacktheit, ihre Arroganz … Ich gebe ein Beispiel:
  3060. Griechenland zur Zeit der Obristenherrschaft. Im Frühsommer 1974 war die Diktatur in
  3061. höchster Bedrängnis. Dimítrios Ioannídis, der ehemalige Chef der Militärpolizei der Junta,
  3062. hatte Regierungschef Georgios Papadópoulos gestürzt. In Zypern löste der faschistische
  3063. Staatsstreich von Níkos Sampsón, der von Ioannídis ferngesteuert wurde mit dem Ziel,
  3064. Zypern an Griechenland anzuschließen, eine Invasion der türkischen Armee aus, die bis
  3065. heute 40 Prozent der Insel besetzt hält. Tausende griechische Zyprioten kamen ums
  3066. Leben, verschwanden oder flohen. Der Versuch, Präsident Makarios (Erzbischof Makarios
  3067. III.) umzubringen, der ebenfalls von den griechischen Obristen gesteuert wurde, schlug
  3068. fehl. In der Ägäis drohte die Türkei, die Inseln Lesbos, Samos und Chios zu besetzen. In
  3069. Griechenland selbst war die Lage katastrophal. Die Inflation lag bei über 20 Prozent, Not
  3070. und Elend breiteten sich aus. Die Landbevölkerung war der treueste Verbündete, die
  3071. traditionelle gesellschaftliche Basis der Diktatur. Doch in Hunderten von Dörfern wuchs
  3072. die Unzufriedenheit mit jedem Tag. Ioannídis beschloss, die Bauern zu umwerben.
  3073. Allerdings fehlten ihm die Argumente. Da hatte sein Polizeichef einen genialen Einfall: An
  3074. den Eingängen der Dörfer sollte die Polizei in aller Eile Triumphbögen errichten, im
  3075. Allgemeinen aus Eisen, die eine Inschrift in Großbuchstaben zieren solle: »Zito to kratos«
  3076. (Es lebe die Macht). »Zito to kratos« ist die Quintessenz der Staatsräson. Die Politik, die
  3077. der Staat im Namen der Staatsräson führt, heißt »Realpolitik«.
  3078. V. Der gescheiterte Traum des Karl Marx
  3079. Karl Marx schreibt im achtzehnten Brumaire: »Alle Umwälzungen vervollkommneten die
  3080. Maschine, statt sie zu brechen.«
  3081. Marx’ Vision der Gesellschaft ist durch und durch antiautoritär und antistaatlich
  3082. ausgerichtet. Die Revolution, die sie heraufbeschwört, soll nicht nur die
  3083. Staatsmaschinerie zerschlagen, sondern jede Form von Macht, die ein Mensch über einen
  3084. anderen Menschen ausübt. In seinem Brief an Joseph Weydemeyer vom 5. März 1852
  3085. heißt es: »Was ich neu tat, war […] nachzuweisen, daß der Klassenkampf notwendig zur
  3086. Diktatur des Proletariats führt; daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung
  3087. aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.« Marx zufolge ist die Waffe,
  3088. die den Staatsapparat zerschlagen kann, die Diktatur des Proletariats.
  3089. Was ist die Diktatur des Proletariats? Marx sah sie in der Pariser Kommune verwirklicht.
  3090. Die Kommune, eine antiautoritäre gesellschaftliche Struktur, etwas radikal Neues für
  3091. Europa im Industriezeitalter, entstand aus dem Volksaufstand vom 18. März 1871. Am 28.
  3092. Mai desselben Jahres wurde sie von den Streitkräften der Regierung in Versailles unter
  3093. Adolphe Thiers niedergeschlagen. In Der Bürgerkrieg in Frankreich (1871) schreibt Marx
  3094. über die Kommune, sie sei die »bestimmte Form« der Diktatur des Proletariats.109
  3095. Die Kommune kämpfte gegen die preußischen Besatzer und gegen die Truppen der
  3096. Regierung in Versailles. Aber sie schaffte das stehende Heer ab. Ihre
  3097. Verteidigungstruppen waren das bewaffnete Volk, die Volksmilizen, in denen Männer,
  3098. Frauen und Jugendliche, Junge und Alte Seite an Seite die Stadt verteidigten. Ohne
  3099. politische Macht und damit ohne die Macht ihrer Klasse wurde die Polizei zu einer
  3100. öffentlichen Dienstleistung, die dazu bestellte Bewohner der verschiedenen Stadtviertel
  3101. ausübten. Die gesamte Verwaltung, die gesamte Bürokratie und damit die
  3102. Staatsregierung wurden aufgelöst. Es gab keine Minister mehr, keine Richter, keine
  3103. Priester und keine Beamten. Die Delegierten und Repräsentanten der Kommune wurden
  3104. nach dem allgemeinen Wahlrecht gewählt, waren durch das imperative Mandat gebunden
  3105. und konnten jederzeit abberufen werden. Es gab keine dauerhafte Hierarchie bei
  3106. Gehältern und Funktionen mehr. Jedes Viertel hatte seinen eigenen
  3107. Verteidigungsausschuss, seinen Justizausschuss, seinen Ausschuss für Gesundheit und so
  3108. weiter. Insgesamt war die Kommune nach dem Prinzip der Föderation organisiert, ohne
  3109. Hierarchien und fast vollständig dezentralisiert. In der Fabrik und in den Wohnvierteln,
  3110. überall entstand, wie der Kommunarde Eugène Pottier schrieb, »die Selbstregierung der
  3111. Produzenten«.110
  3112. Tatsächlich war die Kommune ein Augenblick, in dem Ideen eine außerordentliche Blüte
  3113. erlebten, ein gesellschaftliches Laboratorium, in dem ganz Neues, aber auch ganz
  3114. Widersprüchliches versucht wurde. Ihre Geschichte illustriert beinahe perfekt die
  3115. »Absorption des Staates durch die Gesellschaft« und die »Expropriation der Usurpatoren
  3116. durch die Masse« (Marx). In der Pariser Kommune, Marx zufolge das Modell für die
  3117. Diktatur des Proletariats, trat die Verwaltung von Dingen an die Stelle der Regierung von
  3118. Menschen. Natürlich waren die Kommunarden nicht die ersten französischen
  3119. Revolutionäre, die eine nicht-staatliche Föderation, eine antiautoritäre, selbstverwaltete
  3120. Demokratie zu errichten versuchten. Sie hatten Vorläufer, die heute vergessen sind,
  3121. darunter der Generalprokurator von Paris, Pierre-Gaspard Chaumette, und sein Mitstreiter
  3122. Jacques-René Hébert (nach dem Titel seiner Zeitschrift auch Le père Duchesne genannt).
  3123. Sie boten dem Nationalkonvent beharrlich die Stirn. 1794 wurde die Gruppe zerschlagen,
  3124. Hébert starb am 24. März auf dem Schafott, Chaumette am 13. April.
  3125. Für uns Männer und Frauen zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat der Begriff »Diktatur des
  3126. Proletariats« einen Abscheu erregenden Beigeschmack. Wir denken dabei an menschliche
  3127. und politische Verhältnisse, die das Gegenteil demokratischer Verhältnisse sind. Aber der
  3128. archaische Begriff darf uns nicht über den Sinn hinwegtäuschen, den Marx ihm gegeben
  3129. hat.
  3130. Die Diktatur des Proletariats ist auch der entscheidende Schritt auf dem Weg zur
  3131. Überwindung des Staates und seiner Ablösung durch die freie Assoziation der
  3132. Produzenten, die sich zusammenschließen, durch eine neue gesellschaftliche
  3133. Organisation, in der die Menschen keine ausbeuterischen und keine hierarchischen
  3134. Beziehungen mehr unterhalten, sondern ausschließlich reziproke, komplementäre,
  3135. solidarische Beziehungen. Jeder bekommt nach seinen Bedürfnissen und gibt nach seinen
  3136. Fähigkeiten. Das Glück und die freie Entfaltung eines jeden ist die Bedingung für die
  3137. Entfaltung und das Glück aller.
  3138. Der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die
  3139. Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in Paris
  3140. angenommen hat und die jeder Staat, der der UNO beitreten will, unterschreiben muss
  3141. (neben der Charta von 1945) drückt fast perfekt die Vision von Marx aus: »Alle Menschen
  3142. sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen
  3143. begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.«
  3144. Marx’ großartige Vision lebt weiter als Utopie der Emanzipation der Menschen, die am
  3145. Horizont der Geschichte aufscheint.
  3146. Nachtrag
  3147. An einem verschneiten Morgen im November 1917 übernahmen Lenin und die
  3148. bolschewistischen Aufständischen in Petrograd die Macht. Sie errichteten die Diktatur des
  3149. Proletariats. Ihre Sowjetrepublik, eine Föderation selbstverwalteter »Räte« von Arbeitern,
  3150. Bauern und so weiter, verwandelte sich bald in eine blutige Tyrannei, die während drei
  3151. Viertel des Jahrhunderts über große Gebiete in Europa und Asien herrschte.
  3152. Heute behaupten in ihrer Verfassung zwei Staaten, die Diktatur des Proletariats
  3153. verwirklicht zu haben: die Volksrepublik China und die Volksrepublik Nordkorea.
  3154. Zusammen herrschen sie über 1,4 Milliarden Menschen, mehr als ein Siebtel der
  3155. gesamten Weltbevölkerung. Und ihre Herrschaft ist erbarmungslos. Es sind totalitäre
  3156. Staaten der übelsten Sorte – die reine Verhöhnung von Marx’ Vision.
  3157. VI. Die Universalisierung des Staates
  3158. Jedes Volk, das nach der Unabhängigkeit strebt, durchlebt auf dem Weg dorthin den
  3159. unvermeidlichen nationalen Befreiungskampf und den Aufbau eines Staates. Warum ist
  3160. das unvermeidlich?
  3161. Zhou Enlai hat gesagt: »Wir leben in einer Welt von Staaten, leider!« Dieser Satz kam
  3162. von einem der größten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts, unmittelbar nach dem
  3163. Triumph in einem nationalen Befreiungskampf, der den gesamten Planeten erschütterte,
  3164. und der Etablierung eines Staates, in dem ein Siebtel der Weltbevölkerung lebt. Der Satz
  3165. drückt eindeutig aus, in welchem Kontext von Notwendigkeit, in welcher Situation der
  3166. Überdeterminiertheit, die Unabhängigkeitskämpfe heute stattfinden.
  3167. Das Handel treibende kapitalistische Bürgertum hat, als es seine Herrschaft dem ganzen
  3168. Planeten aufzwang, das Konzept des Staates und seiner legitimen Gewaltausübung
  3169. generalisiert und verbreitet. Doch bewundernswerte politische Gesellschaften sind ganz
  3170. ohne staatliche Organisation entstanden und haben sich bis ins 20. Jahrhundert
  3171. behauptet. Es sind Gesellschaften, deren Produktionsweisen und deren Territorium
  3172. verschont blieben, weil sie für die kolonialen Ausbeuter nicht interessant waren. Erst als
  3173. ihre Reichtümer – mineralische Bodenschätze, Öl, landwirtschaftliche Produkte – entdeckt
  3174. und sie damit für die kapitalistische Profitgier interessant wurden, sahen sie sich mit
  3175. Problemen von Herrschaft, Stellvertreterkriegen, dem Befreiungskampf konfrontiert – und
  3176. in der Folge mit der Notwendigkeit, einen Staat zu errichten.
  3177. Ich nehme als Beispiel das Nomadenvolk der Sahrauis in der Westsahara. Umschlossen
  3178. vom Atlantik, Marokko, Algerien und Mauretanien, erstreckt sich die Westsahara in den
  3179. Grenzen, die in den Verträgen der Kolonialmächte Frankreich und Spanien 1900, 1904
  3180. und 1912 festgelegt wurden, über rund 310000 Quadratkilometer. Seit Spanien 1958 die
  3181. Region um Tarfaya, Tan-Tan und Guelmime an Marokko abgetreten hat, ist die
  3182. Westsahara 284000 Quadratkilometer groß, etwas mehr als halb so groß wie Frankreich.
  3183. Die Sahrauis wanderten im 13. Jahrhundert aus dem Jemen in das Gebiet ein und
  3184. errichteten eine höchst komplexe politische Gesellschaft, hervorgegangen aus einer
  3185. reichen Kultur. Über Jahrhunderte gab es nie eine wie auch immer geartete Form
  3186. staatlicher Organisation. Die Gesellschaft besaß eine einzige den Stämmen und Clans
  3187. übergeordnete Instanz, den sogenannten »Rat der Vierzig«. So heißt bis heute die
  3188. Versammlung der Anführer der achtzehn Stämme, aus denen das Volk der Sahrauis
  3189. besteht. Die Versammlung findet alljährlich auf der Hochebene von Tindouf im Südwesten
  3190. von Algerien statt und dauert einige Tage.
  3191. Diese durch und durch demokratische Versammlung regelt traditionell die Nutzung der
  3192. Brunnen, die Aufteilung der Weiden, die Wanderungen und die gemeinsame Verteidigung
  3193. gegen äußere Feinde.
  3194. Der »Rat der Vierzig« ist modellhaft für zahlreiche traditionelle Völker Afrikas,
  3195. Südasiens, der Hochebenen in den Anden und des Amazonas-Regenwalds, die ebenfalls
  3196. beeindruckende politische Gesellschaften ohne Staat entwickelt haben. Pierre Clastres
  3197. gibt einen Überblick, von den Dinka im Südsudan bis zu den Kikuyu im Hochland des
  3198. Kilimandscharo.111 Clastres hat festgestellt, dass diese relativ egalitären Gesellschaften
  3199. mit Subsistenzwirtschaft, die nur das Lebensnotwendige produzieren, diese
  3200. »Gesellschaften der Arbeitsverweigerung«, wie er sie nennt, nicht deshalb keinen Staat
  3201. haben, weil sie nicht wissen, was ein Staat ist, sondern weil sie eigens so eingerichtet
  3202. waren, dass sie keinen Staat brauchten, denn gerade das wollten sie nicht: eine
  3203. zentralisierte, starke, autoritäre Macht, einen Zwangsapparat, eine nicht-egalitäre
  3204. Struktur. »Die Geschichte der Völker ohne Geschichte ist […] die Geschichte ihres Kampfs
  3205. gegen den Staat.«112
  3206. 1976 gaben sich die Sahrauis gezwungenermaßen doch eine nationalstaatliche
  3207. Organisation, die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS).
  3208. Ich erinnere mich an einen Frühlingsabend auf der Hamada (Hochebene) von Tindouf.
  3209. Die rote Sonne versinkt hinter den Felsen. Ein leichter Wind lässt die Palmen zittern. Die
  3210. Luft ist klar. Soweit das Auge reicht, reihen sich graue, braune und weiße Zelte
  3211. aneinander. An den Ziehbrunnen schöpfen Frauen in langen roten oder hellen Gewändern
  3212. Wasser – seit unvordenklichen Zeiten ein vertrautes Bild bei den Nomadenvölkern. Sie
  3213. füllen ihre Eimer, heben sie auf den Kopf und kehren mit wiegenden, majestätischen
  3214. Schritten zurück zu ihren Zelten. Hinter dem Palmenhain grasen friedlich ein paar Kamele,
  3215. die wie durch ein Wunder die Bombardements der Marokkaner überlebt haben, die
  3216. letzten Vertreter der großen Herden, die einst der Stolz der Sahrauis waren. Ihre Milch
  3217. wird an die Kinder in der nahe gelegenen Krankenstation verteilt. In der Ferne wirbelt ein
  3218. Landrover, ein winziger Fleck am Horizont, Sandwolken auf. Über der braunen Erde
  3219. leuchtet der Himmel.
  3220. Zusammen mit unserem Fahrer – einem Kämpfer der Befreiungsarmee, der auf
  3221. Heimaturlaub bei seiner Familie ist – und dem warmherzigen Beschir Mustafa Sayyid,
  3222. einem Freund, Anführer der Polisario (Frente Popular de Liberación de Saguía el Hamra y
  3223. Río de Oro), Bruder von Al-Wali, dem Gründer der Polisario und der DARS, der im Alter von
  3224. 28 Jahren im Kampf gefallen ist, und von Baba, dem ersten Vertreter der DARS bei den
  3225. Vereinten Nationen in Genf, erklimmen wir einen kleinen Felshügel hinter dem südlichen
  3226. Eingang zum Lager. Dort stoßen wir – »zufällig«, wie der Kommandant sagt – auf drei
  3227. eindrucksvolle Greise mit wettergegerbten Gesichtern. Sie tragen weite blaue Boubous
  3228. und einen schwarzen oder weißen Turban, der um Kopf und Hals geschlungen ist.
  3229. Seit Tagen versuche ich zu ergründen, wie das soziale Gewebe, die ethnische und die
  3230. Clanstruktur beschaffen sind, die den außerordentlichen Zusammenhalt der Sahraui-
  3231. Gesellschaft ausmachen. Aber meine entsprechenden Fragen wurden bisher nur mit
  3232. verlegenem Schweigen quittiert. An diesem Abend bekomme ich endlich Antworten.
  3233. Die drei Stammesführer – zwei von ihnen haben auf der Seite von Franco bei Toledo
  3234. gegen die spanischen Republikaner gekämpft – sagen lange nichts. 1936 kamen
  3235. spanische Soldatenwerber von den nahegelegenen Kanarischen Inseln zu ihnen und
  3236. erklärten ihnen, es gehe darum, gegen die »Roten« zu kämpfen, die Gottlosen, die Feinde
  3237. des Glaubens und des Propheten. Ihre Vorfahren hatten den Alcázar von Toledo erbaut.
  3238. Sie würden nun über die Meerenge von Gibraltar zurückkehren, die Halbinsel
  3239. zurückerobern, Toledo befreien … Hier vor uns, auf diesem Hügel, schämen sich die alten
  3240. Männer. Die jungen Kämpfer der Frente Polisario – ihre Söhne und Enkel, ihre Neffen und
  3241. Großneffen – haben ihnen Francos Betrug erklärt. Während sie glaubten, gegen
  3242. Ungläubige zu kämpfen, hatten sie sich in Wahrheit von einem faschistischen General
  3243. anwerben lassen, der mit aufklärungsfeindlichen Kardinälen gemeinsame Sache machte,
  3244. den Erben der Inquisition, um vor Toledo die spanischen Bauern und Arbeiter
  3245. abzuschlachten, die gegen ihre Unterdrücker kämpften.
  3246. Schließlich brachen sie ihr Schweigen. Zunächst kamen endlose Höflichkeitsformeln. Die
  3247. Gastfreundschaft und Höflichkeit der Nomaden sind außerordentlich wirksame Mittel,
  3248. einen Fremden zu taxieren, zu kontrollieren, zu beobachten …
  3249. Beschir musste seine ganze Autorität aufbieten, damit die alten Männer es wagten,
  3250. gegen das Tabu zu verstoßen. Die Gesellschaft der Sahrauis – die Krieg gegen einen
  3251. Invasoren führt – duldet keine Hinweise auf die ethnische Herkunft der Kämpfer. Die
  3252. Frente hat nicht nur die Stammesstruktur ausgelöscht und die Macht der Anführer
  3253. gebrochen, sondern explizit verboten, dass Differenzen, Allianzen und Konflikte zwischen
  3254. den Stämmen erwähnt werden, obwohl sie offensichtlich sind.
  3255. Aber an diesem Abend sprechen die alten Männer. Ich höre geradezu unglaubliche
  3256. Geschichten: davon, wie sich eine nomadische Gesellschaft ohne Staat innerhalb weniger
  3257. Jahrzehnte in eine moderne Republik verwandelt hat, in der Männer und Frauen, Junge
  3258. und Alte im gemeinsamen Widerstand gegen den Aggressor unter ärmlichsten
  3259. Bedingungen tagtäglich um ihr Überleben kämpfen.
  3260. Die Berliner Konferenz, auf der 1885 über die Aufteilung Afrikas zwischen den
  3261. europäischen Mächten entschieden wurde, schlug die Westsahara Spanien zu, weil sie als
  3262. unverzichtbares Glacis zum Schutz der Kanarischen Inseln angesehen wurde. 1967/1968
  3263. wurde sich Madrid plötzlich bewusst, wie ökonomisch wertvoll ihre Kolonie mit den
  3264. reichen Vorkommen an Phosphat, Eisen, Öl und Uran war. Die Spanier erkundeten und
  3265. bohrten, kauften einige lokale Stammesführer, gestanden ihnen ein lokales Parlament zu,
  3266. das eine Farce war, zahlten den Männern Gehälter und eröffneten Schulen für die Jungen.
  3267. Die Sahrauis lernten ihren Feind nach und nach kennen, knüpften neue Bande zum
  3268. Ausland, entdeckten die internationale, diplomatische Öffentlichkeit und stellten
  3269. Gemeinsamkeiten mit den Befreiungskämpfen anderer Völker fest. Die Demonstrationen
  3270. vom 17. Juni 1970 markierten den Beginn des politischen Kampfes. Die spanische
  3271. Fremdenlegion antwortete mit Unterdrückung: Hunderte Menschen wurde festgenommen,
  3272. Dutzende getötet, einige »verschwanden«.
  3273. Als Reaktion auf die spanische Repression gründete sich am 10. Mai 1973 die Frente
  3274. Polisario. Al-Wali Mustafa Sayyid, ein ehemaliger Jurastudent aus Rabat, wurde zu ihrem
  3275. Generalsekretär gewählt. Im September 1975 verhandelte die spanische Regierung mit
  3276. al-Wali über den Rückzug ihrer Truppen und erkannte das Recht der Sahrauis auf ihre
  3277. Unabhängigkeit an. Aber beim Gipfel der Afrikanischen Union im Oktober in Rabat
  3278. schlossen Marokko und Mauretanien ein Geheimabkommen, in dem sie die Westsahara
  3279. unter sich aufteilten. Unter dem todkranken Diktator Franco verriet Spanien seine
  3280. Verpflichtungen gegenüber den Sahrauis und akzeptierte die Teilung.
  3281. So begann am 31. Oktober 1975 der Widerstandskrieg der Sahrauis gegen Marokko und
  3282. Mauretanien, ihre beiden Nachbarstaaten, die von Frankreich und später auch von den
  3283. Vereinigten Staaten unterstützt wurden. Die Männer griffen zu den Waffen. 50000 Frauen
  3284. und Kindern gelang die Flucht, sie durchlitten die Tragödie des Exodus; wer blieb, erlebte
  3285. Deportation, Polizeiterror, Verhaftungen, Massenerschießungen. Die Lager wurden mit
  3286. Napalm und Phosphor übergossen, es gab Tausende Tote. Die Irrfahrt der Flüchtlinge
  3287. dauerte fast acht Monate. An der algerischen Grenze in die Enge getrieben, fanden sie
  3288. schließlich Zuflucht, denn Algerien hatte sich zu unbedingter Unterstützung des
  3289. Märtyrervolks der Sahrauis verpflichtet. Am 17. Februar 1976 wurde auf der
  3290. windgepeitschten Hamada von Tindouf die Demokratische Arabische Republik Sahara
  3291. (DARS) ausgerufen.
  3292. Heute kämpfen die Sahrauis immer noch. Ihr Staat wird von den westlichen Mächten
  3293. und natürlich von der marokkanischen Kolonialmacht nicht anerkannt. Die Regierung der
  3294. DARS unter der Führung des Präsidenten Mohamed Abdelaziz ist immer noch im Exil auf
  3295. algerischem Gebiet, ihr Territorium ist zum großen Teil von marokkanischen Truppen
  3296. besetzt, die eine gnadenlose Repression ausüben.113
  3297. Noch ein anderes Volk mit einer Jahrtausende alten Geschichte wird von einer kolonialen
  3298. Besatzungsmacht in seiner Existenz negiert: das palästinensische Volk.
  3299. 1947 entschied die Generalversammlung der Vereinten Nationen, Palästina, das seit
  3300. dem Ende des Osmanenreichs 1922 von Großbritannien als Mandatsgebiet verwaltet
  3301. wurde, in zwei Staaten zu teilen: einen Staat der Juden, der einheimischen wie der
  3302. eingewanderten Siedler, und einen Palästinenserstaat. Die Palästinenser und sämtliche
  3303. arabische Staaten in der Region protestierten gegen diese Entscheidung. Es gab Krieg.
  3304. Der Staat Israel wurde proklamiert. Fast eine Million Palästinenser flohen aus ihren
  3305. Städten und Dörfern, teils vor dem Terror der israelischen Armee, aber auch auf Befehl
  3306. der arabischen Regierungen. 1967 besetzte die israelische Armee im Lauf des Sechs-
  3307. Tage-Kriegs Ostjerusalem, das Westjordanland, Gaza, die Sinai-Halbinsel (die 1973 im
  3308. Jom-Kippur-Krieg von Ägypten zurückerobert wurde) und die Golanhöhen.
  3309. Seit damals hat das palästinensische Volk nicht aufgehört, Widerstand zu leisten. Zwei
  3310. Intifadas 1987 und 1990 wurden von der kolonialen Besatzungsmacht blutig
  3311. niedergeschlagen.
  3312. 2007 hat Israel über das Getto von Gaza, wo sich 1,8 Millionen Menschen, zum größten
  3313. Teil Flüchtlinge, auf einer Fläche von 365 Quadratkilometern drängen, eine vollständige
  3314. Blockade verhängt. Im Juli und August 2014 haben israelische Piloten, Artillerieschützen,
  3315. Marinesoldaten, Panzerfahrer und Scharfschützen das Getto mit einer Feuerwalze
  3316. überzogen, die mehr als 2000 Menschen das Leben gekostet hat, über 10000
  3317. Palästinenser, überwiegend Zivilpersonen, Frauen und Kinder, wurden verwundet,
  3318. verbrannt, gelähmt oder haben ihr Augenlicht verloren (gegenüber 64 israelischen
  3319. Soldaten und drei Zivilisten, die durch palästinensische Raketen starben).
  3320. 2012 erhielt der Staat Palästina, der auf 41 Prozent des Territoriums des historischen
  3321. Palästina errichtet worden war, Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen. Israel
  3322. weigerte sich, den Palästinenserstaat anzuerkennen. Die fast hermetische israelische
  3323. Wirtschaftsblockade geht weiter. Der israelische Staatsterror ebenfalls.
  3324. VII. Der Staat, das unmögliche Bollwerk für die Schwachen
  3325. Ich erinnere mich mit Schrecken an die ausgehungerten, leichenblassen, in Lumpen
  3326. gehüllten, verdreckten Menschen – vor allem Frauen und Kinder – mit ihren flackernden
  3327. Augen, die sich unter den Brücken der Schnellstraße niedergelassen hatten, die den
  3328. Flughafen von Galeão auf der Ilha do Governador von den westlichen Vororten Rio de
  3329. Janeiros trennt. Es sind Einwanderer, die vor der Trockenheit und der Grausamkeit der
  3330. Großgrundbesitzer im Norden geflohen sind, die Familien der flagelados. Tagsüber irren
  3331. sie ohne etwas zu essen, ohne Zukunft, ohne Würde in der Megastadt umher. Sie
  3332. verhalten sich wie gejagte Tiere. Nachts bedrängt sie die Militärpolizei, schlägt sie oder
  3333. tötet sie gar.
  3334. In Entwicklungsländern – wie zum Beispiel Brasilien – legt der Staat zuweilen eine
  3335. erschreckende soziale Inkompetenz an den Tag. In westlichen Industriegesellschaften ist
  3336. die Situation komplizierter. Der Staat ist ein ambivalentes soziales Gebilde. Er verkörpert
  3337. die kapitalistische Logik und bekämpft sie zugleich.
  3338. In einigen begrenzten Bereichen ist der Staat eine Macht des Fortschritts. Ohne das
  3339. Eingreifen des Staates wären alte und junge Menschen, Angestellte und Arbeiter dem
  3340. Wüten des Kapitals schutzlos ausgeliefert. Dank dem Staat gibt es überall in Europa
  3341. großartige Schulen, Universitäten, Kultureinrichtungen, Krankenhäuser, soziale
  3342. Sicherungssysteme, Arbeitsgerichte und vielfältige, wirksame Institutionen zum Schutz
  3343. von Arbeitnehmern, Rentnern und Arbeitslosen. Durch das Steuersystem bewirkt der
  3344. Staat interne Transfers des Volkseinkommens. Er ist der Garant für eine zumindest
  3345. rudimentäre soziale Gerechtigkeit.
  3346. Der Staat ist also auch ein Bollwerk für die Schwachen. Aber heute zerfällt dieses
  3347. Bollwerk allmählich.
  3348. Der Machtzuwachs des globalisierten Finanzkapitals, das neoliberale Dogma von
  3349. »weniger Staat«, die Privatisierung der Welt – all das schwächt mittlerweile die
  3350. Regelungskapazität der Staaten. Diese Entwicklungen überrollen Parlamente und
  3351. Regierungen. Sie machen die meisten Wahlen und fast alle Volksabstimmungen sinnlos.
  3352. Sie höhlen die regulatorische Kompetenz der öffentlichen Institutionen aus. Sie ersticken
  3353. das Gesetz.
  3354. Von der Republik, so wie wir sie aus der Französischen Revolution ererbt haben, bleibt
  3355. nur noch ein Schatten, eine leere Hülle.
  3356. Jürgen Habermas stellt die Diagnose114: »Der Territorialstaat, die Nation und eine in
  3357. nationalen Grenzen konstituierte Volkswirtschaft haben damals eine historische
  3358. Konstellation gebildet, in der der demokratische Prozess eine mehr oder weniger
  3359. überzeugende institutionelle Gestalt annehmen konnte […] Diese Konstellation wird
  3360. heute durch Entwicklungen in Frage gestellt, die inzwischen unter dem Namen
  3361. ›Globalisierung‹ breite Aufmerksamkeit finden […] Die lähmende Aussicht, daß sich die
  3362. nationale Politik in Zukunft auf das mehr oder weniger intelligente Management einer
  3363. erzwungenen Anpassung an Imperative der ›Standortsicherung‹ reduziert, entzieht den
  3364. politischen Auseinandersetzungen den letzten Rest an Substanz […] Kein Zweifel besteht
  3365. schließlich an der beispiellosen Beschleunigung der Kapitalbewegungen auf den
  3366. elektronisch vernetzten Finanzmärkten und an der Tendenz zur Verselbstständigung von
  3367. Finanzkreisläufen, die eine von der Realwirtschaft entkoppelte Eigendynamik entfalten
  3368. […] Weitsichtige Ökonomen haben schon vor zwei Jahrzehnten zwischen den bekannten
  3369. Formen der ›internationalen‹ Ökonomie und der neuen Formation der ›globalen‹
  3370. Ökonomie unterschieden.«115
  3371. Eine neue Macht ist dabei, sich zu etablieren: die Macht der Einschüchterung, die die
  3372. Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals gegenüber demokratisch konstituierten
  3373. Regierungen, Parlamenten, Gerichten und der öffentlichen Meinung ausüben.
  3374. Habermas beschreibt diesen Vorgang so: »Unter Bedingungen eines globalen, zur
  3375. ›Standortkonkurrenz‹ verschärften Wettbewerbs sehen sich die Unternehmen mehr denn
  3376. je genötigt, die Arbeitsproduktivität zu steigern und den Arbeitsablauf insgesamt so zu
  3377. rationalisieren, daß der langfristige technologische Trend zur Freisetzung von
  3378. Arbeitskräften noch beschleunigt wird. Massenentlassungen unterstreichen das
  3379. wachsende Drohpotential beweglicher Unternehmen gegenüber einer insgesamt
  3380. geschwächten Position von ortsgebunden operierenden Gewerkschaften. In dieser
  3381. Situation, wo der Teufelskreis aus wachsender Arbeitslosigkeit, überbeanspruchten
  3382. Sicherungssystemen und schrumpfenden Beiträgen die Finanzkraft des Staates erschöpft,
  3383. sind wachstumsstimulierende Maßnahmen um so nötiger, je weniger sie möglich sind.
  3384. Inzwischen haben nämlich die internationalen Börsen die ›Bewertung‹ nationaler
  3385. Wirtschaftspolitiken übernommen.«116
  3386. Und weiter schreibt er: »Die Verdrängung der Politik durch den Markt zeigt sich also
  3387. daran, daß der Nationalstaat seine Fähigkeit, Steuern abzuschöpfen, Wachstum zu
  3388. stimulieren und damit wesentliche Grundlagen seiner Legitimität zu sichern, zunehmend
  3389. verliert, ohne daß funktionale Äquivalente entstehen […] Statt dessen lassen sich die
  3390. nationalen Regierungen schon angesichts implizit angedrohter Kapitalabwanderung in
  3391. einen kostensenkenden Deregulierungswettlauf verstricken, der zu obszönen Gewinnen
  3392. und drastischen Einkommensdisparitäten, zu steigender Arbeitslosigkeit und zur sozialen
  3393. Marginalisierung einer wachsenden Armutsbevölkerung führt. In dem Maße, wie die
  3394. sozialen Voraussetzungen für eine politische Teilnahme zerstört werden, verlieren auch
  3395. formal korrekt getroffene demokratische Entscheidungen an Glaubwürdigkeit.«117
  3396. Jürgen Habermas ist der intellektuelle wie institutionelle Erbe der Frankfurter Schule. Als
  3397. Schüler und Exeget der deutschen Neomarxisten ist er der geistige Sohn von Max
  3398. Horkheimer (dessen Assistent an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt er
  3399. war), Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Friedrich Pollock und Erich Fromm. Lassen
  3400. sich seine apokalyptische Vision der Allmacht des Finanzkapitals, sein Pessimismus
  3401. hinsichtlich der Widerstandskraft des republikanischen Staates und seine beißende Kritik
  3402. am gegenwärtigen Funktionieren der Demokratie aus der geistigen Tradition erklären,
  3403. der er entstammt? Tauchen der tiefe Kulturpessimismus der Frankfurter Schule und die
  3404. unterschwellige Verzweiflung ihrer jüdisch-christlichen Eschatologie unversehens in der
  3405. Kritik am vereinheitlichten kapitalistischen Markt wieder auf, wie sie Habermas
  3406. formuliert?
  3407. Über ein halbes Jahrhundert lang war Ralf Dahrendorf der schärfste, unerbittlichste
  3408. theoretische Gegner von Jürgen Habermas. Habermas und Dahrendorf gehören zu den
  3409. wichtigsten theoretischen Köpfen der zeitgenössischen deutschen Soziologie. Ich habe
  3410. mehrere »Soziologentage« erlebt, diese Hochämter der deutschen Sozialwissenschaften,
  3411. die abwechselnd von den beiden Gurus einer abgeklärten Achtundsechziger-Generation
  3412. zelebriert wurden.
  3413. Habermas steht der SPD nahe. Der mittlerweile verstorbene Ralf Dahrendorf war Mitglied
  3414. d e r FDP und kurzzeitig sogar Staatssekretär in der Bundesregierung. Doch – welche
  3415. Überraschung! – Dahrendorf gelangte zur exakt gleichen Analyse der tödlichen Gefahren,
  3416. die dem Staat im Westen drohen, wie sein intellektueller Gegenspieler.
  3417. Hören wir, was Dahrendorf schreibt: »Um auf den immer größer werdenden
  3418. Weltmärkten wettbewerbsfähig zu blieben, müssen [die OECD-Staaten] Schritte tun, die
  3419. dem Zusammenhalt der Bürgergesellschaft irreparablen Schaden zufügen […] Die
  3420. dringlichste Aufgabe der Ersten Welt im kommenden Jahrzehnt wird deshalb die
  3421. Quadratur des Kreises aus Wohlstand, sozialem Zusammenhalt und politischer Freiheit
  3422. sein.«118
  3423. Immanuel Kant definierte den Staat als »Gemeinschaft unreiner Einzelwillen vereint unter
  3424. einer gemeinsamen Regel«. Was versteht er unter »unreine Einzelwillen«? Jeder Mensch
  3425. trägt die schlimmsten Leidenschaften in sich: Eifersucht, Machtgier, destruktive Energien.
  3426. Aus Einsicht gibt er einen Teil seiner Freiheit zugunsten des allgemeinen Willens und des
  3427. Allgemeinwohls ab. Mit seinesgleichen begründet er die »allgemeine Regel«, den Staat,
  3428. das Gesetz. Diesem Gründungsakt liegt die größtmögliche Freiheit zugrunde. Kant
  3429. schreibt weiter: »Weh aber dem Gesetzgeber, der eine auf ethische Zwecke gerichtete
  3430. Verfassung durch Zwang bewirken wollte! Denn er würde dadurch nicht allein das
  3431. Gegenteil der ethischen [Verfassung] bewirken, sondern auch seine politische
  3432. untergraben und unsicher machen.«119
  3433. Kant wusste besser als jeder andere um die extreme Fragilität der gemeinsamen Regel,
  3434. des aus unreinen Einzelwillen geknüpften Netzes, um den Abgrund, der unter den
  3435. scheinbar so soliden Institutionen lauert. Er bezeichnete die Kraft, die die Einzelwillen der
  3436. Bürger auf Abwege lockt und sie dazu bringt, die gemeinsame Regel zu schwächen, zu
  3437. verzerren, im schlimmsten Fall zu vernichten, als das »radikal Böse«.
  3438. Myriam Revault d’Allonnes, die sich intensiv mit Kant beschäftigt hat, schreibt: »Es gibt
  3439. die unvergessliche Größe des historischen Zeichens, das die moralische Disposition der
  3440. Menschheit kundtut. Aber es gibt auch dieses radikal Böse als Neigung der menschlichen
  3441. Natur, als unausrottbare Neigung und unerforschlichen Abgrund einer ursprünglichen
  3442. Macht, die sich sowohl dem Guten wie dem Bösen zuwenden kann […]« Und an anderer
  3443. Stelle: »Der Mensch ist formbar, insoweit ihm nicht von der Natur feste Ziele vorgegeben
  3444. sind […] Die menschliche Spezies ist das, was wir aus ihr machen wollen.«120
  3445. In den meisten Raubtierkapitalisten steckt ein Mephisto. Sie betreiben wissentlich die
  3446. Entmachtung des Staates. Sie diffamieren, diskreditieren und delegitimieren seine
  3447. Regelungskompetenz.121
  3448. Und heute triumphieren sie.
  3449. In einer Schichtgesellschaft, wo die widersprüchlichen Interessen gegensätzlicher
  3450. Klassen aufeinanderprallen, versucht der demokratische Staat permanent und durch
  3451. vielfältige Mechanismen (Umverteilung durch Steuern, soziale Sicherung und so weiter),
  3452. die asymmetrischen Abhängigkeiten zwischen den Individuen abzuschwächen und
  3453. erträglich zu machen. Und die Bürgerinnen und Bürger stehen hinter dem Staat, hinter
  3454. seinen Normen und Entscheidungsverfahren, soweit sie einen praktischen Nutzen davon
  3455. haben. Ein Staat, der seinen Bürgern nicht ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, ihnen
  3456. nicht ein Minimum von gesellschaftlicher Stabilität und Einkommen garantiert, eine
  3457. planbare Zukunft und eine öffentliche Ordnung, die im Einklang mit ihren ethischen
  3458. Überzeugungen steht, ein solcher Staat ist zum Untergang verdammt.
  3459. In zahlreichen westlichen Staaten sind der öffentliche Verkehr, Post und
  3460. Telekommunikation bereits privatisiert. Eine zweite Privatisierungswelle ist in
  3461. Vorbereitung. Sie betrifft die Grundschulen, weiterführenden Schulen, die Universitäten,
  3462. Krankenhäuser, Gefängnisse und bald auch die Polizei.
  3463. Ein Staat, der freiwillig seine wichtigsten öffentlichen Dienstleistungen abbaut und
  3464. Aufgaben, die sich aus dem allgemeinen Interesse ergeben, auf den privaten Sektor
  3465. überträgt und damit dem Gesetz der Profitmaximierung unterwirft, ist ein failed state, wie
  3466. Eric Hobsbawm ihn genannt hat, ein gescheiterter Staat und ein Staat, der sich schuldig
  3467. macht.
  3468. In den Augen seiner Bürger liegt der Wert eines solchen Staates nahe null.
  3469. Eine Volkswirtschaft, die maximale individuelle Konkurrenz hervorbringt (und preist),
  3470. prekäre Arbeitsverhältnisse, unsichere Lebensbedingungen und Verdienst nach Leistung,
  3471. macht Angst. Von Jean-Jacques Rousseau stammt der Satz: »Zwischen dem Schwachen
  3472. und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.«
  3473. Ein Bürger, der schutzlos großen sozialen Risiken ausgesetzt ist, erkennt sich nicht mehr
  3474. als Staatsbürger. Ein Mensch, der dauernd fürchtet, seinen Arbeitsplatz, sein Einkommen
  3475. und seine Rechte zu verlieren, ist kein freier Mensch mehr.
  3476. Die Privatisierung des Staates zerstört die Freiheit des Menschen. Sie löscht die
  3477. Staatsbürgerschaft aus.
  3478. Beim Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) im Februar 1996 in Davos im
  3479. Zentrum der kleinen Schweizer Stadt weit hinten im Landwassertal in Graubünden
  3480. ereignete sich ein denkwürdiger Vorfall. Es war ein verräterischer Augenblick, in dem sich
  3481. beispielhaft das Gesicht der neuen Welt zeigte. Mit schwerem Schritt näherte sich Hans
  3482. Tietmeyer, der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank, dem Mikrofon auf dem
  3483. Podium in dem Bunker, in dem die Konferenzen stattfanden. Draußen fielen leise die
  3484. Schneeflocken auf die behelmten Polizisten, die Krawalle verhindern sollten, auf die
  3485. Stacheldrahtabsperrungen und die elektronischen Barrieren, die den Bunker schützten.
  3486. Vor einem silbernen Himmel drehten graue Hubschrauber der schweizerischen Armee
  3487. unablässig ihre Runden.
  3488. Drinnen waren die tausend mächtigsten Oligarchen der Welt, Staatschefs,
  3489. Ministerpräsidenten und Minister aus mehreren Dutzend Ländern versammelt. An die
  3490. Adresse der anwesenden Staatschefs richtete Tietmeyer abschließend die Mahnung: »Von
  3491. nun an stehen Sie unter der Kontrolle der Finanzmärkte!«122
  3492. Lang anhaltender Beifall. Die Staatschefs, Ministerpräsidenten und Minister, viele
  3493. Angehörige sozialdemokratischer und sozialistischer Parteien, akzeptierten als eine
  3494. selbstverständliche Tatsache, dass die Volkssouveränität der Warenrationalität und der
  3495. spekulativen Logik des globalisierten Finanzkapitals unterworfen wird.
  3496. Die Teilnehmer am Weltwirtschaftsforum in Davos wussten genau, was Tietmeyer sagen
  3497. wollte. Denn alle Staats- und Regierungschefs, alle Ministerinnen und Minister erleben
  3498. jeden Tag persönlich diese »Kontrolle«. Eine Regierung beschließt, die Steuern zu
  3499. erhöhen? Sofort zieht sich das Finanzkapital (das ausländische wie das einheimische)
  3500. zurück und sucht sich günstigere Akkumulationsbedingungen in einem Nachbarstaat. Die
  3501. Rahmenbedingungen für Investitionskapital, die Zölle und die Bestimmungen über die
  3502. Rückführung von Gewinnen multinationaler Gesellschaften in ihre Heimatländer haben
  3503. sich geändert? Das Finanzkapital wird eine Regierung, die sich auf diese Weise »schuldig«
  3504. gemacht hat, unverzüglich abstrafen.
  3505. Viele Würdenträger im Konferenzsaal hatten noch die Auseinandersetzungen um das
  3506. Multilaterale Investitionsabkommen (MAI) in Erinnerung. Das MAI war von den großen
  3507. multinationalen Konzernen diktiert worden. Es sah vor allem vor, dass ein multinationaler
  3508. Konzern vor einem internationalen Schiedsgericht auf Schadenersatz klagen kann, wenn
  3509. er durch die Entscheidung eines souveränen Staates einen wie auch immer gearteten
  3510. wirtschaftlichen Nachteil hat. Das Abkommen war zunächst unter höchster Geheimhaltung
  3511. in der OECD ausgehandelt worden, der Dachorganisation der größten Industriestaaten. Alle
  3512. Regierungen waren eingeknickt. Es fehlten nur noch die Unterschriften.
  3513. Da erhob sich in der europäischen Zivilgesellschaft, vor allem in Frankreich, ein Sturm,
  3514. wie es ihn noch nie gegeben hatte. In letzter Minute musste der damalige französische
  3515. Premierminister Lionel Jospin seine Unterschrift verweigern. Das Abkommen konnte nicht
  3516. in Kraft treten.
  3517. »Man muss bis zu den schlimmsten Kolonialverträgen zurückgehen, um zu entdecken,
  3518. dass die unantastbaren Rechte des Stärkeren, in dem Fall die Rechte der multinationalen
  3519. Gesellschaften, und die drakonischen Pflichten, die den Menschen auferlegt werden, mit
  3520. so viel herrscherlicher Arroganz formuliert wurden wie in dem Multilateralen
  3521. Investitionsabkommen (MAI).«123
  3522. Heute ist der Investitionsschutz ein wichtiges Thema in den Verhandlungen zwischen
  3523. der EU und Amerika über das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantic
  3524. Trade Investment Partnership). Auf der anderen Seite des Atlantiks haben die Vereinigten
  3525. Staaten durchgesetzt, dass die Bestimmungen des MAI in das Abkommen über die
  3526. Amerikanische Freihandelszone (FTAA, Free Trade Area of the Americas) mit
  3527. aufgenommen wurden, das die USA mit Kanada und Mexiko abgeschlossen haben. Mit der
  3528. Komplizenschaft der Söldner des Finanzkapitals, die in den Regierungen, den
  3529. Parlamenten, der Presse und den Berufsverbänden sitzen, versuchen sie, diese
  3530. Regelungen allen Ländern Lateinamerikas und der Karibik aufzuzwingen. Aber mächtige
  3531. soziale Bewegungen wie die Landlosenbewegung (Movimento dos trabalhadores sem
  3532. terra, MST) in Brasilien, das Bündnis der indigenen Nationalitäten Ecuadors (Confederación
  3533. de Nacionalidades Indígenas des Ecuador, CONAIE) oder Via Campesina organisieren einen
  3534. schlagkräftigen Widerstand gegen die mörderische Politik des »freien Dumpings«.
  3535. Die neuen Akkumulations- und Ausbeutungsstrategien der transnationalen Oligarchien
  3536. richten in den nationalen Volkswirtschaften schreckliche Verwüstungen an. Die Staaten,
  3537. selbst die mächtigsten, sind gezwungen, sich auf ihrem eigenen Territorium in ihrer
  3538. Haushalts- und Wirtschaftspolitik dem Diktat der transkontinentalen Finanz- und
  3539. Produktionsgesellschaften zu beugen. Sollten sie sich weigern, würden sie sofort mit dem
  3540. Abzug internationaler Investitionen und mit Kapitalflucht bestraft.
  3541. Unter anderem aus diesem Grund ist die Regierung von François Hollande nicht in der
  3542. Lage, die soziale Katastrophe, unter der Millionen französische Familien leiden, in den
  3543. Griff zu bekommen.
  3544. Wie ein Bach, der im Frühjahr anschwillt, überspült das transkontinentale Finanzkapital
  3545. mit seiner außerordentlichen Kraft alle Barrieren, reißt alle staatliche Gewalt fort und
  3546. verwüstet wohlbestellte Landschaften. In Zukunft bleibt allen Regierungen, auch denen
  3547. der reichsten und mächtigsten Staaten, nichts anderes übrig, als bei dem mitzumachen,
  3548. was Jürgen Habermas als »Weltinnenpolitik«124 bezeichnet. Und das bedeutet: Sie
  3549. müssen sich den Diktaten der Herren des transkontinentalen Kapitals beugen.
  3550. Laut dem Jahrbuch der Weltbank kontrollierten 2013 die 500 quer über die
  3551. Wirtschaftssektoren mächtigsten multinationalen Konzerne 52,8 Prozent des weltweiten
  3552. Bruttosozialprodukts, das heißt des gesamten Reichtums – Kapital, Waren,
  3553. Dienstleistungen, Lizenzen und so weiter –, der in einem Jahr auf dem Planeten
  3554. produziert wird. Diese gigantic immortal persons (»riesigen unsterblichen Personen«), wie
  3555. Noam Chomsky sie nennt, entziehen sich jeder einzelstaatlichen, supranationalen,
  3556. gewerkschaftlichen und sonstigen Kontrolle. Sie häufen finanziellen Reichtum an,
  3557. wirtschaftliche, politische und kulturelle Macht in einem Ausmaß, wie kein König, kein
  3558. Kaiser und kein Papst in der Geschichte der Menschheit sie je besessen hat.
  3559. Sie funktionieren – das ist ganz normal so – nach einem einzigen Grundsatz:
  3560. Maximierung ihres Profits in möglichst kurzer Zeit.
  3561. Deutsche Politiker verwenden häufig einen schrecklichen, in andere Sprachen praktisch
  3562. nicht übersetzbaren Begriff: »Sockelarbeitslosigkeit«. In den 28 Mitgliedsstaaten der
  3563. Europäischen Union gibt es 2014 insgesamt 30,2 Millionen langzeitarbeitslose Männer und
  3564. Frauen, das heißt Personen, die seit mindestens 22 Monaten keine Arbeit haben. 38
  3565. Prozent davon sind junge Leute unter fünfundzwanzig, die seit ihrem Schul- oder
  3566. Studienabschluss noch nie gearbeitet haben. Die meisten bleiben lebenslang vom
  3567. Arbeitsprozess ausgeschlossen. Sie bilden den unverrückbaren, unzerstörbaren,
  3568. unauflösbaren Sockel der Arbeitslosigkeit in Europa. Diese Menschen ohne Arbeit, diese
  3569. Ausgeschlossenen werden heute als normale Erscheinung akzeptiert, sie gehören einfach
  3570. zur »Natur« des europäischen Arbeitsmarkts, wie seine Weihrauchträger behaupten. Die
  3571. Kanzlerin sieht nur ein Problem: Wie kann man ihnen eine zum Überleben ausreichende
  3572. Minimalversorgung zukommen lassen, damit es keine offene Revolte gibt?
  3573. Der souveräne Staat mit seiner wirksamen Kraft zur Normsetzung bildete einst das
  3574. letzte Bollwerk, die letzte Verteidigungslinie gegen die Geißel des »naturalisierten«
  3575. kapitalistischen Markts. Die ultima trinchera, wie die sandinistischen Guerillakämpfer in
  3576. Nicaragua sagten. Dieses Bollwerk bröckelt heute.
  3577. Im Mai 2014 fanden in den 28 Mitgliedsstaaten der EU die Wahlen zum Europaparlament
  3578. statt. Im Zentrum des Wahlkampfs stand das Transatlantische Freihandelsabkommen
  3579. (TTIP) mit den Vereinigten Staaten. Die Verhandlungen zwischen dem
  3580. Kommissionspräsidenten der EU und dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama
  3581. hatten Anfang 2013 begonnen. Sie laufen vollständig hinter verschlossenen Türen ab, die
  3582. Mitgliedsstaaten der EU werden sich erst bei der Ratifizierung zu Wort melden können.
  3583. Offiziell wird über die Schaffung einer Transatlantischen Freihandelszone gesprochen,
  3584. die größte Freihandelszone, die es jemals gegeben hat. Tatsächlich geht es um etwas
  3585. Grundsätzlicheres und viel Bedrohlicheres. Wenn TTIP zustande kommt, wird die
  3586. Wirtschafts- und Finanzpolitik der Staaten endgültig den multinationalen privaten
  3587. Konzernen, diesen kalten Monstern, ausgeliefert sein.
  3588. Die entscheidende Klausel des Abkommens ist die über die Schaffung von
  3589. Schiedsgerichten. Sollte das Abkommen jemals unterschrieben werden, sollte das
  3590. Europäische Parlament seine Zustimmung geben, sollten die 28 nationalen Parlamente
  3591. der Mitgliedsstaaten es ratifizieren, und sollte es dann in Kraft treten, könnte jedes
  3592. private multinationale Unternehmen gegen jeden Staat klagen, der eine Entscheidung
  3593. träfe, die gegen seine Interessen und Wünsche verstieße.
  3594. Das betroffene Unternehmen könnte entweder die Aufhebung der Entscheidung
  3595. verlangen oder Schadenersatz. Und noch wichtiger: Der Konflikt würde nicht von einem
  3596. Gericht des beteiligten Staates entschieden, sondern von einer auf der Grundlage von TTIP
  3597. eigens geschaffenen Schiedsinstanz. Wird TTIP erfolgreich ausgehandelt und ratifiziert,
  3598. realisiert sich endgültig die Weltallmacht der Konzerne.
  3599.  
  3600. SIEBTES KAPITEL
  3601. Die Nation
  3602. I. Wie entsteht und behauptet sich die Nation in Europa?
  3603. Die Nation ist das Produkt der französischen Revolution. Mit der Kanonade von Valmy
  3604. betritt sie die Bühne der Geschichte.
  3605. In der Morgendämmerung des 20. September 1792, auf den vom Regen durchweichten
  3606. Feldern und Hügeln in der Nähe des kleinen, im Marnetal gelegenen Dorfes Valmy,
  3607. blickten die Revolutionssoldaten unter dem Doppelkommando der Generäle Dumouriez
  3608. und Kellermann auf die viel besser bewaffneten, dichten Reihen der Armee des Herzogs
  3609. von Braunschweig. Das antirepublikanische feudale Europa, zu Hilfe gerufen von
  3610. französischen Aristokraten im Exil, angeführt von preußischen und österreichischen
  3611. Marschällen, bereitet sich auf die Invasion Frankreichs vor. Es will Rache für den Affront
  3612. vom 10. August 1792, als die Monarchie gestürzt wurde, will die Revolution
  3613. niederschlagen, auf der vom Atlantik bis in die weiten Ebenen Ungarns alle Hoffnungen
  3614. der unterjochten Völker ruhen.
  3615. Eine Kanonade, der rollende Donner der Granaten … und ein Schrei aus Zehntausenden
  3616. von Kehlen: »Vive la nation!« An diesem Morgen triumphieren die Soldaten von
  3617. Dumouriez und Kellermann in ihren schäbigen Uniformen und mit ihren
  3618. zusammengewürfelten Waffen über die Rachegelüste des feudalen Europa.
  3619. Auf einer Anhöhe hinter den preußischen Linien beobachtet ein Mann von 43 Jahren das
  3620. Geschehen. Der Mann ist Minister am Hof des Herzogs von Weimar und heißt Johann
  3621. Wolfgang von Goethe. Er erkennt sehr klar, was vor sich geht. Tief beindruckt von dem
  3622. Ereignis, tat er am Abend nach der Schlacht in einem Kreis von Offizieren den Ausspruch:
  3623. »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus.«
  3624. Wie definierte sich die Nation in dem Augenblick, als diese Idee ganz Europa erfasste?
  3625. Voltaire schrieb: »Die Nation ist eine Gruppe von Menschen auf einem bestimmten
  3626. Territorium, die eine politische Gemeinschaft bildet und sich durch das Bewusstsein ihrer
  3627. Einheit und ihres Willens, gemeinsam zu leben, auszeichnet.«125 Und weiter: »Die Nation
  3628. ist eine juristische Person, die durch die Gesamtheit der Individuen gebildet wird, die
  3629. einen Staat darstellen, aber sie ist verschieden von diesem und Träger des subjektiven
  3630. Rechts der Souveränität.«126
  3631. In Europa und speziell in Frankreich ging die Nation aus einer Revolution hervor, aus
  3632. einem Bruch mit der Feudalgesellschaft. Die Nation entstand mit der Etablierung der
  3633. Warenökonomie, aus dem Kampf, den das neue, Handel treibende Bürgertum gegen die
  3634. Feudalherren und gegen den König führte und der es an die Macht brachte. Das
  3635. Bürgertum war »Ausdruck« der neuen Produktivkraft, die sich anschickte, der Gesellschaft
  3636. ihr Gesetz aufzuzwingen, als das Kapital den Boden als wichtigste Produktivkraft ablöste.
  3637. Obwohl die neue Klasse sehr heterogen war (Großbürgertum, das vom Kolonialprofit
  3638. lebte, städtisches Industrie- und Handelsbürgertum, kleines und mittleres Bürgertum in
  3639. der Provinz und so weiter), zog sie allen Vorteil aus dem Aufstand gegen die Aristokraten
  3640. und den König. Dennoch stürmte nicht das Bürgertum die Bastille, und es begann auch
  3641. nicht den gewaltsamen Kampf gegen das Feudalregime und setzte ihn fort; diesen Kampf
  3642. fochten vielmehr die ärmsten Klassen aus. Das Bürgertum ergriff die Zügel der
  3643. Revolution, als sie schon in vollem Gang war, und deutete sie gewissermaßen zu seinem
  3644. eigenen Vorteil um. Es gab der Revolution eine neue Richtung, die seinen
  3645. Klasseninteressen entsprach. Der Nationalstaat – das heißt der Staat, der seine
  3646. Legitimität einzig aus dem Allgemeinwillen der Bürger ableitet – ist die Krönung dieses
  3647. Prozesses. Am 21. Januar 1793 wurde der König hingerichtet.127
  3648. Jacques Berque vertritt die Auffassung, dass die französische Nation dem Nationalstaat,
  3649. wie er Ende des 18. Jahrhunderts entstand, vorausging und mindestens schon tausend
  3650. Jahre länger existierte.128 Aber der Streit ist letztlich nur ein semantischer: Im Mittelalter
  3651. bedeutete Nation »eine Gruppe von Menschen derselben Herkunft«, das heißt, es ging
  3652. allein um die Abstammung, der Begriff hatte keine politische Konnotation. Die Politik war
  3653. damals ausschließlich Sache der Könige, Fürsten und Geistlichen – die Untertanen hatten
  3654. keine oder ganz wenige politische Rechte. Die nationale Legitimität im modernen Sinn
  3655. des Wortes – die Nation als Gruppe von Menschen, die auf einem bestimmten Territorium
  3656. leben, unabhängig von ihrer Herkunft, und die eine politische Gemeinschaft bilden –
  3657. entstand erst in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1789. In dieser Nacht wurde der
  3658. übergesellschaftliche, göttliche Ursprung der Macht radikal bestritten. Der Dritte Stand
  3659. konstituierte sich als Nationalversammlung und schaffte das Feudalsystem ab. Eine neue
  3660. Macht betrat die Bühne: eben die, die aus dem Gesellschaftsvertrag der Bürger
  3661. hervorgegangen war, aus dem allgemeinen Willen der Menschen, die, vermittelt durch
  3662. Deputierte, alle Macht ausüben. Dieser Punkt ist wichtig: Die Nation duldet keine
  3663. metasoziale Begründung. Sie ist, wie Voltaire es ausdrückt, »die Inhaberin des
  3664. subjektiven Souveränitätsrechts«. Mit anderen Worten: Sie ist die ausschließliche Quelle
  3665. der Legitimität aller Macht, die sie auf ihre Delegierten überträgt und die in ihrem Namen
  3666. ausgeübt wird. Vor dem 4. August 1789 war Frankreich eine mächtige historische
  3667. Gemeinschaft mit einem zentralistischen Staat, in dem sich im Verlauf eines sehr
  3668. langsamen Prozesses die Bedingungen für die Entstehung einer Nation entwickelt hatten,
  3669. aber es war noch keine Nation.
  3670. In ihren Anfängen von 1789 bis 1792 war die französische Nation so, wie sie Robespierre
  3671. zufolge sein sollte: eine »große Nation«, eine dualistische Nation, die universelle Werte
  3672. hervorbrachte, nämlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dualistisch war sie, weil sie
  3673. auch ein transnationales Ziel hatte: Sie wollte allen Völkern der Welt die Segnungen der
  3674. in Frankreich errungenen Freiheiten bringen.
  3675. Sehen wir uns ein Beispiel an. Von 1801 bis 1803 tauchten in der Bucht von Belém
  3676. (Brasilien) am Ufer des Solimões und des Amazonas seltsame Karawanen erschöpfter,
  3677. zerlumpter Menschen mit blutigen Füßen aus dem Wald auf. Es waren die Überlebenden
  3678. der Sklavenaufstände auf den Französischen Antillen. 1795 hatte eine verblüffende
  3679. Nachricht aus Paris die Karibik erreicht: Die Sklaverei war abgeschafft, die Gleichheit aller
  3680. Menschen verkündet, die Herren waren unter der Guillotine gestorben. Die flüchtigen
  3681. Sklaven trugen die Nachricht von der Französischen Revolution, von den Menschenrechten
  3682. und von der Abschaffung der Sklaverei bis in die abgelegensten Gebiete am Amazonas.
  3683. Flüchtige kreolische Sklaven erzählten am Ufer des großen Stroms die Geschichte der
  3684. blutigen Rebellion auf Haiti. Die Voodoo-Geister begleiteten sie. Diese schwarzen Schüler
  3685. von Robespierre, ihre Frauen und Kinder wurden größtenteils von Kriegern der
  3686. Indianergemeinschaften massakriert, die entlang des Flusses lebten. Die Überlebenden
  3687. entfesselten 1830 am Rand des lusitanischen Reichs Brasilien den Cabanagem-Aufstand.
  3688. Unter dem Eindruck der Bedrohung durch das reaktionäre Europa ergriff die junge
  3689. französische Republik die notwendigen Mittel zu ihrer Verteidigung. Aber sehr bald schon
  3690. zeigte das siegreiche Bürgertum, diese von Robespierre gefeierte »universelle« Klasse,
  3691. die den Anspruch erhob, den Völkern die Freiheit zu bringen, sein wahres Gesicht: das
  3692. einer egoistischen, herrschenden Klasse, die wild entschlossen war, ihre jüngst
  3693. errungenen Privilegien zu verteidigen und ihren Platz auf den europäischen Märkten zu
  3694. erobern. Eine bemerkenswerte Konsequenz neben anderen: Auf den Antillen wurde 1803
  3695. die Sklaverei wieder eingeführt.
  3696. Ein Mann prangerte diese Perversion an: Gracchus Babeuf. Dieser Revolutionär hatte
  3697. sich 1786 erstmals zu Wort gemeldet. Elf Jahre später, 1797, ließen die neuen
  3698. Besitzenden ihn festnehmen, aburteilen und enthaupten. Die Eroberungskriege des
  3699. Direktoriums und Napoleons dienten den Interessen des neuen nationalen Bürgertums,
  3700. auch wenn es – im Namen der herrschenden Ideologie von Freiheit, Gleichheit und
  3701. Brüderlichkeit – gleichzeitig zur Errichtung laizistischer, demokratischer Republiken in den
  3702. eroberten Gebieten beitrug.
  3703. Die europäische Nation hat drei Hauptmerkmale:
  3704. Eine bestimmte Vision der Geschichte
  3705. Dem »Wunsch, gemeinsam zu leben«, dem »Bewusstsein der Einheit« (Voltaire), liegt
  3706. eine gemeinsame Vision der Geschichte zugrunde, die die Mehrheit der Angehörigen der
  3707. Nation teilt. Das Versprechen von Unabhängigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit lässt in allen
  3708. Bevölkerungsklassen den Wunsch entstehen, gemeinsam eine Nation zu bilden. Ein
  3709. gemeinsames historisches Projekt, eine von allen geteilte Sicht der Existenz, der
  3710. durchlebten Vergangenheit und des künftigen Lebens: Sie einen alle Klassen der
  3711. Gesellschaft. In diesem Sinn ist das nationale Projekt klassenübergreifend und setzt sich
  3712. über ethnische und regionale Schranken hinweg.
  3713. Aber die Klassenkämpfe gehen dennoch weiter. Die dominierende Klasse will sich des
  3714. revolutionären Prozesses zu ihrem Vorteil bemächtigen und zugleich die Nation
  3715. konsolidieren, die sie künftig lenkt. Dazu muss sie ihre eigene Klassenideologie mit der
  3716. nationalen Ideologie verschmelzen. Mit anderen Worten: Sie muss den zur Nation
  3717. gewordenen beherrschten Klassen ihre eigene Klassenideologie als nationale Ideologie
  3718. aufzwingen und dabei die Werte integrieren, die ursprünglich einmal alle Klassen als
  3719. Werte betrachteten. Sie werden damit zum Motto der Machtausübung des Bürgertums.
  3720. Über den Eingängen der Schulen und Rathäuser steht bis heute die Devise: Liberté,
  3721. Égalité, Fraternité.129
  3722. Der Ausdruck »zur Nation gewordene beherrschte Klasse« hat eine doppelte Bedeutung.
  3723. Die Arbeiterklasse beispielsweise ist eine nationale Klasse insofern, als sie die
  3724. Souveränität, die Unabhängigkeit und das Recht der Nation auf Selbstbestimmung
  3725. verteidigt, energischer und kompromissloser als andere. So hat während der Nazi-
  3726. Besatzung die französische Arbeiterklasse den höchsten Preis für den Widerstand bezahlt.
  3727. Die Arbeiter stellten die weitaus größte Zahl der Untergrundkämpfer der FTP (Francs-
  3728. Tireurs et Partisans). Aber die Bezeichnung »zur Nation geworden« enthält auch eine
  3729. Einschränkung: Wenn ein Großteil der Arbeiter in Europa nach und nach die
  3730. Notwendigkeit der internationalistischen, anti-imperialistischen Solidarität mit den
  3731. Arbeitern in Lateinamerika, Afrika und Asien, mit allen, die das multinationale
  3732. europäische Finanzkapital ausbeutet, aus dem Blick verliert, markiert der Begriff »zur
  3733. Nation gewordene Arbeiterklasse« ganz offensichtlich einen Rückschritt, eine Verengung
  3734. des Bewusstseins.
  3735. Überdies hat sich das Bürgertum der verschiedenen Nationen Europas im 19. und 20.
  3736. Jahrhundert im Zeichen nationaler Ideologien gegenseitig bekämpft. Die
  3737. Bewusstseinsinhalte einer Nation werden dann apologetisch in dem Maß, wie es für die
  3738. herrschenden Klassen bedeutsam wird, die Bewusstseinsinhalte anderer Nationen radikal
  3739. abzulehnen.
  3740. Von da an verwandelt sich die gemeinsame Sicht der Geschichte in eine bürgerliche
  3741. Sicht, die den abhängigen Klassen gewaltsam aufgezwungen wird.
  3742. Doch der klassenübergreifende Charakter der Sicht auf die Geschichte, der für die
  3743. Konstruktion und die Aufrechterhaltung der Nation notwendig ist, überdauert die
  3744. verschiedenen Phasen der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise. Seit 1792
  3745. hat sich die kapitalistische Produktionsweise fundamental verändert. Dem bürgerlichen
  3746. Kapitalismus, den ein auf Spekulation ausgerichtetes nationales Bürgertum einführte,
  3747. folgte der koloniale Kapitalismus, gekennzeichnet durch eine rasche Überakkumulation
  3748. und die militärische Beherrschung der ausländischen Märkte und der rohstoffreichen
  3749. Regionen. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts erlebte der Kapitalismus in Frankreich (wie
  3750. andernorts) eine dritte entscheidende Veränderung: Das Finanzkapital war mittlerweile
  3751. transnational geworden und übernahm das Ruder, multinationale Konzerne tauchten auf,
  3752. der bürgerliche kapitalistische Staat verlor an Gewicht und das nationale Bürgertum mit
  3753. ihm. Aus dem Bürgertum löste sich allmählich eine sehr kleine, aber sehr mächtige
  3754. Oligarchie, die ihre überstaatliche, übernationale Macht aus der imperialistischen
  3755. Profitakkumulation bezieht.
  3756. Die Nation erschien im Lauf dieser verschiedenen Phasen als eine klassenübergreifende
  3757. feste Größe, insofern alle Klassen der nationalen Gesellschaft weiterhin in der Nation ihr
  3758. Interesse verwirklicht fanden, sei es, indem sie die Nation beherrschten, sei es, dass die
  3759. Nation für sie das Territorium darstellte, das es zu befreien galt, die Herausforderung der
  3760. Souveränität, die erst noch wirklich erobert werden muss.130
  3761. Ein Territorium
  3762. Das Territorium ist vorgegeben. Die geografischen Grenzen der Nation sind das Ergebnis
  3763. der historischen Entwicklung. Daraus entstehen immer wieder territoriale
  3764. Interessenkonflikte zwischen den Nationen. Die Art und Weise, wie diese Konflikte die
  3765. nationalen Gefühle anstacheln, ist das Maß dafür, welche Bedeutung die Vorstellung vom
  3766. Territorium im kollektiven Über-Ich der Nation hat. Das Territorium steht im Mittelpunkt
  3767. der nationalistischen ideologischen Denkfiguren. Es konkretisiert materiell, sinnlich – mit
  3768. seinen Horizonten, seinem Klima, den verschiedenen natürlichen Produkten, mit seinen
  3769. Bauten und Monumenten, seinen Erinnerungsorten und so weiter – das Gefühl der
  3770. nationalen Identität. Die Mythen legitimieren es, die Ursprünge der Nation sind dort
  3771. verankert. Das Territorium bewahrt, erinnert, feiert das Gedächtnis der Nation. Deshalb
  3772. liebt jeder seine Landschaften, ist stolz auf seine Heimat.
  3773. Die Nationalhymnen besingen das Land, patriotische Gedichte beschwören es. Es ist ein
  3774. klassenübergreifender Bewusstseinsinhalt ganz einfach deshalb, weil es im Bewusstsein
  3775. aller Klassen, die in der Gesellschaft gegeneinander kämpfen, enthalten ist. La Colline
  3776. inspirée, die Hymne auf die Schönheit Frankreichs, ist das Werk von Maurice Barrès,
  3777. einem Anhänger der extremen Rechten.131 Jean Ferrat, der kommunistische Troubadour,
  3778. besingt dasselbe Land, dieselben Landschaften in einem Liebesgedicht mit dem Titel Ma
  3779. France (1969). Und Charles Trenet sang während der Besatzung in den Pariser Folies-
  3780. Bergères Douce France (1941), und der ganze Saal stimmte in den Refrain wie in eine
  3781. Hymne auf die Nation mit ein. Mit anderen Worten: Das französische Territorium prägt,
  3782. wenn auch je nach Klassen- und Generationszugehörigkeit unterschiedlich, die kollektive
  3783. Vorstellungswelt aller Franzosen. Das Territorium besitzt wahrscheinlich von allen
  3784. Bewusstseinsinhalten, die das nationale Bewusstsein bilden, die stärkste integrative
  3785. Kraft.
  3786. Eine Sprache
  3787. Die Sprache ist das privilegierte Instrument, mit dem die Nation ihr neues Bewusstsein
  3788. durchsetzt. Wie das Territorium existiert die Sprache bereits vor der Nation, aber sie ist
  3789. nicht so vorgegeben wie das Territorium. Nach den Kämpfen zwischen den herrschenden
  3790. Klassen, die aus gegensätzlichen historischen Gemeinschaften hervorgegangen sind,
  3791. wurde die Sprache der siegreichen Gemeinschaft über alle Gemeinschaften hinweg die
  3792. dominierende Sprache. Aber erst die Nation setzt die nationale Sprache durch. Ihre
  3793. allgemeine Verbreitung ist das Ergebnis der nationalen Integration, eines historischen
  3794. Prozesses, der durch den Zwang der die Nation dominierenden Klasse gesteuert wird.
  3795. Die nationale Sprache setzt sich mit der symbolischen Gewalt durch, die aus dem
  3796. kollektiven Über-Ich der Nation erwächst, aus seinen Mythen und Gesetzen, aus seiner
  3797. Pädagogik, seinem Wunsch nach Effizienz im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und
  3798. kulturellen Verkehr. Sie ist genormt, hat ihre Akademien und Wörterbücher, ihre Wächter
  3799. und Zensoren. Sie wird aufgrund eines besonderen Status zur nationalen Sprache erklärt.
  3800. Sie ist ein Produkt der Macht. In Frankreich beispielsweise hat die zentralistische
  3801. Monarchie das Idiom der Loire-Gegend auf die verschiedenen Regionen des Landes
  3802. ausgedehnt und allgemein verbreitet. Aber erst die Nation hat, oft gewaltsam, das
  3803. Französische als gemeinsame Sprache bei allen Schichten der Gesellschaft durchgesetzt.
  3804. Die zwangsweise sprachliche Vereinigung war nach 1789 für den Apparat eines
  3805. zentralistischen Nationalstaats das notwendige Instrument der nationalen Bildung, einer
  3806. Schule für alle. Und das gilt immer noch, auch wenn die Forderungen nach Autonomie und
  3807. Freiheit in den Regionen, die sich gegen die Zentralmacht auflehnen, in den alten
  3808. Sprachen der französischen Provinzen erhoben werden. Die bretonische (keltische)
  3809. Sprache in der Bretagne, das Provençal in der Provence, die Langue d’Oc im Südwesten
  3810. Frankreichs, das Elsässische im Elsass erleben derzeit eine lebhafte Renaissance, ohne
  3811. die Nationalsprache zu gefährden.
  3812. Alle Nationen sind definitionsgemäß multiethnisch – eine Folge der Wechselfälle der
  3813. Geschichte, von Wanderungsbewegungen, Entdeckungen und Eroberungen, von
  3814. Austausch aller Art, Mischehen –, laizistisch und bestehen aus mehreren Klassen. Ihre
  3815. gefährlichsten Feinde sind die Rassisten, die Antisemiten, die Fremdenfeinde und die
  3816. religiösen Fundamentalisten.
  3817. II. Die rassistische Bedrohung
  3818. Seit einer Generation hat sich die ideologische Landschaft in Europa radikal verändert:
  3819. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind wieder da. Eine Mehrheit der Menschen hält die
  3820. Äußerung entsprechender »Meinungen« für ebenso legitim wie andere Meinungen auch.
  3821. Heute vereinen überall auf dem Kontinent fremdenfeindliche politische Parteien und
  3822. Bewegungen bei absolut freien und demokratischen Wahlen und Volksabstimmungen
  3823. immer mehr Stimmen auf sich. In Frankreich ist der Front National auf dem besten Weg,
  3824. zur stärksten politischen Kraft zu werden. In Italien beherrscht die Lega Nord132 die
  3825. Regionen Veneto, Lombardei und teilweise Piemont. Der Vlaams Belang (Flämisches
  3826. Interesse), ehemals Vlaams Blok, dominiert in einer großen Stadt wie Antwerpen und den
  3827. umliegenden wohlhabenden Regionen. In der Schweiz stellt die Schweizerische
  3828. Volkspartei (SVP) die größte Fraktion in der Bundesversammlung, dem Parlament; im
  3829. Februar 2014 hat ihre Initiative gegen den freien Personenverkehr zwischen der
  3830. Europäischen Union und der Schweiz bei einer Volksabstimmung eine Mehrheit an Ja-
  3831. Stimmen bekommen.133 In den Niederlanden, in Bulgarien, der Slowakei, in Dänemark
  3832. und England erleben Bewegungen der extremen Rechten einen Aufschwung. In Ungarn
  3833. regiert eine Koalition rechtsextremer Parteien unter der Führung von Viktor Orbán.
  3834. In den Kirchen und Glaubensgemeinschaften der drei monotheistischen Religionen
  3835. gewinnen fundamentalistische Strömungen mit jedem Jahr mehr Einfluss.
  3836. Die Ursachen für den plötzlichen Ausbruch und das stetige Anwachsen rechtsextremer,
  3837. fremdenfeindlicher, rassistischer, separatistischer, laizistischer oder religiöser
  3838. Bewegungen in den demokratischen Gesellschaften Europas sind vielfältig und
  3839. vielschichtig.
  3840. Eine der wichtigsten Ursachen ist sicher psychologischer Natur. Die weltweite Diktatur
  3841. der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals, die Existenz eines Weltmarkts, der nur
  3842. seinen eigenen Gesetzen gehorcht, die als »Naturgesetze« hingestellt werden, der zum
  3843. Dogma erhobene Wettbewerb zwischen den Menschen und zwischen den Nationen, das
  3844. faktische Verschwinden eines öffentlichen Diskurses, der Werte wie Solidarität,
  3845. Allgemeinwohl, öffentliche Dienstleistung und soziale Gerechtigkeit, dazu die konkrete
  3846. Verunsicherung der individuellen Existenzen: All das provoziert ein Gefühl persönlicher
  3847. Unsicherheit, eine tiefe, anhaltende Ratlosigkeit bei Männern und Frauen in den
  3848. kapitalistischen Warengesellschaften. Claude Lévi-Strauss hat diese Reaktion als neues
  3849. mal du siècle bezeichnet: »Der Zusammenbruch jahrhundertealter Gewohnheiten, das
  3850. Verschwinden von Lebensweisen, das Zerbrechen althergebrachten
  3851. Zusammengehörigkeitsgefühls, all das verbindet sich häufig mit einer Identitätskrise.«134
  3852. Alle fremdenfeindlichen Bewegungen der extremen Rechten haben unabhängig von
  3853. ihren geografischen und historischen Ursprüngen eines gemeinsam: Sie suchen sich
  3854. Sündenböcke. Sie setzen sich über die analytische Vernunft hinweg und machen den
  3855. »Anderen«, den »Fremden« für alle Störungen, Traumata und Ängste, die in der
  3856. Gesellschaft entstehen, verantwortlich. Amin Maalouf schreibt dazu vor dem Hintergrund
  3857. der schmerzhaften Erfahrung des Bürgerkriegs in seinem Heimatland, dem Libanon: »Im
  3858. Zeitalter der Globalisierung mit seinen schwindelerregenden Umwälzungen, die uns alle
  3859. erfassen, ist ein neues Verständnis von Identität vonnöten. Wir können uns nicht damit
  3860. zufriedengeben, Milliarden von ratlosen Menschen nur die Wahl zwischen einem
  3861. übertriebenen Beharren auf ihrer Identität und dem Verlieren jeglicher Identität, zwischen
  3862. Fundamentalismus und Traditionsverlust zu lassen.«135
  3863. Rassismus ist ein absolutes Verbrechen, die höchste Form des Hasses, die endgültige
  3864. Negierung dessen, was eine Nation ausmacht. Ein Schwarzer, ein Araber, ein Jude, die
  3865. gehasst werden, weil sie schwarz, arabisch und jüdisch sind, können dem Hass nicht
  3866. entgehen, weil sie nicht aufhören können zu sein, was sie sind, in den Augen des
  3867. Rassisten wie in ihren eigenen Augen: schwarz, arabisch, jüdisch. Die allgemein
  3868. anerkannte Definition von Rassismus lautet so, wie sie die UNESCO von Claude Lévi-Strauss
  3869. übernommen hat: »Der Rassismus ist eine Doktrin, die in den intellektuellen und
  3870. moralischen Merkmalen, die einem Komplex von Individuen zugeschrieben werden (wie
  3871. immer man diesen Komplex definiert), die zwangsläufige Auswirkung eines gemeinsamen
  3872. genetischen Erbguts zu sehen behauptet.«136 Das ist der Rassismus des Nazis, des
  3873. Antisemiten, des Buren in Südafrika, des Ku-Klux-Klan, des ewigen Faschisten. Und das
  3874. absolute Gegengift gegen den Rassismus ist das Nationalbewusstsein.
  3875. Wer dem Gesellschaftsvertrag im Sinn von Rousseau137 beitritt und die Gesetze der
  3876. Republik respektiert, ist Teil der Nation.
  3877. Machen wir uns einen Begriff vom wunderbaren zivilisatorischen Reichtum der
  3878. europäischen Nationen, der aus tausend kulturellen Beiträgen als Folge der
  3879. unaufhörlichen Wanderungen entstanden ist, der sich konflikthaften Akkulturationen
  3880. ebenso verdankt wie der Gesamtheit der historischen, linguistischen, literarischen und
  3881. künstlerischen Erbschaften, dem Austausch und den Vermischungen?
  3882. Roger Bastide spricht von einem savoir savoureux (köstlichem Wissen), das durch die
  3883. einzigartige Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Kulturen und
  3884. Erinnerungen vermittelt wird. Neben und unterhalb der Hochkultur existiert – wie ein
  3885. mächtiger unterirdischer Strom – die Volkskultur. Sie entsteht durch Vermengung, durch
  3886. Vermischung der Völker, durch zufälligen, unerwarteten und unvorhersehbaren Austausch,
  3887. durch die spontanen Wahrnehmungen eines jeden. Sie wohnt dem nationalen
  3888. Bewusstsein inne und bereichert es.
  3889. Die Ansammlung einzigartiger kultureller Zugehörigkeiten in einer Gesellschaft und die
  3890. vielfältigen Zugehörigkeiten, die jeder in sich trägt, bilden den großen Reichtum der
  3891. Nationen und sind das Zeichen der großen Kulturen. Der Terror, den rassistische Parteien
  3892. und Bewegungen verbreiten, die nur eine Identität kennen, bedroht diesen Reichtum, das
  3893. Zeichen der Zivilisiertheit.138
  3894. Man könnte auf die Nation übertragen, was Fernand Braudel, der geniale Chronist des
  3895. Mittelmeerraums, über die Kultur gesagt hat: »Lebendig sein heißt für eine Kultur, fähig
  3896. zu sein zum Geben, aber auch zum Nehmen, zur Anleihe […] Doch genauso gut erkennt
  3897. man eine große Kultur auch an dem, was sie zu übernehmen sich weigert, woran sie sich
  3898. nicht anpassen will, was sie aus dem Angebot an fremden Einflüssen auswählt, die ihr
  3899. häufig aufgezwungen würden, wenn dem nicht Wachsamkeit oder schlicht
  3900. Unvereinbarkeiten von Temperament und Appetit entgegenstünden.«139 In der Realität
  3901. schließen sich verschiedene Formen des Austauschs und des Widerstands innerhalb einer
  3902. Nation nicht aus. Wenn man einen Gegensatz daraus konstruiert, wie es die Parteien der
  3903. extremen Rechten tun, führt das zum Niedergang, zur Sterilität. Die Besonderheit einer
  3904. jeden Nation ergibt sich zwar aus einer gewissen Abgrenzung, aber ohne Austausch und
  3905. ohne bereichernde Anleihen bei anderen erstarrt die Nation und geht zugrunde.
  3906. Ich habe es bereits gesagt: Gegen den unerbittlichen Zwang der Globalisierung erhebt
  3907. sich der Mensch. Er weigert sich, mit einer schlichten Information in einem elektronischen
  3908. Kreislauf gleichgesetzt zu werden. Er begehrt auf und wehrt sich. Aus den Trümmern
  3909. dessen, was ihm von der Geschichte geblieben ist, von alten Glaubensüberzeugungen,
  3910. von Erinnerungen, von aktuellen Wünschen, bastelt er sich eine Identität, in der er
  3911. Zuflucht sucht und sich vor der totalen Zerstörung zu schützen versucht. Die homogene
  3912. Identität einer kleinen Gruppe, die manchmal ethnisch definiert ist und manchmal
  3913. religiös, aber fast immer rassistische Züge trägt, ist ein solcher Zufluchtsort. Diese
  3914. »Bastelei« ist Frucht der Ratlosigkeit und öffnet politischen Manipulationen Tür und Tor.
  3915. Unter dem Vorwand des Rechts auf Selbstverteidigung rechtfertigt der Rassismus Gewalt.
  3916. Die Mono-Identität ist das genaue Gegenteil der Nation, einer demokratischen
  3917. Gesellschaft, einer lebendigen, zur Entwicklung fähigen Gesellschaft, die aus der Nutzung
  3918. unterschiedlicher kultureller Zugehörigkeiten und aus freien Stücken übernommener
  3919. kultureller Vermächtnisse entstanden ist.
  3920. Die Nation, die der neoliberalen Ideologie und der Privatisierung der Welt ausgeliefert
  3921. ist, droht zu sterben. Alain Touraine hat dafür dieses eindrucksvolle Bild gefunden:
  3922. »Zwischen dem weltweiten, globalisierten Markt und den unzähligen
  3923. fundamentalistischen Bewegungen an seinen Rändern befindet sich ein großes schwarzes
  3924. Loch. In diesem Loch drohen der allgemeine Wille, das öffentliche Interesse, der Staat,
  3925. die Werte, die öffentliche Moral, die Beziehungen zwischen den Menschen zu versinken,
  3926. kurzum alles, was die Nation ausmacht.«140
  3927. III. Die misslungene Dekolonisation
  3928. Der Genfer Park von Mon Repos ist ein mit uralten Zypressen bestandener öffentlicher
  3929. Garten, der sich längs des linken Ufers der Genfer Seebucht erstreckt. Die verwunderten
  3930. Anwohner des benachbarten Quartiers Les Pâquis wohnen regelmäßig einem ziemlich
  3931. erstaunlichen Spektakel bei: Ein korpulenter, hochgewachsener schwarzer Mann mit
  3932. traurigen Augen bewegt sich – halb gehend, halb laufend – mit keuchendem Atem über
  3933. die Uferpromenade, gefolgt von vier jungen Genfer Kantonspolizisten, einem Tross
  3934. schwarzer Leibwächter und einigen ebenfalls keuchenden schwarzen Diplomaten. Es ist
  3935. der morgendliche Trainingslauf des amtierenden Präsidenten der Republik Kamerun, Paul
  3936. Biya. Biya ist einer der schillerndsten Satrapen des Kontinents, ein willfähriger Söldner,
  3937. insbesondere der französischen Konzerne.
  3938. Seit über dreißig Jahren sorgen die französischen Geheimdienste dafür, dass die
  3939. »Wahlen« im gewünschten Sinn ablaufen. 1984 wurde Paul Biya zum ersten Mal mit 99
  3940. Prozent der Stimmen »gewählt«. Stéphane Fouks, ein persönlicher Freund und politischer
  3941. Verbündeter von Manuel Valls (seit März 2014 französischer Premierminister) ist heute für
  3942. Biyas internationales Erscheinungsbild zuständig. Auf der Liste des
  3943. Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen rangiert Kamerun auf Platz 131. Die
  3944. durchschnittliche Lebenserwartung – von Frauen und Männern zusammengerechnet –
  3945. beträgt 52 Jahre (gegenüber 80 Jahren in Frankreich). Weniger als 30 Prozent der
  3946. Menschen haben regelmäßig Zugang zu sauberem Trinkwasser. 36,8 Prozent leiden unter
  3947. dauerhafter, schwerer Unterernährung.
  3948. Auf der anderen Seite besitzt Kamerun Erdöl, Erze und landwirtschaftliche Produkte im
  3949. Überfluss.
  3950. Biya und seine Freunde lieben Genf. Er hält sich mehrfach im Jahr dort auf und wohnt
  3951. dann bis zu 44 Tage auf zwei eigens für ihn reservierten Etagen des Luxushotels
  3952. Intercontinental. 44 Tage ist der maximale Zeitraum, für den nach der Verfassung von
  3953. Kamerun die Macht verwaist sein darf. Die Gebühren, die dafür fällig werden, dass die
  3954. Präsidentenmaschine auf dem Flughafen Genf-Cointrin stehen darf, belaufen sich auf
  3955. 11000 Euro – pro Tag.
  3956. Die Soziogenese der außereuropäischen Nationen, insbesondere der Nationen in Afrika,
  3957. unterscheidet sich radikal von der europäischer Nationen.
  3958. Tatsächlich leben heute sehr wenige afrikanische Völker, vor allem südlich der Sahara,
  3959. eine authentische kollektive Existenz. Das vorherrschende soziale Gebilde im heutigen
  3960. Schwarzafrika ist die Protonation. Das griechische Wort protos (erster) bedeutet hier
  3961. embryonal, rudimentär, unvollendet, fragil. Die Protonation ist keine Etappe auf dem Weg
  3962. der Nationenentstehung, und sie ist auch keine Fehlform der vollendeten Nation, die in
  3963. ihrer Entwicklung ins Stocken geraten ist. Die Protonation ist ein gesellschaftliches
  3964. Gebilde sui generis. Sie ist eine reine Schöpfung des Imperialismus.
  3965. Bevor wir die afrikanischen Protonationen näher untersuchen, wollen wir sehen, wie und
  3966. warum die Kolonialreiche zusammengebrochen sind.
  3967. Die Entkolonialisierung der afrikanischen Völker, ist ein Prozess, der vor mehr als fünfzig
  3968. Jahren begonnen hat und bis heute nicht zu Ende ist. Bestimmte afrikanische Völker wie
  3969. die Sahrauis in Westafrika leben, wie wir gesehen haben, immer noch unter kolonialer
  3970. Besatzung. Um die Gründe dafür zu verstehen, müssen wir uns den Prozess der Auflösung
  3971. der Kolonialreiche näher anschauen.
  3972. Erste Kausalkette: die Bedingungen der Kämpfe gegen die Kolonialherren und das
  3973. Desinteresse der Kommunistischen Internationale für diese Kämpfe. Beim sechsten
  3974. Komintern-Kongress in Moskau 1928 verhalf die Sowjetunion – auf die sich damals alle
  3975. Hoffnungen auf Befreiung richteten – einer streng dogmatischen These zum Triumph.
  3976. Stalin zufolge war der Kolonialismus nur ein Epiphänomen. Der Aufbau des Sowjetstaats,
  3977. die Doktrin vom »Sozialismus in einem Land« als nationale Bastion einer Revolution, die
  3978. die gesamte Welt erfassen sollte, musste absolute Priorität haben. Da Kolonialismus und
  3979. Imperialismus notwendige Entwicklungsstadien der kapitalistischen Gesellschaft seien,
  3980. werde der Zerfall dieser Gesellschaft das Problem lösen. Mit dem Triumph der
  3981. proletarischen Revolution in den westeuropäischen Gesellschaften werde ipso facto die
  3982. Kolonialherrschaft in Afrika, Asien und Lateinamerika enden.
  3983. Innerhalb der Komintern gab es ein Gremium, das damit beauftragt war, die
  3984. revolutionäre Arbeit bei den Schwarzen in Afrika und in der Diaspora zu koordinieren: das
  3985. »Negerbüro«. Die besten afrikanischen Aktivisten wurden Mitglieder der sowjetischen
  3986. kommunistischen Partei. Bis zu ihrem endgültigen Bruch mit der III. Internationale 1935
  3987. arbeiteten sie in Organisationen wie der Liga gegen den Imperialismus, der Liga zur
  3988. Verteidigung der Negerrasse und der Liga für die Befreiung des Orients, deren
  3989. revolutionäre Ausstrahlung bis in die Karibik und in die Vereinigten Staaten reichte.
  3990. Ich nenne zwei Beispiele: George Padmore, ein Aktivist von den englischen Antillen,
  3991. wurde Delegierter der Komintern in China. Wie alle revolutionären Kämpfer aus Afrika
  3992. brach er 1935 mit der Komintern.
  3993. Beim 5. Panafrikanischen Kongress in Manchester 1945 stellte er seine Erfahrung und
  3994. seine Intelligenz Kwame Nkrumah zur Verfügung. In der Folgezeit spielte er eine
  3995. entscheidende Rolle bei der Organisation des ghanaischen Unabhängigkeitskampfs und
  3996. beim Aufbau des ersten Nationalstaats in Afrika, Ghana, dessen Unabhängigkeit 1957
  3997. proklamiert wurde.141 Lamine Senghor aus Kaolack, der als Senegalschütze am Ersten
  3998. Weltkrieg teilnahm, trat 1924 im 13. Pariser Arrondissement als kommunistischer
  3999. Kandidat bei der Abgeordnetenwahl an. Er wurde Präsident des Komitees für die
  4000. Verteidigung der schwarzen Rasse. Sein Tagebuch La Voix des nègres (Die Stimme der
  4001. Neger) übte auf eine ganze Generation von Kämpfern gegen den Kolonialismus großen
  4002. Einfluss aus. Zusammen mit Gorki, Nehru, Messali Hadj, Barbusse und Albert Einstein
  4003. wurde er in seinem Todesjahr 1927 beim Kongress in Brüssel ins Büro der Liga gegen den
  4004. Imperialismus gewählt.142
  4005. 1945 waren die Rahmenbedingungen endlich so, dass die nationalen Befreiungskämpfe
  4006. wieder aufgenommen werden konnten. Die Delegierten der Bewegungen aus den
  4007. französischsprachigen Ländern Afrikas trafen sich in Bamako zur Gründungsversammlung
  4008. der Afrikanischen Demokratischen Sammlung (Rassemblement démocratique africain,
  4009. RDA), bei der sie die Grundlagen für eine einheitliche Befreiungsfront des gesamten
  4010. Kontinents legten. Die Aktivisten aus den englischsprachigen afrikanischen Ländern
  4011. wiederum versammelten sich im selben Jahr zum 5. Panafrikanischen Kongress in
  4012. Manchester. Unter dem Vorsitz von Jomo Kenyatta, unterstützt von Kwame Nkrumah,
  4013. arbeiteten sie ein detailliertes Programm aus, wie der panafrikanische Befreiungskampf in
  4014. Gang gebracht werden sollte. Aber im Verlauf der Unabhängigkeitskämpfe wurden die
  4015. Sektionen der RDA (von der Elfenbeinküste, aus Guinea, Mali und so weiter) allesamt zu
  4016. »nationalen« Parteien. Wenn man die Ursachen für diesen Rückzug auf sich selbst
  4017. betrachtet, darf man ganz sicher den Druck aus den Metropolen nicht außer Acht lassen.
  4018. So setzte beispielsweise 1956 Gaston Defferre, damals Minister für die überseeischen
  4019. Gebiete in der französischen Regierung, ein Rahmengesetz durch (»loi-cadre Defferre«),
  4020. das den Kolonialgebieten innere Autonomie bringen sollte. Jedes Gebiet bekam ein
  4021. Parlament und eine eigene Regierung. Tatsächlich unterlief diese »fortschrittliche«
  4022. Maßnahme, die ab 1957 angewendet wurde, das Projekt von Bamako und sprengte die
  4023. kontinentweite antikolonialistische Front der RDA. In dem Zusammenhang muss noch der
  4024. Verrat des Präsidenten der RDA, Félix Houphouët-Boigny erwähnt werden, der der
  4025. Studentenvereinigung innerhalb der RDA unter Führung von Cheikh Anta Diop Widerstand
  4026. leistete und sich hartnäckig allen Forderungen nach Unabhängigkeit widersetzte.
  4027. Heute ist Afrika mit seinen 54 Staaten der am stärksten zersplitterte Kontinent des
  4028. Planeten. Die Projekte von Bamako und Manchester, der Traum von der Befreiung des
  4029. afrikanischen Kontinents, der panafrikanischen Erhebung, sind gescheitert. Und drei
  4030. Viertel der afrikanischen Nationen verfügen heute über keinerlei echte Souveränität.
  4031. Die zweite Kausalkette beim Sturz der Kolonialreiche und der Entkolonialisierung der
  4032. afrikanischen Völker hat ihren Ursprung mitten im Zweiten Weltkrieg und geht auf eine
  4033. Initiative von Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill zurück.
  4034. Am 14. August 1941 trafen sich der britische Premierminister Churchill und der
  4035. amerikanische Präsident Roosevelt auf dem Kriegsschiff USS Augusta, das vor Neufundland
  4036. kreuzte. Roosevelt hatte das Treffen vorgeschlagen. In seiner »Rede über die vier
  4037. Freiheiten« hatte er am 6. Januar 1941 vor dem Kongress in Washington die Freiheiten
  4038. aufgezählt, die er, wie er versicherte, weltweit durchsetzen wollte: Meinungsfreiheit,
  4039. Religionsfreiheit, Freiheit von Not (freedom from want) und Freiheit von Furcht (freedom
  4040. from fear).
  4041. Die »vier Freiheiten« gaben die Grundlage für die Atlantikcharta ab, die am 14. August
  4042. 1941 auf der USS Augusta beschlossen wurde. Dies sollte die Geburtsstunde einer neuen
  4043. internationalen Ordnung sein. Hören wir noch einmal die Artikel der Charta:
  4044. »1. Unsere Länder streben nicht nach territorialer Expansion.
  4045. 2. Sie wünschen keinerlei territoriale Veränderungen, die nicht im Einklang mit den in
  4046. voller Freiheit ausgedrückten Wünschen der betroffenen Völker stehen.
  4047. 3. Sie achten das Recht aller Völker, sich jene Regierungsform zu geben, unter der sie zu
  4048. leben wünschen. Die souveränen Rechte und autonomen Regierungen aller Völker, die
  4049. ihrer durch Gewalt beraubt wurden, sollen wiederhergestellt werden.
  4050. 4. Sie werden, ohne ihre eigenen Verpflichtungen außer Acht zu lassen, für einen freien
  4051. Zutritt aller Staaten, der großen wie der kleinen, der Sieger wie der Besiegten, zum
  4052. Welthandel und zu jenen Rohstoffen eintreten, die für deren wirtschaftliche Wohlfahrt
  4053. vonnöten sind.
  4054. 5. Sie erstreben die engste Zusammenarbeit aller Nationen auf wirtschaftlichem
  4055. Gebiete, eine Zusammenarbeit, deren Ziel die Herbeiführung besserer
  4056. Arbeitsbedingungen, ein wirtschaftlicher Ausgleich und der Schutz der Arbeitenden ist.
  4057. 6. Sie hoffen, dass nach der endgültigen Vernichtung der Nazi-Tyrannei ein Frieden
  4058. geschaffen werde, der allen Völkern erlaubt, innerhalb ihrer Grenzen in vollkommener
  4059. Sicherheit zu leben, und der es allen Menschen in allen Ländern ermöglicht, ihr Leben frei
  4060. von Furcht und von Not zu verbringen.
  4061. 7. Dieser Friede soll allen Völkern die freie Schifffahrt auf allen Meeren und Ozeanen
  4062. ermöglichen.
  4063. 8. Sie sind von der Notwendigkeit überzeugt, dass aus praktischen wie aus sittlichen
  4064. Gründen alle Völker der Welt auf den Gebrauch der Waffengewalt verzichten müssen. Da
  4065. kein Friede in Zukunft aufrechterhalten werden kann, solange die Land-, See- und
  4066. Luftwaffen von Nationen, die mit Angriff auf fremdes Gebiet gedroht haben oder damit
  4067. drohen können, zu Angriffszwecken benutzt werden können, halten sie bis zur Schaffung
  4068. eines umfassenden und dauerhaften Systems allgemeiner Sicherheit die Entwaffnung
  4069. dieser Nationen für notwendig. Ebenso werden sie alle Maßnahmen unterstützen, die
  4070. geeignet sind, die erdrückenden Rüstungslasten der friedliebenden Völker zu erleichtern.«
  4071. Ein paar Monate vor seinem Tod bekräftigte Roosevelt mit eindrucksvollen Worten die
  4072. Entscheidung, die er zusammen mit Churchill getroffen hatte: »Ohne wirtschaftliche
  4073. Sicherheit und Unabhängigkeit kann es keine echte persönliche Freiheit geben. Menschen,
  4074. die Sklaven der Notwendigkeit sind, sind keine freien Menschen. Völker, die hungern und
  4075. keine Arbeit haben, sind der Stoff, aus dem Diktaturen gemacht werden. Heute gelten
  4076. diese Wahrheiten als selbstverständlich. Wir brauchen eine zweite Erklärung der
  4077. Menschenrechte, mit der Sicherheit und Wohlstand für alle ein neues Fundament
  4078. bekommen, unabhängig von ihrer Klasse, Rasse und ihrem Glauben.«143
  4079. Die Atlantikcharta von 1941 verurteilte eindeutig und ein für allemal jede Form der
  4080. Kolonialherrschaft in Afrika und überall auf der Welt. Weil Winston Churchill von seinem
  4081. amerikanischen Verbündeten abhing, musste er notgedrungen diese Verurteilung,
  4082. schlimmer noch: diesen Totenschein für das britische Weltreich unterschreiben.
  4083. In der Atlantikcharta war auch zum ersten Mal von der Einheit aller Nationen der Welt
  4084. die Rede. Die Weltorganisation mit dem ergreifenden Namen »Vereinte Nationen« wurde
  4085. nach dem Tod des Visionärs Roosevelt im Juni 1945 in San Francisco gegründet. Eines
  4086. ihrer von Anfang an aktivsten und einflussreichsten Organe ist der Treuhandrat
  4087. (Trusteeship Council), der den Auftrag bekam, die Auflösung der Kolonialreiche und den
  4088. Weg der Kolonialvölker in die Unabhängigkeit zu steuern – gewissermaßen
  4089. Entkolonialisierung durch die Kolonialherren selbst.
  4090. Die dritte Kausalkette hängt offenkundig damit zusammen, dass die westlichen
  4091. Kriegsparteien im Zweiten Weltkrieg Hunderttausende Soldaten aus Übersee eingesetzt
  4092. haben. Die Soldaten aus Vietnam, Kambodscha und Indien, vor allem aber die
  4093. Senegalschützen (die Bezeichnung wurde zum Oberbegriff für alle Soldaten aus
  4094. Schwarzafrika), die marokkanischen Goumiers und andere, die im Allgemeinen heldenhaft
  4095. gekämpft und entsetzliche Verluste erlitten hatten, erkannten schlagartig die Absurdität
  4096. der Situation: Sie hatten schreckliches Leid ertragen, um Europa von der Nazi-Pest zu
  4097. befreien, und nun kehrten sie nach Hause unter das koloniale Joch zurück! Die Mehrheit
  4098. dieser Kämpfer bildete die Avantgarde der neuen kolonialen Rebellenbewegungen.
  4099. Ahmed Ben Bella, der zusammen mit Kameraden den Aufstand an Allerheiligen 1954
  4100. organisierte und 1962 erster Präsident des befreiten Algerien wurde, hatte 1944 zu den
  4101. Helden der Schlacht um Monte Cassino gehört, in der die Armee von General Juin sich
  4102. durch die deutschen Linien nördlich von Neapel kämpfte und auf Rom vorrückte. General
  4103. de Gaulle hatte Ben Bella persönlich für seine Tapferkeit vor dem Feind ausgezeichnet.
  4104. Eine vierte Ursache für die Implosion der Kolonialreiche hat schließlich mit den
  4105. schrecklichen Verheerungen – Hunger, materielle Zerstörung, Verluste an Menschenleben,
  4106. wirtschaftlicher Ruin – zu tun, die die nationalsozialistische Aggression in den Ländern
  4107. Europas anrichtete. Als die Schlächterei des Zweiten Weltkriegs vorüber war, hatten
  4108. weder Frankreich noch Belgien, noch England – um nur diese drei Kolonialmächte zu
  4109. nennen – die Kraft, ihre Reiche zu konsolidieren. 1947 wurde der indische Subkontinent
  4110. unabhängig. Die französische Kolonialstreitmacht wurde 1954 im Kessel von Diên Biên
  4111. Phu aufgerieben. In Afrika eröffnete der Sieg des aufständischen Volks von Algerien den
  4112. Weg für die Befreiung aller frankophonen Staaten. Die britischen Soldaten erlitten im
  4113. Hochland von Kenia, zwischen dem Kilimandscharo und dem Berg Kenia, trotz äußerst
  4114. grausamer Verbrechen (wozu insbesondere die systematische Entmannung ihrer
  4115. Gefangenen gehörte) durch die Mau-Mau-Kämpfer eine Niederlage nach der anderen.
  4116. IV. Das Versagen der Eliten
  4117. Kommen wir nun zu der Frage, warum in Schwarzafrika die Dekolonisation weitgehend
  4118. gescheitert ist und warum – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine Nationen,
  4119. sondern nur Protonationen entstanden sind.
  4120. In Luanda (Angola), in einer wunderschönen Bucht am Südatlantik gelegen, stehen
  4121. unermessliches Elend und aggressiver Luxus unmittelbar nebeneinander. Die Paläste der
  4122. Generäle, Minister und der Herrscherfamilie ragen mitten aus dem trostlosen Meer der
  4123. Wellblechhütten der Elendsquartiere, genannt mukeke. Verseuchtes Wasser,
  4124. Unterernährung und Epidemien töten in Angola jährlich Zehntausende von Menschen.
  4125. Angola ist nach Nigeria der zweitgrößte Erdölproduzent südlich der Sahara. Zehn meist
  4126. staatliche Minen beuten 76 Prozent der Diamanten aus. Die Befreiungsarmee und die
  4127. Widerstandsfront des MPLA (Mouvement Populaire de la Libération d’Angola), die in den
  4128. 1960er- und 1970er-Jahren gegen Portugal die Unabhängigkeit erkämpften und im
  4129. November 1975 vor Luanda – dank der Hilfe kubanischer Soldaten – das südafrikanische
  4130. Expeditionskorps in die Flucht geschlagen hatten, sind heute korrupte Banden. Die großen
  4131. Gründerväter – Agostino Neto, der Poet Mario de Andrade, Lucio Lara – sind längst tot
  4132. oder verstoßen (Lucio Lara). Die absolute, uneingeschränkte Macht liegt seit über dreißig
  4133. Jahren in den Händen des in Russland ausgebildeten und mit einer Russin verheirateten
  4134. Ingenieurs Eduardo dos Santos und seiner Verwandten.
  4135. Gestohlen wird mittels eines undurchsichtigen Geflechts von Offshore-Gesellschaften.
  4136. 2013 verlangte der IWF Auskunft über den Verbleib von 33,4 Milliarden US-Dollar, die als
  4137. Kredit an Angola gegangen und daraufhin unauffindbar verschwunden waren. Diamanten
  4138. werden meist direkt in den Minen geraubt oder von den Garimpeiros (illegale
  4139. Diamantenschürfer) erpresst.
  4140. Diamanten sind international nur handelbar, wenn sie durch ein Exportzertifikat
  4141. legitimiert sind. Die angolanische Herrscherfamilie und ihre Komplizen haben mit dem
  4142. schweizerischen Zoll ein fruchtbares Arrangement gefunden: Die geraubten Diamanten
  4143. werden ins riesige Zollfreilager (Ports Francs et Entrepôts) in Genf eingeliefert. Dann
  4144. werden sie an Scheinfirmen oder Strohmänner ausgeliefert – »entzollt« – und kommen
  4145. auf den Markt. Die Republik Genf, in deren Boden bis dato noch nie ein Diamant gefunden
  4146. wurde, gehört somit zu den größten »Diamantenproduzenten« der Welt.
  4147. Der koloniale Besatzer, das multinationale Finanzkapital, die politische, wirtschaftliche
  4148. und militärische Aggression haben die präkapitalistischen Produktionsweisen zerstört, die
  4149. politischen Ordnungen der verschiedenen Ethnien durcheinandergebracht, soziale
  4150. Unterschiede verschärft, »nationale« Grenzen oktroyiert, die den Trennlinien folgten, die
  4151. bei der Berliner Konferenz 1885 gezogen wurden, als die westlichen Mächte Afrika unter
  4152. sich aufteilten. Die afrikanische Kompradoren-Bourgeoisie144, die aus der
  4153. Entkolonialisierung hervorging, verdankt ihre Existenz dem kolonialen Pakt und allein dem
  4154. Willen der Konzerne. Anders als die Bourgeoisie in Europa ist sie nicht durch den Kampf
  4155. gegen eine einheimische Feudalklasse entstanden und definiert sich nicht im Gegensatz
  4156. zu ihr. Außerdem baut die Protonation nicht auf einem alternativen Bewusstsein auf, das
  4157. mit dem System der symbolischen Gewalt des transkontinentalen Finanzkapitals bricht.
  4158. Vielmehr neigt diese Bourgeoisie stark zur Nachahmung, zur Reproduktion von
  4159. Konsumgewohnheiten, die aus den kolonialen Metropolen stammen, zur Übernahme
  4160. fremder Muster. Doch obwohl die politischen Führer der Protonationen in das weltweite
  4161. imperialistische System integriert sind und damit die finanzielle und wirtschaftliche
  4162. Ausbeutung ihrer Länder zulassen, versuchen sie ihren eigenen Platz im imperialistischen
  4163. Geflecht zu finden.
  4164. Bei der Ausarbeitung ihrer Selbstbilder bedienen sie sich denkbar wirrer, konfuser
  4165. Theorien: Diese Bilder und Symbolsysteme reichen von der »Authentizitäts«-Theorie des
  4166. Marschalls Joseph-Désiré Mobutu bis zur »Lord’s Resistance Army« des Uganders Joseph
  4167. Kony.
  4168. Die Protonation ist das Ergebnis einer besonderen Wendung in der Geschichte des
  4169. Imperialismus: Sie entstand durch die Umorientierung, die Umstrukturierung, die neue
  4170. Ausbalancierung des imperialistischen Systems am Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals
  4171. entschieden die imperialistischen Mächte, den »autochthonen« Klassen, die sie selbst
  4172. geschaffen hatten und die sie nach wie vor mit symbolischer Gewalt beherrschten, formell
  4173. die Macht zu übertragen.
  4174. Ein kompliziertes Gewirr von Verträgen über die »gemeinsame Sicherheit« garantiert
  4175. den Fortbestand der Regime, die bei der »Unabhängigkeit« der betreffenden Staaten
  4176. installiert wurden.
  4177. Konkret bedeutet dies, dass das Kompradoren-Bürgertum, dem die Kolonialherren die
  4178. formelle Macht übertragen haben, sich überall, von Bangui bis Douala, von Nairobi bis
  4179. Kampala, im Wesentlichen gleich verhält. Frantz Fanon sagt darüber: »Trotzdem fordert
  4180. auch die ›nationale‹ Bourgeoisie die Nationalisierung der Wirtschaft und des Handels,
  4181. weil nationalisieren für sie nicht heißt, die gesamte Wirtschaft in den Dienst des Volkes
  4182. stellen, alle Bedürfnisse der Nation befriedigen, den Staat an neuen sozialen
  4183. Verhältnissen ausrichten, um deren Entwicklung zu fördern. Nationalisierung bedeutet für
  4184. sie ganz einfach die Übertragung der aus der Kolonialperiode ererbten Vorrechte auf die
  4185. Autochthonen.«145
  4186. Frantz Fanon hat recht: Charakteristisch für die Machtausübung der »Eliten«, die in der
  4187. Vergangenheit vom Kolonialherren installiert wurden und heute von den Oligarchien des
  4188. transkontinentalen Kapitals benutzt werden, ist eine permanente Vermischung von
  4189. individuellem Vorteil und Gemeinwohl. In den meisten Ländern des afrikanischen
  4190. Kontinents gründet die Vorstellung von »nationalen« politischen Führern auf dieser
  4191. Vermischung mit der Folge, dass sie sich zuverlässig persönlich bereichern können: Denis
  4192. Sassou-Nguesso, seit mehr als einer Generation Präsident von Kongo-Brazzaville, geht
  4193. mit den Abgaben, die der französische Erdölkonzern ELF dafür zahlt, dass dieser die
  4194. Ölvorkommen im Meer vor Pointe-Noire ausbeuten darf, so um, als wäre es sein
  4195. persönliches Einkommen und das seiner Familie. Zwei renommierte Zeitschriften haben
  4196. die Vorwürfe untersucht, Forbes aus den Vereinigten Staaten und Venture aus Nigeria. Im
  4197. Jahr 2014 gibt es auf dem afrikanischen Kontinent 55 Dollarmilliardäre, während 35,2
  4198. Prozent der Bevölkerung unter anhaltender schwerer Unterernährung leiden. Die meisten
  4199. Milliardäre stehen in engen Beziehungen zu den Staatschefs. An der Spitze der
  4200. Milliardärsliste rangieren drei Frauen, die Verwandte von Staatschefs sind oder zu ihrem
  4201. engen Umkreis gehören. Die älteste Tochter des angolanischen Präsidenten José Edoardo
  4202. dos Santos, die schöne Isabel dos Santos, besitzt ein Vermögen von 3,5 Milliarden Dollar.
  4203. Ngina Kenyatta, die Witwe von Jomo Kenyatta und Mutter des amtierenden kenianischen
  4204. Präsidenten Uhuru Kenyatta, ist 5,4 Milliarden Dollar schwer. Und die sehr enge
  4205. Mitarbeiterin des ehemaligen nigerianischen Präsidenten Ibrahim Babangida, Folorunsho
  4206. Alakija, hat laut Venture ein persönliches Vermögen von 7,3 Milliarden Dollar.
  4207. Die Protonation ist heute die in Afrika am meisten verbreitete Gesellschaftsform. Sie ist
  4208. eine Schöpfung des Imperialismus. Der Imperialismus steckte in der Krise, musste sich
  4209. umorientieren, seine Kräfte neu sammeln, effizientere, flexiblere und rationellere Formen
  4210. der Beherrschung etablieren, die kostengünstiger und schließlich auch sicherer waren als
  4211. die vorherigen. Die Protonation war das Ergebnis der neuen Strategie. Sie rechtfertigt den
  4212. direkten Zugriff des transkontinentalen Finanzkapitals auf die natürlichen Ressourcen, die
  4213. Arbeitskraft und das strategisch wichtige Territorium der Länder der Peripherie.
  4214. Ihr Zugriff ist bewundernswert gut verschleiert. Formal herrscht eine »unabhängige«
  4215. Regierung über das Land. Ein autochthoner Staat – mit eigener Polizei, Armee,
  4216. Arbeitsgesetzgebung und so weiter – erstickt alle aufrührerischen Anwandlungen und
  4217. alles Aufbegehren gegen die Ausbeutung. Ein eng mit den ausländischen
  4218. Raubtierkapitalisten verbundenes lokales Bürgertum lebt von den Krumen, die bei der
  4219. imperialistischen Ausplünderung abfallen, und verwaltet den Staat. Natürlich führt dieses
  4220. lokale Bürgertum »nationalistische« Reden, spricht von »Unabhängigkeit«, von
  4221. Forderungen und äußert manchmal sogar »revolutionäre« Ideen, die aber, weil es den
  4222. Worten niemals Taten folgen lässt, nur eine Nebelwand sind. Es täuscht die weltweite
  4223. öffentliche Meinung ebenso wie die unterjochten Völker selbst. Hinter der Nebelwand
  4224. kann das transkontinentale Finanzkapital in Ruhe die Ausplünderung organisieren.
  4225. Für all das gibt es unzählige Beispiele. Fria, ein Konsortium westlicher Firmen,
  4226. ursprünglich zusammengebracht von dem französischen Aluminiumkonzern Pechiney, hat
  4227. über mehr als fünfzig Jahre hinweg die Bauxit-Vorkommen in Guinea-Conakry zu extrem
  4228. günstigen Bedingungen ausgebeutet, die es selbst diktiert hatte. Guinea verfügt über ein
  4229. Drittel der gesamten Bauxit-Reserven des Planeten. Der Staat musste direkt oder indirekt
  4230. den größten Teil der Infrastruktur bezahlen (Wohnungen für die Arbeiter, Eisenbahnlinien
  4231. zum Meer, Hafeneinrichtungen und so weiter). Und er musste das überausgebeutete Volk
  4232. unterwerfen und ihm eine strikte Ordnung aufzwingen. Das Bauxit-Konsortium nimmt bis
  4233. heute Einfluss bei jeder noch so kleinen politischen, wirtschaftlichen und
  4234. gesellschaftlichen Entscheidung der Regierung in Conakry.146
  4235. Ein weiteres Beispiel: Seit mehr als vierzig Jahren beutet der französische multinationale
  4236. Konzern Areva die Uranminen in Niger aus. Niger verfügt über die zweitgrößten
  4237. Uranvorkommen weltweit. Auf der Liste der ärmsten Länder der Welt, die alljährlich vom
  4238. Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP-Human Development Index) erstellt
  4239. wird, rangiert Niger an vorletzter Stelle. Niger ist demnach das zweitärmste Land der
  4240. Welt. Die 10 Millionen Einwohner leiden regelmäßig unter Dürre und schrecklichen
  4241. Hungersnöten. Aber ihre Regierung kann nicht einen Cent ausgeben, um
  4242. Bewässerungsprogramme umzusetzen oder Lebensmittel aufzukaufen und
  4243. Nahrungsmittelreserven anzulegen. Greenpeace hat es trotz all seiner Bemühungen –
  4244. auch auf juristischem Weg – nicht geschafft, dass der ausbeuterische Vertrag
  4245. veröffentlicht wurde, der Niger an Areva bindet.
  4246. Welches ist die neue herrschende Klasse in diesen Protonationen? Das nationale
  4247. Bürgertum? Das existiert in Schwarzafrika praktisch nicht. Die Kompradoren-Bourgoisie?
  4248. Sie ist die wahre herrschende Klasse in den Protonationen. Sie schöpft das ab, was man
  4249. als »staatlichen Mehrwert« bezeichnet. Sie konsumiert verschwenderisch. Sie kümmert
  4250. sich wenig um die Akkumulation im Land. Sie steuert die Importe des Landes nach ihren
  4251. Konsumgewohnheiten und nicht nach den realen Bedürfnissen des Landes.
  4252. Die Bauern im Senegal bekommen für ihre Erdnüsse ein Achtel des durchschnittlichen
  4253. Weltmarktpreises. Staatliche Einrichtungen des Senegal kaufen die Erdnüsse auf und
  4254. streichen den Mehrwert ein. Der Mehrwert fließt zum größten Teil zurück an die
  4255. Staatsbourgeoisie, an die hohen und mittleren Funktionäre, Politiker und so weiter, deren
  4256. Gehälter in keinem Verhältnis zum Durchschnittseinkommen der Menschen stehen. Diese
  4257. vielköpfige, oftmals parasitäre Staatsbourgeoisie genießt zahlreiche Privilegien. Neben
  4258. luxuriösen Dienstlimousinen bekommt sie üppige Baudarlehen: Die Staatsbourgeoisie
  4259. besitzt Villen, die mit Steuergeldern errichtet wurden, und vermietet sie dann zu
  4260. astronomischen Preisen an Ausländer. Kurzum: In den meisten Protonationen ist die
  4261. Staatsbourgeoisie eine wahre Geißel des Volkes. Sie ist komplett dominiert von der
  4262. symbolischen Gewalt des multinationalen Finanzkapitals.
  4263. Natürlich reden die aktuellen Satrapen in den afrikanischen Protonationen – Männer vom
  4264. Schlag eines Umar al-Baschir, Joseph Kabila, Robert Mugabe, Idriss Déby Itno, Paul Biya,
  4265. Denis Sassou-Nguesso, Ali Bongo Ondimba, José Edoardo Dos Santos, Michael Sata,
  4266. Hifikepunye Pohamba – gern von »Nationalbewusstsein« und »Unabhängigkeit«. Sie
  4267. treten bei Konferenzen auf, bewegen sich ganz vorn auf der internationalen politischen
  4268. Bühne, reisen eifrig zu Staatsbesuchen und geben jedes Mal feierliche Bekenntnisse zu
  4269. »Freiheit« und »Frieden« ab. Wenn sich aber ein Volk auf dem Kontinent zu befreien
  4270. versucht, rufen sie sogleich die Truppen dieser oder jener imperialistischen Macht zu
  4271. Hilfe.
  4272. V. Eine Mordkampagne
  4273. Auf die Frage, warum die Nationenbildung in zahlreichen afrikanischen Ländern so
  4274. tragisch gescheitert ist, gibt es noch andere Antworten.
  4275. Auf Druck der weltweiten öffentlichen Meinung, der regelmäßigen Sitzungen der
  4276. Generalversammlung der Vereinten Nationen und der aufständischen Bewegungen in
  4277. Afrika selbst musste Frankreich zwischen 1958 und 1965 18 afrikanischen Kolonien die
  4278. »Unabhängigkeit« gewähren. Im selben Zeitraum sahen sich auch Belgien und England
  4279. gezwungen, ihre Kolonien in Afrika in die »Unabhängigkeit« zu entlassen. Wenig später
  4280. folgten Portugal und Spanien.
  4281. Doch bevor sie – auf Druck und gezwungenermaßen – die Souveränität auf die ehemals
  4282. Beherrschten übertrugen, führten ihre Geheimdienste umfangreiche Säuberungen durch
  4283. und ermordeten reihenweise gezielt Personen, um die wichtigsten Anführer
  4284. nationalistischer Bewegungen physisch zu beseitigen.
  4285. Diese Art der Gewalt trat ab dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Erscheinung. In
  4286. Algerien ermordete oder verletzte die französische Armee nach 1945 in Sétif fast 40000
  4287. Menschen, die für die Unabhängigkeit demonstrierten. In Madagaskar gab es bei der
  4288. Niederschlagung des Aufstands von 1947 durch die Franzosen mehr als 80000 Tote.
  4289. Im Jahr 1959 starben der zentralafrikanische Nationalist Barthélemy Boganda und seine
  4290. Begleiter, als ihr Flugzeug explodierte – ein Attentat, für das französische
  4291. Nachrichtendienste verantwortlich gemacht wurden. Am 17. Januar 1961 wurde der
  4292. Premierminister von Kongo und Anführer der nationalen Befreiungsbewegung des Kongo
  4293. (Mouvement national congolais, MNC), Patrice Lumumba, in der Nähe von Lubumbashi
  4294. ermordet. Er starb durch die Maschinengewehrsalven eines katangesischen
  4295. Exekutionskommandos. Belgische Söldner beseitigten die Leichen Lumumbas und seiner
  4296. zwei Begleiter, indem sie sie in Schwefelsäure auflösten. 1966 wurde der Ghanaer
  4297. Kwame Nkrumah, der Architekt der panafrikanischen Bewegung und der erste
  4298. nationalistische Führer in Schwarzafrika, dem es gelungen war, die Unabhängigkeit zu
  4299. erreichen, in einem Militärputsch gestürzt, dessen Drahtzieher der englische
  4300. Geheimdienst war. Er starb im Exil in einem rumänischen Krankenhaus an einer
  4301. mysteriösen, nie aufgeklärten Krankheit. Am 20. Januar 1973 wurde Amílcar Cabral, der
  4302. Kommandant der Befreiungsarmee von Guinea-Bissau und Gründer der PAIGC (der
  4303. Afrikanischen Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde) von einem
  4304. Agenten der politischen Polizei Portugals ( PIDE) ermordet, 14 Monate bevor sein Land die
  4305. Unabhängigkeit erlangte.
  4306. Der Staatsterror war unerbittlich: Es galt, um jeden Preis die wahren nationalistischen
  4307. Anführer zu beseitigen, um die »Macht« auf präparierte »Eliten« übertragen zu können,
  4308. die die Kolonialherren in den Sattel gehoben hatten und kontrollierten.
  4309. Paradigmatisch ist der Fall Kamerun. In diesem wunderschönen Land, das sich von den
  4310. Savannen des Tschad bis ans Ufer des Atlantiks erstreckt, spielen die politischen,
  4311. wirtschaftlichen und finanziellen Interessen Frankreichs bis heute eine entscheidende
  4312. Rolle. Paris übergab die Macht einem traditionellen muslimischen Herrscher aus dem
  4313. Norden, Amadou Ahidjo. Ahidjo residierte 23 Jahre lang im Präsidentenpalast von
  4314. Yaoundé, bis er von seinem ehemaligen Kabinettschef abgelöst wurde, dem heutigen
  4315. Präsidenten Paul Biya. Ahidjo war bis zuletzt ein Handlanger der neokolonialistischen
  4316. Politik Frankreichs. Doch in Kamerun gibt es viele mutige, irredentistische Völker mit
  4317. jahrtausendealten Traditionen und dem glühenden Wunsch nach Unabhängigkeit. So
  4318. widersetzte sich beispielsweise die Union der Völker Kameruns (UPC) der französischen
  4319. Scharade. Die Gegner der UPC griffen zu den Waffen.
  4320. Die Repression war grausam.
  4321. 15. Januar 1970, auf dem zentralen Platz von Bafoussam im Westen Kameruns. Die
  4322. Soldaten des Exekutionskommandos der kamerunischen Armee stellen sich so auf, dass
  4323. sie die aufgehende Sonne im Rücken haben. Eine Gruppe uniformierter französischer
  4324. Offiziere und ein paar Europäer in Zivil mit weißen Hemden und Leinenhosen überwachen
  4325. das Ganze. Bauern von der Volksgruppe der Bamileke, ihre Frauen und Kinder sammeln
  4326. sich schweigend am Rand des Platzes. Eine Kolonne geschlossener LKWs und anderer
  4327. Fahrzeuge bringt weitere Soldaten, den Staatsanwalt, die Militärrichter, den
  4328. Gerichtsmediziner und schließlich den Verurteilten. Schwere Wolken hängen über der
  4329. Stadt, aber trotzdem ist der Morgen klar: Gleißende Sonnenstrahlen brechen durch die
  4330. Wolkendecke und tauchen den Platz in helles Licht. Ernest Ouandié, fünfzig Jahre alt, das
  4331. Gesicht gezeichnet von den Verhören, der Erschöpfung, den Schlägen, wird von den
  4332. Gendarmen aus einem LKW gezerrt. Er ist sehr mager, vorzeitig gealtert, seine Haare sind
  4333. ergraut. Sein Blick ist müde. In Handschellen wird er vor den Hinrichtungspfahl gestoßen.
  4334. In dem Augenblick, in dem die Soldaten feuern, schreit er: »Es lebe Kamerun!«, dann
  4335. stürzt er mit dem Gesicht voraus zu Boden. Aus der Gruppe der Zuschauer löst sich ein
  4336. französischer Offizier, tritt auf den Sterbenden zu, greift nach seinem Revolver, beugt sich
  4337. hinunter und feuert zweimal in seine Schläfe. Der wichtigste Führer der kamerunischen
  4338. Befreiungsfront ist tot.147
  4339. Ausnahmslos alle nationalistischen Anführer aus Kamerun wurden nach und nach
  4340. umgebracht: Ruben Um Nyobe bereits 1955, später seine Nachfolger Isaac Nyobe
  4341. Pandjok, David Mitton und Tankeu Noé.
  4342. 1960 kam der junge Arzt und Präsident der UPC, Félix-Roland Moumié, nach Genf, wo er
  4343. versuchte, diplomatische Unterstützung zu organisieren. Ein französischer »Journalist«,
  4344. der bei den Vereinten Nationen akkreditiert war, lud ihn in eine Bar in der Innenstadt ein.
  4345. Am Abend bekam er starke Bauchschmerzen. Er wurde ins Kantonsspital gebracht, wo er
  4346. in der Nacht starb. Der »Journalist« wurde bald enttarnt: Es handelte sich um Oberst
  4347. William Bechtel, Offizier des französischen Auslandsgeheimdienstes SDECE (Service de
  4348. documentation extérieure et de contre-espionnage). Bechtel reiste fluchtartig ab. Gegen
  4349. ihn wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen. Zwanzig Jahre später, am 8. Dezember
  4350. 1980, stellte die Anklagekammer des zuständigen Genfer Gerichts das Verfahren gegen
  4351. ihn ein. Die Genfer Justiz hatte kein Problem damit, sich lächerlich zu machen: Die
  4352. Entscheidung fiel, eine Woche nachdem in Frankreich die Erinnerungen von Oberst Le
  4353. Roy-Finville erschienen waren. Dieser war 1960 der Vorgesetzte von Bechtel gewesen. In
  4354. seinem Buch schilderte er detailliert die Ermordung Moumiés durch den Residenten des
  4355. SDECE in Genf.148
  4356. 1966 wurde Castor Osende Afana, in Frankreich ausgebildeter Ökonom, ein brillanter
  4357. Kopf, Kämpfer gegen die Kolonialherrschaft, im äquatorialen Dschungel aufgespürt und in
  4358. der Nähe der Grenze zwischen Kongo, Gabun und Kamerun umgebracht.
  4359. Die Republik Kamerun ist die Heimat großartiger Kulturen und tapferer Völker. Aber die
  4360. französische Mordkampagne in früheren Zeiten hat ein derartiges Trauma hinterlassen,
  4361. dass sich trotz all der Korruption, der Ausplünderung des Landes und der extremen Not,
  4362. die einen großen Teil der Bevölkerung quaält, keine Widerstandsbewegung formiert.
  4363. VI. Die Zerstückelung eines Kontinents
  4364. Ein letzter Grund, warum die Nationenbildung in so vielen Ländern Afrikas gescheitert ist,
  4365. hängt mit der Berliner Konferenz 1885 zusammen.
  4366. Ein außergewöhnlicher europäischer Staatsmann hat damals bei der Ordnung der im
  4367. Entstehen begriffenen Kolonialwelt eine entscheidende Rolle gespielt: der deutsche
  4368. Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck. Bismarck hatte eine wichtige Tatsache begriffen:
  4369. Die anarchische Entwicklung der kolonialen Eroberungsfeldzüge verschiedener
  4370. europäischer Staaten gefährdete die Heilige Allianz der reaktionären Mächte, wie sie
  4371. 1815 aus dem Sieg über die Französische Revolution und das Napoleonische Reich
  4372. hervorgegangen war. Die Raffgier der Händler, Soldaten und Finanziers und der
  4373. Fanatismus vieler Missionare hatten ein solches Ausmaß erreicht, dass sie den Frieden in
  4374. Europa und das Gleichgewicht der Mächte ins Wanken brachten. In Haut-Dahomey (heute
  4375. Benin), an der Grenze des Sudan, am Rand des vulkanischen Hochplateaus von Nigeria,
  4376. standen französische Truppen englischen Invasoren gegenüber. Die Offiziere der
  4377. französischen Republik beschimpften die Abgesandten Ihrer Majestät. Tatsächlich gab es
  4378. kein Gesetz, kein juristisches Kriterium, keine Regel des Gewohnheitsrechts, um die
  4379. jeweiligen Einflusszonen der einzelnen europäischen Staaten in Afrika abzugrenzen und
  4380. zu definieren. Die Aggression der kolonialen Streitkräfte, ihr Drang nach Eroberungen, die
  4381. Verlockungen des Ruhms, aber auch handfeste wirtschaftliche Interessen und
  4382. ideologisches Sendungsbewusstsein (gleichermaßen religiöser wie weltlicher Natur)
  4383. machten die Afrikafeldzüge der Europäer zu wahren Heldenepen, bei denen es um
  4384. »Nationalstolz«, die »Würde« der Staaten und die »Glaubwürdigkeit« der Regierungen
  4385. ging. Aus dem kleinsten Zusammenstoß von englischen und französischen Truppen,
  4386. portugiesischen Händlern oder deutschen Forschungsreisenden im entlegensten Winkel
  4387. der Sahelzone oder in den Bergen von Benguela drohte ein kaum vermeidbarer, großer
  4388. Konflikt zu werden.
  4389. Klarer als jeder andere erkannte Bismarck die Gefahr. Damals beschäftigten ihn der
  4390. Aufstieg der europäischen Arbeiterschaft und ihrer Organisationen geradezu obsessiv. Die
  4391. Arbeitersolidarität entwickelte sich rasch. Bismarck, Herr über die am besten organisierte
  4392. Polizei Europas, registrierte sehr genau den wachsenden Einfluss der Arbeiterbewegung in
  4393. allen europäischen Ländern, die den Weg der Industrialisierung eingeschlagen hatten.
  4394. Bebel, Guesde, Liebknecht und Malatesta verfolgten ihn in seinen schlaflosen Nächten.
  4395. (Bismarck litt unter schweren, sehr schmerzhaften Neuralgien.) »Die gemeine Bande«,
  4396. wie er sie nannte, spukte durch seine Albträume. Mit diesem Ausdruck bezeichnete er die
  4397. Arbeiterführer, die überall in Deutschland – vor allem nach dem Vereinigungsparteitag
  4398. von Gotha 1875 – seine Macht infrage stellten. Und wenn die Heilige Allianz in Europa
  4399. zerbrach, drohten die sozialistischen Revolutionäre die Macht in Berlin, Paris, London,
  4400. Rom und Madrid zu ergreifen.
  4401. Im Gegensatz zu anderen Politikern seiner Zeit hing Bismarck keinen kolonialen
  4402. Eroberungsträumen nach. Seine einzige, beständige Sorge galt der Konsolidierung der
  4403. fragilen deutschen Einheit, die er 1871 endlich erreicht hatte, und der Stärke und dem
  4404. Ruhm des deutschen Kaiserreichs. Als weitblickender Mann verstand er, dass die
  4405. alltäglichen Konflikte infolge der anarchischen Besetzung Afrikas durch die europäischen
  4406. Mächte das ausgeklügelte, komplexe System der Bündnisse zwischen den europäischen
  4407. Staaten gefährdeten, mit dem er den Fortbestand und die Größe des Reichs zu sichern
  4408. versuchte. Kurzum, Bismarck wollte vor seinem Tod noch Regeln durchsetzen, nach
  4409. denen bei kolonialen Eroberungen Gebiete und Legitimität aufgeteilt werden sollten. Und
  4410. so berief er 1885 eine Konferenz nach Berlin ein.
  4411. Die Liste der Teilnehmer an der Eröffnungssitzung am 26. Februar vermittelt einen
  4412. Eindruck von der Zusammensetzung des Kartells der Kolonialherren, zu dem praktisch alle
  4413. großen und mittleren militärischen, wirtschaftlichen und finanziellen Mächte der
  4414. damaligen Zeit gehörten. Wir finden dort den deutschen Kaiser, die Königin von England,
  4415. den Sultan des Osmanenreichs, den Präsidenten der Vereinigten Staaten, den Zaren von
  4416. Russland, die Könige von Spanien und von Portugal, den Kaiser von Österreich-Ungarn,
  4417. die Könige von Italien, Belgien, Schweden-Norwegen, der Niederlande und den
  4418. Präsidenten der französischen Republik.
  4419. Die großen und mittleren Kolonialmächte verfügten nach Belieben über Afrika. Sie
  4420. zerstückelten den Kontinent, schnitten ihren Besitz heraus, zerstreuten Völker, zerstörten
  4421. Kulturen und traditionelle kollektive Identitäten, sie plünderten, brandschatzten,
  4422. vergewaltigten und raubten den Reichtum des Bodens, der Wälder und der Menschen,
  4423. wie es ihnen mit ihren egoistischen Interessen gerade gefiel. Die Berliner Konferenz sollte
  4424. die Anarchie beenden.
  4425. Ziel der Konferenz war es, der kolonialen Ordnung der Welt und insbesondere Afrikas
  4426. Legitimität und Legalität zu verleihen. Man wollte den »wilden« Besetzungen ein Ende
  4427. machen und festlegen, dass zwischen konkurrierenden europäischen Staaten das Recht
  4428. des »ersten Eroberers« gelten sollte. Außerdem wollte man die großen Flüsse für die
  4429. internationale Schifffahrt öffnen, den Sklavenhandel eindämmen und den Umgang mit
  4430. einheimischen Arbeitskräften kontrollieren. Auch ein kleines Stück internationales Recht
  4431. wurde eingeführt: Ein Gebiet, über dem die Fahne eines europäischen Landes wehte,
  4432. sollte als legitimer Besitz des betreffenden Landes angesehen werden. Wenn ein
  4433. konkurrierender europäischer Staat ebenfalls Ansprüche auf das Gebiet erhob, musste er
  4434. vor einer Schiedsinstanz beweisen, dass seine Besitzansprüche schwerer wogen (zum
  4435. Beispiel durch Schutzabkommen mit Häuptlingen der Eingeborenen, durch Kaufverträge
  4436. und dergleichen).149
  4437. Mit der Berliner Konferenz entstand ein tatsächliches Weltsystem mit eigenen Regeln für
  4438. Besetzung und Verhalten, mit Schiedsinstanzen, mit einer legitimierenden Ideologie und
  4439. einer eigenen Rechtsordnung. Mit diesem homogenen, strukturierten, kohärenten
  4440. Kolonialsystem hatten es künftig die Befreiungsbewegungen zu tun.
  4441. Die Konferenz hat Afrika zerstückelt wie ein Kannibale, der einen lebendigen Körper
  4442. zerstückelt.
  4443. Die nach den Interessen und dem Gutdünken der Kolonialherren festgelegten Grenzen
  4444. haben die großen traditionellen Gesellschaften, die Kulturen und Zivilisationen
  4445. zerschlagen. Eingeschlossen in Grenzen, die nichts »Natürliches« hatten und in keinerlei
  4446. Beziehung zur je einzigartigen Geschichte der betroffenen Völker standen, haben diese
  4447. verstümmelten, aber lebendigen Stücke von Kultur im Inneren der willkürlich
  4448. ausgeschnittenen Gebiete extreme Spannungen verursacht, die bis heute spürbar sind.
  4449. Kurzum: Bismarck hat Europa befriedet, wenn auch nur sehr vorübergehend, dabei aber
  4450. Afrika verstümmelt.
  4451. Am 23. Mai 1963 wurde in Addis Abeba der Gründungskongress der Organisation für
  4452. Afrikanische Einheit (OAU) eröffnet, der Vorläuferorganisation der heutigen Afrikanischen
  4453. Union. Unter Führung des ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah leisteten die
  4454. Anhänger einer kontinentalen Struktur Widerstand gegen die Vertreter eines »Afrika der
  4455. Staaten« um den senegalesischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor. Letztere setzten
  4456. sich durch. Um Bruderkämpfe im unabhängigen Afrika zu verhindern, legte die Charta der
  4457. OAU ausdrücklich fest, dass die Kolonialgrenzen unantastbar sein sollten. Damit wurde die
  4458. Zerstückelung der traditionellen kollektiven Identitäten und der großen überkommenen
  4459. Kulturen festgeschrieben.
  4460. Die möglichen kulturellen Orientierungen für die künftigen afrikanischen Nationen waren
  4461. damit von vornherein beschnitten. Anstelle eines aufkeimenden Nationalbewusstseins
  4462. regierte in vielen Regionen der Tribalismus. Unter allen gegenwärtigen Formen des
  4463. Rassismus ist der Tribalismus eine der unerbittlichsten, schlimmsten und destruktivsten.
  4464. Der Tribalismus verheert das kollektive Bewusstsein der Protonationen, in denen die
  4465. regierenden ethnischen Gruppen das Gewaltmonopol behaupten und autokratische
  4466. Regierungen installieren, die die anderen ethnischen Gruppen diskriminieren – im Namen
  4467. und entsprechend ihrer jeweiligen Stammesidentität.
  4468. VII. Die Hölle im Südsudan
  4469. Das eindrücklichste aktuelle Beispiel für das Drama des Tribalismus bietet der jüngste der
  4470. 195 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen, die Republik Südsudan.
  4471. Die 12 Millionen Einwohner des Südsudan, die verschiedenen Niloten-Kulturen
  4472. angehören – Azande, Nuer, Dinka, Massalit, Schilluk und so weiter –, leben in einem
  4473. prächtigen Land mit einer Fläche von mehr als 900000 Quadratkilometern, bestehend aus
  4474. unberührten Wäldern, einer außergewöhnlichen Fauna, fruchtbaren Ebenen und
  4475. fischreichen Flüssen.
  4476. Die Republik Südsudan hat den längsten nationalen Befreiungskampf aller Länder
  4477. Afrikas hinter sich: Der Sudan war seit 1899 ein Kondominium Großbritanniens und
  4478. Ägyptens. Auf Druck von Gamal Abdel Nasser und seiner Freien Offiziere, die seit 1952 die
  4479. Macht in Kairo innehatten, wurde das Kondominium 1956 aufgelöst. Sofort revoltierte das
  4480. Equatoria Corps, die Truppen, die die englische Kolonialmacht bei den christlichen
  4481. nilotischen Völkern im Süden rekrutiert hatte. Der lange Krieg gegen das muslimische
  4482. Regime in Khartum begann. Bis dahin hatten zwei großartige Völker mit einer
  4483. strahlenden, hochentwickelten Kultur, mit reichen und lebendigen Kosmogonien die
  4484. Southern Sudan Liberation Army (SSLA) dominiert: die Dinka und die Nuer. Ihre jeweiligen
  4485. kollektiven Erinnerungen, ihr symbolischer Überbau, ihre gesellschaftlichen (nichtstaatlichen)
  4486. Organisationen haben die Anthropologen fasziniert, allen voran Edward E.
  4487. Evans-Pritchard.150
  4488. In einem Zeitraum von etwas mehr als einem halben Jahrhundert starben ganze
  4489. Generationen junger Nuer und Dinka in den Sümpfen des Weißen Nils, im Dschungel und
  4490. in den Savannen im Kampf, wurden bei lebendigem Leib verbrannt, durch Artilleriefeuer
  4491. und Bomben der muslimischen Armeen verwundet. Zehntausende Frauen und Kinder aus
  4492. dem Süden wurden bei den Terrorbombardements der Luftwaffe aus dem Norden
  4493. zerfetzt. Das Kommando über die SSLA teilten sich Offiziere der Nuer und der Dinka (die
  4494. letzten beiden Oberkommandierenden John Garang und Salva Kiir waren allerdings beide
  4495. Dinka; Garang starb bei der Explosion seines Flugzeugs).
  4496. Ich erinnere mich an meinen kürzlichen Besuch in Juba – eine krakenhafte Riesenstadt
  4497. mit ihren Hochhäusern und überbevölkerten, armseligen Slums. Vor der Unabhängigkeit
  4498. war Juba in erster Linie eine Garnisonsstadt gewesen, extrem arm, gelähmt von Angst.
  4499. Aus dem Ozean rostiger Hausdächer ragten hier und da hohe gelbe Häuser mit rissigen
  4500. Wänden heraus, deren Terrassen die Fluten der Regenzeit und die Feuchtigkeit, die
  4501. dauernd aus dem Bahr al-Dschabal, dem Weißen Nil, aufsteigt, zersetzt hatten. Mir ist vor
  4502. allem das ehemalige British Railway Hotel in Erinnerung geblieben, ein elegantes,
  4503. langgezogenes, zweistöckiges Gebäude aus ockerfarbenen Ziegeln. Eine Veranda mit
  4504. Arkaden, in der sich Sessel und Tische aus Weidengeflecht aneinanderreihten, schützte
  4505. den großen Speisesaal im Erdgeschoss vor der Hitze. Bahr al-Dschabal heißt wörtlich »das
  4506. weiße Meer«, denn flussaufwärts von Juba verschwindet der Nil wie durch Magie unter
  4507. Millionen weißer Seerosen.
  4508. Am 15. Januar 2011 fand das Referendum über die Selbstbestimmung des Südsudan
  4509. statt, und am 9. Juli wurde die Unabhängigkeit verkündet. Die Staatsgewalt übernahmen
  4510. gemeinsam Salva Kiir vom Volk der Dinka als Staatspräsident und Riek Machar vom Volk
  4511. der Nuer als Vizepräsident.
  4512. Aber kaum zwei Jahre nach der Unabhängigkeit, im Juli 2013, beanspruchte die
  4513. ethnische Mehrheit der Dinka die alleinige Macht. Salva Kiir entließ Riek Machar und alle
  4514. Minister und Generäle vom Volk der Nuer. Nuer-Familien flohen zu Tausenden aus der
  4515. Hauptstadt Juba.
  4516. Kiir ist ein stämmiger Dinka, einen Meter neunzig groß, mit einem warmherzigen
  4517. Lächeln; er trägt immer einen schwarzen, breitkrempigen Hut. Machar hingegen ist der
  4518. typische Nuer, schlank und agil. Er erinnert an die Hirten seines Volkes, die, auf einem
  4519. Bein stehend mit einem langen Stock in der Hand, an den Zuflüssen des Weißen Nils die
  4520. beeindruckenden Herden der Zebus mit den wie eine Leier geschwungenen Hörnern
  4521. hüten. Machar ist ein Intellektueller, ehemaliger Philosophieprofessor an der Universität
  4522. Khartum. Kiir erhob gegen Machar eine absurde Anklage, um die Jagd auf die Nuer zu
  4523. eröffnen: Sein Stellvertreter habe geplant, bei der Präsidentschaftswahl 2015 gegen ihn
  4524. zu kandidieren, und sich somit der Verschwörung schuldig gemacht.
  4525. Angesichts eines gemeinsamen, unerbittlichen muslimisch-arabischen Feinds haben die
  4526. Völker des Südens trotz regelmäßiger ethnischer Konflikte mit außerordentlichem Mut und
  4527. großartiger Entschlossenheit Widerstand geleistet und ihre Identität, ihre Religion, ihr
  4528. Land verteidigt. Doch dieser Kampf, den Generationen aus unterschiedlichen
  4529. Volksgruppen geführt und für den sie mit schrecklichen Leiden bezahlt haben, ließ kein
  4530. strukturiertes gemeinsames Bewusstsein entstehen, kein die ethnische Zugehörigkeit
  4531. übergreifendes Nationalbewusstsein. Die Stammesidentität ist nach wie vor der
  4532. Bezugspunkt letzter Instanz, die ultimative Zuflucht für die Völker im Südsudan. Und nach
  4533. fünfzig Jahren Krieg zur Selbstverteidigung sind Tribalismus und Ethnozentrismus immer
  4534. noch die beiden einzigen Faktoren, die das vielfach gespaltene kollektive Bewusstsein
  4535. strukturieren.
  4536. Die uralten Hochkulturen der Niloten-Völker wie Nuer, Dinka, Azande, Massalit und
  4537. Schilluk zählen, wie ich bereits gesagt habe, zu den höchstentwickelten, komplexesten,
  4538. reichhaltigsten Kulturen auf unserem Planeten. Ihre Kosmogonien bieten eine
  4539. allumfassende Erklärung der Welt und der Bestimmung der Menschen. Ihre
  4540. Verwandtschaftssysteme und Initiationsriten dienen dazu, das gesellschaftliche Wissen
  4541. von Generation zu Generation weiterzugeben. Ihre Hierarchien von Befehl und Gehorsam,
  4542. die sich durch Komplementarität und Reziprozität zwischen Männern und Frauen,
  4543. zwischen unterschiedlichen Altersklassen, Clans und so weiter auszeichnen, ihre
  4544. Begräbnisrituale, die das Weiterleben, die Unsterblichkeit, die beständige
  4545. gesellschaftliche Anwesenheit der Verstorbenen garantieren: All das erzeugt eine stark
  4546. strukturierte soziale Basis, solide kollektive Identitäten.
  4547. Solange aufeinanderfolgende arabisch-muslimische Herrscher in Khartum den Nilvölkern
  4548. zugesetzt haben und versuchten, sie zu unterwerfen und manchmal zu vernichten,
  4549. sammelten sie sich in einer gemeinsamen Widerstandsfront.
  4550. Doch als der Sieg errungen war, die Fesseln der Unterdrückung gesprengt waren und der
  4551. äußere Druck nicht mehr bestand, löste sich die gemeinsame Front auf, und die
  4552. verschiedenen ethnischen Gruppen übernahmen wieder das Monopol auf die
  4553. Strukturierung des jeweiligen kollektiven Bewusstseins. Die Hochkulturen der Nilvölker
  4554. wurden füreinander zu »mörderischen Identitäten«, um es mit einem Begriff von Amin
  4555. Maalouf zu sagen.
  4556. Bis zum Sommer 2014 sind in diesem neuen Krieg bereits viele Zehntausend Frauen,
  4557. Kinder und Männer aller ethnischen Gruppen gestorben. Millionen Menschen haben die
  4558. Städte verlassen, vor allem Bentiu, Bor, Leer und Juba, wo die schlimmsten Kämpfe
  4559. tobten, und sind in den Busch geflohen.
  4560. In allen Winkeln dieses riesigen, herrlichen Landes rufen lokale Radiostationen, die
  4561. wichtigsten Kommunikationsinstrumente, dazu auf, Frauen zu vergewaltigen, die nicht
  4562. der eigenen ethnischen Gruppe angehören.151 In Leer, im Osten des Landes, wo Nuer
  4563. leben, musste die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ihr Krankenhaus aufgeben.
  4564. Hunderte Verwundete und Kranke hielten sich monatelang in den Sümpfen versteckt. Im
  4565. April 2014 verübten Schergen von Machar in Bentiu, wo Tausende Dinka-Familien Zuflucht
  4566. gefunden hatten, ein Massaker.
  4567. Kaum entstanden, ist die Protonation Südsudan somit wieder zerfallen. Neben der
  4568. Wiederkehr des Tribalismus sind das soziale Elend, der Hunger und Epidemien an dem
  4569. gegenwärtigen Chaos schuld. Seit der Proklamation des Staates Südsudan vor drei Jahren
  4570. sind 2,5 Millionen Flüchtlinge aus Uganda, Kongo und Äthiopien ins Land zurückgeströmt.
  4571. Zwar liegen 85 Prozent der sudanesischen Ölfelder im Süden, aber der Norden kontrolliert
  4572. die Pipelines, die das Öl nach Port Sudan und zu den Häfen am Roten Meer
  4573. transportieren.
  4574. Um die Protonationen zu stabilisieren und zu verhindern, dass die Staaten mit ihrer
  4575. fiktiven Souveränität im Chaos versinken, vor allem aber um den eigenen Einfluss zu
  4576. sichern, hat die ehemalige Kolonialmacht mit den Regierungen, die nach der
  4577. Unabhängigkeit die Macht übernahmen, Abkommen über die sogenannte »gemeinsame
  4578. Sicherheit« geschlossen. In Abidjan, in Dakar und in anderen Hauptstädten unterhält die
  4579. französische Armee Garnisonen. Denn in Ländern, in denen die legale Opposition verfolgt
  4580. wird, suchen sich Unzufriedenheit, Verzweiflung und das Leiden der Bevölkerung oft
  4581. Ausdruck in Protestbewegungen, die außerhalb der Legalität agieren.
  4582. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land des Kontinents, achtgrößter Ölproduzent
  4583. der Welt, sind Korruption, Vetternwirtschaft und Wahlbetrug an der Tagesordnung.
  4584. Texaco, ExxonMobil, British Petroleum und Shell beuten das Land aus und machen dabei
  4585. gemeinsame Sache mit den Herrschern in Abuja. Im Delta kämpfen irredentistische
  4586. Bewegungen, im Norden treiben die Terroristen von Boko Haram ihr Unwesen.
  4587. Die Dschihadisten verheeren das Sahelgebiet. Aber die französischen Garnisonen in
  4588. Niamey (Niger), Dakar (Senegal), Nouakchott (Mauretanien) und Bamako (Mali) sind so
  4589. lange nutzlos, wie Areva und andere französische Unternehmen weiterhin zu
  4590. Bedingungen, die an Plünderung grenzen, die Uranminen in Niger ausbeuten, die
  4591. Goldvorkommen in Mali oder das fruchtbare Land in der Schleife des Flusses Senegal. Die
  4592. Abkommen über die »gemeinsame Sicherheit«, die die herrschenden neokolonialen Eliten
  4593. schützen sollen, erweisen sich letztlich als wirkungslos. Die Protonationen gehen von
  4594. innen heraus zugrunde.
  4595. VIII. Der äußere Faschismus
  4596. In welchem Augenblick der Geschichte und an welchem Ort der Welt die Nation auch in
  4597. Erscheinung tritt, sie birgt immer universelle Werte in sich.
  4598. Ein Beispiel: Kurz vor Valmy hielt Maximilien Robespierre in Paris folgende Rede:
  4599. »Franzosen, unsterblicher Ruhm erwartet euch, aber ihr müsst ihn unter großen Mühen
  4600. erringen. Ihr habt nur die Wahl zwischen der schändlichsten Sklaverei und der
  4601. vollkommenen Freiheit. Entweder die Könige unterliegen oder die Franzosen. Das
  4602. Schicksal aller Nationen ist mit dem unseren verknüpft. Das französische Volk muss das
  4603. Gewicht der Welt tragen […] Auf dass die Sturmglocke, die in Paris ertönt, von allen
  4604. Völkern gehört werde.«152
  4605. Und noch ein Beispiel: Der Erhebung der polnischen Nationalisten gegen die russischen
  4606. Besatzer endete mit einer Niederlage und mit Blutvergießen. Dennoch beanspruchte die
  4607. entstehende polnische Nation die gleiche Universalität wie Robespierre. In einer Nacht im
  4608. September 1831 tauchten an den Mauern von Warschau Plakate auf, direkt vor den
  4609. Fenstern des Feldmarschalls Paskiewitsch, dem russischen Peiniger Polens. In lateinischer
  4610. und kyrillischer Schrift stand auf den Plakaten zu lesen: »Für unsere Freiheit und für
  4611. eure.« Nur wenige Soldaten der russischen Besatzungsarmee verstanden die Botschaft.
  4612. Die Erhebung wurde niedergeschlagen. Die Polen mussten bis zum Jahr 1989 und zum
  4613. friedlichen Sieg von Solidarnosc darauf warten, dass sich der Griff der russischen
  4614. Kolonialherren lockerte und die polnische Nation aus der Asche wiederauferstehen
  4615. konnte.
  4616. Ein letztes Beispiel: Im August 1942 übernahm Missak Manouchian von Boris Holban die
  4617. Führung der Partisanenorganisation MOI (Mouvement des ouvriers immigrés, Bewegung
  4618. der immigrierten Arbeiter). Die Nazi-Besatzer hatten in Paris Tausende rote Plakate
  4619. aufgehängt, die die Gesichter bestimmter Mitglieder der Gruppe mit ihren Namen zeigten.
  4620. Da es alles ausländische Namen waren, hauptsächlich armenische und polnische, wollten
  4621. die Nazis damit den Eindruck erwecken, der bewaffnete Widerstand und dessen »Terror«
  4622. seien das Werk von Ausländern. Im November wurde die Gruppe an die Gestapo verraten.
  4623. Manouchian und mehr als sechzig Kameraden, Männer und Frauen – darunter die 23, die
  4624. auf dem roten Plakat zu sehen waren – wurden festgenommen. Nach entsetzlichen
  4625. Folterungen starben sie im Morgengrauen des 21. Februar auf dem Mont Valérien im
  4626. Kugelhagel eines Erschießungskommandos. Sie stammten aus unterschiedlichen Ländern,
  4627. Kulturen und Volksgruppen, aber fast alle riefen, ehe die Kugeln sie trafen: »Es lebe
  4628. Frankreich!«
  4629. Alle Menschen streben nach Leben, Gesundheit, Bildung, Wissen, einer sicheren Existenz,
  4630. einem festen Arbeitsplatz, einem regelmäßigen Einkommen. Sie wollen ihre Familien vor
  4631. Demütigungen schützen, ihre politischen und staatsbürgerlichen Rechte im vollen Umfang
  4632. ausüben können, ohne Willkür ausgeliefert zu sein, und wollen vor Unglücken bewahrt
  4633. werden, die ihre Würde verletzen.
  4634. Die Nation, die in Valmy erstanden ist, ist eine Nation der Armen, die entschlossen sind,
  4635. zu leben – und frei zu leben. Sie ist heute das Modell für die meisten Volksbewegungen,
  4636. für die Revolutionäre in Bolivien, in Venezuela, in Ecuador, in Kuba, in Bahrain, Nepal und
  4637. an vielen anderen Orten auf der Welt.
  4638. Innerhalb des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen haben die westlichen Länder
  4639. (die europäischen und nordamerikanischen) 2010 eine informelle, aber mächtige
  4640. Organisation gebildet, die sich regelmäßig trifft und ihr Abstimmungsverhalten
  4641. koordiniert: die like minded group. Diese Gruppe besteht aus den Ländern, die den
  4642. Anspruch erheben, gemeinsam die Demokratie, die Menschenrechte und die
  4643. Freiheitsrechte erfunden zu haben.
  4644. Doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass diese Länder mit einem
  4645. gespaltenen Bewusstsein leben. Die Grundwerte werden bei ihnen im Allgemeinen
  4646. geachtet und gelten auf ihren jeweiligen nationalen Territorien. Aber ihre Geltung endet
  4647. an ihren nationalen Grenzen.
  4648. In Bagram in Afghanistan, im größten Militärgefängnis der Welt, und in Guantánamo,
  4649. dem Gefangenenlager auf dem Stützpunkt der US-Navy im Südosten von Kuba, wendeten
  4650. die Vereinigten Staaten – wie wir gesehen haben – systematisch Folter und andere
  4651. unmenschliche Behandlungen gegenüber ihren politischen Gefangenen an, die aus allen
  4652. Ecken des Planeten stammen. Im Jemen und in Pakistan töten amerikanische Drohnen
  4653. jeden Monat Dutzende Kinder, Männer und Frauen, die absolut nichts mit terroristischen
  4654. Aktivitäten zu tun haben.
  4655. Die Europäische Union praktiziert Dumping in Schwarzafrika, das heißt, sie verkauft ihre
  4656. eigenen Agrarprodukte billiger als die lokalen Produkte und zerstört damit wissentlich die
  4657. lokale Landwirtschaft. Ihre Organisation FRONTEX schickt jedes Jahr Tausende Männer,
  4658. Frauen und Kinder auf das Meer zurück – Menschen, die versuchen, über den Atlantik
  4659. oder das Mittelmeer in die Festung Europa zu gelangen, auf die Kanaren, nach Malta oder
  4660. an die italienische Küste. Nach Angaben des Hochkommissariats für Flüchtlinge sind dabei
  4661. von 2001 bis 2013 31000 Menschen ertrunken.
  4662. Laut einer Untersuchung, die Global Financial Integrity veröffentlicht hat, eine 2006 in
  4663. Washington gegründete Nichtregierungsorganisation, die sich um Korruption, Schmuggel,
  4664. organisiertes Verbrechen und Steuerflucht kümmert, sind durch »anonyme Scheinfirmen,
  4665. undurchsichtige Steuerparadiese und kommerzielle Geldwäsche im Jahr 2011 fast 1000
  4666. Milliarden Dollar aus den ärmsten Ländern der Welt abgeflossen«. Die astronomischen
  4667. Summen, die illegal aus den Ländern gelangen, werden von Jahr zu Jahr größer. »Der
  4668. Anstieg betrug 13,7 Prozent gegenüber 2010 und 250 Prozent gegenüber 2002. Von 2002
  4669. bis 2011 haben die Entwicklungsländer nach Schätzungen der Studien insgesamt 5900
  4670. Milliarden Dollar verloren […] Das Volumen der Kapitalflucht lag 2011 um das Zehnfache
  4671. höher als die Netto-Entwicklungshilfe, die im selben Jahr den 150 Ländern gewährt
  4672. wurde, mit denen sich die Studie befasst. Das bedeutet, dass für jeden Dollar
  4673. Entwicklungshilfe, den ein Land bekommt, 10 Dollar auf illegalem Weg abfließen.«153
  4674. Und etwas weiter heißt es: »Das subsaharische Afrika, wo sich die Kapitalflucht jedes
  4675. Jahr auf mehr als 5,7 Prozent des BIP summiert, ist die Region, die unter
  4676. volkswirtschaftlichem Gesichtspunkt am meisten unter dieser Entwicklung leidet. In den
  4677. letzten zehn Jahren lag der Anstieg bei den Summen, die illegal aus dem Land geschafft
  4678. wurden, deutlich über den Wachstumsraten des BIP.«154
  4679. Im Jahr 2014 hat das schweizerische Außenministerium eine Forschergruppe der
  4680. Universität Bern beauftragt, die Ströme von illegal aus Afrika abgeflossenem Kapital zu
  4681. untersuchen, die in den Tresoren von schweizerischen Banken landeten. Und das war das
  4682. Ergebnis ihrer Untersuchung: 83 Länder der südlichen Hemisphäre bekamen
  4683. Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe aus der Schweiz. 2013 hat die Schweiz dafür
  4684. umgerechnet 2,2 Milliarden Dollar ausgegeben. Aber im selben Zeitraum deponierten die
  4685. herrschenden »Eliten« dieser
  4686. Länder auf ihren persönlichen Konten bei diversen Schweizer Banken insgesamt
  4687. geschätzte 7,5 Milliarden Dollar, das Dreifache der mit Steuergeldern finanzierten
  4688. Entwicklungshilfe …
  4689. Die Kapitalflucht, die von schweizerischen und europäischen Banken organisiert wird,
  4690. führt überall zu Katastrophen.
  4691. Einer meiner brillantesten Studenten an der Universität Genf war Carlos Lopes aus dem
  4692. kleinen westafrikanischen Land Guinea-Bissau. Im marmorverkleideten »Palast der
  4693. Nation«, am Ufer des Mittelmeers, nahe bei Algier gelegen, habe ich ihn wiedergesehen.
  4694. Dort wurde am Morgen des 28. Mai 2014 die 17. Ministerkonferenz der Blockfreien
  4695. Staaten eröffnet. Meiner Freundschaft mit Abd al-Aziz Bouteflika verdankte ich meine
  4696. Einladung als »ausländischer Beobachter«. Carlos Lopes ist heute beigeordneter UNOGeneralsekretär
  4697. und leitender Sekretär der UNO-Wirtschaftskommission für Afrika (UNECA)
  4698. mit Sitz in Addis Abeba. Sein Vortrag fand spätabends am 29. Mai statt. Carlos Lopes
  4699. prangerte detailliert die westliche Plünderungsstrategie an, erklärte akribisch die illegalen
  4700. Kapitalflüsse und analysierte die tödlichen Gefahren, welche die flutartig ansteigende
  4701. Kapitalflucht für die Völker des Kontinents verursachten. Die Minister waren erschüttert …
  4702. und sprachlos. In zahlreichen Ländern Afrikas ist die Infrastruktur marode, Krankenhäuser
  4703. und Schulen müssen schließen, Unterernährung und Arbeitslosigkeit richten fürchterliche
  4704. Verheerungen an. Die Länder sind ausgeblutet. In Burkina Faso stirbt eines von sechs
  4705. Kindern vor dem zehnten Lebensjahr. Wegen chronischer Unterernährung können nur 25
  4706. Prozent der Frauen in Mali ihre Säuglinge stillen.
  4707. Gewisse Ideologen im Dienst der transkontinentalen Finanzoligarchien behaupten, ein
  4708. großer Teil der Länder Afrikas mache spektakuläre wirtschaftliche Fortschritte. Was hat es
  4709. damit auf sich?
  4710. Der IWF hat über fünf Jahre (2004–2008) das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 30 der 54
  4711. afrikanischen Länder untersucht; auf sie entfallen 86 Prozent der Bevölkerung des
  4712. Kontinents und 91 Prozent der Produktion. Und das sind die durchschnittlichen
  4713. Wachstumsraten des BIP in diesen Ländern: 5 Prozent in 2005, 5,8 Prozent in 2006, 5,5
  4714. Prozent in 2007, 6 Prozent in 2008.
  4715. Wie ist dieser »Erfolg« zu erklären? Vor allem durch die Intensivierung der Ausbeutung
  4716. von Bodenschätzen durch die ausländischen transkontinentalen Gesellschaften und den
  4717. Preisanstieg bei Rohstoffen wie Erzen, Gas und Erdöl. Nigeria zum Beispiel ist achtgrößter
  4718. Erdölproduzent der Welt. Viele afrikanische Volkswirtschaften sind Rentenökonomien, in
  4719. denen das Wachstum durch die ausländische, vor allem asiatische, Nachfrage angeheizt
  4720. wird.
  4721. Die Kehrseite des Wachstums ist das unermessliche Elend zahlreicher Völker. Gemessen
  4722. an seiner Bevölkerung hat Afrika heute die höchste Hungerrate der Welt: 35,2 Prozent
  4723. seiner Bevölkerung sind permanent schwerstens unterernährt. Afrika ist ein Bettler, der
  4724. auf einem Goldberg sitzt.
  4725. Ich war kürzlich in Goma in der Republik Kongo, der einst stolzen Metropole von Nord-
  4726. Kivu, die im Ostafrikanischen Grabenbruch am Fuße der Virunga-Vulkanberge liegt. Dort
  4727. erlebte ich, dass eine banale Infektion tödlich sein kann. Dass die Krankenhäuser keine
  4728. Antibiotika haben. Dass die anderen Medikamente knapp sind. Im Kongo fordern
  4729. Krankheiten, die die Medizin seit Langem besiegt hat, jedes Jahr Hunderttausende von
  4730. Opfern. Die medizinische Grundversorgung ist mangels staatlicher Investitionen praktisch
  4731. zusammengebrochen.
  4732. Afrika erfreut sich einer enormen demografischen Vitalität. 2014 waren 65 Prozent der
  4733. Afrikaner jünger als dreißig Jahre, in Europa hingegen nur 29 Prozent. 2005 machten die
  4734. Afrikaner 12 Prozent der Weltbevölkerung aus, 2050 werden es bereits 22 Prozent sein.
  4735. 2007 zählte Afrika 960 Millionen Einwohner, 2025 werden es 1,4 Milliarden sein und 2050
  4736. 2 Milliarden. Aber diese Menschen müssen die Folgen einer erdrückenden
  4737. Staatsverschuldung tragen, einer vor allem durch ausländische Investoren induzierten
  4738. Korruption, unzureichender Investitionen in die lokalen Unternehmen, das Gesundheitsund
  4739. Bildungswesen sowie in die Infrastruktur; sie müssen zusehen, wie ihre Bodenschätze
  4740. durch multinationale Konzerne geplündert werden und die Massenarbeitslosigkeit steigt.
  4741. Doch wie man weiß, handeln die privaten multinationalen Konzerne in vollem Einklang
  4742. mit den Regierungen ihrer Heimatländer – und manchmal sogar mit deren aktiver
  4743. Unterstützung.
  4744. Somit praktizieren die Mitglieder der like minded group gegenüber den armen Ländern
  4745. der südlichen Hemisphäre das Gesetz des Dschungels, die Politik des Stärkeren. Sie
  4746. negieren die Werte, die sie innerhalb ihrer eigenen Grenzen verkünden und hochhalten.
  4747. Maurice Duverger, Professor für Verfassungsrecht an der Sorbonne und Kolumnist der
  4748. Zeitung Le Monde, hat zur Zeit des Vietnamkriegs ein solches Verhalten als »äußeren
  4749. Faschismus« bezeichnet.155
  4750. Man muss in Maniema, in Kivu und Katanga im Osten des Kongo, in den Tälern des
  4751. Sambesi in Sambia und Mosambik oder auch im angolesischen Benguela die Gettos
  4752. gesehen haben, die multinationale Konzerne wie Glencore, Anaconda Copper oder Rio
  4753. Tinto für ihre Minenarbeiter errichtet haben. Diese Gettos werden von bis an die Zähne
  4754. bewaffneten Privatmilizen bewacht. Kinderarbeit ist an der Tagesordnung. Die
  4755. Ausbeutung der Arbeiter – Bergleute, Steinbrecher, Transportarbeiter und so weiter –
  4756. macht ganze Völker zu Sklaven: die Bafulero, die Bashi, die Bateke. Nie werde ich die
  4757. verängstigten Blicke vergessen, die ausgemergelten Körper der jungen Männer, die für
  4758. einen Hungerlohn in den Coltan-Minen in Kivu schuften, ständig bedroht durch Milizionäre.
  4759. In der Region Kivu lagern 60 bis 80 Prozent der weltweiten Reserven dieses strategisch
  4760. wichtigen Erzes, das für die Produktion elektronischer Bauteile156, von Handys und
  4761. Flugzeugen unerlässlich ist.
  4762. Die Nation ist eine der wunderbarsten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation.
  4763. Die Soziologie kann einen wichtigen Beitrag leisten, um sektiererische Verirrungen,
  4764. Fundamentalismen und rassistische Tendenzen zu bekämpfen. Sie spielt auch eine
  4765. entscheidende Rolle beim Kampf gegen den »äußeren Faschismus«, den so viele
  4766. westliche Länder gegenüber den Völkern der südlichen Hemisphäre ausüben.
  4767.  
  4768. ACHTES KAPITEL
  4769. Wie entsteht und wie entwickelt sich die Gesellschaft?
  4770. Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte
  4771. geknechtete, als die rächende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu
  4772. Ende führt.
  4773. Walter Benjamin, »Über den Begriff der Geschichte« (1940)157
  4774. I. Die Gesetze der Geschichte
  4775. Zwei Gruppen von Wissenschaftlern haben die Entstehung der sozialen Realität mit
  4776. besonders scharfem Blick betrachtet. Da sind zum einen die Soziologen der Frankfurter
  4777. Schule zu nennen, die Deutschen Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse,
  4778. Walter Benjamin, Erich Fromm sowie ihre Freunde und zeitweise Verbündeten, der Ungar
  4779. Georg Lukács und der Deutsche Ernst Bloch. Der Frankfurter Schule gehörten marxistisch
  4780. orientierte deutsche Soziologen an. 1924 gründeten sie das Institut für Sozialforschung in
  4781. Frankfurt am Main (das ein privater Mäzen finanzierte) und gaben eine Zeitschrift heraus,
  4782. die legendäre Zeitschrift für Sozialforschung. 1933, als die Nazi-Barbaren an die Macht
  4783. gelangten, löste sich die Gruppe auf, die Mitglieder emigrierten nach
  4784. Genf, Paris und Oxford, später in die USA, wo sie an der New Yorker Columbia-Universität
  4785. eine Heimat fanden.
  4786. Nur einer fehlte beim Appell: Walter Benjamin. Im Juni 1940 war er im Lager Vernuche
  4787. in der Nähe von Nevers interniert worden und später dank der Hilfe von Freunden
  4788. freigekommen. Am Vorabend des deutschen Einmarschs in Paris floh Benjamin in
  4789. Richtung Spanien. Als er in Portbou die Nachricht erhielt, dass nach einer neuen Direktive
  4790. der spanischen Regierung Flüchtlinge nach Frankreich zurückgebracht werden sollten,
  4791. nahm er sich am 26. September 1940 das Leben.
  4792. Nach dem Zweiten Weltkrieg zerfiel die Gruppe. Horkheimer und Adorno kehrten nach
  4793. Deutschland zurück und lehrten als Professoren an der Johann-Wolfgang-Goethe-
  4794. Universität in Frankfurt, Horkheimer bis zur Emeritierung, Adorno bis zu seinem Tod.
  4795. Horkheimer wurde Rektor der Universität. Fromm und Marcuse hingegen glaubten nicht,
  4796. dass Deutschland ein demokratisches Land werden könnte. In ihren Augen war der
  4797. Faschismus in ihrem Land immer noch lebendig. Sie weigerten sich deshalb,
  4798. zurückzukehren. Marcuse antwortete Max Horkheimer, als der ihn zur Rückkehr drängte,
  4799. mit einem Zitat von Brecht: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.« Marcuse
  4800. wurde Professor in Massachusetts und lehrte nach seiner Emeritierung an der Universität
  4801. von San Diego in Kalifornien. Er starb 1979 im Alter von 81 Jahren während einer
  4802. Vortragsreise in Westdeutschland in der Nähe von München. Erich Fromm, der lange in
  4803. Mexiko gelebt hatte, verbrachte seine letzten Lebensjahre in der Schweiz, im Tessin, wo
  4804. er 1980 starb.
  4805. Georg Lukács und Ernst Bloch hatten nie zur Frankfurter Schule gehört. Anders als
  4806. Horkheimer und seine Freunde entschieden sie sich für den Beitritt zur kommunistischen
  4807. Partei (Lukács) oder standen ihr nahe (Bloch). Aber Lukács und Bloch hatten mit den
  4808. Soziologen der Frankfurter Schule etwas gemeinsam: Wie sie wollten sie die
  4809. zeitgenössischen Sozialwissenschaften auf die Grundlage strenger materialistischer und
  4810. dialektischer Methoden stellen.
  4811. Zur Erinnerung: Lukács, in Budapest geboren, wurde 1919 Volkskommissar für Kultur
  4812. und Bildung in der Räteregierung von Béla Kun.158 Er floh vor den Massakern während der
  4813. Gegenrevolution und lebte erst in Deutschland, dann in Moskau. Nach dem Zweiten
  4814. Weltkrieg kehrte er nach Budapest zurück. Der unbeugsame Ernst Bloch weigerte sich,
  4815. die kaiserliche Uniform zu tragen, und emigrierte während des Ersten Weltkriegs in die
  4816. Schweiz. In der Zeit des Nationalsozialismus lebte er im amerikanischen Exil in
  4817. Philadelphia. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Leipzig zurück und wurde
  4818. Professor an der dortigen Karl-Marx-Universität. Aber er geriet schon bald in Konflikt mit
  4819. der Staatsführung der DDR. Er verließ Leipzig und zog nach Tübingen, wo er 1977 starb.
  4820. Zur Bezeichnung dieser ersten Gruppe verwende ich den Begriff »deutsche
  4821. Neomarxisten«. Der einzige Nicht-Deutsche der Gruppe, Lukács, sprach fließend Deutsch,
  4822. war mit der deutschen Kultur aufgewachsen und schrieb die meisten seiner Bücher auf
  4823. Deutsch.
  4824. Die deutschen Neomarxisten stehen in der Nachfolge von Marx und Hegel und tragen
  4825. das Erbe der revolutionären Bewegung weiter. Sie erforschen die
  4826. Produktionsbedingungen in den Industriegesellschaften und die Wege, die zur
  4827. Emanzipation der Arbeiter führen, und kombinieren dabei Instrumente der marxistischen
  4828. Philosophie, der Soziologie und der Psychoanalyse. In Frankreich haben in der jüngeren
  4829. Vergangenheit Soziologen wie Henri Lefebvre, Pierre Naville, Pierre Fougeyrollas und
  4830. Alain Touraine ähnliches Terrain erkundet.
  4831. Die zweite Gruppe der Soziologen und Anthropologen, die versuchten, umfassende
  4832. Antworten auf einige der Fragen zu geben, die uns hier beschäftigen – vor allem auf die
  4833. Frage nach dem historischen Ursprung der menschlichen Gesellschaft –, besteht aus
  4834. Wissenschaftlern unterschiedlicher Herkunft. Ihnen verdanke ich persönlich entscheidende
  4835. Antworten auf einige Fragen, die mich umtreiben, insbesondere die Frage nach der
  4836. Aggressivität, nach der Gewalt, die jedem Menschen und jeder Gesellschaft innewohnt.
  4837. Einige dieser Forscher stammen aus Deutschland, andere haben einen polnischen oder
  4838. ungarischen Hintergrund, wieder andere einen englischen, australischen oder
  4839. amerikanischen. Das verbindende Element ist, dass sie alle – manche nur kurz, andere
  4840. über die ganze Zeit ihres aktiven Lebens – in England gelebt haben. Die wichtigsten
  4841. Vertreter dieser Gruppe sind Bronislaw Malinowski, Melville Herskovits, Solly Zuckerman
  4842. und Géza Róheim. Ich nenne sie die »angelsächsischen Kulturanthropologen«.
  4843. Diese zweite Gruppe ist aus der Auseinandersetzung mit der positivistischen
  4844. darwinistischen Evolutionstheorie heraus entstanden159 und hat sich über die empirischen
  4845. Forschungen der ersten Prähistoriker zusammengefunden. In diesem Bereich haben
  4846. mehrere französische und belgische Anthropologen und Prähistoriker wichtige Beiträge
  4847. geleistet, insbesondere Claude Lévi-Strauss, Marcel Mauss, André Leroi-Gourhan, Luc de
  4848. Heusch, Jean Clottes und Yves Coppens.
  4849. In diesem Kapitel schauen wir uns zuerst an, was die deutschen Neomarxisten zur
  4850. Entstehung der Gesellschaft zu sagen haben, und dann die Ausführungen der
  4851. angelsächsischen Kulturanthropologen.
  4852. In der Weltsicht der deutschen Neomarxisten gibt es keinen Platz für das Nichts, das
  4853. absolut Unergründliche. Was der Mensch nicht kennt, nicht kontrolliert und beherrscht, ist
  4854. einfach »noch nicht« bekannt oder »noch nicht« beherrscht. Es gibt keine endgültige
  4855. »natürliche« Grenze für die menschliche Praxis, für die Arbeit des Menschen, für seine
  4856. Fähigkeit, immer neue Gebiete der »noch nicht vermittelten« Natur, wie Bloch sagte, in
  4857. gesellschaftliche Realität zu überführen. Bloch, Horkheimer und Lukács verfolgen in ihrer
  4858. Soziologie das Ziel, einen möglichst großen Teil der Welt in »Bewusstsein« zu
  4859. verwandeln. Die Praxis der Menschen – die immer klassengebunden ist – ist das einzige
  4860. Thema der Geschichte. Die Menschen können buchstäblich alles. Bloch behauptet sogar,
  4861. dass eines Tages auch der Tod besiegt werden könne, weil nichts uns beweise, dass es
  4862. eine »natürliche« Grenze für den beständigen Fortschritt der naturwissenschaftlichen
  4863. Erkenntnisse gebe. Im Fortschritt der kollektiven, klassengebundenen Praxis trete eine
  4864. objektive Vernunft zutage. Wie lässt sie sich erfassen?
  4865. Die deutschen Neomarxisten haben, ausgehend von ihrer Beschäftigung mit der
  4866. Geschichte der gesellschaftlichen Revolutionen in Europa vom 16. bis zum 20.
  4867. Jahrhundert, ihre Theorie über die objektive Vernunft, die das Schicksal der
  4868. Gesellschaften bestimmt, konstruiert. Diese Theorie wirft eine Reihe von Problemen auf.
  4869. Es gibt den – offensichtlichen, wenn auch seltenen – Fall, dass eine siegreiche
  4870. Revolution schlagartig die analytische Vernunft bestätigt, die politische Theorie, die die
  4871. Revolutionäre bewegt. Die subjektive Vernunft des Akteurs und die objektive Vernunft,
  4872. der zu dienen sie behauptet, fallen zusammen, zeigen sich in der Synchronizität, im
  4873. selben Augenblick, in einem einzigartigen Ereignis. So analysierte Lenin im Oktober 1917
  4874. mit seinen Genossen die Widersprüche, von denen die russische Gesellschaft zerrissen
  4875. und gelähmt wurde. Seine subjektive, analytische, antizipierende Vernunft postulierte,
  4876. dass die Widersprüche zur Reife gelangt waren, dass die bestehende institutionelle Hülle,
  4877. das heißt der neue bürgerliche, parlamentarische und halbdemokratische Staat, den
  4878. Kerenski seit Februar führte, nicht in der Lage war, diese gesellschaftlichen Widersprüche
  4879. zu bewältigen. Dass deshalb die Stunde gekommen war, wo ein revolutionärer Akt, ein
  4880. Akt der kollektiven Gewalt das ganze alte Gesellschaftsgebäude zum Einsturz bringen und
  4881. eine neue Gesellschaft entstehen lassen konnte, neue Produktionsverhältnisse und eine
  4882. neue Weltsicht. Also gab Lenin das Signal für den Sturm auf den Winterpalast. Das
  4883. zaristische Russland brach zusammen. Ein Gedicht von Nâzim Hikmet illustriert meine
  4884. Worte:
  4885. Im Winterpalast Kerenski,
  4886. In Smolny die Sowjets und Lenin,
  4887. Auf der Straße Dunkelheit,
  4888. Schnee,
  4889. Wind,
  4890. und sie.
  4891. Und sie wissen, dass er gesagt hat:
  4892. »Gestern zu früh, morgen zu spät,
  4893. der einzige Augenblick ist heute.«
  4894. Und sie haben gesagt: »Verstanden, wir wissen es.«
  4895. Und sie wussten nie
  4896. etwas mit einem so schonungslosen und
  4897. vollkommenen Wissen.160
  4898. Aber meistens sind die Dinge unendlich viel komplexer: Dem Bewusstsein, der
  4899. subjektiven Vernunft der Menschen, der analytischen Wahrnehmung des Menschen
  4900. erscheint die objektive Vernunft die meiste Zeit wie eine »falsche Zwangsläufigkeit« (ein
  4901. Begriff von Lukács161). Erst im Rückblick verleiht sie den Ereignissen ihren wahren Sinn,
  4902. nach einer langen Reihe widersprüchlicher Vorkommnisse. Lukács nennt ein Beispiel für
  4903. diese falsche Zwangsläufigkeit: den Konflikt, der innerhalb des revolutionären Prozesses
  4904. in Frankreich zwischen Gracchus Babeuf und seinen Freunden und Maximilien Robespierre
  4905. entstand.
  4906. Mehrere Historiker sind der Ansicht, dass im revolutionären Prozess in Frankreich eine
  4907. »Refeudalisierung« stattgefunden habe. Tatsächlich entschied Maximilien Robespierre aus
  4908. Gründen der politischen Opportunität, weil er angesichts der ausländischen Bedrohung die
  4909. nationale Einheit bewahren wollte, die Freiheit privaten Kapitals, unangetastet zu lassen.
  4910. Im April 1793 erklärte er vor der Nationalversammlung: »Die Gleichheit der Vermögen ist
  4911. eine Schimäre.« Die Spekulanten, die Neureichen, all jene, die von der Not des Volkes
  4912. profitierten, all jene, die damit beschäftigt waren, aus den revolutionären Umbrüchen
  4913. ansehnliche Gewinne zu ziehen, atmeten auf. Robespierre sagte zu ihnen: »Ich werde
  4914. euch eure Schätze nicht wegnehmen.«162 Was immer seine insgeheimen Absichten waren,
  4915. mit dieser Erklärung öffnete Robespierre dem privaten Kapital den Weg zur Herrschaft in
  4916. der Ersten französischen Republik, während des Direktoriums, dann im Kaiserreich – und
  4917. in allen Regimes, die folgten.
  4918. Gracchus Babeuf, Jacques Roux und mit ihnen noch andere – aber nicht Saint-Just –
  4919. verbündeten sich gegen Robespierre, prangerten die Privilegierten an, die Profit aus der
  4920. Revolution zogen, und forderten die Abschaffung des Privateigentums, die
  4921. Vergemeinschaftung des Bodens und der Produktionsmittel.
  4922. Gracchus Babeuf schrieb: »Hinterlistige: Ihr schreit, dass der Bürgerkrieg vermieden
  4923. werden müsse, dass man nicht die Fackel der Zwietracht ins Volk werfen dürfe, aber
  4924. welcher Bürgerkrieg ist empörender als der Krieg, bei dem alle Mörder auf der einen Seite
  4925. sind und alle Opfer schutzlos auf der anderen […] Möge der Kampf beginnen um das
  4926. Kapitel der Gleichheit und des Eigentums! Möge das Volk alle alten barbarischen
  4927. Institutionen stürzen! Möge der Krieg der Reichen gegen die Armen endlich diesen
  4928. Anschein großer Kühnheit auf der einen Seite und großer Feigheit auf der anderen
  4929. einbüßen! […] Ja, ich wiederhole es. Alle Missstände sind auf ihrem Gipfel, sie können
  4930. nicht schlimmer werden. […] Fassen wir das Ziel der Gesellschaft ins Auge! Fassen wir
  4931. das gemeinsame Glück ins Auge und ändern wir nach tausend Jahren diese groben
  4932. Gesetze!«163
  4933. Die Nationalversammlung stellte sich hinter Robespierre. Roux wurde zum Tode
  4934. verurteilt und beging 1794 Selbstmord. Auch Babeuf wurde wenige Jahre später der
  4935. Verschwörung angeklagt und am Morgen des 27. Mai 1797 blutüberströmt aufs Schafott
  4936. getragen. (Er hatte in der Nacht zuvor einen Selbstmordversuch unternommen.)
  4937. Maximilien Robespierre und Gracchus Babeuf erhoben praktisch identische Ansprüche.
  4938. Sie behaupteten beide, die Gesetze der Geschichte verstanden, die objektive Vernunft
  4939. des revolutionären Kampfs erkannt zu haben und zu beherrschen. Sie sagten zu ihren
  4940. Mitbürgern: Wenn ihr mich an die Macht bringt und mir die Regierung anvertraut, bringt
  4941. ihr die universelle Klasse an die Macht! Damit war gemeint: Die Interessen der Klasse,
  4942. aus der ich stamme, sind so umfassend, dass sie universell sind und die speziellen
  4943. Interessen aller anderen Klassen mit einschließen. Wenn diese universelle Klasse erst
  4944. einmal die Macht hat, werden sich alle Klassen einträchtig um sie herum versammeln und
  4945. den Frieden in Frankreich sicherstellen. Robespierre und Babeuf glaubten tatsächlich, ihre
  4946. jeweilige Herkunftsklasse sei der Keim einer universellen Klasse: bei Robespierre das
  4947. gebildete mittlere Bürgertum aus der Provinz, bei Babeuf das Pariser Proletariat. Der eine
  4948. war Träger einer richtigen subjektiven Vernunft (er glaubte an seine Aussage) und einer
  4949. falschen objektiven Vernunft (was er sagte, wurde von den Fakten widerlegt); der andere
  4950. war Träger einer richtigen subjektiven und richtigen objektiven Vernunft.
  4951. Aber erst auf lange Sicht, im Licht der Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts, wurde
  4952. deutlich, dass die objektive Vernunft, wie sie Robespierre vertrat, falsch war und dass
  4953. Babeuf objektiv recht hatte. Die Klasse, die Maximilien Robespierre repräsentierte, das
  4954. kleine und mittlere gebildete, Handel treibende Bürgertum aus der Provinz, schrumpfte
  4955. im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts kontinuierlich. Hatte es zu Beginn der Ersten
  4956. Republik noch triumphiert, so verlor es danach schrittweise seine Macht zugunsten einer
  4957. kapitalistischen und imperialistischen Oligarchie, die aus der Verwandlung des
  4958. Industriekapitals und des Handelskapitals in Finanzkapital und weiter aus der
  4959. Monopolisierung und der Globalisierung dieses Finanzkapitals hervorgegangen war.
  4960. Eingeklemmt zwischen einer immer mächtigeren Arbeiterbewegung einerseits und
  4961. andererseits einem kolonialen und dann imperialistischen Großbürgertum, das sich immer
  4962. aggressiver und brutaler gebärdete, verlor die Klasse der kleinen und mittleren
  4963. Unternehmer, der Immobilienbesitzer, der Anwälte und Notare, die das mittlere
  4964. Bürgertum ausmachten, nach und nach ihre beherrschende Position im Staat. Bedrängt
  4965. von allen Seiten, verfiel sie und spielt heute nicht mehr die entscheidende Rolle, weder in
  4966. der materiellen Produktion noch in der symbolischen.164 Hingegen vergrößerte die Klasse,
  4967. die Babeuf repräsentierte, die Arbeiterklasse, das ganze 19. und 20. Jahrhundert hindurch
  4968. kontinuierlich ihren Einfluss und ihre politische, wirtschaftliche und ideologische Macht.
  4969. Die industrielle Revolution und der Niedergang der ländlichen Welt zugunsten der Städte
  4970. katapultierten sie ganz nach vorn auf die politische Bühne bis zu einem Punkt, den Babeuf
  4971. selbst nicht hatte voraussehen können, und verlieh ihren Interessen eine universelle
  4972. Dimension. Die Arbeiterklasse gab sich mächtige Organisationen – Gewerkschaften,
  4973. Kooperativen, Versicherungsvereine, Parteien –, die bis heute zu den stärksten Gegnern
  4974. der globalisierten kapitalistischen Ideologie gehören.
  4975. Wie lässt sich die Interaktion zwischen der menschlichen Praxis und der nicht vollendeten
  4976. Welt erfassen? Wie lässt sich die Bewegung ermessen, die das nicht vermittelte Handeln,
  4977. die praktische, instrumentelle, subjektive Vernunft der Menschen in die Natur einbringt?
  4978. Die deutschen Neomarxisten haben das zu einem ihrer bevorzugten Forschungsgebiete
  4979. gemacht. Sie haben die Prinzipien, die Marx formuliert hat, feineren, um die Erfahrungen
  4980. aus der Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereicherten Analysen
  4981. unterzogen, haben sie kritisiert, korrigiert und erweitert.
  4982. Ein Beispiel soll das Zusammenwirken von praktischer und theoretischer Vernunft
  4983. erhellen.
  4984. In einem Dorf am Fuß eines bewaldeten Hügels beschließen arme, hungernde Bauern,
  4985. die Fläche, die ihnen als Ackerland zur Verfügung steht, zu vergrößern. Das einzige
  4986. Gebiet, das noch nicht bewirtschaftet wird, ist der bewaldete Hang hinter dem Dorf. Die
  4987. Bauern kommen zusammen, beraten und entscheiden, den Hang zu roden. Sie verteilen
  4988. die Arbeit, schleifen ihre Äxte und machen sich auf den Weg zu dem Hang. Bäume
  4989. werden gefällt, die Wurzeln verbrannt. Das gerodete Land wird umgepflügt und eingesät.
  4990. Der Frühling geht ins Land, der Sommer kommt und dann der Herbst. Im nächsten
  4991. Frühjahr schmilzt der Schnee, es regnet, und das Wasser unterspült das neu erschlossene
  4992. Land. Das Erdreich rutscht weg, es sind keine Wurzeln da, um es zu halten. Das Dorf wird
  4993. von einer Schlammlawine begraben.165
  4994. Die Dialektik, die die antinomischen Kräfte der menschlichen Praxis und der
  4995. »natürlichen« Kausalität einander gegenüberstellt, verbindet und aufhebt, wirft zahlreiche
  4996. Probleme auf.
  4997. Für Marx müssen die Menschen die Natur beherrschen, denn nur so können sie sich von
  4998. der Mühsal befreien, die die Natur ihnen aufzwingt, wenn sie sich ernähren und die
  4999. ständige Gefahr der Not bannen wollen. Die Beherrschung geht folgendermaßen
  5000. vonstatten: Es wird eine Theorie der Praxis formuliert, die Praxis bestätigt die Theorie
  5001. oder widerlegt sie, eine neue Theorie wird aufgestellt, wieder folgt die Überprüfung durch
  5002. die Praxis und so weiter. Marx zufolge rühren die Hindernisse für die Verwandlung der
  5003. Natur und die Befreiung der gesellschaftlichen Kräfte einzig aus der Logik des
  5004. Kapitalismus her. Übertragen auf das zitierte Beispiel heißt das: Die Menschen ziehen die
  5005. Lehre aus der Katastrophe und erweitern dadurch ihr Wissen, sodass sie imstande sind,
  5006. eine zutreffende Theorie über die Beziehung zwischen der Natur des Bodens, dem Fließen
  5007. des Wassers, der Erosion und dem Ausbringen des Saatguts zu formulieren. Doch
  5008. aufgrund der kapitalistischen Bedingungen verursacht die rücksichtslose Ausbeutung des
  5009. Bodens weiterhin derartige Katastrophen und verhindert den richtigen Umgang des
  5010. Menschen mit der Natur.
  5011. Für die Soziologen der Frankfurter Schule können sich die Instrumente, die der Mensch
  5012. einsetzt, um die Natur zu »beherrschen«, gegen ihn selbst wenden. Die Beziehung
  5013. zwischen den Instrumenten und der Natur kann sich auch verselbstständigen und den
  5014. Menschen vollkommen ausschließen, von den Instrumenten ebenso wie von der Natur
  5015. und damit von der Geschichte. Die Theorie dieser neuen Beziehungen hat einer der Erben
  5016. der deutschen Neomarxisten vorgelegt, Jürgen Habermas, in seiner Schrift Theorie und
  5017. Praxis, die 1963 erstmals erschienen ist.166 In Frankreich führte André Gorz, der auch
  5018. unter dem Pseudonym Michel Bosquet veröffentlicht hat, zu dieser Problematik ähnliche
  5019. Untersuchungen durch wie Habermas mit seiner Gruppe in Starnberg in den Jahren nach
  5020. 1971. Von Gorz/Bosquet sollte man Ökologie und Freiheit lesen, das erstmals 1977167
  5021. erschienen ist, und in seinem 1959 veröffentlichten Vorgängerbuch Morale de l’histoire
  5022. das Kapitel über »Die Entfremdung der Bedürfnisse«.168 Habermas zufolge ist die Technik
  5023. heute zu einem wichtigen autonomen Subjekt geworden, das unabhängig von den
  5024. Menschen seine eigene Geschichte erzeugt.
  5025. Heute wird die Diskussion über eine mögliche Verselbstständigung des Verhältnisses von
  5026. Werkzeug und Natur anhand von Beispielen aus den fortgeschrittensten Technologien wie
  5027. der Atomtechnologie und der Gentechnik geführt.
  5028. Eine weitere Schwierigkeit macht das Projekt der Verwandlung der noch nicht in
  5029. gesellschaftliche Realität transformierten Natur noch einmal komplizierter: Die Techniken
  5030. entwickeln sich viel rascher als die theoretische Vernunft, die ihre Anwendung leitet. Man
  5031. weiß, dass die geistigen Strukturen der Menschen sich langsamer entwickeln als die
  5032. materiellen Strukturen der Produktion. Die Menschen leben immerfort unter der
  5033. Herrschaft überholter Bilder der Realität. Die deutschen Neomarxisten haben dieses
  5034. Problem schon vor langer Zeit aufgegriffen. Ihr Fazit: Die Menschen sind nie das, was sie
  5035. zu sein glauben.
  5036. Vor allem Horkheimer und Adorno haben sich in mehreren grundlegenden Werken mit
  5037. dieser Diskrepanz befasst.169 Die Menschen, so schreiben sie, bedienen sich zur
  5038. Formulierung der Theorie ihrer Praxis, um sich ein Bild dessen zu machen, was sie leben,
  5039. geistiger Instrumente, die aus Praktiken der Vergangenheit hervorgegangen sind. Dieser
  5040. Widerspruch könnte leicht durch eine permanente Anpassung der theoretischen
  5041. Instrumente überwunden werden, wenn die Produktion der Instrumente nicht von den
  5042. verschiedenen Einrichtungen der herrschenden Klassen überwacht würde. Diese Klassen
  5043. haben schon immer ein Interesse daran, die menschliche Praxis unter möglichst vielen
  5044. Schleiern zu verbergen. Deshalb findet keine kontinuierliche Anpassung der Theorie an
  5045. die Praxis statt, sondern Intransparenz und Ignoranz regieren. Die Praxis wird beständig
  5046. durch falsche Theorien behindert, die von den Interessen der herrschenden Klassen
  5047. diktiert sind. Hinzu kommt noch, dass die Arbeitsteilung die schrittweise
  5048. Verselbstständigung der Felder begünstigt, auf denen die Theorien zur Erklärung der Welt
  5049. entstehen, und so die objektiven Bedingungen verstärkt werden, die den Fortbestand
  5050. überholter Theorien gewährleisten.
  5051. Eine archaische Vorstellung der Realität kann jedoch unter bestimmten Umständen zur
  5052. Avantgarde werden. Ich erinnere in dem Zusammenhang an einen Kampf, der 1972
  5053. begann und an dem ich selbst teilgenommen habe: der Kampf gegen den Bau eines
  5054. Atomkraftwerks an der Rhône, in Verbois, neben dem Dorf Russin bei Genf. Das Projekt,
  5055. das eine multinationale Elektrizitätsgesellschaft (EOS Holding) auf den Weg gebracht
  5056. hatte, wurde sowohl von der Bundesregierung in Bern als auch von der Regierung des
  5057. Kantons Genf unterstützt. Die Bewegung, die gegen das Projekt kämpfte, bestand am
  5058. Anfang hauptsächlich aus kommunistischen Aktivisten, Umweltschützern und Anarchisten.
  5059. Ihr Widerstand speiste sich aus einer grundsätzlichen Ablehnung der Atomtechnologie:
  5060. Gleichgültig, wie man die nuklearen Abfälle lagert, sie werden auf jeden Fall für
  5061. Jahrtausende eine tödliche Bedrohung für die Menschen und die Umwelt darstellen –
  5062. denn die Frage ihrer Behandlung und Zwischenlagerung ist ungelöst. Zudem stellte auch
  5063. das Kernkraftwerk für sich eine Gefahr dar, eine höchst reale, da es in der Einflugschneise
  5064. des Flughafens Genf-Cointrin liegen sollte, 14 Kilometer von der Stadt entfernt.
  5065. Der Kampf war schwierig. Die Gegner waren eine Randgruppe, wurden von der Presse
  5066. diffamiert, von den Behörden ignoriert und von den Wissenschaftlern als naiv bezeichnet.
  5067. Physiker des benachbarten CERN (Centre européen de recherche nucléaire, Europäische
  5068. Organisation für Kernforschung), darunter mehrere Nobelpreisträger, wollten sie beraten,
  5069. hielten ihre Ängste aber für unbegründet. Die linken Parteien waren auf die Idee des
  5070. »Fortschritts« fixiert und klammerten sich hartnäckig an das Projekt – zumindest bis zu
  5071. dem Tag, an dem ein wissenschaftlicher Bericht ergab, dass sich das Wasser der Rhône,
  5072. mit dem die Reaktoren gekühlt werden sollten, um vier Grad erwärmen würde. Verbois
  5073. liegt im Herzen eines herrlichen Weinbaugebiets, am Fuß einer Moräne, wo alte
  5074. Rebsorten wie Gamay und Chasselas gedeihen. Durch die Erwärmung des Flusses hätte
  5075. sich permanenter Nebel gebildet, der die Sonneneinstrahlung behindert und Weinbau
  5076. unmöglich gemacht hätte.
  5077. Die Winzer in dieser Region sind überwiegend traditionelle Calvinisten, durch und durch
  5078. konservativ, deren Weltsicht Lichtjahre von der kommunistischer Atomkraftgegner und
  5079. Umweltschützer entfernt ist. Trotzdem schlossen sich etliche alarmierte Winzer den AKWGegnern
  5080. an. Die Bewegung wuchs, weitere Gruppen entstanden, es gab Koordination auf
  5081. kantonaler und Bundesebene, und schließlich bildete sich sogar eine ökologische Partei.
  5082. Und endlich siegte die Bewegung. Sie brachte eine kantonale Volksinitiative ein unter
  5083. dem Motto »L’énergie, notre affaire« (»Energie, unsere Sache«) mit dem Ziel, in die
  5084. Genfer Verfassung einen Artikel aufzunehmen, dass auf dem Gebiet des Kantons kein
  5085. Atomkraftwerk gebaut werden dürfe. Ein halbes Jahr nach der schrecklichen Katastrophe
  5086. in Tschernobyl in der Ukraine (26. April 1986), am 7. Dezember 1986, stimmten 59,82
  5087. Prozent der Bürger für die Initiative.
  5088. II. Wann und wie ist die erste menschliche Gesellschaft entstanden?
  5089. Die Alltagslogik darf sich nicht einschüchtern lassen, wenn sie sich in die Jahrhunderte begibt.
  5090. Bertolt Brecht,
  5091. Bemerkungen zu Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui170
  5092. Nie werde ich jenen Julimorgen 2012 auf dem von Urwald bestandenen Abhang des
  5093. Virunga-Massivs in Ruanda vergessen. Ein männlicher Gorilla, mächtig, mit schwarzem,
  5094. von silbernen Streifen durchzogenem Fell, trat plötzlich aus einem nur wenige Meter
  5095. entfernten Busch. Er stand vor mir und schaute mich lange und aufmerksam an … mit
  5096. einem vollkommen menschlichen Blick. Dann drehte er sich um, ließ sich auf seine Hände
  5097. fallen und entfernte sich langsam in Richtung des Vulkanrands. Äste knisterten. Aus dem
  5098. Unterholz kamen drei Gorillaweibchen. Ihr schwarzes Fell glänzte in der Morgensonne.
  5099. Zwei Gorillakinder tollten um sie herum. Der ganze Tross folgte seinem Anführer. Dass
  5100. dieser ruandische Berggorilla und seine Familie zu meinen direkten Vorfahren gehörten,
  5101. war für mich in diesem Moment eine intuitive Evidenz.
  5102. Wie entstand die erste menschliche Gesellschaft? Welche Unterschiede gibt es zwischen
  5103. menschlichen und tierischen Gemeinschaften? Welche gesellschaftlichen Institutionen
  5104. sind als erste in der Geschichte aufgetaucht? Welchen materiellen Notwendigkeiten
  5105. gehorchte die Etablierung der ersten gesellschaftlichen, nicht-biologischen Beziehungen?
  5106. Seit der Entschlüsselung der DNA wissen wir, dass praktisch das gesamte menschliche
  5107. Genom (99,9 Prozent) mit dem Genom des Schimpansen übereinstimmt. »Der Mensch
  5108. stammt nicht vom Affen ab, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Er ist ein
  5109. Affe«, sagt der Genetiker André Langaney.171 Tatsächlich stammen der Mensch, der
  5110. Schimpanse und der Gorilla von einem gemeinsamen Vorfahren ab, und die drei Linien
  5111. haben noch eine Zeitlang miteinander Nachkommen gezeugt, bis schließlich drei
  5112. unterschiedliche Arten daraus wurden.172 Der Mensch unterscheidet sich vom Affen seither
  5113. zum einen durch die Sprache, die Kombination von Wörtern nach einer bestimmten
  5114. Grammatik, sodass sie Sätze ergeben, und zum anderen durch seine Fähigkeit, sich
  5115. unterschiedlichen Umwelten anzupassen – anders als die Tierarten, die in der Natur
  5116. jeweils eine bestimmte Umweltnische besetzen und gleichbleibende Verhaltensweisen an
  5117. den Tag legen. 173 Es gibt nur eine menschliche Spezies, die auf den gemeinsamen Ahnen
  5118. zurückgeht, und trotz ihrer vielfältigen Unterschiede können sich alle Menschen
  5119. miteinander fortpflanzen.
  5120. Die erste menschliche Gesellschaft entstand mit der neolithischen Revolution (die an
  5121. verschiedenen Orten auf dem Planeten zwischen 12500 und 7500 vor unserer
  5122. Zeitrechnung begann174). Der australische Archäologe V. Gordon Childe hat diesen Begriff
  5123. in den 1930er-Jahren geprägt als Bezeichnung für den großen Schritt in der Geschichte
  5124. der Menschheit.175 In Frankreich hat Claude Lévi-Strauss den Begriff populär gemacht.
  5125. Nach seiner Auffassung hat es nur zwei große historische Brüche in der Entwicklung der
  5126. Menschheit gegeben: die neolithische Revolution und die industrielle Revolution.
  5127. Es ist charakteristisch für die neolithische Revolution, die sich über mehrere
  5128. Jahrtausende hinzog, dass es den Menschen gelang, die Natur ihren Bedürfnissen zu
  5129. unterwerfen: durch die Produktion von Nahrungsmitteln mit Ackerbau und die
  5130. Domestizierung von Tieren und Viehzucht; durch die Entdeckung des Metalls, was die
  5131. Herstellung von Werkzeugen zur Bearbeitung der Erde (die Hacke) möglich machte, und
  5132. von Töpfen zur Aufbewahrung der Erzeugnisse; durch feste Siedlungen in Dörfern,
  5133. entweder im Zuge der Sesshaftigkeit oder zur Stabilisierung einer insgesamt nomadischen
  5134. Lebensweise; durch die Bildung von Reserven, also Reichtum, woraus erbliche Macht und
  5135. die ersten Kriege entstanden; und schließlich durch eine demografische Explosion
  5136. aufgrund einer reichhaltigeren, ausgewogeneren und vielfältigeren Ernährung.
  5137. Bis zur neolithischen Revolution war die Weltbevölkerung der Jäger und Sammler nicht
  5138. sehr zahlreich (ungefähr 30000 Individuen) und sehr verwundbar gewesen, bedroht durch
  5139. häufige Hungersnöte und den Härten der Umwelt ausgeliefert. Dank einer
  5140. Klimaerwärmung, Landwirtschaft und Viehzucht wuchs die Zahl der Menschen um das
  5141. Zehn- bis Dreißigfache.
  5142. Was war die Vorgeschichte der neolithischen Revolution? Wie sind die grundlegenden
  5143. gesellschaftlichen Institutionen der ersten sozialen Gruppe entstanden?
  5144. Die angelsächsischen Kulturanthropologen haben diese Fragen als Erste beantwortet.
  5145. Sie haben zunächst die Gemeinschaftsbildung bei Menschenaffen untersucht. Dann
  5146. haben sie die Entwicklung dieser Gruppen zu den ersten Erfahrungen mit menschlicher
  5147. Gemeinschaftsbildung im Lauf des langen, komplexen Prozesses nachgezeichnet, in dem
  5148. aus einigen Primatengruppen Menschen wurden.
  5149. Die Geschichte der Menschheit beginnt vor rund 4 Millionen Jahren,
  5150. höchstwahrscheinlich in Ostafrika. Dort hat sich ein gemeinsamer Vorfahr der Gattung
  5151. Homo, der Australopithecus, von der Gattung der Affen gelöst. Schon in den 1930er-
  5152. Jahren hat Solly Zuckerman176 dem Menschen ein Alter von mindestens 2 Millionen Jahren
  5153. zugesprochen. Hier stellt sich die Frage: Wie lange schon existiert Leben auf unserem
  5154. Planeten überhaupt? Und wie alt ist – im Vergleich zu den ersten Anzeichen von Leben –
  5155. der Mensch? Die Biologen sind im Allgemeinen der Auffassung, dass das Leben auf der
  5156. Erde vor 3,8 Milliarden Jahren begann; in diesem Zeitraum lassen sich zumindest die
  5157. ältesten Hinweise auf Photosynthese (der Prozess, bei dem Wasser und Kohlenstoffdioxid
  5158. in Sauerstoff und Kohlenhydrate umgewandelt werden) finden. Von da an hat sich
  5159. Sauerstoff in der Atmosphäre angesammelt, und dadurch sind die Bedingungen für Leben
  5160. auf der Erde immer besser geworden. Das Leben hat wohl mit einem einfachen Molekül
  5161. begonnen, das in der Lage war, sich zu reproduzieren. Vor dem Hintergrund, wie lange es
  5162. Leben auf der Erde gibt, entspricht die Zeit seit der Entstehung des Menschen nur einer
  5163. Sekunde. Bronislaw Malinowski und Yves Coppens datieren das Auftauchen der ersten Art
  5164. der Gattung Homo (homo habilis) ungefähr 3 Millionen Jahre und unsere direkten
  5165. Vorfahren (homo sapiens) ungefähr 150000 Jahre zurück.177 Der »Naturmensch« lebte in
  5166. kleinen Gruppen von Blutsverwandten, die durch biologische Bindungen strukturiert
  5167. waren. Über mindestens 1900 Jahrtausende haben der Mensch aus der Olduvai-
  5168. Schlucht178 und seine Nachfahren in Schutzräumen gelebt, die die Natur ihnen bot, die
  5169. meiste Zeit in Felshöhlen oder Höhlen, die sie selbst in den Boden gruben. Außerdem hat
  5170. der Mensch des Paläolithikums Hütten gebaut.
  5171. Über den »Naturmenschen«, den Jäger, Sammler und Fischer, wissen wir nicht genug,
  5172. um beschreiben zu können, welche sozialen Strukturen sein Leben bestimmten. Die
  5173. ersten Vertreter beherrschten um 400000 vor unserer Zeitrechnung das Feuer und
  5174. konnten ihre Lebensmittel kochen. Sie hatten ein Bewusstsein für das Mysterium des
  5175. Lebens und des Todes, den sie durch Begräbnisrituale, durch die Anlage von Gräbern und
  5176. durch Vorstellungen von einem anderen Leben, in dem die Verstorbenen ihre Identität
  5177. behielten, zu bannen und zu überwinden trachteten. Damit brach die Fantasie in die
  5178. Wahrnehmung der Realität ein. Die Archäologen haben Beweise dafür gesammelt, dass
  5179. bereits der Neandertaler (ein Verwandter des homo sapiens, der zwischen 100000 und
  5180. 28000 vor unserer Zeitrechnung lebte und dessen Linie erloschen ist) seine Toten in
  5181. Embryonalhaltung mit zusammengebundenen Hand- und Kniegelenken auf einem Bett
  5182. aus Blütenpollen bestattete, sie mit Ocker bestäubte und ihnen Muschelschmuck oder
  5183. Tierzähne mitgab. Die faszinierenden Wandmalereien und Felszeichnungen aus der
  5184. Jungsteinzeit wie die in der Höhle von Altamira, die 1879 in Kantabrien (Spanien)
  5185. entdeckt wurde, in Lascaux in der Dordogne (entdeckt 1940), in der Chauvet-Grotte in
  5186. der Ardèche (entdeckt 1994) – diese Grotte ist über 30000 Jahre alt – sind ein
  5187. universelles Faktum, das man in der Vorzeit in allen bewohnten Gebieten der Welt findet.
  5188. Sie zeugen von verblüffenden Fertigkeiten bei der Darstellung von Tieren und
  5189. höchstwahrscheinlich von magisch-religiösen Riten, bei denen diese Bilder als »Schrift«
  5190. dienten, um Dingen eine über ihre konkrete Präsenz hinausweisende Dimension zu
  5191. verleihen, sie in gewisser Weise als symbolische Instrumente zu begreifen. Die Bilder, die
  5192. Phallusstatuetten und die Frauenstatuetten, die die Archäologen als »Venus« oder
  5193. »Muttergottheit« bezeichnen – Darstellungen der Fruchtbarkeit, die den Bauch, die
  5194. Brüste, das Geschlecht und das Hinterteil betonen –, künden von denselben Fähigkeiten,
  5195. was das Wissen, die Vorstellung und den geistigen Entwurf des Geheimnisses von Leben
  5196. und Begehren angeht.
  5197. Über mehr als 2,8 Millionen Jahre hinweg haben Hominini (habilis, erectus und dann
  5198. sapiens) Beziehungsnetze geknüpft, Hierarchien ersonnen und Konflikte erlebt, über die
  5199. wir noch nicht viel wissen.179
  5200. Der erste Mensch in seiner Hütte lebte noch hauptsächlich von dem, was er sammelte.
  5201. Bis heute gibt es Zivilisationen von Sammlern. Um das Paläolithikum besser zu verstehen,
  5202. hat Zuckerman die Zivilisationen der Buschmänner und der Damara untersucht, die auf
  5203. dem Gebiet der heutigen Republik Südafrika, von Botswana und Namibia leben. Über
  5204. diese Völker wissen wir relativ viel, vor allem aus den Arbeiten von Isaac Schapera.180
  5205. Das Volk der Buschmänner, deren Werkzeuge auffällig den kulturellen Artefakten ähneln,
  5206. die auch an Fundstellen aus dem Paläolithikum vorkommen, umfasst gegenwärtig nur
  5207. wenige tausend Menschen. Sie leben vom Sammeln und von der Fallenstellerei. In ihrem
  5208. Verhalten und durch gewisse äußere Merkmale erinnern sie an die Pygmäen aus dem
  5209. Ituri-Regenwald, die Colin M. Turnbull untersucht hat.181 Wie die Pygmäen im Ituri-
  5210. Regenwald in der Demokratischen Republik Kongo besitzen die Buschmänner bis auf
  5211. einige Hunde keine Haustiere. Sie treiben keinen Ackerbau und bewegen sich in kleinen
  5212. Gruppen von fünfzig bis hundert Personen auf einem eng begrenzten Territorium.
  5213. Zwischen den Gruppen gibt es keine erkennbare hierarchische Ordnung. Die Damara
  5214. ähneln in mancher Hinsicht den Buschmännern. Sie leben in der Savanne und den Wüsten
  5215. von Namibia, ebenfalls hauptsächlich als Sammler und von der Fallenstellerei. Aber sie
  5216. bauen manchmal Tabak an und halten ein paar Ziegen. Ihre Gruppen sind noch kleiner
  5217. als die der Buschmänner (und der Pygmäen aus dem Ituri-Regenwald) und zählen
  5218. höchstens zehn bis dreißig Personen.
  5219. Ein Faktum muss in diesem Zusammenhang ganz besonders betont werden: die soziale
  5220. Funktion des Territoriums im Leben der betreffenden Völker. Jede Gruppe wandert in
  5221. einem bestimmten Gebiet. Ihr Weg wird in erster Linie durch die ökonomischen
  5222. Erfordernisse des Sammelns und die Zufälle der Jagd diktiert, in zweiter Linie durch die
  5223. Lage der Wasserstellen. Wenn in der Trockenzeit das Wasser knapp wird, teilen sich die
  5224. Gruppen auf. Untergruppen von Blutsverwandten ziehen allein, jede für sich, weiter durch
  5225. das Gebiet. Die Grenzen des Gebiets einer Gruppe werden strikt beachtet. Wenn sie
  5226. zufällig oder absichtlich von einer anderen Gruppe verletzt werden, verteidigt die
  5227. zugehörige Gruppe die Grenzen erbittert. Selbst wenn sich die Gruppe in der Trockenzeit
  5228. in Untergruppen aufteilt, wird das Territorium nicht aufgeteilt. Der Boden mit allem, was
  5229. darauf wächst, gehört allen gemeinsam. Die Menschen kooperieren nach strengen Regeln
  5230. bei der Jagd und teilen das erlegte Wild miteinander. Es gibt keine Reichen und keine
  5231. Armen. Zwischen den Untergruppen eines Volkes ist Austausch an der Tagesordnung.
  5232. Über die Grenzen des Territoriums hinweg kommt es zu freundschaftlichen Besuchen,
  5233. werden Geschäfte abgewickelt und Ehen geschlossen. Zwischen den Mitgliedern der
  5234. verschiedenen Gruppen ist sogar Exogamie die Regel. Sie findet auf ungewöhnliche Weise
  5235. statt: Der Mann schließt sich der Gruppe der Frau an und wechselt damit auf ihr
  5236. Territorium. Bald nach der Geburt des ersten Kindes kehrt er im Allgemeinen wieder
  5237. zurück (meist allein, ab und zu begleitet von seiner neuen Familie). Normalerweise
  5238. schließt er sich wieder seiner eigenen Gruppe an.
  5239. Der Mensch im Paläolithikum lebte wie die Buschmänner vom Sammeln und vielleicht
  5240. von der Fallenstellerei. Fossilienfunde lassen überdies vermuten, dass er sich auf einem
  5241. genau definierten, relativ begrenzten Territorium bewegte. Die Menschengruppen waren
  5242. sehr klein. Wahrscheinlich praktizierten sie wie die Buschmänner noch in der jüngsten
  5243. Vergangenheit Kindstötung.
  5244. Es war wichtig, dafür zu sorgen, dass die Menge der verfügbaren Nahrung und die Zahl
  5245. der zu ernährenden Menschen sich im Gleichgewicht befanden. Und da die Menschen im
  5246. Paläolithikum über keine landwirtschaftlichen Techniken verfügten, um die Menge der
  5247. Nahrungsmittel zu vergrößern, blieb nur der Weg, die Zahl der Menschen zu verringern.
  5248. Darauf geht die mörderische Selektion zurück, zu der sich die Menschen seit ihren
  5249. Anfängen gezwungen sahen. Eine der ersten regelmäßig wiederholten und darum
  5250. institutionalisierten gesellschaftlichen Handlungen war vermutlich ein Akt der Zerstörung
  5251. – mehr noch, ein Akt der Selbstzerstörung.
  5252. Wir haben es hier mit prospektiver Kindstötung zu tun. Die erwachsenen männlichen
  5253. Angehörigen der Buschmänner ermittelten regelmäßig, wie viel Nahrung zur Verfügung
  5254. stand. Dann schätzten sie die Bedürfnisse der Gruppe ab. Schließlich verglichen sie die
  5255. beiden Ergebnisse und brachten so viele Kinder um, wie nötig war, um das Gleichgewicht
  5256. zwischen verfügbaren Nahrungsmitteln und den zu ernährenden Lebewesen wieder
  5257. herzustellen.
  5258. Was ist der Unterschied zwischen der Gemeinschaftsbildung bei Tieren und bei
  5259. Menschen?
  5260. Raymond Dart182 hat Gesellschaften von Menschenaffen und menschliche Gesellschaften
  5261. des Paläolithikums miteinander verglichen. Er sagt, das soziale Handeln der Menschen sei
  5262. eine Funktion des biologischen Erbes. Aber dieses Erbe teilt der Mensch mit einer großen
  5263. Zahl anderer Primaten. Als erstes Problem hat Dart das Territorium untersucht: Dabei hat
  5264. er neue Erkenntnisse über die Bindungen des Menschen an sein Territorium zutage
  5265. gefördert. Die territorialen Bindungen dominieren eindeutig gegenüber den Bindungen,
  5266. die er mit seinesgleichen, seinen Eltern und Geschwistern, seinen Kindern unterhält.
  5267. Bevor der Mensch die Menschen liebt, liebt er das Land, auf dem er lebt. Der Mensch im
  5268. Paläolithikum definierte – wie wir gesehen haben – höchstwahrscheinlich ein bestimmtes
  5269. Territorium als sein eigenes, stellte sich die Welt als Funktion des Territoriums vor,
  5270. sprach ihm feste Grenzen zu, verteidigte sie mit seinem Leben, verließ seine Frau und
  5271. sein Kind und kehrte auf sein Territorium zurück, sobald er auf dem Nachbarterritorium
  5272. den Zeugungsakt vollzogen und sich von seiner Wirksamkeit (der Geburt eines Kindes)
  5273. überzeugt hatte. Dart hat dazu interessantes Material gesammelt: Er hat nicht nur
  5274. bewiesen, dass die Bindung an das Territorium eine (oder die) grundlegende Struktur der
  5275. tierischen Gemeinschaftsbildung ist, vor allem bei den höheren Primaten, sondern auch,
  5276. dass die Ausdehnung des Territoriums und seine Nutzung sich regelmäßig mit den
  5277. Führungsqualitäten des Anführers der Gruppe ändern.
  5278. Um das näher zu erläutern, beziehe ich mich auf Arbeiten des Primatenforschers
  5279. Clarence R. Carpenter. 183 Carpenter hat Experimente mit über vierhundert Rhesusaffen
  5280. durchgeführt. Eine Gruppe von Affen brachte er auf die Insel Santiago, eine Nachbarinsel
  5281. von Puerto Rico in der Karibik, wo sie in Freiheit lebten. Diese Gruppe bestand aus etwa
  5282. vierzig erwachsenen männlichen und hundertfünfzig erwachsenen weiblichen Tieren. Das
  5283. Verhältnis von männlichen zu weiblichen Tieren betrug also ungefähr 1 zu 4. Carpenter
  5284. teilte die Affengruppe auf: Die einzelnen Untergruppen oder Gesellschaften bestanden
  5285. aus unterschiedlich vielen Tieren. Die Affengesellschaft, die uns in unserem
  5286. Zusammenhang besonders interessiert, umfasste fünfundzwanzig Tiere, darunter sieben
  5287. erwachsene Männchen mit unterschiedlichem Verhalten und Aussehen. Ihr Anführer war
  5288. ein eindrucksvoller dominierender, aggressiver Affe, das mächtigste und dominanteste
  5289. Tier auf der ganzen Insel. Die Affengesellschaften grenzten von Anfang an (seit ihrer
  5290. Entstehung durch Aufteilung der ursprünglichen Gruppe) und sofort nach ihrer Entlassung
  5291. in die Freiheit Territorien ab. Die Abgrenzung war das Ergebnis einer effektiven
  5292. Besitzergreifung, das heißt einer organisierten, zielgerichteten Wanderung. Ihr jeweiliges
  5293. Territorium verteidigten sie gegen Einfälle anderer Horden. Sie kannten auf Anhieb die
  5294. Grenzen. Aber eine Horde respektierte weder die Grenzen ihres eigenen Territoriums
  5295. noch die anderer Horden auf der Insel: die Horde des beschriebenen dominanten,
  5296. aggressiven Anführers. Sie drang regelmäßig und im Allgemeinen mit Erfolg auf
  5297. angrenzende Territorien vor, lieferte sich Kämpfe mit den anderen Affen und gewann sie
  5298. meistens. Eines Tages fingen die Forscher den Anführer und sperrten ihn in einen Käfig.
  5299. Die Horde zerfiel keineswegs oder zeigte Zeichen der Ratlosigkeit, sondern akzeptierte
  5300. auf der Stelle einen neuen Anführer: das nach physischer Stärke und Dominanz zweite
  5301. männliche Tier in der Hierarchie der Gruppe. Unter seiner Führung ging der Krieg weiter:
  5302. Die Horde griff weiterhin die Territorien anderer Horden an, schaffte Eroberungen und
  5303. gliederte die eroberten Gebiete in ihr ursprüngliches eigenes Territorium ein. Doch unter
  5304. der Herrschaft des neuen Anführers passierten zwei Dinge: Die eroberten und in das
  5305. Ursprungsterritorium eingegliederten Gebiete wurden kleiner; innerhalb der Gesellschaft
  5306. nahmen die Streitigkeiten und Rangeleien zwischen Gruppenmitgliedern zu. Als Nächstes
  5307. sperrten die Forscher auch den zweiten Anführer in einen Käfig. Der nach Dominanz und
  5308. physischer Kraft Dritte in der Hierarchie übernahm sofort die Macht. Jedes Mal, wenn ein
  5309. Anführer eingesperrt wurde, rückte sofort ein neues männliches Tier nach. Der Übergang
  5310. der Macht erfolgte im Allgemeinen kampflos, als wäre die Nachfolge durch das Schweigen
  5311. der Horde abgesegnet und legitimiert. Mit einer einzigen Ausnahme: Das in der
  5312. Hierarchie fünfte männliche Tier setzte sich gegenüber dem vierten durch und nahm ihm
  5313. die Macht ab, die ihm nach den Regeln der Gesellschaft nach dem Verschwinden des
  5314. dritten zugefallen war. Mit jedem Wechsel des Anführers wurden die Eroberungen kleiner,
  5315. die Wanderungen ungeordneter, die Grenzen fließender, und innerhalb der Gesellschaft
  5316. entstand ein endemischer Krieg. Unter der Herrschaft des vierten Anführers, dessen
  5317. Position anscheinend beschädigt war, bevor er überhaupt die Macht übernommen hatte
  5318. (weil der fünfte ihm eine Niederlage bereitete), begann die Gesellschaft sich aufzulösen.
  5319. Kleinere Gruppen spalteten sich ab, und die gesellschaftliche Organisation drohte
  5320. vollkommen zu zerfallen. Die Forscher ließen daraufhin die ersten drei Anführer wieder
  5321. frei, auch den dominierenden ersten. Als er auf sein Territorium zurückkehrte, liefen
  5322. sofort ein Dutzend weibliche Tiere auf ihn zu. Er übernahm unverzüglich wieder die
  5323. Macht, schlichtete allein durch seine Anwesenheit oder mit seiner Körperkraft die internen
  5324. Konflikte der Affengruppe und vergrößerte durch Eroberungen das gemeinsame
  5325. Territorium.
  5326. Aus diesem Experiment lassen sich drei Schlüsse ziehen.
  5327. Offenbar hing die gesellschaftliche Organisation der Affengruppe von ihrem Territorium
  5328. ab. Wenn ein Gebiet erobert und verteidigt wird und durch regelmäßige Wanderungen
  5329. vertraut ist, bekommt die Horde einen festen geistigen Referenzrahmen, und es bildet
  5330. sich eine relativ stabile Gesellschaft. In einer sich wandelnden, feindseligen Welt, die fast
  5331. vollkommen unverständlich bleibt, ist das Territorium für die Primaten die unverzichtbare
  5332. Voraussetzung für jede zielgerichtete gesellschaftliche Konstruktion.
  5333. Die Macht ist im Übrigen keine Funktion der blutsmäßigen Zugehörigkeit, sondern des
  5334. Territoriums. Das Individuum, dem es gelingt, die Stabilität der Grenzen zu garantieren,
  5335. sie kontinuierlich auszudehnen und dementsprechend die ständige Bedrohung durch
  5336. Hunger zu bannen, herrscht über die Gruppe.
  5337. Und eine dritte Schlussfolgerung ergibt sich aus den beiden erstgenannten: Die Konflikte
  5338. innerhalb der Horde hängen von der Stabilität der territorialen Grenzen ab. Wenn das
  5339. Territorium infrage gestellt wird, wenden sich die Individuen von der kollektiven Aufgabe
  5340. ab, die Gruppe zu strukturieren (vermutlich weil ihnen das gesellschaftliche Bemühen
  5341. sinnlos erscheint), und verteidigen aggressiv ihre unmittelbaren eigenen und
  5342. ausschließlich individuellen Interessen. Die geordneten Wanderungen hören auf.
  5343. Dart hat daraus gefolgert, dass die Bindung des steinzeitlichen Menschen an sein
  5344. Territorium sich kaum von dem Verhalten unterschied, das bestimmte Menschenaffen
  5345. gegenüber dem Territorium der Gruppe an den Tag legen.
  5346. Unter den Nachfahren des Australopithecus gab es allerdings einige, die
  5347. unternehmenslustiger und neugieriger waren oder vielleicht auch durch die
  5348. Klimaentwicklung gezwungen wurden, ihr ursprüngliches Territorium zu verlassen und die
  5349. sich dann aufgemacht haben, die Erde zu erobern. Die ersten transkontinentalen
  5350. Eroberungen fanden zwischen 1,5 Millionen und 500000 Jahren vor unserer Zeitrechnung
  5351. statt.
  5352. Und noch in einem weiteren Bereich hat Dart Beobachtungen angestellt, die Analogien
  5353. zwischen Menschenaffen und Menschen nahelegen – manche erkennen sie an, andere
  5354. bestreiten sie: im Bereich des sexuellen Verhaltens. Es ist ein wichtiges Thema: Es geht
  5355. dabei um die Frage, ob das sexuelle Verhalten der Menschenaffen bestimmten festen
  5356. Schemata folgt oder ob es vollkommen chaotisch ist.
  5357. Die Gegner der These, dass man aus der Beobachtung von Affen wichtige Erkenntnisse
  5358. über das Sexualleben der Menschen gewinnen kann, bringen folgende Einwände vor:
  5359. Affen einer bestimmten Spezies können scheinbar monogam sein. Aber wenn viele
  5360. zusammenkommen, können sie sich trotzdem promiskuös verhalten. Dieselben Affen ein
  5361. und derselben Spezies sind manchmal polygam und manchmal polyandrisch. Mit anderen
  5362. Worten: Sie leben in totaler sexueller Anarchie. Bei den Menschenaffen wird das sexuelle
  5363. Verhalten immer und überall von den Umständen und zufälligen Begegnungen bestimmt.
  5364. Es wirkt nie so, als regierten feste Regeln. Die Befürworter der Analogie zwischen
  5365. Menschenaffen und Menschen verweisen jedoch darauf, dass es bei beiden dauerhaft
  5366. heterosexuelle Beziehungen gibt. Außerdem glauben sie nicht, dass die sexuelle Anarchie
  5367. der Menschenaffen von fundamentaler Bedeutung ist, weil auch bei den Menschen des
  5368. Paläolithikums ab der Pubertät höchstwahrscheinlich eine entsprechende Anarchie
  5369. herrschte.
  5370. Der erste Punkt erscheint mir wichtig: Im Allgemeinen leben männliche und weibliche
  5371. Affen zusammen. Bei den Menschenaffen hängt das damit zusammen, dass die
  5372. reproduktiven Organe der erwachsenen Tiere immer aktiv sind und deshalb die dauernde
  5373. Anwesenheit von erwachsenen Individuen des anderen Geschlechts erforderlich ist.
  5374. (Potenziell entsteht so die Keimzelle zu einer Familie von Blutsverwandten, die
  5375. möglicherweise schon durch eine gewisse affektive Zuneigung der Partner geprägt ist.)
  5376. Bei den heutigen Menschen ist das offensichtlich nicht mehr der Fall. Wir wissen nicht, ob
  5377. diese physiologische Gegebenheit das Sexualleben der Menschen im Paläolithikum
  5378. bestimmt hat. Aber selbst wenn es nicht so gewesen sein sollte oder wenn die Intensität
  5379. im Lauf des langen Prozesses der Entwicklung zum Menschen abgenommen haben sollte,
  5380. hat sich auf jeden Fall die Gewohnheit herausgebildet, dass die beiden Geschlechter
  5381. zusammenleben. Diese Gewohnheit ist der Ursprung der Ehe und der Kleinfamilie, die
  5382. heute in den europäischen Gesellschaften dominieren. A contrario argumentierend,
  5383. könnte man sich sehr gut vorstellen, dass es bei Menschenaffen und den Menschen auch
  5384. andere als heterosexuelle Gesellschaften geben könnte. Es gibt a priori keinen Grund,
  5385. warum männliche und weibliche Individuen nicht radikal getrennte Gesellschaften bilden,
  5386. deren Isolation nur gelegentlich durch kurze Begegnungen von Individuen unterbrochen
  5387. werden würde. Weder die Geburt noch die Erziehung der Kinder erfordern die dauernde
  5388. Anwesenheit von zwei Individuen unterschiedlichen Geschlechts und dementsprechend
  5389. die Existenz einer heterosexuellen Gesellschaft. Empirische Belege zeigen jedoch, dass es
  5390. bei den Affen ohne nennenswerte Ausnahme nur permanent heterosexuelle
  5391. Gesellschaften gibt oder solche, in denen sich Getrennt- und Zusammenleben regelmäßig
  5392. abwechseln.
  5393. Bei den Menschen sind heterosexuelle Gesellschaften bereits vor der Steinzeit belegt,
  5394. als Männer und Frauen aus unterschiedlichen Verwandtengruppen begannen, in den
  5395. Dörfern zusammenzuleben. In den steinzeitlichen Höhlen wurden oft an ein und
  5396. denselben Stellen Schädel- und Skelettknochen von Männern und Frauen gefunden.
  5397. Deshalb erscheint es uns möglich oder sogar wahrscheinlich, dass sich die
  5398. heterosexuellen Gesellschaften der Menschen aus den entsprechenden Gesellschaften der
  5399. Menschenaffen heraus entwickelt haben.
  5400. Bei dem Zweig der Familie der Menschenaffen, der die geheimnisvolle Veränderung
  5401. durchlief, die allmählich zum Menschen führte, verlor sich im Lauf von einigen
  5402. hunderttausend Jahren die permanente Bereitschaft der Fortpflanzungsorgane der
  5403. erwachsenen Individuen. Aber das Zusammenleben der Geschlechter war zu einer festen
  5404. Gewohnheit geworden: Es hatte sich so im Bewusstsein der Gruppe verankert, dass es
  5405. nicht mehr infrage gestellt wurde, obwohl künftig der physiologische Zwang zum
  5406. Zusammenleben fehlte, den es bei den Menschenaffen gegeben hatte. Dart behauptet
  5407. außerdem, dass eine direkte Linie von den sexuellen Verhaltensweisen der
  5408. Menschenaffen zu denen der Menschen des Paläolithikums führt. Die Menschenaffen
  5409. wählen ihre Sexualpartner nicht gezielt aus (genauer gesagt, sie wählen nicht gezielt
  5410. bestimmte Individuen) und folgen bei ihren Fortpflanzungsaktivitäten chaotischen
  5411. zufälligen Impulsen. Das hypothetische Band, das den Mann mit der Frau verbindet, mit
  5412. der er den Sexualakt vollzieht, ist sehr schwach. Erinnern wir uns nur daran, dass bei den
  5413. afrikanischen Buschmännern und bestimmten australischen Eingeborenen bis heute der
  5414. Mann häufig nach der Geburt des ersten Kindes zu seiner Gruppe zurückkehrt.
  5415. Wann und aus welchen Gründen erfolgte der Übergang von der Natur zur Kultur? Welches
  5416. waren die ersten Institutionen dieser für den Menschen typischen Kultur, die es bei den
  5417. Gesellschaften der Menschenaffen nicht gibt?
  5418. Der Ursprung der ersten kulturellen Institutionen ist die erweiterte Gruppe. Keine
  5419. Affengesellschaft hat jemals die Dimension menschlicher Zusammenschlüsse erreicht:
  5420. Nationen, Kirche, Staaten und so weiter. Als erste kulturelle Institutionen lassen sich die
  5421. Arbeitsteilung (zuerst nach Geschlecht, später nach anderen Kriterien), das Inzesttabu,
  5422. die gemeinschaftliche Nahrungssuche und schließlich die immer weiter entwickelte
  5423. Produktion von Nahrung identifizieren. Angesichts der engen Verflechtung (oder aber: der
  5424. oft gleichzeitigen oder zumindest zeitlich nicht sehr weit getrennten Entstehung) der
  5425. genannten ersten Kulturinstitutionen ist es nicht möglich, hier die Entwicklung jeder
  5426. einzelnen nachzuzeichnen.
  5427. Der Mensch ist der einzige Allesfresser unter den höheren Primaten. Darum muss es an
  5428. einem bestimmten Punkt in seiner Geschichte eine Ernährungsrevolution gegeben haben.
  5429. Die Prähistoriker machen eine Klimaveränderung im Pliozän (zwischen 5,33 und 2,58
  5430. Millionen Jahren) dafür verantwortlich. Durch diese Klimaveränderung, die vor allem in
  5431. Afrika spürbar war, gingen die Wälder zurück, und die Böden wurden trockener. Eine
  5432. Gruppe oder mehrere Gruppen von Primaten, die flexiblere Ernährungsgewohnheiten
  5433. hatten als die anderen, schafften es, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen und
  5434. pflanzliche Nahrung (die zunehmend knapper wurde) durch Wild zu ersetzen – und
  5435. vielleicht auch durch das Fleisch ihrer Artgenossen. Kurzum: Sie wurden Fleischfresser.
  5436. Diese Veränderung der Ernährung hatte Auswirkungen auf die Jagdstrategien der
  5437. betreffenden Individuen, und sie veränderte nach und nach ihr wirtschaftliches und
  5438. soziales Leben.
  5439. Eine Wirtschaftsweise, die auf der Jagd basierte, verlangte immer raffiniertere
  5440. Werkzeuge. Die neuen Herausforderungen, vor denen die Gruppe stand, übten auf ihre
  5441. Mitglieder enormen Druck aus. Der Druck führte zur Intensivierung der geistigen Aktivität.
  5442. Die so entfachte geistige Aktivität brachte neue Konzepte hervor, die wiederum die
  5443. Koordination verbesserten, sodass neue Bewegungsabläufe gelernt wurden. Die Hominini
  5444. ersannen immer bessere Werkzeuge und konnten immer geschickter damit umgehen.184
  5445. Die Jagd ist, verglichen mit dem Sammeln von Nahrung, eine sehr viel stärker
  5446. spezialisierte Tätigkeit. Sie verlangt Training, Schnelligkeit und erhebliche Körperkraft.
  5447. Dadurch kommt es zu einer natürlichen Selektion: Schwangere Frauen, Kinder und Alte
  5448. können sich nur unter Schwierigkeiten an der Jagd beteiligen. Eine erste Form der
  5449. Arbeitsteilung entsteht: Die erwachsenen männlichen Individuen gehen auf die Jagd, die
  5450. Frauen widmen sich weniger gefährlichen Tätigkeiten in der unmittelbaren Umgebung
  5451. ihrer Behausung. Eine erste Differenzierung der Gesellschaft zeichnet sich ab.
  5452. Rudimentäre soziale Klassen bilden sich heraus in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen
  5453. Tätigkeit. Ein wichtiger Schritt in der Kulturentwicklung ist getan.
  5454. Durch die Arbeitsteilung ändert sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Beide –
  5455. die Frau für den Mann und der Mann für die Frau – sind nicht mehr nur Objekte einer rein
  5456. physiologischen sexuellen Aktivität. Das Individuum wird als Person wahrgenommen, die
  5457. sich in einer bestimmten persönlichen Aktivität entfaltet – die sich von den Aktivitäten
  5458. und Funktionen der anderen Mitglieder der Gruppe unterscheidet. Ein Gesicht taucht auf,
  5459. ein Charakter tritt zutage. Dank der durch die zunehmende Arbeitsteilung
  5460. individualisierten Aufgaben werden die Geschicke eines jeden Menschen singulär. Seine
  5461. Fertigkeiten wachsen und entwickeln sich auf einzigartige, unvergleichliche Weise. Nach
  5462. und nach entdeckt der Geist Rätsel, die nur er lösen kann. Edgar Morin schreibt dazu:
  5463. »Wie könnte man übersehen, daß das, was im höchsten Maß biologisch ist – das
  5464. Geschlecht, der Tod –, zugleich dasjenige ist, was im höchsten Maße von Symbolen, von
  5465. Kultur durchtränkt ist?«185
  5466. Wahrscheinlich müssen wir die Entstehung des Inzesttabus und seiner gesellschaftlichen
  5467. Konsequenz, der Exogamie, in dieselbe Ereigniskette einordnen. Wir wissen nicht, warum
  5468. und wann genau das Inzesttabu auftauchte. Die Erklärung, dass es einem spontanen
  5469. Widerwillen des – zur Person gewordenen – Individuums entsprach, sich sexuell mit
  5470. einem oder einer engen Verwandten zu vereinen, ist nicht überzeugend. Das gilt auch für
  5471. die Theorie, die das Inzesttabu damit in Verbindung bringt, dass man auf einmal die
  5472. biologischen Gefahren für das aus dem Verkehr von Blutsverwandten hervorgegangene
  5473. Kind entdeckt hätte. Diese Erklärungen wären nur dann akzeptabel, wenn die Abneigung
  5474. oder das Bewusstsein für die Gefahr bei allen Menschen aufgetaucht wären. Aber gerade
  5475. das ist nicht der Fall.
  5476. Inzest wurde beispielsweise als wichtiger ritueller Akt – das heißt weder heimlich noch
  5477. unterdrückt – von den Machthabern in verschiedenen sakralen Königreichen Afrikas
  5478. praktiziert.186 In mehreren ägyptischen Pharaonendynastien war Inzest eine staatliche
  5479. Institution. Auf der anderen Seite wissen wir aus den Forschungen von Malinowski und
  5480. Róheim, dass das Inzesttabu in menschlichen Gesellschaften einerseits sehr verbreitet zu
  5481. sein scheint, es sich aber offenbar nicht immer um die gleiche Form von Inzest handelt.
  5482. Bei den Bewohnern der Trobriand-Inseln187, die Malinowski untersucht hat, sind sexuelle
  5483. Spiele zwischen Verwandten in aufsteigender und absteigender Linie zulässig, während
  5484. der Kontakt zwischen Bruder und Schwester strikt verboten ist. Bei den meisten Völkern,
  5485. die Róheim erwähnt, gilt das gesellschaftliche Tabu vor allem für den Inzest zwischen
  5486. Verwandten in aufsteigender und absteigender Linie. Wenn man das Inzesttabu durch ein
  5487. Bewusstsein für die genetische Gefahr durch die Blutsverwandtschaft erklären möchte,
  5488. erscheint es wenig überzeugend, dass die Menschen der Steinzeit bereits über ein
  5489. entsprechendes konzeptuelles System verfügt haben sollen, um diese Gefahren zu
  5490. erkennen und ihre verheerenden Folgen zu antizipieren, vorausgesetzt, dass es sie
  5491. überhaupt gegeben hat.
  5492. Zwischen sexuellen Tabus und dem Tausch besteht ein gewissermaßen funktionelles
  5493. Band. »Jedes Verbot ist zugleich und in anderer Beziehung eine Vorschrift«, stellt Claude
  5494. Lévi-Strauss fest.188 Die Vorschrift, die aus dem Inzestverbot (sei es gegenüber der
  5495. Mutter, sei es gegenüber der Schwester) hervorgeht – durch einen Mechanismus, den Luc
  5496. de Heusch189 als »logische Motivation« im Gegensatz zur psychologischen Motivation
  5497. bezeichnet –, ist die Exogamie. Patrilineare Gesellschaften, in denen man die universelle
  5498. Existenz des Ödipuskomplexes annehmen kann, und matrilineare Gesellschaften belegen
  5499. den Inzest mit einem praktisch absoluten Tabu. Dass es sich nicht um die gleiche Art von
  5500. Inzest handelt, spielt letztlich keine große Rolle: Denn beide Verbote führen zur gleichen
  5501. Vorschrift, zur Exogamie.
  5502. Eine Gruppe, die Inzest zulässt, zerfällt in immer kleinere Gruppen. Sie atomisiert sich.
  5503. Austausch muss nicht stattfinden, die Suche nach Sexualpartnern außerhalb der Gruppe
  5504. ist nicht nötig. Aber wir haben gesehen, dass am Übergang von der Altsteinzeit zur
  5505. Jungsteinzeit nicht nur Gruppenbildung stattfand und die Gruppenstrukturen sich
  5506. festigten, sondern dass die Gruppen auch permanent größer wurden. Das hing in erster
  5507. Linie damit zusammen, dass weniger Kinder getötet wurden, weil (dank Jagd und bald
  5508. auch dank Ackerbau) mehr Nahrung verlässlich zur Verfügung stand. Aber weder die
  5509. geringere Zahl von Kindstötungen noch möglicherweise eine vermehrte Geburtenzahl bei
  5510. den nunmehr besser ernährten Menschen kann die quantitative Veränderung der Gruppen
  5511. voll und ganz erklären. Nur eine Intensivierung des Austauschs als Folge der Exogamie
  5512. und damit die gesellschaftliche Verurteilung des Inzests erklären letztlich das Aufkommen
  5513. der erweiterten Gruppe. Aber die neolithische Revolution mit ihren erstaunlichen
  5514. Errungenschaften (Anbau von Getreide, Domestizierung bestimmter Tierarten und so
  5515. weiter) war das Ergebnis einer Vielzahl zufälliger oder gezielter Experimente der
  5516. Menschen. Für einen solchen Prozess des Ausprobierens, mit Misserfolgen und der
  5517. systematischen Wiederholung gelungener Versuche, waren viele Akteure nötig. Ohne
  5518. große Gruppen hätte es die neolithische Revolution nicht gegeben.
  5519. Aus Sicht der angelsächsischen Kulturanthropologen war die Entstehung des
  5520. Kulturmenschen und mit ihm der menschlichen Gesellschaft kein kontinuierlicher Prozess
  5521. über Hunderte von Jahrtausenden hinweg. Vielmehr erschien der Kulturmensch relativ
  5522. abrupt. Sein Auftauchen zeugt von dem qualitativen Sprung, der stattfindet, wenn
  5523. innerhalb einer bestimmten sozialen Struktur viele und sehr verschiedenartige Elemente
  5524. zusammenkommen. Keines dieser Elemente (oder genauer: keiner der einzelnen
  5525. evolutionären Prozesse) ließ für sich allein erahnen, was aus dem Kulturmenschen
  5526. werden sollte, seine Einzigartigkeit, die Art und Weise, wie er seine Gemeinschaften
  5527. bildete.
  5528. Für alle bekannten menschlichen Gruppen ist es typisch, dass sie praktisch permanent
  5529. von Konfliktsituationen geprägt sind. Trotz seiner 3 Millionen Jahre langen Geschichte ist
  5530. es dem Menschen nicht gelungen, sich endgültig mit sich selbst und seinesgleichen zu
  5531. versöhnen. Konflikte sind, wie wir gesehen haben, menschlichen Gruppen und den
  5532. Beziehungen zwischen den Menschen inhärent. Es gibt keine menschliche Gesellschaft,
  5533. die sich nicht mit Grenzen gegen andere abschottet. Die Aggressivität ist ein fester,
  5534. anscheinend unvermeidlicher Bestandteil des menschlichen Verhaltens. Dart hat dazu die
  5535. folgende Hypothese: Dem Menschen wohnt eine starke Aggressivität inne, die weder
  5536. individuell noch durch fortschreitende Sozialisation zu beherrschen ist. Sie treibt ihn
  5537. immer wieder zu den schlimmsten Gewalttaten. Die moderne Psychoanalyse scheint
  5538. Darts These zu bestätigen.190 Darts Originalität besteht darin, wie er die Genese der
  5539. menschlichen Aggressivität erklärt: Sie sei ein tierisches Erbe, man könne sie
  5540. zurückverfolgen bis zu den biophysiologischen Gemeinsamkeiten aller höheren Primaten,
  5541. der Vorfahren des Menschen.
  5542.  
  5543. NEUNTES KAPITEL
  5544. Die Völker des Schweigens
  5545. Inzwischen reißen Stämme und Völker
  5546. das Erdreich auf und schlafen in der Kohlenmine,
  5547. fischen mitten in des Winters Stacheln,
  5548. nageln Nägel in die eigenen Särge
  5549. errichten Städte, die sie nicht bewohnen,
  5550. säen aus das Brot, das sie morgen nicht besitzen,
  5551. sie streiten über Hunger und Gefahr.
  5552. Pablo Neruda, Memorial von Isla Negra191
  5553. Die großen Werke der Frankfurter Schule analysieren bewundernswert die Mechanismen
  5554. der materiellen und symbolischen Herrschaftsinstrumente, die die kapitalistischen Klassen
  5555. anwenden, um die Arbeiter und Angestellten im Zentrum und die Völker an der Peripherie
  5556. zu unterjochen. Aber sie schweigen zu dem unermüdlichen, unbeugsamen Widerstand,
  5557. den die Völker an der Peripherie ihren Aggressoren entgegensetzen.
  5558. Die angelsächsischen Kulturanthropologen gehen den umgekehrten Weg: Sie
  5559. konzentrieren sich auf vormoderne Gesellschaften in Afrika, Indien, Ozeanien und so
  5560. weiter, und arbeiten ihre ontogenetischen Kulturen heraus, ihre Formen der
  5561. gesellschaftlichen Organisation, ihre Kosmogonien. Hingegen verzichten sie mehrheitlich
  5562. fast vollständig auf die Analyse der Strategien, mit denen die Industrie- und
  5563. Finanzmächte des Zentrums ihre Aggression ausüben.
  5564. Um die – komplexe, vielschichtige und gewaltsame – Dialektik des Konflikts zwischen
  5565. den Industriegesellschaften mit ihrer prometheischen Sicht der Geschichte,
  5566. ausgeklügelten Werkzeugen und einer aggressiven Symbolik einerseits und den
  5567. traditionellen Gesellschaften andererseits, mit ihren überkommenen Kulturen, ihrer
  5568. agrarischen und handwerklichen Produktionsweise zu verstehen, müssen wir Rat bei einer
  5569. Gruppe von Soziologen suchen, die mit der Résistance in Frankreich entstanden ist. Ihre
  5570. Thesen haben sich im Kampf gegen den dogmatischen Marxismus einerseits und gegen
  5571. die koloniale Ideologie andererseits bewährt.
  5572. Ich bezeichne die Gruppe mit einem Ausdruck, den ich von Georges Balandier
  5573. übernehme: Sie sind die Anhänger einer »generativen Soziologie«. Balandier sagt
  5574. darüber: »Unsere neuen Forschungen ermöglichen es, den Raum der Freiheit und der
  5575. Besonderheit in jeder Gesellschaft genauer zu ermessen. Sie enthüllen – durch ein
  5576. Vorgehen, das man als generative Soziologie bezeichnen kann – die Wandelbarkeit der
  5577. gesellschaftlichen Konfigurationen: dauernd dabei, sich zu bilden und ihren Sinn
  5578. festzulegen. Sie zeigen, dass es keine flachen oder auf eine einzige Dimension
  5579. reduzierten Gesellschaften gibt und dass jede mehrere Dimensionen in sich trägt, an
  5580. denen die gesellschaftlichen Akteure ihre Zukunft orientieren können.«192
  5581. Zu dieser Gruppe von Soziologen zählen vor allem Roger Bastide, Georges Balandier,
  5582. Jean Duvignaud, Gilbert Durand und Edgar Morin. Sie haben mehrere Dinge gemeinsam:
  5583. Die meisten haben während der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten in
  5584. verschiedenen Organisationen der Résistance gekämpft: Georges Balandier im Maquis in
  5585. der Franche-Comté, Jean Duvignaud und Edgar Morin bei den Francs-tireurs et partisans
  5586. (FTP) der kommunistischen Partei.
  5587. Nach der Befreiung von Paris wurde Georges Gurvitch aus seinem Exil in New York auf
  5588. den Lehrstuhl für Soziologie an der Sorbonne berufen. Er trat die Nachfolge von Maurice
  5589. Halbwachs an, der nach Buchenwald deportiert worden und wenige Wochen vor der
  5590. Befreiung des Lagers dort gestorben war. Gurvitch, ein Mann von außerordentlicher
  5591. Vitalität und intellektueller Kreativität, gründete in Paris das Laboratoire de sociologie de
  5592. la connaissance.193
  5593. Die französische Gesellschaft war zu der Zeit ganz von den Hoffnungen und Projekten
  5594. erfüllt, die mit der Résistance, der Befreiung und dem Sieg über den Faschismus
  5595. entstanden waren. Das neue Laboratoire spielte in dieser Gesellschaft eine beträchtliche
  5596. Rolle. Zahlreiche junge Forscher und Forscherinnen (zum Beispiel Germaine Tillon) aus
  5597. der Generation der Widerstandskämpfer, darunter sehr produktive und innovative,
  5598. versammelten sich dort spontan.194 Gurvitch stellte ihnen einen institutionellen Raum für
  5599. ihre Forschungen zur Verfügung. Diese jungen Soziologen (Philosophen,
  5600. Erkenntnistheoretiker, Anthropologen) waren überzeugt, dass eine erneuerte, von
  5601. dogmatischen Lehrsätzen und apodiktischen »Wahrheiten« befreite Wissenschaft dazu
  5602. beitragen konnte, die französische Gesellschaft und die ganze Welt zu verändern.
  5603. Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Die politische Elite der Vierten
  5604. Republik und die Honoratioren an den Universitäten erstickten die Hoffnung auf eine
  5605. Revolution, auf eine radikale Erneuerung, die in der Résistance geboren worden war. Der
  5606. Kalte Krieg begann und hinterließ seine Spuren in der akademischen Forschung. Und
  5607. schließlich begünstigten der Ausbruch des Koreakonflikts (1950) und die Bedrohung durch
  5608. einen dritten Weltkrieg überall und besonders an den Universitäten das Aufblühen der
  5609. rückständigsten konservativen Instinkte. Die jungen Soziologen erlebten eine bittere
  5610. Desillusionierung.
  5611. Der Aufbau einer neuen europäischen Gesellschaft, zu dem sie durch ihre Forschungen
  5612. und ihr politisches Engagement beitragen wollten, scheiterte. Gleichzeitig hatte die
  5613. Hoffnung das Lager gewechselt und bewegte jetzt die Kolonialvölker, die für ihre
  5614. Unabhängigkeit kämpften. Die Soziologen dieser Gruppe brachen also auf, wenn schon
  5615. nicht nach Übersee, so doch zumindest über die Grenzen ihrer Welt hinaus. Die
  5616. Zufälligkeit ihrer Wege führte sie in Gesellschaften, die noch nicht ganz von der
  5617. symbolischen Gewalt des Kapitals und der Praxis der Warenrationalität zerstört waren.
  5618. Sie entdeckten die bislang unbewusst gebliebenen objektiven Grenzen, die die mentalen
  5619. Kategorien ihrer Herkunftskultur ihrer Wahrnehmung setzten. Bastide, Balandier,
  5620. Duvignaud, Morin, aber auch Touraine, der einige Zeit in Gurvitchs Laboratoire
  5621. mitarbeitete, brachten ganze Bereiche des überkommenen Wissens zum Einsturz.
  5622. Balandier reiste nach Westafrika (wo er sich an den Kämpfen zur Befreiung von der
  5623. Kolonialherrschaft beteiligte) und weiter nach Zentralafrika. Von seinen Reisen brachte er
  5624. ein großartiges Werk mit, Sociologie actuelle de l’Afrique noire195. Jean Duvignaud
  5625. konzentrierte sich auf den Maghreb. In einer Oase in Südtunesien entstand sein
  5626. Hauptwerk Chebika196. Morin, der wie Duvignaud aus der kommunistischen Partei
  5627. ausgeschlossen wurde, wagte sich auf noch überraschenderes Terrain. Er untersuchte den
  5628. infrakonzeptuellen Diskurs im Alltag der Industriegesellschaft; sein umfangreiches,
  5629. eindrucksvolles Werk mündete in einen neuen Diskurs über Die Methode197. Er setzte sich
  5630. über die traditionellen Grenzen zwischen den akademischen Disziplinen hinweg und
  5631. bezog stattdessen alle Wissenschaften ein. Morin erklärte: »Wir brauchen eine
  5632. Erkenntnismethode, die der Komplexität des Realen Rechnung trägt, die Existenz der
  5633. Menschen anerkennt, sich dem Mysterium der Dinge annähert.« Roger Bastide schließlich,
  5634. der Claude Lévi-Strauss an der Spitze der französischen Kulturmission als Professor in São
  5635. Paulo nachgefolgt war, blieb 16 Jahre in Brasilien, von 1938 bis 1954. Als Eingeweihter
  5636. des Orixa-Kults, Sohn des Xangô und König des candomblé Opá Afonjá von Salvador de
  5637. Bahia, etablierte er die Soziologie der afrikanischen Diaspora in Brasilien.
  5638. Die generative Soziologie brach radikal mit allen Theorien, den marxistischen, den der
  5639. angelsächsischen Kulturanthropologen und anderen, die eine unilineare Entwicklung der
  5640. Produktionsweisen, der Symbolsysteme und der sozialen Gebilde postulierten. Für sie gibt
  5641. es weder »entwickelte« Gesellschaften noch »unterentwickelte«, noch
  5642. »Schwellenländer«. Sie bestreiten die Aussage, dass die auf die materielle Produktion
  5643. ausgerichtete Industriegesellschaft mit ihren vielfältigen Werkzeugen und ihrer schnellen
  5644. Akkumulation allen anderen Gesellschaften überlegen sei. Jede soziale Organisation –
  5645. jede Eigentumsordnung, jede Ideologie, jeder Staat, jede Produktionsweise, jedes
  5646. System der Beziehungen zwischen den Nationen und zwischen den Menschen – ist »gut«,
  5647. insofern es die Autonomie des Individuums vergrößert, dessen Fähigkeit, sein Leben
  5648. selbst zu organisieren, ihm einen Sinn zu geben und mit den Widersprüchen
  5649. fertigzuwerden, die unvermeidlich zur menschlichen Existenz gehören. Eine soziale
  5650. Ordnung ist »schlecht« und muss deshalb bekämpft werden, wenn sie den Menschen und
  5651. die Natur für eine Logik instrumentalisiert, deren ausschließliche Parameter nicht die
  5652. Entfaltung und das Glück der Menschen sind.
  5653. Die generative Soziologie verwendet neue Kriterien für die Evaluation, die sich sehr von
  5654. denen unterscheiden, die die deutschen Neomarxisten und die angelsächsischen
  5655. Kulturanthropologen benutzen. Alle Gesellschaften stehen unabhängig von ihrer
  5656. materiellen und symbolischen Produktionsweise, den klimatischen Bedingungen, ihren
  5657. demografischen Gegebenheiten vor einer Reihe identischer Probleme. Georges Balandier
  5658. nennt sie Anthropo-Logien198. Ich zitiere einige Beispiele.
  5659. Jede Gesellschaft reproduziert sich nur dank der Heterosexualität. Deshalb muss jede
  5660. Gesellschaft Mechanismen für den Umgang mit dem Gegensatz der Geschlechter und die
  5661. Einbindung des Reproduktionsakts entwickeln und sich Normen geben, die in der Lage
  5662. sind, die Phantasie und Praxis der Sexualität zu beherrschen, zu ordnen, zu
  5663. domestizieren.
  5664. Ein weiteres Beispiel: In jeder Gesellschaft gibt es eine Pyramide von Altersklassen. Die
  5665. Weitergabe des instrumentellen Wissens erfordert, bestimmte Formen für die Weitergabe
  5666. dieses Wissens zu erfinden (Initiationsriten in den Gesellschaften mit mündlicher
  5667. Tradition wie in Afrika, pädagogische Methoden und schulische Einrichtungen in Europa).
  5668. Und noch ein Beispiel: Jede Gesellschaft wird von vielfältigen strukturellen oder
  5669. willkürlich hereinbrechenden Konflikten zerrissen. Deshalb muss jede Gesellschaft
  5670. Mechanismen erfinden, wie sie die Konflikte beherrscht und einhegt. Der candomblé der
  5671. Nagôs in den Gesellschaften der afrikanischen Diaspora in Brasilien (Bahia, Maragnan,
  5672. Para) hat Trance-Rituale hervorgebracht, um die Gesellschaft zu befrieden, eine
  5673. regelmäßige Katharsis herbeizuführen und die vielfältigen Konflikte zu lösen, die die
  5674. Menschen untereinander austragen. Die kapitalistischen Warengesellschaften im Westen
  5675. und die »sozialistischen« Gesellschaften im Osten (China, Nordkorea) haben für die
  5676. Lösung der gleichen Probleme ein komplexes Netz aus juristischen und psychiatrischen
  5677. Einrichtungen geschaffen, Einrichtungen zum Schutz, zur Überwachung, zur Repression,
  5678. zur Bestrafung.
  5679. Die Anhänger der generativen Soziologie lehnen zwar radikal die Unterscheidung von
  5680. »entwickelten Gesellschaften«, »unterentwickelten Gesellschaften« und
  5681. »Schwellenländern« ab, die heute in den Vereinten Nationen und den meisten
  5682. Forschungsinstituten geläufig ist, aber wie wir gesehen haben, vertreten sie dennoch
  5683. keine agnostische Weltsicht.
  5684. Ihr zentrales Unterscheidungskriterium ist das Ausmaß von Gewalt, das eine Gesellschaft
  5685. mobilisiert, um ihre Anthropo-Logien zu lösen. Wenn sie regelmäßig massive Gewalt
  5686. anwendet, rangiert sie ganz unten auf der Stufenleiter. Wenn ihre Mechanismen hingegen
  5687. zur Lösung von Konflikten (zwischen Familien, zwischen Nachbarn, zwischen Angehörigen
  5688. eines Clans und so weiter) Rituale enthalten, Institutionen, die die Autonomie des
  5689. Subjekts maximal respektieren und nur mit minimalem Zwang verbunden sind, dann gilt
  5690. die Gesellschaft als exemplarisch und steht ganz oben in der Hierarchie. Dazu ein
  5691. Beispiel: Ohne Zweifel spielt Repression bei der streng ritualisierten kollektiven Trance,
  5692. der Reproduktion der Ordnung des Universums durch die Besessenen, wie sie im
  5693. candomblé der Nagôs von Salvador de Bahia (von Maragnan, von Piaui und so weiter)
  5694. praktiziert wird, keinerlei Rolle. Verglichen mit der Strafjustiz, den psychiatrischen
  5695. Anstalten und den Gefängnissen der westlichen Gesellschaften zeigen die Einrichtungen
  5696. de s candomblé einen deutlich höheren Grad an Zivilisiertheit, als man ihn in Europa
  5697. antrifft.
  5698. Ich füge noch hinzu, dass es in den Gesellschaften, die den candomblé kennen, sehr
  5699. wenige Rückfälle gibt. Nach dem Auftauchen aus der kollektiven Trance sind die Konflikte
  5700. im Allgemeinen geklärt und der »Missetäter« wird wieder in die Gemeinschaft
  5701. eingegliedert. In den Gesellschaften, die Konflikte mit Methoden regeln, die auf
  5702. Gewaltanwendung basieren, ist das offenkundig nicht so.
  5703. Die kollektive Trance wird durch die Kosmogonie der Nagôs (der Name für die Afro-
  5704. Brasilianer, die von den Yoruba abstammen) normiert. Sie ist genau genommen ein
  5705. rituelles Theater. Jeder Besessene verkörpert eine Gestalt aus dem Pantheon der
  5706. afrikanischen Gottheiten, den Orixas. Die Orixas sind weder Tote, die sich den Lebenden
  5707. zu erkennen geben, noch reine Geister. Die Orixas sind Kräfte des Universums. Jeder von
  5708. ihnen verkörpert eine spezifische Eigenschaft des menschlichen Charakters.
  5709. Bei der Besitzergreifung, dem zentralen Element der Initiationsgesellschaft, manifestiert
  5710. sich eine solche Kraft im Körper einer Frau, seltener im Körper eines Mannes. Wenn der
  5711. Orixa herabsteigt und von einem Menschen Besitz ergreift, ist dessen Bewusstsein
  5712. vollkommen blockiert. Die ronda, das rituelle Theater, löst die Konflikte der Gesellschaft,
  5713. indem es sie in Gestalt von Orixas auf die Bühne bringt.
  5714. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Konflikte, die in den candomblés von Bahia
  5715. wüten, oft von äußerster Brutalität sind. Die eingeweihten jungen Frauen, die oft sehr
  5716. schön sind, haben ein explosives Temperament. Ihre Leidenschaft und ihre Eifersucht
  5717. oder die ihrer Gefährten sind Auslöser vieler Dramen. Der Alltag der schwarzen
  5718. Hafenarbeiter, der Fischer in der Bucht, der Bediensteten in den großen Hotels, der
  5719. Hausangestellten der weißen Plantagenbesitzer ist hart und elend, erfüllt von
  5720. Demütigungen und Ängsten. Die afro-brasilianischen Proletarier schenken sich
  5721. untereinander nichts. Ihre Frustrationen und ihre kompensatorische Aggressivität
  5722. entladen sich häufig in lautstarken, gewalttätigen, manchmal blutigen
  5723. Auseinandersetzungen.
  5724. Aber die kollektive Trance, das rituelle Theater, hat eine solche Kraft, dass die
  5725. Befriedung der Gesellschaft regelmäßig und geradezu wundersam gelingt.
  5726. Zu meinen schönsten Erinnerungen zähle ich die Nächte, die ich im Terreiro Olga de
  5727. Alaketu im Busch von Matatu de Brotas in Bahia verbracht habe. Bei Anbruch der
  5728. Dunkelheit strömen scharenweise Habenichtse, Arbeiter, Verkäuferinnen in bunten
  5729. Gewändern und ärmlich gekleidete Kinder auf den Hügel. Viele haben verschlossene,
  5730. beinahe hasserfüllte Gesichter. Die Trommeln ertönen, die ronda bildet sich, die Orixas
  5731. steigen herab. Zehn Stunden später, wenn die Sonne sich über dem Atlantik erhebt,
  5732. ziehen die Menschen in Kolonnen den Hügel wieder hinunter, beruhigt und glücklich. Sie
  5733. sprechen leise miteinander, halten sich an den Händen und freuen sich daran, dass die
  5734. Orixas den Frieden wiederhergestellt haben.
  5735. Für mich steht es vollkommen außer Zweifel, dass in der Hierarchie der Gesellschaften
  5736. die traditionellen präkapitalistischen Gesellschaften der afrikanischen Diaspora in
  5737. Brasilien weit über den westlichen Warengesellschaften rangieren.
  5738. Das Bedürfnis, die Welt kennenzulernen und die eigene Position in der Welt, das Streben
  5739. nach Totalität ist etwas ganz Wesentliches für den Menschen. Jede Gesellschaft bringt
  5740. ihre eigenen Wertesysteme hervor und gibt ihren Praktiken wechselnden Sinn.
  5741. Wenn es in der Soziologie um »Sinn« und »Werte« geht, so ist ein Hinweis angebracht:
  5742. Werturteile begleiten die wissenschaftliche Arbeit, wie sie das soziale Handeln eines
  5743. jeden Menschen begleiten, aber der Soziologe ist nicht im Besitz des Wertekodex, der die
  5744. menschliche Geschichte lenkt und leitet. Er wirkt daran mit, Maßstäbe für die Legitimität
  5745. der Werte zu erarbeiten. Zwar gibt es keine soziologischen Kriterien für die Wahrheit des
  5746. Menschen und den Sinn der Geschichte – denn, um es noch einmal zu wiederholen, der
  5747. Sinn der Geschichte und die Wahrheit des Menschen sind das Produkt kollektiven
  5748. Handelns, an dem der Soziologe wie jeder andere Mensch teilhat –, aber die Werte und
  5749. der Sinn sind Forschungsobjekte der Soziologie. Die Soziologie kennt keine
  5750. unveränderliche, unabhängige, ewig gültige »Wahrheit«. Ihre zentralen Fragen zielen
  5751. darauf, wie viele Menschen einer bestimmten Gesellschaft eingeladen sind, an der
  5752. Entwicklung von Sinn und Werten teilzuhaben, über wie viel Freiheit sie bei der
  5753. Formulierung ihrer Vorschläge verfügen und wie wirksam ihre Vorschläge umgesetzt
  5754. werden. Balandier hat das, was ich meine, so zusammengefasst: »Wechselseitige
  5755. Kontrolle der Macht und kollektive Hervorbringung von Sinn: Das entscheidende Problem
  5756. ist die kontinuierliche Beteiligung der größtmöglichen Zahl von Akteuren an den – immer
  5757. wieder neuen – Definitionen der Gesellschaft: Das zu erkennen heißt deutlich zu machen,
  5758. dass sie an den Stellen der Gesellschaft präsent sein müssen, an denen die für die
  5759. Gesellschaft wichtigen Entscheidungen fallen und wo das entsteht, was ihr Sinn
  5760. verleiht.«199
  5761. Jede Wissenschaft muss ihren Gegenstand definieren. Die generative Soziologie
  5762. formuliert in diesem Kontext Elemente einer Theorie, die einen radikalen Bruch mit den
  5763. Theorien der deutschen Neomarxisten und der angelsächsischen Kulturanthropologen
  5764. darstellt. Kein Gegenstand ist für die soziologische Erforschung »einfach da«. Vielmehr ist
  5765. der Wissenschaftler bei der Konstituierung eines jeden Objekts persönlich beteiligt.
  5766. Hören wir, was Roger Bastide dazu sagt: »Das Subjekt und seine eigenen Interessen
  5767. sind Bestandteile der Definition des Objekts. […] Das Subjekt beobachtet sich in dem,
  5768. was es betrachtet. Bild gegen Realität.«200 Und weiter: »Es gibt eine Frustration der
  5769. Vernunft, wie es eine Frustration der Libido gibt. Es gibt auch eine Verirrung der Vernunft
  5770. unter dem Eindruck dieser Frustration.«201 Man könnte einwenden, dass diese Situation
  5771. keine Besonderheit der Sozialwissenschaften ist. Die Chemiker, die Astronomen, die
  5772. Physiker und Biologen definieren ebenfalls ihre Objekte und respektieren die Tabus, die
  5773. ihre frustrierte Libido ihnen auferlegt. Insofern ist es in allen Wissenschaften so, dass
  5774. Objekte nicht einfach da sind.
  5775. Trotzdem unterscheidet sich die Situation in den Naturwissenschaften radikal von der in
  5776. den Humanwissenschaften, und das aus mindestens zwei Gründen: Zur Natur der toten
  5777. Dinge gehört eine Reihe von Determinierungen, die, wenn sie erst einmal ans Licht
  5778. gebracht wurden und handhabbar sind, dem Experiment einen praktisch absoluten
  5779. objektiven Wert verleihen. Die Natur bestätigt oder widerlegt die Hypothesen des
  5780. Experimentators in vollkommener Unabhängigkeit. In den Sozialwissenschaften ist das
  5781. offensichtlich anders. Es gibt keine unwandelbare Natur, die die Hypothesen des
  5782. Forschers bestätigt oder widerlegt.
  5783. Der zweite Grund für diesen fundamentalen Unterschied zwischen Naturwissenschaften
  5784. und Humanwissenschaften hängt mit dem Prozess der Konstituierung des
  5785. Forschungsgegenstands zusammen. Der Forschungsgegenstand der Naturwissenschaften
  5786. ist fast immer eindeutig. Der Apfel, der Newton vor die Füße fiel, wurde durch Newtons
  5787. Willen zum Forschungsobjekt, aber er ist ein eindeutiges Objekt, weil die Eigenschaft, die
  5788. ihn aus einem beliebigen Gegenstand zu einem Forschungsobjekt verwandelt, gerade in
  5789. der Tatsache liegt, dass er fällt. Nicht der Apfel, sondern seine Bewegung zur Erde hin
  5790. gibt den Anlass zur Nachforschung, als Herausforderung für den menschlichen Geist oder
  5791. Gegenstand der Wissenschaft. Der Apfel fällt. Er steigt nicht auf und bewegt sich auch
  5792. nicht horizontal. Mit anderen Worten: Seine Bewegung ist »einzigartig«, eindeutig. Das
  5793. Gravitationsprinzip gilt universell. Die Soziologie hat es mit einer ganz anderen Situation
  5794. zu tun. Eine gesellschaftliche Dialektik, eine noch so perfekt strukturierte Institution, ein
  5795. Verhältnis von Befehl und Gehorsam, ein Kunstwerk oder eine Ideologie ist nie eindeutig.
  5796. Wie Bastide sagt: Die aufeinanderfolgenden oder nebeneinander existierenden
  5797. Definitionen ein und desselben gesellschaftlichen Objekts »erfassen nie dieselben Anteile
  5798. des Realen«.
  5799. Kommen wir noch einmal auf das Beispiel mit dem Apfel zurück. Gleichgültig, ob er von
  5800. einem Baum in Japan, Frankreich oder Kansas fällt, er regt die Physiker immer zu den
  5801. gleichen Überlegungen über die Gravitation an, mit Ausnahme einiger messbarer
  5802. Variablen, die durch den Ort der Beobachtung beeinflusst werden.202 Hingegen erfasst die
  5803. Definition einer Farbe, etwa der Farbe Gelb, nie dieselben Anteile des Realen, um es mit
  5804. Bastide zu sagen. Ein Deutscher denkt beim Anblick einer Landschaft, in der die Farbe
  5805. Gelb dominiert, an die Sonne, an Sommer und Hitze, Ferien, ein Feld mit Weizen, Raps
  5806. oder Sonnenblumen, an Wohlbehagen. Für einen Bauern oder Nomaden im Sahel
  5807. bedeutet Gelb Trockenheit, Leiden, Durst, Hunger, Ruin und Tod.
  5808. Der Soziologe ist somit selbst an der Konstituierung seines Forschungsgegenstands
  5809. beteiligt, und zwar mit einer Intensität und Tiefe, die weder der Biologe kennt noch der
  5810. Astronom, weder der Chemiker noch der Physiker. Die Bilder, die der Soziologe mobilisiert
  5811. und auf den Forschungsgegenstand projiziert – den er anschließend rational analysiert –,
  5812. sind aller Wahrscheinlichkeit nach das genaue Abbild innerer Erfahrungen und
  5813. existenzieller Konflikte, bewusster oder verdrängter, die er selbst durchlebt. Für Bastide
  5814. reduziert sich das vertrackte Problem der Konstituierung des Forschungsgegenstands,
  5815. oder anders gesagt: das Problem der Objektivität in der Soziologie, letztlich auf die
  5816. scheinbar schlichte Feststellung: »Die Motive zu kennen, die uns antreiben, ist der einzige
  5817. Weg, wie wir unsere Subjektivität überwinden können.«203
  5818. Die generative Soziologie wehrt sich gegen die künstliche Begrenzung der Realität, die
  5819. beispielsweise bei den marxistischen Soziologen die Regel ist. Die Marxisten
  5820. unterscheiden zwischen dem normierten Verhalten und dem »verrückten«, zwischen dem
  5821. »Normalen« und dem »Pathologischen«. Sie weigern sich, Träume zu befragen,
  5822. verweisen infrakonzeptuelle Vorgänge, wie sie in der Trance auftauchen, in der
  5823. Besessenheit, im Wissen von Eingeweihten, in den Bereich des Pathologischen. Doch ein
  5824. großer Teil unseres Lebens spielt sich auf einer infrakonzeptuellen Ebene ab: Es bringt
  5825. Bilder hervor, Symbole, Gewissheiten, Ängste, Motive, Obsessionen, die nicht die Form
  5826. von Konzepten annehmen. Besessenheit, Traum und Trance stehen im Mittelpunkt der
  5827. meisten großen afrikanischen, indianischen und ozeanischen Kulturen. Sie geben auf ihre
  5828. Weise Antworten auf die ontologischen Fragen der Menschen.
  5829. An dieser Stelle schiebe ich eine Parenthese ein. Der Begriff Ontologie heißt hier nur
  5830. Referential (Bezugspunkt) im Sinn des Schweizer Mathematikers und Philosophen
  5831. Ferdinand Gonseth. Das Referential verweist auf das Vorhandensein einer Frage, die
  5832. jeden Diskurs bedeutungslos werden lässt, der sich nicht darauf bezieht. Das Referential
  5833. urteilt in keiner Weise darüber, ob der semantische Inhalt des Diskurses objektiv richtig
  5834. oder falsch ist. Ein kulturelles System (oder eine Soziologie), die Aussagen über das Sein
  5835. des Lebens macht, kann sich jederzeit in ihren Formulierungen täuschen und falsche
  5836. Dinge über den realen Menschen behaupten. Hingegen wissen wir, dass eine Kultur oder
  5837. eine Soziologie, die versucht, das ontologische Problem, das heißt die Frage nach dem
  5838. Sinn des Lebens und dem Sein des Menschen, zu verschleiern, mit Sicherheit eine falsche
  5839. Kultur oder Soziologie wäre. Denn die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Sein
  5840. des Menschen ist eine unausweichliche Frage und damit eine richtige Frage.
  5841. Die generative Soziologie führt neue Erkenntnisobjekte ein, die zuvor negiert wurden –
  5842. wie beispielsweise Traum, Trance, Wahn, die Kosmogonien agrarischer Gesellschaften,
  5843. Begräbnisrituale und Tod –, und schenkt damit den beherrschten Gesellschaften
  5844. Aufmerksamkeit. Sie gibt den Völkern des Schweigens eine Stimme. Deren Gesellschaften
  5845. gehen von einer kulturellen, symbolischen und materiellen Geschichte aus, die anders ist
  5846. als die, die von der Antike über das Mittelalter und die Renaissance bis in die moderne
  5847. Zeit die westlichen urbanen Gesellschaften geprägt hat. Die generative Soziologie
  5848. postuliert somit die Pluralität der Vernunft, die aus der Pluralität der gesellschaftlichen
  5849. Organisationsweisen, der Ausdrucksweisen und der Methoden der Symbolisierung
  5850. entstanden ist, auf die Gesellschaften mit unterschiedlichen Ursprüngen zurückgreifen.
  5851. Die generative Soziologie verwirft den Gegensatz von »historischen Gesellschaften« und
  5852. »Gesellschaften ohne Geschichte« oder von »prometheischen Gesellschaften« und
  5853. »Gesellschaften mit einer zyklischen Geschichtsvorstellung«. Was ist damit gemeint? Die
  5854. Abwertung außereuropäischer Gesellschaften, insbesondere afrikanischer
  5855. Traditionsgesellschaften, aber auch agrarischer Gesellschaften in Europa durch eine
  5856. ethnozentrische Soziologie, ob marxistischer Prägung oder nicht. Die Industrie- und
  5857. Warengesellschaften Europas vergegenwärtigen sich ihre Vergangenheit, indem sie
  5858. versuchen, die Abfolge der Ereignisse zu reproduzieren. Sie haben einen Code erfunden
  5859. (meistens die Rechnung in Jahrhunderten), um die Vergangenheit zu strukturieren.
  5860. Außerdem pflegen sie eine Geschichtsphilosophie, die in der verwirrenden Abfolge der
  5861. Ereignisse einen verborgenen Sinn aufspüren soll, den sie »Sinn der Geschichte« nennen.
  5862. Die Industriegesellschaften befassen sich intensiv mit ihrer Vergangenheit. Ganz
  5863. unbestreitbar sind sie entscheidend von der vergangenen Zeit geprägt. So gesehen sind
  5864. sie zweifellos »historische Gesellschaften«.
  5865. Die traditionellen afrikanischen Gesellschaften jedoch erheben nicht den Anspruch, die
  5866. Vergangenheit so zu rekonstruieren, wie sie tatsächlich gewesen ist. Bei ihren
  5867. regelmäßigen Festen, zentralen Augenblicken des sozialen Lebens, wird der
  5868. Gründungsmythos der betreffenden Gesellschaft immer wieder in Szene gesetzt. Damit
  5869. erinnern sie an die ontologischen Fundamente ihrer Gemeinschaft. In einer Gesellschaft
  5870. mit mündlicher Tradition, wie es die meisten afrikanischen Gesellschaften sind, würde
  5871. man vergebens nach einem historischen Code suchen, vergleichbar jenem der
  5872. Chronologie, der uns aus den europäischen Gesellschaften vertraut ist. Und ebenso
  5873. vergeblich würde man dort nach einer geistigen Tätigkeit oder einem gesellschaftlichen
  5874. Ansinnen suchen, die man mit der westlichen Geschichtsphilosophie vergleichen könnte.
  5875. Aber die Gesellschaften, die angeblich »keine Geschichte« haben, sind dennoch nicht
  5876. ahistorisch. Sie haben eine Geschichte, nur gehen sie anders mit ihr um als die
  5877. kapitalistischen Warengesellschaften. Auf eine Geschichtswissenschaft haben sie zwar
  5878. verzichtet, aber sie widmen sich seit eh und je mit größter Hartnäckigkeit der Aufgabe,
  5879. die für ihr Leben wirklich wichtigen Gewissheiten weiterzugeben. Den zufälligen
  5880. Wechselfällen des menschlichen Lebens schenken sie nur wenig Aufmerksamkeit. Ein
  5881. Beispiel: Ein Bauer vom Volk der Bahutu, der in den prächtigen Hügeln von Burundi lebt,
  5882. am Ufer des Tanganjikasees, kennt nur ausnahmsweise sein Geburtsdatum, aber er weiß
  5883. nahezu alles über seinen künftigen Tod, über die Orte, wo die Toten zu Hause sind, über
  5884. den Sinn des Lebens, die Kräfte, die dem Universum innewohnen. In seiner Sprache ist
  5885. »kera« das Wort, das die Vergangenheit bezeichnet (»es ist lange her«, »es war
  5886. einmal«). Kera steht für die ganze Vergangenheit.
  5887. Die soziale Zeit der kapitalistischen Warengesellschaft und die Zeit der traditionellen
  5888. afrikanischen Gesellschaften trennt ein tiefer Graben.
  5889. Die afrikanischen Gesellschaften verorten Augenblicke der Veränderung nicht auf einer
  5890. universellen Zeitleiste, sondern nur in Bezug auf ihre eigenen gesellschaftlichen
  5891. Strukturen. Die Gründungsmythen erklären der Gesellschaft ihre eigene Entstehung. Die
  5892. traditionellen afrikanischen Gesellschaften leben mit so etwas wie Sorglosigkeit
  5893. gegenüber der Universalität der Spezies. In ihrem Bild von der Welt kommen im
  5894. Allgemeinen nur ihre eigenen isolierten Existenzen vor. So macht sich der
  5895. Gründungsmythos der Bahutu nicht die Mühe, die Völker des Ostkongo, von Katanga oder
  5896. Tansania innerhalb oder außerhalb ihres Universums einzuordnen und ihnen einen Platz
  5897. zu geben. Obschon diese Völker die unmittelbaren Nachbarn der Bahutu sind. Die Bahutu
  5898. wissen genau, dass es sie gibt, und kennen sie zumindest durch Augenschein.
  5899. Jede traditionelle afrikanische Gesellschaft hat ihre eigene Vorstellung von Zeit. Sie
  5900. umfasst die Lebenden und die Toten, Gott und die Menschen, den Himmel, die Erde, das
  5901. Reich der Verstorbenen. Aber, ich wiederhole es noch einmal, die zeitliche Situation
  5902. anderer Gesellschaften kommt nicht oder kaum vor.
  5903. Weder das Königreich Burundi noch der brasilianische candomblé kennen eine
  5904. kumulative, schriftlich fixierte Geschichte. Es handelt sich also nicht um »prometheische
  5905. Gesellschaften«, um die Formulierung von Georges Gurvitch aufzugreifen, in denen jede
  5906. »neue Erfahrung das gesamte gesellschaftliche Projekt infrage stellt.«204 Die Geschichte
  5907. traditioneller afrikanischer Völker ist bis auf wenige Ausnahmen immer eine Geschichte,
  5908. die nur das Wesentliche vermittelt. Aber das auf höchst eindrucksvolle Weise: durch
  5909. Feste, Masken, Divinationen, Rituale. Sie behandelt einzig und allein die Fragen, die es
  5910. wert sind, dass man sich mit ihnen befasst: Woher kommt der Mensch? Was ist seine
  5911. Aufgabe auf der Erde? Wie stirbt er, und kann er hoffen, zu Lebzeiten eine Beziehung zu
  5912. Gott herzustellen? Die mündliche Tradition Afrikas ist ein konkretes, nicht verdinglichtes
  5913. System der Selbstdeutung. Durch dieses System erklärt die Gesellschaft sich selbst. Die
  5914. Geschichte der Afrikaner nähert sich einer ontologischen Wahrheit an.
  5915. Was verbindet uns? Jeder Mensch empfindet Kälte, Hitze, Hunger, Liebe, Hoffnung und
  5916. Angst. Er fühlt sich lebendig, indem er existiert, sein Leben lebt. Jeder Mensch will
  5917. glücklich sein, möchte essen, vor Angst und Einsamkeit geschützt sein. Jeder Mensch –
  5918. auf welchem Kontinent auch immer er lebt, welcher Nation, Klasse, Kultur, Ethnie und
  5919. Altersgruppe auch immer er angehört – fürchtet den Tod und hasst die Krankheit. Jedem
  5920. Menschen wohnt ein reflektierendes Bewusstsein inne. Ein kategorischer Imperativ
  5921. beseelt ihn: die Welt zu erkennen oder, genauer gesagt, seine konkrete Situation in der
  5922. Welt zu verstehen.
  5923. Was ist meine persönliche Überzeugung? Sie deckt sich mit der bekannten Aussage von
  5924. Feuerbach: »Bewußtsein […] ist nur da, wo einem Wesen seine Gattung, seine Wesenheit
  5925. Gegenstand ist. […] Wo Bewußtsein, da ist Fähigkeit zur Wissenschaft. Die Wissenschaft
  5926. ist das Bewußtsein der Gattungen. Nur ein Wesen, dem seine eigene Gattung, seine
  5927. Wesenheit Gegenstand ist, kann andere Dinge oder Wesen nach ihrer wesentlichen Natur
  5928. zum Gegenstande machen.«205 Unter allen Lebewesen hat allein der Mensch ein
  5929. Bewusstsein seiner Identität. Ein jedes unterernährte Kind ist für Menschen ein
  5930. unerträglicher Anblick. Immanuel Kant hat geschrieben: »Die Unmenschlichkeit, die
  5931. einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.« Das Leiden des anderen
  5932. lässt mich leiden, es verletzt mein eigenes Bewusstsein, fügt ihm einen Riss zu, macht es
  5933. unglücklich, zerstört in mir das, was ich als einen unverzichtbaren »Wert« empfinde: den
  5934. Wunsch, nicht zu leiden, zu essen, glücklich zu sein. Es zerstört das Wertvollste in mir:
  5935. meine »Menschlichkeit«, das heißt das unbezwingbare Bewusstsein der ontologischen
  5936. Einheit aller menschlichen Wesen. Diese »Werte« bedürfen keiner wie auch immer
  5937. gearteten metasozialen, ideologischen oder religiösen Begründung. Diese »Werte« sind
  5938. potenziell universell, weil sie konstitutiv für den Menschen sind.
  5939.  
  5940. ZEHNTES KAPITEL
  5941. Die Bruderschaft der Nacht
  5942. Nun werdet ihr sehen, was wir sind und wiegen.
  5943. Nun werdet ihr sehen, was wir sind und sein werden.
  5944. Wir sind das reine Silber der Erde,
  5945. des Menschen wahrhaftes Erz,
  5946. wir verkörpern das Meer, das unermüdliche,
  5947. die Feste der Hoffnung:
  5948. eine Minute Dunkel macht uns nicht blind:
  5949. und keine Agonie wird uns töten.206
  5950. Gegen die weltweite Diktatur des globalisierten Finanzkapitals, ihrer Satrapen und
  5951. Söldner, erhebt sich heute ein neues geschichtliches Subjekt: die weltweite
  5952. Zivilgesellschaft.
  5953. Ernesto Che Guevara hat den prophetischen Satz niedergeschrieben: »Auch die stärksten
  5954. Mauern fallen durch ihre Risse.«207
  5955. Heute tauchen überall Risse auf. Sie werden immer zahlreicher und immer größer. Die
  5956. Ordnung der Welt wankt. Aus den unzähligen Widerstandskämpfen, die jeden Tag und
  5957. jede Nacht auf allen fünf Kontinenten stattfinden, greife ich zwei Beispiele heraus. Sie
  5958. zeugen von der Vitalität und der Wirksamkeit des neuen Widerstands und ebenso von der
  5959. solidarischen Vernunft, die ihn antreibt, genährt von dem Wissen der Vorläufer in diesem
  5960. Kampf.
  5961. Bangladesch ist ein Land von unglaublicher Schönheit. Seine 150 Millionen Einwohner sind
  5962. mehrheitlich Muslime. Auf den 116000 Quadratkilometern des Staatsgebiets – gelegen
  5963. zwischen den Ausläufern des Himalaya und dem Golf von Bengalen – erstrecken sich
  5964. Hügel und kleine Täler von einem intensiven Grün, Sümpfe, in denen es von Reptilien
  5965. wimmelt, Mangrovenwälder und die unendlichen Weiten des Deltas, die beim
  5966. sommerlichen Monsun von den wilden Fluten des Ganges und des Brahmaputra
  5967. überschwemmt werden.
  5968. Am Vorabend meiner ersten Mission im Auftrag der UNO in Bangladesch warnte mich der
  5969. Botschafter von Bangladesch in Genf, Toufik Ali, ein zurückhaltender, freundlicher, aber
  5970. auch besorgter Mann: »You will see people everywhere all the time, you will never be
  5971. alone« (»Sie werden immer und überall Menschen sehen, Sie werden nie allein sein«).
  5972. Tatsächlich, wo immer man unterwegs ist in diesem Land, ob in den pulsierenden
  5973. Megastädten oder in einem abgelegenen Dorf, überall sieht man Menschen. Frauen und
  5974. junge Mädchen mit dunkler Haut und feingeschnittenen Zügen, mit einem strahlenden,
  5975. aber schüchternen Lächeln. Sie sind in zarte Saris aus buntem Baumwollgewebe
  5976. gekleidet. So, wie sie in der Menge gehen, hat der Beobachter den Eindruck, sich in
  5977. einem Meer aus Blumen zu bewegen. Die Männer und die Jugendlichen, die freundlich
  5978. grüßend ihre Fahrräder vor sich herschieben, haben fast alle lange weiße
  5979. Baumwollhemden an, die sauber gewaschen, aber vielfach geflickt und ausgebessert
  5980. sind. Sie tragen ihre tadellos gebügelten Lumpen mit Stolz.
  5981. Mit 1084 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Bangladesch das am dichtesten
  5982. bevölkerte große Land der Welt. Trotzdem fühlte ich mich zu keiner Zeit von der Masse
  5983. bedrängt, erstickt, eingesperrt (anders als beispielsweise in der U-Bahn von Tokio mit
  5984. ihren vielen unterirdischen Stockwerken). Die Bengalen sind ein zurückhaltendes,
  5985. vornehmes, warmherziges Volk.
  5986. Aber Bangladesch ist auch das drittärmste Land der Welt (nach dem Human
  5987. development index des UNDP, des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen). Die
  5988. meisten Bauern besitzen kein Land, die Führungsschicht ist durch und durch korrupt.
  5989. Die dauerhafte Unterernährung richtet in der Bevölkerung schrecklichste Verheerungen
  5990. an. Die Hälfte der Menschen, 75 Millionen, bekommt nicht ausreichend Nahrung. Ein
  5991. Drittel der Menschen hat weniger als 1 US-Dollar pro Tag zum Leben. Die Mehrheit der
  5992. Männer, Frauen und Kinder leidet an einer Unterversorgung mit Mikronährstoffen. Aber
  5993. gerade der Mangel an Mikronährstoffen (Mineralstoffen und Vitaminen) verursacht
  5994. Fehlernährung. Darüber hinaus leiden die meisten Frauen in Bangladesch unter
  5995. Diskriminierung. In den Familien essen die Frauen und die Töchter als Letzte, und das
  5996. bedeutet, dass sie oft hungrig bleiben.
  5997. Verschmutztes Wasser tötet ebenso viele Menschen wie der Mangel an Nahrungsmitteln.
  5998. Aus den Granitschluchten im Himalaya-Massiv ergießen sich viele Zuflüsse in die großen
  5999. Ströme Bengalens, die mit Arsen verseucht sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO)
  6000. hat 64 Distrikte im Land untersucht. In 59 entdeckte sie mit Arsen verseuchte Brunnen.
  6001. In jedem Sommer gehen schwere Monsunregenfälle über Bangladesch nieder. Das
  6002. Himalaya-Gebirge speist die zahlreichen Zuflüsse der großen Ströme, die bei Hochwasser
  6003. enorme Felsbrocken mit sich führen und Bäume und Häuser wegreißen, Deiche,
  6004. Talsperren und Brücken zerstören und Hunderttausende Hektar Ackerland mit einer
  6005. braunen, wirbelnden, schlammigen Brühe bedecken, die Ernte vernichten und die am
  6006. Wasser gelegenen Wohnviertel verwüsten. Die Sandbänke in der Mitte der Flüsse, auf
  6007. denen viele Tausend Menschen leben, werden weggeschwemmt. Rund um die auf
  6008. Felsvorsprüngen errichteten Hütten brodelt das Wasser. In manchen Jahren, wenn der
  6009. Monsun besonders schlimm ist und, was oft vorkommt, mit Wirbelstürmen und Flutwellen
  6010. vom Meer zusammentrifft, wird das ganze Delta überschwemmt, und 70 Prozent von
  6011. Bangladesch stehen unter Wasser.
  6012. Das Elend und die Demütigung treffen die Frauen und die jungen Mädchen am
  6013. schlimmsten. Aber sie sind es auch, die in den meisten Fällen für das materielle
  6014. Überleben der Familien sorgen. So drängen sich die Mütter und jungen Mädchen mit vier
  6015. oder fünf Leidensgefährtinnen beispielsweise in dem einzigen Raum einer Hütte in
  6016. Gulshan zusammen, einem der schlimmsten Slums in Dhaka (mit 800000 Bewohnern),
  6017. und gehen von dort aus in die Fabrik zum Arbeiten.
  6018. Trotz der Diskriminierung, die sie in ihren Familien erleben, sind die Frauen von
  6019. Bangladesch oft starke Persönlichkeiten. Sie sind emanzipiert und bereit, alle Opfer zu
  6020. bringen, damit ihre Angehörigen überleben.
  6021. Nie werde ich die elf- oder zwölfstöckigen grauen Betonkasernen mit ihrer dreckigen
  6022. Einrichtung, den kaputten Fliesen und den wackligen Wendeltreppen vergessen, die die
  6023. südlichen und östlichen Vororte der Hauptstadt verschandeln. Kohorten von Sklaven lösen
  6024. sich an den Nähmaschinen ab, die rund um die Uhr rattern. Bangladesch ist nach China
  6025. weltweit der zweitgrößte Lieferant von Textilprodukten für die großen Weltmarken. In
  6026. Bangladesch gibt es etwa 6000 Textilfabriken. Sie gehören Geschäftsleuten aus Indien,
  6027. Bangladesch, Taiwan und Südkorea, viele von ihnen sind wahre Gangster. Die Sklaven
  6028. schneiden Jeans, Jacken, Hosen, Hemden, T-Shirts und Unterwäsche zu und nähen sie,
  6029. stellen Schuhe und Fußbälle her, alles für die großen westlichen Modemarken wie Nike,
  6030. Adidas, Levi’s, Converse, Zara, Gucci, Prada, Armani, H&M, Benetton, Marks & Spencer,
  6031. Calvin Klein, Carrefour und viele andere.
  6032. Die multinationalen Bekleidungsfirmen und ihre asiatischen Subunternehmer in
  6033. Bangladesch erzielen astronomische Gewinne. Die schweizerische
  6034. Nichtregierungsorganisation »Erklärung von Bern« analysiert die Entwicklung der Preise
  6035. und des Mehrwerts, den diese Sklaven erwirtschaften. Eine Jeans der Marke Spectrum
  6036. Sweater wird in der Rue du Rhône in Genf für 66 Franken verkauft, umgerechnet rund 54
  6037. Euro. Die Näherin in Bangladesch bekommt davon im Durchschnitt 25 Cent.
  6038. 2014 lag der gesetzliche Mindestlohn in Bangladesch bei 51 Euro im Monat. Nach
  6039. Auskunft der Gewerkschaftsallianz Asia Floor Wage Alliance wäre ein Monatslohn von 272
  6040. Euro erforderlich, um das Existenzminimum einer vierköpfigen Familie zu sichern.
  6041. Am Morgen des 24. April 2013 stürzte in einem östlichen Vorort von Dhaka ein
  6042. zehnstöckiges Gebäude ein, das Rana Plaza. Dabei starben 1138 Menschen
  6043. unterschiedlichen Alters, überwiegend Frauen. Außer den Toten zogen die Retter mehr als
  6044. 2500 größtenteils schwer verletzte Personen aus den Trümmern. Besitzer des Rana Plaza
  6045. ist ein Geschäftsmann aus Bangladesch, Subunternehmer der großen westlichen
  6046. Bekleidungsfirmen. Ohne Baugenehmigung hatte er das altersschwache Gebäude, dessen
  6047. Mauern von Rissen durchzogen waren, um zwei Stockwerke erhöht. Am Vorabend der
  6048. Tragödie waren die Risse breiter geworden. Mehrere Frauen hatten sich daraufhin
  6049. geweigert, in die oberen Stockwerke zu gehen. Daraufhin drohte ihnen der Eigentümer,
  6050. ihren Monatslohn nicht auszuzahlen. Schließlich gingen die Frauen doch an ihre
  6051. Arbeitsplätze. Viele starben in jener Nacht, andere sind für ihr Leben verstümmelt.
  6052. Die Tragödie des Rana Plaza ist alles andere als ein Einzelfall. Immer wieder werden
  6053. Textilarbeiterinnen Opfer von Unfällen. Ein Beispiel: Am 11. April 2005 stürzte in Dhaka
  6054. die achtstöckige, aus Stahlbeton gebaute Pulloverfabrik der Firma Spectrum Sweater über
  6055. den Arbeiterinnen der Nachtschicht zusammen. Das Gebäude hatte ursprünglich nur drei
  6056. Stockwerke gehabt und war unter Missachtung der Sicherheitsanforderungen um fünf
  6057. Etagen erhöht worden. Die Regierung weigerte sich, eine Opferzahl zu nennen. Die
  6058. westlichen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und die International Garment Workers
  6059. Union schätzten, dass mehrere Hundert Menschen gestorben waren und mehrere
  6060. Tausend schwere Verletzungen (Verlust von Gliedmaßen etc.) davongetragen hatten.
  6061. Spectrum Sweater entließ alle Überlebenden und zahlte ihnen sowie den Familien der
  6062. Opfer nicht einen Cent Entschädigung. Rund 3000 Beschäftigte (zu 90 Prozent Frauen)
  6063. verloren bei der Tragödie ihren Arbeitsplatz. Die Besitzer kamen völlig ungeschoren
  6064. davon.
  6065. Die Tragödie des Rana Plaza war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
  6066. Diesmal begehrte die internationale Zivilgesellschaft auf. Angeführt von westlichen NGOs
  6067. und mächtigen sozialen Bewegungen – wie Clean Clothes Campaign, Partnership for
  6068. Development and Justice, Netz Bangladesch, der Internationalen
  6069. Textilarbeitervereinigung – bildete sich eine internationale Koalition. Ihr Name: Coalition
  6070. No Blood on my Clothes (»Kein Blut auf meiner Kleidung«). Die Koalition übt Druck auf
  6071. die großen multinationalen Konzerne aus, die Auftraggeber der Subunternehmen sind. Sie
  6072. fordert vor allem anständige Arbeitsbedingungen für die Frauen in Bangladesch, eine
  6073. Verdoppelung des Mindestlohns bis Ende 2015, Sicherheit und regelmäßige internationale
  6074. Inspektionen der Gebäude, Entschädigungen für die Familien der Opfer des Einsturzes von
  6075. Rana Plaza ebenso wie für die verstümmelten Opfer sowie die strafrechtliche Verfolgung
  6076. der Eigentümer des Gebäudes. Die Koalition verlangt von den Auftraggebern, ein
  6077. Abkommen mit ihr zu schließen (»Bangladesh Accord«). Dieses enthält einen besonders
  6078. wichtigen Artikel, in dem es um die gewerkschaftliche Freiheit geht. Bisher ließen die
  6079. meisten Subunternehmer in ihren Fabriken Schrecken und Willkür regieren und
  6080. verbannten Gewerkschaften. In Bangladesch ist nur 1 Prozent der Näherinnen und Näher
  6081. gewerkschaftlich organisiert.
  6082. Im September 2013 gingen viele Tausend Arbeiterinnen und Arbeiter der
  6083. Bekleidungsindustrie in Bangladesch auf die Straße, errichteten Barrikaden, besetzen
  6084. Fabriken und forderten eine Erhöhung des Monatslohns auf 104 US-Dollar.
  6085. Ein Jahr nach der Tragödie hat sich der Kampf zwischen der internationalen
  6086. Zivilgesellschaft und den Auftraggebern zugespitzt. Es wurden bereits Teilsiege errungen
  6087. und bis Mai 2014 150 Abkommen unterzeichnet.
  6088. In den Vereinigten Staaten, in Kanada, Australien, Italien, Deutschland und anderen
  6089. Ländern prangern Pressekampagnen die verantwortlichen Auftraggeber an; Geschäfte,
  6090. die in Bangladesch hergestellte Kleidung verkaufen, wurden boykottiert. Demonstranten
  6091. blockierten wochenlang die Eingänge.
  6092. Eine internationale Bekleidungsmarke, mag sie noch so berühmt sein und noch so
  6093. geschickt im Marketing, hängt von ihrem Ansehen in der Öffentlichkeit ab. Auf einem
  6094. extrem wettbewerbsintensiven Weltmarkt ist es für jedes Unternehmen, auch für das
  6095. mächtigste, tödlich, seine Glaubwürdigkeit zu verlieren, in diesem Fall die moralische.
  6096. Adidas, Nike, Zara, Benetton und viele andere haben schließlich eingelenkt und
  6097. Abkommen mit der Koalition geschlossen. Im März 2014 sind die ersten
  6098. Entschädigungszahlungen geflossen. Bisher hat nur eine große Kette jede Verantwortung
  6099. bestritten: der deutsche Bekleidungsdiscounter Kik. Coalition No Blood on my Clothes
  6100. erwägt, vor einem deutschen Gericht Klage gegen Kik zu erheben wegen »fahrlässiger
  6101. Tötung«.208
  6102. Die Eigentümer der Fabrik im Rana Plaza weisen jede Verantwortung von sich und
  6103. haben sich nach der Katastrophe nach Indien abgesetzt. Unter dem Druck der
  6104. internationalen öffentlichen Meinung, die die Koalition alarmiert hat, musste die Justiz
  6105. von Bangladesch ihre Auslieferung verlangen. Im Mai 2014 hat vor dem Strafgerichtshof
  6106. in Dhaka der Prozess gegen sie begonnen.
  6107. Noch eine andere Schlacht, in der die solidarische Vernunft der Rationalität des
  6108. Finanzkapitals gegenübersteht, wird weltweit geschlagen: die Schlacht vor den Vereinten
  6109. Nationen um die Annahme einer internationalen Konvention zum Schutz der Rechte von
  6110. Kleinbauern.
  6111. Seit Urzeiten steht die Landbevölkerung im Zentrum des Kampfs gegen Hunger und
  6112. Elend, und das aus mindestens zwei Gründen: Zum einen liefert sie das, was die
  6113. Menschen zum Leben brauchen; zum anderen stellen – paradoxerweise – die Kleinbauern
  6114. und ihre Familien das mit Abstand größte Kontingent der Hungernden und Notleidenden.
  6115. Elend und Hunger sind heute vor allem ein Problem der ländlichen Regionen. Sehen wir
  6116. uns die Zahlen an: Von der Masse der gequälten Menschen (fast eine Milliarde), die laut
  6117. FAO an dauernder, schwerer Unterernährung leiden, leben 75 Prozent auf dem Land.
  6118. Die Situation der Landarbeiter und ihrer Familien hat sich seit 2008 erheblich
  6119. verschlechtert. Nachdem das Banditentum der internationalen Banken die Finanzmärkte
  6120. ruiniert hatte, wandten sich die großen Räuber – die Hedgefonds, die multinationalen
  6121. Banken und so weiter – wie bereits erwähnt den Rohstoffen zu. Durch Spekulation mit Öl,
  6122. Erz, aber auch und vor allem mit Agrarrohstoffen erzielten sie astronomische Gewinne.
  6123. Aber Reis, Weizen und Mais sind Grundnahrungsmittel der Menschheit und decken in
  6124. normalen Zeiten 75 Prozent ihrer Bedürfnisse. Innerhalb von fünf Jahren hat der
  6125. Marktpreis für Reis, Mais und Weizen durch das Treiben der Spekulanten stark
  6126. geschwankt, aber insgesamt zeigte die Tendenz klar nach oben. Seit 2008 hat sich der
  6127. Preis für eine Tonne Brotweizen verdoppelt, der Preis für Mais ist um 31,9 Prozent
  6128. gestiegen und der für Reis um 37 Prozent. Und das obwohl die Ernteerträge (zum Beispiel
  6129. bei Reis) in den letzten Jahren regelmäßig gewachsen sind.209
  6130. Die Explosion der Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Rohstoffe hatte eine
  6131. unerwartete Konsequenz: den Run der Spekulanten auf Ackerland in der südlichen
  6132. Hemisphäre. Nach Angaben der Weltbank haben im Jahr 2012 Hedgefonds, Großbanken
  6133. und andere »ausländische Investoren« 41 Millionen Hektar im subsaharischen Afrika
  6134. aufgekauft. Und der Trend beschleunigt sich. Die Übernahme erfolgt auf zwei Wegen:
  6135. Pacht über 99 Jahre zu lächerlichen Konditionen, Kauf oder Eigentumsübertragung
  6136. praktisch zum Nulltarif nach Bestechungsmanövern.
  6137. Eins meiner Bücher, Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten
  6138. Welt, ist auf Französisch 2011 erschienen und wurde in etliche Sprachen übersetzt.210 Ich
  6139. habe es bei mehreren Vorträgen in verschiedenen Städten in Europa, Amerika und Afrika
  6140. vorgestellt.
  6141. Im September 2011 sprach ich auf Einladung des norwegischen Außenministers im
  6142. Litteraturhuset in Oslo. Am Ende meines Vortrags meldete sich jemand ganz hinten im
  6143. Saal und stellte mir die Frage: »Wie kann es sein, dass es hier in Oslo saudi-arabische
  6144. Kartoffeln zu kaufen gibt?« Ich antwortete: »Sie müssen sich irren. In Saudi-Arabien
  6145. wachsen keine Kartoffeln.« Am nächsten Morgen warteten vor dem Hotel Bristol fünf
  6146. Gewerkschafter auf mich, zwei Männer und drei Frauen, um mich in die großen Geschäfte
  6147. zu begleiten. Und dort sah ich tatsächlich hohe Pyramiden mit Kartoffeln, leuchtend und
  6148. groß wie Straußeneier, mit dem Etikett »Saudi Arabian potatoes«.211 Zurück in Genf,
  6149. befragte ich meine Mitarbeiter, die das Rätsel mühelos aufklären konnten. In Gambela im
  6150. Süden der äthiopischen Provinz Sidamo, im Tiefland an der Grenze zum Sudan, besitzen
  6151. Scheich Mohammed Hussein Al Amoudi und seine Saudi Star Agricultural Development
  6152. Company mehr als 150000 Hektar Ackerland. Sie zahlen der äthiopischen Regierung eine
  6153. jährliche Pacht von 30 Birr (knapp 1 Euro) pro Hektar. Die Nuer-Bauern wurden von der
  6154. Armee verjagt. Wohin? Vermutlich in die dreckigen Slums von Addis Abeba. Auf ihrem
  6155. Land produzieren jetzt Arbeiter aus Sri Lanka Rosen und Kartoffeln, die Al Amoudi in die
  6156. Länder mit hoher Kaufkraft exportiert – unter anderem nach Norwegen.
  6157. Via Campesina ist eine weltweite Bewegung, der Organisationen von Landlosen, kleinen
  6158. und mittleren Bauern, Pächtern, Landfrauen, Landarbeitern, Fischern, Viehzüchtern,
  6159. Wanderarbeitern und autonomen landwirtschaftlichen Gemeinschaften in Afrika, Asien,
  6160. Amerika und Europa angehören. Gegründet wurde sie 1993.212 Sie definiert sich als
  6161. autonom, pluralistisch und politisch unabhängig. Ein internationaler
  6162. Koordinationsausschuss (CVC, Coordination Via Campesina) mit 18 Mitgliedern, zwei für
  6163. jede Region (ein Mann und eine Frau), vertritt die Kleinbauern- und
  6164. Landarbeiterorganisationen von neun Regionen der Erde: Europa, Ostasien und
  6165. Südostasien, Südasien, Nordamerika, Karibik, Mittelamerika, Südamerika, Afrika 1
  6166. (südliches und östliches Afrika), Afrika 2 (westliches Afrika). Der CVC ist das wichtigste
  6167. Band zwischen den verschiedenen Einzelorganisationen.
  6168. Alle zwei Jahre wird auf Kongressen der Bewegung die Strategie festgelegt. Der CVC
  6169. koordiniert die Aktionen auf den fünf Kontinenten, und das Generalsekretariat kümmert
  6170. sich um die tägliche Kommunikation zwischen den verschiedenen Gewerkschaften und
  6171. Bewegungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Die Organisationen, die Via
  6172. Campesina bilden, stammen aus 70 Ländern und haben insgesamt mehr als 200 Millionen
  6173. Mitglieder. Das Generalsekretariat rotiert. Gegenwärtig wird Via Campesina von Harare
  6174. (Simbabwe) aus von einer starken, durchsetzungsfähigen, warmherzigen und fröhlichen
  6175. Frau geleitet, Elizabeth Mpofu.
  6176. Ich erinnere mich sehr gern an ihren Vorgänger Henry Saraghi, einen gedrungenen Mann
  6177. mit einem Gesicht voller Narben, Lachfältchen, dunkler Haut. Er war Bauer in Indonesien
  6178. und Mitbegründer der mächtigen FSPI (Federasi Serikat Petani Indonesia). Wie viele seiner
  6179. Kameraden hatte er wie durch ein Wunder überlebt: in seinem Fall die Folterkeller und
  6180. Exekutionskommandos der indonesischen Generäle, die im Dienst der Großgrundbesitzer
  6181. stehen. Saraghi und Menschen wie er sind das Salz der Erde.
  6182. Andere große Bauernbewegungen wie die FIMARC (Fédération internationale des
  6183. Mouvements d’adultes ruraux catholiques, Internationale Katholische
  6184. Landvolkbewegung), die älteste, bereits 1964 entstandene Bewegung mit heute rund 3
  6185. Millionen Mitgliedern, haben sich Via Campesina angeschlossen.
  6186. Seit jeher kämpfen Bauern auf allen Kontinenten für ihr Land, ihre Identität, ihr
  6187. Überleben. 1992 wurden auf Anregung von führenden Mitgliedern des brasilianischen MST
  6188. (Movimento dos trabalhadores rurais sem terra, Bewegung landloser Landarbeiter) und
  6189. französischen Bauernführern wie José Bové erste internationale Kontakte geknüpft. Im
  6190. Juni 2002 tauchte Via Campesina auf der internationalen Bühne auf. Damals fand in Rom
  6191. der Welternährungsgipfel der FAO (Food and Agriculture Organization, Ernährungs- und
  6192. Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) statt. Die anwesenden Staats- und
  6193. Regierungschefs segneten die neoliberale Landwirtschaftsstrategie der
  6194. Welthandelsorganisation (WTO) ab, die von der FAO übernommen worden war. Diese
  6195. Strategie postuliert die vollkommene Freiheit des Handels mit Lebensmitteln. Jedes
  6196. Lebensmittel soll dort produziert werden, wo die Kosten am niedrigsten sind, und dann in
  6197. die Länder, die es konsumieren, exportiert werden. So importiert der Senegal heute 70
  6198. Prozent seiner Nahrungsmittel, vor allem Reis, aus Thailand und Vietnam und gibt sein
  6199. bestes Land für die Produktion von Erdnüssen her, die für die französische
  6200. Speiseölindustrie bestimmt sind. Mali exportiert Baumwolle und importiert zum größten
  6201. Teil den Reis, den es verbraucht. Es gibt noch viele weitere ähnlich absurde Beispiele.
  6202. Wegen der Preisexplosion als Folge der Spekulation an Lebensmittelbörsen verursacht
  6203. die Strategie der WTO in vielen Ländern, allen voran afrikanischen, Hunger und schwere
  6204. Unterernährung. 2013 importierten die 54 Länder des afrikanischen Kontinents
  6205. Nahrungsmittel im Wert von 24 Milliarden US-Dollar. Aber viele haben nicht die nötigen
  6206. finanziellen Mittel, um ausreichende Importe sicherzustellen, und überlassen einen Teil
  6207. ihrer Bevölkerung dem Hungertod.
  6208. Via Campesina hat alle Bauernbewegungen gegen diese neoliberale Konzeption des
  6209. Handels mit Agrarprodukten mobilisiert. Die Organisation will das Prinzip der
  6210. Ernährungssouveränität durchsetzen, mit anderen Worten: das Recht eines jeden Landes,
  6211. sich selbst zu versorgen und seine Bauern, ihr Land und ihre Produktionsmittel, ihr
  6212. Saatgut, ihr Wasser, die Biodiversität zu schützen. Zu diesem Ziel hat Via Campesina der
  6213. UNO die Ausarbeitung einer internationalen Konvention vorgeschlagen.
  6214. Henry Saraghi und seine Mitarbeiter bekommen Unterstützung von vielen Regierungen:
  6215. aus Bolivien, Venezuela, Algerien, Südafrika, Kuba. Diese Staaten haben ihre
  6216. Forderungen dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen vorgelegt.
  6217. Die privaten multinationalen Hersteller von Saatgut und Düngemitteln sowie die großen
  6218. Agrarkonzerne (Monsanto, Cargill, Continental, Dreyfus, Bunge und andere) und an ihrer
  6219. Seite die Hedgefonds haben eine massive Reaktion organisiert und auf alle erdenklichen
  6220. Arten Druck auf die westlichen Regierungen ausgeübt. Letztere wehren sich heute gegen
  6221. eine Konvention.
  6222. Ein besonders umstrittener Punkt ist – neben dem Schutz der Biodiversität und damit
  6223. der Auswahl des Saatguts – die Festlegung des Gerichtsstands bei Konflikten zwischen
  6224. »ausländischen Investoren« und den ausgebeuteten Bauern vor Ort.
  6225. Vincent Bolloré ist ein enger Freund des Präsidenten von Benin, Boni Yayi. Dank ziemlich
  6226. undurchsichtiger Verträge hat Bolloré Konzessionen über etliche Tausend Hektar mit
  6227. Ölpalmen in Benin erhalten. Aber Nestor Mahinou und seine Kameraden von der
  6228. Bauerngewerkschaft Synergie paysanne verteidigen die Kleinbauern in Benin, die von
  6229. Bolloré von ihrem Land verjagt wurden. In Kamerun ist Alexandre Vilgrain ein Vertrauter
  6230. des Staatschefs Paul Biya. Vilgrains Firma SOMDIAA SA (Société d’organisation de
  6231. management et de développement des industries alimentaires et agricoles, Gesellschaft
  6232. für die Leitung und Entwicklung der Nahrungsmittel- und Agrarindustrie) hat mit dem
  6233. Staat Kamerun einen Pachtvertrag mit 99 Jahren Laufzeit über 11000 Hektar fruchtbares
  6234. Land abgeschlossen. Auch hier haben die geplünderten Bauern energischen Widerstand
  6235. geleistet.
  6236. Die gewerkschaftlich organisierten Bauern in Benin und Kamerun haben lange juristische
  6237. Kämpfe vor den Gerichten ihrer jeweiligen Länder ausgefochten, um die Aufhebung dieser
  6238. Verträge zu erreichen. Finanziell werden sie von der mächtigen IUF (International Union of
  6239. Food213, Internationale Gewerkschaft der Nahrungsmittelarbeiter) unterstützt, und
  6240. beraten werden sie bei ihrer Strategie von der sympathischen und überaus kompetenten
  6241. Sue Longley, die bei IUF für den juristischen Beistand für Arbeiter in der Landwirtschaft
  6242. und auf Plantagen zuständig ist. Aber die Unabhängigkeit der Justiz ist in den beiden
  6243. genannten Ländern weitgehend nicht existent. Die Klagen der Gewerkschafter wurden
  6244. abgewiesen.
  6245. Der Artikel der Konvention, der den ausgebeuteten Bauern (und den Gewerkschaften,
  6246. die sie vertreten) das Recht auf einen Gerichtsstand im Ausland zuspricht, ist deshalb
  6247. entscheidend wichtig. Der ausländische Gerichtsstand ist der des Landes, aus dem der
  6248. Ausbeuter stammt, im Fall von Bolloré und Vilgrain Frankreich.
  6249. Im Sommer 2014 tobt die diplomatische Schlacht um Annahme oder Ablehnung der
  6250. Konvention durch den Menschenrechtsrat. Eine interstate working group (eine
  6251. Arbeitsgruppe, die aus Vertretern von Mitgliedsstaaten des Menschenrechtsrats besteht)
  6252. unter dem Vorsitz von Angélica Navarro Llanos, der energischen Botschafterin Boliviens
  6253. bei den Vereinten Nationen in Genf, versucht gegenwärtig, im Hinblick auf die Annahme
  6254. der neuen Normen Kompromisslösungen mit den Vereinigten Staaten, Japan, Kanada,
  6255. Australien und Deutschland auszuarbeiten.
  6256. Aber schon jetzt hat die internationale Zivilgesellschaft, mobilisiert von Via Campesina,
  6257. unerwartete Erfolge errungen. Hier einige Beispiele.
  6258. Syngenta, einer der weltweit größten Konzerne in der Agrochemie, ist der zweitgrößte
  6259. Produzent von Saatgut und Pestiziden. Die Firma hat ihren Sitz in Basel. Im
  6260. schweizerischen Parlament und in der Presse hat Syngenta effiziente Söldner. In den
  6261. Jahren 2012/2013 machten sich die schweizerischen Diplomaten dementsprechend für die
  6262. Ablehnung der Konvention stark.
  6263. Danach kam es zu einer radikalen Wende: Im Bündnis mit der evangelischen und der
  6264. katholischen Kirche, einigen wenigen unabhängigen Abgeordneten und
  6265. Solidaritätsbewegungen zwang die Gewerkschaft Uniterre die Regierung zu einem
  6266. Kurswechsel. Seitdem setzt sich die schweizerische Regierung für die Rechte der Bauern
  6267. ein, unterstützt ihren Kampf gegen transgenes Saatgut und ihr Recht auf einen
  6268. Gerichtsstand im Ausland. Im April 2014 finanzierte das schweizerische Außenministerium
  6269. sogar ein Seminar in Genf mit Beteiligung von Experten aus aller Welt, bei dem die
  6270. Thesen von Via Campesina verbreitet und untermauert wurden.
  6271. In Frankreich ist die Confédération paysanne von José Bové, ebenfalls Mitglied von Via
  6272. Campesina, dabei, den Widerstand des Außenministeriums zu brechen. Deutschland, das
  6273. der Konvention lange ablehnend gegenüberstand, will ebenfalls seine Haltung ändern.
  6274. Flavio Valente, der Generalsekretär von FIAN (Food International Action Network) und
  6275. seinem Vorgänger Michael Windfuhr ist es gelungen, eine schlagkräftige nationale
  6276. Koalition zusammenzubringen, die in der Lage ist, den Druck von Bayer und anderen
  6277. deutschen Giganten der Agrochemie auf die Regierung Merkel zu neutralisieren.
  6278. Der Kampf ist noch lange nicht gewonnen. Aber bereits heute erringen die neue
  6279. weltweite Zivilgesellschaft und ihre solidarische Vernunft in den westlichen Ländern
  6280. immer wieder Siege gegen die Rationalität des globalisierten Finanzkapitals und bringen
  6281. damit Hunderten Millionen bäuerlichen Familien auf der ganzen Welt Hoffnung und eine
  6282. Chance für ihr Überleben.
  6283.  
  6284. SCHLUSS
  6285. Auf welcher Seite stehst du?
  6286. Mit wem säße der Rechtliche nicht zusammen
  6287. Dem Recht zu helfen?
  6288. Welche Medizin schmeckte zu schlecht
  6289. Dem Sterbenden?
  6290. Welche Niedrigkeit begingest du nicht, um
  6291. Die Niedrigkeit auszutilgen?
  6292. Könntest du die Welt endlich verändern, wozu
  6293. Wärest du dir zu gut?
  6294. Wer bist du?
  6295. Versinke in Schmutz
  6296. Umarme den Schlächter, aber
  6297. Ändere die Welt, sie braucht es!
  6298. Bertolt Brecht, Ändere die Welt214
  6299. »Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in
  6300. mir.« Ich wiederhole die Erkenntnis von Kant und mache sie mir zu eigen. Jeder von uns
  6301. trägt den kategorischen Imperativ in sich.215 Er ist der Motor der weltweiten
  6302. Zivilgesellschaft. Das Bewusstsein der Identität – ich bin der andere, der andere ist ich –
  6303. gehört wesensmäßig zum Menschen. Das grundlegende Prinzip des kapitalistischen
  6304. Systems ist die unerbittliche Konkurrenz zwischen den Individuen und den Völkern. Das
  6305. Bewusstsein der Identität und der moralische Imperativ setzen eine radikal
  6306. entgegengesetzte Strategie in Gang: die der Solidarität.
  6307. Die Logik des Kapitals gründet auf Konfrontation, Krieg, Vernichtung; die Logik der
  6308. Solidarität gründet auf Komplementarität und Reziprozität der Beziehungen zwischen den
  6309. Menschen.
  6310. Theodor W. Adorno stellt in seinen Minima moralia fest: »Es gibt kein richtiges Leben im
  6311. falschen.«216
  6312. Unmittelbar nach dem Sieg der sandinistischen Rebellen in Managua sah ich folgendes
  6313. Transparent an der baufälligen, von tropischen Unwettern ausgewaschenen Fassade des
  6314. Innenministeriums: »La solidaridad es la ternura de los pueblos« (»Die Solidarität ist die
  6315. Zärtlichkeit der Völker«).217
  6316. Ist es nicht utopisch, die Strategie der Solidarität der Strategie der Konkurrenz, der
  6317. Unterwerfung und Ausbeutung entgegenzusetzen? Wie wir gesehen haben, dominieren
  6318. die Oligarchien den öffentlichen Diskurs in Europa, Nordamerika, Japan, China und so
  6319. weiter. So haben Millionen von Menschen, die doch zum größten Teil frei leben in
  6320. Gesellschaften, in denen Informationen ungehindert zirkulieren, den moralischen
  6321. Imperativ aus den Augen verloren, weil er unter falschen Bedeutungen verschüttet ist und
  6322. erstickt wird. In den westlichen Gesellschaften – und in den Gesellschaften der südlichen
  6323. Hemisphäre, die sie imitieren – ist die Entfremdung des kollektiven Bewusstseins beinahe
  6324. vollständig. Ich habe es in diesem Buch gezeigt.
  6325. Max Horkheimer schreibt, »daß nicht nur der unvermittelte Zwang diese Ordnung jeweils
  6326. aufrechterhalten hat, sondern daß die Menschen selbst sie bejahen lernten«.218
  6327. Ist also alle Hoffnung vergebens, illusorisch, nur ein Trostpflaster angesichts des Bildes,
  6328. das eine verrückt gewordene Welt bietet? Ist die Geschichte wie das Leben selbst »eine
  6329. Mär/Aus einem Tölpelmund, voll von Getön/Und Toben, und bedeutet nichts« (»a
  6330. tale/Told by an idiot, full of sound and fury/Signifying nothing«), wie Shakespeare
  6331. Macbeth sagen lässt?219 Ich glaube nicht. Die Widerstandskämpfe der weltweiten
  6332. Zivilgesellschaft zeigen es.
  6333. Ein neues, noch ungenügend artikuliertes Bewusstsein für die eigene Situation entwickelt
  6334. sich heute in Europa – und andernorts auf der Erde. Marx schrieb an seinen Freund
  6335. Weydemeyer: »Der Revolutionär muß imstande sein, das Gras wachsen zu hören.« In
  6336. diesem Zusammenhang ist äußerste Aufmerksamkeit, allergrößte geistige Wachheit
  6337. vonnöten. Die Verweigerungsfront – die gemeinsame Front von Männern und Frauen, die
  6338. sich dieser kannibalischen Weltordnung nicht mehr unterwerfen wollen – ist überall aktiv.
  6339. Sie handelt spontan, kein Zentralkomitee leitet sie, keine Parteilinie und kein Dogma
  6340. engen sie ein. Der moralische Imperativ taucht oft dann auf, wenn man es am wenigsten
  6341. erwartet, und löst kollektiven Widerstand aus, Insubordination. Daniel Bensaïd zitierte
  6342. gern Sätze von Charles Péguy über den 14. Juli 1789: »Niemandem wurde befohlen, die
  6343. Bastille einzunehmen. Niemand wurde dazu bestimmt.«220 Und Bensaïd fügt hinzu:
  6344. »Trotzdem wurde sie eingenommen.«221
  6345. Hören wir, was Riccardo Petrella sagt: »Der neue Diskurs, der jeden Tag in allen
  6346. Sprachen von den Medien aller Länder geführt wird, sagt uns, dass die gegenwärtige
  6347. Globalisierung ein grundlegender, unausweichlicher, unwiderstehlicher Sachzwang ist,
  6348. gegen den niemand ankämpfen und sich wehren kann. Die Globalisierung verschärft in
  6349. bislang nie gekanntem Ausmaß die meisten politischen, wirtschaftlichen,
  6350. gesellschaftlichen und kulturellen Herausforderungen, vor denen die menschlichen
  6351. Gesellschaften stehen […] Im dominierenden Diskurs ist ›Anpassung‹ das Schlüsselwort.
  6352. Es heißt, man müsse sich an die Globalisierung anpassen. Wer sich nicht anpasst, wird
  6353. eliminiert. Das Überleben eines jeden hängt von erfolgreicher Anpassung ab.«222
  6354. Nun sind da aber auch jene, die sich nicht anpassen, die die Unterwerfung verweigern,
  6355. die ihre Freiheit einfordern und die falsche Ordnung der Welt überwinden wollen. Sie
  6356. setzen ihr die Hoffnung auf eine Welt entgegen, in der es Gerechtigkeit und Glück für alle
  6357. Menschen gibt.
  6358. Niemand kann sie zum Schweigen bringen. Wir erleben Tag für Tag, wie ihre Zahl größer
  6359. wird und ihre Stimme lauter.
  6360. Die Verweigerungsfront, diese unsichtbare Bruderschaft der Nacht, versammelt heute
  6361. viele Tausend Männer und Frauen aus dem Westen, dem Osten, dem Norden und dem
  6362. Süden, die die negative Einheit der Welt nicht mehr ertragen, eine Ordnung, die es als
  6363. natürlich, universell und notwendig hinstellt, dass einige wenige unglaublich reich sind,
  6364. während die große Masse zugrunde geht. Mit ihrer radikalen Kritik an dieser Ordnung
  6365. verkörpern sie den Wunsch nach dem ganz anderen, den Tagtraum, die positive Utopie,
  6366. die Eschatologie einer Welt, in der Gerechtigkeit regiert.
  6367. Die Verweigerungsfront hat ihre eigene Sprache. Es ist die Sprache der individuellen und
  6368. kollektiven Opposition, eine abweichende Sprache. Ihre Kritik ist heute viel radikaler als
  6369. jede in Formeln erstarrte Ideologie. Denn sie zielt nicht darauf ab, die Macht zu
  6370. übernehmen, sondern will alle Macht zerstören, die Menschen über andere Menschen
  6371. ausüben.
  6372. Eine prometheische Überzeugung bewegt die Kämpfer der Verweigerungsfront. Wie die
  6373. deutschen Neomarxisten glauben sie, dass es kein »Ende der Geschichte« gibt, dass die
  6374. menschliche Praxis das einzige Subjekt der Geschichte ist und dass die Menschen,
  6375. solange sie existieren, versuchen werden, immer neue Bereiche der noch nicht
  6376. vermittelten Natur in gesellschaftliche Realität zu verwandeln. Das endgültige Ziel aller
  6377. Aktivisten der Zivilgesellschaft ist es, möglichst viel von der Welt in »Bewusstsein« zu
  6378. verwandeln, eine möglichst große Zahl von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und
  6379. politischen Verhaltensweisen der solidarischen Vernunft zu unterwerfen.
  6380. Im Verlauf der Geschichte entfaltet sich ihr Sinn. Ihr Fortgang fördert schrittweise
  6381. objektiv richtiges Wissen über die Welt und die Menschen zutage. Jean Jaurès hat es so
  6382. ausgedrückt: »Der Weg ist von Leichen gesäumt, aber er führt zur Gerechtigkeit.«223 Die
  6383. Geschichte verläuft somit vektoriell. Sie geht in eine bestimmte Richtung. Ihr endgültiges
  6384. Ziel, das etappenweise erreicht wird – aber jede Etappe kann jederzeit durch absurdes
  6385. Handeln oder Verrat abbrechen –, ist die Errichtung einer solidarischen Gesellschaft, die
  6386. Humanisierung des Menschen, die Entfaltung all seiner unendlichen schöpferischen
  6387. Kräfte, seiner Fähigkeit, glücklich zu sein, zu lieben, kurzum, seiner Freiheit.
  6388. Dieser Sinn der Geschichte, diese objektive Vernunft, diese Eschatologie verkörpern die
  6389. sozialen Bewegungen der neuen weltweiten Zivilgesellschaft.
  6390. Wie ihr Kampf ausgehen wird, weiß heute niemand. Die Zukunft gehört der befreiten
  6391. Freiheit im Menschen. Welche Gesellschaft der befreite Mensch erschaffen wird, gehört
  6392. dem Mysterium der Geschichte an.
  6393. Erinnern wir uns an das Gedicht von Antonio Machado:
  6394. Wanderer, es gibt keinen Weg,
  6395. Den Weg bahnst du im Gehen.
  6396. Schritt um Schritt, Gedanken um Gedanken –
  6397. Wanderer, deine Spuren sind dieser Weg
  6398. Und nichts anderes mehr.
  6399. Wanderer, es gibt keinen Weg. Den Weg bahnst du im Gehen.
  6400. […]224
  6401. Sieg oder Niederlage der neuen planetarischen Zivilgesellschaft liegen im Dunkeln. Wohin
  6402. führt der Weg? Wie lange dauert der Marsch? Allein der Horizont ist bekannt. Die Völker
  6403. der Erde haben ihn formuliert im Ausgang des fürchterlichen Weltkriegs:
  6404. »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit
  6405. Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit
  6406. begegnen.«225
  6407. »Den Feind erkennen! Den Feind bekämpfen!«, sagt Jean-Paul Sartre.
  6408. Jeder und jede von uns muss in jedem Augenblick seines und ihres Handelns klar
  6409. wählen, wo er oder sie steht. Er muss die Frage beantworten, wie sie in einem
  6410. berühmten Lied der amerikanischen Arbeiterbewegung gestellt wird: Which Side Are You
  6411. On? (1931) – auf welcher Seite stehst du? Die Feinde des Menschen sind heute die
  6412. weltweite Diktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals und die absurde
  6413. Ordnung, die sie dem Planeten aufzwingt mit ihrem Gefolge aus gedemütigten,
  6414. hungernden Menschen und zerstörten Familien.
  6415. Die Bemühungen der Intellektuellen nützen heute nichts, wenn sie den Feind nur
  6416. bekannt machen und nicht auch dazu beitragen, die Menschen in die Lage zu versetzen,
  6417. ihn zu bekämpfen und zu besiegen.
  6418. Hören wir Voltaire: »Die Freiheit ist das einzige Gut, das sich nur abnutzt, wenn man es
  6419. nicht benutzt.« Ich sage es noch einmal: Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Die
  6420. allermeisten Oligarchen stammen aus Nordamerika und Europa. Bürger und Bürgerinnen
  6421. dieser Staaten besitzen laut Verfassung alle demokratischen Rechte, Freiheiten und
  6422. Werkzeuge, die notwendig sind, um die Diktatur der Konzerne zu stürzen. Alles, was es
  6423. braucht, ist, die verfassungsmäßigen Waffen zu ergreifen und sie gegen die
  6424. weltbeherrschende Finanzoligarchie zu richten … und schon morgen früh bricht die
  6425. kannibalische Weltordnung zusammen.
  6426. Der Entfremdungs- und Unterdrückungsapparat zeigt Risse. In Südeuropa, in Frankreich,
  6427. in Deutschland entstehen radikale gesellschaftliche Widerstands- und Protestbewegungen
  6428. und schließen sich zusammen. Auf den fünf Kontinenten wirkt die neue weltweite
  6429. Zivilgesellschaft. Der moralische Imperativ ist ihr Antrieb, aber auch die Wut, der Zorn
  6430. über das Chaos in der Welt. Wie Victor Hugo gesagt hat: »Der Zorn facht den Aufruhr an
  6431. wie der Wind das Feuer.«226
  6432. Im Süden und im Norden, im Osten und im Westen hat sich der Wind erhoben.
  6433. Auf den Fronten des Widerstands ruht die Hoffnung der Völker.
  6434. Bertolt Brecht sehnte in sehr finsteren Zeiten die Morgenröte herbei:
  6435. Am Grunde der Moldau wandern die Steine
  6436. Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
  6437. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
  6438. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
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