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Bahamas 62 - Polyamorie - Das Ende der Sinnlichkeit

a guest Oct 17th, 2011 1,234 Never
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  1. Das Ende der Sinnlichkeit
  2. Polyamory und das Ideal der Liebe
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  4. Bedingungsloses Lieben ist dem unabhängigen Denken verschwistert. Doch wer vertraut seinem Gedanken so sehr, dass er ihm in die Dunkelheit folgen würde und sich von ihm führen ließe wie ein Tänzer, der sich nach gewagtem Sprung vom Partner im Engtanz wieder auffangen lässt?
  5.  
  6. Kaum mehr bekannt ist der doppelte Sinn des Begriffs „erkennen“, der in der Bibel auch den Geschlechtsverkehr zu vollziehen bedeutet. Der Leidenschaft, die Denken und Lieben eint, den Garaus zu machen, daran arbeiten nicht nur die postmodernen Ideologen der gender studies. Als praktische Lebenshilfe wird die Vernichtung des Sexus als Grundlage des Denkens von den USA ausgehend seit den 90er Jahren unter dem Label Polyamory unters Volk gebracht und findet in allen westlichen Gesellschaften immer mehr Freunde. Polyamory verspricht einen Ausweg aus der Monogamie ohne die aus der so genannten offenen Zweierbeziehung bekannten Versteckspiele, Verdächtigungen und Eifersucht. Der Trick: Alle Sexual-Partner kennen sich persönlich, erstatten einander Bericht über stattgehabte Intimitäten und sprechen über alle auftretenden Schwierigkeiten gemeinsam. Mit Freunden von Swingerclubs oder One-Night-Stands wollen die Freunde von Polyamory nicht in einen Topf geworfen werden, sie streben nach tiefen Gefühlen, echter Liebe, Verantwortung und Respekt. Sie bekennen sich zu „verantwortlicher Nicht-Monogamie“ (Schroedter/Vetter), „Mehrfachliebe mit Respekt“ (Spiegel 1/2011) oder „verantwortungsbewusstem Hedonismus“ (Schott).
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  8. Noch sind sie unorganisiert und „eine Netzwerkstruktur passt auch mehr zu Polyamorie“, sagt einer der umtriebigen Kolporteure der neuen Lehre im Interview, um hinzuzufügen: „Irgendwann wird es einen Verband geben – und zwar zuerst in Deutschland (lacht).“ (Schroedter) Eigentlich ist es nur folgerichtig, dass ausgerechnet in Deutschland, das „auch das Land der tolpatschigen Liebhaber und reizlosen Frauen“ ist (Wolfgang Pohrt), wo einem zu sexueller Befreiung zuallererst Beate Uhses „erotischer Zubehörhandel“ für „Ehehygiene“ und der Kommunarde Rainer Langhans einfallen und die Mitglieder privater Partnerschaftsringe einen Dachverband gründen wollen. Ein Beenntnis zu Verantwortung und Respekt schreit geradezu nach entsprechender Pflege in einem Verein bürgerlichen Rechts. Hierzulande wird Polyamory vor allem in den linken und linksliberalen Blättern verhandelt, deren Autoren sich auf wenige Standardwerke beziehen, wie das „Lob der offenen Beziehung“ des Jungle World-Autors Oliver Schott, das erst kürzlich auf den Berliner Linken Buchtagen vorgestellt wurde. Aber auch in der queerfeministischen, linksradikalen Szene und in der Phase 2 gibt man sich interessiert. (1)
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  10. Grün und jugendlich
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  12. Polyamory ist „in“ und vor allem „grün“. Sie ist das ökologische Wertstoffrecycling der Gefühlswelt und funktioniert wie „erneuerbare Energien“: Erkaltet die alte Bindung, findet man Kraft in einer neuen. Spendet auch die keine Wärme mehr, kann man sich wieder mehr an die alte binden, die inzwischen wieder aufgeladen ist. Nie muss man Verlust fürchten, nie muss man selber jemanden verlassen. „Viele entscheiden sich für diese Beziehungsform, weil sie einen geliebten Partner nicht aufgeben wollten, nur weil er mit einer anderen Person geschlafen hat“, sagt Julia Seeliger, früher im Parteirat von Bündnis 90/Die Grünen. Polyamory ist vor allem dort zu Hause, wo die Leugnung der inneren (geschlechtlichen) Natur und die Fetischisierung der äußeren Natur zum Prinzip erhoben ist. Polyamory eignet sich für androgyn-queere Autonome und Freunde von emotional hardcore (Emos) genauso wie für Studiosus-Deutsche, die in ihrer Jack Wolfskin-Kleidung nicht mehr wissen, wer welchen Geschlechts ist. Solche Wesen trifft man in der Heimatschutz-Initiative gegen Touristen in Kreuzberg oder in der Kletterhalle, wo sie ein wenig verloren gegangene Natur erleben, von deren Widersprüchen in ihnen selbst sie lieber nichts wissen wollen.
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  14. Polyamory verspricht, die Mängel der Zweierbeziehung beheben zu können: Keine Eifersucht, keine Lügen ums Fremdgehen und keine aufkommende Langeweile mehr. Doch entgegen diesen Versprechen gibt es immer wieder überwunden geglaubten Verdruss im „Liebesnetzwerk“: „Außerdem scheint die Polyamorie, also das Bekenntnis zum Fremdgehen, den Wunsch, heimliche Liebesbeziehungen zu unterhalten, keineswegs abzutöten. Robyn Trask fand heraus, dass ihr Gatte – einer jener drei Männer, mit denen sie ein Liebesnetzwerk unterhält – mehrere Monate lang eine Fernbeziehung zu einer Freundin hatte. Es folgte das Übliche: Leugnungen, Recherchen, das Auffinden von Handyrechnungen, ein Geständnis. Das – dürfen wir schreiben: ‚Paar’? – ist nun schon seit längerem getrennt und hat Scheidungspläne.“ (Welt, 26.10.2007) Auch die Eifersucht bleibt Dauerthema: „Und natürlich gibt es Streit, der damit zusammenhängt, dass drei Menschen eine Liebesbeziehung führen – besonders dann, wenn einer der beiden Männer glaubt, nicht genug Zeit allein mit Franziska zu haben.“ (Zeit Online, 7.12.2010) Zusätzlich steige der Kommunikations- und Organisationsgrad ins Unermessliche. Was also ist dann an Polyamory so attraktiv?
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  16. Kollektiv und vernünftig
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  18. Nie wieder allein sein, frei von Verlustangst und damit den Tücken der Individuation zu sein, ist das polyamore Versprechen. Alles geschieht in Cliquen und Rackets, im „Freundesschwarm“ (Seeliger), der „gated community“ (Schroedter), in einem „Kollektiv“ (Schroedter). Nicht zufällig verfällt man dabei aufs Kind, das man doch selber bleiben will. Kinder könnten am besten in Polyamory verpflichteten Wohnprojekten erzogen werden, denn dort ließe sich „eine dem Clan ähnliche Rückendeckung entwickeln, die gerade in der Frage des Schutzraumes für Kinder einer Förderung bedarf (Schroedter/Vetter). Im Clan, mit dessen Rückendeckung alles gelingt, geht es zu wie in der grünen Partei: mit Partnerschaftsverträgen“, „Rotationsprinzip und fest vereinbarte[n] Vetorechte[n]“ (Welt, 26.2.2009). Zu den „Fertigkeiten, die bei Loving More-Konferenzen gelehrt werden,“ gehört auch „das strikt buchhalterische Führen eines Kalenders“ (Welt, 27.10.2007). Der typische Polyamory-Anhänger scheint ein praktisch veranlagter, eher nüchterner Mensch zu sein. Für ihn ist Polyamory „ein vernünftiges Beziehungsmodell“ (Schott) und schon deshalb ein „Gewinn an Freiheit“ (ebd.). Wer wollte das nicht? Selbst Versicherungen schließt man heute
  19. aus diesen Gründen ab. Auch sonst scheint es sich weniger um Sex, als um ein neues Arbeitsmodell für Teilzeitbeschädigte zu handeln. Man habe es mit einem „rationalen Modell“ (ebd.) zu tun, dass geeignet sei, seine „Beziehungen optimal zu gestalten und realistisch einzuschätzen“ (ebd.). Selbst am Problem der Eifersucht könne man „arbeiten“ und „wachsen“ (Schroedter/ Vetter), um nach gelungener Bewältigung eines dunklen Gefühls „zur ernsthaften Arbeit der Emanzipation“ überzugehen (Schott). Fast schon drohend formuliert eine Polyamory-Anhängerin: „Wir werden uns durch unsere Gefühle durcharbeiten“ (Spiegel, 40/1997). Die unter Polyamory gefasste „Beziehungsarbeit“ setzt die vom Protestantismus begonnene Entsinnlichung und Entzauberung der Welt fort, die Zerschlagung des letzten säkularisierten Sakralen, des arkanums, das sich rund um die Liebe rankt, und des Eros „als ein Innewerden des spezifisch Göttlichen im Menschen“ (Carl Wiemer): „Es könnte dieser Liebe so ergehen wie dem lieben Gott. Wenn sie auch in Popsongs, Literatur und Kino derweil noch permanent besungen wird – die Parallelen fallen ins Auge: Wie man einst dem Heiligen Geist in Butzenfenstern, Oratorien und Fresken huldigte, so könnte sich der Liebes-Glaube eines Tages ebenso gut verflüchtigen wie das Christentum, Ufos oder jegliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod“ (Zeit Online, 1.10.2010).
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  21. Leidenschaftslos und autoritär
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  23. Wo es praktisch statt leidenschaftlich zugeht, kollektiv statt individuell, politisch statt privat, wo es zu arbeiten statt zu genießen gilt, lässt sich auch nicht mehr verstecken, dass man Sexualität, Hingabe und Lust – soweit man sie nicht gänzlich abschaffen will – nur in ganz eng gesteckten Grenzen zulässt. Polyamory macht den Leidenschaften, allen voran der „dummen“ (Schott) Eifersucht, den Garaus. Wo kess „Sexual Politics“ (Schroedter/Vetter) draufsteht, ist vor allem die (gemeinschafts-)öffentliche Verhandlung des sexuellen Elends drin, die dem Einzelnen seine Austauschbarkeit ohne jede Rücksichtnahme vor Augen führt. Der einst gefürchtete und gehasste und vor allem ferne Konkurrent, den man nicht mehr Nebenbuhler nennen darf, wird nun der Mitbewohner in der Wohngemeinschaft oder vielleicht der beste Freund. Über seine Vorlieben und Qualitäten im Bett und auf der Bettkante weiß man durch die schonungslose „absolute Ehrlichkeit“ (!) – eine offenbar erfreuliche Form der „Selbstdisziplin“ (Schott) – des Partners bestens Bescheid, und darüber hinaus erfährt man noch, warum der andere um so viel begehrter ist als man selbst. Über Gefühle redet der Polyamore zwar stunden- und tagelang, aber zu ihnen hinreißen lassen will er sich nicht.
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  25. So geht es in den Polyamory-Katechismen so neurotisch zu wie in Beate Uhses „Fachgeschäft für Ehehygiene“: sauber, reinlich und allein sprachlich betrachtet völlig leidenschaftslos. Dass es in der Polyamory-Welt ziemlich autoritär zugeht, zeigt der Umgang mit der Eifersucht. Dieses Thema eröffnet fast jeder Autor der Bewegung mit einem Hymnus an die Freiheit, um nach ein paar Seiten jeden Absatz mit dem Wort müssen zu eröffnen „Wenn Eifersucht auf Deine Schulter klopft, muss Deine erste Antwort immer sein, sie anzuerkennen und ihr für diese Wachstumsgelegenheit zu danken“ (zit. n. Schroedter/Vetter, im Original: Anapol, Love without limits). Cornelia Jönsson, die Autorin von „111 Gründe, offen zu lieben – Ein Loblied auf offene Beziehungen, Polyamorie und die Freundschaft“, sagt: „Alle Beteiligten müssen ständig kommunizieren, ihre Bedürfnisse formulieren, damit es funktioniert“ (Zeit online, 7.12.2010). Und Oliver Schott postuliert: „Wenn wir durch Liebe zu besseren Menschen werden wollen, dann müssen wir hier anfangen.“
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  27. In Workshops lernt man, wie man ganz von Eifersucht frei wird und den Schmerz über den Verlust in ein Mitfühlen und Mitfreuen mit den anderen umlügen kann. Sie rauben der Erkenntnis ihre Grundlage in der Erfahrung, wollen „entgegen dem Erlernten etwas okay finden“ (Maschewsky) und preisen die „Selbstveränderung“ als das „leitende Motiv der Polyamoury-Praxis“ (Maschewsky). Wo das Selbst verändert werden soll und nicht mehr die Bedingungen, unter denen die gequälte Kreatur lebt, wird es totalitär. Die letzte Konsequenz ist der „Verzicht auf Liebe und Romantik“ (liebe.arranca.de) und die Austreibung des letzten Fünkchens Liebe, das in Polyamory noch enthalten ist (Polyphantasiatage Erfurt 2011). Damit es funktioniert, soll man nicht mehr „Ich hab Dich lieb“ sagen (AutorInnenkollektiv von „Aber Dich gibt es nur einmal für mich“) (2), und am Ende gar keinen Sex mehr haben, denn „körperliches Zusammenleben, also gleiche Schlafzimmer und Sex, erschwert Nähe und Liebe.“ (Rainer Langhans: Augsburger Allgemeine, 5.1.11).
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  29. Solange der gewohnte Partner den Neuen nicht ausschließlich, bedingungslos, hingebend, verschwenderisch, wollüstig, einzig, hemmungslos und daher wirklich will und liebt und ihm lediglich eine genauso abgewrackte Version von „Liebe“ als Zuneigung zuteilt, wie man selbst erhält, erlaubt man ihm die Verbindung zu einem anderen. Wo Hingabe nicht mehr gewollt wird, wird alles zurecht geredet, bis fast keine Leidenschaft mehr vorhanden ist. Das kann „ziemlich schmerzlich sein, aber am Ende sehr nützlich, denn Sex ist nur die Glasur auf dem Kuchen, der Kuchen selbst besteht aus Kommunikation“ (Spiegel, 40/97), schlimmer: „ernsthafter Kommunikation“ (Schott).
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  31. Mittelmäßig und geschwisterlich
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  33. Polyamory widerspricht der Exklusivität in der Liebe, gleich ob es um eine feste Zweierbeziehung oder eine kurze Affäre geht. Zwar gilt die Kritik scheinbar nur der „Ausschließlichkeit“, doch ist damit längst gemeint, dass dort, wo nichts mehr ausschließlich ist, einem auch nichts mehr lieb und teuer sein soll. Das Geheimnis von Polyamory ist die Mittelmäßigkeit, in der es keine Extreme mehr gibt, kein Verlassenwerden, keine Eifersuchtsszenen, aber auch keine Unbedingtheit, keine Hingebung und keine Intimität.
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  35. Wo Sexualität zur „Glasur“ verkommt, wird deutlich, dass der linke Kommune-Guru Nr. 1, Rainer Langhans, nur ausgesprochen hat, wohin die Reise geht: keinen Sex mehr haben. Zwar grenzt sich Polyamory von den Experimenten mit freier Sexualität ab, nur darüber, dass deren prominentester Fürsprecher selbst Polyamory-Anhänger geworden ist, redet man nicht so gerne. Zwar teilt man mit Langhans den Wunsch, keine Privatsphäre mehr zu haben, die beim Konvertiten angelegte asexuelle Konsequenz; doch sein verschreckter Trieb (3) ist einem dann doch unheimlich. Doch in der Sprache vieler Polyamory-Autoren kommt eine Sexualabwehr zum Vorschein, die der des Rainer Langhans’ gar nicht unähnlich ist. So spielt man den Geschlechtsakt als ein mehr oder weniger brachiales „Reiben von Geschlechtsteilen“ (Schott) herunter oder behilft sich mit einer Infantilsprache, wie die Autoren der Broschüre „Aber Dich gibt’s nur einmal für mich“, die das Verb „körpern“ eingeführt haben. Unverdrossen wird behauptet, Sexualität sei nur dann gut, wenn auch Liebe im Spiel ist. In Wirklichkeit bedeutet ihnen Liebe, sich umeinander zu kümmern, weshalb kaum mehr als Kuscheln ihre korrekte „körperliche“ Umsetzung zu sein scheint: „Aber wir sind keine Swinger, wir sind nicht auf schnellen Sex aus, wir sind füreinander da, jeder kümmert sich um die anderen“ (Spiegel, 1/2011). Für Erotik und Liebesspiel ist schon zeitlich wenig Raum, denn Polyamory heißt, „immer organisiert zu sein, viel zu planen, auf Spontaneität zu verzichten“ (Zeit Online, 7.12.2010).
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  37. Es gibt „weder Raum für Geheimnisse noch für Unvorhergesehenes. Jeder Schritt muss im Voraus bedacht und im Nachhinein bewertet werden“ (Spiegel, 40/1997). Sex stellt man sich als reinlich und nicht „‚schmutzig’, ‚verdorben’, ‚unanständig’, ‚versaut’ und ‚sündig’“ (Schott) vor. Leidenschaft und Begehren verschwinden im „Alltag in solchen Beziehungen“, die „eher wie Freundschaften“ (Schott) funktionierten und machen einer „geschwisterlichen Liebe“ (Schroedter/Vetter) Platz. Die exakte Organisierung, die Schlafpläne und genau abgesteckten Verantwortungsbereiche führen nicht nur zur sexuellen Ebbe, man hat schon für gar nichts anderes mehr Zeit: „Ich selbst hab mich dafür entschieden, soviel Zeit dafür haben zu wollen. Das ist dann auch einer der Gründe, weswegen ich niemals ernsthaft Lohnarbeit betreiben kann“ (Maschewsky).
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  39. Wie im großen islamischen Dschihad des Herzens sind sie verbissene Kämpfer „gegen das eigene Ich, gegen die ‚Triebseele’“ (Wikipedia: Dschihad), mit dessen Apologeten sie den Hass auf „Exklusivität“ gemein haben. Auch Langhans, der in ähnlich ärmlichen und abgeschotteten Verhältnissen lebt, spricht sich für den Terror gegen das Ich aus, für den man nicht erst ins Morgenland reisen muss. 2007 lud er die frühere Terroristin Brigitte Mohnhaupt in seinen Harem ein: „Nach so langer Gefangenschaft sind sicherlich Bedürfnisse bei ihr vorhanden, zu denen auch Sexualität gehört. Aber bei uns geht es um viel mehr: Wer intensive Beziehungsarbeit – die auch eine Form von Terror sein kann – zu leisten bereit ist, erlebt das Paradies von morgen“ (Abendzeitung, 28. März 2007).
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  41. In einer Lobpreisung des Internets als „globale Ekstaseerfahrung“, als „gelebte Kommune von heute“, „in der es Freundschaft und Liebe gibt“ versucht Langhans sein Paradies zu definieren. Das Netz sei geistiger „als der bisherige Materialismus, vor allem des ‚Westens’: Dieses Netz ermöglicht das erste Mal in der uns bekannten menschlichen Geschichte Allen, geistige Wesen zu werden.“ Dieses virtuelle Paradies kennt keine materiellen Menschen mehr, der Körper erscheint nur noch als eine Hülle, die das Unvollkommene und Unreine, also den Kapitalismus birgt: „In Wirklichkeit hat die unendlich vielgestaltige Fülle des Netzes längst den Kapitalismus verlassen, das effektive Verteilersystem des ewigen Mangels. Und nicht nur ihn! Der bleibt: im Körper. Das ist sein Kennzeichen“ (rainerlanghans.de).
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  43. Vielleicht sind solche Phantasien ja ein Grund dafür, warum die meisten männlichen Autoren der Polyamory-Bewegung darauf aus sind, unattraktiv zu erscheinen, um so nicht dem üblichen Vorwurf ausgesetzt zu werden, Polyamory sei ja nur ein Projekt zur Erhöhung der Kopulations-
  44. frequenz, „der sexistischen Bestimmtheit von Männern als Aufreißern“ (Maschewsky). Die Selbstdarstellung eines gewissen Mirko in einem Datingforum kann nur zur Abschreckung dienen. Er beschreibt sich selbst als „nicht allzu fröhlich“ und findet „das Aneignen von Falschem an sich manchmal schon ganz schön emanzipativ“, Menschen seien für ihn etwas „Unverständliches“, manchmal überkomme ihn ein ohnmächtig Gefühl der Pein, nicht „wissen zu dürfen, was ich will“, aber sein „Gehirn [sei] mehr durchgegendert“ als das anderer.
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  46. Poly- und Monogamie
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  48. Polyamory kritisiert vor allem den unbestreitbaren Zerfall der Beziehungen in der Monogamie in platonische und sexuelle Anteile. Doch anders als die Anhänger von Polyamory es behaupten, findet die sexuelle Beziehung viel eher in den von ihnen beargwöhnten Affären statt, während die „Partnerschaft“, ob monogam oder polyamor, oft an Leidenschaftslosigkeit krankt. Auch der Single hat „platonische Freundschaften“, kompensiert aber den darin liegenden Mangel an Sexualität durch wechselnde Affären.
  49.  
  50. Seine durchaus körperlichen Bedürfnisse befriedigt er getrennt, mit einem Partner fürs Bett (Geschlechtsorgane), einem, der humorvoll und intelligent ist (für das Gehirn), einem, der einen beschützt (zum Retten der eigenen Haut) und schließlich dem „platonischen Freund“, der auch noch zuhört. Doch ist damit nicht plötzlich die „asoziale“, „egozentrische“ und „dunkle“ Seite des Eros durchgebrochen. Der Eros vermag nur nicht mehr zu bewerkstelligen, was er mit aller Inbrunst fordert, die individualgeschichtliche Ablösung von der „zielgehemmten“ (zärtlich-familiären) Liebe, um ähnlich wie das Kapital in der Phase der ursprünglichen Akkumulation die „Blutsurenge“ wegzufegen und zum subjektiven Glück vorzudringen. Stattdessen verkümmert er. Der Einzelne unterhält zunehmend zielgehemmte, familienähnliche Beziehungen, weil ihm die Welt fremd und zugleich unattraktiv erscheint und er sich für die Vergleichung mit anderen in der Konkurrenz nicht gerüstet sieht.
  51.  
  52. Statt Exogamie wird die Integration von immer mehr Vereinzelten in den “familiären“ Kreis leitend, in dem man sich mehr schlägt als verträgt und sich in „platonischer Freundschaft“ zu Genossen, (Sport-)kameraden und WG-Kommunarden und in der Liebe zu „Partnern“ degradiert. Als gegenseitige Beichtväter ohne Geschlecht und ohne die Ekstase der wirklichen Priester in der Askese, ertragen sie freiwillig dieses plumpe und zutiefst deutsche, aber längst universal gewordene Verhältnis der Geschlechter. In diesen verrohten Beziehungen herrscht längst, was sich Langhans wünscht, nämlich unerträgliche, terroristisch ausgelebte Nähe ohne körperliches Begehren.
  53.  
  54. Aber Polyamory ist nicht das ganz andere der Monogamie. Den verfallenden Trieb, der kraftlos vor den Gipfeln kapituliert statt den Himmel aufzureißen, nimmt Polyamory freudig auf, kann aber genauso wenig das wahre Allgemeine schaffen und rächt sich mit der „geschwisterlichen Liebe“, über dessen Kehrseite, die plötzliche und wahllose Triebabfuhr, sie lieber nicht reden. Die Monogamie, die längst nicht mehr romantisch ist, hat ihre ureigene Idee, nämlich erotische und platonische Bedürfnisse mit ein- und demselben Menschen zu teilen, verraten und mit der Polygamie eint sie mehr, als ihre jeweiligen Ideologen sich eingestehen würden. Das Liebesideal verfällt, wo frei nach Nietzsche der „Grad und die Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen“ vom „letzten Gipfel seines Geistes“ (5) ferngehalten wird. Wo aber die eigene Nähe zu den Tücken der bürgerlichen Monogamie verschwiegen wird, bleibt dem Gedanken nur noch die blinde Wut gegen seinen Vater, den Wunsch nach Exklusivität: „Ein solches Ideal der Liebe stellt nicht nur eine große Herausforderung an die Menschen dar, sie ist vielfach eine Überforderung. Scheidungsgründe und
  55. psychische Erkrankungen, die durch diese Herausforderung begründet sind, belegen diesen Sachverhalt.“ (Schroedter/Vetter).
  56.  
  57. Der wahre Grund für psychisches Leid ist nicht das Ideal der Liebe, sondern das Gegenteil, das Ende der Sinnlichkeit (ob in Mono- oder Polygamie). Der Abtrennung von der sinnlichen Wahrnehmung und von der Wahrnehmung des Menschen als sinnlich(-übersinnliches) Ding folgt das berühmte, fast jede psychische Erkrankung begleitende Kreisen der Gedanken, die von aller Materie gereinigt an sich selbst irre werden.
  58.  
  59. Krise in Permanenz
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  61. Dem Kommunismus nicht unähnlich ist Liebe nicht eine Bewegung des dem Willen folgenden Geistes, sondern, weil dem körperlichen Begehren entsprungen, ein Aufstand des Fleisches, eine wirkliche Bewegung. Dieser anarchische Aufruhr der Liebe ist nicht nur ihr Einspruch gegen eine Polyamory-Bewegung, die als Befreiung der Liebe ihre Verknastung in Terminkalendern und Regelwerken betreibt. Er ist auch Bahamas ihr Veto gegen die bürgerliche Ehe. Die Liebe gebärdet sich nicht als vernünftige oder sozial verträgliche Gefühlsregung, sondern als asoziale Lebensäußerung der Liebenden gegen ihre Umwelt, die die Polyamory-Bewegung abschaffen und die bürgerliche Sexualmoral in der Ehe mildern will.
  62.  
  63. Und doch bleibt in der Betonung der Asozialität der Liebe die Ahnung erhalten, dass ihre immer seltener und zunehmend fragiler werdende Tendenz zu Ehe und Langzeitbeziehung nicht nur Zwang schafft, sondern in dieser auf lange Zeit angelegten exklusiven Zweisamkeit eben doch der innige Wunsch nach Befreiung in der das Verhältnis des je Besonderen zum Allgemeinen gewahrt bleibt. Denn wo Polyamory die Liebe von ihrem Drang nach Ausschließlichkeit befreien will, steigt der Zwang zur Konkurrenz ins Unendliche und baut eine überverwaltete Welt auf, in der nicht nur keine Befreiung mehr möglich ist, sondern zugleich auch die Vorstellung von einer anderen Welt gar nicht mehr zugelassen wird. Bei der sukzessiven Etablierung von Zweit- und Drittbeziehungen verhält es sich nicht anders als im Vorlauf der „wirklichen“ Trennung eines Paares mit all den Beziehungsgesprächen, Versprechungen und Neuanfängen auf Probe. Doch während es dort irgendeinmal und meistens zu spät zum Bruch kommt, verhindert Polyamory die letzte Entscheidung und sistiert die Krise eines Paares. Verewigt bleibt so nicht nur zurück, was die ehemals Liebenden verbunden hat, diese Sistierung der Vergangenheit erfasst jeden, der mit den beiden in Berührung kommt und von ihrer Kälte und Lieblosigkeit ergriffen wird, die dann Toleranz und Verständnis genannt werden.
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  65. Polyamory zieht die Intimität ins Freie und versprüht ein Gift, das anders als bei der Beendigung einer Beziehung, wo es zu den ekligsten Verfehlungen und Feindlichkeiten der ehemals Liebenden gegeneinander kommen kann, als Zwang zur Kommunikation, Weiterbildung, also Perpetuierung des Elends die Trennung als Zustand verewigt. So wird eine Krise in Permanenz heraufbeschworen, die sich nur durch eine Unzahl von Regeln und Vereinbarungen aufrecht erhalten lässt. Gewiss, die permanente Krise in der Polyamory ist nicht ganz von den Krisen in der monogamen Beziehung zu trennen. Doch wo in der Monogamie es so scheint, als würden Krisen immer wieder etwas Altes, Vergangenes abstoßen können, weil die Möglichkeit des Bruchs konstitutiv ist, gibt sich der Polyamore schon gar nicht mehr der Illusion hin, er könnte sich von irgendetwas lösen und wird eins mit einer Vergangenheit, die wegen der vergangenen aber niemals weggehenden Beziehungspartner stets die Gegenwart bestimmt. Im Gegensatz zu Swingern, für die das (temporäre) Wechseln der Sexualpartner durchaus eine Lösung zeitweiliger Krisen darstellt, und den unbeliebten, weil umtriebigen Singles, die sich nicht um die Gefühle der Partner über die gemeinsam verbrachte Nacht hinaus scheren, verlangt gelebte Polyamory die volle Affektkontrolle durch allseitige „Transparenz“ und bündelt die Frustration gegen den gemeinsamen Feind, die so genannte „serielle Monogamie“.
  66.  
  67. Während in dieser Form bei der Trennung sich zwar alles Schöne als Gift erweisen muss, mit der wahrscheinlichen Folge, dass Angezogensein vor und Abscheu nach dem Bruch beim nächsten Male immer kraftloser werden, verleugnen die Anhänger von Polyamory das in der Exklusivität
  68. liegende Besondere gänzlich und liefern es völlig dem falschen Allgemeinen aus. Polyamory ist die Theorie eines bewusstlos prozessierenden Allgemeinen, das sich am Zerfall der Ehe „als einer der letzten Möglichkeiten, humane Zellen im inhumanen Allgemeinen“ (Adorno) zu bilden, weidet und hämisch konstatiert, dass auch sie das wahre Allgemeine nicht verwirklichen kann. Als zynisches Bewusstsein der Individuen über ihr privates Unglück macht sich Polyamory zum Sachwalter einer Inhumanität, die Ausweglosigkeit als scheinbar unhinterfragbaren Zwang auch noch freudig bejaht.
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  70. Würde Polyamory total werden, zerflösse alles zu Kommunikation, in ein unendliches Wirrwarr der Stimmen. Würde die Intimität, die an Verschwiegenheit genauso wie an unausgesprochene Übereinkunft gemahnt, als letzter Einspruch gegen die zur Kommunikation heruntergekommene Sprache verschwinden, ließe man die Kommunikation also bis in den hintersten Winkel der Geschlechtlichkeit dringen, dann wäre sie total geworden und der Trieb zum Stillstand gebracht. Die Menschen könnten dann zwar noch laufen und essen, aber sie wären lebende Tote. Es würde wahr, was Uschi Obermaier polemisch über ihren Ex-Freund Rainer Langhans esagt hat: „Der befindet sich doch seit 40 Jahren im Stillstand. Der ist damals irgendwie hängengeblieben. Rainer hat sich seit ’68 nicht mehr weiterentwickelt. Im Gegenteil: Er ist eine traurige, erbärmliche Witzfigur. Eine langweilige Karikatur seiner selbst.“ Und weiter: „Er labert nur, er lebt nicht. Er ist peinlich, besitzt überhaupt keine Emotionen und ist der humorloseste Mensch, den ich kenne. Dieser Pseudo-Harem in München mit diesen vier Frauen ist auch nur grauenhaft. Die machen da seit Jahrzehnten auf superspirituell, die totale Bewusstseinserweiterung, blabla, trinken Tee und essen Tofu. Da läuft es mir echt den Rücken runter. Denn in Wahrheit kloppen die sich nur, sind eifersüchtig und neidisch aufeinander“ (Abendzeitung, 26.01.2011).
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  72. Gewiss, die Geschlechterliebe bleibt als Grund von Träumereien, Erfindungen, Herausforderungen und Ideen, aber auch Fehlschlüssen, Kriegen, Gewalt und Grund für den finanziellen Ruin ganzer Familien immer ambivalent. Doch „das Humane bildet sich als Sinn für die Differenz an deren mächtigster Erfahrung, der von den Geschlechtern“ (Adorno). Der Geschlechterwiderspruch ist in der Tauschgesellschaft total geworden und zeigt sich in ihr am erbittertsten. Doch ist dieser Widerspruch auszuhalten und nicht im Tod der Sinnlichkeit abzuschaffen, will man mit ihm nicht die Möglichkeit abschaffen, die ihn vermittelnde Gesellschaft eines Tages von sich abzustreifen. Auf dass die in der Versöhnung der Geschlechter enthaltene Versöhnung zu einer geeinten Menschheit aufscheine und im Verkehr, als Sexual- und Tauschakt, endlich wahrhaft Gleiches getauscht würde. Dafür, dass solche Versöhnung überhaupt denkbar ist, steht die exklusive Liebe ein, die sich um die anderen nicht kümmern will, die keine Gesellschaft und kein abstraktes Leben
  73. mehr kennt und damit Vorschein einer Welt ist, die des Geschlechterantagonismus’
  74. nicht mehr bedarf. Claudia Dreier
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  76. (in der gedruckten Zeitschrift Bahamas 62 folgen nun zahlreiche Fußnoten)
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