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Sep 7th, 2013
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  1. Das Magazin 36/2013 — Die Frau im Hintergrund
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  3. Die Frau An Snowdens Seite
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  5. Eines Tages erhielt die Dokumentarfilmerin Laura Poitras eine anonyme E-Mail, und ihr Leben änderte sich radikal.
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  7. Text PETER MAASS
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  9. Vergangenen Januar erhielt Laura Poitras eine merkwürdige E-Mail von einem anonymen Absender. Er bat sie um einen ihrer beiden Schlüssel für das Public-Key-Verfahren, mit dem man Informationen im Internet sicher versenden kann. Seit fast zwei Jahren hatte Poitras an einem Dokumentarfilm zum Thema Überwachung gearbeitet und gelegentlich ähnliche anonyme Anfragen erhalten. Mit dem einen Schlüssel kodiert ein Absender Daten so, dass nur der Empfänger sie lesen kann – mit seinem zweiten, privaten Schlüssel. Poitras dachte, wie so oft werde auch diesmal nicht viel dabei herauskommen.
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  11. Nachdem er den Schlüssel bekommen hatte, schrieb ihr der Fremde, seine Informationen seien zu heikel, um nur mit dem Public-Key-Verfahren gesichert zu werden. Er gab ihr Anweisungen, wie sie E-Mails so verschlüsseln könne, dass sie sogar einem sogenannten Brute-Force-Angriff standhielten, bei dem der Gegner bis zu eine Billion Passwörter pro Sekunde ausprobiert. Poitras hielt sich genau an die Anweisungen.
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  13. Wenig später bekam sie eine E-Mail. Was sie las, waren lauter vertrauliche Informationen über mehrere streng geheime Überwachungsprogramme der Regierung. Sofort schaltete sie ihren Computer aus und unterbrach die Verbindung zum Internet. Später entfernte sie alle Daten von ihrer Festplatte. «Ich dachte», sagte mir Laura Poitras vor ein paar Wochen, «wenn das wahr ist, was ich gerade gelesen habe, dann hat sich soeben mein Leben für immer verändert.»
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  15. Poitras blieb misstrauisch. Sie kannte die Identität des Absenders nicht, fürchtete vor allem, ein Geheimdienstagent könnte versuchen, etwas über die Leute aus ihrem Dokumentarfilm zu erfahren; etwa über Julian Assange, den Herausgeber von Wikileaks. Anfang Juni schliesslich verriet ihr der Informant seine Identität und sagte ihr, für welchen Geheimdienst er arbeite. Zusammen mit Glenn Greenwald, einem ehemaligen Rechtsanwalt und heutigen Kolumnisten des «Guardian», flog Poitras nach Hongkong und traf dort Edward J. Snowden, der im Auftrag der National Security Agency der USA (NSA) auf Hawaii in einer gesicherten Einrichtung des Echelon-Spionagenetzes als Systemadministrator arbeitete. Snowden übergab ihr Tausende Geheimdokumente, und was folgte, war ein weltweiter Aufruhr. Damit änderte sich Laura Poitras’ Leben tatsächlich für immer.
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  17. Unauffällig im Hintergrund
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  19. «Guardian»-Kolumnist Glenn Greenwald lebt und arbeitet am äussersten Rand von Rio de Janeiro, umgeben von tropischen Pflanzen. Man fühlt sich in seinem Haus wie in einer Studenten-WG mitten im Dschungel. Im Hinterhof kämpft eine Affenhorde mit fünf oder sechs Hunden, in der Spüle warten seit Tagen Tellerstapel auf den Abwasch, das Wohnzimmer besteht aus einer Xbox, einem riesigen Fernseher und einem Sofa. Die Uhr an der Wand geht Stunden nach.
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  21. Greenwald arbeitete während meines viertägigen Besuchs in T-Shirt, Surfershorts und Flipflops auf einer schattigen Veranda. Unaufhörlich war er in Bewegung, telefonierte auf Portugiesisch und Englisch, rauschte aus der Tür und runter in die Stadt, um dort Interviews zu geben. Er beantwortete zahllose E-Mails mit Fragen zu Edward Snowden. Er twitterte, er diskutierte mit vielen seiner 225 000 Follower oder schrieb einen neuen NSA-Artikel für den «Guardian». In einem der Schlafzimmer des Hauses sass derweil konzentriert und still Laura Poitras, eine eigenwillig wirkende 49-Jährige, vor mehreren Laptops. Hin und wieder sprachen die beiden miteinander über einen seiner neuen Artikel oder eines ihrer neuen Snowden-Videos. Das alles war, wie sie erklärten, Teil ihres gemeinsamen Kampfes für Selbstbestimmung und Privatsphäre. In diesem Kampf bleibt Poitras zwar im Hintergrund. Aber obwohl niemand etwas über sie weiss, ist, wie Greenwald mir sagte, «Laura das Zentrum von allem».
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  23. Eines Abends besuchten wir die Redaktion von «O Globo», einer der grössten brasilianischen Zeitungen. Greenwald hatte in einem neuen Artikel detailliert beschrieben, wie die NSA Telefonate und E-Mails von Brasilianern ausspionierte. Es hatte einen riesigen Skandal gegeben, so wie zuvor schon nach ähnlichen seiner Artikel in anderen Ländern. In der Redaktion feierte man Greenwald wie einen Helden. Der Chefredaktor schüttelte ihm die Hand. Er bat ihn, sofort regelmässiger Autor der Zeitung zu werden. Reporter machten Erinnerungsfotos. Poitras stand die ganze Zeit daneben. Manchmal filmte sie ein paar Szenen, ansonsten sah sie nur zu. Man bemerkte sie nicht einmal. Ich sprach sie darauf an, wie unauffällig sie wirkte. «Na, das ist perfekt», lächelte sie. «Das ist sehr gut so.»
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  25. Poitras verschmilzt nicht etwa mit ihrer Umgebung, weil sie zu schüchtern wäre. Wenn sie will, setzt sie sich durch. Während eines Gesprächs, in dem ich etwas über ihr Leben erfahren wollte, sagte sie: «Ich fühle mich gerade wie beim Zahnarzt.»
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  27. Ihr Leben in Stichworten: Aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie bei Boston, zog sie nach der Highschool nach San Francisco, um dort als Köchin in gehobenen Restaurants zu arbeiten. Nebenbei nahm sie Unterricht am San Francisco Art Institute, wo sie unter anderem bei Experimentalfilmer Ernie Gehr studierte. 1992 zog sie nach New York und begann ihre Laufbahn in der Welt des Films. Sie schrieb sich auch in Sozialer und Politischer Theorie an der New School ein, einer Hochschule, die in der Tradition progressiven amerikanischen Gedankenguts und kritischer europäischer Philosophie steht. Seitdem hat sie fünf Filme realisiert, zuletzt «The Oath» über den Guantanamo-Häftling Salim Hamdan.
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  29. Am 11. September 2001 war Poitras in der Upper West Side von Manhattan, als die Türme angegriffen wurden. Wie die meisten New Yorker war sie in den folgenden Wochen gelähmt von Trauer und überwältigt von einem Gefühl nationaler Einheit. Nach dem Einmarsch im Irak jedoch schien ihr, etwas laufe in eine völlig falsche Richtung. «Wie so etwas geschehen kann, das hat mich immer interessiert. Wie geraten Nationen plötzlich vom Weg ab?»
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  31. Poitras, die zuvor noch nie in einem Kriegsgebiet gewesen war, ging im Juni 2004 in den Irak und begann mit ihrer Dokumentation der Besatzungszeit. Gleich nach der Ankunft erlaubte man ihr, das Abu-Ghraib-Gefängnis zu besuchen, gemeinsam mit Mitgliedern der Bagdader Stadtverwaltung. Poitras filmte den Besuch. Das war, wenige Monate nachdem Fotos veröffentlicht wurden, wie amerikanische Soldaten Gefängnisinsassen misshandelten. Unter den Delegierten befand sich auch ein prominenter sunnitischer Arzt, den man in Poitras’ Filmaufnahmen mit Gefangenen sprechen sieht.
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  33. Der Arzt, Riad al-Adhadh, lud Poitras ein, seine Klinik zu besuchen, und liess sie später über sein Leben in Bagdad berichten. Ihr Dokumentarfilm «My Country, My Country» zeigt das beschwerliche Leben seiner Familie in diesen Monaten – die Schiessereien und Stromausfälle in der Nachbarschaft, die Entführung eines Neffen. Der Film feierte im Frühjahr 2006 Premiere und erhielt viel Anerkennung, etwa eine Oscar-Nominierung für den besten Dokumentarfilm.
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  35. Der Versuch, die Auswirkungen des Krieges auf ganz normale Iraker zu zeigen, setzte Poitras einer Welle von – offensichtlich falschen – Anschuldigungen und Verdächtigungen aus. Am 19. November 2004 machten irakische Truppen mit der Unterstützung amerikanischer Soldaten eine Razzia in einer Moschee im Adhamiya-Quartier von Bagdad, wo die Familie des Arztes wohnte. Dabei wurden mehrere Menschen getötet. Am nächsten Tag entlud sich der Zorn der Bewohner in der Nachbarschaft, Poitras hielt sich in der Wohnung des Arztes auf und stieg mehrfach auf das Dach des Hauses, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Dabei wurde sie von Soldaten der Oregon National Guard beobachtet. Kurz darauf griff eine Gruppe von Aufständischen an und tötete einen Amerikaner. Einige Soldaten spekulierten, Poitras sei auf dem Dach gewesen, weil sie zuvor über den Angriff informiert worden war und ihn filmen wollte. Der inzwischen pensionierte Bataillonskommandeur Daniel Hendrickson erzählte mir, er habe damals einen Bericht über Poitras beim Brigadestab eingereicht.
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  37. Aber es gibt keinerlei Beweise für diese Anschuldigungen. Das Viertel war an diesem Tag Schauplatz von Kampfhandlungen, also war es nur logisch, dass sich jeder Journalist in Bagdad nahe dem Ort des Geschehens aufhielt. Die Soldaten, die den Vorwurf in die Welt gesetzt hatten, sagten mir, sie hätten keine Belege. Hendrickson erhielt, wie er mir sagte, vom Brigadestab nie eine Antwort auf seinen Bericht.
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  39. Während Monaten nach dem Angriff lebte Poitras in der «Grünen Zone» im Zentrum Bagdads, einem zehn Quadratkilometer grossen Areal, das die irakische Übergangsregierung beherbergte, und arbeitete als eingebettete Journalistin bei einer Militäreinheit. Sie zeigte ihren Film mehrmals Vertretern der Armee.
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  41. Ein inzwischen ebenfalls pensionierter Offizier, der Poitras in Bagdad beobachtete, Major Tom Mowle, bezeichnet die Vorwürfe gegen sie als «ziemlich lächerlich». Poitras habe damals praktisch pausenlos gefilmt, also habe sie das natürlich auch an einem Tag mit Kampfhandlungen zu tun versucht.
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  43. Obwohl es also keinerlei Beweise gibt, könnten die Anschuldigungen der Grund sein, weshalb Poitras seit damals wiederholt festgehalten, durchsucht und verhört wurde. Hendrickson und ein weiterer Soldat erzählten mir, dass 2007 – nur wenige Monate nachdem sie zum ersten Mal festgehalten wurde – Ermittler aus der Joint Terrorism Task Force des Justizministeriums bei ihnen vorstellig geworden seien und sich nach Poitras’ Aktivitäten in Bagdad an jenem Tag erkundigt hätten. Poitras selbst jedoch wurde nie von diesen oder anderen Ermittlern kontaktiert. «Irakische und amerikanische Soldaten machten während des Freitagsgebets eine Razzia in einer Moschee und töteten mehrere Menschen», sagte mir Poitras. «Am nächsten Tag befand sich das Quartier im Kriegszustand. Das habe ich als Dokumentarfilmerin natürlich filmen wollen. Jeden Verdacht, ich hätte zuvor von den Angriffen gewusst, weise ich von mir. Statt Kriegsberichterstatter sollte die Regierung denjenigen verfolgen, der die Razzia angeordnet hat.»
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  45. Im Juni 2006 wiesen ihre Tickets bei Inlandflügen die Markierung «SSSS» auf. Die «Secondary Security Screening Selection» ist eine besondere Massnahme zur Flugsicherheit, die einige Fluggesellschaften in den USA anwenden. Dabei werden Passagiere beim Einchecken einer besonders gründlichen Sicherheitskontrolle einschliesslich sorgfältiger Durchsuchung des Handgepäcks unterzogen.
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  47. Zum ersten Mal festgehalten wurde Poitras am Newark International Airport, bevor sie nach Israel fliegen wollte, um dort ihren Film zu zeigen. Auf dem Rückflug wurde sie erneut für zwei Stunden festgehalten, bevor sie den Flughafen verlassen durfte. Einen Monat später reiste sie nach Bosnien, um ihren Film an einem Festival zu zeigen. Nach ihrer Ankunft aus Sarajevo in Wien wurde sie per Flughafenlautsprecher ausgerufen und aufgefordert, sich an einem Desk in der Ankunftshalle zu melden. Von dort führte man sie zu einem Van und fuhr sie in einen anderen Teil des Flughafens.
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  49. «Sie nahmen mir meine Koffer ab und durchsuchten sie», sagte mir Poitras. «Sie fragten mich nach dem Grund meiner Reise, und ich erklärte ihnen, dass ich in Sarajevo einen Film über den Irakkrieg gezeigt habe und auf dem Heimweg sei. Irgendwie muss ich einem der Sicherheitsbeamten sympathisch gewesen sein. Ich fragte ihn, was eigentlich los sei. Er sagte: ‹Sie stehen auf der Liste. Es gibt eine Skala, wie bedrohlich jemand ist. 400 ist die maximale Punktzahl, die jemand haben kann. Und die haben Sie.› »
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  51. Potenzielle Terroristin
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  53. Nach dem 11. September 2001 begann die US-Regierung eine Liste von Leuten zusammenzustellen, die als potenzielle Terroristen gelten. Gemäss Schätzungen enthielt diese Liste zeitweise fast eine Million Namen. Es gibt mindestens zwei Erweiterungen dieser Liste, die beide den Flugverkehr betreffen. Die sogenannte No-Fly-Liste enthält die Namen Zehntausender Menschen, die nicht berechtigt sind, in die USA zu fliegen oder die USA zu verlassen. Die Selectee-Liste, die weitaus länger ist als die No-Fly-Liste, enthält die Namen jener Menschen, die sich vor Flugreisen zusätzlichen Kontrollen und Befragungen unterziehen müssen. Diese Listen wurden von Bürgerrechtsgruppen als viel zu umfangreich und willkürlich kritisiert.
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  55. In Wien durfte Laura Poitras schliesslich ihren Flug nach New York antreten. Aber als sie am John F. Kennedy International Airport landete, wurde sie von zwei bewaffneten Beamten in Empfang genommen und in einen Verhörraum geführt. Diese Prozedur hat Poitras seitdem sehr häufig erlebt – sie kann sich schon gar nicht mehr erinnern, wie oft. Am Anfang, sagte sie, hätten sich die Behörden für schriftliche Unterlagen interessiert, die sie bei sich trug. Sie hätten Kaufbelege kopiert oder sogar ihr Notizbuch. Als sie aus diesem Grund auf ihre Reisen keine Schriftstücke mehr mitnahm, hätten sie sich auf die elektronischen Geräte in ihrem Gepäck konzentriert und ihr geraten, alle Fragen zu beantworten, da man sonst ihre technische Ausrüstung konfiszieren und die Wahrheit ohnehin herausfinden würde. Einmal, sagte Poitras, hätten Beamte ihre Computer und Mobiltelefone während Wochen beschlagnahmt: Jemand, der sich weigert, Fragen zu beantworten, sei schon von vornherein verdächtig, habe man ihr gesagt. Da die Befragungen in internationalen Transferräumen stattfanden, wo die verfassungsmässigen Rechte angeblich eingeschränkt sind, durfte sie ihren Anwalt nicht einbeziehen.
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  57. «Es ist ein extremer Übergriff», sagte mir Poitras. «Es geht um Informationen über meine Arbeit, es geht um private Dinge. Du steigst aus einem Flugzeug und wirst von Leuten, die Waffen tragen, in Gewahrsam genommen.»
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  59. Obwohl sie an Kongressmitglieder geschrieben und sich auf den Freedom of Information Act berufen hat, hat Laura Poitras bislang niemals eine Erklärung bekommen, weshalb man sie so behandelte. «Es macht mich wütend, dass ich über die Gründe dieser Massnahmen lediglich Spekulationen anstellen kann. Man setzt Menschen auf eine Liste, verhört sie während sechs Jahren bei ihren Reisen und sagt ihnen nie, warum. Das ist so wie bei Kafka.»
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  61. Inzwischen lässt Poitras ihren Laptop im Gepäck von Reisegefährten, ihre Notizbücher bei Freunden im Ausland oder in Schliessfächern. Sie löscht Datenträger, etwa ihr Mobiltelefon, bevor sie aufbricht, oder verschlüsselt Informationen. Aber auch wenn sie nicht auf Reisen ist, fühlt sie sich beobachtet. Warum denn sollte eine Regierung, die ihr gegenüber so misstrauisch ist, nicht auch ihre E-Mails, ihr Festnetztelefon und ihren gesamten Internetverkehr überwachen?
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  63. Die National Security Agency kann Internetservice-Provider und Telefongesellschaften dazu verpflichten, Kundendaten ohne Benachrichtigung der Kunden herauszugeben. Poitras geht davon aus, dass die NSA das getan hat (ihre Telefongesellschaft und ihr Provider dürfen ihr diesen Verdacht allerdings nicht bestätigen).
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  65. Willkür und Schikane
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  67. Sie wurde immer vorsichtiger beim Versand sensibler Dokumente oder bei Telefongesprächen. Sie besorgte sich eine Software, die ihre Webverläufe maskiert. Und nachdem sie von Edward Snowden kontaktiert worden war, hob sie ihre Datensicherheit auf das Maximalniveau. Ausserdem begann sie jeweils verschiedene Computer zu benutzen – für die Filmbearbeitung, für die Kommunikation, für das Lesen vertraulicher Dokumente. Diese Vorsichtsmassnahmen mögen einem paranoid erscheinen – Poitras selbst beschreibt sie als «ziemlich extrem» –, doch die Leute, die sie für ihren jüngsten Film interviewte, waren alle auf eine Weise überwacht worden, die ihr Angst machte. William Binney, ein ehemaliger Topbeamter der NSA, hatte die Agentur öffentlich illegaler Überwachungsmassnahmen beschuldigt. Daraufhin drangen FBI-Agenten 2007 in seine Wohnung ein und bedrohten ihn und seine Familie mit Waffen. Binney stand gerade nackt unter der Dusche, als ein Beamter ins Badezimmer trat und die Pistole auf seinen Kopf richtete. Sein Computer, seine Festplatten und die persönlichen Aufzeichnungen wurden beschlagnahmt und ihm nicht wieder zurückgegeben. Zu einer Anklage gegen Binney kam es nicht.
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  69. Poitras filmte auch Jacob Appelbaum, einen Politaktivisten, der früher für Wikileaks arbeitete. Die Regierung zwang Twitter, Beamten Zugriff auf Appelbaums Konto zu gewähren. Das wurde bekannt, als Twitter versuchte, sich gegen diese Verfügung zu wehren. Das Unternehmen musste sich letztlich daran halten, doch durfte es Appelbaum immerhin über die Massnahme informieren. Google und der Internetprovider, den Appelbaum benutzte, wurden ebenfalls mit geheimen Verfügungen unter Druck gesetzt und versuchten, ihn zu warnen. Auch Appelbaum konnte man kein Vergehen nachweisen.
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  71. Poitras ertrug die Durchsuchungen und Verhöre an Flughäfen jahrelang, ohne sich öffentlich darüber zu beschweren. Sie wollte nicht noch mehr Misstrauen und Feindseligkeit der Regierung auf sich ziehen. Aber im letzten Jahr wurde es ihr endgültig zu viel. Während man sie in Newark nach einem Flug aus Grossbritannien verhörte, durfte sie sich plötzlich keine Notizen mehr machen. Auf Anraten von Rechtsanwälten hatte sich Poitras immer die Namen der Beamten notiert, ihre Fragen und welche Unterlagen sie beschlagnahmten oder kopierten. In Newark jedoch drohte ihr ein Beamter mit Handschellen, wenn sie ihre Aufzeichnungen fortsetze. Der Grund dafür sei, dass sie ihren Kugelschreiber möglicherweise als Waffe einsetzen könnte.
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  73. «Daher bat ich um einen Buntstift», erinnert sich Poitras. «Aber man verbot mir auch Buntstifte.»
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  75. Irgendwann führte man sie in einen Verhörraum, in dem die Befragung durch drei Beamte fortgesetzt wurde. Einer stand hinter ihr, einer stellte die Fragen, der dritte war ein Supervisor. «Die Befragung dauerte ungefähr eineinhalb Stunden. Ich fragte, welches Gesetz es mir verbiete, Notizen zu machen. Die Beamten antworteten, sie seien es, die hier die Fragen stellten.»
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  77. Poitras lernte Greenwald 2010 kennen, weil sie sich für seine Arbeit über Wikileaks interessierte. Ein Jahr später flog sie nach Rio, um ihn für ihre Dokumentation zu filmen. Er wusste von den Durchsuchungen und Verhören, denen sie immer wieder ausgesetzt war, und bat sie mehrfach, darüber schreiben zu dürfen. Nach dem Erlebnis in Newark gab sie ihm grünes Licht.
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  79. «Sie sagte: ‹Es reicht› », erzählte mir Greenwald. «Die Möglichkeit, Notizen zu machen und zu dokumentieren, was mit ihr geschah, hatte ihr immerhin das Gefühl gegeben, wenigstens noch ein bisschen Kontrolle zu haben. Nun aber hatte man ihr diese letzte Sicherheit genommen, ohne Erklärung, als eine völlig willkürliche Demonstration von Macht.»
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  81. Damals schrieb Greenwald für das Internetmagazin «Salon». Seine Geschichte über die amerikanische Filmemacherin, die immer wieder an Flughäfen festgehalten wurde, erschien im April 2012. Kurz danach hörten die Festnahmen schlagartig auf. Nach sechs Jahren der Überwachung und Belästigung hoffte Poitras jetzt wieder auf ein normales Leben.
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  83. Vertrauen gewinnen
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  85. Sie war nicht Snowdens erste Wahl bei seiner Suche nach der Person, über die er Tausende geheimer NSA-Dokumente veröffentlichen wollte. Stattdessen wandte er sich zunächst an Greenwald, der ausführlich und kritisch über die Kriege im Irak und in Afghanistan und über die Erosion der Bürgerrechte nach dem 11. September berichtet hatte. Snowden schickte ihm eine anonyme E-Mail und erklärte, er habe Dokumente, die er mit ihm teilen wolle. Dann sandte er Greenwald eine Anleitung zum Verschlüsseln seines E-Mail-Verkehrs, doch dieser ignorierte sie. Daraufhin schickte Snowden ihm einen Link zu einem Video über Verschlüsselungsmethoden, doch Greenwald ignorierte auch das.
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  87. «Daten zu verschlüsseln ist aufwendig und kompliziert», sagte mir Greenwald, als wir während eines tropischen Platzregens auf seiner Veranda sassen. «Ich empfand das alles als Belästigung. Das frustrierte Snowden. Also wandte er sich an Laura.»
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  89. Snowden hatte Greenwalds Artikel über Poitras’ Probleme an den US-Flughäfen gelesen und wusste, dass sie gerade die Überwachungsprogramme der Regierung in einem Film aufarbeitete. Er hatte auch eine kurze Dokumentation über die NSA gesehen, die sie für die Webseite der «New York Times» gedreht hatte. Er hoffte, sie werde die Dimensionen seiner Enthüllungen verstehen.
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  91. Kurz vor Ende des letzten Winters entschloss sich Poitras, ihrem anonymen Informanten zu vertrauen. Er hatte sich in keiner Weise verdächtig verhalten, etwa versucht, sie zu irgendeiner Dummheit anzustiften, wie sie das von einem Agenten der Regierung erwartet hätte. Er hatte sie nie danach gefragt, woran sie gerade arbeite oder mit welchen Menschen sie in Kontakt stehe. Snowden sagte ihr bald, jemand müsse ihr bei der Arbeit helfen und dass sie sich dafür an Greenwald wenden solle. Sie wusste nicht, dass Snowden Greenwald schon kontaktiert hatte, und auch Greenwald erfuhr erst bei ihrem Treffen in Hongkong, dass es sich um dieselbe Person handelte, mit der er mehr als sechs Monate zuvor schon einmal zu tun gehabt hatte.
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  93. Bei den Treffen mit Snowden gab es mehr als eine Überraschung – auch für den Whistleblower selbst, der mir Fragen über seinen Austausch mit Greenwald und Poitras beantwortete, die ich ihm über Poitras zukommen liess.
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  95. Ab wann dachte er, dass er Poitras vertrauen konnte? «Wir kamen», schrieb mir Snowden, «an einen Punkt, an dem ich merkte, dass Laura mir mehr misstraut als ich ihr. Und alle, die mich kennen, wissen, dass ich geradezu paranoid bin.»
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  97. Als ich Snowden nach der anfänglichen Weigerung Greenwalds fragte, seine Kommunikation zu verschlüsseln, antwortete Snowden: «Ich wusste, dass Journalisten viel zu tun haben und es nicht leicht ist, von ihnen ernst genommen zu werden. Dennoch leben wir im Jahr 2013. Greenwald hat als Journalist immer wieder über Konzentration und Masslosigkeit staatlicher Machtausübung berichtet. Ich war überrascht, dass es Journalisten gab, die noch nicht wussten, dass jeder Geheimdienst in der Welt Zugang zu jeder unverschlüsselt über das Internet gesendeten Nachricht hat.»
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  99. Im April mailte Poitras Greenwald, sie müsse ihn von Angesicht zu Angesicht sprechen. Zufällig war er gerade in den Vereinigten Staaten, um auf einer Konferenz in einem Vorort von New York City zu sprechen, und die beiden trafen sich in der Lobby seines Hotels. «Sie war sehr vorsichtig», erinnert sich Greenwald. «Sie bestand darauf, dass ich mein Handy nicht zu unserem Treffen mitnehme, weil die Regierung dich über dein Handy abhören kann, selbst wenn es ausgeschaltet ist. Laura hatte sich alle wichtigen Mails von Snowden ausgedruckt und las sie mir vor. Da spürte ich zum ersten Mal, wie ernst es diesem Fremden war, mit wie viel Überzeugung er bei der Sache war.»
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  101. Jetzt installierte Greenwald die Verschlüsselungssoftware und begann, ebenfalls mit Snowden zu kommunizieren. Von nun an versuchten sie, konspirativ zu arbeiten. Das Mastermind dieser Operation war Laura Poitras. «Das Sicherheitsdispositiv stammt komplett von ihr», sagte Greenwald. «Welche Computer ich von nun an verwendete, wie ich kommunizierte, wie ich Daten sicherte, wo ich Kopien aufbewahrte, bei wem ich sie aufbewahrte. Sie entwickelte sich zu einer Expertin in Planung, Organisation und Technik verdeckter Recherchen. Die Auswirkungen dieser Arbeit wären nicht annähernd dieselben gewesen, hätte nicht Laura sie geplant und koordiniert.»
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  103. Snowden schickte ihnen von nun an Dokumente. Ab wann genau, das möchte Poitras nicht bekannt geben, um der Regierung keine Informationen zu liefern, die sie in einem möglichen Prozess gegen Snowden oder Poitras selbst benutzen kann. Snowden teilte ihr damals auch mit, dass es nun bald so weit sei, dass er sie beide treffen könne. Als Poitras zurückfragte, ob sie per Auto zu dem Treffen kommen oder einen Zug nehmen sollten, antwortete er, sie müssten zu ihm fliegen.
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  105. Im Mai sandte Snowden den beiden verschlüsselte Nachrichten, in denen er sie aufforderte, sich nach Hongkong zu begeben. Greenwald flog von Rio nach New York, dort traf er gemeinsam mit Poitras den Herausgeber der amerikanischen Ausgabe des «Guardian». Weil der Ruf seiner Zeitung auf dem Spiel stand, sollte Ewen MacAskill sie begleiten, ein «Guardian»-Reporter mit jahrzehntelanger Erfahrung. Am 1. Juni ging das Trio auf einen sechzehnstündigen Flug von JFK nach Hongkong.
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  107. Snowden hatte zuvor eine kleine Anzahl von Dokumenten an Greenwald geschickt, insgesamt etwa zwanzig, Poitras besass bereits einen grösseren Fundus, den sie erst flüchtig hatte durchsehen können. Während des Flugs begann auch Greenwald, sein Material genauer zu lesen. Dabei stiess er irgendwann auf einen geheimen Gerichtsbeschluss, der das amerikanische Telekommunikationsunternehmen Verizon dazu verpflichtet, seine Kundendaten an die NSA weiterzugeben. Solche Beschlüsse sind streng vertraulich. Zwar hatte es immer wieder Gerüchte gegeben, dass die NSA Daten von Telefonkunden sammelte, die Regierung hatte dies jedoch stets bestritten.
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  109. Irgendwann kam Poitras, die etwa zwanzig Reihen vor Greenwald sass, an seinen Platz und fragte ihn, was er gerade lese. Weil sein Sitznachbar eingeschlafen war, zeigte Greenwald ihr auf dem Laptop den Beschluss und fragte: «Hast du das auch gesehen? Bedeutet es wirklich das, was ich denke?»
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  111. Das Gespräch zwischen den beiden wurde so aufgeregt, dass mehrere Passagiere, die schlafen wollten, sich gestört fühlten und sie leiser sprechen mussten. «Wir konnten einfach nicht glauben, mit was für einzigartigem Material wir es da zu tun hatten», sagte mir Greenwald später. «Als wir diese Dokumente lasen, begriffen wir erstmals die Dimensionen. Wir bekamen einen Adrenalinstoss nach dem anderen, wir schwankten zwischen Ekstase und Euphorie. Jetzt waren wir endlich in der Lage, das zu tun, was wir zuvor nie gekonnt hatten, weil wir die Mittel dazu nicht besassen und auch nicht annahmen, dass wir sie je in unseren Händen halten würden. Aber jetzt hatten wir Material, mit dem wir dieses monströse System untergraben und es ans Licht der Öffentlichkeit bringen konnten.»
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  113. Das Treffen in Hongkong
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  115. Snowden hatte sie angewiesen, in Hongkong zu einer bestimmten Zeit nach Kowloon zu gehen und dort vor einem Restaurant zu warten, das sich in einem Einkaufszentrum des Mira-Hotels befand. Sie sollten so lange warten, bis ein Mann auftauchte, der einen Zauberwürfel in der Hand hielt. Sie sollten ihn nach den Öffnungszeiten des Restaurants fragen. Der Mann würde ihre Frage beantworten, sie aber dann vor dem schlechten Essen des Hotels warnen. Plötzlich stand der Mann mit dem Zauberwürfel vor ihnen. Es war Edward Snowden.
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  117. Snowden war erst 29 und sah noch jünger aus. «Wir fielen fast um, als wir ihn zum ersten Mal sahen», sagte mir Laura Poitras. «Ich nahm an, ich hätte es mit jemandem einer höheren Hierarchiestufe zu tun, der also älter sein musste. Aber ich wusste auch, dass er unglaublich viel über Computersysteme weiss und also noch nicht so alt sein kann. Deshalb hatte ich ihn mir als etwa Vierzigjährigen vorgestellt.»
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  119. In einem verschlüsselten Chat, den ich mit Snowden führte, kam auch er auf ihre erste Begegnung zu sprechen. «Ich hatte den Eindruck, dass die beiden ein bisschen verärgert waren, weil ich so viel jünger bin, als sie sich vorgestellt hatten. Und ich war verärgert, weil sie zu früh am Treffpunkt aufgetaucht waren. Sobald wir jedoch hinter verschlossenen Türen waren, bemerkte jeder, wie extrem vorsichtig der andere war, das beruhigte uns alle wieder.»
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  121. In Snowdens Zimmer schlüpfte Poitras sofort in die Rolle der Dokumentarfilmerin, nahm ihre Kamera heraus. «Die Situation war ein wenig angespannt, ein wenig unangenehm», berichtete mir Greenwald über diese ersten Minuten. «Wir setzten uns, und wir hatten gerade erst angefangen zu plaudern, da schaltete Laura schon ihre Kamera ein. Sofort verkrampfte sich Snowden, und auch ich selbst war nicht mehr locker.»
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  123. Greenwald stellte die erste Frage. «Es ging mir zunächst darum, seine Behauptungen zu testen, und ich wollte so viel wie möglich von ihm wissen, davon würde später meine eigene Glaubwürdigkeit abhängen. Erst nachdem diese Phase des Prüfens und Hinterfragens abgeschlossen war, kamen wir uns persönlich näher.»
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  125. Während der ganzen nächsten Woche gingen Poitras und Greenwald Morgen für Morgen nach dem gleichen Muster vor. Sie betraten das Zimmer und entfernten als Erstes die Akkus aus ihren Mobiltelefonen. Dann legten sie diese in den Kühlschrank der Minibar und dichteten die Tür des Zimmers mit Kissen ab, um sie noch schallsicherer zu machen. Poitras schaltete ihre Kamera ein und begann mit den Filmaufnahmen. Snowden war in ständiger Furcht, die Geheimdienste könnten ihnen auf die Spur kommen und sie verhaften, daher wollte er Poitras und Greenwald zunächst mit der Arbeitsweise der Dienste vertraut machen.
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  127. Greenwalds erste Artikel – inklusive des Textes über den Verizon-Beschluss – wurden noch während der Interviews mit Snowden veröffentlicht. Und plötzlich bestimmten die drei die Nachrichten auf der ganzen Welt. «Dass wir so viel Aufmerksamkeit erhielten, überraschte uns», sagte mir Poitras. Snowden hatte ihnen vor ihrer Ankunft in Hongkong erklärt, er werde auch seine Identität enthüllen und die Verantwortung für sein Handeln übernehmen. So wolle er vermeiden, dass andere zu Unrecht verdächtigt würden. Ausserdem ging er davon aus, dass man ihn früher oder später ohnehin als den Urheber der Enthüllungen identifizieren werde.
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  129. Am 9. Juni, ein paar Tage nach Greenwalds ersten Artikeln, veröffentlichte Laura Poitras einen Zwölf-Minuten-Film über Snowden, der einen Medienrummel auslöste. Damit endete die erste Phase der Zusammenarbeit mit Snowden. Dieser verliess das Hotel und tauchte unter. Reporter fanden heraus, wo Poitras wohnte, sie und Greenwald hatten Zimmer in verschiedenen Hotels. Nun begann das Telefon auf ihrem Schreibtisch zu läuten. Dann klopfte jemand an ihre Tür, rief ihren Namen. Sie wandte sich an den Sicherheitsdienst des Hotels und liess sich durch eine Hintertüre auf die Strasse eskortieren.
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  131. Weil sie dachte, dass Snowden sie erneut kontaktieren werde und um die Reaktion der Chinesen auf seine Enthüllungen zu filmen, wollte sie vorerst in Hongkong bleiben. Aber plötzlich stand sie selbst im Mittelpunkt des Interesses, war nicht mehr nur eine Dokumentarfilmerin. Als sie am 15. Juni eine Unterstützungsdemo für Snowden vor dem US-Konsulat filmen wollte, wurde sie von einem CNN-Reporter entdeckt, der sie interviewen wollte. Poitras weigerte sich und lief davon. Noch an jenem Abend verliess sie Hongkong.
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  133. Poitras flog direkt nach Berlin, wo sie seit letztem Herbst eine Wohnung gemietet hat, um dort an ihrem Dokumentarfilm zu arbeiten, ohne fürchten zu müssen, dass plötzlich FBI-Agenten mit einem Durchsuchungsbefehl für ihre Festplatten auftauchen. «Ich unterscheide immer mehr zwischen Orten, an denen es noch so etwas wie Privatsphäre gibt, und dem Rest», sagte sie mir und fügte hinzu: «In den Vereinigten Staaten kann ich nicht mehr arbeiten. Das war schon so, bevor Snowden mich kontaktierte. Ich kann ja niemandem Quellenschutz versprechen, wenn ich gleichzeitig weiss, dass man mich oder meinen Laptop überwacht.»
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  135. Nach zwei Wochen in Berlin reiste Poitras zu Greenwald nach Rio, wo ich die beiden kurz darauf besuchte. Meine erste Station war das Hotel Copacabana, wo sie an diesem Tag mit den «Guardian»-Reportern Ewen MacAskill und James Ball arbeiteten. Poitras stellte gerade ein neues Video über Snowden zusammen, das sie ein paar Tage später auf der Webseite des «Guardian» veröffentlichen wollte. Greenwald arbeitete, unterstützt von den «Guardian»-Reportern, an einem weiteren Meilenstein der Affäre, einem Artikel über die enge Zusammenarbeit von Microsoft und der NSA. Der Raum war überfüllt – es gab nicht genug Stühle für alle, man sass abwechselnd auf dem Bett oder Boden. Immer wieder wurden USB-Sticks hin- und hergereicht, über deren Inhalt man mir nichts sagen wollte.
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  137. Poitras und Greenwald sorgten sich um Snowden. Sie hatten seit Hongkong nichts mehr von ihm gehört. Er befand sich inzwischen im Transitbereich des Flughafens Moskau-Scheremetjewo, war der meistgesuchte Mann auf dem Planeten. Die USA verfolgten ihn wegen Spionage. (Inzwischen hat ihm bekanntlich Russland vorläufiges Asyl gewährt.)
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  139. «Jetzt, da er ohne Kontakt zur Aussenwelt ist, wissen wir nicht, ob wir von ihm jemals wieder etwas hören», sagte sie.
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  141. «Ist er in Ordnung?», fragte MacAskill.
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  143. «Laut seinem Anwalt schon», antwortete Greenwald.
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  145. «Aber sein Anwalt hat keinen direkten Kontakt zu ihm», erklärte Poitras.
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  147. Als Greenwald an diesem Tag nach Hause gekommen war, kontaktierte ihn Snowden online. Zwei Tage später, sie war bei der Arbeit in Greenwalds Haus, hörte auch Poitras von ihm.
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  149. Es wurde gerade dunkel, aus dem Dschungel ringsum kam lautes Krächzen und vermischte sich mit dem Kläffen der Hunde. Ich stand am Hoftor und beobachtete Poitras durch ein Fenster. Sie sass vor ihrem Laptop. Ich betrat den Wohnraum, in dem sie sass, sie schaute nur ganz kurz hoch, schien mich und die Kakophonie ringsum nicht richtig wahrzunehmen. Nach zehn Minuten klappte sie das Notebook zu und entschuldigte sich, sie müsse kurz etwas erledigen.
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  151. Sie zeigte mit keiner Miene oder Bemerkung, dass sie gerade mitten in einem verschlüsselten Chat mit Snowden gewesen war. Ich fragte sie erst ein paar Tage später, ob es das war, was sie an diesem Abend getan hatte, sie bestätigte es, wollte aber nicht weiter darüber sprechen. Je mehr Worte sie über ihren Austausch mit Snowden verliere, um so grösser werde die Distanz zwischen ihnen, und das wolle sie unbedingt verhindern.
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  153. «Von einem vollkommen fremden Menschen kontaktiert zu werden, der sein Leben riskiert, um der Öffentlichkeit etwas mitzuteilen, was diese unbedingt wissen muss – das ist eine unglaubliche Erfahrung», sagte Poitras. «Er setzt sein Leben aufs Spiel, und er vertraut mir. Das muss ich ganz nah an mich heranlassen, diese Verantwortung wahrnehmen. Es geht hier nicht einfach um einen journalistischen Scoop – es geht um Edward Snowdens Leben.»
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  155. Poitras und Greenwald sind ein besonders dramatisches Beispiel dafür, wie freie Enthüllungsjournalisten heute arbeiten. Sie sind nicht Teil eines Newsrooms, sie wollen immer die Kontrolle darüber behalten, welche Inhalte wann veröffentlicht werden. Als der «Guardian» nicht schnell genug reagierte, nachdem Greenwald ihm den ersten Artikel geschickt hatte, überlegte der, die Geschichte woanders zu veröffentlichen, und sandte einem Kollegen bei einer anderen Publikation eine verschlüsselte Kopie. Er dachte auch daran, alles auf einer eigenen Webseite zu publizieren, die er «NSA Disclosures» nennen wollte. Doch dann bewegte sich der «Guardian». Inzwischen haben Poitras und Greenwald ein eigenes Publikationsnetzwerk mit Abnehmern in Deutschland und Brasilien aufgebaut und planen, dieses zu erweitern.
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  157. «Wir kooperieren mit Medienhäusern», sagte mir Poitras, «aber wir glauben, unsere Hauptaufgabe ist eine andere: dafür Sorge zu tragen, dass unsere Quellen geschützt werden und ihre Informationen die Öffentlichkeit erreichen.»
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  159. Im Gegensatz zu vielen Reportern bei den grossen Nachrichtenagenturen versuchen die beiden auch nicht, eine Fassade absoluter politischer Unparteilichkeit aufrechtzuerhalten. Greenwald sagt seit vielen Jahren offen, was er denkt, auf Twitter antwortete er einem seiner Kritiker kürzlich: «Sie sind ein Vollidiot. Das wissen Sie doch?» Mit seinen linken Ansichten und seinem drastischen Stil hat er sich bei vielen im Politestablishment unbeliebt gemacht. Seine Arbeit mit Poitras geisselte man als schädlich für die nationale Sicherheit. Kurz nachdem die ersten Artikel über Snowden erschienen, sagte Senatorin Dianne Feinstein, Vorsitzende des Kongressausschusses des US-Senats, der die Geheimdienste beaufsichtigt: «Ich lese die Berichte unserer Geheimdienste mit grosser Sorgfalt. Ich weiss, dass es Menschen gibt, die uns schaden wollen … Dies ist der Grund, warum sich 10 000 FBI-Mitarbeiter mit Terrorismusbekämpfung beschäftigen … Um etwas aufzudecken, bevor es schlimme Folgen hat. Das nennt man Landesverteidigung.»
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  161. Neue Generation von Informanten
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  163. Poitras, die nicht annähernd so konfrontativ arbeitet wie Greenwald, widerspricht dem Vorwurf, sie arbeite genauso wie eine politische Interessenvertreterin. «Natürlich habe ich meine Ansichten», sagte sie mir. «Ob ich der Meinung bin, der Überwachungsstaat sei ausser Kontrolle geraten? Ja. Und das ist beängstigend, also sollten die Leute auch Angst haben. Wir leben unter einer Schattenregierung, die in den letzten Jahren immer mächtiger wurde – im Namen der nationalen Sicherheit und ohne die für eine Demokratie eigentlich selbstverständliche öffentliche Kontrolle. Ich arbeite nicht wie ein Interessenvertreter. Ich habe Fakten – und Dokumente, die diese untermauern.»
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  165. Poitras hat eine Fähigkeit, die sie von vielen Kollegen unterscheidet und die im Zeitalter umfassender Spionage durch die Regierung entscheidend ist: Sie weiss, so wie jeder Experte für IT-Sicherheit, wie man sich gegen Überwachung schützt. Oder wie Snowden es formulierte: «Nach diesen Enthüllungen sollte allen klar sein, dass unverschlüsselte Kommunikation zwischen Journalisten und ihren Quellen unverzeihlich leichtsinnig ist.»
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  167. Es gibt eine neue Generation von Informanten, so wie Snowden oder Manning, die Zugang zu Geheimnissen haben, und zwar nicht zu ein paar, sondern zu Tausenden. Diese Leute müssen nicht unbedingt in Metropolen leben und arbeiten. Snowden hielt sich auf Hawaii auf, Manning schickte von einer irakischen Militärbasis Hunderttausende von Dokumenten an Wikileaks. Und diese Informanten teilen ihre Geheimnisse nicht mit den bekanntesten oder grössten Medienhäusern oder Journalisten, sondern mit denen, die ähnlich denken und die Identität ihrer Quellen schützen können.
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  169. In unserem verschlüsselten Chat erklärte mir Snowden, warum er mit seinen Geheimnissen zu Poitras ging: «Laura und Glenn gehören zu den wenigen, die furchtlos über kontroverse Themen berichteten, selbst wenn sie sich damit persönlichen Angriffen aussetzten. Was bei Laura dazu führte, dass sie zum Ziel der Geheimdienstprogramme wurde, über die wir kürzlich berichtet haben. Sie hat bewiesen, dass sie den Mut, die Erfahrungen und die Fähigkeiten besitzt, die man braucht, um die geheimen Untaten der mächtigsten Regierung der Welt öffentlich zu machen.»
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  171. Snowdens Enthüllungen sind jetzt das Zentrum von Laura Poitras’ Dokumentarfilm zum Thema Überwachung. Eines Tages, wann auch immer das sein wird, möchte sie in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Ein Mitglied des Kongresses hat ihre und Greenwalds Arbeit aber bereits mit einer Form von Verrat verglichen, und die beiden sind sich völlig im Klaren darüber, wie konsequent die Obama-Regierung nicht nur Whistleblower verfolgt, sondern auch die Journalisten, die deren Informationen veröffentlichen.
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  173. Poitras und Greenwald unterhielten sich über die Möglichkeit ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten, als ich sie besuchte. Greenwald sagte, es wäre unklug von der Regierung, sie zu verhaften, wegen der schlechten Publicity. Und auch wenn man ihn verhafte, lasse sich doch dadurch nicht verhindern, dass geheime Informationen in die Öffentlichkeit gelangen.
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  175. Als er das sagte, kamen wir gerade mit dem Taxi aus der Stadt und waren auf dem Heimweg. Es war Abend, das Ende eines langen Tages. Greenwald fragte Poitras: «Seit das alles angefangen hat, hattest du mal einen Tag, an dem du nicht ständig über die NSA nachgedacht hast?»
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  177. «Wie könnte ich?», antwortete sie.
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  179. «Ich denke, wir beide brauchen mal so einen Tag», sagte Greenwald. «Aber ich denke, er wird nicht kommen.»
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  181. Poitras sprach davon, wieder Yoga zu machen. Greenwald wollte wieder regelmässig Tennis spielen. «Von mir aus werde ich alt über dieser Sache. Aber sicher nicht fett.»
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  183. Das Gespräch drehte sich weiter um die Frage ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten. Greenwald sagte halb im Scherz, sollte er verhaftet werden, werde wohl Wikileaks ihren Job übernehmen und NSA-Dokumente veröffentlichen.
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  185. Poitras stupste ihn: «Willst du denn zurück in die Staaten?»
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  187. Greenwald lachte und wies darauf hin, dass sich seine Regierung leider nicht immer besonders klug verhalten habe. «Hätten wir es mit einer klugen Regierung zu tun», sagte er, «würde ich zurückgehen.»
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  189. Poitras lächelte, obwohl das Thema für sie schwierig ist. Sie ist lange nicht so unbekümmert wie Greenwald, die beiden wirken ein bisschen wie ein altes Paar. Sie sorgt sich um ihre und Greenwalds Sicherheit, sie fürchtet, überwacht zu werden. «Ich möchte, dass mein Aufenthaltsort meine Privatangelegenheit bleibt. Das ist mir so wichtig wie nie zuvor.»
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  191. Sie haben jetzt Feinde. Da sind einerseits eine Menge Regierungen, andererseits aber auch private Interessenten, die nicht unglücklich wären, wenn sie die Tausende von Dokumenten in die Hände bekämen, die noch immer in der Obhut der beiden sind. Denn bisher haben Poitras und Greenwald nur eine Handvoll veröffentlicht. «Unser Ziel ist, das zu publizieren, was für die Öffentlichkeit von Interesse ist. Wir wollen aber auch selbst besser verstehen, wie die Welt heute funktioniert, und dieses Wissen möchten wir mit anderen teilen.» Das Paradoxe: Ihr Versuch, die Überwachung durch den Staat zu verstehen und zu enthüllen, hat sie dazu verurteilt, den Rest ihres Lebens überwacht zu werden.
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  193. «Unser Leben wird nie mehr dasselbe sein», sagte Laura Poitras. «Ich weiss nicht, ob ich jemals wieder irgendwo leben und das Gefühl haben werde, für mich zu sein. Das war einmal.» •
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  195. Peter Maass ist investigativer Reporter und arbeitet an einem Buch zum Thema Überwachung und Privatsphäre. © New York Times
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  197. Aus dem Amerikanischen von Rico Czerwinski
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