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prantl0324

a guest Mar 24th, 2019 82 Never
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  2. 24. M├Ąrz 2019
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  4. Sehr geehrtexxxxxxxxxxx,
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  6. Am kommenden Dienstag geht angeblich die Welt unter - die Internet-Welt, so wie wir sie kennen.  Diese Internet-Welt geht angeblich unter, wenn und weil die Abgeordneten des Europa-Parlaments in Stra├čburg der Reform des Urheberrechts zustimmen. Dann sei es, so sagen die Youtuber, vorbei mit der Freiheit im Netz und vorbei mit dem freien Wissen. Dann sei die Meinungsfreiheit gef├Ąhrdet. Von ├ťberwachung ist die Rede, von Zensur, von einer Verschw├Ârung der alten analogen Welt gegen die neue digitale. Deshalb laufen die Mitglieder der Internet-Community, die Netzaktivisten und die Digitalkonzern-Lobbyisten seit Monaten Sturm gegen die Reform, sie haben es auch an diesem Wochenende getan. Sie rufen dazu auf, den angeblichen M├Ârdern des Internets in den Arm zu fallen. Das ist nicht nur verst├Ąndlich, das w├Ąre notwendig, wenn die gro├čen Bef├╝rchtungen auch nur teilweise stimmten. Dann w├╝rde ich mich den Protesten anschlie├čen; dann w├╝rde ich die Nothilfe f├╝r das Internet propagieren (zum Streit siehe "Thema der Woche" in der S├╝ddeutschen Zeitung vom 23./24. M├Ąrz 2019.
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  8. Vor dem Karren der Konzerne
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  10. Aber die Vorw├╝rfe stimmen nicht, es handelt sich um L├╝gen und Finten der Internet-Gro├čkonzerne. Sie haben die Netzgemeinde mit diesen L├╝gen eingewickelt. Diese Konzerne tarnen ihre Gesch├Ąftsinteressen mit heuchlerisch idealistischem Gerede. Angesichts der immer neuen, immer dreisteren Verst├Â├če gegen den Datenschutz, die sich diese Konzerne weltweit, tagt├Ąglich und rund um die Uhr leisten, ist es schwer zu begreifen, dass so viele kluge Menschen sich vor deren Karren spannen lassen. Sie wollen f├╝r das Internet auf die Stra├če gehen, sie tun es emp├Ârt und in bester Absicht; sie tun es aber in Wahrheit f├╝r die Konzerne, f├╝r deren Gewinne und deren Macht. Google wurde im Jahr 2018 zwanzig Jahre alt, Facebook wurde vierzehn Jahre alt. Noch nie haben Unternehmen in so kurzer Zeit eine so gewaltige Marktmacht erlangt (siehe Leitartikel "Sieg der  Konzerne" von Andrian Kreye in der SZ vom 23./24. M├Ąrz 2019).
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  12. Die Verk├Ârperung digitaler Klugheit
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  14. Selbst Wikipedia, die Verk├Ârperung der digitalen Klugheit, machte beim Aufstand mit - und hat aus Protest gegen die Urheberrechtsreform den Dienst einen Tag lang abgeschaltet. Wikipedia ist zwar als nicht-kommerzielle Plattform von den Reformen nicht betroffen; die Pflichten, die die Reformen auferlegen, wenden sich nur an Plattformen, die mit urheberrechtlich gesch├╝tzten Werken Geld verdienen; das tut Wikipedia nicht. Aber die Leute von Wikipedia bef├╝rchten, dass das "freie Wissen" selbst dann leiden wird, "wenn Wikipedia eine Oase in der gefilterten W├╝ste des Internets bleibt."
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  16. Nicht das Internet ist bedroht, sondern das Urheberrecht
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  18. Aber: Nicht das Internet ist bedroht, sondern das Urheberrecht. Wenn die Reform des Urheberrechts nicht kommt, dann geht es mit dem Urheberrecht zu Ende, dann wird es im Internet zerrieben. Die Zahl illegaler Downloads von urheberrechtlich gesch├╝tzten Werken wird schon jetzt auf monatlich eineinhalb Milliarden gesch├Ątzt; viele Millionen Menschen sitzen jeden Tag am Computer und nutzen die Internet-Tauschb├Ârsen, auf denen es alles umsonst gibt, was der Mensch geschaffen hat und was in Einsen und Nullen zerlegbar und kopierbar ist. Das ist bequem, das kostet die Nutzer nichts - und die globalen Plattformen verdienen durch Werbung und Datenkommerz Milliarden.
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  20. Das sch├Âne Wort "geistiges Eigentum"
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  22. Ich bin ein Freund des Urheberrechts. Ich mag das Wort "geistiges Eigentum"; es ist ein sch├Ânes Wort, weil es klarmacht, dass es ein Eigentum nicht nur an Motorr├Ądern, Reihenh├Ąusern und i-Phones gibt. Mit diesem geistigen Eigentum verh├Ąlt es sich wie mit einem Wertpapier: Es ist mehr wert als das Papier, auf dem es gedruckt ist. Ich mag den Wert, den das geistige Eigentum verk├Ârpert ÔÇô den materiellen, den immateriellen und kulturellen Wert. Ich mag auch die Geschichte dieses Urheberrechts, sie ist eng mit der Geschichte der Aufkl├Ąrung verbunden. Ich w├╝nsche mir, dass die Aufkl├Ąrung und das Urheberrecht eine Zukunft haben.
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  24. Und ich, das gebe ich gerne zu, habe eine besondere pers├Ânliche Beziehung zu diesem Urheberrecht: Nicht nur deshalb, weil ich Journalist und Buchautor bin, also von diesem Recht profitiere; sondern auch deswegen, weil ich einst als junger Wissenschaftler auf diesem Feld geforscht habe; meine Doktorarbeit handelt vom Urheberrecht und vom Leistungsschutzrecht, sie handelt davon, warum und wie diese Rechte entstanden sind, wie f├╝r sie gek├Ąmpft und was damit erreicht worden ist - und wo die Grenzen des Urheberrechts liegen. Die Arbeit stammt aus dem Jahr 1983; da gab es noch kein Internet; da waren die sp├Ąteren Gr├╝nder der heutigen Internet-Konzerne noch auf der Highschool, kein Mensch dachte an ein kommerziell nutzbares weltweites Netz. Damals war gerade erst die Voraussetzungen f├╝r das Internet geschaffen worden, es war das Domain Name System (DNS) entwickelt worden, mit dem es m├Âglich wurde, auf der ganzen Welt Rechner mit von Menschen merkbaren Namen anzusprechen.
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  26. Auch eine Jahrtausend-Technologie braucht Regeln
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  28. Und trotzdem ist die Geschichte des Urheberrechts lehrreich f├╝r das Heute; diese Geschichte lehrt, dass auch eine Jahrtausend-Technologie Regeln braucht. Ich erz├Ąhlte diese Geschichte gern: Als nach der Jahrtausenderfindung Gutenbergs, nach der Erfindung des Buchdrucks, immer mehr Nachdrucker von B├╝chern behaupteten, sie h├Ątten das Recht dazu durch den Kauf eines Buchexemplars erworben, schrieb der Philosoph Immanuel Kant seine Abhandlung "Von der Unrechtm├Ą├čigkeit des B├╝chernachdrucks" und wies darin den Verfassern der B├╝cher das geistige Eigentum zu. Ein Werk (also ein Text, eine Komposition, die Interpretation eines Lieds) gilt seitdem als wirtschaftlich verwertbarer Teil seines Sch├Âpfers. Das Urheberrecht bildet sozusagen eine Mauer, die die geistige Leistung des Urhebers umgibt. Wer hinein will, der darf das; er muss aber in der Regel daf├╝r zahlen - Honorare und Lizenzen.
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  30. Der Geist der Aufkl├Ąrung  
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  32. Das ist die Grundidee, die das geistige Schaffen nun zweihundert Jahre lang sehr befruchtet hat und weiblichen und m├Ąnnlichen Schriftstellern, Regisseuren und Tonsetzern, Filmemachern und Drehbuchschreibern, K├╝nstlern und Kreativen aller Sparten, Buch- und Presseverlegern, Film- und Fernsehproduzenten ein Auskommen verschafft. Dann aber kamen die Digitalkonzerne und argumentierten, wie einst die Nachdrucker argumentiert hatten: Alles geh├Ârt uns. Das aber stimmt nicht. Das EU-Parlament verteidigt also nicht einfach irgendein Recht. Es verteidigt den Geist der Aufkl├Ąrung. Es verteidigt ihn gegen den Digitalkapitalismus.
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  34. Sauerstoff f├╝r das Internet
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  36. Es geht um die kreativen Berufe und um ihr geistiges Eigentum, das sich Urheberrecht nennt. Es ist dies das Recht der Menschen, die von dem, was sie denkend schaffen, leben m├╝ssen; das geht nicht mehr, wenn ein jeder ohne Entgelt darauf zugreifen kann, wie dies die Internet-Konzerne und ihre Lobby gerne tun und wie sie es auch in Zukunft gern so h├Ątten. Wer die Urheber und ihre Rechte gegen diese Praktiken verteidigt, der verteidigt den Gehalt, der verteidigt den Content des Internets. Der Sauerstoff f├╝r das Internet ist n├Ąmlich das Urheberrecht; es schafft die Originale, die man zum Kopieren braucht. Wenn das Urheberrecht seinen Geist aufgibt, verliert ihn langfristig auch das Internet.
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  38. Schadet das Urheberrecht der Demokratie, weil es den Zugang zu digitalen Daten erschwert oder verhindert? Das behaupten Kritiker des Urheberrechts, aber auch das stimmt nicht. Das Urheberrecht hat noch nie blo├če Informationen gesch├╝tzt; Informationen waren und sind nicht exklusivierbar. Das Urheberrecht verhindert nicht den Austausch von Informationen, es reserviert nicht Wissen f├╝r einzelne Personen, es sch├╝tzt nur die besondere Verarbeitung und Gestaltung, also das Werk, das aus Informationen gemacht wird - und gibt auch hier der Allgemeinheit reichlich Nutzungsm├Âglichkeiten.
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  40. Digitaler Welpenschutz
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  42. Die Reform, die am Dienstag im Europ├Ąischen Parlament verabschiedet werden soll, will das Urheberrecht an das Digitalzeitalter anpassen. Plattformen werden verpflichtet, nicht mehr unerlaubt urheberrechtlich gesch├╝tzte Werke zug├Ąnglich zu machen; sie sollen Vorkehrungen daf├╝r treffen, dass das nicht geschieht - sonst m├╝ssen sie haften. Das gilt jedenfalls f├╝r die gro├čen, f├╝r die kommerziellen Konzerne; f├╝r kleine Plattformen, f├╝r Start-ups, gibt es Sonderregeln; f├╝r sie ist eine Art digitaler Welpenschutz vorgesehen.
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  44. Die Digitalkonzerne drohen mit Upload-Filtern, um auf diese Weise die Urheberrechtsreform zu verhindern
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  46. Nat├╝rlich hat die Reform Macken: Es besteht die Gefahr des Overblockings, die Gefahr also, dass die Internet-Konzerne, um nicht haften zu m├╝ssen, vorsichtshalber zu viel sperren ÔÇô weil sie "Upload-Filter" einsetzen. Es handelt sich um Software, mit der Internet-Plattformen schon beim Hochladen ├╝berpr├╝fen k├Ânnen, ob Bilder, Texte, Videos oder Musik urheberrechtlich gesch├╝tzt sind. Die Gegnerinnen und Gegner bem├Ąngeln, solche Upload-Filter seien fehleranf├Ąllig und k├Ânnten auch zul├Ąssige k├╝nstlerische Verarbeitungen von urheberrechtlich gesch├╝tzten Texten abblocken. Zwar sind Upload-Filter im neuen Urheberrecht gar nicht vorgeschrieben; dass sie eingesetzt werden, ist trotzdem aus praktischen Gr├╝nden wahrscheinlich. Die Internet-Konzerne werden intelligentere L├Âsungen zum Schutz des Urheberrechts finden m├╝ssen. Aber es kann und darf nicht sein, dass die Konzerne mit der Drohung, unsensible Filter einzusetzen, das Urheberrecht und seine Reform torpedieren k├Ânnen. Das k├Ânnte den Konzernen so passen.
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  48. Ein gemeinschaftsvertr├Ągliches Internet w├╝nscht sich und Ihnen
  49. Ihr
  50. Heribert Prantl
  51. Kolumnist und Autor der S├╝ddeutschen Zeitung
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