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KlausMiklos Sep 26th, 2012 542 Never
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  1. Die Kulturleichen proben den Aufstand.
  2. Klaus Miklós Rózsa
  3. Zürich, es ist Freitag, der 16. Mai 1980. Nach der Arbeit genehmige ich mir das
  4. Abendessen im Restaurant Bluetige Tume (Blutiger Daumen) in der Zürcher Altstadt.
  5. Wie so oft esse ich ein Kotelett mit Rösti. Das schmeckt gut und ist in diesem
  6. Szenenspunten (Kneipe) auch bezahlbar. Das Restaurant ist gut durchmischt. Einer
  7. der letzten Orte im Niederdorf, wo sich RentnerInnen, Büezer (ArbeiterInnen) und
  8. Studierende an den gleichen Tisch setzen. Die ältere Kellnerin kennt ihre
  9. Pappenheimer. Wer mal 'die Brieftasche vergessen hat', kann auch anschreiben
  10. lassen.
  11. Gegen den späteren Abend, wir sind nur noch einige Junge im Restaurant, die
  12. Älteren sind längst gegangen, führen wir eine dieser hitzigen Debatten über Zürich.
  13. Wie kann es sein, dass in Zürich die Kneipen schon um Mitternacht schließen? Dass
  14. wir noch immer kein Kulturzentrum haben? Dass sich seit der Schließung des AJZBunker1
  15. 1970 so gar nichts mehr bewegt in dieser frostigen Stadt?
  16. Im prächtigen Jugendstil-Café Odeon, dem Stammlokal von Lenin, Thomas Mann,
  17. Dürrenmatt und Einstein, waren wir junge, aufmüpfige Nach-1968er nicht ungern
  18. gesehene Gäste gewesen. Doch auch dieser Ort wurde im Jahr 1972 Opfer der
  19. Gewinnmaximierung. Der neue Besitzer vermietete den größeren Teil des sich in
  20. bester Lage befindlichen Cafés an eine 24-Stunden-Apotheke. In das übrig
  21. gebliebene Drittel kamen die Überreste des Odeon: ein Schickimicki-Lokal, viel zu
  22. teuer für unsereins.
  23. Bei einem anderen beliebten Treffpunkt, der Brasserie an der Rämistrasse, hatte der
  24. Besitzer gar eine Sprinkleranlage bei den Treppen des Lokals installiert. Diese wurde
  25. in Gang gesetzt, wenn wir im Sommer dort saßen und diskutierten. Selbst an der
  26. Riviera, den ausladenden Treppen beim Bellevue an der Limmat, dem Treffpunkt für
  27. alle Hippies und sonstige Verrückte, wurde es unangenehm: Die ständigen
  28. Polizeikontrollen nervten. Die Bar Revolution schloss ihre Tore schon sehr früh: Nach
  29. zahllosen Polizeirazzien im Lokal bekam der Wirt die Kündigung. Seither ist dort eine
  30. Galerie.
  31.  
  32. 1 Am 30. Oktober 1970 eröffnet der Zürcher Stadtrat in einem Luftschutzkeller den Lindenhof-Bunker.
  33. Er soll ein autonomes Jugendzentrum sein. Der Bunker wird in der Folge rege frequentiert. Bereits
  34. Ende Dezember wird die inzwischen besetzte Autonome Republik Bunker durch die Polizei geräumt.
  35. Wenig später entsteht dort die Tiefgarage Urania – benannt nach der gleichnamigen
  36. Polizeihauptwache.
  37. 2
  38. Hätten wir an diesem Abend wissen können, dass sich in wenigen Wochen alles
  39. ändern wird in der Finanzmetropole Zürich?
  40. Der Hauch der Revolution
  41. "Die AJZ-Zeit war für mich die intensivste, und wenn du mich fragst, was damals das
  42. Wichtigste war, so sage ich: die Energie, die Energie, die damals in der Luft gelegen
  43. hat. Manchmal frage ich mich: Woher ist die gekommen? Wo ist die hin? Gibt's die
  44. nicht mehr? Kann man die nicht wieder herausholen aus den Leuten? Damals ist
  45. wirklich etwas in der Luft gelegen. Manchmal habe ich sogar das Gefühl gehabt, ich
  46. rieche es, wenn ich mit dem Töffli2 in die Stadt gefahren bin. Es war ein geiles
  47. Feeling, ein Geruch wie Sommerregen."3
  48. Am 17. Mai 1980 findet in der leer stehenden Roten Fabrik am See im Quartier
  49. Wollishofen ein Fest statt. Diese Party wird vom Stadtrat (Exekutive) zwar nicht
  50. bewilligt, aber toleriert. Über 2.000 Leute finden sich ein. Eine Woche später steht
  51. das traditionelle Allmändfäscht am Programm – eine Open-Air-Veranstaltung, die
  52. jedes Jahr am Pfingstwochenende durchgeführt wird. Ohne Bewilligung – mal mit
  53. Polizeieinsatz, mal ohne. Dieses Jahr gehen über 4.000 Junge auf das Fest, viel
  54. mehr als üblich. Der Schweizer Popstar Polo Hofer wird ausgepfiffen. Es wird auch
  55. politisch: Die einseitige Verteilung der Kulturgelder und die hohen Eintrittspreise bei
  56. Rockkonzerten werden diskutiert. Für den 30. Mai 1980 wird zu einer Demonstration
  57. vor dem Opernhaus aufgerufen. Anlass für die Kundgebung ist ein geplanter 60-
  58. Millionen Schweizer Franken-Kredit für die Renovierung des Opernhauses.
  59. Außerdem soll für die Freigabe der Roten Fabrik als Kulturzentrum geworben
  60. werden. Ein Bewilligungsgesuch für die Demonstration wird von der Polizei
  61. abgelehnt, der Konflikt ist damit vorprogrammiert.
  62. Die Kulturleichen
  63. Zur Demonstration kommen – wie üblich – vielleicht 300 Leute. Sie versammeln sich
  64. hinter dem Transparent mit der Aufschrift "Wir sind die Kulturleichen der Stadt" und
  65. ziehen vom Bellevue vor das nahe gelegene Opernhaus. Dort hat die Polizei eine
  66. Falle gestellt. Während die Jugendlichen Parolen rufen, mehr Geld für die
  67. Alternativkultur fordern und mit Seifenblasen auf sich aufmerksam machen, wartet im
  68.  
  69. 2 Töffli = Mofa.
  70. 3 Franz L. Meier: Ein Geruch wie Sommerregen, in: WochenZeitung, 27.7.2000,
  71. http://www.woz.ch/archiv/old/00/30/1107.html (21.2.2012).
  72. 3
  73. Inneren des Opernhauses eine Hundertschaft schwer bewaffneter
  74. OrdnungshüterInnen auf den Angriffsbefehl. Die mit Schild, Helm und Schlagstock
  75. ausgerüsteten PolizistInnen stürmen ins Freie und prügeln die Jugendlichen von der
  76. Treppe. Das geht schnell. Man ist ja in Zürich an eine brutale Polizei gewöhnt. Doch
  77. dieses Mal lassen sich die Jugendlichen nicht so rasch vertreiben. Einige decken
  78. sich auf einer nahe gelegenen Baustelle mit Steinen, gar mit Baulatten ein, kommen
  79. zurück und greifen die vor dem Gebäude positionierten PolizistInnen an. Es
  80. entwickelt sich eine regelrechte Straßenschlacht. Während im Opernhaus die
  81. Vorstellung läuft, verlagern sich die Scharmützel immer mehr ins Niederdorf, auf dem
  82. Weg dorthin werden die Scheiben des Café Odeon eingeschlagen. In der Altstadt
  83. bekommen die Demonstrierenden unerwarteten Support: KneipengängerInnen
  84. solidarisieren sich spontan mit den Jugendlichen, einige nützen die Gunst der Stunde
  85. und plündern Spirituosengeschäfte sowie Elektronikläden. Die Inhalte der Auslage
  86. eines Musikalienhändlers werden entwendet, die teuren Instrumente am nächsten
  87. Tag aber zurückgebracht.
  88. Pech für die Polizei: Am selben Abend findet am Stadtrand, in Oerlikon, ein Bob-
  89. Marley-Konzert statt. "Get up, stand up, fight for your rights!" – die aufgeheizten
  90. KonzertbesucherInnen treffen genau zur richtigen Stunde in der Ausgehmeile ein.
  91. Die Luft ist tränengasgeschwängert, die Menschenmenge mittlerweile auf mehrere
  92. tausend Personen angewachsen, welche der total überforderten Polizei ein Katzund-
  93. Maus-Spiel liefern. Erstmals setzt die Zürcher Stadtpolizei in dieser langen
  94. Nacht ihre 'Geheimwaffe', Gummigeschoße, gegen die Manifestanten ein. Auch das
  95. Nervengas CB wird wiederholt eingesetzt; die Polizei benützt dafür eigens
  96. umgebaute Flammenwerfer der Armee. Es kommt zu einigen Verhaftungen und
  97. Verletzten. Ein Polizist stirbt an akutem Herzversagen. Doch das sollte erst der
  98. Anfang sein.
  99.  
  100. Der heiße Sommer
  101. Für KennerInnen der Zürcher Jugendszene kam der Gewaltausbruch vom Samstag
  102. nicht unerwartet. Allein der Zeitpunkt war die Überraschung. Das Nichtplanbare, das
  103. Zusammentreffen verschiedener Faktoren. Seit Monaten hatte sich im Stillen
  104. zusammengebraut, was sich dann entlud. Ursachen der Ausschreitungen waren die
  105. Unzufriedenheit vieler Jugendlicher über mangelnde Möglichkeiten zur
  106. Freizeitgestaltung und die generell unglückliche Jugendpolitik der Zürcher
  107. Stadtregierung. Ein nicht zu unterschätzender Faktor dürfte auch die überaus
  108. schlagfreudige Zürcher Stadtpolizei gewesen sein. Bei Aktionen, die anderswo kaum
  109. zu einem Polizeieinsatz führten, hatte die Zürcher Polizei schon immer äußerst
  110. 4
  111. gereizt reagiert. Vielen war zu diesem Zeitpunkt auch das brutale Vorgehen von
  112. PolizistInnen im Sommer 1968 im Globus-Keller noch in Erinnerung.4
  113. In den folgenden Wochen und Monaten kommt es beinahe täglich zu Aktionen und
  114. Demonstrationen Jugendlicher in der Zürcher Innenstadt. Dabei entstehen immense
  115. Sachschäden, über 4.000 Personen werden verhaftet und kriminalisiert, Dutzende
  116. junger Menschen von der immer rücksichtsloser vorgehenden Polizei verletzt, einige
  117. von ihnen schwer. Über ein Dutzend verliert durch Gummigeschoße das Augenlicht.
  118. An den zahlreichen Vollversammlungen (VVs), die meistens im Volkshaus5
  119. stattfinden, nehmen regelmäßig bis zu 3.000 Menschen teil. Dabei sind die Formen
  120. des Protests durchaus kreativ. So demonstrieren am 14. Juni rund 30 Jugendliche
  121. splitternackt im Hauptbahnhof, gefolgt von einem Umzug mit einigen 100
  122. SympathisantInnen, für ein autonomes Jugendhaus: "Nackt für den Frieden – nackt
  123. gegen Gewalt". Die Bewegung hat ihre eigene Kultur, besetzt Straßenbahnen und
  124. verfügt über eigene Kommunikationsmittel: die Telefonzeitung (!), mehrere Zeitungen
  125. (z.B. Eisbrecher und Stilett) und Piratensender (Schwarzi Chatz). Auch an der
  126. Universität gärt es. So beobachtet eine Gruppe Ethnologie-Studierender die Proteste
  127. von Anfang an mit einer Videokamera.6 Die Aufführung des daraus entstandenen
  128. Films wird aber verboten, was prompt zu Demonstrationen der Studierendenschaft
  129. führt. Einige Witzbolde bestellen Lastwagen voller Sand und lassen diesen in der
  130. Aula auskippen. Bei Sandkastenspielen zeigen sie ihren Unmut über den 'kindischen'
  131. Unibetrieb.
  132. Am 20. Juni erreicht die Repression ihren grotesken Höhepunkt: Der Stadtrat befiehlt
  133. der Polizei, die "Drahtzieher der Demonstrationen" in Präventivhaft zu nehmen, um
  134. die angekündigte Großdemonstration zu verhindern. Polizeistadtrat Hans Frick
  135. versteigt sich sogar zu der Aussage, dass der lybische Diktator Gaddafi etwas von
  136. seinem Reichtum für die Zürcher Jugendbewegung habe springen lassen. So
  137. werden im Lauf des Tages sechs mutmaßliche Rädelsführer festgenommen. Ohne
  138. Haftbefehl, aufgrund einer Anordnung einer politischen Behörde!
  139. Am nächsten Tag, am Samstag, dem 21. Juni, findet eine VV vor dem Volkshaus auf
  140. dem Helvetiaplatz statt. Über 6.000 Leute finden sich ein, um die sofortige
  141. Freilassung ihrer Freunde zu verlangen. Noch während der Versammlung, aber
  142.  
  143. 4 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Globuskrawall (6.2.2012).
  144. 5 Das Zürcher Volkshaus wurde 1910 als erstes alkoholfreies Volkshaus der Schweiz von
  145. Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei gegründet. Vgl. Urs Kälin, Stefan Keller,
  146. Rebekka Wyler: Hundert Jahre Volkshaus Zürich. Bewegung, Ort, Geschichte, Zürich 2010.
  147. 6 Video von EthnologiestudentInnen über die Demonstration vom 30. Mai 1980 vor dem Opernhaus.
  148. Das Tape wird einige Tage nach der Demo an einer Vollversammlung im Volkshaus gezeigt und
  149. darauf vom damaligen Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen mit einem Vorführverbot belegt, was
  150. in der Folge für einigen Wirbel an der Universität sorgt. Ausschnitte davon werden in Züri brännt und
  151. in verschiedenen anderen Produktionen verwendet.
  152. 5
  153. nachdem eine Demonstration beschlossen worden war, treffen die 'Rädelsführer' auf
  154. dem Platz ein. Die Polizei hat sie just zu Beginn der Demo freigelassen. Im
  155. Hintergrund war massiver Druck auf die Behörden, vor allem auf den Stadtrat,
  156. ausgeübt worden, diese jeglichen rechtsstaatlichen Normen widersprechenden
  157. Festnahmen rückgängig zu machen. Der Massenauflauf der Bewegten sorgt dann für
  158. den Rest. Unter dem Motto "Ohne Polizei kein Krawall" ziehen an die 10.000
  159. Personen in Richtung des geforderten Autonomen Jugendzentrums (AJZ) in der
  160. Limmatstraße. Der eindrucksvolle Demonstrationszug wird angeführt von einem
  161. bekannten Friedensapostel mit weißer Fahne, einem Pfarrer mit Esel, einigen SPPolitikern
  162. sowie zahlreichen Frauen und Männern des Vereins betroffener Eltern.
  163. Mitten auf der Quaibrücke steht wenig später der Demonstrationszug einer
  164. Hundertschaft PolizistInnen in Kampfmontur gegenüber. Dank dem Mitschnitt des
  165. Polizeifunks lässt sich das Geschehen auf der Brücke später recht genau
  166. rekonstruieren. Polizeichef Frick erteilt aus der Einsatzzentrale persönlich die
  167. Befehle: "Angriff mit Wasserwerfer, Tränengas und Gummi!" Doch Einsatzleiter
  168. Trachsel widerspricht: "Das ist nicht gut! Ich widerspreche Ihnen ungerne, doch das
  169. ist eine solche Menge, das müssten Sie sehen. Das gibt Tote! Aber ich führe Ihren
  170. Befehl aus." Nach der Bestätigung dieser Einschätzung durch andere
  171. Polizeieinheiten erfolgt der Befehl von Frick: "Zug Trachsel zurückziehen, Weg
  172. freigeben, Wasserwerfer zurück zum Rathaus."7 Zum ersten Mal hat die Polizei
  173. nachgegeben, jubelnd zieht die Menge durch die Straßen. Der Slogan "Ohne Polizei
  174. kein Krawall" hat sich bewahrheitet.
  175.  
  176. Der Sieg
  177. Dann geht alles unschweizerisch rasch. Am 29. Juni übergeben die Behörden das
  178. baufällige Gebäude Limmatstraße 18/20 der Sozialdemokratischen Partei (SP) der
  179. Stadt Zürich, die als Trägerin für ein Jugendhaus fungieren soll. Die SP übergibt den
  180. Jugendlichen bedingungslos die Schlüssel. Die Stadt stellt einen (viel zu kleinen)
  181. Renovierungskredit von 40.000 Franken zur Verfügung. Während sich die bewegten
  182. Jugendlichen nun um ihr AJZ kümmern und mit viel Idealismus und Engagement
  183. versuchen, aus einer Abbruchliegenschaft etwas Gemütliches und Nützliches zu
  184. machen, sehen sie sich bald mit unerwarteten Problemen konfrontiert: auch
  185. Randgruppen, AlkoholikerInnen und Drogensüchtige finden im AJZ ein Zuhause. Es
  186. wird weiter demonstriert. Mit der Eröffnung des Autonomen Jugendzentrums war ja
  187. nur ein Anliegen der Bewegung erfüllt worden. Es ging aber um mehr – um den
  188. Protest gegen eine ganze Lebensform. Immer wieder kommt es in der Folge zu
  189. schweren Zusammenstößen. Max stirbt als Folge der Polizeiknüppel, die vor dem
  190.  
  191. 7 Sozialdemokratische Partei der Stadt Zürich (Hg.): Eine Stadt in Bewegung. Materialien zu den
  192. Zürcher Unruhen. Redaktion: Max Schmid, Zürich 1981, S. 52f. (tell Nr. 19, 4.7.1980).
  193. 6
  194. AJZ auf seinen Kopf niederprasseln. Am 12. Dezember kommt es zur wohl ersten
  195. Selbstverbrennung in der Schweizer Geschichte: Silvia Z. zündet sich am Bellevue
  196. an. Sie stirbt im Spital. Um Demonstrationen bei ihrer Beerdigung zu verhindern,
  197. erscheinen keine Todesanzeigen in den Zürcher Zeitungen. Das Rondell am
  198. Bellevue, in dem sie sich angezündet hat, wird jeden Tag mehrmals durch städtische
  199. Reinigungstrupps von den Kerzen gesäubert. Nichts soll an Silvia erinnern. Auf
  200. längere Zeit wird in Zürich vom Stadtrat gar ein generelles Demonstrationsverbot
  201. verfügt – sozusagen ein weiterer Freibrief für Polizeibrutalität. Der "Aufstand der
  202. Jugend" greift wie ein Flächenbrand um sich. Bald demonstrieren nicht nur in
  203. Schweizer Städten wie Basel, Bern und Lausanne Jugendliche für Freiräume,
  204. sondern auch in anderen europäischen Städten; namentlich in Berlin und Wien
  205. gehen junge Menschen auf die Straße.
  206. Zwischenzeitlich wird das AJZ geschlossen. Bei einer Frühlingsdemonstration am
  207. 21. März 1981 mit wieder rund 10.000 TeilnehmerInnenn wird das AJZ gestürmt, von
  208. der Polizei aber wieder geräumt. Unter Einsatz von Wasserwerfern, die mit dem
  209. wasserlöslichen Giftgas CS gefüllt sind. Auch die Gewerkschaften der
  210. JournalistInnen demonstrieren: Für ihr Recht auf Berichterstattung, gegen die
  211. gezielten Angriffe auf Kameraleute und FotografInnen, gegen den Druck, den die
  212. Polizei auf Redaktionen ausübt. So wird unter anderem sogar ein Filmteam des
  213. Schweizer Fernsehens mehrfach mit Tränengas besprüht und schließlich verhaftet.
  214. Selbst die Generaldirektion der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft
  215. (SRG) sah die Pressefreiheit gefährdet. Der Polizei ging es damals wie heute darum,
  216. unliebsame ZeugInnen von ihren oft mehr als fragwürdigen Aktionen fernzuhalten.
  217. Am 23. März 1982 ist es dann so weit: Das AJZ wird von den Stadtbehörden in einer
  218. generalstabsmäßig geplanten Aktion abgerissen. Damit ist die letzte 'Pendenz' des
  219. Stadtrats erledigt, wie sich der abtretende Stadtpräsident Sigmund Widmer ("Rock ist
  220. keine Kultur") ausdrückt. Der Entscheid für den Abbruch sei übrigens schon Ende
  221. 1980 gefallen.8 Flugs wird ein fertiges Überbauungsprojekt präsentiert, realisiert
  222. wurde es bis heute nicht. Auf dem Gelände befindet sich jetzt ein Busparkplatz.
  223.  
  224. "Besetzt die Idylle"9
  225. Immer mehr Jugendliche waren ins AJZ geflüchtet, weil sie schlicht keine Bleibe
  226. hatten. Nur war das AJZ nicht als Groß-Wohngemeinschaft gedacht. Es ist
  227. augenscheinlich, dass die Wohnungsknappheit in dieser Zeit zu einer richtigen
  228. Wohnungsnot wurde. Im August 1980 findet ein Protestmarsch gegen die
  229.  
  230. 8 Vgl. Manfred Züfle, Jürgmeier: Paranoia City oder Zürich ist überall, Reinbek bei Hamburg 1982,
  231. S. 14f.
  232. 9 Unter Verwendung des Textes "80-er 'Bewegig' fordert Räume!", in: Thomas Stahel: Wo-wo-Wonige!
  233. Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968, Zürich 2006, S. 69-74.
  234. 7
  235. Wohnungsnot statt, in dessen Verlauf man leer stehende Häuser in der City und auf
  236. dem Zürichberg sowie die städtische Liegenschaftsverwaltung besuchen will. Dazu
  237. kommt es jedoch nicht, die Polizei versperrt mit Wasserwerfern den Weg. So mündet
  238. auch dieser erste Versuch, auf Missstände in der Wohnpolitik aufmerksam zu
  239. machen, in eine mehrstündige Straßenschlacht.
  240. Doch keine Repression kann rückgängig machen, was mit den Unruhen in den
  241. frühen 1980er-Jahren begonnen hat. In der Folge wird die Bewegung militanter und
  242. konzentriert sich vermehrt auf Hausbesetzungen. Um die Situation zu stabilisieren
  243. und weitere Auseinandersetzungen zu vermeiden, beginnt der neue Stadtrat unter
  244. Stadtpräsident Thomas Wagner mit einer Politik der Integration. Es werden Vereine
  245. gegründet, die das kollektive Wohnen fördern, die Subventionen für Alternativkultur
  246. stark erhöht. Die Rote Fabrik entwickelt sich nach etlichen Querelen zu einer
  247. alternativen Kulturstätte für Konzerte und Theater. Dadurch etabliert sich eine
  248. lebendige Kulturszene. Im Lauf der 1990er-Jahre entsteht zudem eine Vielzahl mehr
  249. oder weniger geduldeter illegaler Bars. Sie sind die Vorläufer der Liberalisierung des
  250. Gastgewerbegesetzes, das 1998 in Kraft tritt. Mit der Integrationsstrategie wird aber
  251. auch die kreative Energie der Bewegung gebändigt und in eingehegte, befriedete
  252. 'Freiräume' abgedrängt.
  253. Ende der 1980er-Jahre beginnt sich angesichts der verschärften Situation auf dem
  254. Wohnungsmarkt die wohnpolitische Opposition wieder zu sammeln. Ab dem
  255. 23. Februar 1989 kündigt man für jeden Donnerstag einen "Auflauf gegen die
  256. Speckis" (Spekulanten) im Niederdorf an. Zu diesen von der Polizei nicht bewilligten
  257. Aufläufen kommen allerdings nicht mehr als 300 bis 500 Personen. Zu brutal ist das
  258. unberechenbare Auftreten der Polizei, die mit einer neuen Taktik agiert, indem sie mit
  259. mobilen, kleinen Einheiten sehr rasch vor Ort ist und jede Personenansammlung mit
  260. Gummigeschoßeinsätzen sofort auflöst. Die Taktik der Polizei schien von Anfang an
  261. darauf ausgerichtet, jegliche Solidarisierung mit den Wohnungsnotbewegten zu
  262. unterbinden. "Alle sind der Meinung, dass es klare Strategie der Polizei war, uns zu
  263. isolieren, den vielen Betroffenen Angst zu machen, sich am Donnerstag
  264. anzuschliessen."10 Für die Großdemonstrationen am 15. März 1989 als Abschluss
  265. der Aktionswoche "Wohnen tut not" mobilisieren auch der gemäßigte Mieterverband
  266. und die Wohnbaugenossenschaften. Mit über 3.000 Personen wird die Demo zu
  267. einer eindrücklichen Manifestation gegen die Zürcher Wohnungsnot.
  268. Die Gemeinde- und Stadtratswahlen vom April 1990 führen zu einem
  269. überraschenden Regierungswechsel: Im Gemeinderat entsteht erstmals seit den
  270. 1930er-Jahren eine Mehrheit von Sozialdemokraten, Grünen, Feministinnen und
  271.  
  272. 10 Aus dem Flugblatt "Friede den Hütten, Krieg den Palästen", März 1989.
  273. 8
  274. Alternativen. Der neunköpfige Stadtrat setzt sich aus einer rot-grünen Koalition
  275. zusammen. Ideale Voraussetzungen also, um Versprechen zu verwirklichen. Denn
  276. mit der Ausrede "wir haben halt keine Mehrheit" konnte man nicht länger alles
  277. erklären und entschuldigen. Die Errungenschaften der rot-grünen Regierung sind
  278. jedoch dürftig: So wird ausgerechnet unter dem neuen sozialdemokratischen
  279. Stadtpräsidenten Sepp Estermann das Ende der kulturpolitischen Öffnung
  280. eingeleitet. Die Trendwende kommt mit der Abstimmung über das Kanzleizentrum,
  281. die im Dezember 1990 mit hauchdünner Mehrheit verloren wird.
  282. In vielen Bereichen unterscheidet sich die Politik der rot-grünen Regierung stark von
  283. derjenigen, welche die Linke zuvor in der Opposition geführt hat. Insbesondere die
  284. SP entschärft ihre Positionen deutlich. Auch der Polizei steht nun erstmals ein
  285. Sozialdemokrat vor: Robert Neukomm ist es vorbehalten, 1992 die offene
  286. Drogenszene, den Needlepark hinter dem Landesmuseum, zu räumen. Neukomm ist
  287. es auch, der zur Räumung der besetzten Wohlgroth Kultur-Fabrik und der Häuser an
  288. der Bäckerstrasse mit Pumpaction-Gewehren bewaffnete Antiterror-Einheiten von
  289. Hubschraubern absetzen lässt. Angesichts der durchzogenen Bilanz verwundert es
  290. nicht, dass bereits 1994 die rot-grüne Mehrheit im Gemeinderat zerbröckelt und die
  291. rechtspopulistische, fremdenfeindliche Schweizerische Volkspartei (SVP) als große
  292. Siegerin aus den Wahlen hervorgeht.
  293.  
  294. Das Quartier- und Kulturzentrum Kanzlei
  295. Das Kanzleizentrum war etwas ganz Besonderes in Zürich. Vielleicht das Beste, was
  296. diese Stadt je zu bieten hatte. 1984 steht im Kreis Vier ein Schulhaus leer. Gerade
  297. hat die Stadt beschlossen, dass jedes Viertel sein Quartierzentrum haben soll. So
  298. kommt auch der Kreis Vier zu seinem Quartier- und Kulturzentrum. Die schiere
  299. Größe des Gebäudes und der dazugehörenden Turnhalle mit Nebengebäuden
  300. ermöglicht das Betreiben einer Unmenge von Aktivitäten. Musikräume,
  301. Theatergruppen, Frauenstock, Disco in der Turnhalle, Kino Xenix, Sportfeste, Café,
  302. Kindergarten in der Baracke, Bibliothek, Kunsträume, Ateliers, Arbeitslosenberatung,
  303. Sitzungsräume, Dokumentationszentrum, Infoladen, das Videokino SichtBar,
  304. Videowerkstatt, Volksuni, Fahrradwerkstatt und ein Flohmarkt finden im Kanzlei
  305. Platz. Der Betrieb wird von der Pro Juventute im Auftrag der Stadt geführt. Diese
  306. übergibt einer Betriebsgruppe die Leitung, die sich selber konstituiert. Das
  307. Kanzleizentrum wird am 1. September 1984 eröffnet und hatte für die Linke,
  308. insbesondere für die außerparlamentarische Opposition, eine große Bedeutung. Es
  309. ist einer der wenigen Freiräume in Zürich, der über längere Zeit gehalten werden
  310. kann.
  311. 9
  312. Die Betreiber und Betreiberinnen des Zentrums haben viel aus den Fehlern im AJZ
  313. gelernt. So sind Drogen im und um das Zentrum absolut tabu, selbst mit dem
  314. Alkoholausschank wird sehr restriktiv umgegangen. Die Disco in der Turnhalle
  315. mausert sich innerhalb kurzer Zeit zum absoluten Zürcher Renner; Türsteher müssen
  316. jeden Donnerstag, am Disco-Abend, den Andrang im Zaun halten. Obschon das
  317. Kanzlei für zürcherische Verhältnisse unglaublich günstig ist, erwirtschaftet die Disco-
  318. Gruppe einen hübschen Gewinn, der als Quersubvention an die anderen Gruppen
  319. fließt. In der Baracke wird das AJZ-Kino weitergeführt; unter dem Namen XENIX ist
  320. es heute eine etablierte Spielstätte für den anspruchsvollen Film. Die Gruppen gehen
  321. sehr respektvoll miteinander um. In zahlreichen Diskussionen gelingt es,
  322. unterschiedlichste Kulturen und Aktivitäten unter einem Dach zu vereinen.
  323. Doch auch das Kanzleizentrum ist einigen bürgerlichen Parteien ein Dorn im Auge.
  324. Insbesondere der Hotelier und SVP-Gemeinderat Werner Stoller, der auch schon mal
  325. mit eingesteckter Pistole in die Ratssitzung geht, agitiert unaufhörlich gegen das
  326. Kanzlei. Mit krudesten Behauptungen wie: im Kindergarten würden "antiautoritäre
  327. Terroristen" erzogen, der SVP seien Sitzungsräume verweigert worden oder Chaoten
  328. und Krawallanten hätten das Sagen. Überhaupt sei das Kanzlei eine Art "AJZ light".
  329. Am folgenschwersten ist der Vorwurf, dass in der Turnhalle ohne Patent gewirtet und
  330. die gesetzlichen Schließungszeiten nicht eingehalten würden. Vergeblich bestätigt
  331. selbst der Stadtrat im Parlament, dass alle Bewilligungen erteilt worden seien.
  332. Tatsächlich ist bis zum Jahr 1998 für jede Gastwirtschaft ein Patent, für
  333. Alkoholausschank eine Bewilligung und für das Betreiben einer Gaststätte eine
  334. Prüfung notwendig. Dass diese Auflagen regelmäßig mittels Korruption, der
  335. Bestechlichkeit von Chefbeamten und regen Handels der Patente hintergangen
  336. wurden, sollte sich später bestätigen. Während Mitglieder der Betriebsgruppe Kanzlei
  337. im Oktober 1986 in der Wirtefachschule sitzen, um das Patent zu machen, stürmt
  338. eine Polizeieinheit im Auftrag des Stadtrats die Kanzlei-Turnhalle und verbarrikadiert
  339. Fenster und Türen. Die Gesprächskultur sowie das langsam aufgebaute Vertrauen
  340. sind mit einem Schlag zerstört und die Glaubwürdigkeit der Kanzlei-BetreiberInnen
  341. ist in weiten Teilen der Öffentlichkeit dahin.
  342. Wochen später wird der ordentliche Betrieb des Kanzleizentrums – nun mit allen
  343. Bewilligungen – wieder aufgenommen, doch der politische Druck bleibt. Längst ist
  344. das Kanzlei zum Spielball der bürgerlichen Rechtsparteien gegen die
  345. sozialdemokratische Mehrheit geworden. Mit einer schmutzigen Kampagne führen
  346. alle bürgerlichen Parteien gemeinsam den Abstimmungskampf gegen das
  347. Kanzleizentrum. Die ängstliche, halbherzige SP hat dem wenig entgegenzusetzen.
  348. Das Kanzlei ist auf sich selbst gestellt. In einer noch nie da gewesenen Breite
  349. solidarisieren sich Kulturschaffende, KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und
  350. 10
  351. Intellektuelle mit Auftritten in der Turnhalle. Selbst das Schauspielhaus und das
  352. Opernhausensemble (sic!) geben Gastauftritte. Im Dezember 1990 verliert das
  353. Kanzlei mit einer hauchdünnen Mehrheit die Abstimmung. Ein Paradebeispiel für
  354. zürcherisches Bünzlitum11 und den Missbrauch der 'direkten Demokratie'. Die
  355. Nachbarsquartiere des Kanzlei haben alle mit "Ja" für das Fortbestehen gestimmt.
  356. Die großen Außenquartiere aber haben sich von der Hetz- und Lügenpropaganda
  357. blenden lassen. Diejenigen, die nie im Kanzleizentrum gewesen sind, bestimmen
  358. damit über diejenigen, die in seiner Umgebung wohnen. Anfang 1992 wird das
  359. Quartier- und Kulturzentrum Kanzlei nach sieben erfolgreichen Betriebsjahren
  360. geschlossen. Das XENIX darf als eigenständiges Kino bleiben und erhält im selben
  361. Jahr den Zürcher Kulturpreis.
  362. Wohnen als Luxus12
  363. Unter Wohnungsnot wird der Mangel an Wohnraum verstanden. Es existiert
  364. allerdings kein statistischer Wert für Wohnungsnot. Wohnungsnot im Sinne von
  365. Wohnungsknappheit ist dagegen ein Zustand, der seit den 50er-Jahren praktisch
  366. permanent herrscht. Sind nur wenige Wohnungen leer, so kann von einer starken
  367. Wohnungsnot gesprochen werden. Für einen funktionierenden Wohnungsmarkt ist
  368. ein Leerwohnungsbestand von ein bis drei Prozent nötig. Häufig wird der Begriff
  369. Wohnungsnot mit dem Fehlen von preisgünstigem Wohnraum gebraucht. Wer in
  370. Zürich die nötigen Mittel und die richtigen Beziehungen hat, findet immer eine
  371. Wohnung. Immer öfter müssen Leute, Familien mit kleinerem Einkommen eine
  372. Wohnung ausserhalb des Zentrums suchen. „Das Privileg, im Zentrum der Metropole
  373. bleiben zu dürfen, wird nur noch denjenigen gewährt, die für den Finanzplatz
  374. unentbehrlich sind, alle anderen, die potenziellen Unruhestifter und Störenfriede,
  375. müssen raus.“13 Heute werden in der Stadt Zürich Mieten verlangt, die sich nur noch
  376. sehr gut Verdienende, meist DINKS (double income no kids) leisten können. So ist
  377. es keine Seltenheit, dass für Einzimmerwohnungen an mittlerer Lage 1‘500 oder
  378. mehr Schweizer Franken bezahlt werden müssen, während eine Drei- oder
  379. Vierzimmerwohnung kaum unter 2‘500 oder 3‘000 Franken zu haben ist. Das heisst,
  380. dass selbst Gutverdienende bisweilen über die Hälfte ihres Monatseinkommens für
  381.  
  382. 11 Schweizerisch (bissig) für Spießertum.
  383. 12 Unter Verwendung eines Textes von Thomas Stahel aus Wo-wo-Wonige! 2006
  384. 13 WoZ vom 18. Januar 1991 S. 26
  385. 11
  386. Miete ausgeben müssen. So waren am Stichtag14 in Zürich 320 Wohnmöglichkeiten
  387. zu vermieten; vom Zimmer in der Wohngemeinschaft für 700 Franken über die
  388. Zweizimmerwohnung im Aussenquartier Schwamedingen für 1‘420 Franken bis zur
  389. Luxusresidenz mit fünf Zimmern am Zürichberg für 16‘000 Franken pro Monat! Noch
  390. tiefer in die Tasche greifen muss man für eine Wohnung im Stadtzentrum:
  391. 1,5 Zimmer mit 45 m2 für satte 2'390 Franken. Noch absurder präsentiert sich der
  392. Markt für Eigentumswohnungen. Nachstehendes Beispiel bezieht sich auf einen
  393. Neubau im ehemaligen Industriegebiet Binz.
  394. Insgesamt wurden am Stichtag in Zürich rund 50 Immobilien zum Kauf angeboten. In
  395. einem Preissegment von ca. 500‘000 (2,5 Zimmer, 59 m2 Kreis Drei) bis zu weit über
  396. vier Millionen Franken für eine Eigentumswohnung. So bekommt der Satz „Beim
  397. Essen sparen, damit es für die Miete reicht“15 häufig einen sehr realen Hintergrund.
  398. Im Rückblick gesehen hat sich Zürich – natürlich – in den letzten 30 Jahren stark
  399. verändert. Zürich ist heute eine weltoffene Stadt, in der alle Bedürfnisse der
  400. Freizeitgestaltung verwirklicht werden können. So zumindest die Mehrheitsmeinung
  401. und die offizielle Lesart. Während dieser Text entstand (Februar 2012), wurde Zürich
  402.  
  403. 14 http://www.immoscout24.ch/ am 22. Februar 2012
  404. 15 Titel im Tages Anzeiger, 6. Februar 2012
  405. 12
  406. offiziell zur teuersten Stadt der Welt ernannt.16 Das merkt man im Alltag. Wo Wohnen
  407. zum Luxus wird, der Restaurantbesuch mit anschließendem Kinobesuch schnell mal
  408. 200 Franken oder mehr kostet, wird es für viele, zu viele, ungemütlich. Die rot-grüne
  409. Stadtregierung hat praktisch alle Gelegenheiten, an dieser Situation etwas zu
  410. ändern, verpasst. Beispielsweise hat der Stadtrat gewusst, dass die Weststraße
  411. abklaßiert und dadurch der Wert der Anrainerliegenschaften rapide ansteigen wird.
  412. Sie hat keinerlei flankierende Maßnahmen getroffen, keine Häuser gekauft. Die
  413. Folge: Die einst billigen Wohnungen in schlechter Lage werden heute luxussaniert,
  414. die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner an den Stadtrand gedrängt.
  415. Ist es unerhört, wenn man sich wünscht, dass der Zürcher Stadtrat aus Fehlern auch
  416. etwas lernt? Stattdessen wird man den Eindruck nicht los, dass für Probleme noch
  417. immer die Repression als das geeignetste Mittel angesehen wird.
  418.  
  419. Klaus Miklós Rózsa, geb. 1954 in Budapest, arbeitet als
  420. Fotograf, Publizist und Projektmanager und lebt in
  421. Zürich und Budapest. Während der 1980er-Jahre war
  422. er als Fotoreporter zentraler Chronist der Zürcher
  423. Bewegung und wurde wiederholt von der Polizei
  424. misshandelt und festgenommen. Er arbeitete in der
  425. Kulturgruppe des AJZ mit und war Pressesprecher des
  426. Kanzleizentrums.
  427.  
  428. 16 Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/zuerichteuerstestadt100.html;
  429. http://www.abendblatt.de/vermischtes/article2190362/Zuerich-die-teuerste-Stadt-der-Welt.html
  430. (21.2.2012).
  431.  
  432. Weiterführender Link: http://photoscene.jimdo.com/kunst-kultur/besetzt-ausstellung-im-wien-museum/
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