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- Manchmal ist mein Taschengeld schon nach ein paar Tagen alle. Wenn ich zum Beispiel an einem neuen Fall arbeite, muss ich mehr nachdenken als sonst. Und das geht nun mal nicht ohne meine heiß geliebten Carpenter's Chewing Gums. Bei meiner alten Freundin Olga kann ich zwar Kaugummi-Schulden machen. Aber irgendwann muss ich zahlen. Da lässt sie nicht mit sich reden.Vor zwei Wochen war es wieder so weit. Meine immer noch beste Freundin schaute mir lächelnd aus dem Verkaufsfenster ihres Kiosks entgegen. Vor ihr dampfte eine Tasse Kaffee.„Hallo, Olga", sagte ich und legte fünf Euro auf die Theke. Jetzt sind wir quitt."Zu meiner Überraschung drückte sie mir den Schein wieder in die Hand„Marie steckt in Schwierigkeiten",erklärte Olga. „Wenn du ihr hilfst,erlasse ich dir deine Schulden."Marie hatte Probleme? Olgas Nichte, auch genannt Lady Oberschlau? Die Siegerin bei der Chemie-Olympiade in Athen, die normalerweise für alles eine Lösung hatte?,,Was ist denn mit ihr?", fragte ich. Olga zuckte die Achseln. „Das wüsste ich auch gern, Kwiatkowski. Jedenfalls ist Maries Laune seit ein paar Wochen Unterirdisch. So habe ich sie noch nie erlebt!"Ich dachte an unsere gemeinsamen Ferien auf Kreta. Damals hatte Marie von morgens bis abends mit meinem griechischen Kollegen Herakles zusammengesteckt.,,Vielleicht hat sie Liebeskummer", überlegte ich.„Nein, nein", widersprach Olga. „Das würde sie mir erzählen. Triff dich doch mal mit ihr, mein Engel.",,Ich bin nicht dein Engel", knurrte ich und machte mich auf den Weg nach Hause.Nachdem ich mir ein Glas frische Milch eingeschenkt hatte, wählte ich Maries Nummer.Hier ist Kwiatkowski", meldete ich mich. Wie geht's denn so?* Was willst du?" Marie klang tatsächlich, als wäre ihr eine ganze Armee von Läusen über die Leber gelaufen.Können wir uns vielleicht mal treffen?", schlug ich von Für ein paar Augenblicke war es still in der Leitung. Tante Olga hat mit dir geredet", hörte ich dann wieder Maries Stimme. „Hab ich recht?" 156 Immerhin funktioniert er mindestens so schnell wie meiner. Und das will was heißen.Hat sie", erwiderte ich. Sie sagt, bei dir ist was nicht in Ordnung."
- Zu meiner Überraschung widersprach Marie nicht. Stattdessen murmelte sie nur: „Du kannst mir auch nicht helfen." Vielleicht doch."Normalerweise hätte sie jetzt irgendeine ätzende Bemerkung über zehnjährige Privatdetektive gemacht. Stattdessen sagte sie: „In Ordnung, Kwiatkowski. Aber ich will nicht am Telefon darüber reden. Komm morgen Nachmittag um vier zur Stadtkirche."Am nächsten Tag regnete es, in der Innenstadt war kaum jemand unterwegs. Ich stellte mich unter das Dach des Kirchenportals und wartete. Die Glocken schlugen gerade Viertel nach vier, da kam Marie über den Platz gerannt. Um sich vor dem Regen zu schützen,hatte sie die Kapuze ihres Anoraks tief ins Gesicht gezogen. „Bist du schon lange hier?", fragte sie, nachdem sie wieder zu Atem gekommen war: " Ich zuckte nur mit den Schultern." Für Privatdetektive ist das ganze Leben ein einziges großes Warten, hat ein berühmter Kollege mal gesagt. Eine Viertelstunde ist da ein Klacks. "Was ist los?", fragte ich. „Ich werde verfolgt",Antwortete Marie. Fast jeden Tag."„Von wem?"ein Lieferwagen. "Zwei Männer sitzen drin."Bist du sicher, dass sie es auf dich abgesehen haben?"Marie nickte. Ganz sicher. Sie tauchen auf, wenn ich morgens zur Schule gehe. Und mittags passiert dasselbe!"Hast du eine Idee, was die von dir wollen?", setzte ich meine Befragung fort. Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Schimmer. Ehrlich", fügte sie hinzu, als sie mein zweifelndes Gesicht sah. Marie hat diesen Intelligenz Dingsbums von 156. Das bedeutet, sie kann auch schlauer lügen als die meisten Menschen auf der Welt.„Hast du irgendwas unternommen?",wollte ich wissen.„Bis jetzt nicht",antwortete Marie.Vor ungefähr vier Wochen."Gab's da irgendwas Besonderes?" Was Besonderes?" Maries Stirn legte sich in Falten. Nicht dass ich wüsste", antwortete sie schließlich.Inzwischen hatte der Regen aufgehört, die Sonne war herausgekommen. Das Pflaster auf dem von Pfützen übersäten Platz vor der Kirche begann zu dampfen. "Ich überlege mir was", sagte ich. Morgen um vier treffen wir uns wieder hier. "Einverstanden?" "Einverstanden, Kwiatkowski."Am nächsten Morgen stand ich früher auf als sonst. Marie hatte in der Grundschule die zweite Klasse übersprungen. Deshalb ging sie schon seit diesem Schuljahr aufs Goethe- Gymnasium. In der Nacht hatte ich beschlossen, Marie unauffällig auf ihrem Schulweg zu folgen. Ich wollte mir diesen Lieferwagen unbedingt näher anschauen. Vielleicht entdeckte ich ja etwas, was die Frage beantwortete, warum die beiden Männer hinter Marie her waren."Musst du schon los?", fragte Mama beim Frühstück. Ich nickte. Zum Glück bohrte sie nicht weiter. Wegen ihrer Arbeit im Krankenhaus regle ich sowieso das meiste selbst. Inzwischen weiß sie, dass ich damit normalerweise keine Probleme habe. Daher gab sie mir nur einen flüchtigen Abschiedskuss und steckte ihre Nase wieder in die Zeitung. Punkt Viertel vor acht verließ Marie das Haus, in dem sie mit ihren Eltern wohnt. Ich ließ ihr fünfzig Meter Vorsprung und heftete mich dann an ihre Fersen. Maries Schulweg führte zunächst an Olgas Kiosk vorbei. Ich warf meiner alten Freundin einen verschwörerischen Blick zu und legte dabei den Finger an die Lippen. Olga nickte, sie hatte verstanden. Danach ging es durch eine nur wenig befahrene Einbahnstraße, die irgendwann den Kanal überquerte.Marie war schon auf der Brücke, als mich ein Lieferwagen überholte. Ich schaute mich um. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Was war, wenn in dem Wagen die Männer saßen, vor denen Marie fürchtete? Was sollte ich tun, wenn jetzt irgendwas Schlimmes passierte? Ohne weiter nachzudenken, steckte ich mir ein Carpenter's zwischen die Zähne und rannte los. Ich sprintete über die Brücke, die sich wie ein Regenbogen über den Kanal spannt und atmete erleichtert auf. An einer Fußgängerampel stand Marie. Sie schaute ein bisschen zerzaust aus. In der Hand hielt sie ein Blatt Papier."Die haben mich entführt, Kwiatkowski!", schrie sie, als ich außer Atem vor ihr stoppte.Offenbar interessierte sie gar nicht, was ich hier zu suchen hatte. Die haben mich echt entführt!" Häh?" Ich verstand nur Bahnhof.Und warum stehst du dann hier?" Marie holte tief Luft und legte los: „Da war wieder dieser Lieferwagen. Plötzlich hat er neben mir gehalten. Ein Mann hat mich in den Wagen gezerrt, mir den Wisch hier gegeben und mich gleich wieder raus geschubst.Ich nahm ihr das Blatt Papier aus der Hand. Und es stand :
- WIR WOLLEN DAS MITTEL !!!
- ÜBERGABE MORGEN NACHT UM 24 UHR AUF DER BRÜCKE.fragte ich.
- Marie zuckte nur mit den Schultern. Sie schien noch unter Schock zu stehen. Kein Wunder. Wer wird schon am helllichten Tage entführt?! Wie viele waren es?", wollte ich wissen.„Zwei", antwortete sie. „Einer saẞ vorn, der andere hat mich in den Laderaum gezogen."Kanntest du sie?"Sie schüttelte den Kopf. Haben sie was gesagt?"Kein einziges Wort."Hast du dir das Kennzeichen gemerkt?"Nein. Und du?"Ich auch nicht", gab ich zu Es ging alles so schnell." Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte ich: Eigentlich müssen wir die Polizei einschalten, Das war eine echte Entführung. Der Fall ist eine Nummer zu groß für mich." Allmählich kehrte die Farbe in Maries Gesicht zurück. „Seit wann arbeitest du mit der Polizei zusammen, Kwiatkowski? Tante Olga sagt, du bist besser als die!"Da hatte meine alte Freundin allerdings recht. Wie kommst du eigentlich mit der Polizei klar?", fuhr sie fort.Nicht besonders", antwortete ich widerwillig. Ich war es nicht gewohnt, so ausgehorcht zu werden. Normalerweise stelle ich die Fragen. Die denken, ich erfinde meine Fälle. Die nehmen mich nicht ernst."Marie grinste. Verstehe ich", sagte sie.Anders als sonst ging ich nicht auf ihren Spott ein. Ist dir an den Entführern irgendwas aufgefallen?", fragte ich stattdessen.Nee. Den Fahrer konnte ich überhaupt nicht sehen. Und der andere sah ganz normal aus. Mittelalt. Und mittelgroß, mit braunen Haaren. Oder blonden? Schwarz waren sie jedenfalls nicht." Marie zuckte mit den Schultem Ich ließ nicht locker. Und was war mit dem Lieferwagen? Gab's an dem was Besonderes?"Sie dachte nach. Die Schrift an der Beifahrerseite war abgeklebt", sagte sie nach einer Weile.Und weiter?"„Das Papier hatte sich an ein paar Stellen vom Lack gelöst", antwortete sie. „Aber ich habe nur ein großes .C', ein kleines,t' und ein kleines,g' erkannt."In welcher Reihenfolge?" „Das,C' war der erste Buchstabe", erklärte Marie. Das,t' stand in der Mitte und das g' hinten."Sagt dir das was?"Überhaupt nichts", antwortete sie und fügte hinzu: „Jetzt bist du dran, Kwiatkowski."Sieht ganz so aus. Und du überlegst dir bitte, welches Mittel die Typen meinen könnten."Meine Mutter war nicht zu Hause. Aut dem Küchentisch lag ein Zettel. Bin zum Abendessen wieder da. Kuss, Mama!", hatte sie drauf gekritzelt. In meinem Zimmer warf ich mich aufs Bett, steckte mir zwei meiner Carpenter's in den Mund und schloss die Augen. C...t...g", ging es mir durch den Kopf. Immer wieder C...t...g". In welchen Wörtern kamen diese drei Buchstaben in genau dieser Reihenfolge vor? Sosehr ich mich auch anstrengte, mir fiel kein einziges ein. Im Deutschen beginnen nur wenige Hauptwörter mit einem C, stellte ich fest.Ich sprang aus dem Bett und setzte meinen alten Computer in Gang. Wie immer dauerte es eine Ewigkeit, bis er hochgefahren war. Dann begann ich, auf die Tastatur einzuhacken. Die meisten Treffer waren englische Wörter Ober City" und Cote" kam ich schließlich zu Cater". Als ich nach vergeblichen Versuchen mit "0", " und „a" ein " hinter das " setzte, erschien umgehend Catering" auf dem Monitor. Ich wusste, was das Wort bedeutete. Das waren Firmen, die Schulen und Kindergärten mit Essen versorgten oder auf Feiern kochten und bedienten. Sofort rief ich Marie an. „Catering",sagte ich nur, als sie sich meldete. Wie... wie.... bitte?", stotterte sie. Ich freue mich immer, wenn ich das Chemie-Genie sprachlos machen kann. Das passiert leider nicht oft. Dann ist es aber umso schöner.„Das Wort auf dem Lieferwagen war Catering'. Glaube ich wenigstens", fügte ich hinzu.Und?"„Denk mal drüber nach, ob dir das was sagt."Am nächsten Tag freute ich mich schon auf dem Weg von der Schule nach Hause wie verrückt aufs Mittagessen. Meine Mutter hatte am Morgen Frikadellen angekündigt. Für die wunderbaren Dinger würde ich glatt ein Verbrechen begehen - auch wenn ich Detektiv bin.Als ich die Wohnungstür öffnete, drang mir sofort der himmlische Duft von gebratenem Hackfleisch in die Nase. Meine Mutter war gerade dabei, den Tisch zu decken. Du sollst Marie anrufen!", rief sie.Die kann warten!", erwiderte ich. Kann sie nicht", widersprach meine Mutter. Wenn ich sie richtig verstanden habe, ist es dringend. Keine Angst, ich stelle die Frikadellen warm", fügte sie hinzu.Marie war sofort am Telefon. Ich hab"', sagte sie aufgeregt und legte los: "Du hast mich doch gefragt, ob vor vier Wochen was Besonderes gewesen ist." Heute Nacht ist mir eingefallen, dass mein Papa vor genau einem Monat seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat."Sie zögerte kurz und fuhr dann fort: Mein Vater hat fünfzig Freunde und Verwandte eingeladen. Und ein Catering-Unternehmen hat für Essen und Trinken gesorgt." „Echt?", rief ich. Vielleicht haben die dich ja entführt..."Lass mich ausreden", unterbrach sie mich. Zu den Leuten, die die Gäste bedient haben, gehörten auch zwei Männer!"Das waren bestimmt die beiden aus dem Lieferwagen!", rief ich. Jetzt verschwendete ich keinen Gedanken mehr an die Frikadellen, die im Ofen au mich warteten. „Kannst du den Namen des Catering-Unternehmens rauskriegen?", fragte ich aufgeregt.„Kann ich."In Ordnung. Wir treffen uns in zehn Minuten wieder an der Kirche."Ich lief in die Küche, fischte eine viel zu heiße Frikadelle aus dem Ofen, verbrannte mir dabei die Finger und rannte aus dem Haus, bevor meine Mutter auch nur fragen konnte, wohin ich wollte. Inzwischen war ich einfach zu schnell für sie.Das waren bestimmt die beiden aus dem Lieferwagen!", rief ich. Jetzt verschwendete ich keinen Gedanken mehr an die Frikadellen, die im Ofen auf mich warteten. „Kannst du den Namen des Catering-Unternehmens rauskriegen?", fragte ich aufgeregt.„Kann ich." In Ordnung. Wir treffen uns in zehn Minuten wieder an der Kirche."Ich lief in die Küche, fischte eine viel zu heiße Frikadelle aus dem Ofen, verbrannte mir dabei die Finger und rannte aus dem Haus, bevor meine Mutter auch nur fragen konnte, wohin ich wollte. Inzwischen war ich einfach zu schnell für sie.Marie wartete schon auf mich. In der Hand hielt sie ihr Handy. Ich habe fünf Catering-Firmen bei uns in der Stadt gefunden", erklärte sie. Sie tippte auf das Display. Schau mal, die könnte es gewesen sein!"Über einem riesengroßen Suppentopf stand Ihr Caterer Boris Bull". Das sind sie", sagte sie.Bist du sicher?"Sie nickte. Der Suppentopf war auch auf den T-Shirts der Entführer. Als ich das Bild gesehen habe, ist es mir wieder eingefallen."Ich steckte mir einen Streifen Carpenter's zwischen die Zähne. Es war der letzte. Kein Wunder, der Fall hatte es in sich.Wie geht's denn nun weiter?", fragte Marie.Wir wissen immer noch nicht, welches Mittel die Entführer von dir wollen", antwortete ich.„Vielleicht doch", sagte Marie.Echt?"Sie nickte. Ich habe meinem Papa zum Geburtstag ein besonderes Geschenk gemacht", begann sie. Ihm sind in letzter Zeit ganz viele Haare ausgefallen. Jeden Morgen war sein Kamm voll davon. Er hat sogar schon überlegt, sich Haare einpflanzen zu lassen. Da habe ich extra für ihn ein Haarwuchsmittel entwickelt."Komm zur Sache", forderte ich sie auf.Sofort, Kwiatkowski! In seiner Rede bei der Feier hat Papa gesagt, dass er nie ein schöneres Geburtstagsgeschenk gekriegt hat. Er hätte das Mittel erst ein paar mal benutzt, und schon fielen ihm kaum noch Haare aus."Das ist ja sehr schön für deinen Vater", unterbrach ich ihren Redeschwall. „Aber was hat das mit dem Catering-Unternehmen zu tun?Marie lächelte. Während der Rede sind die Leute von der Catering-Firma mit dem Essen hin- und hergelaufen. Sie konnte also jedes Wort mithören."Jetzt erst fiel bei mir der Groschen. Das Kaugummi in meinem Mund schien nicht besonders gut zu wirken. Du meinst also, die beiden Mitarbeiter von Boris Bull wollen an das Haarwuchsmittel ran", sagte ich.Sie nickte.Ich dachte nach. Vielleicht haben sie ja vor, große Mengen davon herzustellen und damit richtig viel Geld zu verdienen." Wieder nickte sie. „Das denke ich auch.""Um ihr Ziel zu erreichen, schrecken sie offenbar vor nichts zurück", überlegte ich weiter. Nicht mal vor einer Entführung."An der Brücke haben sie sich unbeobachtet gefühlt", sagte Marie. „Das haben sie ausgenutzt."Sieht ganz so aus."„Wir müssen wohl doch zur Polizei", stellte sie fest. „Nicht unbedingt", antwortete ich."",,Es gibt noch eine andere Möglichkeit." „Und welche?"„Du gibst ihnen das Mittel. Heute um Mitternacht, genau wie sie es auf dem Zettel verlangen. Dann bist du sie los."„Bist du verrückt?", rief sie. Siehst du einen anderen Weg?"Als Marie nicht antwortete, fragte ich „Kannst du dich nachts aus dem Haus schleichen?",,Das kriege ich schon hin", erklärte sie.„Alles klar, dann treffen wir uns heute Abend um elf an Olgas Kiosk. Ich werde bei der Übergabe dabei sein.""Am Abend lag ich auf meinem Bett und las." Aber leider konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren. Mit jeder Minute stieg meine Anspannung. Um halb zehn verabschiedete sich meine Mutter von mir. Sie fuhr ins Krankenhaus zum Nachtdienst. "Mach bitte bald das Licht aus", sagte sie und drückte mir den üblichen Kuss auf die Stirn. Sie hatte zwar aus lauter Ärger über meinen schnellen Abgang alle Frikadellen selbst aufgegessen, doch immerhin hatte die große Ladung Fleischklopse sie versöhnlich gestimmt.,,In Ordnung, Mama.",,Stimmt was nicht?", fragte sie, bevor sie ging. Sie spürte wohl meine Aufregung.,,,Alles bestens, Mama."Eine Stunde später zog ich eine schwarze Jeans und einen schwarzen Pullover an und setzte statt meiner Kappe meine schwarze Wollmütze auf. Dann steckte ich das letzte Päckchen Carpenters ein und holte eine volle Flasche Milch aus dem Kühlschrank.Vielleicht mussten wir länger warten. Das geht leichter mit Kaugummi und frischer Milch.Der Mond hing wie eine dicke Kartoffel über der Stadt. Sein Licht war an diesem Abend so hell, dass ich meine Taschenlampe gar nicht brauchte.Marie erwartete mich bereits im Schatten des Kiosks. Genau wie ich hatte sie sich schwarze Sachen angezogen.„Gab's Probleme?", fragte ich.Sie schüttelte den Kopf.,,Glaubst du, die Entführer kommen?"„Wir werden sehen", antwortete ich. Wenn die beiden Männer aus dem Lieferwagen dumm waren, würden sie sich mit uns treffen. Wenn sich in ihren Köpfen nicht nur Stroh befand, würden sie es bleiben lassen. Schließlich mussten sie damit rechnen, dass sie in eine Falle liefen, dass vielleicht sogar die Polizei auf sie wartete.,,Hast du das Mittel?", fragte ich.Marie holte ein Fläschchen aus der Hosentasche.,,In Ordnung. Los geht's!" Der Weg zur Kanalbrücke dauerte länger, als wir geplant hatten. Immer wieder kamen uns Leute entgegen, und wir mussten in den Schatten der Häuser ausweichen.Zwei Kinder kurz vor Mitternacht s unterwegs? Da hätten wir schnell die Polizei an den Hacken gehabt,Als wir die Brücke erreichten, war niemand zu sehen. Wir versteckten uns hinter einem parkenden Auto und warteten. Marie lehnte die Mitch, die ich ihr anbot, ab. Aber sie nahm einen Streifen Carpenter's. Schließlich sind es auch ihre Lieblings Kaugummis. Bald schlug die Uhr der benachbarten Lutherkirche zwölf. Dann Viertel nach zwölf. Dann sogar halb eins. „Die kommen nicht mehr", flüsterte Marie.Wir warten noch fünf Minuten. Dann brechen wir ab", flüsterte ich zurück.Kaum hatte ich das gesagt, näherte sich eine Gestalt der Brücke. Sie ging langsam und schaute sich suchend nach allen Seiten um.Das ist unser Mann", flüsterte ich. Wo ist der andere?", fragte Marie, während sie ihr nagelneues Handy aus der Hosentasche zog.Jetzt blieb der Mann mitten auf der Brücke stehen. Er trug eine schwarze Mütze, sein Gesicht war im Mondschein deutlich zu erkennen. Drei-Tage-Bart, dicke Augenbrauen, eine kräftige Nase und ein schmaler Mund- sympathisch sah der Typ nicht gerade aus.Erkennst du ihn wieder?", fragte ich Marie.Sie nickte.Besser wird das Licht nicht", flüsterte ich. Mach schon, wir brauchen ein Foto von ihm!"Gehorsam drückte Marie ein paarmal auf den Auslöser ihres Handys.Weiter wie besprochen?", fragte sie.Wie besprochen", sagte ich.Während wir langsam auf den Mann zugingen, sah es für einen Moment so aus, als wolle er wegrennen. Aber dann blieb er doch stehen. Hastig zog er sich die Mütze fast bis zur Nase.Damit oder trotzdem was sehen konnte, hob er den Kopf und schielte uns unter dem Mützenrand hervor. " Ein paar Schritte vom Entführer entfernt hielten wir an.Wer ist das?" Der Mann zeigte auf mich.Mein Freund", antwortete Marie. Ich war ihr Freund? Interessant.Ich holte mein Handy aus der Tasche, zeigte es ihm. Keine Tricks", sagte ich. "Ich habe 110 schon eingegeben!" Der Vermummte beachtete mich nicht: " Hast du das Mittel dabei?", fragte er Marie. Sie hielt das Fläschchen hoch. "Gib es mir!"Sie bückte sich und stellte das Fläschchen vor sich auf den Bürgersteig. Dann traten wir einen Schritt zurück. Der Mann sah uns, ohne sich zu bewegen, aus schmalen Augen an. Ich schluckte. Nur cool bleiben, Kwiatkowski! Schließlich sah unser Plan vor, den Mann nach der Übergabe heimlich zu verfolgen.Ohne den Blick von uns abzuwenden, ging der Mann jetzt àqqq Q10 q das Fläschchen zu. Ich versuchte, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen. So fest ich konnte, presste ich meine Lippen aufeinander, damit der Entführer nicht hörte, wie meine Zähne klapperten. Marie neben mir trat nervös von einem Bein auf das andere.Als der Mann sich bückte, um nach dem Fläschchen zu greifen, nahm sie plötzlich meine Hand und rannte los Das hatte zwar nicht zu unserem Plan gehört.
- nachdem ich wieder zu Atem
- gekommen war.Es wird funktionieren. "Jede Wette!". antwortete Marie. Dabei verzog sich ihr Gesicht zu einem breiten Grinsen. Das konnte nur eins bedeuten: "Hier stimmte was nicht.Was ist in dem Fläschchen?", fragte ich.Sie antwortete nicht. "Aber das Grinsen wurde noch breiter.In dem Fläschchen ist überhaupt kein Haarwuchsmittel", stellte ich fest.
- "Du hast es erfasst, Kwiatkowski."
- "Was ist denn dann drin?"„Das Gegenteil."
- Mir verschlug es für einen Moment die Sprache. „Du... du... du meinst, denen fallen die Haare aus, wenn sie es benutzen?", stammelte ich.„Du sagst es.",,Woher weißt du, wie man so was herstellt?"Sie zuckte die Achseln. Man braucht nur ein bestimmtes Mittel gegen Pickel zu nehmen. Dann fügt man noch ein paar andere hübsche Sächelchen hinzu, die ich dir nicht verraten werde. Und schon fallen dir die Haare in Büscheln aus. Natürlich musst du sie dafür zuerst waschen", fügte sie kichern hin Als Detektiv bin ich nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen. Doch jetzt platzte mir der Kragen.Bist du wahnsinnig?", schnauzte ich sie an. Die Entführer werden sich rächen! Auch an mir! Und du bist schuld!"Marie baute sich vor mir auf und tippte mir mit ihrem Zeigefinger gegen die Brust. Es tat ein bisschen weh. „Glaubst du im Ernst, ich lasse mich auf dem Weg zur Schule einfach so in ein Auto zerren? Meinst du, die Typen können mit mir machen, was sie wollen?"Und was sollen wir jetzt bitte schön tun?", fragte ich.
- ,,Abwarten und Milch trinken!", rief sie und war im nächsten Augenblick in der Straße hinter dem Kiosk verschwunden.Drei Tage vergingen. Drei Tage, an denen ich jeden Augenblick damit rechnete, dass die Entführer auftauchen und fürchterliche Rache an uns nehmen. Sobald die Schule aus war, raste ich nach Hause und verkroch mich in meinem Zimmer. Jeder weiße Lieferwagen versetzte mich in Panik, jeder Mann mit dicken Augenbrauen und kräftiger Nase ließ mir das Herz in die Hose rutschen.Am vierten Tag hielt ich es nicht mehr aus und besuchte Olga. Ich brauchte jemanden, mit dem ich reden konnte.
- „Du siehst schlecht aus, Kwiatkowski", begrüßte sie mich.,,Mir geht's auch nicht gut", erwiderte ich.Sie schob mir eine Limoflasche über die Theke. Trink erst mal was!",,Wo brennt's denn?", wollte sie wissen, nachdem ich die Flasche in einem Zug geleert hatte. „Hat es was mit Marie zu tun?"Ich wischte mir den Mund ab und erzählte ihr die ganze Geschichte. Wie in allen früheren Fällen hörte sie aufmerksam zu. Sie ließ sogar eine Kundin warten, bis ich mit meiner Geschichte fertig war. Erst dann bediente sie die Frau.Hinterher sagte Olga: „Die Catering- Firma kenne ich."Hätte mich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre.Heute Morgen waren zwei Männer von Boris Bull hier und haben eingekauft", fuhr sie fort. „Zwei belegte Brötchen.",,Ist dir an ihnen was aufgefallen?", fragte ich weiter.Ihre Köpfe sahen lustig aus", erklärte sie. „Ein bisschen wie die von Truthähnen." „Also ziemlich kahl", stellte ich fest. „Mit ein paar Haarbüscheln."Olga nickte. „Sie haben mich gefragt, wo Marie wohnt."„Du hast es ihnen doch nicht verraten?", rief ich.Sie schüttelte empört den Kopf. „Natürlich nicht."Wie seid ihr denn überhaupt auf Marie gekommen?", setzte ich meine Befragung fort.Olga wurde ein bisschen rot.Vielleicht habe ich zu sehr mit Maries Sieg bei der Chemie-Olympiade angegeben", sagte sie. Die Männer haben behauptet, dass sie gern ein Autogramm von meiner berühmten Nichte hätten. Aber das habe ich ihnen nicht geglaubt." Eine ganze Weile hingen wir beide unseren Gedanken nach. „Sie wollen sich an uns rächen", murmelte ich irgendwann. „Erst ist Marie dran, dann ich."„Am besten geht ihr zur Polizei", schlug Olga vor. Die kennen sich mit so was aus."Wenn ich mich nicht täusche, gibt es keinen Zeugen für Maries Entführung". erklärte ich. „Sie war ja auch nur ein paar Sekunden im Lieferwagen. Man wird uns nicht glauben."„Na, dir wird schon was einfallen", sagte sie. Schließlich bist du Kwiatkowski."Zu Hause schlug ich das „Kleine Handbuch des erfolgreichen Privatdetektivs" auf. Schnell hatte ich gefunden, was ich suchte. Es stand im sechsten Kapitel auf Seite 74:Ein guter Detektiv sollte den Menschen, gegen die er ermittelt, immer einen Schritt voraus sein."Genau das war das Problem. Im Augenblick wartete ich nur darauf, dass die Caterer sich an Marie und mir rächten. Das bedeutete, sie bestimmten das Spiel. Aber das würde sich ändern, so wahr ich Kwiatkowski hieß! Ich rief Marie an und erzählte ihr, was die beiden Männer von Olga wollten wissen wollen.,,Und was machen wir jetzt?", fragte Marie. Ich ließ sie ein bisschen zappeln. Immerhin hatte sie uns den ganzen Mist eingebrockt.Tja", sagte ich nur.Komm schon, Kwiatkowski. Du hast doch einen Plan!"Ich erzählte ihr, was ich vorhatte, Wir treffen uns morgen früh um halb sechs am Kiosk", sagte ich. Um halb sechs?", rief sie. So früh?"„Sei pünktlich", knurrte ich und legte auf.Am nächsten Tag hatte meine Mutter Frühdienst im Krankenhaus. Kurz nach ihr verließ auch ich das Haus und erreichte den Olgas Kiosk zur vereinbarten Zeit. Vor der Hintertür lagen Pakete mit druckfrischen Tageszeitungen, das schwere eiserne Gitter hing noch vor dem Verkaufsfenster.Schon bald kam Marie die Straße herunter gerannt. „Meine Eltern ...", begann sie.Wir müssen los!", unterbrach ich sie. Mir war es in diesem Moment ziemlich egal, wie sie es geschafft hatte, unbemerkt von zu Hause wegzukommen.Du hast hoffentlich dein Handy dabei", sagte ich. „Wir brauchen die Fotos."`Na, hör mal!"Das Firmengebäude von „Boris Bull" befand sich im Industriegebiet im Norden der Stadt. Auf dem umzäunten Parkplatz direkt neben dem Haus parkten einige weiße Lieferwagen. Die Lampen über dem Firmeneingang brannten noch, die Rollos vor den Fenstern waren heruntergelassen. Wir suchten uns ein Versteck hinter einem großen Busch und warteten. Es würde bestimmt nicht mehr lange dauern, bis der erste Caterer auftauchte Und genauso war es. Um Viertel vor sechs öffnete ein kräftiger Mann die Einfahrt zum Parkplatz und danach die Firmentür. Dann verschwand er im Gebäude. Es war der Chef des Unternehmens, Boris Bull. Ich hatte sein Foto am Abend zuvor im Internet gefunden. Der Kopf des Mannes war kahl wie eine Billardkugel.Ich stieß Marie an. „Gehörte der auch zu deinen Entführern?" Sie schüttelte den Kopf. Aber er hat eine Glatze, wollte ich sagen. Doch dazu kam ich nicht mehr. Denn plötzlich packte mich eine riesige Hand am Kragen und zog mich hoch.Marie erging es genauso. ,,Was treibt ihr hier?", orgelte eine tiefe Männerstimme. Heraus mit der Sprache!"Mit je einer kräftigen Hand im Nacken drehten wir uns vorsichtig um. Vor uns stand Boris Bull. „Na ja", antwortete ich. Wir gucken nur ein bisschen."„Genau", sagte Marie.„Und was gibt's an meiner Firma Interessantes zu sehen?"„Die Tür ist sehr schön", antwortete ich.„Genau!", rief Marie.Boris Bull hielt uns beide nur noch an den Schultern fest.Ich lass mich von euch Daumenlutschern doch nicht auf den Arm nehmen!", brüllte er, während sein Gesicht langsam rot wie eine Tomate wurde.Er wollte noch etwas hinzufügen, da kamen zwei Männer über die Straße gelaufen. Sie trugen schwarze Kappen mit einem „BORIS BULL"-Aufdruck.,,Brauchst du Hilfe?", fragte einer der beiden.Sein Chef lachte.,,Mit den Süßen hier werde ich schon allein fertig!" ,,Was haben sie dir erzählt?"„Erzählt?", fragte Boris Bull zurück. „Gar nichts! Kennst du die Kinder
- Als der Mann nicht antwortete, wandte sich sein Chef wieder an uns. Wollt ihr mir vielleicht was sagen?"etwa?"Marie und ich schauten uns an. Sie zwinkerte mit dem rechten, ich mit dem linken Auge. Dann legten wir los. Während wir redeten, wurden die Gesichter der beiden Entführer immer länger. Als wir Boris Bull schließlich auch noch die Fotos zeigten, die Marie in der Nacht gemacht hatte, blieb den Männern buchstäblich die Luft weg.„Kappen ab!", schnauze Boris Bull seine Leute an, als wir schwiegen.Kappen ab!", wiederholte er, weil seine Angestellten nicht reagierten Widerwillig gehorchten die beiden. Wie seht ihr denn aus?" Boris Bull lachte, bis ihm die Tränen kamen.„Wie Truthähne“, stellte Marie fest.
- „Du hältst dich raus!" Boris Bull wurde wieder ernst. Ihr wolltet der Kleinen hier also ihre Erfindung klauen, um damit fette Kohle zu machen. Das kann doch wohl nicht wahr sein!" Der kleinere seiner beiden Angestellten schüttelte energisch den Kopf. „Wir haben das nur für dich gemacht, Chef", beteuerte er.„Für mich? Ich bin Caterer, kein Friseur!",,Aber du hast eine Glatze", sagte der Angestellte. „Und du erzählst uns seit Jahren, dass du mal wunderschöne, schulterlange Haare hattest. Weil du bald Geburtstag hast, haben wir deshalb gedacht,,Da habt ihr gedacht, ihr schenkt mir ein Haarwuchsmittel", unterbrach ihn Boris Bull. „Genau." „Aber ich liebe meine Glatze!", rief Boris Bull. Er lachte. „Und ich sehe damit tausendmal besser aus als ihr mit eurer Truthahn-Frisur." Die beiden Entführer schauten Hätten die beiden dich nicht schon bei der Geburtstagsfeier fragen können, ob du ihnen was von dem Mittel abgibst?", meinte sie, nachdem wir unseren Bericht beendet hatten.Wahrscheinlich wollten sie auf Nummer sicher gehen", sagte ich. „Die dachten, so ein geniales Zeug rückt niemand freiwillig raus."Hättest du ihnen denn was gegeben?", wollte Olga von Marie wissen.,,Natürlich", antwortete die. „Aber das Mittel hätte bei Boris Bull nicht gewirkt. Es hilft nur Papas Kopf. Für den Caterer hätte ich was Neues mixen müssen."Olga legte einen Briefumschlag vor Marie auf die Theke. Den hat Boris Bull heute Morgen für dich abgegeben", erklärte sie.Marie riss den Umschlag auf und holte ein Blatt Papier heraus. „Gutschein über ein Luxus-Catering an deinem nächsten Geburtstag. Die Entführer lassen grüßen", las sie vor.,,Und was ist mit Kwiatkowski?", woll e Olga wissen.,,Der ist natürlich eingeladen", antwortete Marie. Und du auch."
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