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Sep 30th, 2014
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  1. Jutta Ditfurth
  2. 28. September um 18:10 ·
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  4. Leseempfehlung
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  6. © ÖKOLOGISCHE LINKE (Textauszug, vollständig auf: www.oekologische-linke.de)
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  8. KRITIK AN COMMONS UND MULTITUDE-KONZEPTEN
  9. Der sozialdemokratische kleinste gemeinsame Nenner wabert selbst in Teile der radikaleren Linken
  10.  
  11. " […] Es gibt heute neue reformistische Fraktionen in der ideologischen Auseinandersetzung. Zu ihnen gehören der auf Negri und Hardt zurückgehende Ansatz der sogenannten Multitude. Dann der neuerliche Versuch auf sozialdemokratische Weise Verwirrung zu stiften in Gestalt der Auseinandersetzung um die sogenannten Commons, die zum Beispiel von der Heinrich-Böll-Stiftung [grünnahe Parteistiftung] vorangetrieben wird, aber auch von einigen Alternativbetrieben, und beginnt Teile der Linken zu durchdringen und sogar in die radikale Linke einzusickern.
  12.  
  13. Die Multitude ist ein Versuch zu erklären, wie und warum sich Menschen in unterschiedlichsten sozialen Bewegungen oder Kämpfen im Reproduktionsbereich zusammenfinden. Damit soll eine versteckte Gemeinsamkeit konstruiert werden. Die Multitude basiert auf der Behauptung, der Willensakt einzelner Individuen führe in der Summe zur Gegenwehr. Dass es eine Scheidung der Klassen entlang der Frage des Besitzes von Produktionsmitteln gibt, spielt bei diesem Ansatz keine Rolle mehr.
  14.  
  15. Es gibt Überschneidungen zwischen dem aus der Lohnarbeit gedrängten oder sie verweigernden Subproletariat und der sogenannten Multitude. Beeindruckt davon, dass nach der ArbeiterInnenbewegung immer wieder auch die großen sozialen Bewegungen im Reproduktionsbereich zerfallen, ist die Multitude ein falscher irreführender Begriff für vereinzelt und unverbunden instinktiv oder scheinbar im Widerspruch zum kapitalistischen System stehende Menschen und kleine Gruppen.
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  17. Mensch könnte meinen, Negri/Hardt sind der Ansicht, die reine Subjektentwicklung führt zu Widerständigkeit. Aber die Autoren versinken in grundsätzlichen Teilen ihrer Ausführungen, weg von einer materialistischen Betrachtung des Menschen, in einer idealistisch bürgerlich mechanistischen Auffassung vom Menschen. Der Mensch wird zur reinen Singularität, das Subjekt ist kein soziales Wesen mehr.
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  19. Damit vereinseitigen sie das dialektische Verhältnis zwischen Kämpfen in der Produktion und denen in der Reproduktion, das für die Bewegung des Operaismus noch eine Rolle gespielt hatte. In einer Überschätzung des Subjekts glauben sie, es könne frei, scheinbar abgeschnitten von seiner sozialen Lage handeln.
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  21. Die Multitude soll die postmoderne Vielheit der Verschiedenen sein, die ein Gemeinsames haben. Einzelne Menschen sollen sich zu beliebigen Kämpfen zusammenfinden. Anschließend sollen Teilbereichskämpfe sich selbst ohne Organisation willkürlich zu einem größeren, gemeinsamen Kampf zusammenwürfeln, gegen die sogenannte globale, also angeblich überall gleichförmige Herrschaft des Kapitals, gegen das sogenannte Empire.
  22.  
  23. Letztlich ist das Konzept der Multitude nichts anderes als die Wunschvorstellung, in einer großen, vielfältigen Bewegung den sozialdemokratischen kleinsten gemeinsamen Nenner zu haben, weltweit gegen besonders brutale Folgen des Kapitalismus zu sein, in der Armut zusammenzufinden für den weltweiten demokratischen Kampf. Reaktionärer Sozialrealismus im Mantel des Sozialutopismus.
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  25. Die Attraktivität des Commons-Ansatzes basiert auf dem Glauben, dass es reicht, die Idee der sogenannten Gemeingüter in die Köpfe hineinzusetzen oder die praktische Initiative zu ergreifen, in Teilbereichen gemeinschaftlich zu produzieren und darüber die sogenannten Keimzellen einer neuen Gesellschaft zu schaffen.
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  27. Die Commons, teilweise auch als Allmende bezeichnet, sollen Gemeingüter sein, die keinem oder keiner Einzelnen, sondern allen gemeinsam gehören. Sie dürfen von allen gleichermaßen, das heißt mit den gleichen Regeln genutzt werden. Die Regeln dienen dazu, eine sogenannte Übernutzung zu verhindern und bei der Produktion Qualitätsmaßstäbe einzuhalten. Pate bei dieser Idee stehen historisch in vorkapitalistischen Produktionsverhältnissen gemeinsam genutzte Anbauflächen im Gemeineigentum und heute insbesondere die Herstellung und Nutzung von Open-Source-Software und -Wissen.
  28.  
  29. Mit der sogenannten Peer-to-Peer-Produktion soll die Idee der Commons im Produktionsalltag verankert werden. Dabei soll eine aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen bestehende Produktionsgemeinschaft in erster Linie für sich, das heißt für den Austausch der Produkte untereinander produzieren. Sie kann aber auch mit einer anderen Produktionsgemeinschaft entsprechend bestimmter Regeln Produkte tauschen. Das soll ohne Geld funktionieren, aber die ProtagonistInnen dieser Vorstellungen kommen nicht umhin, die Notwendigkeit einer Gewichtung der in den Produkten steckenden Arbeitsleistung sowohl nach innen als auch nach außen als Maßstab des Tauschs einzuräumen. Womit vom Grundsatz her nichts anderes getan wird, als dies in der kapitalistischen Gesellschaft der Fall ist, in der der Wert der Waren durch Geld ausgedrückt wird, das nichts anderes ist als eine allgemeine standardisierte Vergleichsware.
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  31. Im Kleinen handelt es sich bei den Commons letztlich um das aussichtslose Konzept einer selbstorganisierten Schattenwirtschaft in friedlicher Koexistenz mit dem und im kapitalistischen Weltmarkt. Sobald diese Schattenwirtschaft eine relevante Größe erreichen würde, würde das Kapital sich mit Hilfe des Staates ihrer bemächtigen. Hebel dazu wären zum Beispiel Steuern und Produkthaftungsvorschriften. Solange der Kapitalismus nicht frontal angegriffen wird, kann es nicht gelingen, sich seinen Fängen zu entziehen.
  32.  
  33. Genossenschaftliche Produktion kann mal sinnvoll sein als Notwehrmaßnahme, darf aber nicht als systemveränderndes Element missverstanden werden. Siehe hier auch die Auseinandersetzung zwischen Lassalle und Marx.
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  35. Die Commons reichen vom subversiven Gemeinschaftsgarten auf städtischen Brachflächen, auf denen zur gemeinsamen Nutzung Obst und Gemüse angebaut wird, bis hin zu den Weltmeeren und die Erdatmosphäre.
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  37. Als Commons kann alles gesehen werden, was keinem oder keiner Einzelnen gehören soll und das allen gleichermaßen zugänglich sein soll. Das kann die Energieversorgung sein, das Wohnen, die Arbeitslosenversicherung, die Wälder, die Wissenschaft, Schulen und Universitäten, Wasser, usw. Nur ausgerechnet die Produktionsmittel, mit denen die Lohnabhängigen Mehrwert für die KapitalistInnen schaffen müssen, gehören nicht dazu. Wohl im Namen der Freiheit, andere ausbeuten zu dürfen, wenn diese das zulassen (müssen), wird das Privateigentum an Produktionsmitteln nicht in Frage gestellt. Bestimmte Güter sollen gemeinsam sein, andere, die vermeintlich weniger wichtig sind, dürfen weiterhin den Zweck erfüllen, als Privateigentum zur Ausbeutung der Lohnabhängigen zu dienen.
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  39. Auf eine weltweite Ressource wie die Erdatmosphäre bezogen wird die Irrationalität des Commons-Ansatzes besonders deutlich. Auf der einen Seite wird generell postuliert, dass die Gemeingüter nicht dem Staat gehören sollen. Auf der anderen Seite wird, weil systemimmanent gedacht, der kapitalistische Staat bei den überregionalen Commons als regelnde Instanz gebraucht. In der von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebenen Publikation »Gemeingüter – Wohlstand durch Teilen« wird der systemkritische Anschein der Commons entzaubert: »Um die Atmosphäre von einem Niemandsland zu einem Gemeinschaftsgut zu machen, sind die Nationen der Erde gezwungen, sich ein Stück weit als Weltgemeinschaft zu konstituieren. Weil Gemeingüter ›Kümmerer‹ brauchen, die für deren gedeihliche Nutzung Sorge tragen, begründen sie neue Formen der Zusammenarbeit. […] Gemeingüter halten den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft lebendig und liefern damit auch einen fundamentalen Beitrag zum Funktionieren von Markt und Staat.«
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  41. All das Schöne, Harmonische, Gemeinsame, angeblich Solidarische soll auf der tödlichen ausbeuterischen, alles verheerenden Grundlage eines Wirtschaftssystems bewerkstelligt werden, das die Welt in die teilt, die alles haben und die, die hungern, radioaktiv verstrahlt, unterdrückt, ausgebeutet, versklavt und zugrunde gerichtet werden, und Landschaften aus Leichenbergen schafft.
  42.  
  43. Für die Autoren Karl-Heinz Roth und Zissis Papadimitriou ist die Aneignung bzw. Vergesellschaftung oder Kommunalisierung der sogenannten Commons eine wesentliche Maßnahme in ihrem neureformistischen Konzept, das sie in ihrer Schrift »Die Katastrophe verhindern Manifest für ein egalitäres Europa« veröffentlicht haben. VertreterInnen des klassischen Reformismus wollten den Kapitalismus durch seine Verbesserung und Weiterentwicklung sich selbst abschaffen oder auflösen lassen. Roth und Papadimitriou hingegen erwecken den Eindruck, als könne es ein Aktionsprogramm vorher konkret festgelegter Schritte geben, denen – wohl aufgrund systematischer Zermürbung des Kapitals – die Überwindung des Kapitalismus ohne Revolution folgen kann. Die Vorstellungen reichen zunächst je nach Branche von der Zerlegung von Konzernen bis hin zu deren Enteignung durch Vergesellschaftung. Vermögen sollen bis zu dem Niveau enteignet werden, bei dem eine nach Ansicht der Autoren erträgliche Ausbeutung möglich ist, die sie bei einer Einkommensspreizung von 1:5 zwischen »kommandierter« und »kommandierender Arbeit« sehen. Danach sei es möglich, diese Kluft ganz zu überwinden. Das alles soll basis- bzw. rätedemokratisch entschieden werden – vom sogenannten neuen Multiversum der Unterklassen. Die Multitude lässt grüßen.
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  45. Dass es den Staat gibt, den ideellen Gesamtkapitalisten, dem das Kapital die faktische gesetzgeberische und exekutive Funktion überlässt, nehmen Roth und Papadimitriou gar nicht zur Kenntnis. Illusionistischer oder voluntaristischer können Vorstellungen eines gesellschaftlichen Wandels kaum sein. Hätten zivilgesellschaftliche Gruppen oder die von den Autoren vorgeschlagene »Assoziation Egalitäres Europa«, ein Netzwerk mit Internetvernetzung und regionalen und überregionalen Delegiertentreffen, eine solche Macht gegenüber dem Staat und dem Kapital, stellte sich die Frage, warum in diesem seltenen historischen Moment nicht im ersten Schritt die Macht ergriffen werden sollte und die Enteignung des Privateigentums an Produktionsmitteln und damit die klassenlose Gesellschaft durchgesetzt werden sollte? Stattdessen soll sich das reformistische Multiversum der permanenten Gefahr aussetzen, dass für die Fortsetzung »systemüberwindender ›entscheidender Reformen‹« sein »Widerstand gegen den Klassenkampf von oben« auf Dauer nicht ausreicht, und das Konzept eines langsamen, qualvollen Todes des Kapitals bzw. des Kapitalismus gescheitert wäre.
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  47. Kämpfe im Reproduktionsbereich sind, wie wir gesehen haben, nicht automatisch gegen den Staat gerichtet. Dessen Rolle als Vertreter gesamtkapitalistischer Interessen wird oft nicht wahrgenommen. Viele in den sozialen Bewegungen richten Appelle an den Staat, in der Hoffnung, er könne helfen oder sich bessern. Dabei steht für die von den Zumutungen des kapitalistischen Ausbeutungssystems Betroffenen ihr unmittelbares Bedürfnis nach einer Verbesserung ihrer aktuellen, konkreten Lebenssituation im Mittelpunkt.
  48.  
  49. Es ist Aufgabe derjenigen, die die gesellschaftlichen Gesamtverhältnisse erkannt haben, deutlich zu machen, dass hinter allen vermeintlichen Missständen, auch hinter den scheinbaren Unzulänglichkeiten oder Unfähigkeiten von PolitikerInnen, die Interessen des Kapitals stehen und dass die Verhältnisse mit Hilfe des Staates in Richtung der Profitmaximierung vorangetrieben werden. Nur wo Menschen sich wehren, können die destruktiven Entwicklungen gemildert, aufgehalten oder teilweise und zeitweise einmal umgekehrt werden. Dauerhaft und ganz kann das nur die soziale Revolution bewirken. […]"
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  51. HINWEIS:
  52. Vollständiger Text unter dem Titel "2014: Jahr der sozialen Verelendung! Verschärfter Klassenkampf von oben. Hat Widerstand mit Klassen zu tun?" (PDF-Datei) auf:
  53. http://www.oekologische-linke.de/
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