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Zwei sind nicht zu bremsen

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Jan 23rd, 2015
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  1. Zwei sind nicht zu bremsen
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  3. UELI KNEUBÜHLER; FLORENCE VUICHARD
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  5. Sie setzen den Chefredaktor ab, schliessen die Druckerei, legen Regionalzeitungen zusammen. Unter dem NZZ-Führungsduo Etienne Jornod und Veit Dengler bleibt bei der "alten Tante" kein Stein auf dem anderen. Mittlerweile ist der Schaden gross. Als Etienne Jornod am Sonntag, dem 7. Dezember, um 19 Uhr die Schwelle zum Hotel Schweizerhof in Zürich überschreitet, hat er einen klaren Plan im Kopf: zuerst das Gespräch mit NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann, dann die für sein Pharmaunternehmen Galenica längst fällige Geschäftsreise nach Tokio und Singapur. Er will Versäumtes nachholen, kann die Reise nicht weiter aufschieben. Das Präsidium der NZZ hatte ihn mehr Zeit gekostet, als er gedacht hatte. Jornod, der charmante Romand, eröffnet Spillmann, dass man die Zukunft ohne ihn als Chefredaktor plane, er aber im Gegenzug so ungefähr jeden anderen Job innerhalb der NZZ haben könne, den er wolle. Ein grosszügiges Angebot, findet Jornod, das Spillmann positiv aufnehmen wird, da ist er sich sicher. Spillmann aber findet das nicht. Er will nicht zuwarten, bis sein Nachfolger Anfang 2015 gewählt ist, und fordert die sofortige Freistellung. Damit schafft er Spielraum für Spekulationen und bringt eine Welle ins Rollen, die später in einem Tsunami auf die NZZ niedergehen sollte. "Spillmanns letzte Tat war seine beste", heisst es heute an der Falkenstrasse, am Hauptsitz der NZZ. Denn er hat damit den Aufstand angezettelt und Markus Somm, Chefredaktor der "Basler Zeitung" ("BaZ") und Biograf von Christoph Blocher, als seinen Nachfolger verhindert. Zwei Tage später, gut eine Stunde bevor Jornod Spillmanns Absetzung um 15 Uhr offiziell verkünden will, macht Somms Name auf Facebook schon die Runde und sorgt für Aufregung. Jornod betont zwar an jenem Dienstagnachmittag vor der NZZ-Belegschaft: "Nichts, aber nichts ist entschieden." Doch glauben mag ihm niemand so richtig. "Tragt der NZZ Sorge - da schaue ich Etienne vor allem an - , und tragt dieser speziellen Publizistik Sorge", sagt Spillmann und schürt das Misstrauen. Jornod erklärt, dass man die beiden Funktionen "Leiter Publizistik" und "Chefredaktor NZZ" neu definieren und trennen wolle. Darüber habe Einigkeit bestanden, doch nicht bei der konkreten Umsetzung. Er wischt sich die Hände ab und verabschiedet sich Richtung Asien. Das mag bei Galenica funktionieren, die Jornod als exekutiver Verwaltungsratspräsident seit Jahrzehnten straff und erfolgreich führt und wo sein Wort nicht mehr hinterfragt wird. Nicht aber bei einem Medienhaus - und definitiv nicht bei der NZZ. Somm hatte Mustervertrag. Die Inthronisierung von Somm kommt ins Stocken, der Prozess der Neubesetzung gerät ausser Kontrolle. Eine Schlagzeile jagt die andere, die "Weltwoche" erfindet den "Freisinnn blocherscher Prägung", die NZZ-Redaktoren verfassen Protestbriefe, FDP-Politiker und Aktionäre gehen auf die Barrikaden, Leser drohen mit Abo-Kündigungen. Zwar ist Somm trotz anderslautender Meldungen noch nicht gewählt und "nur" ein Kandidat unter mehreren. Doch er ist Favorit, wurde zweimal vom NZZ-Verwaltungsrat als Kandidat bestätigt, hatte bereits Einzelgespräche geführt mit einem Grossteil der Verwaltungsräte, hatte gar schon einen Mustervertrag zugeschickt erhalten, den er seinem Anwalt zur Prüfung vorlegte. Von Jornod war das Papier aber noch nicht unterschrieben. Einige Exponenten des Verwaltungsrats bekamen ob ihres forschen Entscheids allerdings kalte Füsse und zündeten ein Störfeuer. Es wirkte. Als Somm den Mustervertrag bereits zu Hause liegen hatte, wurde ihm signalisiert, dass er seine Beteiligung an der "Basler Zeitung" verkaufen müsse. Somm ruderte zurück, wollte einer Absage durch den Verwaltungsrat zuvorkommen. "Es ging immer nur um eine vertiefte Prüfung", betont Jornod, der wegen der Affäre seine Asienreise unterbrechen musste. "Die Gespräche wurden schliesslich im Einvernehmen abgebrochen." Das Aufsichtsgremium war sich also durchaus bewusst, dass Somm durch seine Nähe zu Blocher ein heikler Kandidat war. "Doch er wurde mir wärmstens empfohlen - von Aktionären und Personen, die der NZZ nahestehen", sagt Jornod. Gemäss der "Schweiz am Sonntag" gehörten auch FDP-Urgestein Ulrich Bremi und NZZ-Feuilleton-Chef Martin Meyer dazu. Daraufhin liess Jornod seine anfängliche Skepsis fallen, las Somms Samstagsleitartikel und dessen Biografie über General Guisan - und war schwer beeindruckt. Ebenso von einem persönlichen Treffen. Im Laufe des Abklärungsprozesses nahmen auch die Bedenken der anderen VR ab. Sie holten sich Rückendeckung bei "wichtigen liberalen Persönlichkeiten sowie Kennern der Schweizer Medienund Politiklandschaft", bei Meinungsmachern aus Wirtschaft und Politik - und da wohl vor allem bei jenen, die gerne den "bürgerlichen Schulterschluss" propagieren und ob der eindrücklichen Erfolge der SVP vergessen, dass die Blocher-Partei seit 20 Jahren auf die FDP einprügelt. Offenbar wurde auch die Meinung von Bundesrat Johann Schneider-Ammann eingeholt, der 1999 das Swissmem-Präsidium von Edwin Somm geerbt hatte, dem Vater des "BaZ"-Chefredaktors. Doch in der Öffentlichkeit wie in der NZZ-Redaktion gilt Somm als "Statthalter Blochers". Fazit: Jornod und sein VR hatten sich gewaltig verrechnet. Jetzt ist die Shortlist für den neuen Chefredaktor um einen Namen kürzer. Seit Jornod (62) vor 21 Monaten bei der NZZ das Zepter übernommen hat, bleibt an der Falkenstrasse kein Stein auf dem anderen: neue Strategie, neuer Konzernchef, neues Organigramm. Er hat die Regionalzeitungen zusammengelegt, Beteiligungen verkauft und gekauft - und er will die Druckerei schliessen. "Unternehmerisch" heisst das Zauberwort, das er gerne in den Mund nimmt. Unternehmerisch soll auch der VR agieren, so wie er es auch bei der Galenica macht, wo er sich mit "exekutiv" auch das passende Prädikat zum Präsidium zugelegt hat. Den neuen Wind hat VR Bernd Kundrun zu spüren bekommen. In der Vergangenheit konnte er sich etwas früher von der zweitägigen Retraite des Gremiums verabschieden, die jeweils im Mai im luzernischen Weggis stattfindet, sodass er seinen Flug nach Deutschland nicht verpasst. Unter Jornod ist das passé. Für den Neuenburger, der seit Jahrzehnten in Bern lebt, sind Verwaltungsratssitzungen keine Vergnügungstreffen, sondern harte Arbeit. Er folgt einer industriellen Logik, Politik ist ihm fremd. Und er scheut sich nicht, gegen Widerstände anzutreten. Auch das hat er bei Galenica bewiesen: Er hat die Firma mit Sitz in Bern gegen den Protest aus Apothekerkreisen umgekrempelt - von einer Medikamentengrossistin zu einem international tätigen Unternehmen im Gesundheitsmarkt. Und er hatte damit Erfolg: Die Mitarbeiterzahl kletterte seit 1995 von 950 auf 7700, der Umsatz verdoppelte sich auf rund 3,4 Milliarden Franken, der Börsenwert stieg von 250 Millionen auf rund 5 Milliarden. Jetzt will er die NZZ umkrempeln, fit trimmen für die Zukunft. Und die Zukunft ist digital. Deshalb hat Jornod mit dem Österreicher Veit Dengler (46) einen Konzernchef mit Digitalerfahrung bei Dell und Groupon geholt. Minister in Österreich als Fernziel. Dengler ist ein Konzernchef, der die Unternehmensleitung von sieben auf zehn Mitglieder aufbläht, McKinsey-Berater engagiert und sie wieder ausspuckt. Zum Beispiel eine Key-Account Managerin im Anzeigenbereich, die abgeworben wurde und die NZZ nach nur einem Jahr wieder verlässt. Er lobte sie jeweils in E-Mails über den grünen Klee. Jornod doppelte gerne nach, während die Geschäftsleitungsmitglieder, die ebenfalls auf dem Verteiler standen, sich über den elektronischen Schulterklopfer wunderten. Digital braucht kein Papier, deshalb muss jetzt auch die Druckerei in Schlieren weg, die in den Augen Denglers und Jornods nur als grosser Fixkostenklotz im Weg steht. Ende November, noch vor Ausbruch der Somm-Affäre, wurde der Schliessungsentscheid per Mitte 2015 bekannt gegeben, 125 Personen drohen ihren Job zu verlieren. Die NZZ und die "NZZ am Sonntag" sollen künftig bei der Konkurrenz Tamedia gedruckt werden. Auch hier liess der Protest nicht lange auf sich warten: Die Vertreter der Betriebskommission Schlieren, der NZZ-Personalkommission und der Gewerkschaften übergaben Dengler, Urs Schweizer, dem Leiter des Druckerei-Bereichs, sowie Personalchef Felix Peter zwei Wochen später eine Petition mit 999 Unterschriften gegen die Schliessung - rund die Hälfte davon aus dem Hause der NZZ. Die Personalvertreter offerierten Kaffee und Gipfeli, Dengler und seine Mitstreiter kamen mit Personenschutz. Auch das ein Indiz, dass der Graben zwischen Konzernspitze und Belegschaft so tief ist wie selten zuvor. Ein böser Verdacht geht unter den Angestellten um: Dengler will sich als Manager profilieren, der eine Firma auf Vordermann bringen kann - als Leistungsausweis für sein eigentliches Berufsziel: Finanz- oder Wirtschaftsminister von Österreich, wie der Mitbegründer der Neos-Partei in österreichischen Medien selbst zugab. Sein Vertrag bei der NZZ jedenfalls läuft 2018 aus, also just in jenem Jahr, in dem in Österreich die nächsten nationalen Wahlen anstehen. Zupass kommt ihm auch die neu lancierte NZZ-Online-Plattform für Österreich, die er selbst offensiv propagiert und die bereits über 20 Mitarbeiter zählt. Mit Dengler sei ein Manager am Werk, der Twitter verstehe, in seinem Leben aber noch nie mit Druckereien zu tun gehabt habe, sagt ein Verlagsmanager. "Dengler ist ein typischer Manager, der von der Praxis keine Ahnung hat." Die NZZ-Gruppe hat unter Jornod die Publizistik zum Kern ihrer Strategie erkoren, mehr Produkte auf mehr Kanälen. Doch Fakt ist, dass die Mediengruppe ihr Geld nach wie vor mit Print verdient. Womit die Druckerei eigentlich zum Kerngeschäft gehört. Einmalabschreiber von 55 Millionen. Ein wichtiges vom NZZ-Management gegen aussen kommuniziertes Argument für die Schliessung der Druckerei ist der Investitionsbedarf in zweistelliger Millionenhöhe. Das Dach sei undicht, Teile der Kälteanlagen müssten saniert und viele elektrische Komponenten ersetzt werden. Von rund zwölf Millionen ist die Rede. Doch die Personalvertreter stellen das in Abrede: "Die Angaben zu den anstehenden Investitionen sind zum grossen Teil unzutreffend", heisst es im zensurierten Schlussbericht zum Konsultativverfahren, den alle NZZ-Mitarbeiter bekommen haben. Vonseiten der Verantwortlichen sei zudem bestätigt worden, dass der vermeintliche Investitionsbedarf nicht auf seine Notwendigkeit hin überprüft worden sei. So ist gemäss BILANZ-Informationen in der von der Konzernleitung ausgewiesenen Liste auch neues Mobiliar für die Personalkantine enthalten. Dengler will die Druckerei Schlieren mit einem Einmalabschreiber von 55 Millionen Franken im Rechnungsjahr 2014 aus den Büchern nehmen. Das führt zwar zu einem einmaligen Verlust, der dank des Verkaufs des 49-Prozent-Anteils am Online-Vermarkter Adwebster an Firmengründer Andi Nigg etwas abgefedert wird. Die Vermutung, dass diese beiden Geschäfte zusammenhängen, wird dadurch gestützt, dass das Verkaufsangebot der NZZ nur für 2014 gültig war. Dennoch: Unter dem Strich schreibt die NZZ nach 2009 erstmals wieder rote Zahlen. Damals betrug der Verlust drei Millionen Franken. Was für die NZZ-Chefetage wichtiger ist: Das Vorgehen mit einem Einmalabschreiber verbessert in den folgenden Jahren das Betriebsergebnis um jeweils fünf oder sechs Millionen, was etwa drei Viertel der versprochenen Ersparnisse durch den Wechsel zu Tamedia ausmacht. Für die Kritiker des Entscheids sind die eigentlichen Einsparungen viel zu klein, um sich in die Abhängigkeit der Tamedia zu begeben, die obendrein noch die Druckmaschinen zum Schleuderpreis erhält. Die Konkurrentin ist gemäss Branchenkennern die Hauptprofiteurin des Deals, denn wenn in zehn Jahren der jetzt ausgehandelte Vertrag ausläuft, hat die NZZ ohne eigene Druckerei bei der Neuverhandlung definitiv die schlechteren Karten. Zwei Branchenfremde. Bereichschef Schweizer hatte noch vor wenigen Jahren grosse Pläne für die Druckerei in Schlieren. Sie sollte bis 2020 die einzige Druckerei im Raum Zürich werden. Er hat in den letzten Jahren mehrere Drittaufträge hereingeholt, 2014 den NZZ-Druckereien einen einheitlichen Auftritt mit neuen Logos verpasst und in neue Maschinen investiert, vor kurzem nochmals drei Millionen Franken. Entsprechend soll er sich gegen den Schliessungsentscheid gewehrt haben. Vergeblich. Wird die Druckerei tatsächlich geschlossen, bedeutet dies auch für Schweizer das Ende bei der NZZ. Der 57-Jährige wird in diesem Fall das Verlagshaus im Verlauf des Jahres verlassen. Die Personalvertreter haben am 9. Januar 2015 ihren Bericht dem Verwaltungsrat eingereicht, in dem sie nochmals erklären, wieso die Schliessung der Druckerei in Schlieren ein finanzieller, aber vor allem auch ein strategischer Fehler sei. Jornod räumte den Verfassern bei der Verwaltungsratssitzung vom 13. Januar gar eine Audienz von einer guten Viertelstunde ein. Und er fordert jetzt Antworten von der Geschäftsleitung auf die offenen Fragen. Der Verwaltungsrat hat noch keinen definitiven Entscheid gefällt. Doch im Herzen hat sich Jornod gegen die Druckerei entschieden, während Dengler schon mal vollendete Tatsachen schafft: Die Kunden wie die "Coopzeitung" wurden über die Schliessung informiert, die "Schaffhauser Nachrichten" werden ab dem 1. Februar in St. Gallen statt in Schlieren gedruckt. "Wir müssen jetzt handeln, um auf lange Sicht Probleme zu vermeiden. Das ist meine Devise", sagt Jornod. Ob das seine Verwaltungsratskollegen auch so sehen, wird sich in den nächsten Wochen weisen. Jornod will, auch das eines seiner grundlegenden Führungsprinzipien, dass alle Beschlüsse einstimmig gefällt werden. Jornod wie Dengler kommen beide nicht aus der Medienbranche. Nach dem Somm-Manöver und dem Druckerei-Entscheid wächst die Kritik - in der NZZ selbst, in der Branche, aber auch ausserhalb. Ein Unternehmer spricht im Fall von Jornod von der grössten Fehlbesetzung der letzten Jahre, ein anderer zieht einen Vergleich aus der Sportwelt heran: "Nur weil einer Weltmeister wird im Weitsprung, glaubt ja auch niemand, dass man dann mit demselben Athleten auch den Titel im Hammerwerfen holt." Jornod stört die Kritik nicht. Er sieht sich als Stratege, als einer, der gut zuhören und die Entwicklung der Märkte vorhersehen kann. Er hat das mit Galenica seiner Ansicht nach mehr als bewiesen. Und schliesslich glänzen die Verleger, die seit Jahren im Geschäft sind, auch nicht gerade mit Bestnoten. Ins NZZ-Präsidium gehievt wurde Jornod als "ausgewiesene Unternehmerpersönlichkeit", wie es der abtretende Präsident Franz Steinegger im Vorfeld seiner Wahl umschrieb. Er war aber auch ein Verlegenheitskandidat. Konrad Hummler musste den Stuhl räumen, weil er wegen seiner Bank Wegelin auf der Anklagebank der US-Justiz sass. Der frühere Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer hatte kein Interesse, Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz war als Exponent der krisengeschüttelten Grossfinanz nicht genehm. Es blieb für den Prestigejob der bis anhin im Zürcher Wirtschaftsestablishment wenig bekannte Galenica-Kapitän. Mangels Alternativen sah man auch grosszügig über seinen 20-Millionen-Vorabbonus hinweg, den er sich 2012, also mitten in der Abzocker-Debatte, in Form von Aktien gleich selbst zuschanzte. Diese sind bis 2017 gesperrt. Kooperation mit "BaZ" diskutiert. Mit ihm wurden im Frühjahr 2013 auch drei "Zürcher" gewählt. Der ehemalige NZZ-Hausanwalt Christoph Schmid, Werber Dominique von Matt und "Zürich"-Personalchefin Isabelle Welton sollen die Nähe der Traditionszeitung zur Wirtschaftsmetropole gewährleisten. Vergeblich: "Im Verwaltungsrat der NZZ sitzen einige Personen, die zu weit weg sind vom liberalen Zürich", sagt der FDP-Ständerat Felix Gutzwiller, der von Jornod in der Causa Somm nicht um seine Meinung gefragt wurde. Ebenso wenig wie Nationalrat Ruedi Noser oder sein Ratskollege Beat Walti, immerhin Präsident des Zürcher Freisinns. Der Schaden ist angerichtet. Andere sehen im Somm-Kapitel einen heilsamen Schock, der NZZ und Freisinn geweckt habe. Jede Avance von Blocher versetzt jetzt alle in helle Aufregung. Zum Beispiel wenn es um die Zukunft der Regionalzeitungen geht. Hartnäckig halten sich die Gerüchte an der Falkenstrasse, dass mit der Ernennung von Somm gleichzeitig eine Zusammenarbeit der "BaZ" mit der "Neuen Luzerner Zeitung" und dem "St. Galler Tagblatt" vorgesehen war, die beide der NZZ-Tochter Freie Presse Holding (FPH) gehören. "Wir werden die Regionalzeitungen sicher nicht verkaufen", sagt Jornod. Umso weniger, als er erst vor kurzem die restlichen 25 Prozent an der FPH von der PubliGroupe erwerben konnte. Tatsächlich wurde aber im Herbst intensiv diskutiert, wie die Regionalmedien ausgerichtet werden sollen. BILANZ weiss: In informellen Gesprächen wurden Planspiele hinsichtlich einer möglichen Zusammenarbeit mit der "BaZ" angestellt. Danach sollte die "BaZ" in die FPH eingebracht werden und die "BaZ"-Besitzer eine schöne Beteiligung an der NZZ-Tochter erhalten. Doch die Beteiligungsverhältnisse wurden zum Zankapfel. Der Deal scheiterte. Vor allem NZZ-Finanzchef Jörg Schnyder soll sich für die Beibehaltung der Regionaltöchter ausgesprochen haben. Denn neben den schönen Gewinnen, die jährlich aus St. Gallen und Luzern nach Zürich fliessen, beteiligen sich die Regionalmedien mit einem Grossteil an den Overhead-Kosten. Nun sollen Synergien zwischen den beiden Blättern genutzt werden. Zum Beispiel beim Chefposten. Tagblatt und LZ Medien gingen in einem Geschäftsbereich auf und werden nun von Jürg Weber, Chef der LZ Medien, geführt. Sein St. Galler Pendant, Daniel Ehrat, erhielt Ende Oktober nach fünfzehn Jahren die Kündigung. Wo die beiden Blätter, deren Kaufargument die regionale Verankerung ist, kooperieren können, bleibt jedoch für viele ein Rätsel. Im Werbe- und Lesermarkt gibt es kaum Überlappungen, und im Redaktionellen beschränken sie sich auf ein Minimum. Dringender ist anderes. Zum Beispiel der immer wieder verzögerte Relaunch der NZZ. Aber als Erstes muss der Verwaltungsrat den Druckereientscheid fällen und einen neuen Chefredaktor suchen. Redaktionsintern werden Auslandchef Eric Gujer und Nachrichtenchef Luzi Bernet die grössten Chancen zugesprochen. Die Idee, einen eigenständigen Posten eines "Publizistischen Leiters" zu schaffen, als Verbindungsglied zwischen CEO und Chefredaktoren, hat der Verwaltungsrat in seiner Januar-Sitzung wieder fallen gelassen. Und damit auch eines der Hauptargumente für die Absetzung von Spillmann. Offenbar stellte sich die Suche für den Job nach dem Somm-Eklat alles andere als leicht dar: Mathias Müller von Blumencron, Digitalchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", hat abgewinkt. Und er soll nicht der Einzige sein: Angefragt wurden offenbar auch Jochen Wegner, Online-Chef der "Zeit", sowie Stefan Plöchinger, Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung". Vergeblich. Ein Branchenkenner: "Die NZZ gilt seit der Affäre Somm für deutsche Kandidaten als verbrannte Erde." Jetzt sucht die NZZ wieder in der Schweiz. Für Jornod ist die Geschichte noch nicht ausgestanden, muss er sich an der NZZ-Generalversammlung am 11. April doch nicht nur den verärgerten Aktionären stellen, sondern sich auch wieder wählen lassen. Und falls er es nicht schafft? Dann ist es ihm auch egal. Denn er hat seiner Ansicht nach alles richtig gemacht.
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