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Mohamed El-Erian: „Europäische Aktien sind im Vorteil“

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Jan 26th, 2023
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  1. Mohamed El-Erian: „Europäische Aktien sind im Vorteil“
  2. Der Finanzmarktexperte erwartet, dass es auch 2023 an den Märkten unruhig wird. Aktien, aber auch Anleihen seien zu gut ins neue Jahr gestartet.
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  4. Denver
  5. Es ist ein seltenes Phänomen. 2023 sind europäische Aktien deutlich besser gestartet als amerikanische. Der prominente Ökonom Mohamed El-Erian sieht im Interview mit dem Handelsblatt gute Gründe für den Vorsprung der europäischen Börsen. Aber der ökonomische Berater des Versicherers Allianz, der auch Präsident des britischen Queens’ College ist, warnt nach den deutlichen Kursgewinnen der vergangenen Wochen und Monate vor zu großer Euphorie. El-Erian fürchtet, dass auch 2023 ein „holpriges Jahr“ für die Aktienmärkte wird. Vor allem mit Blick auf Anleihen sollten Anleger taktisch vorgehen.
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  7. Herr El-Erian, wir haben zu Jahresbeginn eine breit angelegte Rally bei Aktien gesehen. Ist der Optimismus der Investoren berechtigt?
  8. In den ersten Tagen dieses Jahres haben viele Anleger geglaubt, dass wir uns von den Turbulenzen aus 2022 geradlinig erholen werden. Aber das ist längst nicht garantiert. Wir befinden uns eher in einer Art Zwischenhoch. Man sollte nicht davon ausgehen, dass es immer so weitergeht. Ich erwarte eher, dass 2023 ein holpriges Jahr wird.
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  10. Gilt diese Einschätzung auch für Anleihen? Festverzinsliche Wertpapiere erleben genau wie Aktien gerade einen Boom.
  11. Auch Anleihen sind eigentlich zu gut ins Jahr gestartet. Am Jahresanfang gibt es neue Risikoallokationen, und Anleger sind in die Anleihemärkte gestürmt. Jetzt sind die Kurse an den Bondmärkten wieder etwas gefallen, spiegelbildlich haben die Renditen wieder etwas angezogen. Ich glaube, dass die Renditen erst einmal noch weiter steigen werden, bevor es wieder abwärtsgeht. Anleger sollten also taktisch vorgehen.
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  13. Viele Analysten raten gerade dazu, weniger in US-Aktien zu investieren und dafür mehr in Europa und in den Schwellenländern. Sehen Sie das auch so?
  14. Bei Europa bin ich an Bord, und wir haben gesehen, dass die Gelder schon in diese Richtung fließen. Zum einen sind die Wachstumsaussichten in Europa besser, als wir noch vor ein paar Monaten dachten. Auch ist Europa im Vorteil, weil die Aktien immer noch niedriger bewertet sind als in den USA.
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  16. Allerdings gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Aufrufe, stärker in Europa zu investieren.
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  18. Dieses Mal ergibt diese Empfehlung aber tatsächlich mehr Sinn als in der Vergangenheit – auch weil Investoren ihre Liebesaffäre mit Technologieaktien beendet haben. Tech-Titel haben in den USA ja ein großes Gewicht, was nun zum Nachteil wird.
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  20. Würden Sie sich nun komplett von US-Aktien fernhalten?
  21. Nein, aber ich würde vermutlich weniger aktiv sein als früher, dafür aber mehr in Cash halten.
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  23. Trotz hoher Inflation?
  24. Ja, ich sehe Bargeld eher als Vermögensklasse, denn das letzte Jahr hat gezeigt: Man verliert in bar weniger Geld als anderswo.
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  26. Der Erfolg von Tech-Aktien hängt stark von der Zinspolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ab. Höhere Zinsen sind generell schlecht für Technologietitel, und die Zinsen sind in den USA im vergangenen Jahr rapide gestiegen, auf über vier Prozent. Wie geht es mit der Geldpolitik weiter?
  27. Nun, die Fed signalisiert, dass sie bei ihrer nächsten Sitzung die Zinsen nur noch um 0,25 Prozentpunkte anheben könnte. Schließlich ist die Inflation in den vergangenen Monaten gesunken. Ich halte das jedoch für die falsche Strategie.
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  29. Warum?
  30. Die Preise bei Sachgütern sind gefallen, Gleiches gilt für Energie. Aber die Preise für Dienstleistungen steigen, und sie reagieren generell nicht so schnell auf Zinserhöhungen. Daher gehöre ich zu den wenigen, die eine Anhebung um einen halben Prozentpunkt für angemessen halten. Noch ist die Wirtschaft vergleichsweise stark und die Lage an den Märkten ist gut. Das sollte die Fed zu ihren Gunsten nutzen.
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  32. Ein größerer Zinsschritt würde jedoch auch das Risiko einer Rezession erhöhen.
  33. Die Daten zeigen im Moment nicht eindeutig in eine Richtung. Wenn die Fed die Zinsen weniger stark anheben will, dann würde sie zum Beispiel auf die schwachen Einzelhandelsdaten verweisen. Auf der anderen Seite war der Arbeitsmarkt immer noch erstaunlich stark, was für eine stärkere Zinserhöhung sprechen würde. Also muss man die Risiken abwägen, und ich denke, es wäre schlechter, jetzt einen Viertelprozentpunkt anzuheben und dann später größere Zinsschritte in Kauf zu nehmen, weil man die Inflation doch noch nicht in den Griff bekommen hat.
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  35. Fed-Chef Jerome Powell betont, die Notenbank wolle zurück zu einer Inflationsrate von zwei Prozent. Ist das realistisch?
  36. Ich gehe davon aus, dass die Inflation in den kommenden Monaten von 6,5 auf rund vier Prozent fallen wird. Dann stehen die Notenbanker vor einer schweren Entscheidung. Um von vier auf zwei Prozent zu kommen, müssten sie die Wirtschaft in eine schwere Rezession treiben. Doch das Inflationsziel einfach anzuheben, auf drei oder vier Prozent, wäre sehr schlecht für die Märkte.
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  38. Weil die dann das Vertrauen in die Notenbank verlieren?
  39. Genau. Wer sagt, dass die Fed dann das neue Inflationsziel erreichen würde, wenn sie noch nicht einmal das alte geschafft hat?
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  41. Sie haben die Fed in den vergangenen Monaten immer wieder scharf kritisiert. Was würden Sie tun?
  42. Ich denke, der richtige Ansatz wäre: Wir sollten sehen, ob wir mit einer stabilen Inflationsrate von drei bis vier Prozent leben können. Und wenn sich das eingependelt hat, dann kann man langsam den Weg in Richtung zwei Prozent angehen. Doch vieles spricht dafür, dass der Druck auf die Preise noch eine Weile hoch sein wird.
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  44. Was sind die wichtigsten Treiber?
  45. Die Energiewende, geopolitische Veränderungen und die zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft, damit hängt auch die Umstellung bei den Lieferketten zusammen. Und: Wir sehen den Arbeiter- und Fachkräftemangel. All das spricht für mehr Inflation. Und das größte Risiko ist, dass wir in eine stagflationäre Phase geraten.
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  47. Bei der das Wirtschaftswachstum stagniert, die Inflation aber weiter steigt.
  48. So ein Szenario ist am schwierigsten aufzulösen.
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  50. Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank, hat sich vergangene Woche noch deutlich zum Kampf gegen die Inflation bekannt und weitere Zinserhöhungen angekündigt.
  51. Es ist seltsam zu sehen, dass sich die EZB hier klarer positioniert als die Fed. Aber es ist in meinen Augen die richtige Strategie.
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  53. Es gab in den vergangenen Wochen viel Optimismus gerade mit Blick auf die europäische Wirtschaft. Teilen Sie diese gute Stimmung?
  54. Europa und gerade Deutschland haben den Winter viel besser gemeistert als befürchtet. Die Engpässe bei der Energieversorgung werden viel geringer ausfallen als gedacht, weil der Winter mild war und die Energiepreise sinken, aber auch weil es ein kluges Bestandsmanagement gab. Das sind wirklich gute Nachrichten.
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  56. Aber?
  57. Wenn ich in die Zukunft schaue, dann gibt es zwei Punkte, die meinen Optimismus relativieren. Die Energiewende ist noch nicht vollzogen. Man kann sich daher nicht einfach auf gutes Wetter verlassen, es bleibt noch viel zu tun. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob Europas Wirtschaft für den Wandel bei der Globalisierung vorbereitet ist. Das große Gewitter hat sich also erst einmal verzogen, aber der Himmel ist noch längst nicht blau.
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  59. Geht es um Märkte und Geldpolitik, zählt El-Erian zu den weltweit gefragtesten Experten. Der 62-Jährige war bis 2014 Vorstandschef des Anleihehauses Pimco. An der Seite von Starinvestor Bill Gross arbeitete er zudem als Co-Investmentchef für die Allianz-Tochter, die zu Spitzenzeiten mehr als zwei Billionen Dollar an Vermögenswerten verwaltete.
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  61. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist ökonomischer Chefberater der Allianz und berät den auf Emerging Markets spezialisierten Vermögensverwalter Gramercy. Seit vergangenem Jahr ist er zudem Präsident des Queens‘ College im britischen Cambridge.
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  63. Zu den Problemen, die die Weltwirtschaft plagen, gehört auch die Neuordnung der Lieferketten, über die sich derzeit praktisch alle Vorstandschefs Gedanken machen. Dabei geht es auch um die Frage, ob sich westliche Konzerne von China abkoppeln können und sollen. Kann die Volksrepublik angesichts dieser Verschiebungen zu alter Stärke zurückfinden?
  64. Wenn man sich das Wirtschaftswachstum relativ zum Potenzial der Volkswirtschaften anschaut, dann lagen die USA im vergangenen Jahr auf Platz eins, Europa auf Platz zwei und China auf Platz drei. Ich bin hier in der Minderheit, aber ich denke, dass China auch in diesem Jahr das Schlusslicht bleiben wird.
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  66. Warum?
  67. Die Abkehr von der Zero-Covid-Politik läuft sehr chaotisch. Aus Gründen, die viele von uns nicht ganz nachvollziehen können, ist China nicht bereit, westliche Impfstoffe zu verwenden. Covid verbreitet sich sehr schnell. Auch wenn das Land keine genauen Daten mehr veröffentlicht, gibt es Anzeichen, dass das Gesundheitssystem unter enormem Druck steht und es viele Tote geben könnte. Für die kommenden Monate müssen wir uns also weiter phasenweise auf Probleme bei Angebot und Nachfrage einstellen …
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  69. … und längerfristig?
  70. Ist China mit einer Reihe von Sanktionen konfrontiert. Und zusätzlich zu diesem geopolitischen Druck sind Unternehmen damit beschäftigt, ihre Lieferketten resilienter zu machen und damit weniger abhängig von China. Diese Entwicklung wird sich über mehrere Jahre erstrecken und damit Chinas Wachstum belasten.
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  72. Über die Knappheit an Arbeitskräften wird derzeit nicht nur in den USA viel diskutiert. Könnten wir eine Rezession sehen, ohne steigende Arbeitslosigkeit?
  73. Ja, das wäre denkbar. Nach der Finanzkrise haben wir einen Aufschwung ohne große Zunahme der Arbeitsplätze erlebt. Nun könnten wir das Gegenteil beobachten. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es in den USA tatsächlich eine Rezession geben wird.
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  75. Wie lässt sich die angespannte Situation am Arbeitsmarkt lösen?
  76. Nun, in Europa gilt genauso wie in den USA: Die Notenbanken glauben, dass sie dieses Problem nur mit geldpolitischen Instrumenten lösen müssen. Niemand fordert die Regierungen auf, etwas zu tun. Dabei könnte die Politik durchaus auch eingreifen, um die Erwerbsquote zu steigern und um den Fachkräftemangel zu beheben.
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  78. Haben Sie schon mit der KI-Software ChatGPT experimentiert? Vielleicht hätte auch sie das Potenzial, den Fachkräftemangel zu lösen?
  79. Als Präsident einer akademischen Institution kann ich sagen: ChatGPT ist ein sehr großes Thema für uns. Einer unserer Professoren hat eine Prüfungsfrage in die Software eingeben – und hätte die Antwort mit einer guten Note bewertet. Was sie für Implikationen für den Arbeitsmarkt hat – das kann ich noch nicht im Detail beurteilen. Doch es wird auf jeden Fall eine Diskussion geben, ob diese Software unsere Arbeit grundlegend verändern wird.
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  81. Herr El-Erian, vielen Dank für das Interview.
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