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Nov 26th, 2010
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  1. Seide aus Kranichfedern
  2. Alle Leute aus der Nachbarschaft empfanden eine gewisse Scheu vor der jungen Frau Tsu, die dem Bauern Sodo in die Einsamkeit seiner Hütte gefolgt war. Tsu war schön. Nur Sodo war sie zugetan und hätte ihn am liebsten mit keinem Menschen geteilt. Die Kinder aber gewannen Tsus Freundschaft, und sie erzählte ihnen Märchen. So auch, daß ein guter Mensch, der an der Liebe leidet und dann stirbt, sich in einen Kranich verwandelt und dieser kann wieder Mensch werden und einen anderen Menschen lieben.
  3.  
  4. Sie erinnerten sich, daß im letzten Herbst auf Sodos Feld ein todwunder Kranich aufgefunden worden war. Der Pfeil eines Jägers hatte sich in seinen Rücken gebohrt. Und die Nachbarn hatten Sodo zugerufen: „Töte den Vogel! Für seine Federn bekommst du in der Stadt viel Geld.“
  5. Doch Sodo hob damals den Kranich auf und zog ihm behutsam den Pfeil aus dem Fleisch. Dann setzte er sich neben das erschreckte und schwache Tier und streichelte sein sonnenwarmes Gefieder.
  6. Die Nachbarn schüttelten den Kopf und nannten Sodo einen Toren. Damals war der Kranich wieder davongeflogen. Sodo hatte ihm nachgeschaut und war dann seltsam traurig nach Hause gegangen....
  7. Eines Nachmittags kam er zu dem Bauern Unzu und wickelte aus einem Umschlag einen kostbaren Seidenstoff und sagte: „Hör zu, Freund: Meine Frau versteht sich aufs Weben. Nun hat sie mir diesen wunderschönen Stoff gewebt.“ Unzu nahm das kostbare Gewebe in die Hand. Es fühlte sich an wie Seide, wie aus vielen, vielen kleinen Federn gewirkt war. Und er sagte: „ Das ist der Stoff, den der Kaiser trägt. Der bringt dir viel, viel Geld.“ Du bist ein Glückspilz. Diese Rede durchfuhr Sodo wie der Schmerz von einem heißen Stahl. Es war aber ein freudiger Schreck. Und er antwortete: „ So, meinst du, viel Geld? Wieviel wohl?“
  8.  
  9. Und Unzu, der ein schlauer Bauer war, sagte: „Wenn wir den Stoff in die Stadt bringen, dann gibt man uns wohl ein paar hundert Goldstücke dafür. Du verstehst dich ja auch nicht auf den Handel. Gib mir den Stoff, ich verkaufe ihn für dich bei den hohen Herren!“
  10.  
  11. Da gab Sodo seinem Freund Unzu den federseidenen Stoff. Und einige Tage darauf hatte er dreimal hundert Goldstücke. Er freute sich sehr und lief mit dem Geld zu seiner Frau und wußte nicht, daß Unzu noch dreimal so viel Geld für sich behalten hatte.
  12.  
  13. Als Sodo atemlos anlangte und Tsu hastig berichtete, daß er den schönen Stoff verkauft habe für viel Geld und daß sie nun einen neuen Stoff weben müsse, wurde Tsu sehr traurig. Doch gehorsam ging sie ins Haus, den Wunsch zu erfüllen. Als Sodo ihr folgen wollte, sagte Tsu zu ihm: „Du darfst mir nie zuschauen, Liebster, wenn ich webe, sonst würden wir beide sehr unglücklich sein.“
  14.  
  15. Sodo blieb den ganzen Tag über vor seinem Haus sitzen und vernahm drinnen das Weberschiffchen, das hin und her eilte. Und manchmal hörte er Tsu stöhnen, als habe sie Schmerzen. Er war gar nicht glücklich, obgleich er den Beutel mit seinen Goldstücken in der Hand hielt.
  16. Am Morgen trat Tsu aus dem Haus und überreichte Sodo einen neuen Seidenstoff und sagte zu ihm: „Sei glücklich, Liebster! Ich habe große Angst, du könntest mit dem Glück die Liebe verlieren.“
  17.  
  18. Da sprang Sodo auf, umarmte seine Frau und sagte: „Niemals, liebe Tsu, wo doch mein Glück jetzt erst beginnt, weil du diese wunderschönen ...“ Tsu aber flehte: „O Liebster, ich bitte dich, verkaufe nicht den schönen Stoff. Mein Leben hängt an dieser Seide. Es kostet mich immer so viel Kraft, einen neuen Stoff zu weben. Und ich wollte doch nur dir eine Freude mit der feinen Seide bereiten.“
  19.  
  20. Sodo verstand sie nicht und sagte überlegen: „Du bist eine einfache Frau und verstehst nichts von den Geschäften der Männer. Wir wollen leben in der Welt. Und die Welt ist eingeteilt in Arme und Reiche. Wer gut leben will, muß zusehen, wie er reich wird. Dazu braucht man Geld. Du webst feine Seide wie aus Vogelfedern. Was sollen wir mit Seide in unserer Hütte und hier auf dem Lande? Wir müssen so lange das feine Zeug verkaufen, bis wir reich sind, so daß wir ein Haus und einen Garten haben und feine Gewänder tragen können.“ Und weil gerade Unzu näher kam, der die beiden Menschen zum ersten Mal im Streit überraschte, ging Sodo auf ihn zu und sagte: „Hier, Unzu, hier ist Seide! Sorge, daß du sie verkaufst.“
  21.  
  22. Aber Unzu meinte, daß Tsu sehr mager geworden sei. Darum wollte er einlenken und hielt Sodo entgegen: „Das Weben wird sie krank gemacht haben. Sie hat sehr abgenommen.“ Tsu schwieg und schaute zu Boden. Sodo aber wurde wütend und sagte zu Tsu: „Ich befehle dir, gehe ins Haus und webe einen neuen Stoff. Fortan sollst du jeden Tag einen Stoff weben, und Unzu wird ihn verkaufen.“
  23.  
  24. Damit lief Sodo fort, denn er war sehr erregt. Tsu ging in das Haus.
  25. Unzu blieb allein mit seiner, Gedanken und der Seide, die Sodo ihm aufgedrängt hatte. So hörte er das Klappern des Webstuhls und Tsus Seufzen dazu. Er schlich zur Tür des Hauses und öffnete sie leise. Als er in den Raum hineinschaute, erschrak er so sehr, daß er meinte, das Herz müsse ihm stehenbleiben. Am Webstuhl saß ein Kranich und zupfte mit seinem Schnabel die weichen Federn aus seiner Brust und webte diese Federn zu der Seide, die Unzu kannte. Die Schmerzenslaute, die der Kranich ausstieß, klangen, als klage eine menschliche Stimme. Von Tsu war nichts zu sehen. Unzu aber entfloh Sodos Haus, als sei er von Dämonen gehetzt.
  26.  
  27. Am folgenden Morgen rief Sodo nach Tsu. Sie trat aus dem Haus, blaß und bleich und sehr schmal geworden. Und Sodo sagte: „Es freut mich, daß du gehorsam bist, und bald wirst du wohl auch einsehen, daß es gut und wichtig ist, reich zu werden, wenn man in der Welt vorwärtskommen will.“
  28.  
  29. Tsu schaute Sodo traurig an. Man konnte meinen, es weine ihr Herz, als sie sagte: „O Sodo, ich bin zu dir gekommen, dich glücklich zu machen, weil du einem todwunden Kranich den Pfeil aus dem Rücken gezogen hast. Wir waren glücklich, solange uns die Sonne und der Himmel hier draußen genügten. Ich wollte dir die Schönheit schenken, Sodo. Darum webte ich die Seide für dich, für dich ganz allein und für unsere Liebe. Aber du hast die Schönheit verkauft. Geld war dir mehr als Liebe und Schönheit. Ich kann in meinem Leben nur drei Stoffe weben, Sodo. Und ich habe sie für dich gewebt. Und dreimal hast du sie verkauft. Nun muß ich dich verlassen, Sodo. Leb wohl, mein Liebster, leb wohl, und denk manchmal an mich, wenn du allein bist.“
  30.  
  31. Sodo verstand nicht, was Tsu sagte und daß sie langsamen und sehr traurigen Schrittes von ihm ging. Erst als sie weit weg war, empfand er den Schmerz der Trennung und rief ihren Namen, bis ihm die Stimme versagte.
  32.  
  33. Weit draußen, auf Sodos Feld, sah er einen Kranich aufsteigen, mühsam zwar, doch stetig. Der Kranich gewann an Höhe, flog in die Sonne hinein und kreiste noch im verlöschenden Tag über Sodos Feld und Haus. Sodo stand auch am Abend noch und schaute zu dem kreisenden Kranich hinauf. Er hatte trotz seines Schmerzes immer noch nicht ganz begriffen, daß er nun in der Welt sehr arm und sehr allein war.
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