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Jul 3rd, 2013
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  1. SONNTAG 30. JUNI, 2013
  2. Menschenrechte hochhalten, nach Daten tauchen
  3. Das U-Boot USS Jimmy Carter ist seit 2005 in geheimer Mission unterwegs. Es kann Glasfaserleitungen in den Ozeanen abschöpfen
  4. Von Thomas Gutschker
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  6. Für Jimmy Carter war der 12. August 2005 ein besonderer Tag. Es war der Tag, an dem der frühere Präsident der Vereinigten Staaten ein neues U-Boot in Dienst nahm. Nicht irgendeines, sondern ein ganz besonderes. „Das hier ist das beste Schiff unserer Navy, jeder Navy“, schwärmte Carter am Pier vor Hunderten Ehrengästen. Er trug eine gelbe Windjacke und ein Baseball-Käppi. Jeder konnte spüren, wie stolz der Mann war, der als Präsident nach einer Amtszeit aus dem Weißen Haus verjagt worden war und so viel Spott hatte einstecken müssen. „USS Jimmy Carter“ – das mächtige U-Boot trug nun seinen Namen.
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  8. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Carter selbst ein paar Jahre Matrose eines U-Boots gewesen, das hatte ihm die besondere Ehre verschafft. In seiner Rede staunte er, wie groß die walförmigen Schiffe inzwischen seien, auch wenn das nicht dem Komfort der Besatzung diene. Über die besonderen Fähigkeiten der USS Jimmy Carter sagte der Namenspatron wenig. Nur so viel: Das U-Boot werde eine Rolle spielen, die „der Sicherheit der Vereinigten Staaten und der freien Welt auf einzigartige Weise zuträglich sein wird“. Da hatte er nicht zu viel versprochen, jedenfalls was sein Land angeht.
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  10. Denn die USS Carter kann etwas, was kein anderes Schiff kann: Sie kann heimlich Glasfaserleitungen in den Weltmeeren anzapfen und Daten für den Geheimdienst NSA abgreifen. Natürlich würden die Amerikaner das nie offen zugeben. Warum sollten sie auch? Die USS Jimmy Carter ist die Geheimwaffe der Vereinigten Staaten für all jene Fälle, in denen Netzbetreiber und befreundete Geheimdienste die NSA-Techniker nicht in ihre Rechenzentren lassen.
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  12. Die Planungen dafür gehen zurück in die letzten Jahre des Kalten Kriegs. Damals betrieben die Vereinigten Staaten ein weltumspannendes Abhörsystem für Funk- und Satellitendaten. Über dieses System, „Echelon“ genannt, konnte die NSA Telefonate, Faxe und Internetdaten abfangen; eine große Abhörstation stand im bayerischen Bad Aibling. Natürlich war die NSA auch in der Lage, Kupferleitungen anzuzapfen, sogar solche, die in den Weltmeeren verliefen. Dafür gab es spezielle U-Boote. Einem gelang es 1971, ein Unterseekabel anzuzapfen, das die sowjetische Marinebasis auf der Halbinsel Kamtschatka mit dem Pazifik-Flottenkommando in Nowosibirsk verband. Ein weiteres zapfte 1979 eine Leitung der sowjetischen Atlantikflotte in der Barentssee an.
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  14. Diese gewaltigen Erfolge waren jedoch bedroht, weil sich Ende der achtziger Jahre mit dem Internet eine neue Technologie durchsetzte: Glasfaserkabel. Sie können größere Datenmengen schneller transportieren, aufgespalten in Datenpakete, die erst beim Adressaten wieder zusammengesetzt werden. Das alleine stellte die NSA vor große Herausforderungen. Vor allem aber musste sie ergründen, wie Glasfaserverbindungen überhaupt abgeschöpft werden konnten. Von 1989 an soll ein Projektteam im NSA-Hauptquartier in Fort Meade an dieser Aufgabe gearbeitet haben.
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  16. Ein Kupferkabel abzuhören, ist relativ einfach. Es überträgt elektrische Impulse, die wiederum elektromagnetische Felder erzeugen. Die kann man aufzeichnen, ohne eine Leitung zu unterbrechen. Glasfaserkabel transportieren dagegen Lichtwellen. Das Licht muss mindestens alle dreitausend Kilometer verstärkt werden. Das geschah anfangs mit elektrischen Verstärkern, später wurden rein optische Methoden verwendet, die keine äußerlich messbaren Spuren hinterlassen.
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  18. Die einfachste Methode, ein Glasfaserkabel abzuschöpfen, besteht darin, es zu spleißen und die Lichtwellen von einer auf zwei oder noch mehr Fasern zu leiten. So wird es routinemäßig bei Abzweigungen gemacht. Allerdings wird dabei der Datenstrom unterbrochen – und die Bruchstelle kann binnen kürzester Zeit exakt ermittelt werden. Keine gute Idee für jemanden, der unentdeckt bleiben will. Allerdings können Lichtsignale noch auf anderem Weg ausgelesen werden. Dafür muss man die einzelnen Glasfasern so weit freilegen und biegen, dass ein kleiner Teil der Lichtwellen aus der Faser austritt. Wenn man diese Wellen sofort wieder verstärkt und über ein weiteres Kabel transportiert, hat man die Daten abgezweigt.
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  20. Das klingt einfach, ist aber unendlich kompliziert. Eine Glasfaser ist dünner als ein Haar; Unterseekabel bündeln 8, 16 oder sogar 192 Fasern. Sie führen außerdem ein Stromkabel mit 10 000 Volt. Darüber werden Laser versorgt, die die Lichtwellen verstärken. Kein U-Boot-Kommandant wird sich freiwillig eine Starkstromleitung an Bord holen. Außerdem kann ein U-Boot nicht einfach am Meeresgrund parken. Der Ausweg: ein mobiles Unterwasserfahrzeug. Die USS Jimmy Carter verfügt über eine besondere Druckausgleichskammer für solche Fahrzeuge. Sie kann außerdem etwa 300 Meter tief tauchen. Bis in diese Tiefe werden Kabel in den Meeresboden eingepflügt oder mit Stahl armiert, um sie gegen Schleppnetze und Anker zu schützen. Von 300 Metern an baumeln die Kabel dagegen frei im Ozean, wo ihr einziger natürlicher Gegner Haie sind.
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  22. Dass die USS Carter für Spionage an Glasfaserkabeln gebaut wurde, kam erstmals 2001 durch einen Bericht des „Wall Street Journal“ heraus. Der Reporter hatte von früheren NSA-Mitarbeitern erfahren, dass die neue Technologie Mitte der neunziger Jahre getestet worden war. Es sei gelungen, eine Glasfaserleitung unbemerkt anzuzapfen, allerdings seien die Techniker von den Datenmengen schier überrollt worden. Sie verstanden, dass es niemals möglich sein würde, diese Daten an Bord eines U-Boots zu speichern – so wie es bei den angezapften Kupferkabeln üblich gewesen war.
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  24. Daraufhin beschlossen NSA und Navy, die schon in Auftrag gegebene USS Jimmy Carter um ein dreißig Meter langes Mittelstück zu erweitern, das auch Verlegekabel aufnehmen kann. Beim Kongress wurden zusätzliche Mittel beantragt für „fortschrittliche Technologie für besondere Seekriegsführung und taktische Überwachung“. In diesem Zusammenhang wurden Abgeordnete in Details eingeweiht. Am Ende gaben sie 3,2 Milliarden Dollar frei für das größte U-Boot, das die Vereinigten Staaten je gebaut haben.
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  26. Der Reporter des „Wall Street Journal“ interviewte seinerzeit auch den NSA-Chef Michael Hayden. Als er ihm seine Recherchen vortrug, antwortete Hayden lächelnd, er werde den Journalisten „nicht von seinen Ansichten abbringen“. Dann führte er aus, dass die Speicherung von Daten eine größere Herausforderung sei als der Zugang zu ihnen. Das konnte man als indirekte Bestätigung werten.
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  28. Die Entwicklung der USS Jimmy Carter beweist, dass die NSA ein ziemlich gutes Näschen hat für technologische Trends. 1988 wurde das erste Glasfaserkabel durch den Atlantik gezogen – von der amerikanischen Ostküste nach Großbritannien. Heute liegen Hunderte dieser Kabel in den Weltmeeren. Dazu gehört auch das Transatlantikkabel TAT-14, über das die Deutsche Telekom ein Drittel ihres Datenverkehrs mit Nordamerika abwickelt. Dieses Kabel führt von New Jersey über Bude in Südwestengland und weitere Punkte in Frankreich und den Niederlanden in die ostfriesische Küstenstadt Norden. Über diesen Datenstrom dürfte die NSA ziemlich gut im Bilde sein – der britische Geheimdienst lässt sie über seine Nebenstelle in Bude daran teilhaben. So jedenfalls hat es der frühere NSA-Mitarbeiter Edward Snowden enthüllt.
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  30. Wenn die Amerikaner Unterseekabel direkt anzapfen, dann sind das Verbindungen, die sie auf dem Landweg nicht erreichen können, etwa von Afrika oder Asien nach Europa. Schon Jimmy Carter hatte dem Kommandanten „seines“ U-Boots 2005 einen weltumspannenden Auftrag gegeben. Er wisse, sagte er, um die „außergewöhnlichen Fähigkeiten“ des Schiffs, von denen viele „top secret“ seien. Sie würden dazu dienen, „den Frieden zu bewahren, unser Land zu schützen und das Banner der Menschenrechte rund um den Globus hochzuhalten“.
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