SHARE
TWEET

Es reicht.

mmecoquelicot Feb 1st, 2015 (edited) 2,365 Never
Not a member of Pastebin yet? Sign Up, it unlocks many cool features!
  1. Ich habe mich nach langen Überlegungen dazu entschieden, über meine Erlebnisse mit sexueller Gewalt in meiner ehemaligen Beziehung zu schreiben. Das schreiben fühlte sich sehr befreiend an. Ich teile meine Worte nicht nur, um meine Stimme hörbar zu machen. Ich hoffe auch, dass ich damit auch anderen, die ähnliches erlebt haben, Mut machen kann.
  2. Es hat mir sehr geholfen, mit Menschen reden zu können, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die mit ähnlichen Situationen umgehen müssen. Ich danke jeder einzelnen dieser wunderbaren Personen für ihre Unterstützung.
  3.  
  4. !!!! [CONTENTWARNING] HINWEIS: Der folgende Text beinhaltet Beschreibungen von Gewalt, v.a. sexueller Gewalt.
  5.  
  6.  
  7. Ich wurde vergewaltigt.
  8. Ich wurde von meinem damaligen Freund A. vergewaltigt, in einem Hotelzimmer, nach einem Streit. Nach fast 3 Jahren Beziehung, Zusammenwohnen und einem ständigen Auf und Ab. Streits, Trennungsüberlegungen, Versöhnungen.
  9.  
  10.  
  11. Die Beziehung
  12. Die Beziehung war harte Arbeit, doch bedeutete sie für mich auch Zuhause. Räumlich wie emotional wollte ich das Zuhause, das ich mir selbst aufgebaut hatte, nicht aufgeben. Ob dies nun Liebe war oder nur die Hoffnung, spielt im Grunde keine Rolle. Fakt ist: Ich habe A., den ich nicht mehr „damaligen Freund“ oder Exfreund nennen will, sehr vertraut, ihm nicht nur meine Gefühle, Gedanken und Geheimnisse anvertraut, sondern auch darauf vertraut, dass ich in meinem, in unserem Zuhause sicher bin, mir nichts geschieht. So ein Rückzugsort ist, für mich zumindest, wichtig, um das „Draußen“ zu ertragen. Diesen Rückzugsort habe ich verteidigt, habe Dinge verdrängt und verharmlost, um den Ort für mich weiter aufrechterhalten zu können.
  13. Im ersten Jahr, in dem ich bei ihm wohnte, waren wir auf eine Party seiner Freunde eingeladen. Ohne weiter auf das miese Verhalten dieser Menschen einzugehen, das man getrost als überhebliche Arschlochnummer abtun und vergessen kann, war die Party für mich ein kleiner Spießrutenlauf. Ich stand allein rum, wurde beäugt, ignoriert. Ich bin nicht gut in den Situationen, das gebe ich gern zu. Ich betrank mich, verstand nicht, wie mein Partner nicht loyal sein kann, nicht bei mir war. Ich betrank mich und stänkerte. In solchen Situationen benahm ich mich nicht gut, das weiß ich. A. und ich stritten uns; auf dem Heimweg ging er sauer vor mir her, ignorierte mich. Zuhause gingen wir betrunken und wütend ins Bett. Dann legte er sich auf mich und schlief mit mir. Ich nenne diesen Vorfall nicht Vergewaltigung. Ich wollte nicht, dass er mit mir schläft, aber ich habe nichts gesagt, ich habe da gelegen und ihn machen lassen. Es war kein Akt von Liebe oder Lust, sondern es entstand aus Wut und Alkohol heraus. Es war ein gewalttägiger Akt, aber ich nenne es nicht Vergewaltigung. Ich tat es ab, als Streit im Suff, als nichts. Ich dachte nicht mehr oft dran, ich wollte nicht – und überhaupt, wir hatten ja auch übel gestritten und ich hatte ihn wütend gemacht.
  14. Wir waren 3 Jahre ein Paar, 2 Jahre davon lebten wir zusammen. In dieser Zeit bauten wir ein gemeinsames Leben auf, zogen um, besuchten Eltern, trafen andere Menschen.
  15. Dennoch war diese Beziehung absolut toxisch. Es war eine lang andauernde Entwicklung. Unsere Streits waren schlimm und wurden schlimmer. Wir verletzten uns mit Worten, luden unsere eigenen Unsicherheiten auf den anderen ab. Ich denke im Nachhinein, dass ich Gewalt immer mehr hinnahm und als normales Streitverhalten abtat.  Es war eine ständige Grauzone. Er schlug mich nie, aber diese kleinen Momente, in denen er bebend vor mir stand und wir beide nicht wussten, ob er es tut, waren da. Er sperrte mich nie lange ein, aber ich war mir des Öfteren für ein paar ewig währende Augenblicke nicht sicher, ob er mich durch die Wohnungstür lässt, die er gerade zuhielt.
  16.  
  17. Ich dachte mir: er ist unsicher. Er weiß sich nicht anders zu helfen, er würde dir nie absichtlich wehtun. Ich redete mir ein, dass ich ja auch ein Mensch bin, der Menschen wütend machen kann. Ich schrie ihn ja auch an, wenn wir stritten. Er sagte mir: Noch nie hat mich jemand so wütend gemacht. Es ist deine Schuld, dass ich mich so verhalte. DU BRINGST MICH DAZU, SO ZU SEIN. Das sagte er und meinte es so. Und obwohl ich eigentlich weiß, dass es nicht stimmt, wenn Menschen so etwas sagen, zweifelte ich doch an mir. Brachte ich das Schlimmste aus dem Menschen raus, der doch eigentlich ganz anders war? Denn es gab ja die Momente, in denen wir uns verstanden, uns erzählten, wie wichtig wir füreinander sind und dass wir diese Beziehung retten wollten.
  18. Ich betrachtete ihn als unsicheren, im Grunde lieben Menschen, der mit seinen Schwächen nicht anders als mit Verletzungen umgehen konnte. Ich betrachtete ihn so, weil ich hoffen wollte, dass sein Verhalten entschuldbar ist, dass er im Grunde nichts dafür konnte. Ich entschuldigte ihn und die Gewalt, die von ihm ausging, um die Kontrolle über die Situation nicht zu verlieren.
  19.  
  20.  
  21. Die Nacht der Vergewaltigung
  22. An einem Dezembertag waren wir auf eine Hochzeit in einer westdeutschen Kleinstadt eingeladen. Ein Paar aus seinem früheren Freundeskreis heiratete und wir fuhren hin. Ich war aufgeregt und nervös, denn auch hier war ich 10 Jahre jünger, nicht wirklich in den Kreis der Anwälte und Erben passend. Nach einem nervenaufreibenden Tag, an dem ich viele Spitzen ertragen musste, entwickelte sich im Laufe des Abends ein Streit zwischen A. und mir. Ich war sauer, dass er mich allein auf der Party sitzen ließ und mit seinen Freunden verschwand, und er war sauer, dass ich mich nicht „vorbildlich“ vor seinen Freunden benahm. Ich war ihm unangenehm, nicht vorzeigbar genug.
  23. Ich verabschiedete mich vom Brautpaar und ging auf unser Hotelzimmer. Er folgte mir und wir stritten uns. Ich lag im Bett, er stand davor. Wir schrien uns an. Irgendwann fing ich an zu weinen. Und dann hatte er gegen meinen Willen Sex mit mir. Ich weinte die ganze Zeit, lag eingekrümmt da, hatte meine Hände vor meinem Gesicht. Ich schüttelte den Kopf. Weinte immer mehr.
  24. Ich habe mich nicht mit Händen und Füßen gewehrt, ich lag „nur“ in abwehrender Handlung da, habe mich weggedreht. Ich habe nicht laut Nein gebrüllt, „nur“ wieder und wieder mit dem Kopf geschüttelt. Ich habe nicht geschrien, ich habe „nur“ die ganze Zeit über geweint. Nur. Es war uns beiden in diesem Moment klar, dass es gegen meinen Willen geschah. Es war ein gewalttätiger Akt, der nicht durch einen Fremden an einer dunklen Straßenecke geschah – sondern in vermeintlich sicherer Umgebung, ausgeübt von dem Menschen, der zu dieser Zeit mein Vertrauter war.
  25. Wir redeten nicht darüber. Am nächsten Morgen checkten wir aus dem Hotel aus und trafen meine Eltern, die in der Nähe leben, zum Frühstück. Davon gibt es Bilder. Auf ihnen sitze ich neben A. und lächle müde in die Kamera. Es ist ein unwirklicher Moment, der dort festgehalten ist. Ich kann mich bis heute nicht an dieses Frühstück erinnern.
  26.  
  27.  
  28. Das Ende
  29. Bis ich auszog, dauerte es Monate. Wir verbrachten noch Weihnachten und Silvester in unserer Wohnung. Im Laufe des begonnenen Jahres verfestigte sich meine Entscheidung, mich zu trennen und auszuziehen. Auch das war eher ein Prozess. Ich war am Ende meines Studiums und die Vorstellung, das Zuhause, in das ich so viel Energie reinsteckte, zu verlieren, machte mir Angst. Bei den letzten Zuckungen unseres gemeinsamen Lebens waren da Zweifel und jede Menge Verdrängung, was passiert war. Ich sah nichts mehr.
  30. Als klar war, dass ich ausziehen werde, kochte die Situation noch einmal hoch. Und das war auch das erste Mal, dass wir darüber sprachen, was passiert ist. Obwohl „sprechen“ nicht das richtige Wort ist.
  31. Es war im März, nachts. Ich könnte diesen Moment jederzeit aufzeichnen. Inmitten eines Trennungsstreits lag ich im Bett, auf der Seite, versteckte mein Gesicht und weinte, während er mich abwechselnd anschrie, lachte und mich zwang, es auszusprechen. Immer wieder lachte er und schrie mir von nah ans Gesicht: „Na los, sag es schon, sag, was ich gemacht habe, los!“ Immer wieder.
  32. Es ist vielleicht schwer, das zu begreifen, aber für mich war das auf eine krasse Weise genauso schlimm wie die Vergewaltigung an sich. Ich glaube, ich wurde vorher noch nie von einem Menschen, mit dem mich Liebe verband, mit Gewalt so hilflos gemacht. Ich war in diesem Moment komplett schutzlos und hatte wirklich Angst. Die Verletzung, die dieser Moment für mich bedeutet, ist so groß, dass ich bis heute, 3 Jahre später, noch immer nicht drüber schreiben kann, ohne zu zittern.
  33. Obwohl ich in diesem Moment von A. gezwungen wurde, auszusprechen, dass er mich zum Sex zwang, konnte ich diesen Gedanken noch eine ganz weitere Zeit nicht zulassen. Er war wie eingesperrt in meinem Kopf. Ich ließ ihn schlicht und ergreifend nicht zu.
  34. Ich zog aus und betrauerte, dass ich die Beziehung und die Sicherheit, die damit einherging (das Zuhause) verlor. Andere Gedanken ließ ich nicht zu, konnte ich nicht zulassen.
  35. Als wir jeden Kontakt einstellten und sich der Staub der vergangenen 3 Jahre langsam legte, sah ich langsam mehr. Und es fiel mir immer schwerer, die Gedanken und den Schmerz, die immer wieder hoch kamen, abzuschütteln.
  36.  
  37.  
  38. Danach
  39. Ich schlief schlecht. Ich hatte immer wieder gewaltvolle Momente vor meinem inneren Auge, die mich aus der Bahn warfen. Immer mehr krasse, verletzende Momente kamen hoch und ließen sich immer weniger unterdrücken. Besonders die Nacht im Hotel haute mich regelmäßig um. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich es fühlen. Hören. Sogar riechen. Manchmal konnte ich mich ablenken,  aber oft  nichts dagegen tun. Ich lief durch Straßen, ich weinte ich übergab mich. Es hatte mich.
  40. Es wirkte sich auf mich nicht nur in stillen Momenten aus, sondern auch bei Berührungen, die von Menschen liebe- oder lustvoll gemeint waren.
  41. Es ist nicht so, als ob ich rund um die Uhr daran denke. Es kommt in Wellen, zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Das Gefühl von Panik, Hilflosigkeit, das mir die Kehle zuschnürt, kommt unberechenbar und wirft mich um. Bis heute.
  42. Ich arbeitete 2 Jahre lang ein paar Häuser von unserer alten Wohnung entfernt. Jede einzelne Schicht hatte ich Panik, dass er reinkam. Ich hatte Angst, dass er vor mir steht, dass ich diesen Menschen, der mir so viele Schmerzen zufügte, gegenüberstehen muss. Ich bekam Panik, wenn ich nach Dämmerung nicht sah, wer vor unserem Laden stand und mir beim Arbeiten zusah. Ein paar Mal hätte ich wetten können, die Hand, die eine Zigarette hielt, als seine erkannt zu haben.
  43. Ich versuchte mir einzureden, dass ich keine Angst haben sollte. Es war der Mensch, mit dem ich zusammenlebte. Aber gleichzeitig war er auch der Mensch, der genau wusste, wie er mich verletzen konnte, dies oft tat und die Macht, die er in diesen Momenten über mich hatte, auch genoss. Ich versuchte mir einzureden, dass er nichts war als ein armseliges Würstchen, das mit Gewalt über andere seine Unsicherheit kompensierte. Doch auch armselige Würstchen sind gefährlich –  gerade sie.
  44. Bis heute spüre ich die Verletzungen, die A. mir zufügte. Sie haben Auswirkungen auf mein ganzes Leben. Auf meinen Körper, meine Psyche. Sex, Beziehungen, mein Umgang mit anderen Menschen, mit Fremden, mit Männern.
  45.  
  46.  
  47. Der Umgang
  48. Eine Vergewaltigung ist nicht nur der Akt des erzwungenen Geschlechtsverkehrs.
  49. Eine Vergewaltigung bedeutet, dass die betroffene Person damit umgehen muss.
  50. Ich muss damit umgehen, was dieser Übergriff für mich und meinen Körper bedeutet. Was er für meine Beziehung und meiner Vorstellung von Liebe bedeutet. Was bedeutet Vertrauen für mich? Was bedeutet Sex für mich?
  51. Das ist aber nur der Anfang. Die Vergewaltigung ist nicht in einem luftleeren Raum, sondern fällt in einen Kontext, in ein Umfeld, das auch reagiert.
  52. Ich erzählte es meiner Mutter: Sie war geschockt und fragte als erstes: „Wieso bist du nicht sofort ausgezogen?“
  53. Ich erzählte es einem guten Freund, der wütend wurde und fragte: „Wieso bist du nicht zur Polizei, was soll das?“
  54. Ich erzählte es Freundinnen, die schnell das Thema wechselten, auf den Boden schauten, oder Dinge sagten wie: „Naja, wer kennt solche Geschichten nicht…hat doch schon jede mal gehabt.“
  55. Ich bin ihnen nicht böse. Es ist wahnsinnig schwer, damit umzugehen, wenn einer geliebten Person Schmerz zugefügt wurde. Es gibt ihnen ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Wut – sie können auch nichts tun. Ich habe tolle Menschen in meinem Leben, bis heute, die für mich da sind, mir zuhören, mir Raum geben, darüber zu reden. Das ist so viel wert und ich bin ihnen sehr dankbar.
  56. Es tut mir leid, dass sie damit umgehen müssen. Ich möchte nicht, dass sich andere deswegen unwohl fühlen. Doch ich möchte darüber reden können. Es ist eine Herausforderung, für mich und die Menschen, die mit den Trümmern umgehen müssen. Es ist eine Herausforderung für meine neue Beziehung, für meinen Freund, der damit umgehen muss, dass ich diese Verletzungen habe. Er ist wunderbar und hat mir viel geholfen. Aber es ist nicht fair, dass er das tun muss, dass WIR das tun müssen. Aber wir müssen damit umgehen, denn es lässt sich nicht löschen.
  57. Eine Vergewaltigung ist mehr als ein kleiner Augenblick, es verändert dein Leben. Du musst damit umgehen lernen; versuchen, darüber so hinwegzukommen, dass du funktionierst und dich nicht davon beherrschen lässt.
  58. Doch es belastet nicht nur das direkte, mir wohl gesonnene Umfeld. Es verändert auch meine Freiheit, mich in der Stadt, in bestimmten Vierteln und besonders in bestimmten Kreisen zu bewegen.
  59. Ich habe mir das Recht genommen, über meine Verletzungen zu reden, besonders in Kreisen, bei denen ich mir sicher war, dass sexuelle Gewalt immer verurteilt wird. Ich habe #aufschrei genutzt, ich habe Kanäle benutzt, um mich mit anderen Menschen darüber auszutauschen, um meine eigene Stimme wiederzuhören, um mich nicht mehr so hilflos und verstummt zu fühlen. Dieser Versuch ist ins Gegenteil verkehrt worden. Ich habe gelernt: Sexuelle Gewalt wird im Abstrakten verurteilt. Wenn es doch jemanden betrifft, den die Leute gern mögen, bei dem es unbequem wäre, sich mit seinen „Verfehlungen“ zu beschäftigen, wird sexuelle Gewalt ignoriert. Genau das passierte. A. war nie ein politisch aktiver Mensch. Er war ein Fähnchen im Wind und immer gut darin, sich Gruppen anzupassen. Und so fand er Gruppen, in denen (angeblich) Feminismus und Antisexismus groß geschrieben wird. Und damit wurden die Verletzungen, die er mir zufügte, unsichtbar. Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf.
  60. Bei diesen Gruppen handelt es sich um Menschen, mit denen ich nicht befreundet bin – und die mir dennoch so viel Bewegungsfreiheit nehmen. Ich kann nicht mehr auf Demos gehen und für Frauenrechte demonstrieren, wenn neben mir Menschen stehen, die wissen, was er tat und ihn dennoch in die Kreise aufnehmen, in denen Menschen sich eigentlich sicher fühlen sollten. Ich kann viele Veranstaltungen, die mich interessieren und die ich für meine Forschung besuchen möchte, nicht besuchen, weil er und die Menschen, die ihn schützen und mir dadurch schaden, dort sind.
  61.  
  62.  
  63. Eine zweite Chance – für wen?
  64. Ich habe oft den Fehler gemacht, zu denken, dass die Menschen, die einen Vergewaltiger in safe spaces holen, einfach nicht wissen, was er tat. Ich habe mehr als einmal lernen müssen, dass dies ein Trugschluss ist. Viele wissen es. Aber es ist ihnen egal. Oder sie wollen mir nicht glauben. Sie schließen die Augen, machen es sich leicht.
  65. Es nimmt mir den Atem, macht mich hilflos und sehr, sehr wütend. Dieser Mensch, der mir so viel antat, hat noch viel Macht über mich – das ist nicht zu ertragen.
  66. Einmal, nachdem A. mal wieder über Frauenrechte und gegen Gewalt an Frauen twitterte, platzte mir der Kragen und ich deutete durch einen Tweet an, dass ich vielleicht mal drüber schreiben sollte, was mir passiert ist. Daraufhin bekam A. Panik und schrieb mir eine SMS (!!!), mit der er mich beschwichtigen wollte. Ich antwortete mit einer langen E-Mail, in der ich ihm schrieb, was er mir antat. Er antwortete. Und schrieb darüber, wie schlimm es FÜR IHN ist, was er tat. In dem Zusammenhang fiel auch das Wort „Entschuldigung“, aber er entschuldigte sich nie für das, was er tat. Er schrieb die Worte in dem Moment, in dem er Angst hatte, dass ich öffentlich drüber sprechen würde und sich selbst deswegen leidtat.
  67. Ich bat ihm mehr als einmal, sich aus emanzipatorischen und antisexistischen Kreisen in Berlin rauszuhalten, weil ich es nicht ertrage, wenn er sich dafür stark macht. Einerseits weil es verlogen und wie ein Schlag in mein Gesicht ist, andererseits weil ich zwangsweise in meiner politischen Arbeit lahmgelegt bin.
  68. Er kam meiner Bitte nicht nach. Die Frau, die er so verletzte und dank ihm bis heute damit umgehen lernen muss, bat ihn um EINE Sache. Und er tat es nicht. Denn so war er in seiner neuen Clique wer – ein toller Mann, der gegen Sexismus ist. Um den Ruf nicht zu verlieren, muss er wohl oder übel die Frau, der er Gewalt antat, weiter verletzen. Pech gehabt, Schätzchen.
  69. Diese zynische Geschichte erzähle ich Menschen, die mich fragen: „Glaubst du nicht, dass er sich geändert hat?“ Das hat er nicht. Er hat nichts gelernt. Sonst würde er das nicht tun. Es geht nie darum, mir meine Freiheit wiederzugeben, sondern seinen Arsch und seinen Ruf zu retten. Und es klappt gut. Den Leuten ist es egal, welche Auswirkung die Gewalt, die von ihm ausgeht, (für mich) bedeutet. Denn er ist doch so ein netter Kerl!
  70. Einmal bat mir eine Person, die besonders bemüht ist, ihn in sämtlichen emanzipatorischen Kreise Berlins zu bringen, gönnerhaft an, dass sie, als Vorstand eines Vereins, auf deren Veranstaltung ich wollte, aber seinetwegen nicht konnte, es mir „ermöglichen kann, an dieser einen Veranstaltung teilzunehmen“. Soll heißen: Wenn ich einen Aufstand mache, kommt A. halt mal nicht auf diese eine Veranstaltung. Kein Problem, denn er ist ja sowieso so integriert, da kann man mir Schreihals ja auch mal eine Veranstaltung zugestehen, bei der ich, umringt von Menschen, die meinen Vergewaltiger decken und verteidigen, da sitze und mich richtig wohl fühle! Sie schrieb mir, ohne dass vorher irgendein Kontakt bestanden hätte. Sie schrieb über den offiziellen Account des Vereins, ungeachtet, ob ich Nachrichten von Menschen, die A. schützen und mich verletzen, empfangen wollte. Sie schrieb mir, nachdem ich anfing, darüber zu twittern, wie wütend ich bin, dass ich mich nicht frei bewegen kann und es nicht klar war, ob andere mitkriegen würden, wer damit gemeint ist. Es war ein gönnerhaftes Angebot, mir für den einen Tag und die eine Veranstaltung ein Stückchen Freiheit zu geben, damit ich mich nicht weiter öffentlich aufrege. Ein hingeworfenes Stück, abhängig von der Willkür einer Person (und ihrem Kreis), die mir Bewegungsfreiheit für eine Veranstaltung zugestehen - oder eben nicht.
  71. A. hat mich mir Gewalt angetan, mich zum Sex gezwungen und nie Verantwortung übernommen. Er hat nie versucht, es gut zu machen oder zumindest: Es mir nicht noch schwerer zu machen. Er hat seine Freiheit, Unterstützung von Menschen, die in jedem zweiten Satz Sexismus und Gewalt anprangern. Er hat seine zweite Chance bekommen und musste dafür nichts tun.
  72. Meine Freiheit, mich uneingeschränkt zu bewegen, keine Angst zu haben, mit ihm in einen Raum zu sein, auf Menschen zu treffen, die ihn schützen, bezahlt seine zweite Chance. Ich kann nicht neu anfangen, mich frei davon machen. Kein RESET-Knopf für mich.
  73.  
  74.  
  75. Ich wurde vergewaltigt
  76. Ich hasse es, diese Worte zu schreiben, zu sagen, auch nur zu denken. Ich konnte es lange nicht aussprechen und nuschelte nur „….zum Sex gezwungen“.
  77. Ich will das nicht. Ich will nicht, dass das passiert ist und ich will nicht jeden Tag damit umgehen müssen, was das in mir verändert hat. Ich will nicht als Opfer betrachtet werden, ich will diese Hilflosigkeit nicht mehr fühlen. Ich versuche, das Geschehene zu analysieren, zu verstehen. Ich entschuldige es, verharmlose es, suche die Schuld bei mir. War es vielleicht nicht so schlimm? Gilt es überhaupt, wenn ich nicht gleich die Polizei rief? Habe ich das Recht, darüber zu reden?
  78. Ich hab es von allen Seiten beleuchtet. Ich habe versucht, es zu vergessen, lächerlich zu machen. Ich wollte es verschwinden lassen. Und das hat nicht geklappt.
  79. Ich wurde vergewaltigt.
  80. Ich komme davon nicht los, denn es war kein Moment, der verstrichen ist. Es hält an. Jedes Mal, wenn ich Angst habe, dass er oder Menschen, die ihn, meinen Vergewaltiger, schützen, meinen Arbeitsplatz betreten. Auf der gleichen Lesung sind. Jedes Mal, wenn ich überlegen muss, wann er wohl nicht in meinem alten Kiez unterwegs sein wird, damit ich dort meine Freunde besuchen kann, ohne mich dauernd umzusehen. Jedes Mal, wenn ich Berührungen nicht ertrage, weil sie Erinnerungen und damit Panik auslösen. Jedes Mal, wenn mir bewusst wird, dass es für mich kaum einen safe space gibt, weil Menschen meine Verletzungen durch ihre Ignoranz ins Lächerliche ziehen und damit noch vergrößern. Ich bin unfrei und das will es ich nicht mehr sein.
  81. Es ist mir im Grunde egal, was mit ihm passiert. Ich lese ihn nicht als Mensch aus meiner Vergangenheit oder Exfreund, unsere Beziehung ist, bis auf wenige Erlebnisse, die ich oben schilderte, eine große graue Masse an vergangener Zeit und Energie. Es gibt kaum Erinnerungen – mein Hirn hat da ganze Arbeit geleistet. Er ist mein Vergewaltiger, der Mann, der mir Gewalt antat. Und doch geht es mir absolut nicht um Rache, sowas überlasse ich dem Karma (Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Satz schreibe. Ich möchte mich nicht rechtfertigen. Aber ich weiß, dass die Stimmen kommen werden, die mir Rache unterstellen und damit meine Erlebnisse und Schmerzen auf eine Ex-Beziehungskiste reduzieren. Aber das funktioniert nicht, denn das ist es nicht). Ich verschwende meine Energie nicht darauf, was mit ihm ist, sondern es geht darum, was mit mir ist.
  82. Dies ist der Grund, weshalb ich das hier schreibe. Ich möchte meine Freiheit zurück. Ich möchte den Menschen, die Macht über mich und meine Freiheit haben, ins Gesicht schreien, dass ich es nicht mehr zulassen werde, dass ich mein Leben, meine Handlungen und meine Bewegungen nach A. ausrichte. Ich mag mein Leben, meine Freunde, meine Liebe. Ich freue mich sehr auf meine Zukunft. Aber ich weigere mich, diese Ängste und Schmerzen immer mitzunehmen. Ich will frei von Angst sein, frei von diesem krassen Misstrauen.
  83. Es wird nie ganz weg gehen, das weiß ich. Aber ich weigere mich, dass Menschen diese Wunden immer wieder aufreißen und auf Kosten meiner Freiheit leben. Es reicht.
RAW Paste Data
Top