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Brief an Frau Reiche

a guest
Aug 23rd, 2012
573
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  1. Sehr geehrte Frau Reiche,
  2.  
  3. ich habe Ihr Interview in der Bildzeitung gelesen. Wenn ich sie richtig verstehe vertreten Sie folgende Kernthesen:
  4.  
  5. 1. Wir haben demografische Probleme. Unsere Zukunft liegt deshalb in der Familie und nicht in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.
  6.  
  7. 2. Wir dürfen den Lebensentwurf der Ehe nicht grundsätzlich in Frage stellen.
  8.  
  9. 3. Die Gesellschaft wird nicht von kleinen Gruppen zusammengehalten, sondern von der stabilen Mitte.
  10.  
  11. 4. Die Familie ist der Haltepunkt, der Gegenpol zur Globalisierung in einer rasanten Arbeitswelt.
  12.  
  13. 5. Familie ist der Ort der Werte, Überzeugungen und Normen, die unsere Gesellschaft zusammenhält.
  14.  
  15. Grundsätzlich, das ist aber vielleicht der kurzen Form des Interviews geschuldet, bleiben Sie Erklärungen für die vermuteten kausalen Zusammenhänge schuldig. Dennoch möchte ich auf Ihre Thesen eingehen.
  16.  
  17. 1. Die demografischen Probleme beziehen sich wohl darauf, dass “wir immer älter werden” und “keinen Nachwuchs” bekommen, sprich dass immer weniger Menschen für immer mehr Menschen die Rente zahlen. Wenn dem so ist, gibt es prinzipiell zwei Lösungen. Erstens mehr Kinder und zweitens bessere Umlagefinanzierte Rente, anderes Steuersystem oder anderer Gesellschaftsvertrag. Unsere Gesellschaft steht vor dem Problem, dass durch fortschreitende Technisierung und Produktivität die nachfolgenden zur Wertschöpfung weniger arbeiten müssen und wir deshalb kontinuierlich an Arbeitsplätzen verlieren. Es sind nicht hauptsächlich die mangelnden Kinder, die den gesellschaftsvertrag nicht mehr erfüllen können, sondern die mangelnden Sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze. Man müsste das ganze Konzept angehen. Und nicht auf Horden von Geringverdienern hoffen.
  18. Zudem krankt ihr Argument daran, dass wir dem demografischen Wandel auch mit Einwanderung begegnen könnten. Unabhängig, ob sie das gut finden oder nicht. Aber andere Industrienationen, wie die USA, Kanada und Australien regeln das hauptsächlich über die Einwanderung.
  19.  
  20. 2. Grundsätzlich kann man alles in Frage stellen. Der Lebensentwurf der Ehe ist im Grunde genommen eher ein überholtes Konstrukt, was dem neuen Entwurf der romantischen Liebe weicht. Das auszuführen würde ein wenig lange dauern. Ich empfehle aber das Buch “Liebe, ein unordentliches Gefühl” von dem Philosophen Richard David Precht.
  21.  
  22. 3. Die Gesellschaft ist per Definition eine solche. Was verstehen sie darunter? Unsere Nation? Europa? Schichten? Die Menschheit? “Gesellschaft” ist nur ein Wort, um je nach Größe die Gesamtheit eines Systems auszudrücken. Der wirkliche Zusammenhalt unter Menschen, von dem sie schwärmen, besteht in kleinen Gruppen. Die besteht meistens aus Familie und engsten Freunden. Das sagt aber nichts über Hetero- oder Homosexualität aus und ist zudem auch noch fließend. Angesichts der vielen Scheidungen, Ehekrisen und Kindern, die sich von ihren Eltern lösen, ist hier nichts festgeschrieben, sondern immer ausgesucht und flexibel.
  23. Nebenbei ist die Gegenüberstellung “kleine Gruppen” und “Mitte der Gesellschaft” nach den Gesetzen der Logik nicht sehr förderlich für eine Diskussion.
  24.  
  25. 4. Dass die Familie der Gegenpunkt sein kann, ist durchaus möglich. Allerdings muss die Famiie dazu nicht aus heterosexuellen Paaren mit drei Kindern bestehen, sondern kann sowohl horizontal zum Partner oder Geschwistern als auch vertikal zu Kindern oder Eltern austauschbar sein und sich über die Jahre auch wandeln.
  26.  
  27. 5. Familie ist der Ort der Werte und der Normen. Ort der Werte ist unser soziales Umfeld, das natürlich die Familie, aber auch Freunde, Schule, Arbeitsplatz und Medien ist. Das sagt aber wieder nichts darüber aus, ob diese Familie aus einem heterosexuellen Paar bestehen muss oder nicht.
  28.  
  29. Alles in allem ist festzustellen, dass sie einem logischen Fehler unterliegen. Sie nehmen das Wort Familie, subsumieren ihre traditionelle Definition darunter und belegen das dann mit den Vorteilen, die eine Familie mit sich bringt. Sie müssten aber nachweisen, dass eine Familie heterosexuell sein muss, um diese Vorteile zu erbringen, was natürlich nicht geht, weil das eine abstruse Vorstellung ist. Niemand könnte belastbare Zahlen vorlegen, die einer Familie mit homosexuellen Eltern weniger oder mehr Nutzen bescheinigen könnte.
  30.  
  31. Sollte ihre Ansicht sein, dass homosexuelle Paare aber keine Kinder bekommen können, ist das auch nicht zielführend, da diese bei einem Bevölkerungsanteil von ca. 2% nahezu keine Auswirkungen auf unsere Demografie haben. Von den lesbischen Paaren, die sich künstlich befruchten lassen und Homosexuellen, die adoptieren will ich gar nicht erst reden. Würde man Ihre Vorstellungen von Demografie vertreten, müsste man sich den Heterosexuellen zuwenden, die aufgrund sozialer Gegebenheiten weniger Kinder bekommen.
  32.  
  33. Außerdem wird es vermutlich immer den gleichen Anteil an Homosexuellen geben und das ist seit Jahrhunderten beweisbar so. Diesem Teil ihr moralisches Recht abzusprechen, ändert auch an der Zahl nichts, sondern schafft nur Ungleichheit.
  34.  
  35. Im Endeffekt sollte Ihnen klar sein, dass Sie die traditionelle Ehe nicht fördern, wenn sie homosexuelle Paare von diesem Konzept ausschließen. Niemand fühlt sich in seiner Ehe bestärkt, wenn sie über den Tränen derjeniger geschlossen wurde, denen dieses Recht verwehrt bleibt.
  36.  
  37. Mit freundlichen Grüßen
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