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a guest Mar 18th, 2018 1,318 Never
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  1. Jenifer, 30, starb nach Besuch in Technoklub
  2. Todeskampf im Berghain
  3. Ein amerikanisches Pärchen kommt nach Berlin, um den Technoklub Berghain zu besuchen. Dort verschwindet Jenifer - am Ende ist sie tot.
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  5. Von Alexander Osang
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  7. Jenifer und Carlo waren in Lima, als sie das erste Mal vom Berghain hörten. Daniel erzählte davon, der Deutsche, den sie dort kennenlernten. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Peru war die zweite Station auf ihrer Weltreise. Jenifer hatte eine Auszeit gewollt. Sie war Anwältin einer großen Kanzlei in Los Angeles, spezialisiert auf Prozessrecht. Sie verdiente Hunderttausende Dollar im Jahr, mochte die Arbeit in der Großkanzlei aber nicht. Es war wie Fließbandarbeit. Sie sprang aus dem System. Erst mal für ein Jahr.
  8.  
  9. Carlo arbeitete tagsüber ein bisschen für das Start-up, das er mit seinem Bruder in Los Angeles betrieb, Jenifer schrieb an einem Roman, der im Finanzmilieu spielte. Sie zeigte Carlo nicht, was sie schrieb. Es war ihm egal, ob das Buch jemals veröffentlicht werden würde oder nicht. Er wollte nur, dass Jenifer glücklich ist.
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  11. Der Plan der Eheleute war: Luft holen, ein Jahr lang, bevor sie eine Familie gründen würden. Sie waren seit vier Jahren verheiratet. Sie hatten eine gemeinsame Wohnung. Sie wollten ihr Leben, wie es in Amerika heißt, auf die nächste Stufe heben. Die Entfernung und die Zeit sollten klären, wie es weitergehen könnte. Kinder, vielleicht ein Haus am Strand. Jenifer war 29 Jahre alt, Carlo 36.
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  13. Die Europa-Etappe sollte in Südfrankreich beginnen. Zwei Wochen Nizza, Cannes, Marseille, von dort wollten sie nach Kroatien oder Griechenland, dann nach Ibiza, für drei Nächte. Dann zurück nach Südamerika. Kolumbien diesmal. Das war der Plan. Daniel, der Deutsche aus Lima, sagte: Wenn ihr schon in Europa seid, dann müsst ihr auch nach Berlin. Auf einer Weltreise muss man das Berghain gesehen haben, den berühmtesten Klub der Welt.
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  15. Sie riefen Rob an. Einen Kumpel von Carlo, der die europäische Zentrale eines großen amerikanischen Verpackungsmittelkonzerns leitete. Rob lebte seit einiger Zeit in Holland und kannte sich in Europa aus.
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  17. Berlin, sagte Rob, steht ganz oben auf der Liste.
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  19. Der "New Yorker" schrieb, dass das Berghain für Berlin so etwas ist wie das Fenway für Boston. Cool, ikonisch, richtig. "Und dennoch irgendwie underground und insofern ein Mikrokosmos von Berlin", erklärte der "New Yorker". Der Autor beschrieb seinen amerikanischen Lesern eine düstere, neblige und verruchte Bunkerwelt, von der ein US-Hockey-Dad wie er "sich nicht vorstellen konnte, sie jemals erleben zu wollen".
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  21. Carlo war kein amerikanischer Hockey-Dad, Jenifer keine Soccer-Mom. Noch nicht. Die Flüge waren günstig. Easy Jet. Nizza - Berlin kostete 80 Euro. Die Welt war klein für Jenifer und Carlo.
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  23. Rob, ihr kalifornischer Freund aus Holland, buchte ein Hotel in Charlottenburg. Rob ist schwul. Jenifer und Carlo hatten das Gefühl, die einzigen heterosexuellen Gäste in diesem Hotel zu sein. Es passte zu ihrem Berlin-Gefühl, ihrem Besuch in einer anderen, einer freieren Stadt, in der jeder lebt, wie er will.
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  25. Sie landeten am 21. Juni, abends. Es war ein Mittwoch, vier Tage Berlin, vier Nächte. Sie mochten die Stadt. Es war grün, die Leute waren freundlich, fast jeder sprach Englisch. Sie besuchten die East Side Gallery, das Mauermuseum und die Delikatessenabteilung des KaDeWe. Mit dem Selbstbewusstsein der Amerikaner klebten sie ein Label auf die deutsche Kapitale: Berlin ist eine "upcoming city". Interessante Klublandschaft, aufstrebende Start-up-Szene, gute Restaurants. Sie gingen im Nobelhart & Schmutzig essen, einem angesagten Restaurant in Kreuzberg. Jenifer war der Tourguide. Am Freitagabend besuchten sie das Watergate, einen Elektroklub, aus dessen großen Fenstern man auf die Spree gucken kann. Sie tanzten und tranken bis um halb vier. Bevor sie zurück ins Hotel fuhren, kaufte Carlo noch drei Ecstasy-Pillen auf der Straße. Eine für Rob, eine für sich und eine für Jenifer. Die waren fürs Berghain. Für ihre letzte Nacht. Morgen.
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  27. Sie schliefen lange. Carlo stand um eins auf, Jenifer erst nachmittags um vier. Sie gingen zum Abendessen, danach in eine Cocktailbar und standen gegen Mitternacht in der Schlange vorm Berghain. Schwarz gekleidet, stumm. Es gibt im Netz verschiedene Listen, auf denen man nachlesen kann, wie man ins Berghain kommt. Im "New Yorker" stand: "Sieh nicht zu glamourös aus. Sieh schwul aus. Verhalte dich nicht wie ein Tourist. Komm nicht in Gruppen. Wirke nicht zu jung. Kleide dich extravagant. Komm allein. Sprich nicht Englisch. Wirke nicht betrunken. Fall nicht auf."
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  29. Daniel, ihr deutscher Freund in Lima, hatte ihnen gesagt: Man kommt am besten rein, indem man so tut, als sei es einem egal, ob man reinkomme. Das übten sie eine knappe Stunde lang in der Warteschlange. Sie fotografierten sich und schickten Daniel das Selfie. Jenifer und Carlo ganz in Schwarz, gelangweilt. Darunter schrieben sie: "Our best bored faces in line." Es wurde ihr letztes Foto.
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  31. Kurz nach Mitternacht standen sie vor der Tür. Carlo hatte später, als er beschreiben sollte, wie der Einlasser aussah, keine Erinnerung, weil er sich so sehr bemüht hatte, ihm keine Beachtung zu schenken. Es funktionierte. Der Mann an der Tür winkte sie hinein.
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  33. Das Glücksgefühl, es geschafft zu haben. Sie wären nicht am Boden zerstört gewesen, wenn der Türsteher sie abgewiesen hätte. Sie waren Amerikaner. Alles ist eine Geschichte, auch der Misserfolg. Aber so war es besser. 0.38 Uhr. Ein letzter Text an Daniel: "Our best bored faces got us in!" Sie wurden abgetastet, ein Ordner fand Jenifers Ecstasy-Pille und nahm sie ihr ab. Sie war wütend. Sie stritt mit Carlo. Carlo bot an, seine Tablette zu teilen, aber sie wollte ihre eigene. Rob versprach, neuen Stoff zu besorgen.
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  35. Sie stiegen die Eisentreppe zum Main-Dancefloor hinauf. Die beste Lautsprecheranlage der Welt pumpte, der Raum 18 Meter hoch, eine schwarze Kathedrale, in den Kanzeln standen DJs wie Priester. Eine lange, sanft beleuchtete Bar, tanzende Scheinwerferkegel in der Dunkelheit, Kunstnebel, Schweiß, Weed. Ein House of Horrors, dachte Carlo.
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  37. Rob ging aufs Klo, um Stoff zu besorgen. Er zahlte zehn Euro pro Pille. Sie nahmen jeder eine. Rob und Carlo die alten, Jenifer eine neue. Ihr Ärger hatte sich gelegt. Um eins. Sie tanzten ein bisschen, tranken, stiegen die Treppen zur Panoramabar hinauf, wo die Musik ein wenig heller wurde, sie liefen die Gänge entlang, saßen auf Bänken und Wippen. Die Zeit tröpfelte und raste. Es gab Momente, in denen sie das Gefühl hatten, sie hätten den Gipfel ihrer Weltreise bestiegen. Besser würde es nicht werden.
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  39. Sie saßen im Herzen der Welt. Es schlug voller Lebenslust. Und dann verschluckte es Jenifer.
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  41. Carlo war sich nicht sicher, wie lange er sie vermisste. Er stand mit Rob auf der Tanzfläche und sah sie nicht. Um 4.37 Uhr schrieb er ihr eine SMS: "Wir haben dich verloren." Jenifer antwortete nicht. Treppen rauf, Treppen runter. Der Klub war jetzt voll. Die Bässe pumpten. Zwölf Minuten später schrieb Carlo: "Wo bist du? Du bist verschwunden." Der Nebel waberte, die Wippen schaukelten, die stampfenden Körper auf der Tanzfläche. Carlo spürte die Pille. Die Liebe kämpfte mit der Angst. Zehn Minuten später schrieb er: "Bist du okay? Wir suchen überall nach dir." Die Bässe, der Nebel, nackte Ärsche, aufgepumpte Oberkörper. Lichtspots wie Suchscheinwerfer. Dann, kurz nach fünf, eine Antwort von Jenifers Handy. Aber nicht von ihr.
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  43. "Komm nach unten... deine Freundin ist overdosed... sie braucht Hilfe... hinter der Garderobe."
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  45. Carlo und Rob stolperten über die Treppen ins Erdgeschoss. Fünf Minuten später standen sie in einem Raum hinter den Garderoben. In dem Raum war die Frau, die ihnen die SMS geschrieben hatte, und Jenifer. Jenifer saß auf einem Sofa, zitterte, war aber sehr heiß. Sie würgte, hatte Schaum vorm Mund. Der Körper ein einziger Krampf. Carlo fragte die Frau, ob sie den Notarzt gerufen habe. Sie sagte Nein. Jenifer brauche nur ein wenig Ruhe. In ein, zwei Stunden sei sie die Alte. Sie habe das oft gesehen. Die Frau sprach gut Englisch, aber sie konnte Carlo nicht beruhigen. Er bat sie, sofort den Arzt zu rufen. Er flehte. Jenifer wand sich. Sie glühte. Rob holte Wasser. Carlo redete auf seine Frau ein. Atme, Baby, sagte er. Immer wieder. Die Ordnerin vom Berghain sagte Carlo, er könne Jenifer ja im Taxi ins Krankenhaus bringen lassen. Er schrie sie an. Rob schrie. Sie kannten den Notruf nicht, die Gedanken wie in Watte gepackt. Nach einer Viertelstunde rief die Frau einen Krankenwagen.
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  47. Die Ärzte schrieben die Epikrise: Multiorganversagen. Massive Blutungen. Massentransfusion.
  48. Die Johanniter haben eine Station ganz in der Nähe, sie trafen nach zwei Minuten ein. Der Notarzt notierte, dass Jenifer nicht ansprechbar gewesen sei. Sie reagierte nicht auf Schmerzreiz. Ihr Pupillen waren geweitet. Erstdiagnose: Intoxikation.
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  50. Was hat sie genommen?, fragten sie.
  51. Eine Ecstasy-Tablette, sagte Carlo.
  52. Weil sie es wollte. Du kennst doch Jen.
  53. Zwei, sagte Rob. Ich habe ihr noch eine zweite gegeben.
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  55. Warum?, fragte Carlo.
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  57. 30 Minuten später fuhr der Krankenwagen Jenifer ins nahe gelegene Vivantes-Klinikum Friedrichshain. Sie traf dort um 5.55 Uhr ein. Die Ärzte schrieben ins Aufnahmeprotokoll: Zustand komatös. Stark überhitzt. Um 6.05 Uhr war sie auf der Intensivstation.
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  59. Carlo stand mit seinem Kumpel Rob vorm Berghain und wartete auf ein Taxi. Er hatte nicht im Krankenwagen mitfahren dürfen. Es graute. Einer der längsten Tage des Jahres begann und löschte den Zauber, in dem sie noch vor ein paar Stunden gefangen waren. Sie erkannten die ungemütliche Umgebung, in der das Berghain stand wie eine apokalyptische Opferstätte. Schotter, Gleise, Metallzäune, Müll, Plattenbauten. Ein rußiger Block in trostloser Landschaft. Vor dem Tor ein paar dünne, schwarz gekleidete Jünger, die darauf hofften, dass ihre gelangweilten Gesichter sie hineinbringen würden. Rob fuhr ins Hotel zurück, schmiss die übrig gebliebenen Pillen ins Klo, spülte und fuhr zum Flughafen, Carlo folgte seiner Frau ins Krankenhaus Friedrichshain.
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  61. Er setzte sich in den Warteraum vor der Intensivstation. Es war jetzt hell. Ab und zu fragte er nach Jen, aber das Krankenhauspersonal sprach kein Englisch. Etwa um neun erschien ein Arzt und teilte ihm mit, dass der Zustand seiner Frau ernst sei. Ihr Herz habe ausgesetzt, sie mussten sie zweimal wiederbeleben. Ihre Temperatur sei sehr hoch, bei fast 42 Grad.
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  63. Irgendwann kam wieder ein Arzt und sagte ihm, dass seine Frau verstorben sei. Er könne sie sehen, wenn er das wolle.
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  65. Sie lag da. Ihre Hand war kalt. Er weinte. Er wusste nicht, wie lange er dort saß.
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  67. Die Ärzte schrieben die Epikrise: Intoxikation mit Ecstasy. Multiorganversagen. Azidose. Rapide disseminierte Gerinnung. Nierenversagen. Leberversagen. Koma. Hypertonie. Spontane, massive Blutung aus Lunge und Magen. Rasend schneller Hämoglobin-Abfall. Maximaltherapie. Massentransfusion. Versuch der Gerinnungsstabilisierung. Verstorben an den Folgen ihrer schweren Erkrankung. Unterschriften von Klinikdirektor, Oberarzt und Assistenzarzt.
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  69. Der Todeszeitpunkt war 10.33 Uhr. Jenifer wurde 30 Jahre alt.
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  71. Carlo verließ seine tote Frau. Sie baten ihn, auf die Polizei zu warten. Er saß im Warteraum. Ein Sonntag im Juni. Er hörte Stimmen und sah Dinge, von denen er später nicht wusste, ob es sie wirklich gegeben hatte. Irgendwann erschienen zwei Zivilpolizisten und fragten ihn ein paar Sachen. Er erinnert sich kaum an die Fragen, nur daran, wie schlecht die beiden gekleidet waren. Irgendwann fuhr er ins Hotel zurück. Er war jetzt allein. Rob war in Holland, Jen war tot. Er rief seine Eltern an, dann ihre. Es war sechs Uhr abends in Berlin, frühmorgens in Kalifornien. Jens Vater war am Telefon. Er schrie. Er stellte keine Fragen. Er schrie nur. Es war nicht der Schrei eines Menschen, sagt Carlo. Es war der Schrei eines verwundeten Tiers.
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  73. Jen war die einzige Tochter ihrer Eltern. Sie waren asiatische Einwanderer der ersten Generation. Viele ihrer Erwartungen an das Leben in Amerika mussten von ihrer Tochter erfüllt werden. Sie hatte sie nicht enttäuscht. Sie hatten sie als strebsame Klassenbeste in Erinnerung. Jenifer hat sich ein Leben lang bemüht, diesen Eindruck aufrechtzuerhalten. Wenn sie ihre Eltern besuchten, erschien Carlo seine Frau wie ein anderer Mensch. Ein Technoklub in Berlin passte nicht in die Vorstellungen, die die Eltern von ihrer Tochter hatten. Es war nicht vorstellbar, wie ihre Tochter dorthin gelangen konnte. Sie wussten nicht, dass ihre Tochter auch in Kalifornien gelegentlich Technopartys besuchte. Sie wussten nicht, dass ihr Schwiegersohn den Rettungskräften gesagt hatte, das Jenifer manchmal Ecstasy und Kokain nahm.
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  75. Carlo rief seinen Bruder Guido in Los Angeles an und fragte: Verhaften die mich hier? Guido sagte: Das kann ich mir nicht vorstellen.
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  77. Dann ging Carlo schlafen.
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  79. Am nächsten Tag rief er in der amerikanischen Botschaft an. Die Beamten gaben ihm eine Liste von Berliner Anwälten, die Englisch sprechen. Irgendwann landete er bei Kathrin Sachsenberg, einer Anwältin aus Charlottenburg. Sie hatte eine raue Stimme. Am Abend kamen seine Eltern und seine Schwiegereltern in Berlin an. Sie zogen in ein anderes Hotel.
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  81. Die Woche wischte an ihnen vorbei. Die Formalitäten halfen ihnen. Sie besuchten Beamte, Beerdigungsinstitute, die Anwältin, sie standen am offenen Sarg, sie standen am letzten Feuer, sie nahmen die Asche in Empfang, sie kümmerten sich um die Papiere, sie saßen stumm im Hotel. Autopsie, Toxikologie, Kremation. Die US-Konsulin bat die Staatsanwaltschaft um die Übersendung des Autopsieberichts und der toxikologischen Ergebnisse, um eine Sterbeurkunde ausstellen zu können.
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  83. Die Autopsie wurde in der Berliner Charité vorgenommen. "Bei der Obduktion konnten als wesentlichste Befunde eine starke Überwässerung des Körpers, ein blasses Gehirn und blasse Nieren festgestellt werden. Vorgeschichte, Auffindesituation und Sektionsergebnis sprechen für eine Drogenintoxikation", schreibt das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin Berlin. Körpergewebe und Körperflüssigkeiten wurden an die Abteilung für toxikologische Chemie weitergeleitet. Für eventuell erforderliche Untersuchungen wurde Körpergewebe sichergestellt. Gehirn. Herz. Leber. Lunge. Niere. Nebennieren. Milz. Pankreas.
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  85. Am Freitag, den 30. Juni, flog Carlo mit seinen Eltern zurück nach Los Angeles, am Sonnabend, den 1. Juli, folgten Jenifers Eltern mit der Asche ihrer Tochter. Eine Woche zuvor hatte ihr Mädchen noch gelebt. Eine Woche später streuten sie Jenifers Asche nördlich von Santa Monica in den Pazifischen Ozean. Am Abend dann standen Jenifers Eltern, ihre Schwiegereltern und Carlo im Abendrot auf dem Will Rogers State Beach. Es war genau die Stelle, an der Jenifer und Carlo geheiratet hatten. Vier Jahre zuvor. Als es dunkel wurde, gingen sie nach Hause.
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  87. Jenifers Verschwinden war damit noch nicht vorbei.
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  89. Mitte Juli beantwortete Carlo eine Mail seiner Berliner Anwältin, die wissen wollte, wie er sich fühle.
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  91. Nichts könne ihm helfen, der Mann zu sein, der er war, schrieb er. Er frage sich aber manchmal, ob seine Frau noch leben würde, wenn die Rettungskräfte und das Personal vom Berghain anders reagiert hätten.
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  93. Seine Anwältin verstand das als Auftrag. Sie war ursprünglich nur engagiert worden, um die reibungslose Ausreise von Carlo und Jenifers sterblichen Überresten zu organisieren. Sie hatte 500 Euro dafür bekommen, aber sie hatte auch das Gefühl, dass damit noch nicht alles getan war.
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  95. Kathrin Sachsenberg spricht Englisch, weil sie mal ein paar Jahre lang in Amerika gelebt hat, damals wollte sie Schauspielerin werden. In den Sechzigern war das. Sie hat in Schwabing Kabarett gespielt, dann aber doch lieber Jura in München studiert. In den Achtzigerjahren zog sie nach Berlin, weil es die interessantere Stadt war. Sie hat mit zwei Kollegen eine Bürogemeinschaft, die Kollegen befassen sich vor allem mit Fällen, in denen Ausländerrecht zum Tragen kommt.
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  97. "Ich mach das, was anfällt", sagt Kathrin Sachsenberg.
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  99. Sie hatte zwei spektakuläre Fälle in ihrer langen Karriere. Ein Grieche, der seine Schwiegermutter erschlug, und ein junger Türke, der seine Ehefrau vergewaltigt haben sollte. Das war in den Neunzigern. Die Geschichte von Carlo und Jenifer erinnerte sie an diese Zeiten. Sie wunderte sich, wieso Carlo ausgerechnet sie ausgesucht hatte.
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  101. Sie hat Carlo nur einmal kurz gesehen, einen Tag nachdem Jenifer gestorben war. Er kam mit seinem Vater. Irre, wie schnell man aus Los Angeles bis nach Berlin-Charlottenburg kommt, dachte Kathrin Sachsenberg. Carlo weinte die meiste Zeit. Am 26. Juni 2017 hat sie die Akte angelegt. Um 16.15 Uhr.
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  103. Das ist länger als ein halbes Jahr her. Kathrin Sachsenberg steckt sich eine Zigarette an. Sie denkt nach. Sie hat den Nachnamen von Carlo inzwischen vergessen, die Berliner Behörden haben alle Energie aus ihr gezogen, und sie ist schwer erkältet. Sie blättert in der Akte. Seitenlange Beschreibungen eines toten Körpers. Wenn man das liest, weiß man, an welchen Stellen Jenifer kleine Tätowierungen hatte, und auch, wie die aussahen, aber man weiß kaum etwas über das, was in der Nacht passiert ist.
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  105. Die beiden Zivilpolizisten, an die sich Carlo erinnert, notieren seinen Namen und den seines Berliner Hotels. Bei einem Telefonanruf im Berghain erklärte der Manager, dass er erst um sieben Uhr seinen Dienst angetreten habe und gar nichts von dem nächtlichen Zwischenfall wisse. Es sei ja auch gar keine Polizei gerufen worden. Die Ermittler belästigen ihn nicht weiter. In den Unterlagen des Rettungsdienstes findet man eine grobe Rekonstruktion der Nacht im Berghain, die auf Carlos Erinnerungen beruht. Es ist von der Nachtmanagerin die Rede, die Carlo und Rob davon überzeugen wollte, nicht den Krankenwagen zu rufen. In den Akten findet sich keinerlei Hinweis darauf, dass irgendjemand versucht hätte, die Frau zu finden und zu befragen. Niemand wollte wissen, wer an der Tür stand in jener Nacht. Es gab keinerlei Nachforschungen zu dem jungen Mann, der Rob die Pillen verkauft hatte, an denen Jenifer starb.
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  107. Im Vorgangsdeckblatt der Berliner Polizei steht: "Tatverdächtige: 0, Geschädigte: 1". Das erzählt die Geschichte.
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  109. Ende August wurde der toxikologische Befund aus dem Landesinstitut für gerichtliche Medizin dazugeheftet. Die Zusammenfassung: "Der Tod lässt sich mit der Einnahme einer sehr hohen Dosis MDMA erklären." Im September stellte eine Anwaltskanzlei vom Potsdamer Platz im Auftrag von Jenifers Vater bei der Staatsanwaltschaft Berlin einen Strafantrag wegen unterlassener Hilfeleistung. Die Anwälte gaben zu bedenken, dass Jenifers Tod hätte verhindert werden können, wenn das Personal des Berghain schneller gehandelt hätte. Dem schloss sich Kathrin Sachsenberg an. Daraufhin wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen.
  110.  
  111. In der Folge gab es hier und da Wortmeldungen der Staatsanwaltschaft und der Polizei. Meist klangen sie resigniert und müde. Über Monate zog sich ein Briefwechsel hin, in dem Berliner Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium darüber rätseln, wie man Carlos Freund Rob erreichen kann, der die Tabletten besorgt hatte. Im Januar teilte die Berliner Polizei mit, dass Rob laut "behördeninternen Auskunftssystemen" polizeilich in ihrer Stadt weder in Erscheinung getreten noch gemeldet sei und auch "nicht als Halter eines Kraftfahrzeuges geführt wird". Die Leiterin der zuständigen Berliner Polizeidienststelle regte ein Rechtshilfeersuchen bei den US-amerikanischen Behörden an.
  112.  
  113. Man findet Robs Adresse und Telefonnummer in fünf Minuten im Internet. Er versteckt sich nicht. Er steht zur Verfügung. Bis heute hat sich niemand aus Berlin bei Rob gemeldet.
  114.  
  115. "Es fehlt gegenwärtig an konkreten Anhaltspunkten für die Durchführung Erfolg versprechender weiterer Ermittlungen", schrieb die Staatsanwaltschaft Ende Oktober. Das Verfahren wurde eingestellt. Im November baten die Anwälte von Jenifers Eltern, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Ende Dezember meldete sich noch einmal das Gerichtsmedizinische Institut und erklärte: Es sei "zumindest zweifelhaft", dass Jenifer gerettet worden wäre, hätten die Helfer schneller reagiert. Mitte Januar stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wieder ein. Ende Januar protestierte Kathrin Sachsenberg erneut dagegen.
  116.  
  117. Am Ende der Akte, in der es um den Verstoß gegen Paragraf 30 des Betäubungsmittelgesetzes geht, finden sich die Unterlagen zu einem weiteren Fall, der am Nachmittag von Jenifers Todestag im Berghain spielt.
  118.  
  119. Ein paar Stunden nachdem Jenifer gestorben war, wurde die Polizei in den Klub gerufen, weil dort ein bewusstloser, halb nackter Mann mit einer Tasche voller Drogen herumlag. Die Polizei brachte ihn in das Krankenhaus, in dem am Vormittag Jenifer gestorben war. Sie listeten die Drogen auf, während der Mann, ein Bosnier, wieder wach wurde. Sie nahmen seine Personalien auf und fuhren mit ihm in seine Wohnung in der Frankfurter Allee, wo sie einen zweiten Bosnier fanden, eine Feinwaage und weitere Drogen. Speed, Ecstasy und GBL sowie Ketamin, ein Betäubungsmittel für Pferde, das in der Szene momentan sehr populär ist.
  120.  
  121. Der Vorgang hängt scheinbar zusammenhanglos in Jenifers Akte. An den Bildern der toten Frau, am Autopsiebericht, all dem Blut und dem Schrecken.
  122.  
  123. Es liegen nur ein paar Stunden zwischen beiden Ereignissen. Es wird keine Verbindung hergestellt. Der Drogendealer wird noch am Abend freigelassen.
  124.  
  125. Neben den Bericht über diesen bizarren Polizeieinsatz kritzelte irgendein Vorgesetzter die Frage: "Was sagt eigentlich die Spezial-Dienststelle zu solchen Zuständen im Berghain?" Man kann den Chef fragen. Olaf Schremm ist Leiter des Berliner Drogendezernats beim Landeskriminalamt. Er nennt das Berghain konsequent Bergheim.
  126.  
  127. Schremm sitzt am Ende eines langen Linoleumflurs in dem riesigen Polizeikasten am Tempelhofer Flughafen. 2017 gab es allein bis Ende Oktober 146 Berliner Drogentote. Fast ein Drittel davon waren Ausländer. Die meisten starben durch Heroin. Kein Stoff, der in Klubs genommen wird. Die ganz frische Studie zu Partydrogen, die vom Gesundheitssenat herausgegeben wurde, sagt: Ganz vorn steht der Alkohol, gefolgt von Cannabis, Amphetamin, Ecstasy, Kokain und Ketamin, aber auch GBL, einem Stoff, den man im Baumarkt bekam, um damit Fassaden von Graffiti zu reinigen.
  128.  
  129. Es wirkt so, als habe sich auch Berlins oberster Drogenpolizist dem Mythos des Klubs ergeben.
  130. "Kaffe?", fragt Schremm. "Noch issa frisch." Schremms Mitarbeiter stellt ein Schälchen mit bunten Beuteln auf den Tisch. Damit man mal eine Vorstellung hat. Sie sehen aus wie Teebeutel, sie nennen sich Bonzai und sind synthetische Cannabinoide, sogenannte Legal Highs. Die werden meist in Asien hergestellt, und ihre Produzenten versuchen, die Vorgaben des deutschen Betäubungsmittelgesetzes zu unterlaufen, indem sie die chemischen Strukturen der Rauschgifte leicht verändern.
  131.  
  132. Schremm dachte, darum geht's heute. Darüber reden die Medien ja gern. Oder über Kokaindealer, die man sich heutzutage nach Hause bestellen kann wie den Pizzaservice. Oder das Drogengebaren der Abgeordneten. Das sind so die Themen.
  133.  
  134. Nein, es geht um einen Tod im Berghain.
  135.  
  136. "Ach, das Bergheim?", sagt Schremm.
  137.  
  138. Er sagt: "Zu konkreten Fällen kann ich natürlich nix sagen." Er sagt: "Wir sollten uns nicht zu sehr aufs Bergheim fokussieren. Da wird vor allem Teschnomusike jespielt." Er sagt: "Was sich tatsächlich innerhalb der Klubs abspielt, bleibt uns verborgen." Er sagt: "Es gibt ein paar Ermittlungen im Nahbereich des Bergheim." Er sagt: "Unsere Erkenntnisse sind sehr dünn." "Wissen Sie, im Rauschgiftbereich hat weder der Käufer noch der Verkäufer Interesse an Öffentlichkeit", sagt Schremm. "Und wenn mal ein Unfall passiert und jemand verstirbt, kann man den Verstorbenen ja schlecht fragen." Das stimmt natürlich.
  139.  
  140. Schremm hat einen Bürstenhaarschnitt und ein Rauchergesicht, die Gummibäume in seinem Büro sind vertrocknet, in der Ecke Akten und Faxgerät, an der Wand Kalender, Polizeiwappen. Er ist der oberste Drogenpolizist der Hauptstadt. Viel von dem, was er über neue Entwicklungen weiß, kennt er aus dem Fernsehen. Er sieht gern Reportagen, die im Drogenmilieu spielen.
  141.  
  142. "Das Hellfeld lässt ein polizeiliches Eingreifen nicht zu", sagt Schremm.
  143.  
  144. Und was ist mit dem Dunkelfeld? "Da sieht man ja nüscht." Es wirkt so, als ergebe sich auch Olaf Schremm dem Mythos des Klubs. Wie all die anderen. In jedem Bericht über den berühmtesten Klub der Welt steht, dass das Berghain keinerlei öffentliche Statements abgibt. Meist klingt es ehrfürchtig, oft bewundernd.
  145.  
  146. Es gibt Journalisten, die das Berghain wie Voyeure begutachten, die Drogen, den Sex, die tiefgefrorenen Würste, die man sich im Lab Oratory einführen lassen kann. Und dann gibt es die Auskenner unter den Kollegen, die durchblicken lassen, dass sie viel mehr wissen, als sie schreiben. Sie alle sind die eigentlichen Öffentlichkeitsarbeiter des Klubs. In ihren Erzählungen überlebt der Mythos aus den Gründerjahren.
  147.  
  148. Das Berghain ging aus dem von Michael Teufele und Norbert Thormann Ende der Neunziger gegründeten "Ostgut" hervor. 2004 zogen sie aus einer ehemaligen Lagerhalle am alten Ostbahnhof in ein ehemaliges Heizwerk um, das sie zunächst von Vattenfall mieteten und 2011 kauften. Sie ließen es nach den Plänen einer Berliner Designfirma ausbauen. Das Gebäude hat vier Stockwerke und steht unter Denkmalschutz. Die Schauspielerin Claire Danes hat in einer US-Talkshow gesagt, das Berghain sei der beste Platz der Welt. Das "DJ Magazine" hat das Berghain mal zum besten Klub der Welt gekürt. Daraufhin gab es das bislang einzige offiziell verbreitete Statement des Klubs: "Wir machen genauso weiter wie bisher." Viel mehr ist aus dem Berghain nicht herauszubekommen. Alle Anfragen verschwinden in einem schwarzen Loch, bis man nicht genau weiß, ob es dort drin überhaupt jemanden gibt, der für irgendetwas verantwortlich ist. Man versucht, mit einem Ufo Kontakt aufzunehmen, das in der Stadt gelandet ist. Wie Amy Adams in "Arrival". Kein Ja, kein Nein. Nur Schweigen.
  149.  
  150. Ein Anruf bei Sven Marquardt, einem Türsteher, der seine Biografie veröffentlicht hat und gelegentlich in Talkshows herumsitzt. Er ist so was wie das Gesicht des Berghain, tätowiert, gepierct und mit Ketten behängt. Er nimmt nicht ab.
  151.  
  152. Zehn Minuten später kommt eine SMS: Der Anruf gehört zu wem? Es hat etwas Märchenhaftes, als habe man an Ali Babas Höhle angeklopft.
  153.  
  154. Dann: Wie Ihnen vielleicht nicht entgangen ist, gab es noch nie öffentliche Stellungnahmen vom Haus... Für mich ist alles ALLES gesagt/ bin auf ganz anderen NEUEN Wegen. Rund um die WELT.
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  156. Es klingt, als verkünde er ein Gesetz. Ein Berliner Gesetz. Wir sagen nichts. Freunde und Verwandte bitten, nichts über das Berghain zu schreiben, weil sie fürchten, das Herz der Stadt könne anschließend aufhören zu schlagen. Gelegentlich hat man den Eindruck, die Stadt sei um den Klub herum gebaut worden.
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  158. "Der Markenkern Berlins ist die Freiheit", sagt Burkhard Kieker, der "Visit Berlin" leitet, die Vermarktungsagentur der deutschen Hauptstadt. Kieker schaut aus seinem Bürofenster auf eine kleine Westberliner Pissstraße in Tiergarten, aber seine Augen leuchten.
  159.  
  160. "Normalerweise haben Klubs alle ein Verfallsdatum", sagt Kieker, "aber das Berghain hat keins." Er war vor zwei Jahren mit dem Techno-Pionier Dimitri Hegemann in Detroit, weil die in Detroit dachten, man könne ihre Stadt über Techno revitalisieren. Sie sind da vom Bürgermeister begrüßt worden. Wie ein Staatsempfang. Hegemann hat vor einer alten Cadillac-Fabrik gestanden und gesagt: Hier muss euer Berghain rein. Kieker hat noch die Fotos auf dem Handy. Ein älterer Herr vor einer Industrieruine. Ein bisschen weiter hinten in seiner Bildergalerie kommen die Aufnahmen, die Kieker in einem Kino in Los Angeles gemacht hat, wo im vergangenen Herbst die Fernsehserie "Babylon Berlin" der Welt vorgestellt wurde. Er war da mit dem Regierenden Bürgermeister und dem Filmteam.
  161.  
  162. Es geht um ein Bild von Berlin, das man der Welt verkaufen kann. Die goldenen Zwanziger und die wilden Neunziger. Die Varietés und die Bunker. Swing und Techno, Opium und Ecstasy, Dunkelheit, Sex, Freiheit. Der Tanz auf dem Vulkan. Etwa ein Drittel der Berlin-Touristen kommt in die Stadt, um zu feiern, sagt Kieker. Eine Milliarde Euro des Touristengelds haben mit den Berliner Klubs zu tun. Kieker beschreibt eine Mischung aus Toleranz und Ahnungslosigkeit bei den Behörden, die das möglich macht. Eine Allianz aus Apothekern, Rettungsärzten, Kriminalpolizisten, Klubfunktionären, Sozialarbeitern, Tänzern, Rauchern, Politikern und Personalchefs beschützt den Rohdiamanten, der da am Ostbahnhof rumliegt. Wenn er geschliffen wird, ist es vorbei. Die Partytouristen, zumindest die anspruchsvollen, sind launisch.
  163.  
  164. "Berlin ist Disruption", sagt Kieker. "Das muss man bewahren." In dieser Interessenlage ist Jenifer verschwunden. Es hat sie nicht gegeben. Sie war nicht da.
  165.  
  166. Die Gesundheitsverwaltung hat zusammen mit der Charité eine Umfrage zum Partydrogenkonsum durchgeführt, die nicht für besonders viel Aufregung gesorgt hat. Die Wirtschaftsverwaltung weiß, dass Berlin für viele Start-up-Betreiber unter anderem deswegen so attraktiv ist, weil es eine so interessante Klublandschaft hat. Hightechunternehmen locken ihren kreativen Nachwuchs mit Verweis aufs Berghain nach Berlin. Die größten Berghain-Fans der Politik sitzen in der Berliner CDU.
  167.  
  168. Und die Berliner Kulturverwaltung schafft den ideologischen Überbau.
  169.  
  170. Klaus Lederer ist der Kultursenator der Hauptstadt. Er ist Mitglied der Linken, hat Jura studiert, ist schwul und in Berlin groß geworden, er kennt die meisten Klubs als Gast. Auch das Berghain. Obwohl er zuletzt vor allem für Ausstellungseröffnungen da war.
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  172. Lederer sagt: "Wenn der Norbert, dem das Berghain gehört, ein Problem hat, dann findet er mich. Und wenn ich eins habe, dann finde ich den Norbert auch." Es klingt, als verhandelte der Kultursenator von Berlin mit dem Lord der Finsternis. Der stille Norbert vom Berghain scheint mehr Macht zu haben als der Regierende Bürgermeister.
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  174. "In Berlin sind in den Neunzigerjahren diese Orte gelebter Akzeptanz von Unterschiedlichkeit entstanden", sagt Lederer. "Die Regel ist: 'Leben und leben lassen.' Auch den Umgang mit Drogen kann man lernen. Drugscouts sind eine Form der Solidarität. Man muss an solchen Orten die Regeln untereinander aushandeln. Da können sich Politik und Medien nur schwer einmischen. Es hilft auch nicht, da mit einer Hundertschaft Polizei einzumarschieren. Die Klubs sorgen schon selbst dafür, dass sie keine Drogenumschlagplätze werden. Klubs sind weit mehr als ein Standortfaktor. Sie sind Orte von Solidarität und Toleranz und Andersartigkeit. Das ist ein Erfolg von Berlin, dass wir das aushalten. Das muss immer wieder erkämpft werden." Es ist ein halbstündiges Plädoyer des Kultursenators, eine Adresse an die Welt. Es ist dunkel, und es regnet auf die Berliner Mitte, in der die Kulturverwaltung steht, ein schwarzer Regen, so schwarz wie die Garderobe von Lederer, und in diesem Moment versteht man, was Jenifer hier suchte. Man begreift, dass es kein Zufall war, der sie hierhergeführt hat.
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  176. Man versteht es auch, wenn man den Klub an einem Sonntagvormittag betritt. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Filmkulisse. Irgendetwas aus "Blade Runner" oder "Strange Days" oder "Babylon Berlin". Eine Reise zurück in eine Zeit, als alles möglich schien. Dazu das freundliche Personal, die entspannten Gäste, Tanzen wie Frühsport. Das Licht, das in die Panoramabar fällt wie Milch. Müsli. Erstklassiger Espresso. Bananensaft. Kichernde Japaner in Ledergeschirr, verzückte Amerikaner mit Oberkörpern wie Hulk. Man vergisst, dass jetzt eigentlich Zeit fürs Hochamt wäre und morgen die Scheißwoche wieder anfängt. Das Berghain ist ein Stachel im Fleisch der Stadt, die sich in eine teure europäische Metropole verwandelt. Ein Tempel der Unbeirrten.
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  178. Irgendwann hört Lederer auf zu reden und geht. Er muss heute Abend noch das Radialsystem retten. Einen Klub am Ufer der Spree. Der Finanzsenator wartet schon auf ihn.
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  180. Warum also kommt die Welt nach Berlin? "Marx würde sagen, um der Idiotie des Landlebens zu entfliehen", sagt Lederer und geht in den schwarzen Regen.
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  182. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Jenifer das "Kommunistische Manifest" gelesen hat. Aber sie wollte weg. Wenn man den Irrsinn des Corporate America mit dem Idiotismus des Landlebens gleichsetzt, war sie auf Marx' Spuren unterwegs.
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  184. In den Bergen oberhalb von Santa Barbara wohnen ihre Schwiegereltern. Peter und Alice.
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  186. Peter ist gerade vom Golfen gekommen, er hat schon den Bademantel an, der Whirlpool blubbert, dahinter die verbrannten Berge Kaliforniens und hinter den schwarzen Bergen das Meer. Sie haben das Feuer von hier gesehen. Sie liebten Jen, und Jen mochte sie. Sie glaubten, dass sie sich bei ihren eigenen Eltern nicht so fallen lassen konnte wie bei ihnen. Die Erwartungen waren hoch. Jens Eltern hätten sich einen asiatischen Ehemann für ihre Tochter gewünscht, glauben Carlos Eltern. Keinen weißen. Sie haben Carlo akzeptiert, mehr nicht. Jenifers Vater, sagt Peter, sei mit dem letzten Helikopter aus Saigon geflohen. So etwas präge Familien über Generationen. Ihre Schwiegertochter, so glauben die beiden, habe einen Weg raus aus dem Leben gesucht, das sich ihre Eltern für sie wünschten.
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  188. Jen und Carlo kamen nicht zum 50. Hochzeitstag von Alice und Peter, weil sie zum "Burning Man" gehen wollten wie jedes Jahr. Ein Rave in der Wüste Nevadas. Eine Woche lang Anfang September tanzen in der Black Rock Desert. Das war ihnen wichtiger. Alice und Peter haben ihr Leben lang Restaurants betrieben, sie hatten nie Zeit für Drogen, sagen sie. Sie mussten gelegentlich einen kokainsüchtigen Koch entlassen, aber die Drogenwelt der Wochenendtänzer war ihnen nicht vertraut. Sie haben viel gelesen im letzten Jahr. Sie kennen nun "Legal Highs", GBL und GHL und die Einlassregeln des Berghain, den Umschlag auf den Toiletten, die Rolle der Türsteher, der Berliner Polizei. Ein Freund, der viel Erfahrungen mit Drogen hat, sagte ihnen: "Ecstasy? Ich habe jeden geliebt, als ich das Zeug genommen habe, und ich mag die Menschen nicht. Echt unheimlich." Peter lacht. Ein meckerndes Lachen.
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  190. Sie sagen, ihr Sohn habe den toxikologischen Report bis heute nicht geöffnet. Er könne das nicht. Er mache viel Sport. Vielleicht Therapie. Sie wissen es nicht, sie hoffen es. Er arbeite. Er war zu Weihnachten bei ihnen. Er hat seiner Mutter versprochen, sich nicht umzubringen.
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  192. Es sind knapp zwei Stunden von ihrem Haus bis nach Culver City. Man fährt immer am Meer entlang, sie haben den Pacific Coast Highway nach den Bränden und Erdrutschen wiederhergerichtet. Kurz vor Los Angeles passiert man den Will Rogers State Beach, wo sie vor acht Monaten Jenifers Asche ins Meer streuten. Die Eltern, die Schwiegereltern und Carlo. Es war das letzte Mal, dass sie sich gesehen haben. Carlo hat immer wieder versucht, seine Schwiegereltern anzurufen, aber sie wollen nicht mit ihm reden. Er weiß nicht, warum, aber er ahnt es. Sie glauben, dass er ihre Tochter in diese dunkle Welt geführt hat, in der sie am Ende umkam. Sie wussten nichts von ihrem Leben, und vielleicht wollen sie es nun auch nicht mehr kennenlernen.
  193.  
  194. Carlo sitzt in einem Restaurant in Culver City. Es ist nur drei Minuten von der Wohnung entfernt, in der er mit Jenifer gelebt hat. Auf den Bürgersteigen laufen Menschen durch die Sonne, die meisten sind in seinem Alter. Sie hätten es hier geliebt, sagt Carlo. Es sieht aus wie eine richtige Stadt. Es gibt Straßencafés, öffentliche Verkehrsmittel, Kinos, Bars, ein altes Hotel und eine kommunale Buchhandlung. Und dazu das wunderbare Wetter Südkaliforniens.
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  196. "Ich bin nicht besonders ehrgeizig, was meinen Beruf angeht, alles, was ich wollte, war, mit Jen Kinder zu bekommen, die Kinder aufzuziehen und dann mit meiner Frau alt zu werden", sagt er.
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  198. Er fragt, wie gut die Berliner Anwältin ist. Schwer zu sagen. Er sagt, er habe keine altruistischen Motive. Er will schon, dass dem Nächsten, dem so etwas passiert, geholfen wird. Aber grundsätzlich geht es ihm darum, dass der Tod seiner Frau nicht komplett folgenlos bleibt. Es ist schwer zu ertragen, dem wichtigsten Menschen seines Lebens dabei zuzusehen, wie er verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen. Bis zu dem Zeitpunkt, als er sich auf der Tanzfläche umsah und seine Frau vermisste, war es die perfekte Nacht, sagt Carlo. Berlin war genau das, was wir erwartet haben, sagt er.
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  200. Was immer sie gesucht haben. Die Freiheit, die Gefahr, das Unberührte, eine Welt ohne Grenzen und Vorurteile. Sie hatten es gefunden.
  201.  
  202. Carlo zeigt das letzte gemeinsame Foto auf seinem Handy. Zwei schwarz gekleidete, hübsche Menschen, die ihre Erregung hinter gelangweilten Mienen verstecken.
  203.  
  204. Das einzige öffentliche Statement des Berghain klingt in einer Minute wie ein Heilsversprechen. Und in der nächsten wie ein Fluch. Wir machen weiter wie bisher.
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