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Bergstraße-Mord-Nibelungen

adamdrda Nov 19th, 2019 (edited) 50 Never
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  1. <p><span style="font-weight: 400;">&bdquo;Wissen Sie, wie schwierig es manchmal ist, die Kinder bei Laune zu halten? Man will nicht, dass sie den ganzen Tag nur vor einem Bildschirm h&auml;ngen, aber oft haben sie gar keine Lust raus zu gehen. Ich habe zwei Jungs und als ich mitkriegte, dass es im Odenwald ein Event geben w&uuml;rde, das sie interessiert, war nat&uuml;rlich sofort mein Interesse geweckt. Vor sechs Monaten hatte ich irgendwo gelesen, dass es ein paar Tage sp&auml;ter so ein Schauspiel geben w&uuml;rde, ein Re-enactment oder wie man das nennt. Es sollte sich um die Legende von Siegfrieds Ermordung drehen. Es hei&szlig;t ja, dass der Odenwald ein wichtiger Schauplatz der Nibelungensage ist. Kennen Sie, die Nibelungen, oder? Siegfried der gro&szlig;e Held, seine sch&ouml;ne Kriemhild, Ritterturniere, Drachen und all das? In der Sage wird Siegfried feige ermordet: als er sich nach der anstrengenden Jagd im Wald an eine Quelle herunterbeugt, st&ouml;&szlig;t ihm sein Feind Hagen von Tronje von hinten einen Speer in den R&uuml;cken. Ich hatte es so verstanden, dass diese Szene an der Siegfriedsquelle im Odenwald nachgestellt werden sollte. Als ich das meinen beiden Jungs erz&auml;hlte, waren Sie Feuer und Flamme. Ritter, Helden und K&auml;mpfe, mehr brauchten sie gar nicht zu wissen.&nbsp;</span></p>
  2. <p><span style="font-weight: 400;">Also fuhren wir mit der Bahn bis Bensheim und stiegen dort am Bahnhof aus. Ich hatte mir als Ort die &bdquo;Siegfriedsquelle&ldquo; &ndash; oder war es &bdquo;Siegfriedsbrunnen&ldquo;? &ndash; gemerkt. Das war dann der Moment, als ich realisierte, dass es gar nicht die </span><em><span style="font-weight: 400;">eine</span></em><span style="font-weight: 400;"> Siegfriedsquelle gibt im Odenwald. Es gibt mehrere Orte, die f&uuml;r sich beanspruchen, der Schauplatz von Siegfrieds Ermordung zu sein. Der bekannteste ist Grasellenbach, aber das war mir zu weit weg. F&uuml;nfeinhalb Stunden zu Fu&szlig; &ndash; das w&uuml;rden die Kinder nicht mitmachen. Also beschloss ich, mit den beiden erst zum Felsenmeer zu gehen. Wenn wir dort kein Gl&uuml;ck h&auml;tten, k&ouml;nnten wir immer noch nach Lindenfels gehen, wo es auch einen Siegfriedbrunnen gab. Irgendwo musste ja dieses Re-Enactment sein, oder? Dachte ich zumindest. Wir liefen also zu dritt los.&nbsp;</span></p>
  3. <p><span style="font-weight: 400;">Unterwegs fragten mich die Kinder, warum der Ort eigentlich Felsenmeer hei&szlig;t. Ich bem&uuml;hte mich, es zu erkl&auml;ren. &bdquo;Stellt euch einen Abhang mitten im Wald vor. Voller riesiger grauer Steinbrocken. Alle liegen kreuz und quer aufeinander. Zusammen sind sie eine un&uuml;berschaubare Masse von Steinen, wie ein Meer.&ldquo; Ich senkte die Stimme und sagte &bdquo;Aber kein Mensch wei&szlig; genau, wie sie dahin gekommen sind. Mitten in den Wald. Es gibt da nat&uuml;rlich eine Sage&hellip;&ldquo; Ich konnte sehen, dass ich ihr Interesse geweckt hatte. Sie fragten, was die Sage erz&auml;hlte. &bdquo;Das Felsenmeer liegt im Lautertal, zwischen zwei Bergen. Man erz&auml;hlt sich, dass vor langer, langer Zeit, als es noch Riesen gab, zwei von ihnen hier im Wald lebten. Einer auf dem Felsberg, der andere auf dem Steinbei&szlig;er und zwischen ihnen lag das Lautertal. Beide hatten einen Palast aus Steinen auf der Spitze ihres Berges gebaut und als sie in Streit gerieten, fingen sie an, mit Felsbrocken nach der Behausung des anderen zu werfen. Sie warfen Brocken um Brocken und nach und nach brachten sie die S&auml;ulen der Steinpal&auml;ste zum Einsturz. Eine riesige Lawine von Steinen setzte sich in Bewegung und begrub die beiden unter sich. Hier liegen sie bis zum heutigen Tag. Und weil Riesen tausende Jahre alt werden, sind sie noch nicht tot, sondern schlafen nur und warten, bis jemand sie befreien kommt&ldquo;.</span></p>
  4. <p><span style="font-weight: 400;">&nbsp;Ich konnte sehen, dass die Geschichte ihre Wirkung nicht verfehlte: beide Jungs hatten mit atemloser Spannung gelauscht und waren dabei ganz still geworden. Wir gingen schweigend weiter. Ich hatte nicht bedacht, dass zu dieser Jahreszeit die D&auml;mmerung schon am sp&auml;ten Nachmittag einsetzte. Je k&uuml;hler und dunkler es wurde, desto mehr Nebel begann aufzuziehen und wir schalteten die Taschenlampen ein, die wir zum Gl&uuml;ck mitgebracht hatten. Wir hatten schon l&auml;nger keinen anderen Spazierg&auml;nger mehr getroffen und ich war wirklich froh, als vor uns ein Hinweisschild auftauchte, auf dem stand, dass das Felsenmeer nur noch 100 Meter entfernt war. Wir liefen ein St&uuml;ck weiter und pl&ouml;tzlich h&ouml;rte ich neben mir einen Schrei. Mein j&uuml;ngerer Sohn stand wie angewurzelt da und zeigte mit seinem Finger nach vorne. Dort stand eine massige Figur, die durch den Nebel nicht gut zu erkennen war, nur zwei gl&uuml;hende Augen waren zu erkennen. Ich muss zugeben, dass mir langsam selbst ein bisschen mulmig zumute war. Aber ich wollte den Kindern meine Angst nicht zeigen. Ein paar Sekunden sp&auml;ter verstand ich, dass es sich um eine gro&szlig;e Holzfigur handelte, der jemand fluoreszierende Augen gemalt hatte. Im Schein unserer Lampen leuchteten sie auf. Ich lachte und erkl&auml;rte den Jungs, dass unsere Fantasie mit uns durchgegangen war, als pl&ouml;tzlich hinter uns ein Schrei erklang. Er schien aus dem Felsenmeer zu kommen, aus dem jetzt dichte Nebelschwaden aufsteigen. Und jetzt bekam ich langsam selbst Angst. Wir waren ganz allein, es war keine Menschenseele zu sehen. Woher kam dieser Schrei? Und vor allem: von wem? Wie ein Tier hatte es nicht geklungen. &bdquo;Mama, was war das?&ldquo; fragte mein Kleiner. Ich h&ouml;rte seiner Stimme an, dass er gleich in Tr&auml;nen ausbrechen w&uuml;rde. Mein &auml;lterer Sohn versuchte, tapfer zu sein und sagte, dass wir vielleicht mal nachschauen sollten, ob jemand unsere Hilfe brauchte. Bevor ich etwas erwidern konnte, h&ouml;rten wir einen weiteren, leiseren Schrei und nahmen eine Bewegung war Ich kann heute nicht mehr genau sagen, in welcher Entfernung, vielleicht 10 Meter, vielleicht 20, der Nebel machte es so schwer, sich zu orientieren. Wir alle drei starrten wie gebannt in die Richtung, in der wir die Bewegung wahrgenommen hatten. Ich k&ouml;nnte schw&ouml;ren, dass ich zwei schemenhafte Gestalten sah, von der eine mit einem dumpfen Ger&auml;usch zu Boden fiel, w&auml;hrend die andere sich schnell entfernte. Aber sp&auml;testens jetzt waren wir uns alle einig, dass wir so schnell wie m&ouml;glich weg wollten. Wir drehten uns um und liefen zur&uuml;ck in die Richtung, aus der wir gekommen waren.&nbsp;</span></p>
  5. <p><span style="font-weight: 400;">Ich hielt beide Kinder den gesamten Weg an den H&auml;nden und lie&szlig; sie nicht los, bis wir wieder am Bahnhof waren. Wieder zuhause angekommen erz&auml;hlten die Jungs ihrem Vater ganz aufgeregt, was passiert war. Er fragte, wo ich denn &uuml;berhaupt die Idee f&uuml;r dieses Re-enactment aufgeschnappt hatte. Ich konnte mich nicht mehr erinnern und begann, zu suchen. In der Lokalzeitung stand nichts, online auch nicht. Ich telefonierte mit Redaktionen von Radiostationen und mit dem lokalen Tourismusb&uuml;ro. Niemand hatte jemals von einem solchen Programmpunkt geh&ouml;rt. Meine beiden Jungs reden noch heute ganz aufgeregt &uuml;ber ihr gruseliges Abenteuer am Felsenmeer.</span></p>
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