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Rizal: Noli Me Tangere, Kapitel 3

a guest Jun 12th, 2015 421 Never
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  3. [Der junge Ibarra besucht eine festliche Tafel, die anlässlich seiner Heimkehr aus Europa gegeben wird.]
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  7. Bruder Sibyla [der Dominikaner] schien sehr zufrieden, als er sich gemächlich durch den Raum bewegte, nicht mehr spielte der Anflug von Verachtung um seine edel geformten Lippen. Er ließ sich sogar herab, den faden Doktor De Espadaña anzusprechen, der ihm nur einsilbig antwortete, da er ein wenig stotterte. Der Franziskaner war schlimmster Laune, trat an die Stühle, und sogar einen Kadetten schlug sein Ellbogen aus dem Weg. Der Leutnant gab sich still und ernst, während die anderen sich lebhaft unterhielten, und die Großartigkeit der gedeckten Tafel priesen. Doña Victorina jedoch trug geringschätzig die Nase hoch, und plötzlich fuhr sie auf wie eine Schlange, auf die jemand getreten war - der Leutnant war ihr auf den Rand ihrer Abendrobe getrampelt.
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  11. „Haben Sie denn keine Augen?“ rief sie herrisch.
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  15. „Aber ja Señora, zwei besser als die Ihrigen, ich habe allerdings Ihre Haarlocke bewundert!“ gab der eher ungalante Militär zurück, und ließ sie wieder alleine.
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  19. Fast instinktiv, nahmen die beiden Mönche den Kopf der Tafel zum Ziel, vielleicht auch aus Gewohnheit, und dann, als wäre das so zu erwarten, begab sich das gleiche Spiel wie zwischen Bewerbern um eine Universitätsprofessur, die in der Öffentlichkeit die Qualifikation und Vorzüglichkeit des Konkurrenten hervorheben, aber erkennen lassen, daß das Gegenteil gemeint ist, und dann murren und brummen, wenn sie die Position nicht bekommen.
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  23. „Für Sie, Bruder Damaso.“
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  27. „Für Sie, Bruder Sibyla.“
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  31. „Aber Sie, als älterer Freund der Familie, der verstorbenen Lady zugetan, Alter, Würde und Autorität..“
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  35. „Eigentlich nicht ganz so alt! Andererseits, Sie sind der Kurator des Distrikts..“, entgegnete Bruder Damaso etwas säuerlich, ohne aber die Hand von der Rücklehne des Stuhles zu nehmen.
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  39. „Nachdem Sie es verlangen, befolge ich das hiermit.“ - Endete Bruder Sibyla, und ließ sich auf den Sitz herab.
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  43. „Ich befehle es doch nicht!“ protestierte der Franziskaner. „Ich befehle es doch nicht!“
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  47. Bruder Sibyla war also dabei sich zu setzen, ohne den Protest weiter zu beachten, als seine Augen zufällig die Augen des Leutnants trafen. Gemäß der klerikalen Gepflogenheit in den Philippinen ist der höchste säkulare Beamte einem Mönch der bloß kocht, untergeordnet. Lasst die Waffen vor der Toga fallen, so sagt Cicero im Senat - Lasst die Waffen vor der Ordensrobe fallen, spricht der Mönch auf den Philippinen.
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  51. Aber Bruder Sibyla war ein wohlerzogener Mensch, und sagte: „Leutnant, wir sind hier in der Welt und nicht in der Kirche. Der Vorsitz ist der Ihre.“ Nach dem Ton seiner Stimme jedoch geurteilt, gehörte der Sitz auch in der Welt immer noch ihm, und der Leutnant, entweder um sich von Unbill fernzuhalten, oder um den Platz zwischen zwei Mönchen zu vermeiden, lehnte höflich ab.
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  55. Keiner der beiden Anwärter hatte einen Gedanken an den Gastgeber verschwendet. Ibarra jedoch erspähte ihn, nachdem er diese Szene mit einem Lächeln der Genugtuung beobachtet hatte.
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  59. „Wie wär‘s, Don Santiago, wollen Sie nicht mit uns zusammen Platz nehmen?“
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  63. Aber alle Stühle waren besetzt; Lukull [dem Gott der guten Küche] war’s nicht beschieden, im Haus des Lukull zu speisen.
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  67. „Bleiben Sie ruhig sitzen, nicht aufstehen!“ sagte Käpten Tiago, und behielt seine Hand auf der Schulter des jungen Mannes. „Dieses Fest ist doch der Danksagung an die Jungfrau Maria gewidmet, dafür, daß Sie heil wiedergekehrt sind! Hoy! Serviert die Tinola! Ich habe Tinola [würzige Vorspeisensuppe mit Huhn] angeschafft, denn zweifellos haben Sie schon sehr lang keine genossen.“
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  71. Eine große, dampfende Terrine wurde herein gebracht. Der Dominikaner, nach Murmeln eines Segensgebetes, das aber kaum jemand da korrekt zu beantworten verstand, begann mit dem Servieren ihres Inhalts.
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  75. Doch ob aus Achtlosigkeit oder sonst wie, Padre Damaso empfing einen Teller, in dem ein nackter Hals und ein zäher Hühnerflügel schwammen, einsam zwischen ein paar Breiklößen in einer großen Menge Suppe, während die Anderen Beinchen und Brüste speisten, besonders Ibarra, in dessen Portion die Keulen fielen.
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  77. Der Franziskaner, als er all das mitbekam, zerquetschte ein paar Klöße, kostete einen Tropfen Suppe, ließ lautstark den Löffel fallen, und schob brüsk den Teller von sich. Der Dominikaner war derweil sehr damit beschäftigt, zur pausbäckigen Jugend zu sprechen.
  78. [Ein junger Europäer namens Laruja war mit eingeladen, er sollte Aufzeichnungen für die spanische Geschichtsforschung machen.]
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  82. „Wie lang waren Sie nun weg von Ihrem Land?“ fragte Laruja den Ibarra.
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  86. „Beinahe sieben Jahre.“
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  90. „Dann haben sie wahrscheinlich schon alles hier vergessen.“
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  94. „Aber im Gegenteil. Auch wenn mein Land mich vergessen zu haben scheint, ich habe immer an es gedacht.“
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  98. „Wie meinen Sie das, es hätte Sie vergessen?“ fragte der rotwangige Jüngling nach.
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  102. „Ich meine, daß es ein ganzes Jahr her ist, seit ich Nachricht von hier erhalten habe, sodaß ich mich als Fremdling wiederfinde, der nicht einmal weiß, wie und wann sein Vater gestorben ist.“
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  106. Der Satz bewirkte einen plötzlichen Aufschrei von Seiten des Leutnants.
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  110. „Und wo waren Sie, daß Sie nicht telegraphiert haben?“ fragte Doña Victorina. „Wir telegraphierten nämlich zur [spanischen] Halbinsel, als wir geheiratet hatten.“
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  114. „Señora, die letzten zwei Jahre war ich im Norden Europas, in Deutschland und im russischen Polen.“
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  118. Doktor De Espadaña, der sich bis jetzt an keiner Unterhaltung beteiligt hatte, hielt das für eine Gelegenheit, etwas zu sagen. „I—ich kannte in S-spanien einen PP-polen aus W-warschau, h-hieß S-stadtnitzki, w-wenn ich.. richtig e-erinnere. Haben Sie ihn vielleicht g-getroffen?” fragte er sehr schüchtern und fast errötend.
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  122. „Das ist sehr wahrscheinlich,“ antwortete Ibarra mit freundlicher Miene, „aber er fällt mir gerade nicht ein.“
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  126. „Aber Sie k-könnten ihn mit niemandem verwechseln,“ setzte der Doktor mutig fort. „E-er hatte ein rotes Gesicht und sprach sehr schlechtes Spanisch.“
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  130. „Gute Hinweise, Pech aber, daß ich dort Spanisch nur in wenigen Konsulaten sprach.“
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  134. „Wie sind Sie dann zurecht gekommen?“ fragte Doña Victorina erstaunt.
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  138. „Die Landessprache genügte mir, Madame.“
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  142. „Sprechen Sie denn auch Englisch?“ wollte der Dominikaner wissen, der in Hongkong gewesen war, und ein Meister des Pidgin-English war - diese Mißhandlung der Sprache Shakespeares, die von den Söhnen des Himmlischen Reiches verwendet wird.
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  146. „Ich lebte in England für ein ganzes Jahr, unter Leuten, die nichts als Englisch sprachen.“
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  150. „Welches Land Europas gefiel Ihnen am besten?“ fragte der Jüngling.
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  154. „Nach Spanien, meinem zweiten Vaterland, jedes Land des freien Europa.“
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  158. „Und Sie, der offenbar so weitgereist ist, sagen Sie uns doch, was ist die bemerkenswerteste Sache, die Ihnen da je begegnet ist?“
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  162. Ibarra schien zu überlegen. „Wie jetzt - bemerkenswert?“
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  166. „Na zum Beispiel, in Bezug auf das Leben der Leute - das soziale, politische, religiöse Leben - und allgemein, die grundsätzlichen Dinge - alles eben.“
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  170. Ibarra machte eine gedankenvolle Pause, vor seiner Antwort. „Offen gesagt, ich schätze alles an diesen Leuten, wenn man mal den jeweiligen Nationalstolz beiseite läßt. Aber bevor ich ein Land besuchte, machte ich mich mit seiner Geschichte und Entstehung oder Befreiung - sozusagen - vertraut, und dann schien mir eigentlich alles ganz normal. Ich habe allerdings beobachtet, daß der Reichtum oder das Elend jedes Volkes in direktem Zusammenhang stehen mit seinen Freiheiten oder Vorurteilen, und dazu passend, mit den Opfern oder der Selbstsucht seiner Vorfahren.“
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  174. „Und mehr als das hast du nicht gelernt?“ mischte sich der Franziskaner spöttisch ein. Seit Beginn der Tafel hatte er kein einziges Wort mehr gesprochen, seine ganze Aufmerksamkeit klar den Speisen gewidmet. „Es war doch nicht wert, dein Vermögen auf Reisen zu vergeuden, um etwas so triviales zu lernen. Jeder Schulbub weiß das.“
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  178. Ibarra war in eine peinliche Lage gekommen, und die anderen schauten einander an, als ob sie nun eine etwas unerwünschte Szene erwarteten. Es juckte ihn zwar, etwas zu sagen, wie „Die Tafel ist fast am Ende, und Euer Ehrwürden sind hiermit offensichtlich gesättigt“, er beherrschte sich aber, und erklärte in Richtung der anderen, „Meine Herren, Sie müssen nicht überrascht sein über die Vertrautheit, mit der unser vormaliger Kurator mich behandelt. Er war schon so, als ich ein Kind war, und die Jahre konnten ihm nichts anhaben. Ich schätze es auch, denn es erinnert an die Tage, als Ehrwürden unser Haus besuchte und die Tafel meines Vaters beehrte.“
  179. [Die Bedeutung der ambivalenten Beziehung des Kurators Damaso mit dieser Familie erschliesst sich in späteren Kapiteln. Aber schon der Vorwurf, dass er sich dort den Bauch vollschlug, während er die Gastgeber von oben herab "belehrte", war eine Kriegserklärung.]
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  183. Verstohlen guckte der Dominikaner zum Franziskaner, der sichtbar zitterte. Ibarra setzte fort, als er sich vom Tisch erhob: „Sie werden mir gestatten, mich jetzt zurückzuziehen, denn während ich gerade eingetroffen bin und morgen sehr früh 'raus muß, sind da noch einige wichtige Angelegenheiten, um die ich mich zu kümmern habe. Der Hauptteil des Essens ist vorüber, und ich trinke sehr wenig Wein und rühre selten den Verdauungsschnaps an. Meine Herren, alles für Spanien und die Philippinen!“ Während der Rede trank er sein Glas leer, das er vorher nicht angerührt hatte. Der alte Leutnant folgte diesem Beispiel.
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  187. „Gehen Sie nicht!“ flüsterte Käpten Tiago. „Maria Klara wird hier sein. Isabel ist schon gegangen, um sie zu holen. Der neue Kurator in unserer Stadt, ein wunderbarer Mensch, wird auch kommen.“
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  191. „Ich melde mich morgen, bevor ich aufbreche. Jetzt habe ich einen wichtigen Besuch zu machen.“ Damit verließ er die Gesellschaft.
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  195. Inzwischen hatte der Franziskaner seine Fassung wieder. „Siehst du?“ sagte er zum Jüngling, gleichzeitig schwang er sein Dessertlöffelchen. „Das kommt vom Stolz. Die können es nicht aushalten, wenn sie der Kurator zurechtweist. Die glauben sogar, daß ihnen Respekt gebührt. Das ist das böse Ergebnis, wenn man junge Männer nach Europa gehen läßt. Die Regierung sollte das ja verbieten.“
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  199. „Na und was halten Sie vom Leutnant?“ erklang Doña Victorinas Stimme, mit süßem Ton an den Franziskaner gerichtet. „Er hörte ganzen Abend nicht auf, finster dreinzusehen. Gut, daß er gegangen ist, dieser alte, schweigende Leutnant.“ Die Lady konnte die Anspielung auf ihr dauergewelltes Haar und den zertretenen Rüschensaum ihres langen Kleides gar nicht vergessen.
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  203. Und in dieser Nacht schrieb der junge, rotgesichtige Mann in seinem kolonialbehördlichen Forschungsbuch neben einigem anderen folgendes nieder:
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  205. „Über die Art und Weise, wie der Hals und der Flügel eines Huhnes im Suppenteller eines Mönches den frohen Verlauf eines Mahles stören können.“
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  207. Unter den Anmerkungen zu diesem Titel erschienen folgende Beobachtungen:
  208. „Auf den Philippinen ist der überflüssigste Mensch bei einem Dinner derjenige, der es gibt, denn sie bewerkstelligen es gleich zu Beginn, diesen auf die Straße zu werfen, und dann geht alles weitere glatt. Unter den derzeitigen Zuständen wäre es vielleicht besser, den Filipinos nicht zu gestatten, ihr Land zu verlassen, und sie auch nicht das Lesen zu lehren.“
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  214. This chapter has been translated independently by the author of this website, from the following original source: Filipiniana.net
  215. It should serve as a teaser only, under "fair use" policy.
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  217. Deutsche Ausgabe bei Amazon
  218. Noli me tangere. Insel, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-458-14585-0.
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