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Akte zeigt Gaucks Distanz zur Stasi (DIE WELT, 23.4.1991)

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  1. DIE WELT - Nr. 94 - Dienstag, 23. April 1991
  2. Seite 8
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  4. Akte zeigt Gaucks Distanz zur Stasi
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  6. Der Sonderbeauftragte für die personenbezogenen Akten der MfS, Joachim Gauck, ist in die öffentliche Diskussion geraten. Die Hauptkritik richtet sich gegen die Tatsache, daß frühere MfS-Angehörige in der Behörde arbeiten und auch jetzt, wenn es um die Wertung von Akten geht, erneut "Berichte" schreiben. So soll es bei der Beschuldigung gegen Lothar de Maizière gewesen sein. Inzwischen wurde auch bekannt, daß da MfS Kontakt zu Gauck hatte. Zugleich meldete das ZDF, Gauck habe die vom MfS über ihn angelegten Akten mehrfach und uber längere Zeit ohne Beisein anderer Personen eingesehen. Daraus war der Verdacht entstanden, Gauck könnte für seine jetzige Arbeit, so oder so, befangen sein. Der WELT liegt der Bericht über ein neunzig Minuten dauerndes Gespräch vor, das der MfS-Hauptmann Terpe am 28. Juli 1988 mit Gauck geführt hat. Beim MfS war Gauck der Deckname "Larve" gegeben werden. Die WELT veröffentlicht diesen Bericht als Beitrag zur Diskussion; aus Gründen der Authentizität ohne Korrektur der orthographischen und Zeichensetzungsfehler. (ms.)
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  9. Aussprachebericht
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  11. Am 28.07.1988 wurde mit Joachim GAUCK, Pastor der evangl.-luth. Landeskirche von 10.30 Uhr bis 12.00 Uhr eine Aussprache durch Gen. Hptm. Terpe durchgeführt. Diese Aussprache war am Abend vorher telefonisch mit Gauck vereinbart worden. Gauck empfing den Mitarbeiter an seiner Wohnungstür und geleitete ihn in sein Arbeitszimmer und bat ihn Platz zu nehmen. Im ersten Teil des Gespräches wurde durch den Mitarbeiter bezug genommen auf seine am Vortage, während der Terminvereinbang am Telefon, gezeigte ablehnende Haltung zur Wahrnehmung eines Gespräches mit einem Mitarbeiter des MfS. Gauck begründete dies so, daß er persönlich eigene Erfahnungen gemacht hat mit Mitarbeitern des MfS, daß er die Methoden des MfS ablehnt, da eine Vielzahl von Personen aus seiner Gemeinde in den vergangenen Jahren ihm gegenüber offenbart haben, daß sie durch das MfS kontaktiert worden waren. Er persönlich findet es mehr nachteilig für den Ruf des MfS, daß Menschen durch die Kontaktierung durch das MfS seelisch belastet sind, gezwungen werden sollen zu anderen Personen Aussagen zu treffen, Spitzeldienste und Zuträgerdienste zu leisten und letzten Endes in Zwiespalt gegenüber ihrer persönlichen Auffassung geraten. Ihn selbst belastet dieser Zustand erheblich und er nutzt jede Gelegenheit, um diese Haltung auch öffentlich kund zu tun; dies brachte er auch in der Form dem Mitarbeiter gegenüber zum Ausdruck. Durch den Mitarbeiter wurde G. erklärt, daß das MfS einen durch die Partei erteilten Auftrag hat und diesen Auftrag auch konsequent durchführen wird, um einen grundlegenden Beitrag zur weiteren Entwicklung des Sozialismus zu leisten. Dies wurde durch Gauck so zur Kenntnis genommen.
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  13. Gauck entgegnete darauf weiterhin, daß er glaubt, daß das MfS ein Staat im Staate sei und durch niemanden kontrolliert werde. Ihm wurde daraufhin entgegnet, daß das MfS, wie schon gesagt ein Organ der Partei ist und auch der Kontrolle der Partei unterliegt und keine eigenständige Politik im Staate zu machen habe. Gauck wollte vom Mitarbeiter wissen, ob er Vorgesetzter oder Unterstellter eines Herrn Herzog war oder ist, der vor cirka zwei Jahren mit noch einem Genossen bei ihm zu Hause eine Aussprache durchgeführt hat.
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  15. G. wurde entgegnet, daß der Mitarbeiter nicht Unterstellter des Herrn Herzog ist. Gauck brachte daraufhin zum Ausdruck, daß er sehr viel Wert darauf lege, jetzt schon von vorneherein zu erklären, daß er nicht gewillt ist, mit nicht kompetenten Mitarbeitern des MfS überhaupt Gespräche zu führen und er sich von vornherein verbieten würde, mit einem kleinen Leutnant des MfS zu sprechen. Er führte weiterhin aus, daß seiner Meinung nach, das MfS viel zu groß sei, er vertritt nach wie vor die Auffassung, daß dort mindestens 60 Prozent der Mitarbeiter entlassen werden müßten, da
  16. 1. in der Volkswirtschaft Arbeitskräfte gebraucht werden und
  17. 2. so ein aufgebläter Apparat zu uneffektiv sei und letzten Endes darauf schließen lassen, daß das MfS dureh diesen aufgebläten Apparat uneffektiv arbeiten würde.
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  19. Er habe die Erfahrung gemacht, daß bedingt durch seiner Meinung nach, das übertriebene Feindesuchen bei Mitarbeitern des MfS neurotische Züge im Laufe der Jahre bei vielen Mitarbeitern erkennbar seien. Dies äußert sich vor allem auch darin, daß man in allen Handlungen von Bürgern, die sich politisch selbständig betätigen wollen Feindtätigkeit vermute und daß es dazu gekommen sei, und da trage das MfS auch eine entscheidende Schuld daran, daß der Bürger sich politisch unselbständig entwickelt habe und seine Zivilcourage unterentwickelt ist. In diesem Zusammenhang nannte er in Vorbereitung des Kirchentages besondere Maßnahmen des MfS innerhalb des Personenkreises des Themenbereiches 2, die er als unangemessen und überspitzt einschätzte. Er bezog sich hierbei auf eine Reihe von Gesprächen mit Mitgliedern dieser Themengruppe, um sie zu Zuträger- und Spitzeldiensten zu veranlassen und schätzte auch die plötzliche Übersiedlung der Personen Wilde, Cornelia und Hartmann, Torsten als eine Maßnahme ein, um die Wirksamkeit des Themenbereiches 2 einzuschätzen/einzuschränken. In diesem Zusammenhang war bei G. zu bemerken, daß er trotz der oben angeführten Aktivitäten des MfS innerhalb des Themenbereiches 2 doch eingestand, daß die Arbeit innerhalb des Themenbereiches 2 mehr oder weniger doch zwar kontrolliert wurde aber doch laufen gelassen wurde und letzten Endes auch im großen und ganzen störungsfrei realisiert wurde.
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  21. Gauck führte nur noch an, daß es für ihn unverständlich ist, daß so ein Mann wie Heike Lietz ständigen Represalien und Gängeleien ausgesetzt ist. Er schätzt den Lietz als einen streitbaren, zwar sehr kompliziert und charakter ein, der jedoch letzten Endes nur positive Veränderungen innerhalb unserer Gesellschaft will.
  22.  
  23. Insgesamt war Gauck der Meinung, daß der Kirchentag in Rostock eine gelungene Sache war und schätzt das Ergebnis auch als sehr wichtig ein, weil es inhaltliche Neuerungen gebracht hat, die sich deutlich positiv abheben zu den Kirchentagen in Görlitz, Erfurt und Halle. Als besonders hoch schätzte er den begonnenen und doch auf einem hohen Niveau gefuhrten Dialog mit Wissenschaftlern des Bereiches Marxismus/Leninismus der Universität Rostock und der Universität Greifswald ein. Er schätzte diese Maßnahme als einen echten Beitrag für den Beginn des Dialoges zwischen Marxisten und Christen ein und sieht hier sehr gute Bedingungen für die Weiterführung des Gespräches auf einer gemeinsamen Grundlage.
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  25. In diesem Zusammenhang bedauerte es er, daß es trotz der positiven Ansätze im Dialog zwischen Christen und Marxisten nicht gelungen ist, einen kompetenten staatlichen Vertreter in die öffentliche Diskussion einzubeziehen. Er bezog sich hier als Beispiel auf das Auftreten von Prof. Reinhold 1987 aut dem Kirchentag in Frankfurt/Main in der BRD und hatte die Absicht einen ähnlichen kompetenten Vertreter aus dem Zentralkomitee oder aus dem Staatssekretariat für Kirchenfragen zum Kirchentag in Rostock einzuladen und auch entsprechend auftreten zu lassen, um so auch die Dialogbereitschaft zwischen Christen, Marxisten staatlichen Vertretern zu realisieren.
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  27. Weiterhin sprach sich Gauck enttäuscht darüber aus, daß der Bundestagsabgeordnete Dr. Knaabe die Genehmigung für die Einreise in die DDR zum Kirchentag in Rostock nicht erhalten hat. Er schätzt Dr. Knaabe als einen Spezialisten auf dem Gebiet der Ökologie und des Umweltschutzes ein, insbesondere zu dem Spezialproblem Waldsterben und Walderhaltung. Er hat mit Dr. Knaabe im Vorfeld schon des Kirchentages schon Gespräche gehabt und war anfürsich der festen Überzeugung, daß Dr. Knaabe die Genehmigung für die Einreise erhalten würde. Er fragte den Mitarbeiter konkret, ob er ihm Gründe nennt, die die Einreise des Dr. Knaabe verhindert haben. Der Mitarbeiter entgegnete Gauck, daß ihm diese Gründe nicht bekannt sind, er aber vermute, daß es sich hierbei um eine politische zentrale Entscheidung handle. Im weiteren Gespräch kam Gauck auf die Umgestaltungsprozesse in der Sowjetunion zu sprechen. Er äußerte hier die Erwartung, daß auch in der DDR kurzfristig solche Veränderungen in Gang gesetzt werden, die vor allen Dingen den Charakter der politischen Machtausübung verbessern, die die Pressefreiheit beinhalten, die vor allen Dingen die öffentliche Diskussion stärker berördert die eine objektive Berichterstattung in den Massenmedien beinhalten und die vor allem gewisse bürokratische Züge im Leitungs- und Verwaltungsapparat des Staates, wie auch im öffentlichen Leben, die für den Bürger sehr bedrückend sein können, beseitigen.
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  29. Gauck schätzte ein, daß wenn diese Veränderungen in der DDR nicht kurzfristig realisiert werden, die DDR sich im Sozialistischen Lager isolieren wird und die positiven Zielsetzungen, die die sozialisttsche Gesellschaft in der DDR hat dadurch nicht erfüllt wird und letzten Endes die Erwartungshaltung der DDR-Bürger hinsichtlicb der Erfüllung der Ziele der Wirtschafts- und Sozialpolillk in Gefahr geraten. Er erachtete es aus dem Grunde, als dringend notwendig, daß diese Veränderungen in der DDR erfolgen, da seiner Meinung nach die Gleichgültigkeit der DDR-Bürger gegenüber dem Volkseigentum, gegenüber gesellschalichen Grundwerten, wie auch der Charakter der zwischenmenschlichen Beziehungen sich verschlechten haben und er mit Wissen der Erlebnisse aus seinen bisherigen Reisen in die BRD die Erfahrung gemacht hat, daß ein Großteil der DDR-Bürger ein devisenorientiertes Konsumdenken besitzt, das schon seine ideologischen Spuren bei den Menschen bei uns hinterlassen hat. Er nannte auch die steigende Anzahl von Menschen, die aus der DDR wegwollen und die bereits ein Übersiedlungsersuchen gestellt haben beziehungsweise sich im Vorfeld eines Ubersiedlungsersuchens befinden, als erschreckend und bedrohlich und bezeichnete das besonders tragisch, daß junge Angehörige der Intelligenz besonders Ärzte wie auch Jugendliche die doch in der DDR politisch und fachlich ausgebildet und erzogen worden sind letzten Endes sich dafür entscheiden ein Leben außerhalb der DDR zu führen und somit seiner Meinung nach nur eine Unterentwicklung im Punkt Heimatgefühl besitzen.
  30.  
  31. Der Bewältigung der innenpolitischen Probleme innerhalb der DDR. Der nur durch sofortige Reformprozeß vergleichbar in etwa mit den in der Sowjetunion vor allen Dingen hinsichtlich des politischen Uberbaus Einhalt geboten werden kann, um so eine echte innere Bindung der Menschen an die DDR langfristig zu erzeugen.
  32.  
  33. Weiterhin führte er aus, daß es ihn bedenklich stimme, daß eine steigende Anzahl von jüngeren wie auch etwas älteren Menschen nur in die SED gehen, um Karriere zu machen, ohne eine politische Bmdung an die Ziele und Aufgaben der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu haben und letzten Endes durch die Mitgliedschaft in der SED ein größerer politischer Schaden zugeführt wird als wie die Wahrnehmung der damit verbundenen Funktionen erkennen läßt.
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  35. Er nannte hier als Beispiel vor allen Dingen den Drang von einer ganzen Reihe von Bürgern nur deswegen in die SED zu gehen, um eine bestimm Funktion zu bekommen, Leiter zu werden und letzten Endes dann wenn sie die Leitungsfunktion haben sie auch nicht mit der entsprechenden Verantwortung wahrnehmen.
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  37. Als Grundübel bei der Problematik der Übersiediungsersuchenden nannte er die unausreichende Ursachenforschung und Beseitigung durch die Gesellschaft. Er betrachtete es als skandalös, daß vor allem auch in der Presse zu diesem Problem in kemer Weise Stellung genommen wird, obwohl dieses Problem DDR-weit existiert und deren Stellenwert in den letzten Jahren ständig gewachsen ist und auch durch die verstärkten Übersiedlungen 1984 und 1985 sei kein Absinken der Tendenz der Übersiedlungsersuchenden entstanden, sondern die Anzahl der Übersiediungsersuchenden hat ständig zugenommen und das ist für ihn ein Zeichen dafür, daß es noch ein großer Reservar von Menschen gibt, die keine Bindung mehr an die DDR haben, die nur aus egoistischen beziehungsweise Existenzgründen in der DDR bleiben, die aber politisch und auch weltanschaulichen mit der DDR beziehungsweise mit Teilbereichen der SOzialistischen Gesellschaft gebrochen haben.
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  39. Gauck äußerte, daß er selbst in seiner Gemeinde dahingehend wirksam werden will, daß er die ihm dort bekannten Ubersiedlungsersuchenden durch Gespräche, mehrmalige Gespräche beeinflussen will, damit sie in der DDR bleiben.
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  41. Hierzu wurde Gauck vom Mitarbeiter gesagt, daß diese Aktivitäten von ihm einen echten positiven Beitrag innerhalb der Arbeit mit Übersiedlungsersuchenden darstellen und wenn dann damit erreicht wird, daß ein Teil dieser Übersiedlungsersuchenden ihren Antrag zuruckziehen, so sei damit viel erreicht. Weiterhin wurde in diesem Zusammenhang Gauck gedankt fur seine Initiativen für seine langfristige gute Zusammenarbeit und Durchführung des Kirchentages, ihm wurde auch gedankt für seinen hohen persönlichen Einsatz und dieser Dank wurde vom Mitarbelter nicht nur aus persönlichen Gründen vorgebracht sondern ihm wurde auch deutlich zu verstehen gegeben, daß dieser Dank seitens des MfS an Gauck ergeht.
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  43. Gauck erklärte zu dem Ergebnis des Kirchentages, daß er einschätzt, daß der Kirehentag insgesamt störungsfrei verlaufen ist, daß es eine ganze Reihe von wichtigen Erkenntnissen gegeben hat, die vor allen Dingen geeignet sind eine weitere qualifizierte ideolgische Positionsbestimmung der Kirche zu erlauben, die letzten Endes auch dazu geeignet sind, die Möglichkeiten und auch die Grenzen der weiteren kirchlichen Arbeit zu definieren und die auch eine Vielzahl von Betätigungsfeldern fur den weiteren Dialog zwischen Staat und Kirche darstellen. Er nannte hier insbesondere Fragen der Ökologie, wobei er selbst die Ökologie als eine ernstzunehmende Wissenschaft bezeichnete und bedauerte, daß das ökologische Denken bei den Bürgern noch zu unterentwickelt ist und es höchste Zeit wird, auch durch einen eigenen Beitrag die Probleme, die sich durch Vernachlässigung der Forderungen aus der Ökologie ergeben schnellstens zu lösen.
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  45. Durch den Mitarbeiter wurde Gauck gesagt, daß es hier auch Möglichkeiten gibt für Personen innerhalb der Kirche, wie auch außerhalb der Kirche einen konkreten Beitrag zur Ökologie zu leisten, ihm wurde zum Beispiel gesagt, daß der Stadtrat für Umweltschutz und Wasserwirtschaft, Peter Struck, ständig eine Vielzahl von Arbeitskräften auf freiwilliger Basis sucht, die beispielsweise Dünenbepflanzungen durchführen und die auch in kleinerem Rahmen Forstarbeiten durchführen.
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  47. Gauck entgegnete hierauf, daß es fur ihn ein leichtes sei, bei Bedarf, in Koordinierung mit dem Rat der Stadt, solch einen Emsatz in Zusammenhang mit dem Rat der Stadt zu organisieren, um hier die benötigten Arbeitskräfte bereitzustellen.
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  49. Als einen negativen Fakt vor und während des Kirchentages nannte Gauck die seiner Meinung nach administrative Art und Weise des Eingreifens staatlicher Organe in das termingerechte Erscheinen einiger Kirchenzeitungen. Hierbei bezog er sich nicht nur auf die Mecklenburgische Kirchenzeitung sondern nannte auch Kirchenzeitungen anderer Landeskirchen wie Thüringen, Sachsen und GÖrlitz. Er bezeichnete diese Maßnahme des Presseamtes innerhalb des Staatssekretariats fur Kirchenfragen als Willkürakt, als nicht zeitgemäß und erklärte, daß durch solch eine Maßnahme politischer Schaden angerichtet wird, nicht nur bei Christen, der im Prinzip garnicht wieder gut zu machen ist und er sagte, daß diejenigen, die dafür verantwortlich sind, sich in den Augen der betreffenden Bürger nur lächerlieh gemacht haben.
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  51. Durch Gauck wurde abschließend eingeschatzt, daß ihn der Besuch eines Mltarbeiters des MfS in Ergebnis dieses Gespräches angenehm uberrascht habe, daß der Inhalt dieses Gespraches ihn dazu veranlassen wird, seine Haltung zum MfS zu überdenken, obwohl er durch die/den verbalen Dialog mit dem Mitarbeiter des MfS noch nicht in seine Auffassung zum MfS endgültig überholt hat. Er glaubt aber auch, daß das MfS einen echten positiven Beitrag zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft einbringen wird. In diesem Zusammenhang nannte er auch die große Verantwortung des MfS gegenüber dem Volk und bezog sich dabei auf die Stalin-Ära, wo es zu erheblichen Übergriffen der damaligen Sicherheitsorgane gegenüber dem Volk gekommen ist und er warnte davor, solche Übergriffe wieder bei uns an die Tagesordnung kommen zu lassen, da irgendwann jeder durch das Volk zur Verantwortung gezogen wird und vor dem Volk Rechenschaft ablegen muß, wie er die ihm übertragene Verantwortung im Interesse des Volkes wahrgenommen hat.
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  53. Diese Ausführungen von Gauck wurden nicht in ablehnender Haltung geführt, sondern dienten nur zur Erläuterung seines im Ergebnis des Gespräches entstandenen Eindrucks über die Arbeit des MfS, wie auch über die Person des Mitarbeiters, der mit ihm das Gespräch geführt hat.
  54.  
  55. Gauck führte wiederholt aus, daß ihm das Gespräch viel gegeben hat, daß es aber für ihn und auch fur das MfS wie auch für alle anderen, die im Staate Verantwortung tragen, darauf ankommt, zur generellen Bewältigung der Probleme, die in der gesellschaftlichen Entwicklung für ihn erkennbar sind, dringend notwendig ist, die Attraktivität des Sozialismus entscheidend zu steigern, daß wie schon eingangs gesagt, die Bürger ein echtes Heimatgefühl entwickeln, daß sie in den Massenmedien wahrheitsgemäß Informationen erhalten, daß die Presse ein Spiegelbild ihrer sozialen Problematik darstellt und daß jegliche Schönfärberei der Vergangenheit angehört.
  56.  
  57. Gauck wurde durch den Mitarbeiter erklärt, daß der von ihm beantragten Einreise seiner in die BRD übergesiedelten Kinder durch die zuständigen staatlichen Organe zugestimmt wird und daß der Einreise seiner Kinder nichts mehr im Wege steht.
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  59. Gauck zeigte sich bei dieser Äußerung des Mitarbeiters sehr bewegt und erklärte, daß er seit Jahren an der Übersiedlung seiner Kinder merklich zu leiden habe, daß ihn das stark belaste und letzten Endes auch er versagt hat und nicht alles dafür getan hat, daß seine Klnder in der DDR blieben. Auf der anderen Seite machte er auch andere Personen, wobei er die Namen nicht nannte, für die Übersiedlung seiner Kinder verantwortlich.
  60.  
  61. Durch den Mitarbeiter wurde Gauck gebeten, ob bei ihm die Bereitschaft vorliegt, bei Notwendigkeit ein weiteres Gesprach zu vereinbaren.
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  63. Gauck antwortete hierauf, daß er nichts dagegen habe, wenn der Mitarbeiter bei emem konkreten Anlaß zu Ihm den Kontakt aufnehme, daß er aber zu einem ständigen regelmäßigen Kontakt nicht bereit ist, da es seiner Grundauffassung widerspreche und es zu viele Dinge gibt, die zwischen uns stehen.
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  65. Gauck informierte weiterhin, daß er im Ergebnis dieses Gespräches eine Information an den Landesbischof geben wird und fragte den Mitarbeiter, ob er dagegen Einwände habe. Durch den Mitarbeiter wurde Gauck gesagt, daß es seitens seiner Person keine Einwände gibt.
  66.  
  67. Danach wurde das Gespräch beendet. Gauck brachte den Mitarbeiter bis zum Hausausgang und verabschiedete sich von ihm nochmals.
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  69. In diesem Zusammenhang fragte Gauck den Mitarbeiter, ob er seinerseits etwas dagegen hätte, wenn er ihn, wenn er ein Problem hätte, anrufen könnte und mit ihm ein Gesprach vereinbaren kann/könnte.
  70.  
  71. Der Mitarbeiter sagte Gauck, daß die Telefonnummer ja im Telefonbuch steht und da der Mitarbeiter sich namentlich gegenüber Gaurk vorgestellt hat, er nur diesen Namen zu nennen brauchte, und er dann mit ihm verbunden wird. Daraufhin verließ der Mitarbeiter die Wohnung.
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  73.  
  74. Operative Wertung
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  76. Der ... Gesprächsverlauf zeigte, daß Gauck keine Zurückhaltung gegenüber dem Mitarbeiter erkennen ließ. Es war ein offenes Gespräch, das einen sehr sachlichen Charakter trug, das Gesprach war von gegenseitiger Akzeptanz charakterisiert.
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  78. Beide Gesprächspartner, die vom anderen angesprochenen Probleme zu beantworten, besonders bei Gauck war gerade in Formulierung der Probleme keine Zurückhaltung erkennbar, obwohl er eine sehr kritische und uberspitzte Einstellung zum MfS hat, ist einzuschätzen, daß Gauck letzten Endes auch gewillt ist, einen positiven Beitrag fur die Lösung der von ihm angesprochenen und erkennbaren Probleme zu leisten. Er sieht auch em, daß die Kirche alleine die angesprochenen Probleme nicht bewältigen kann. Er verlangt aber, daß der Staat als Machtträger die Probleme, die real existieren, ob er sie wahrhaben will oder nicht, auch anspricht, öffentlich diskutiert und auch löst.
  79.  
  80. Im Ergebnis des heutigen Gespräches ist einzuschatzen, daß die bisherigen Wertungen zur Person Gauck einer Präzisierung bedürfen. Es wird vorgeschlagen, den OV "Larve" zu archivieren und einen IM-Vorlauf anzulegen. Weiterhin erscheint es sinnvoll, den Kontakt zu Gauck langfristig aufrechtzuerhalten und zumindestens 1988 ein weiteres Kontaktgesprach durchzuführen.
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