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Sep 19th, 2020
255
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  1. Hallo,
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  4. ich melde mich als interessierter Bürger der Stadt Aachen und leidenschaftlicher Radfahrer. Mit doch sehr großem Erstaunen las ich den Artikel "Fahrradstadt Aachen kassiert Bestnoten" auf Seite 13 der gestrigen Ausgabe der Aachener Zeitung - Stadt. Der Artikel postuliert, Aachen würde "in einer aktuellen Studie" zu NRWs bester Stadt für Radfahrer erklärt. Als Radfahrer in Aachen war ich um diese Aussage doch sehr verwirrt, insbesondere als ich las, Münster hätte auf einem der schlechtesten Plätze abgeschnitten. Also machte ich mich auf die Suche nach dem Ursprung dieser Aussage und fand alsbald eine selbsternannte Studie eines Baufinanzierungsunternehmens, die bei näherer Betrachtung sehr offensichtliche, gravierende Fehler aufwies. Meine Funde fasste ich anschliesend in einem Kommentar auf der Seite Reddit zusammen, den sie hier einsehen können: https://www.reddit.com/r/de/comments/ivi0yb/baufinanzierungsunternehmen_sondert_angebliche/ nach aktuellem Stand haben fast 400 Personen diesen Kommentar "geliked", was mich in meiner Ansicht bestärkt, hier eine sehr unangenehme journalistische Fehlleistung von Robert Esser entdeckt zu haben. Ich werde meine Kritik an Artikel und Studie noch einmal in dieser Mail zusammenfassen:
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  7. Zunächst zur Studie:
  8. Veröffentlicht wurde sie ohne genauere Nennung der Autoren von der Baufinanzierungsfirma BauFi24 AG (https://www.baufi24.de/studien/deutschlands-top-fahrradstaedte/). Sämtliche Methodik ist zweifelhaft und Fehlerbelastet, teils sind Daten einfach falsch.
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  11. Um ihrer Veröffentlichung den Anschein eines wissenschaftlichen Anspruchs zu geben haben die Herren der Baufi24 AG ihrer Tabelle Methodik, Quellen und ihre Methode der Berechnung beigefügt. Kommen wir zunächst zur Methodik und Berechnung, dann zu den Quellen.
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  14. Um ihr Ranking zu erstellen, nahmen sich die baufi24-Mitarbeiter 6 Kategorien, nach denen sich ihrer Meinung nach die Fahrradfreundlichkeit von Städten bemessen lies: Radwege in Km, Radfahrerzufriedenheit, Radsport-Strecken, Fahrrad-Einzelhandel, Stau_ Mehrzeit in % und Verkehrsunfälle pro 100000 EW.
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  17. Zu jeder dieser Kategorien wurde ein Ranking erstellt, aus diesem Ranking wurde dann dem ersten Platz ein Wert von 100%, dem letzten ein Wert von 0% zugewiesen. Anschließend wurde den anderen Plätzen eine Prozentzahl entsprechend ihres Rankings zugewiesen. Das ist eine etwas abenteuerliche Herangehensweise, könnte aber noch in Ordnung sein.
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  20. Wirklich kritisch wird es danach: Die Prozentzahlen werden gleichwertig aufaddiert und standardisiert, um sich nett zwischen 0 und 100 anzusiedeln. Das bedeutet, dass all diese Kategorien angeblich alle exakt gleich viel zu einer Fahrradfreundlichen Stadt beitragen und so das Defizit in einer Kategorie von einem Überschuss in einer anderen exakt ausgeglichen werden kann.
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  23. Nun zu den Daten: Für die Kategorien Radwege in Km, Radsport-Strecken und Fahrrad-Einzelhandel werden absolute Zahlen aus online einsehbaren Quellen verwendet (OpenCycle (Strecke Radweg ohne Differenzierung "echter" Radwege von Fahrbahnmarkierungen, Bikemap (Anzahl der Radstrecken mit sehr vielen Überschneidungen, weshalb diese Zahl praktisch unbrauchbar ist) und Yelp (Anzahl der Fahrradgeschäfte)). Diese Daten werden nicht auf die Bevölkerungszahl oder die Größe der Stadt angepasst. Das bedeutet, dass eine große Stadt mit vielen Geschäften/Km/Radsportstrecken immer besser dasteht als eine kleine, auch wenn die Stadt im allgemeinen besser für Radfahrer geeignet ist, da sie beispielsweise Anteilig mehr Radwege aufweist, was diese sogenannte Studie ja von sich behauptet zu ermitteln.
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  26. Der Stau in prozentualer Mehrzeit ist nicht in etwa die Zeit, die man mit dem Rad spart oder die Radfahrern verursacht wird, sondern die Mehrzeit für Autofahrer. Als Grund dazu, diese Metrik in die Studie einzubauen heißt es, die Feinstaubbelastung sei im Stockenden Verkehr für Radfahrer besonders hoch, "selbst wenn Radwege am Stau vorbei führen". Auch wenn dem so ist, hätte man auch die allgemeine Autodichte oder direkt Feinstaubwerte für die entsprechenden Städte heraussuchen können. Bessere Fahrradinfrastruktur sorgt häufig für mehr Staus auf Autostrecken. Ich möchte hier noch einmal betonen, dass diese Zahl als genauso wichtig angegeben wird wie die Zufriedenheit der Radfahrer und die Menge an Radwegen.
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  29. Die einzige Kategorie die ein kleines Bisschen Sinn ergibt ist Verkehrsunfälle pro 100000 EW. Man könnte hier aber auch anführen, dass eine Stadt mit mehr Fahrradfahrern automatisch mehr Fahrradunfälle pro 100.000 EW hat. Eine Statistik mit Fahrradunfällen pro Fahrradfahrer wäre sinnvoller.
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  32. Vielleicht ist aufgefallen, dass eine Kategorie noch fehlt. Diese ist vielleicht die dreisteste: Radfahrer-Zufriedenheit. Laut BauFi24 basiert diese Metrik auf dem "Fahrradklima-Test 2018 (Gesamtergebnis)" vom ADFC. Der Fahrradklima-Test vom ADFC ist eine große Umfrage unter deutschen Fahrradfahrern, die die Situation für diese Radfahrer in möglichst vielen Deutschen Städten abbilden soll. Hier ist erst einmal der Link zur Quelle (der übrigens auch in dieser sog. Studie als Quelle verlinkt wird):
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  35. https://fahrradklima-test.adfc.de/ergebnisse#c5575
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  38. Jede Stadt erhält im Rahmen der Umfrage am Ende eine Gesamtbewertung in Form einer Schulnote. Wenn wir beispielsweise Aachen ansehen, so erhielt die Stadt 2018 eine Bewertung von 4,32. Münster, bekanntermaßen eine der Deutschen Fahrradstädte konnte immerhin eine 3,25 erreichen. Sehen wir uns jetzt die Spalte Radfahrer-Zufriedenheit der BauFi24 an: Wir erinnern uns, dass sie behaupten, einfach das Ranking der Städte in eine Prozentzahl zu übertragen. Aachen kommt hier auf ganze 75%. Für eine 4,32 ein ziemlich starker Wert. Aber vielleicht sind ja einfach alle anderen Städte in der Absonderung so viel schlechter. Gucken wir uns doch hier noch einmal nach Münster um. Das Ergebnis: 12,5%. Dabei war die Datengrundlage eine 3,25, wo eine 4,32 75% einbrachte. Tatsächlich scheint hier die Skala so missverstanden worden zu sein, dass die höhere Note einer besseren Situation gleichgesetzt wurde. So erhält Karlsruhe, laut ADFC-Fahrradklima Deutschlands beste Fahrradstadt >100000 Einwohner (Bewertung 3,15) eine Wertung von saftigen 0%.
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  41. Insbesondere der letzte Umstand wird im Artikel von Robert Esser auch erwähnt, allerdings erst knapp vor dem Ende des Artikels. Im Titel findet sich nur die Aussage "ADFC weißt den Spitzenplatz zurück".
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  44. Zu dem Artikel von Robert Esser kann man nur den Kopf schütteln. Er behandelt die von der Baufinanzierungsfirma publizierten Daten als Fakt, spricht mehrfach von einer "Studie", auch wenn der wissenschaftliche Anspruch hier gleich null ist, und lässt sich über Vorstöße, die das Radfahren in Aachen sicherer und angenehmer gestalten sollen aus. Beispielsweise spricht er davon, Fahrstreifen würden Autofahrern "geopfert". Dabei hätte eben hier genau hingesehen werden müssen, da die BauFi24 wie auch im Artikel selbst erwähnt ein finanzielles Interesse daran hat, Aachen als Fahrradfreundlich zu präsentieren.
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  47. Sobald man sich mit der "Studie" der Baufi beschäftigt und dabei ein Mindestmaß an kritischem Denken an den Tag liegt, werden die Probleme offensichtlich. Solch einen Artikel, der die "Studie" im Großteil als Faktum behandelt, zu schreiben und zu veröffentlichen, selbst wenn vom ADFC explizit auf die fehlerhafte Methodik hingewiesen wurde, wirft ein sehr schlechtes Licht nicht nur auf Robert Esser, sondern auf die gesamte Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten/Medienhaus Aachen - Gruppe.
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  50. In Zeiten von Fake News und Echokammern im Internet vertrauen viele Menschen den Printmedien als objektive Quelle mit hohem journalistischen Anspruch. Wir vertrauen auf ihre Integrität und ihre Werte, ernsthaft und wahrheitlich über die für unsere schöne Stadt relevanten Themen zu berichten. Bitte missbrauchen sie die Macht, die ihnen die Presse verleiht nicht dazu, Meinungsmache durch abdrucken falscher Informationen zu betreiben. Gerade bei einem für Aachen so zentralen Politikum wie dem Fahrradfahren.
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  53. Ich würde gerne wissen, wie es ein so schlecht geprüfter und recherchierter Artikel in ihre Zeitung schaffen konnte. Ferner halte ich eine Richtigstellung der Faktenlage für angebracht.
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  56. Mit freundlichen Grüßen,
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