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a guest Apr 19th, 2012 41 Never
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  1. Predigt Jürgen Moltmann - Römer 14, 7-9
  2.  
  3. 7 Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst.  
  4. 8 Denn sei es auch, daß wir leben, wir leben dem Herrn; und sei es, daß wir sterben, wir sterben dem Herrn. Und sei es nun, daß wir leben, sei es auch, daß wir sterben, wir sind des Herrn.  
  5. 9 Denn hierzu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, daß er herrsche sowohl über Tote als auch über Lebende.
  6.  
  7. Bedenke! „Den eigenen Tod den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben!“ Dichtete Maschaka Leko, als ihr einziger Sohn starb. Sie hat recht, an meinem Ende erfahre ich mein Sterben, aber ich erfahre nicht meinen Tod, denn ich werde mich selber nicht überleben. Wo machen wir dann Todeserfahungen? Doch an denen, die wir lieben. Wenn sie sterben erfahren wir ihren Tod, denn wir müssen mit ihrem Tod Leben. Leben ist gut, sehr gut. Aber ein Überlebender zu sein, oder ein Hinterbliebener zu werden ist schwer. Man fragt dann nach dem Sinn des eigenen Lebens. Es ist, als wäre man selber mit dem geliebten Menschen gestorben. Wenn man alt wird, ist man der Überlebende und Hinterbliebene vieler Toten geworden, nicht die eigenen Altersbeschwerden, sondern die vielen Todeserfahrungen machen das Altern aus. Und im Alter einsam. Soll man die Toten loslassen und vergessen um leben zu können wie das viele junge Menschen tun oder lässt man die Toten nicht los und lebt mit ihnen in der Vergangenheit wie das manche Alten versuchen? Wie kann man mit den Toten das Leben bejahen? Kann man in ihrer Gegenwart das Leben lieben? Ich glaube, wir müssen wissen, wo die Toten sind. Sind sie im Grab oder im Himmel oder in der Vergangenheit oder in unserem Herzen? Lesen wir die Todesanzeigen in der Zeitung dann spüren wir, wie verzweifelt die Menschen nach ihren Toten suchen. Wir müssen wissen, wo die Toten sind. Denn ohne solches Wissen, kann die Trauer den geliebten Menschen nicht festhalten. Im Glaubensbekenntnis heißt es von dem gekreuzigten und gestorben und begraben Christus, er sei hinabgestiegen in das Reich des Todes. Was will Christus im Reich des Todes. Hat der tote Christus eine Bedeutung für die Toten. Als toter hätte er keine Bedeutung für die Toten, er wäre nur einer mehr von ihnen. Aber als auferstandener Christus hat er eine ungeheurere Bedeutung für die Toten. Seine Auferstehung beginnt im Reich des Todes, seine Himmelfahrt beginnt in seiner Höllenfahrt. Warum? Paulus gibt uns eine Antwort, mit der man leben und sterben kann.
  8. „Denn hierzu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, daß er herrsche sowohl über Tote als auch über Lebende.“
  9. Also ist er gestorben um bei den Gestorbenen zu sein. Er war tot um bei den Toten zu sein. Er ging in das Reich des Todes um das Reich des Todes zu zerstören. Der Sinn seiner Höllenfahrt ist, dass er die Pforten der Hölle öffnet. „Alles ist jetzt mit Licht erfüllt. Der Himmel und die Erde und das Reich des Todes“, heißt es in einer orthodoxen Osterliturgie. Im Licht seiner Auferstehung von den Toden stimmt das auch. Christus hinabgestiegen in das Reich des Todes um es mit dem Jubel der Auferstungswelt zu erfüllen. Dann wird die Todesnacht zur Morgenröte des neuen Tages Gottes und der Tod wird zur Geburt des Lebens der zukünftigen Welt. Wir wollen das etwas genauer bedenken. Christus wird durch seinen Tod und seine Auferstehung von den Toden zum Herrn über Leben, Lebendige und Tode. Was heißt das? Christus umarmt die Toten und die Lebenden mit seinen rettenden Armen. Lebe ich in der Christusgemeinschaft, dann lebe ich auch in einer Gemeinschaft, die Lebende und Tote umfasst. In dem auferstanden Christus ist die Trennmauer des Todes abgebrochen und die Lebenden kommen zu den Toten und die Toten zu kommen zu den Lebenden. Die Christusgemeinschaft hat sozusagen zwei Halbchöre, hier die lebende Gemeinde und dort die Gemeinde der Toten. Ich war in meiner Jugend Dorfpfarrer, in Wasserhost stand die Kirche auf einem Hügel, und drumherum war der Friedhof der Kirche. Gingen die Lebenden zum Gottesdienst am Sonntag, dann gingen sie auch zu den Gräbern der Toten. Die Kirche war er Mittelpunkt einer Gemeinde der Lebenden und einer Gemeinde der Toten. Und ich habe dies immer für ein gutes Bild für die Herrschaft Christi über Lebende und Tote angesehen. Wir wollen aber noch etwas genauer hinsehen. Was macht denn Christus bei den Toten? In der Christusgemeinschaft sind die Toten gar nicht tot. Für uns sind sie zwar tot, aber für Christus sind sie nicht tot. Es gibt eine merkwürdige Geschichte. Im 1. Petrusbrief 3+4,6, dort wird die Gewissheit ausgesprochen, dass Christus bei den Toten aktiv wird und sie reagieren können auf ihn. Christus hat den Geistern im Gefängnis wie es später heißt, den Toten, das Evangelium verkündigt, damit sie auf Gottes Weise das Leben haben im Geist. Damit sind zuerst die Toten gemeint, die vor Zeiten nicht glaubender Gott mit ihnen Geduld hatte. Aber im Kapitel 4 dann auch alle Toten, damit sie im Geist Gottes, d.h. in der Kraft der Auferstehung das Leben haben. Wie das geschehen kann, dass die Toten das Evangelium hören und wie die Lebenden zum Glauben kommen können, wird uns nicht gesagt. Das ist auch nicht unsere Sache, den Geistern im Gefängnis zu predigen, wie es vor 250 Jahren der Dekan Friedrich Öttinger in der Herrenberger Kirche versucht hat um Mitternacht. Es genügt für uns zu wissen, dass der Tod der rettenden Liebe Christi keine Grenzen setzten kann. Die Toten sind in der Auferstehungshoffnung eingeschlossen, sie sind für uns, die leben, zwar tot, aber für ihn leben sie. Denn Christus ist bei den Toten. Er kann etwas für sie und an ihnen tun und er tut etwas an den Toten. Er wird sie nicht ewig im Tode lassen, Christus hat das Reich des Todes zu seinem Reich gemacht um es mit ewigem Licht zu erfüllen und die Toten zusammen mit den Lebenden ins ewige Leben aufzuwecken. Es gibt eine wunderbare orthodoxe Osterikone. Sie zeigt den auferstandenen Christus, wie er aus dem Reich des Todes heraussteigt – und zwar nicht alleine. Sondern hat an den beiden Händen Adam und Eva und mit ihnen zieht er das ganze Menschengeschlecht aus der Totenwelt in das Licht der kommenden Herrlichkeit. „Wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden“ schreibt der Apostel Paulus.
  10. Aber wo finden wir dann und wie erfahren wir die Nähe der Toten? Ich denke wo immer uns die unbedingte Liebe Gottes nahe kommt, da sind wir auch den Toten nahe und sie uns. Je näher wir Christus kommen, desto tiefer kommen wir in die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten hinein. Wenn in dem Gottesdienst lateinamerikanischer Basisgemeinden die Namen der Toten, Verschwundenen und der Märtyrer aufgerufen werden, antwortet die Gemeinde „presente“ – Sie sind bei uns, und wir bei ihnen.
  11. Soll man dann für das Seelenheil der Toten beten und spezielle Totenmessen für sie halten? Das war ein Streit in der Reformation, es hing mit dem Ablasshandel für die armen Seelen im Fegefeuer zusammen. Weil Christus genug für unsere Sünden getan hat, muss man nicht mehr um das Seelenheil der Toten bangen. „Bete noch zwei oder drei mal für die Toten“ sagt Martin Luther. Und dann „vertraue sie Christus an!“. Calvin wollte gar keine Fürbitten für die Toten und so kam es, dass man die Toten im protestantischen Bereich schneller vergaß als im katholischen Bereich. Und in der modernen säkularen Welt wird man schon bei der Beerdigung anonym gemacht, die Toten gehen ins ewige Vergessen und ich halte diese Entwicklung für nicht gut. Denn wenn wir die Toten vergessen, werden wir auch die Kinder vergessen.
  12. Wenn man nun nicht mehr für das Seelenheil der Toten beten muss, ist dann alles für die Toten vorbei? Nein! Denn wir verbinden leider das Beten immer mit dem Bitten – aber es gibt doch auch das Danken für die Toten. Und das sollte nie aufhören. Und es gibt in den Familien das lebenslange auseinandersetzten mit den verstorbenen Vätern und den verstorbenen Müttern. Und das sollte doch vor Gott und in der Christusgemeinschaft geschehen, denn sonst kann das rechten mit den Verstorbenen leider zur Qual werden – und nicht nur für die Lebenden. Es gibt aber ein Gebet für die Toten, das selten erwähnt wird aber allen betroffenen nahe liegt. Das ist das Gebet für das abgebrochene und zerstörte Leben. Für das Leben, das nicht gelebt werden konnte oder durfte. Ich denke an das geliebte Kind, das bei seiner Geburt starb und an den Freund, den mit 16 Jahren die Bombe zeriss, die mich verschonte. Und an den Jungen, der mit vier Jahren das Lastauto überfuhr. Um ihres Willen glaube ich an Leben nach dem Tode und daran, dass Gott das Leben, das er mit einem Menschenkind angefangen hat, vollenden wird. Denn Gott ist Gott. Und darum wird ihn kein Tod hindern, zu vollenden, was er mit einem Menschenkind angefangen hat. Ich glaube, dass die Geschichte Gottes mit ihrem und mit unserem Leben nach unserem Tode weitergeht, bis wir jene Vollendung erreicht haben, in der man glücklich, oder wie man früher sagte, „selig“ werden.  Ich glaube, dass wir schon im Tode jener Quelle des Lebens ganz nahe kommen, aus der wir hier schon die Liebe und die Bejahung des Lebens schöpfen. Und dass die Verunglückten, die Zerbrochenen und zu früh Gestorbenen jenes Leben leben können, das ihnen bestimmt war als sie geboren wurden und das ihnen genommen wurde. Darum bete ich für sie. Auferstehung heißt immer auch Heilung. Heilung des hier unheilbaren Lebens. Und dann gibt es endlich auch ein Ritual bei Beerdigungen, dass mir früher unbekannt war, ich finde es aber sehr wichtig. Das ist der Friedensschluss mit den Toten. Bei Beerdigung bitten wir sie wörtlich um Vergebung Alles dessen, was wir ihnen schuldig geblieben sind. Und vergeben ihnen ausdrücklich Alles, was sie uns schuldig geblieben sind. Und damit machen wir Frieden. Und stellen die Toten und uns in die große Versöhnung Gottes, der sie und uns umarmt mit allem was wir getan haben und mit allem, was wir nicht getan haben. Wenn wir so einen Frieden bei der Beerdigung mit den Toten machen, dass wird später kein Groll aufkommen und wir müssen die Toten auch nicht aus unserem Leben verdrängen, sie leben mit uns in einer gesegneten Gemeinschaft.
  13. Zum Schluss aber komme ich zu uns selber zurück. Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder sterben so sind wir des Herrn. Das ist ein fester Halt im Leben oder Sterben. Aber heißt dass, das Leben und Sterben uns im Glauben gleichgültig werden? Nein überhaupt nicht! Im Gegenteil. Wie leben in die Auferstehung hinein. Wir begrüßen jeden Morgen den kommenden Tag des Herrn. Wir lieben das Leben und wir leben in der Liebe und werden darin ganz und gar lebendig.  Und wir sterben in die Auferstehung hinein. Wir lassen uns los und geben uns in Gottes Hand um in seiner Welt aufzuwachen – denn wir werden erwartet, an jedem neuen Morgen und an jeden neuen Tag, den wir erleben werden wir erwartet. Und wenn wir sterben, wissen wir, dass Jesus am anderen Ufer steht und uns zum Fest des Lebens einlädt und ewige Freude wird über unserem Haupte sein. Amen.
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