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a guest Mar 24th, 2012 2,567 Never
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  1. Aufgabenstellung:    
  2. Analysieren Sie das Gedicht „Lockung“ von Joseph Freiherr von Eichendorff.
  3. Weisen Sie anhand dieses Gedichtes die romantischen Merkmale nach und zeigen Sie die romantische Weltsicht auf.
  4.  
  5.  
  6. Und einer ihrer bedeutensten, wenn nicht sogar der bedeutenste Vertreter war der am 10.03.1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor (Oberschlesien) geborene Joseph Freiherr von Eichendorff, der in Heidelberg und Halle Philosophie und Rechtswissenschaften studierte und am 26.11.1857 in Neiße (Nysa) starb.
  7. Seine Werke - wie auch sein für uns zu analysierendes Gedicht „Lockung“ - sind geprägt durch die harmonische Verschmelzung der humanen Gesinnung mit einem reinen Naturgemüt und durch die innige Schlichtheit kunstvoll geprägten Ausdrucksvermögens.
  8. Der Name von Eichendorffs Gedichts “Lochung” weist zunächst einmal auf keines der genannten charakteristischen Themen der Epoche hin. Betrachtet man die Überschrift allerdings konzentrierter, so verbindet die (Ver-) Lockung mit einem gewissen Reiz, der von einem Ort, einer Sache oder einer Person ausgehen muss. Damit könnte möglicherweise das Sehnsuchts-Motiv angesprochen werden. Unklar ist jedoch wer von wem zu was bewogen werden soll.
  9. Doch die Frage wohin jemand gelockt werden soll wird schnell und deutlich beantwortet. Zum lyrischen Ich werden aber keine Angaben gemacht. Es befindet sich in einem Wald. In der ersten Strophe betrachtet beziehungsweise beschreibt es seine Umwelt. Eine außenstehende Person wird gefragt, ob sie diese Erfahrungen und Gefühle mit ihr teilt.
  10. Ob der Leser die irren Lieder aus der alten, schönen Zeit noch kennt, fragt das lyrische Ich in der zweiten Strophe. Es weist darauf hin, dass diese Lieder nun wieder gesungen werden. Das Adjektiv „irren“ lässt hier in Zusammenhang mit den Liedern vermuten, dass die Lieder etwas spontanes und naives beinhalten, was meiner Meinung nachauf die Kindlichkeit in ihnen hinweist.
  11. In der dritten Strophe, in der es sich anfänglich vom Leser abwendet, berichtet es von der es umgebenden Natur, zum Beispiel von den träumenden und lauschenden Bäumen. Im letzten Vers kommt noch einmal eine direkte Aufforderung an die außenstehende Person, zu ihm in den Wald zu kommen.
  12. Dieses Gedicht ist in drei Strophen unterteilt, während die erst Strophe acht Verse, die zweite und dritte jeweils nur vier Verse umfasst.
  13. Die äußere Gliederung ist genau der inhaltlichen Gedankenführung angepasst. So beinhaltet die erste Strophe Naturbeschreibungen, während sich die zweite Strophe der Erinnerung an die mittelalterlichen Volkslieder widmet. Die dritte wiederum versucht die angesprochene Person noch einmal zu überzeugen und enthält eine direkte Aufforderung.
  14. Die eingerückten ersten Verse der ersten und zweiten Strophe haben ebenfalls eine inhaltliche Bedeutung. Sie enthalten jeweils eine rhetorische Frage an die außenstehende Person. Somit rufen die Fragen sofort die Aufmerksamkeit des Lesers hervor. Außerdem ist die dritte Strophe als Art Zusammenfassung der zu vermittelnden Eindrücke und mit der innewohnenden Aufforderung – als einzige Strophe, deren erster Vers nicht eingerückt ist – auch schon äußerlich etwas hervorgehoben.
  15. Das Gedicht hat einen typischen Volksliedcharakter. Volkslieder sind durch Strophen zu je vier Verse gekennzeichnet und zudem charakteristisch für die Romantik und für Eichendorff. Die erste Strophe hat zwar acht Verse, was eine verlängerte oder gedoppelte Volksliedstrophe ausmacht aber nur, weil sie eine einheitliche gedankliche Einheit bilden, nämlich die Beschreibung der umgebenden Natur.
  16. Die Verwendung von Enjambements in diesem Gedicht folgt einem bestimmten System. Zeilensprünge werden benutzt, um die Zusammengehörigkeit zweier Verse zu verdeutlichen und, um sie auch zusammenhängend lesen zu können. In den ersten vier Versen der ersten und zweiten Strophe wechseln sich Haken- und Zeilenstil ab, wobei das erste Satzzeichen immer ein Fragezeichen und das zweite ein Komma ist. Danach folgen in der ersten Strophe drei Verse mit Enjambements und der vierte endet mit einem Fragezeichen. In der dritten Strophe, den zweiten Vier Versen des zweiten Teils des Gedichtes, besitzen die ersten zwei Verse ebenfalls Enjambements, aber der dritte endet mit einem Gedankenstrich. Hier soll noch einmal der sich anschließenden Aufforderung auch optisch ein großes Gewicht gegeben werden. Die Zusammengehörigkeit der zweiten und dritten Strophe ist mit der Zeichensetzung deutlich erkennbar, da die zweite Strophe nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Komma endet.  Nur durch die inhaltliche Trennung ist auch eine Teilung in zwei Strophen gemacht worden.
  17. Beim Metrum handelt es sich in diesem Gedicht um einen Trochäus. Er wird durchgehend verwendet und erzeugt somit eine gewisse Harmonie, wie sie für die Romantik typisch und von symbolischer Beispielhaftigkeit ist.
  18. Auch mit der einheitlichen Verwendung nur eines Reimschemas wird eine Regelmäßigkeit und die eben genannte Harmonie erzeugt. In diesem Gedicht wird, wie schon gesagt, durchgängig das Kreuzreimschema angewandt. So reimt sich zum Beispiel „rauschen“ (Vers eins) auf „hinabzulauschen“ (Vers drei).
  19. Die Kadenzen betreffend gibt es abwechselnd klingende, zweisilbige und stumpfe, einsilbige Kadenzen. So sind die Wörter “Lieder” und “wieder” Beispiele für die klingende Kadenz und “schwül” und “kühl” Beispiele für die stumpfe Kadenz. Auch dieser Teil ist also im ganzen Gedicht so gut wie einheitlich und somit regelmäßig und harmonisch angewandt. Ausnahmen sind allerdings auch vorhanden. Im ersten, dritten, sechsten und zehnten Vers findet man gleitende Kadenzen wie zum Beispiel “Mondenschein”.
  20. Inhalt und Themen des Gedichts “Lockung” von Joseph von Eichendorff sind ebenso unausweichlich und unübersehbar von romantischer Natur. Sieht man den Inhalt des Gedichtes in Zusammenhang mit der Weltanschauung der Romantiker, so zeigen sich die Merkmale der Romantik deutlich heraus. Das lyrische Ich hat sich von seiner alltäglichen Welt abgewandt, denn es ist mit der Gesellschaft nicht mehr zufrieden. In der Romantik - als eine Reaktion auf die Französische Revolution - hat sich die bürgerliche Gesellschaft konstituiert und stabilisiert. Eine weiterschreitende kapitalistische Entwicklung hatte unter anderem hier ihren Ursprung. Viele antikapitalistische Menschen forderten eine humane Lebens- und Arbeitswelt. Das und die Suche nach seiner Zugehörigkeit in der sich verändernden Gesellschaft, veranlasst das lyrische Ich aus dieser Alltagswelt zu fliehen.
  21. Das Sehnsuchtsmotiv wird hier von Eichendorff aufgegriffen. Diese Sehnsucht nach der Flucht aus der Alltagswelt führt das lyrische Ich in die Natur, die ein weiteres Symbol oder Merkmal der Romantik ist. Unterstützt werden die Darstellungen der Sehnsucht, der Natur oder der Lockung auch durch entsprechende stilistische Mittel. Sie tragen zur zusätzlichen Verdeutlichung bei.
  22. Mit den rhetorischen Fragen in der ersten Strophe - “Hörst du nicht die Bäume rauschen draußen durch die stille Rund?” (Vers 1/2) und „Lockt’s dich nicht, hinabzulauschen... in den Fluss vom hohen Stein?“ (Vers 3-8) - versucht er dem Leser zunächst einmal anzusprechen, aufmerksam zu machen und letzten Endes anzulocken. Mit diesen beiden und einer weiteren rhetorischen Frage in der zweiten Strophe (“Kennst du noch die irren Lieder aus der alten, schönen Zeit?” ® Vers 9/10) wendet sich der Berichtende  direkt an eine bestimmte Person. Für den Erzähler sind die Fragen bereits beantwortet, da er das beschriebene erlebt. Aber mit dieser Hinwendung zur zuhörenden Person appelliert er an die Vorstellungskraft und hofft, überzeugen zu können.
  23. In der letzten rhetorischen Frage steckt zugleich aber auch noch eine Synekdoche. So sind die irren Lieder aus der alten, schönen Zeit, nämlich dem Mittelalter, nur ein Beispiel, ein Glied aus einer Kette. So sind hiermit nicht nur die Lieder der alten Zeit, sondern auch alles andere, wie das Lebensgefühl, die Lebensweise und alles andere, was mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht werden kann gemeint.
  24. Die Natur ist für den Erzähler ein Sinnbild für den Ausdruck, die Darstellung des Traumhaften, Schmeichelhaften, Geheimnisvollen, Süßen, Verzaubernden, Einfachen, Schlichten, die Verzauberung der Alltagswelt oder für Volkstümlichkeit. Mit den Versen eins/zwei (“Hörst du nicht die Bäume rauschen draußen durch die stille Rund?”) und fünf/sechs (“Wo die vielen Bäche gehen wunderbar im Mondenschein”) beschreibt das lyrische Ich die Natur, die Sehnsucht und mit dem „Mondenschein“, also der Nacht, das traumhafte Erlebnis.
  25. Das Ausgedrückte wird vom lyrischen Ich noch durch eine Alliteration von Vers fünf zu Vers sechs („Wo“ und „Wunderbar“) intensiviert.
  26. Durch das Beschreiben der Natur und der Gefühle des lyrischen Ichs kennzeichnet sich die sogenannte Erlebnis-/Stimmungslyrik ab. Auch die großen Anteile der Naturlyrik – als ein wesentliches Merkmal der Romantik - an diesem Gedicht dürfen nicht übersehen werden. Und als sich das lyrische Ich auch noch der Geschichte zuwendet und diese reflektiert, indem es sich an irre Lieder der alten, schönen Zeit erinnert wird auch die Gedankenlyrik angesprochen.
  27. Dies, also die Idealisierung des Mittelalters, ist auch eine Charakteristik der Romantik. Damit verbunden wendet sich der Berichtende den “irren Lidern aus der alten, schönen Zeit” (Vers 9/10) zu. Mit dieser Frage versucht das lyrische Ich die Gefühle des Zuhörers anzusprechen, alte Erinnerungen zu wecken und ihn mit sich aus der Alltagswelt zu locken.
  28. Ebenfalls an das Gefühl und die Phantasie richten sich die  beschreibenden Substantive, die fast alle durch Verben oder Adjektive ergänzt werden: Die Bäume rauschen, die Rund ist still, die Lieder sind irre und der Flieder duftet schwül.
  29. In diesem Zusammenhang wendet sich das lyrische Ich auch an verschiedene Sinnesorgane, um das Erlebte lebendiger erscheinen zu lassen. Wenn man das Gedicht als ein Ganzes betrachtet, dann wird die Synästhesie durch den duftenden Flieder, (das Riechen), die rauschenden Bäume(das Hören), den siebenten/achten Vers (“die stillen Schlösser sehen in den Fluss vom hohen Stein”) (das Sehen) und den sechszehnten Vers (“hier ist’s so kühl”) (das Fühlen) deutlich.
  30. Trotz des Glücks wird aber auch mit dem Vers zwölf (“Nachts in Waldeseinsamkeit”) das Alleinsein ausgedrückt. Das allein sein in der neuen sich entwickelnden rationalen Welt der Vernunft, deren Entwicklung  u.a. durch die Aufklärung wesentlich vorangetrieben wurde. Verbunden mit den volkstümlichen Liedern wird ein weiteres Symbol für das Mittelalter dargestellt. In den Versen sieben/acht (“Und die stillen Schlösser sehen in den Fluss vom hohen Stein”) wird gezeigt, dass das lyrische Ich mittelalterliche Schlösser sieht, die auf einem hohen Felsen in Mitten eines Flusses stehen. Doch es sieht nur deren Spiegelungen im Wasser. Diese monumentalen Bauwerke aus früherer Zeit sind, da sie auf einem Stein im Fluss stehen, aber unerreichbar. Das lyrische Ich kann nur ehrfürchtig hinaufblicken und davon träumen, dort zu sein.
  31. Die Bäume, die dem lyrischen Ich zuhören und seine Gedanken verfolgen, der duftende Flieder und die rauschenden Nixen stellen mit der hier entstehenden Harmonie ein weiteres Mittel zur Anlockung dar. Die Anapher im fünfzehnten und sechszehnten Vers kristallisiert noch einmal die Vielfalt der Ver-„Lockung“ heraus und lässt sie umfassender und aussagekräftiger aussehen. Der sechszehnte Vers (“Komm herab, hier ist’s so kühl”) fordert den Leser nun noch einmal auf, auf die Einsamkeit des lyrischen Ichs einzugehen und ihm Gesellschaft zu leisten.
  32. Das gesamte Gedicht ist auch noch mit Metaphern durchzogen, welche mit zu den beliebtesten rhetorischen Mittel der Romantik zählen. So sind zum Beispiel die gehenden Bäche im fünften Vers, die erwachenden Lieder in der zweiten Strophe und die lauschenden Bäume von metaphorischer Sinnlichkeit.
  33. Mit allen genannten rhetorischen Mitteln will Eichendorff also versuchen, hauptsächlich die Emotionen, Phantasie und Gedanken des Lesers oder Zuhörers anzusprechen, um ihn aus der Alltagswelt herauszulocken.  Dies ist wahrscheinlich ein Ziel aller Romantiker gewesen, die eben aus dieser rationalisierten Welt fliehen wollen. Sie sind der Vernunft, die sich blitzartig in der vorangehenden Aufklärung entwickelt hat, gegenüber sehr skeptisch. Sie fürchteten, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen durch das kommende kapitalistische Gedankengut und Profitdenken immer weiter abgebaut werden könnten. So wollen sie in die für sie größte Zeit, in das Mittelalter fliehen. Dort, wo der Mensch ihrer Meinung nach auch noch ein Teil der Natur war, die sie daher genauso intensiv versuchen darzustellen, wollen sie versuchen, ihr Leben traumhaft, spontan und einfach fortzuführen oder gar neu zu beginnen. Diese Zeit ist für sie der Ursprung alles lebenswerten. Und in eben diese Zeit mit all ihrer Natürlichkeiten, Kindlichkeiten und voller Naivität versucht uns Joseph Freiherr von Eichendorff mit seinem Gedicht „Lockung“ zu locken.
  34.  
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  38. Mächtiges Überraschen" von Goethe
  39. Gedichtinterpretation  
  40. Das Gedicht ,,Mächtiges Überraschen", welches Johann Wolfgang von Goethe 1807 verfasst hat, sagt schon durch seinen Titel aus, dass sich im Fortlauf des Gedichtes einiges tun wird, dass etwas Unerwartetes möglicherweise alles verändern wird.
  41. Ob dies allerdings eine gute oder böse Überraschung sein wird, kann man zu Beginn noch nicht erkennen, lediglich deren Größe, ihre Mächtigkeit.
  42. An diesem Gedicht kann man deutlich ersehen, dass es der klassischen Epoche entstammt, was an Hand von zahlreichen Merkmalen im Folgenden genauer erläutert wird.
  43. Die Klassik, welche sich in etwa in die Jahre von 1786 - 1805 einordnen lässt, zeigt dem Menschen ein völlig neues Weltbild: Er soll fortan durch die Eingebundenheit in die Natur, durch die Vereinigung von Verstand und Sinnlichkeit zu einem neuen, nahezu gottähnlichen Geschöpf werden.
  44. Der Leser des vorliegenden Gedichtes kann diese ,,Neuwerdung" genauestens verfolgen:
  45. Schon allein die Form, das Äußere, lässt eine Veränderung erkennen, wobei die ersten beiden der vier Strophen aus jeweils vier, die folgenden aus nurmehr drei Versen bestehen (Sonettform).
  46. Wenn sich auch letztendlich alles zum Neuen wendet, so bleibt die Gesamtheit doch in einem gewissen Rahmen, da ja die Voraussetzung für das Ergebnis logischerweise notwendig ist.
  47. Diese Einheitlichkeit wird durch die fünfhebigen Jamben ( xX ) und folglich die stets weiblichen Kadenzen, welche sich durch das gesamte Gedicht hindurchzie-
  48. Hen, unterstrichen.
  49. Auch die Art des Reimes, der Klammerreim ( abba ), der, wie sein Name schon sagt, das Werk umklammert, zu einer Einheit zusammenhält, bleibt bis zur Hälte des Gedichtes der selbe, fortgehend erkennt man Kreuzreime.
  50. Der eigentliche Inhalt des Gedichts zeigt vordergründig die gewaltige Flussströmung bergabwärts zum Ozean, welche plötzlich ganz unerwartet in Folge eines mächtigen Sturmes, welcher durch seine Naturverwüstung die Strömung blockiert, schließlich als ein nurmehr ruhiges Gewässerchen, ein See, weiterlebt.
  51. In der ersten Strophe kann man das Lärmen und Toben des Stromes nahezu mitempfinden, da durch Neologismen wie [,,entrauschen"] (Z.1), ,,(umwölktem) Felsensaale" (Z.1) die Stimmung lebhaft vermittelt wird. Der üblich gebrauchte Wortschatz reicht nicht mehr aus, um dieses Naturschauspiel darzustellen.
  52. Die nicht zu stoppenden Wassermassen steuern ,,unaufhaltsam" (Z.4) auf den Ozean zu, um sich dort mit ihm ,,eilig zu verbinden" (Z.2).
  53. Das Wasser strömt nicht nur auf Grund seiner Erdanziehungskraft bergabwärts, es flieht auch vor der Bedrohung, dem ,,umwölktem Felsensaale", um im Tale beim ,,Vater" (Z.11) seine Ruhe zu finden.
  54. Es scheint vorerst, als könne nichts in der Welt diese Strömung aufhalten, es bleibt keine Zeit für eine lange Beobachtung einer Spiegelung im Strome: ,, was sich auch spiegeln mag (...), er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale." (Z.3)
  55. Mit der zweiten Strophe tritt eine unerwartete Überraschung - wie der Gedichtstitel schon vermuten lässt - ein: Die Natur selbst ist es, welche vermag, in den vorherigen Zustand einzugreifen und dadurch eine bedeutende Wende herbeizuführen:
  56. ,,Mit einem Male" (Z.5), also nicht vorhergesehen, setzt ein Sturm ein, welcher das gesamte Geschehen zerstört, er blockiert den Strom: ,,hemmt den Lauf" (Z.8). Die Macht des Sturmes ist so gewaltsam, dass ,,Berg und Wald" (Z.6) ihm folgen. Er selbst wird personifiziert als Oreas, dem Bergwinde dargestellt, welche sich bewusst als Ziel gesetzt hat, den Wasserfall zu zerstören, um nach vollbrachter Tat schließlich zufriedengestellt zu sein, ,,um Behagen dort zu finden" (Z.7). Sie erreicht es mit ihren ,,[dämonischen]" (Z.5) Fähigkeiten, den Fortlauf anzuhalten, ,,die weite Schale [zu] [begrenzen]" (Z.8).
  57. Im folgenden Fortlauf der dritten Strophe sträubt sich das Wasser vorerst noch, es möchte weiterhin auf sein Ziel zusteuern, doch es hilft alles Bemühen nicht, sie ,,[trinkt sich immer selbst]" (Z.10).
  58. Das unermüdbare Bestreben, es doch zu schaffen, wird durch Verbanhäufungen im Enjambement metaphorisch dargestellt: ,,Die Welle sprüht und staunt zurück und weichet und schwillt bergan" (Z.9f). Die Welle selbst wird als Person darge-
  59. Stellt, sie ,,staunt und weichet" (Z.9).
  60. Noch ein letztes Mal schwankt die Welle in der vierten Strophe, doch schließlich kommt sie zur Ruhe, und aus dem Wasserstrom ist ein See geworden.
  61. Erst jetzt, in diesem See, können sich die funkelnden Gestirne spiegeln (Z.13), das eigentlich Schöne kommt erst jetzt, im Zustand der Ruhe zu Geltung.
  62. Durch das Enjambement ,,Gestirne (...) beschaun das Blinken (...) des Wellenschlags" (Z.13f) wird die ruhige, fortlaufend gleichmäßige Atmosphäre dargestellt.
  63. ,,Ein neues Leben" (Z.14) hat begonnen, ohne hektische Zielbestrebungen kommt das Wasser, zwar unerwartet früh, aber dennoch wie es anfangs wollte, zur Ruhe.
  64. Hinter diesem Weg des Wassers kann man durchaus das frühzeitige unerwartete Eingreifen des Todes sehen: Der Mensch läuft meist zielstrebig durch das Leben und denkt nicht an ein plötzlich eintretendes Ende, welches jeder Zeit naheliegen könnte.
  65. Der Tod, welcher wohl von den meisten Menschen eher grausam wie erlösend gesehen wird, bringt den Menschen lau diesem Gedicht doch erst zum wahren Ziel, welches einen höheren Rang als all die kleineren Zielsetzungen in diesem Leben einnimmt.
  66. Das Gedicht wirkt auch recht aufs Leben bezogen, da das Wasser, welches hier das Hauptsymbol darstellt, ja ohnehin das Zeichen des Lebens ist.
  67. Die Steigerung hin bis zum plötzlich eingreifenden Tode wird durch die zunehmende Unruhe des Wassers in den den ersten beiden Strophen gezeigt.
  68. Durch die darauf folgende Antiklimax tritt wieder die Ruhe, sowohl äußerlich als auch innerlich ein: Der See wird ruhig und in ihm spiegeln sich schließlich die Gestirne.
  69. Der Mensch kommt also erst durch den Tod und das darauf folgende ,,neue Leben" zur wirklichen innerlichen Ruhe.
  70. Goethe, welcher dieses Gedicht in einer Zeit verfasst hat, in welcher er mit dem Tode einiger guter Freunde konfrontiert war, suchte möglicherweise eine Lösung, das Leid der Angehörigen zu lindern, und kam dabei zu dem Entschluss, den Tod als Anfang eines neuen, besseren Lebens zu sehen.
  71.  
  72.  
  73.  
  74. Prometheus
  75.  
  76. I. zeitliche Einordnung: entstanden auf dem Höhepunkt des Sturm und Drang und der Geniebegeisterung im Herbst 1774
  77. Thematik: Auflehnung Prometheus gegen die Götter
  78. Figur Prometheus: - Gestalt aus der griechischen Mythologie
  79.  
  80. - Rebell gegen die Feindseligkeit der Götter
  81. - Wohltäter der Menschheit
  82. - Prometheus erhielt die Aufgabe die Menschen zu schaffen
  83. - zog den Zorn Zeus auf sich, da er die Götter öfter überlistet hatte
  84. - Zeus enthielt den Menschen das Feuer vor
  85.  
  86. - wieder überlistet Prom. Zeus indem er Feuer von der Sonne holte und den Menschen gab.
  87. - Zur Strafe an einen Felsen im Kaukasus gekettet, wo ein Adler seine Leber fraß
  88. - Schließlich von Herakles befreit
  89. II. INHALT
  90. 2. Aufbau: - Hymne
  91.  
  92. - 7 unterschiedlich lange Strophen
  93. - freier Rhythmus ohne Versmaß und Reim
  94. - keine Regelhaftigkeit, durcheinander (Enjambements 2, Inversionen)
  95. Sprache: -lyrisches Ich: Prometheus
  96.  
  97. - Monolog und spricht Z. an
  98. - befehlend, trotzig (Imperative 1, rhetorische Fragen 4,5,6)
  99. - verächtlich, sarkastisch (Ironie 2)
  100. - knappe aneinandergereihte Aussagen, parataktisch (Parallelismen 1,4 ; Anapher 3)
  101. - Alliteration (1) unterstreicht befehl
  102. - dreifache Wiederholung des Possessivpronomens betont Anspruchg auf alles Irdische
  103. - Neologismus: Knabenmorgenblütenträume (unerfüllte Hoffnungen und Träume der Jugend)
  104.  
  105. 3. literarische Epoche: Sturm und Drang
  106. formal: keine Regeln der Dichtkunst, nicht so wie es damals üblich war, nicht traditionell
  107. Sprache typisch für Sturm und Drang ( dynamisch, ekstatisch, kein regelmässiger Satzbau, Satzfetzen); imperative Ton spiegelt das trotzige Freiheitsverlangen wieder.
  108. inhaltlich: Prometheus gilt als Vorbild des Sturm und Drang
  109.  
  110. Auflehnung gegen unfreie konventionelle Gottesvorstellungen
  111. myth. Menschenschöpfer P. ist Symbol des schöpferischen Künstlers/Genies
  112. III. Prometheus entpricht den Stürmern und Drängern
  113. Zeus dem Konventionellen
  114. Kritik an der Gesellschaft und an den Fürsten die sich wie Zeus nicht in ihrer Macht einschränken lassen wollen und jeden unterdrücken der dies tun will.
  115. auch Kritik an der unfreien normierten Gottesverehrung
  116. Johann Wolfgang Goethe: Prometheus
  117. I. zeitliche Einordnung: Epoche des Sturm und Drang, 1774
  118. Thematik: Auflehnung Prometheus gegen die Götter
  119. Figur Prometheus: Gestalt aus der griechischen Mythologie, Symbolfigur des Sturm des Sturm und Drang
  120. II. 1
  121. Prometheus ist Menschenschöpfer
  122. Kritik an den Göttern, v.a. Zeus
  123. verteidigt den Lebensbereich der Menschen gegen die Willkürherrschaft der Götter
  124. 2. Aufbau: - Hymne
  125.  
  126. - unterschiedlich lange Strophen
  127. - freier Rhythmus
  128. - keine Regelhaftigkeit
  129. Enjambements, Inversionen
  130. Sprache: - lyrisches Ich = Prometheus
  131.  
  132. - Monolog an Zeus gerichtet
  133. - befehlend, trotzig, verächtlich
  134. Imperative, rhetorische Fragen
  135. - knappe aneinandergereihte Aussagen
  136.  
  137. Parallelismen
  138. Anaphern
  139. 3. literarische Epoche des Sturm und Drang
  140. III. - Prometheus als Symbol der Auflehnung gegen die konventionelle Gesellschaft
  141. - Kritik an der normierten Gottesverehrung
  142.  
  143.  
  144.  
  145.  
  146.  
  147. Joseph von Eichendorff:
  148. "Sehnsucht"
  149. Schreibplan
  150.  
  151. 1. Einführender Überblick
  152. •     Informationen zum Autor
  153. •     Formulierung der Thematik: Sehnsucht des lyrischen Ichs
  154. 2. Formanalyse
  155. •     3 Strophen á 8 Versen; Kreuzreim, wobei Reim des 6. Und 8. Verses aller Strophen identisch
  156. •     kein festes Versmaß, aber immer 3 Hebungen, abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen
  157. •     liedartiger Charakter
  158. 3. strukturierte Inhalts- und Sprachanalyse
  159. •     Überschriftsanalyse
  160. •     Strophe I: lyrisches Ich nachts einsam am Fenster; Erregung von Sehnsucht
  161. •     Wechsel Systole - Diastole; Seelenlandschaft: Einsamkeit; Metapher; Wunsch
  162. •     Strophe II: Gesang zweier wandernder Gesellen von der Natur
  163. •     Personifikation der Natur; Pantheismus
  164. •     Strophe III: zweiter Teil des Gesangs über verwilderte Natur und Mädchen; Erweckung von
  165. •     Sehnsucht beim lyrischen Ich nach diesen; Bilderhäufung; Anspielung auf Klassik
  166. •     Parallelität: 1. Hälfte Strophe I und 2.Hälfte Strophe III _ Rahmenbildung
  167. •     Ende jeder Strophe auf ,,-nacht": Korrespondenz des Begriffs mit Inhalt der Strophe
  168. 4. Einordnung in die Epoche
  169. •     thematisch und inhaltliche Einordnung: pantheistische Weltanschauung, wiederkehrende Motive
  170. •     sprachliche Einordnung: Schlüsselbegriffe: ,,Mondenschein", ,,Sommernacht", ,,Waldesnacht"
  171.  
  172. Der am 10.3.1788 als Sohn eines preußischen Offiziers und Landedelmanns in Oberschlesien geborene Joseph Freiherr von Eichendorff genoß aufgrund seiner adligen Herkunft eine aristokratische-katholische Erziehung durch geistliche Hauslehrer. Nach seinem Gymnasialabschluss im Jahr 1804 studierte er Jura und Philosophie, zunächst in Halle, danach vor allem in Heidelberg. Während seiner Studienzeit kam es zu mehreren Begegnungen mit wichtigen Autoren der Romantik wie Novalis, Arnim oder Brentano. Eichendorff selbst gilt als der bedeutendste Dichter der deutschen Hochromantik, die er jedoch mit seinem ,,Tagebuch eines Taugenichts" überwand. Im vorliegenden Gedicht ,,Sehnsucht", einem der bedeutendsten Werke dieser literarischen Epoche thematisiert er schon durch die Überschrift erkennbar eines der Hauptthemen dieser Zeit.
  173. Das Gedicht ist formal aus drei Strophen mit je acht Versen aufgebaut, wobei durchgehend ein Kreuzreim vorzufinden ist(abab cdcd). Auffällig hierbei ist, dass der sechste und achte Vers aller Strophen die gleiche Reimendung besitzen, nämlich ,,-acht".
  174. Im Gegensatz dazu sind beim Versmaß keine eindeutigen Aussagen machbar, außer dass jeder Vers drei Hebungen besitzt, wobei sich männliche und weibliche Kadenzen abwechseln. Durch dies, im Gegensatz zur vorherigen klassischen Epoche freieren Form erhält dieses Gedicht zudem einen volksliedartigen Charakter.
  175. Schon durch die Überschrift ,,Sehnsucht" gibt der Autor dem Leser das Thema des Gedichtes respektive die Gefühle des lyrischen Ichs preis.
  176. Dieses lyrische Ich steht zu Beginn der ersten Strophe allein am offenen Fenster und blickt in die Ferne, vom wo ein Posthorn in der sternenklaren Nacht ertönt. Durch den Wechsel vom engen Zimmer, in dem das lyrische Ich sich befindet(V.2), hin zum Blick in die weite Ferne(V.3), also dem Wechsel von Systole und Diastole, drückt der Autor schon gleich zu Beginn die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Freiheit und Entgrenzung aus. Die Gefangenheit und die Einsamkeit des lyrischen Ichs wird außerdem noch durch die Seelenlandschaft vom ,,stillen Land"(V.4) unterstrichen. Durch die Metapher vom entbrannten Herz im Leib(vgl. V.5) und dem Wunsch des Mitreisens, welcher in Vers 7 geäußert wird, wird die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Freiheit und Ferne nochmals explizit formuliert. Abgeschlossen wird diese Strophe schließlich mit dem Begriff ,,Sommernacht", der einen zentralen Begriff der Romantik darstellt.
  177. Konträr zum eingeengten lyrischen Ich in der ersten Strophe sind die Hauptpersonen hier, ,,zwei junge Gesellen"(V.9), in der freien Natur unterwegs, welche gleichsam des Thema dieses zweiten Abschnitts und Mittelpunkt des Gesangs der beiden ist. Die zwei wandernden und singenden Gesellen(vgl. V.11) sind hier als Symbol dafür zu sehen, was vom lyrischen Ich noch sehnsüchtig angestrebt wird, nämlich die Freiheit. In den letzten vier Versen dieser Strophe, die den ersten Teil des Gesangs beinhaltet, werden die Wälder, die ,,so sacht [rauschen]"(V.14) und die Quellen, die sich ,,von den Klüften/[...] stürzen in die Waldesnacht"(V.15f) personifiziert. Dadurch wird außerdem die romantische Sichtweise der Natur in einem pantheistischen Weltbild verdeutlicht; die Natur ist also hier gleichzusetzen mit dem Selbstverständnis der Romantiker, als das Schöne.
  178. Wie schon von der ersten zur zweiten Strophe, so ist auch zwischen der zweiten und dem Beginn der dritten Strophe ein Gegensatz vorzufinden: Beschreibt der Gesang der Gesellen am Ende der zweiten Strophe noch die Reinheit und Schönheit der Natur, so handelt er hier von ,,Marmorbildern"(V.17) und Gärten, die ,,in dämmernden Lauben verwildern"(V.19). Hierbei kann man die Marmorbilder als Anspielung auf die Klassik verstehen, die sich auf die Antike, also auf die Entstehungszeit der ersten Marmorbilder im römischen Reich zurückbezieht.
  179. Durch das Bild des Verwilderten(vgl. V.19) wird aber die ablehnende Haltung der Romantiker gegenüber ihren klassischen Vorgängern deutlich; denn verwildert etwas in der Natur, so bedeutet dies, dass es von den Menschen nicht mehr gepflegt wird, wie die Klassik, die zu Entstehungszeit dieses Gedichtes ihren Zenit schon überschritten hatte. Im zweiten Teil der dritten Strophe, ab Vers 20, handelt der Gesang von Mädchen, die ,,am Fenster lauschen"(V.21). Dieser Teil ist thematisch parallel zum Anfang des Gedichts aufgebaut, wo das lyrische Ich am Fenster steht(vgl.V.2). Auch erklingt hier analog zum Beginn ein Ton eines Musikinstrumentes. Ist es in Vers vier ein Posthorn, so ist es in Vers 22 der Klang der Lauten. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die träumerische Stimmung, die einmal durch die goldenen Sterne(vgl.V.1) und hier durch die verschlafen rauschenden Brunnen(vgl.V.23) symbolisiert wird. Es wird also deutlich, dass das vorliegende Gedicht einen Rahmen besitzt und somit ein geschlossenes Ganzes darstellt. Daher wird auch hier Sehnsucht deutlich, nämlich die des lyrischen Ichs nach den Mädchen beziehungsweise nach Liebe allgemein.
  180. Auffällig ist außerdem, dass jede Strophe mit ,,-nacht" endet: In den Strophen I+III, in denen beim lyrischen Ich Sehnsucht entflammt ist, verwendet der Autor den Begriff ,,Sommernacht"; der Sommer ist hier als wärmste Jahreszeit als Symbol für dieses Entflammte zu betrachten. In der zweiten Strophe, in der die Gesellen in der Natur wandern(vgl. V.9-12), verwendet Eichendorff den Begriff ,,Waldesnacht"(V.16), wobei Wald hier die Freiheit in der Natur symbolisieren soll. Daraus wird ersichtlich, dass der letzte Begriff einer Strophe immer mit dem Inhalt der ihm vorausgehenden Versen korrespondiert.
  181. Thematisch und inhaltlich muss man dieses Gedicht der Epoche der Romantik zuordnen, denn es besitzt sowohl die für diese Epoche typische pantheistische Weltanschauung(vgl. Strophe II) als auch typische, immer wiederkehrende Motive der deutschen Romantik, wie die Sehnsucht, insbesondere nach Freiheit(vgl. Strophe I), das Motiv der Nacht, Sterne und des Traums, was durch die Umgebung, in der sich das lyrische Ich befindet, verdeutlicht wird. Auch sprachlich entspricht das vorliegende Gedicht den epochentypischen Merkmalen, was sowohl an Schlüsselbegriffen wie ,,Mondenschein"(V.20) oder ,,Sommernacht"(V.8+24)/ ,,Waldesnacht"(V.16) als auch an der Bildhaftigkeit und dem Wohllaut der lyrischen Sprache festgemacht werden kann. Insgesamt gesehen ist also zu sagen, dass das Gedicht ,,Sehnsucht" von Eichendorff nahezu idealtypisch für die Zeit der deutschen Romantik(1790-1830) ist.
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  188. Andreas Gryphius: Tränen des Vaterlandes
  189. Das Gedicht ,,Tränen des Vaterlandes", das anlässlich des 30- jährigen Krieges gedichtet wurde, stammt von Andreas Gryphius, dem größten Dichter des Hochbarocks. Diese Epoche war von starken Kontrasten geprägt. Einerseits gab es wundervolle Prachtbauten und die Menschen waren sehr religiös und genossen das Leben gemäß ihrem Grundsatz ,,carpe diem", andererseits war der Barock eine Zeit von Kriegen, Tod und menschlichem Leid, das heißt eine Zeit der Vergänglichkeit.
  190. Genau dieser Gegensatz kommt bei ,,Tränen des Vaterlandes" sehr gut zum Vorschein. Es werden ausführlich die Leiden und Folgen des Krieges beschrieben. Das lyrische Ich , das sich mitten im Kriegsgeschehen befindet, betont aber zum Schluss noch einen ganz anderen Aspekt, der von Außenstehenden oft nicht bedacht wird, nämlich die Tatsache, dass man neben all den Grausamkeiten, die einem im Krieg widerfahren, auch noch des ,,Seelen Schatz[es]" (V4/Z14) beraubt wird.
  191. Bei dem Gedicht handelt es sich um ein Sonett, bestehend aus zwei Quartetten mit jeweils umschließenden Reim (abba) und zwei Terzetten mit jeweils einem Schweifreim (ccd/eed). Die Verse sind in Alexandrinern verfasst und haben eine feste Zäsur, die sich auch inhaltlich niederschlägt. In der zweiten und dritten Zeile werden nämlich visuelle Metaphern den akustischen gegenübergestellt und im zweiten Terzett wird das greifbare Bild mit einer gedanklichen Abstrahierung ergänzt. Durch den starken Rhythmus erhält das Sonett einen dramatischen Ausdruck.
  192. Schon die Überschrift ,,Tränen des Vaterlandes" ist eine Metapher. Sie verbildlicht das weinende Land, als ein Motiv für Leid und Elend.
  193. Es folgt ein Quartett, das in Hyperbeln und Einzelmetaphern die Elemente des Krieges auflistet und durch Adjektive, wie ,,frech", ,,rasend", ,,fett" und ,,donnernd" (Qu1/V2-3), sowie durch ein Personifizierung von Waffen und Geschützen der Kriegstruppen , den Leser zu Mitgefühl verleitet. Offensichtlich herrscht am Kriegsschauplatz große Armut, denn die zu Friedenszeiten hart erarbeiteten Notwendigkeiten wurden vom Feind alle aufgebraucht : ,,hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret" (Qu1/V4).
  194. Der zweite Sinnabschnitt führt den Gedanken des ersten Quartetts im gleichen Reimschema fort. Abermals steht der Kriegsschauplatz im Vordergrund. Es wird gezeigt , wie sich auch das Umfeld der Menschen verändert: ,,die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret; das Rathaus liegt im Graus,..." (Q2/V1-2). Hinter dieser Aussage steckt, dass im Krieg jegliche Sicherheit, Ordnung und aller Halt verloren geht, sind ,,die Türme" doch ein Zeichen des Schutzes, ,,die Kirch" ein Ort für Glaube und Geborgenheit und ,,das Rathaus" eine Funktion für Recht und Ordnung.
  195. Die letzte Zeile des zweiten Quartetts unterstreicht noch einmal das grausame Elend.
  196. Nach den beiden Quartetten erfolgt der bei Sonetten so übliche Einschnitt. Nicht nur, dass der Dichter jetzt zu Terzetten übergeht, sondern auch sinnbildlich erfolgt eine Wandlung. Zum ersten Mal tritt die Dauer des Krieges auf. In dem Ausdruck ,,dreimal sind schon sechs Jahr"(T1/V2) versteckt sich die verzweifelte Frage, wieviele es denn noch sein werden. Es scheint als sei kein Ende des Gräuels voraussehbar. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer, es gibt täglich weitere Unmengen von Blut und Leichen. Die beiden Aussagen ,,rinnt allzeit frisches Blut" (T1/V1) und ,,Ströme Flut" (T1/V2) legen nahe, dass das Blut unaufhaltsam, wie ein Strom, fließt. Nach dem dritten Sinnabschnitt scheint es, als sei der Horror nicht mehr zu übertreffen, doch schon der Beginn des zweiten Terzetts widerlegt diesen Gedanken. Gleich das erste Wort ,,doch" lässt eine Steigerung anklingen. Gefolgt von ,,schweig ich noch von dem", wird klar dass es noch etwas Schrecklicheres geben muss, etwas ,,ärger[es]" (T2/V2), ,,grimmer[es]" (T2/V2). Noch das Gedicht zum Höhepunkt kommt, gibt es noch mal eine kurze Zusammenfassung der vorangehenden Verse: ,,Pest und Glut und Hungersnot" (T2/V2). Erst im letzten Vers offenbart das lyrische Ich die Tatsache, welche den Menschen zur damaligen Zeit das größte Leid bescherte, nämlich dass den Leuten das einzige was ihnen noch bleibt, ihr ,,Seelen Schatz" (T2/V3) genommen wird. Mit diesem letzten Vers werden die Folgen des Krieges aus einer ganz anderen Perspektive eröffnet. Den Menschen wird der Glaubensverlust erzwungen und damit auch ihr letzter Halt und ihre letzte Würde und Hoffnung.
  197. Mit dieser gelungenen Finalstruktur stellt Gryphius die Vergänglichkeit direkt der Freude am Leben gegenüber, eine typische Antithetik bei Barockgedichten. Auffällig ist auch, dass nicht nur die strenge Sonettform eingehalten wird, sondern auch, dass das Gedicht in sich gegliedert ist, so ergänzen sich zum Beispiel die erste und die letzte Zeile: zu Beginn erhält man den Eindruck, dass der erste Vers ,,wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret" nicht mehr zu überbieten sei, und es sich dabei um die Kernaussage des lyrischen Ichs handle, dieser Eindruck wird jedoch überraschend widerlegt, indem in der letzten Zeile die eigentliche Absicht entlarvt wird. Die restlichen Verse sind eigentlich nur zur Verdeutlichung der Problematik vorhanden .
  198. Andreas Gryphius ist es sehr gut gelungen die schrecklichen Auswirkungen eines Religionskrieges nahezulegen. Sein Leben spielte sich fast ausschließlich im 30- jährigen Krieg ab, deshalb gelang es ihm auch die versteckten Grausamkeiten weiterzugeben, die einem unbeteiligtem verborgen bleiben.
  199. Bedauerlicherweise ist das Thema des Sonetts immer noch ein präsentes Thema. Man sollte meinen, dass im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter der Kommunikation, dank fortgeschrittener Entwicklung, Kriege nicht mehr notwendig seien, sondern auftretende Probleme kommunikativ gelöst werden könnten. Doch anscheinend muss es noch viele weitere Kriege geben, für die Unmassen von unschuldigen Opfern ihren Glauben und ihr Leben hinhalten müssen, bevor diese primitive Denkweise aus den Köpfen der Menschen entschwindet.
  200.  
  201.  
  202. Gedichtvergleich Goethe ("Schwager Kronos") - Peter Huchel ("Die Kreatur")
  203. Sebastian Rüger:
  204. Die zwei zu analysierenden Gedichte drehen sich beide um die Worte ,,Lebensgefühl" und ,,Lebenslauf". Johann Wolfgang von Goethe, der am 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Sohn Johann Goethes und dessen Frau Katharina Goethe geboren wurde. Eine der wichtigsten lyrischen Epochen Goethes, ist sicherlich die des Sturm und Drang ( 1771- 1775 ). Außer des kritisch diskutierten Romans ,,die Leiden des jungen Werthers" schrieb er in dieser Zeit seine sogenannten Hymnen, ,,Ganymed" und ,,Prometheus". Weiterhin brachte er in dieser Epoche die Hymne ,,Schwager Kronos" zustande. Johann Wolfgang von Goethe schrieb dieses Gedicht am 10. Oktober 1774 in der Postkutsche, als er nach Abschied Klopstocks allein zurückfuhr. Er verwechselt Kronos mit Chronos. Es ist also der Gott der Zeit, von dem das lyrische Ich im ersten Vers verlangt, er solle sich sputen. Chronos sitzt als Schwager auf dem Bock und ärgert den Reisenden, weil er zu langsam fährt. Die Bilder der Landschaft sollen nicht eines nach dem anderen im Fenster erscheinen und so daran erinnern, dass immer altes vergeht, wenn neues kommt. Das Gedicht beschreibt eine Art der Geburt ,,rasch ins Leben hinein" (V.8) die Geburt scheint sich etwas schwierig zu gestalten, da man beim Lesen automatisch durch sprachliche Mittel ins stolpern gerät, genau wie Goethe die Fahrt der Kutsche beschreibt. Das Leben beginnt mit einem mühsamen Anstieg ,,mühsam Berg hinauf" (V.11). In der zweiten Strophe wird außerdem der Leser angesprochen ,,Auf denn, nicht träge denn!" . Dies könnte bedeuten das man sein Leben selbst in der Hand hat und, wenn man versucht etwas aus sich zu machen, es auch schaffen kann. Dies bestätigt das ,,strebend und hoffend"(V.13) am Ende der zweiten Strophe. Das Kutschfahrt plätschert nun so dahin von ,,Gebürg zu Gebürg"(V.16) so auch die Fahrt des Lebens, es gibt viele Höhen und Tiefen. In der vierten Strophe wird die Fahrt unterbrochen. Der Reisende scheint eine Rast einzulegen. Er ist auf dem Berge angekommen, was den Höhepunkt des Lebens darstellt und außerhalb, ,,seitwärts"(V.19) des Weges liegt. ,,Überdachs Schatten"(V.19) und ,,auf der Schwelle"(V.22), lassen das Bild eines Gasthofs erscheinen. Es ist die Rede von einem ,,Mädchen" (V.23), einer Kellnerin, welche das lyrische Ich mit ,,schäumenden Trunk" und ,,freundlichen Gesundheitsblick" verwöhnen soll. Diese Kraft könnte die Liebe sein, die den Reisenden Energie schenkt und ihn eben von seinem Weg abkommen lässt und ihm so etwas Ruhe und Geborgenheit in seinem Leben bietet. Mit neu gewonnener Kraft geht die Fahrt anschließend weiter. ,,Ab dann, frischer hinab!" (V.26). Doch die lange Fahrt hat schon ihre Spuren hinterlassen. Es ist die Rede von ,,Greisen" und ,,entzahnten" also kranken und vor allem alten ,,Kiefern"(V.29-30) welche den zustand des lyrischen Ichs wiederspieglen. Weiterhin kündigt ,,schlockerndes Gebein" den Einbruch der Nacht, und im übertragenen Sinne des Lebensabends an. Die Sonne von der in der sechsten Strophe gesprochen wird scheint den Verfall des Reisenden nur zu verzögern und etwas zu Bremsen. Auch der Tod des lyrischen Ichs wird durch die sinkende Sonne dargestellt. Der Reisende, wohlwissend, dass sein Leben sich dem Ende zuneigt, sieht der Sonne weinend, das heißt mit ,,schäumenden Aug (V.34) nach und als ,,Geblendeten" und ,,Taumelden" reißt sie ihn dann aber doch letztendlich in ,,der Hölle nächtliches Tor"(V.36). Doch diese Situation scheint ihm dennoch nicht allzu sehr zu stören, im Gegenteil, er lässt den Vater Zeus, den Gott der Götter, stattdessen seine Ankunft verkünden. Er solle doch mit dem ,,Horn" ,,Töne[n]" und die Ankunft eines ,,Fürsten"(V.39) verkünden, zusätzlich verlangt er von den Göttern der Unterwelt ,,de[m] Orkus" (V.39) sich ,,von ihren Sitzen" zu ,,lüften" (V. 40-41) so als sei schon lange kein so wichtiger Gast mehr in die Hölle gekommen. Der Reisende ist sehr selbstbewusst, fast schon arrogant und sogar respektlos. Das Totenreich soll sich endlich mal wieder in Bewegung setzen. Der Reisende ist nun am Ziel angekommen, welches zweifellos der Tod ist. Viele Enjambements lassen die Granzen zwischen den Versen verschwimmen, was ausdrückt, dass das Leben dennoch ein einziger Fluss und keine einzelnen Abschnitte ist . Das Gedicht verfügt, typisch für die Sturm und Drang Zeit, über keinerlei Metrum und Reimschema, die Dichter wollen sich von den gewöhnten Regeln und literarischen Grenzen absetzen und Neues erschaffen. Dafür sprechen auch die vielen Wortneuschaffungen wie z.B. die Personifikationen ,,eratmender Schritt" (V.10) und ,,freundlicher Gesundheitsblick" (V.25) und die ständigen, gefühlsbetonenden Ausrufe, wie z.B. ,,Spude dich Kronos" (V.1) und ,,ab dann, frischer hinab"(V.26). Goethe beschreibt in dem Gedicht einen kompletten Lebenslauf samt der positiven und negativen Ereignisse bis in den Tod hinein. Anders als bei dem Gedicht ,,die Kreatur" von Peter Huchel der am 3. April 1903 in Berlin geboren wurde. Huchel verbrachte seine ganze Kindheit auf dem Bauernhof seines Vaters. Dies zeigte sich schon als er als Chefredakteur der bekannten Zeitschrift ,,Sinn und Form" viele Naturgedichte verfasste. Auch in diesem Gedicht zeigt sich Huchels Verbundenheit mit der Natur. Dieser beschreibt in dem, auch absolut reimlosen und mit keinem Metrum ausgestatteten Gedicht nur einen Teil des Lebens. Das Gedicht besteht aus fünf Strophen die alle unterschiedlich viele Verse haben, welche auch in ihrer Länge variieren. Die erste Strophe, bestehend aus 3 Versen beginnt mit der Metapher ,,dünnes Eises"(V.1) welche die Gefahr darstellt in der sich die Kreatur befindet, dass gerade dieses Eis ,,den Stand der Sonne anzeigt"(V.3) lässt sich so verstehen, dass je länger und höher die Sonne am Himmel steht, desto schmaler und dünner das Eis wird, auf dem sich die Kreatur befindet. Der Mann bewegt sich auf dem Hof ,,in müdem Kreis" das zeugt von der Unruhe die er dabei empfindet das Tier, eine ,,Maultierstute"(V.7) in die , ,,Abdeckerei" (V.23) zu bringen. Das Tier scheint nicht glücklich über sein Vorhaben zu sein, denn er muss sie ,,hinter sich her (V.7) zieh[en](V.5). Der miserable Zustand der Stute wird in der zweiten und dritten Strophe beschrieben. Ihr Fell ist ,,vom Kummet wundgestoßen" (V.8) was darauf schließen lässt, dass sie ein hartes und arbeitsreiches Leben hinter sich hat. Ein Stein unter [dem] linken Hinterhuf[s] (V.11-12) erschwert ihr das Gehen. Der Besitzer scheint außerdem mit der Stute stark verbunden zu sein , denn er möchte ihr den schon schwierigen Gang etwas erleichtern indem er ihr die Flanke mit Stroh abreibt [siehe V13-14] und dabei verwirrt mit ,,leerem Gesicht" (V.15-16) in ,,die Berge"(V.16) starrt. Ihm scheint die Trennung von seiner offensichtlich alten Stute zu denken zu geben und zu beschäftigen. Er erkennt aber das es keinen Sinn hat die Stute dennoch zu behalten da er den ,,von Pilzen befallenen" (V.19) Hafer liegen sieht und erkennt, dass die Stute ein ,,schlechte(s) Gebiss" (V.20) hat. Daraus schließt er, dass die Stute schon längere Zeit nichts mehr gegessen hat und die Beobachtung ihres eingefallenes Rückens bestätigt ihn in dem Entschluss sie aufzugeben, da sie ja nur noch eine ,,Hungergrube in den Wolken" (V.21) sei. ,,Die Sonne neigt sich zur Unterwelt"(V.24), soll heißen, dass die Zeit für die Stute gekommen sei und sich nicht nur der Tag dem Ende zuneigt, sondern auch das Leben der Stute ihren Abschluss findet. Der parataktische Satzbau und die vielen Zeilensprünge lassen einem das Gedicht flüssig und fast als Kurzgeschichte lesen. Das zeig den Ablauf eines Abschnitts des ,,fließenden" Lebens, was in diesem Fall der letzte Tag der Maultierstute war. Auch Huchel zeigt Merkmal der Vergangenen Sturm und Drang Epoche die aber auch in der Moderne verankert sind, nämlich die Formlosigkeit und das Loslösen von alten überlieferten Regeln zur Gedichtserstellung. Dieses, wie auch Goethes Gedicht, haben deutlich mit dem Tod zu tun. In Goethes Gedicht wird aber ein komplettes Leben bis hin zum Tod und einem alternden lyrischem Ich geschildert im Gegensatz zu Huchels Werk, in dem nur ein Tag und zwar der letzte aus einem Leben dargestellt wird. Die emotionsreich geschriebenen Werke drücken eines der großen Themen der Literatur aus: Das Leben, dessen Emotionen und Eindrücke und der Tod.
  205.  
  206.  
  207. Gedichte :
  208. J. W. von Goethe, Nähe des Geliebten (1795)
  209.     H. M. Enzensberger, Call it Love (1957)
  210. Gliederung:    
  211. Nähe des Geliebten (J. W. von Goethe)
  212. 1. Einleitung      
  213. 2. Inhalt, Aufbau und Analyse      
  214. 3. Biographische Bezüge      
  215. 4. Bauelemente      
  216. 5. Epochenbezug      
  217. 6. Sprache und Stil      
  218. Call it love (H. M. Enzensberger)
  219. 7. Einleitung      
  220. 8. Inhalt, Aufbau, sprachliche und stilistische Analyse    
  221. 9. Biographische Bezüge      
  222. 10. Bauelemente      
  223. 11. Epochenbezug      
  224. Stellungnahme
  225. 12. Gedichtsvergleich / Wertung      
  226. Anhang
  227. Ich denke dein (Friederike Brun)      
  228.  Nähe des Geliebten
  229. 1. Einleitung
  230. Das vorliegende Kurzgedicht „Nähe des Geliebten“ ist ein Werk von J. W. von Goethe aus dem Jahre 1775 und behandelt das Thema der Liebe, die Sehnsucht einer Person zu einer anderen. Es entstand in der Epochenzeit Klassik und basiert auf dem Poem „Ich denke dein“ der damals berühmten Dichterin Friederike Brun (1765-1835), das von dem Komponisten Carl-Friedrich Zelter (1758-1832), einem Freund Goethes, mit einer Melodie versehen wurde.
  231. „Nähe des Geliebten“ wurde zum ersten Male im Jahre 1799 von Beethoven vertont und ist das meist vertonte Gedicht Goethes.
  232. 2. Inhalt, Aufbau und Analyse
  233. Das Gedicht ist in vier Strophen mit je 4 Versen gegliedert. Auffallend sind hier die ersten drei Wörter in jedem zweiten Vers (Ich denke dein…, Ich sehe dich…) und das Schema der wechselnden Lang- und Kurzzeilen. Diesen Aufbau übernahm Goethe aus dem Gedicht „Ich denke dein“ von Friederike Brun (siehe Anhang Seite 10).
  234. Der Titel erzeugt den Eindruck, dass das lyrische Ich eine weibliche Person sei. Vielleicht ist es ein Zufall, damit aus dem angebeteten Geliebten das geliebte Wesen wird. Oder es reflektiert das Ausgangsmaterial von Friederike Brun, dass sich in einer Art Rollenspiel widerspiegelt.
  235. Alle Strophen bearbeiten durchgängig die Gedanken und die Sehnsucht des lyrischen Ichs, die es bei Abwesenheit einer geliebten Person entwickelt. Er fühlt sich der Person sehr nahe, sieht und denkt in allen Lebesssituationen an diese, z. B. „Ich denke dein...“ oder „Ich sehe dich...“.
  236. In der ersten Strophe wird die stark empfundene Sehnsucht verdeutlicht, die alle Sinne des Geliebten beansprucht. Nähe, Harmonie, und Sicherheit sind trotz räumlicher Entfernung gegeben und lassen sich nicht erzwingen, da es ein geschenkter Zustand ist, der bei Tag und Nacht fühlbar ist („…wenn mir der Sonne Schimmer…“ und „…wenn sich des Mondes Flimmer…“). Durch den Aufruf der Sonne und des Mondes wird nicht nur eine poetische Umschreibung hervorgerufen, sondern vielmehr die Spiegelung von innen nach außen. Nach älterer Philosophie bedeutet es die Widerspiegelung der Seele, welche in gewisser Weise alles sei. Darum spiegelt sich der Mond nicht einfach im Wasser („…In Quellen malt…“).
  237. In der zweiten und dritten Strophe wird die von der Liebe erregte Phantasie dazu verleitet, den Geliebten in der Ferne zu sehen und zu hören („…sehe dich, wenn auf dem fernen Wege / Der Staub sich hebt…“ und „…höre dich, wenn dort im dumpfen Rauschen / Die Welle steigt…“). Der Verstand wird hier getäuscht.
  238. In der vierten und letzten Strophe wird durch den Laut der Sehnsucht die Ferne des Geliebten beklagt. („…du seist auch noch so ferne, Du bist mir nah!...“ und „…O wärst du da!“). Das Wesen des Geliebten wird fühlbar, sichtbar, hörbar.
  239. Das lyrische Ich weiß, wie die Wahrheit des Empfindens und die Wirklichkeit der Ferne zusammengehören, indem die Trennung als Schmerz zur Nähe wird.
  240. 3. Biographische Bezüge
  241. Goethe schrieb das vorliegende Gedicht 1795. Es basiert auf dem Gedicht „Ich denke dein“ von Friederike Brun und weist gleiche Gedichtsbauformen und stilistische Mittel auf. In diesem Gedicht bearbeitet Goethe das Material von Friederike Brun, da er es für dürftig hält. Auch möchte er durch seine Überarbeitung der dazu geschriebenen Melodie, die von seinem engen Freund und Komponisten Carl-Friedrich Zelter geschrieben wurde, stärkeren Ausdruck vermitteln.
  242. Da zu dieser Zeit Goethe eine enge Freundschaft zu Schiller pflegte, wird stark spekuliert, ob dieses Gedicht eventuell an Schiller adressiert war.
  243. 1794 lernt Goethe den 35-jährigen Friedrich Schiller kennen. Schiller war, viel mehr als Goethe, ein philosophischer Kopf und ging von der Idee aus. Goethe kam von den Anschauungen her. So waren sie völlige Gegensätze, konnten sich aber gerade dadurch ergänzen. Aus der Bekanntschaft erwuchs bald eine enge Zusammenarbeit, und für Goethe begann eine Phase intensiver dichterischer Produktion. Auch wurden gemeinsame Werke entwickelt.
  244. Zwar ist das Gedicht stark von Gefühlsempfindungen geprägt, doch können diese auch auf freundschaftlicher Ebene mit Schiller assoziiert werden.
  245. 4. Bauelemente
  246. Das Versmaß des Gedichts ist durchgehend der Jambus. Die Vier Strophen sind durch den Kreuzreim der jeweils vier Verse flüssig zu lesen und verleihen dem Gedicht einen melodischen Klang. Die Gedichtsart ist hier das Lied, da es eine strophisch aufgebaute Gedichtsform hat mit relativ kurzen Versen und Reimbildung.
  247. 5. Epochenbezug
  248. Das Gedicht ist in der Epoche der Klassik geschrieben. Diese Zeit vor und kurz nach der Jahrhundertwende ist besonders von der Französischen Revolution (1789-1799) geprägt. Die Geisteshaltung war zu der Zeit stark von philosophischen Gedankengängen bestimmt. In Deutschland erfolgt ein langsamer Prozess der Emanzipation, was auf Friederike Brun und ihr Gedicht „Ich denke dein“ zurückzuführen ist. Der Mensch sah als richtunggebend das Gute, Wahre, sowie freie Selbstbestimmung und Vollendung. Begriffe wie Vernunft und Verstand werden groß geschrieben.
  249. Die Natur schien dabei eine große Rolle zu spielen. So auch in diesem Gedicht, wo die Natursymbolik stark ausgeprägt ist, wie zum Beispiel „Sonne“, „Mond“, „Meer“ usw. Ziel der Klassischen Dichtung war die Menschlichkeit in einer harmonischen Übereinstimmung von Gemüt und Verstand darzustellen.
  250. Daher wird diese Zeit der Dichtung der Humanität gutgeschrieben. Das Humanitätsideal der Klassik fordert zur menschlichen Selbstvollendung durch harmonische Bildung auf, dass zur Bereicherung und Vertiefung der Kultur beiträgt. Kunst und das Schönheitsideal sowie Begriffe wie Genie, Vollkommenheit und edle Einfälle werden hervorgehoben. So auch in dem vorliegenden Gedicht von Goethe, wo das lyrische Ich bewusst in eine Art Traum verfällt und durch künstlerisches Zusammenspiel zwischen Natur und Gefühlen seine Sehnsucht auf edle Art preisgibt.
  251. 6. Sprache und Stil
  252. Der Dichter benutzt auffallend viele Alliterationen, wodurch das Gedicht flüssig und melodisch zu lesen ist. Auch der Parallelismus der Reimzeilen „Ich denke dein“ trägt zu der melodischen Wirkung des Gedichts bei. Durch den Einsatz von Metaphern wie „Vom Meere strahlt“, „In Quellen malt“ oder „Der Wanderer bebt“ beabsichtigt er eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen und seine Gefühle zu beschreiben. Durch den Einsatz des Konjunktivs „seist“ oder „wärst“ gerät die Realität in eine Art Wunschform, die als Sehnsucht von Beginn an die Nähe beschwört. Auch der Einsatz von Sinneseindrücke wie „denken“; „sehen“, „hören“ und „sein“ vermitteln, wie der der Dichter von einer illusionären Vorstellung zur Realität, dem Sein, kommt.
  253.  Call it love
  254. 7. Einleitung
  255. Das vorliegende Gedicht „Call it love“ ist ein Werk von Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929 in München) aus dem Jahre 1957 und entstand in der Epoche der Moderne. Es behandelt das Thema der Liebe bzw. Sehnsucht zu etwas (hier namentlich nicht genau definierbar), die sehr platonisch und zum Teil verbittert und sachlich vermittelt wird.
  256. 8. Inhalt, Aufbau, sprachliche und stilistische Analyse
  257. Das Gedicht ist nicht in einer typischen Gedichtsform aufgebaut und ist nicht in Strophen aufgeteilt, sondern weist nur drei kleine formale Besonderheiten auf (Zeile 2, 3, 4; Zeile 12, 13; Zeile 15, 16). Aus dem Gedicht kann man nicht erkennen, ob das lyrische Ich männlich oder weiblich ist und somit auch nicht, ob ein Rollengedicht vorliegt.
  258. Inhaltlich beschreibt das Gedicht einen Frühlingsabend im April(„schlägt der April durchs gläserne Laub“ und „Schön ist der Abend“), an dem typisch stürmisches Aprilwetter herrscht.
  259. Da die Wörter im Originaltext alle klein geschrieben sind (außer das erste Wort „Jetzt“) und auch kaum Kommata verwendet werden, lässt sich erkennen, wie das Wetter auf den Dichter wirkt: nicht der Norm entsprechend und trotzdem ohne Schmuck.
  260. In der ersten Zeile stellt „nackte Häuser“ eine Metapher dar, die zeigen soll, wie die Häuser dem lyrischen Ich während der Dämmerung erscheinen; kahl ohne jeden Glanz, Betonklötze, die dem Sturm trotzen. In den Häusern herrscht ähnliches Treiben wie außerhalb, da die Fahrstühle in ständigem Betrieb sind und die Lampen wie die Winde lodern. Die Bewohner der Häuser wollen vermutlich noch vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause kommen. Die Schreibweise der Zeilen 2 bis 4 soll dem Leser ein Gefühl für das Lodern der Lampen (hier eine Alliteration: lodern die Lampen) und das Auf- und Ab der Fahrstühle geben.
  261. Am Ende von Zeile vier führt ein Enjambement zu Zeile fünf. Diese beiden Zeilen zeigen das Einschlagen der Natur und das Aprilwetters.
  262. Die Metapher „schlägt der April“ soll dieses plötzliche, starke Naturereignis verdeutlichen. Die nächste Metapher “gläsernes Laub“ zeigt, wie leicht sich das Wetter im April ändern kann, d.h. wie leicht z.B. schönes Wetter zusammenbrechen und zu schlechtem Wetter werden kann. Man kann ebenfalls erkennen, dass der Winter vorbei ist und eventuell dagewesene Schneedecken den Blick auf das alte Laub des Herbstes wieder freigegeben haben.
  263. Dass den Frauen die Pelze im Park (Alliteration: Pelze im Park) aufspringen, ist ein weiteres Indiz dafür, dass das Wetter stürmisch ist, dass der Wind sehr kräftig bläst.
  264. In den Zeilen fünf und sechs kommt ein erster Parallelismus vor, nämlich „schlägt der April“ und „springen den Frauen“.
  265. Von Zeile eins bis sechs beschreibt das lyrische Ich keinerlei Idylle, sondern nur die nackte Realität. Diesen Abschnitt könnte man als eine Strophe ansehen.
  266. Ab Zeile sieben setzt sich das lyrische Ich von der Realität ab und beginnt, die Liebe zu personifizieren.
  267. In Zeile sieben zielt der Autor mit der Metapher „preisen die Diebe den Abend“ auf einen Vergleich zwischen Vögeln oder Katzen und tatsächlichen Dieben hin. Sie sind beide ungebunden und frei, stehen über allem und preisen die Nacht, da sie in der Dunkelheit ihr Unwesen treiben können, ohne gesehen zu werden. Es soll dieser schaurige Eindruck, den stürmisches Wetter verursacht, verdeutlichen.
  268. In Zeile acht und neun stehen am Anfang Anaphern („als hätte wie…“, „als hätte unvermutet…“), die nun die Liebe beschreiben. Das Wort „wie“ in Zeile acht stellt die Basis für einen Vergleich der Liebe mit einer Taube dar. Die Liebe kann mit einer Friedenstaube assoziiert werden; unschuldig und rein, da hier die Rede von einem „weißem Batist“ ist und die Farbe weiß als Zeichen der Reinheit und Unschuld steht. „Eine Taube“ die über der Stadt kreist, sich jedoch nirgends niederlässt, was in den folgenden Zeilen des Gedichtes begründet und beschrieben wird. Zeile neun verstärkt mit einem Trikolon anschaulicher Ausdrücke („unvermutet und weiß und schimmernd“) dieses Bild.
  269. Am Ende dieser Zeile leitet wieder ein Enjambement zur Anapher in Zeile neun und zehn(„die verschollene hinter…“ und „die ausgewiesene auf…“) über, in denen außerdem ein Parallelismus den Befindungsort der Liebe bezeichnet („verschollene hinter den bergen“ und „ausgewiesene auf verwitterten Sternen“).
  270. Diese Nomen, die darauf hinweisen, dass die Liebe sehr weit weg, hinter Bergen, Formeln, ja sogar im All bei den Sternen sein kann, sollen zeigen, wie die Menschen der Stadt mit der Liebe umgehen, wie sie sie missachten und fortschicken. Sie schicken die Liebe, das was die Menschen eigentlich zusammenhält, bis zu den Sternen („verwitterte Sterne“= Metapher). Diese sind jedoch verwittert, d.h. sie strahlen nicht hell oder gar nicht mehr, so, dass die Menschen die Liebe nicht mehr richtig erkennen, geschweige denn wieder finden können. Sie verbannen die Liebe „ohne Gedächtnis“, also ohne auch nur daran zu denken, wie wichtig die Liebe eigentlich für sie ist.
  271. „Ohne Pass ohne Schuhe“ lässt sich die Liebe schließlich auf ihren „todmüden Jäger nieder“. Die Liebe benötigt keinen Pass, da sie von allen Menschen gebraucht wird und nirgends zuhause ist, geschweige denn sich auszuweisen braucht. Schließlich lässt sie sich souverän und sanft nieder, da sie ausgesaugt und müde ist, weil sie verwiesen wurde und nun alles beobachten will. Ihre bitteren Jäger, was eventuell widersinnig gemeint ist, sind todmüde, weil sie nach der Liebe an den falschen Stellen gesucht und keine Bleibe für sie gefunden haben; daher auch die Verbitterung.
  272. Die letzte Zeile soll aussagen, dass dem lyrischen Ich solche stürmischen Abende gefallen und dass es diese nicht immer erlebt, weshalb sie eine kleine Sensation für es darstellen.
  273. Des Weiteren erscheint die Liebe nur im Titel und ist nicht konkret greifbar. Sie wird umschrieben und wirkt abstrakt, da sie nicht auf eine Person bezogen wird. Für das lyrische Ich bleibt nur ein Hoffnungsschimmer der Liebe, da es distanziert und skeptisch dazu steht.
  274. 9. Biographische Bezüge
  275. Enzensberger schrieb das vorliegende Gedicht 1957, das in seinem Gedichtsband „verteidigung der wölfe“, seine erste Buchpublikation, erschien. Zu dieser Zeit (1957) hielt sich Enzensberger in den Vereinigten Staaten und in Mexiko auf, was eventuell auf den Titel des Gedichts „Call it love“ (Nenn´ es Liebe) zurückzuführen ist. Gleich mit dem ersten Buch schlägt Hans Magnus Enzensberger den direkten und herausfordernden Ton an, der sich bis heute in vielen seiner Texte gehalten hat und ihm damals Schmähungen wie " Randalierer" oder " Bürgerschreck" einbrachte. Sein Image vom politisch engagierten, zornigen und bösen Enzensberger wird bestätigt. Doch genau in diesem Gedicht wird seinem Image als Polit-Poeten widersprochen. Es sorgte für Irritationen, denn seiner Aussage nach sollen seine Gedichte als „Gebrauchsgegenstände“ zu verstehen sein. Doch in diesem Gedicht sind eindeutig sprachliche und stilistische Eigenarten zu finden, die dem Gedicht eine literarische Tendenz verschaffen.
  276. Was Enzensberger in diesem Gedicht verarbeiten will, ist nicht eindeutig. Es lässt sich nur folgern, dass keine bestimmte Absichten dabei wirken sollen. Der alleinige Genuss des Aprilabends steht im Mittelpunkt.
  277. 10. Bauelemente
  278. Der Text ist in Prosasprache geschrieben, weshalb auch kein besonderes Versmaß zu erkennen ist, außer dem Prosarhythmus. Auch ist hier keine eindeutige Reimform erkennbar. Auffallend bei diesem Gedicht ist die Bauform, die durch Verschiebung der Wörter z. B. in den Zeilen zwei bis vier (Diagonale Darstellung) das Wort allein als Aussage wirken lässt.
  279. 11. Epochenbezug
  280. Das Gedicht ist in der Epochenzeit der Moderne geschrieben. Schon mit Beginn der Neuzeit in Europa (Renaissance) haben die Menschen mehr und mehr Ideale und Werte entwickelt, die sich von den alten, mittelalterlich-religiösen Auffassungen lösten und den Menschen selbst in den Mittelpunkt rückten. Die neuen Ideen haben ihren gemeinsamen Fluchtpunkt in der Vorstellung von dem autonomen Individuum, das die Dinge mit seinem Verstand prüft und dann selbstständig entscheidet und handelt (Aufklärung). Zugleich wurde aber eine Welt geschaffen, die sich der Verwirklichung der neuen Leitbilder zusehends versperrte (z.B. Entfaltung des Staates, seiner Institutionen, Regeln und Bürokratie, Entwicklung der Arbeitsteilung und Spezialisierung infolge der zunehmenden Industrialisierung).
  281. So droht der Mensch entweder der Welt fremd gegenüberzustehen, wenn er seine Autonomie wahren will, oder aber seine Autonomie aufzugeben, will er sich integrieren. Immer schwieriger wird es, einen Kompromiss zu finden, der es ihm erlaubt, sich frei und geborgen zugleich zu fühlen.
  282. So auch in dem vorliegenden Gedicht von Enzensberger, der durch seine sprachliche Eigenart eine literarisch experimentelle Tendenz setzt. Eine Art Selbstfindung und Verdeutlichung. Schon zu seiner Zeit stellte dieses Gedicht eine besondere Art dar, was bis heute noch anhält. Er zeigt zugleich, wie frei man beim Gedichteschreiben verfahren kann, wenn nicht unmittelbare Absichten dabei wirken. Allein die sprachliche Phantasie steht hier im Vordergrund.
  283.  
  284. Stellungnahme
  285. 12. Gedichtsvergleich / Wertung
  286. Vergleicht man die beiden Gedichte „Nähe des Geliebten“ von Goethe (1795) und „Call it love“ von Enzensberger (1957) bemerkt man, dass beide das Thema Sehnsucht bzw. des Vermissens bearbeiten und die Phantasie dazu einsetzen.
  287. Goethe spricht von der konkreten Liebe zu einer Person, ist stark naturgebunden und, man könnte sagen, sensibel. Durch seine direkte Art, indem er seinen Gefühlen freien lauf lässt und hemmungslos seine Sehnsucht äußert, wirkt das Gedicht „warm“ und ergreifend.
  288. Der Phantasie wird geweckt, doch bleibt sie realitätstreu. Ein typisches Liebesgedicht, adressiert an zwei Verliebte, die nicht beisammen sind und sich einander sehnen.
  289. Goethe hat hier die Gedichtsbauform von Friederike Brun übernommen und den Text überarbeitet. Es war ihm wichtig, die dazu komponierte Melodie seines engen Freundes Carl-Friedrich Zelter stärker in den Vordergrund zu stellen, indem er das Gedicht überarbeitete und damit unerwarteten Erfolg bei den Zuhörern jener Zeit und bis heute hin erzielte.
  290. Aus diversen Quellen findet sich die Aussage, dass das Gedicht an Schiller gerichtet ist, zu dem er in dieser Zeit eine sehr enge und produktive Freundschaft führte. Zwar lässt es sich nicht ausschließen, doch eindeutig bewiesen ist es bis heute nicht.
  291. Im Gegensatz zu Goethe spricht Enzensberger nicht von einer typischen Liebesgeschichte. Seine Sehnsucht widmet sich etwas Unbenennbarem, das verschollen, ausgewiesen und verbannt ist. Daher auch „Call it love“ oder „Nenn´ es Liebe“. Wir, d. h. sowohl der Autor als auch die Gesellschaft, zögern das Es beim Namen zu nennen, das unsere Empfindung und Gefühle bestimmt. Etwas, das in jedem Fall imstande sein könnte zurückzukehren und Versöhnung stiften könnte. Es ist eindeutig die Rede von Liebe, doch durch die besondere Art des Schreibens Enzensbergers hat er diesen Begriff nur in seinem Titel (und dies auf Englisch) erwähnt.
  292. Dennoch hätte ich am Ende des Gedichts von Enzensberger eher ein „außergewöhnlich“ oder „seltsam“ benutzt und ich habe so gar nicht mit diesem Schlusssatz gerechnet. Wenn man den Text aufmerksam gelesen hat, findet man auch einige Antworten auf die Frage, warum der Autor die Überschrift auf Englisch geschrieben hat: Er wollte dem schwer wirkenden Gedicht an Gewicht nehmen, indem er eine Modesprache für den Titel gewählt hat. Die Übersetzung „Nenn` es Liebe“ lässt einen diese Absicht leichter verstehen, da es unbeschwert und ungebunden klingt. Als wüsste man nicht, wie man dieses Gefühl bei dem Sturm beschreiben soll, kommt vom Autor der Vorschlag: Nenn´ es Liebe! Insgesamt beschreibt das Gedicht sehr gut die Gefühle, wenn man am Fenster sitzt und einem Sturmtreiben zusieht. Meiner Meinung nach kann man dieses Treiben auch gut mit der Liebe vergleichen.
  293. Mir persönlich gefällt das Gedicht „Nähe des Geliebten“ von Goethe, da es gefühlsbetonter und harmonischer klingt und ich mich eher damit identifizieren kann. Enzensberger Gedicht „Call it love“ beeindruckt mich eher, da er durch seine geschickte Wortwahl die Liebe in abstrakter Form beschreibt. Aber dadurch wirkt das Gedicht kälter und distanzierter.
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