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a guest May 7th, 2012 620 Never
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  1. FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch Ein Stück in vier Akten
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  3. 07.05.2012 ·  Kann man im Wahlkampf das Wiener Kaffeehaus mit dem Web 2.0 und Aktionstheater kombinieren? Es kommt auf die Inszenierung an. Bei Jauch war es zu erleben.
  4. Von Frank Lübberding
  5. Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (7)
  6. Diskussionsrunde bei Günther Jauch © DPA
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  8. Zwei Berufspolitiker und ein „Gesellschaftskünstler“: Christian Lindner(l.), Norbert Röttgen (M.) und der Politische Geschäftsführer der Piratenpartei, Johannes Ponader.
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  10. Am Sonntag war nichts passiert. Oder doch? Im „Tatort“ starb der Kommissar. Anschließend gab es einen Blick auf die kommende Talkshow des Abends. Wir sehen einen Mann mittleren Alters, der sich in Sandalen ohne Socken auf einen Sessel lümmelt, das Smartphone in der Hand. Er will via Twitter mit seinen Followern über die Sendung kommunizieren, während er in der Sendung selbst zu Gast ist. Er heißt Johannes Ponader und ist neuerdings politischer Geschäftsführer der Piraten. „Ist der noch ganz bei Trost?“ Diese Frage stellte man sich unwillkürlich. Aber dann kam die Tagesschau und berichtete von den Ereignissen des Tages. Vom Tod des Kommissars war nicht die Rede.
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  12. Zurück zu Günter Jauch. Wir sehen wieder Ponader. Das Thema der Sendung? „Wahlschlacht, die Erste – Piraten entern, Liberale im Aufwind?“ Es gab bekanntlich Wahlen in Schleswig-Holstein. Das neue Gesicht der Piraten wird jetzt in einem Einspieler vorgestellt. Er stammt aus München. Abiturdurchschnitt Eins-Null. Studium mit einem Stipendium für Hochbegabte. Den Handstand kann er auch. Er nennt sich „Gesellschaftskünstler“. Hier seien Beruf und Privatleben nicht zu trennen. Schon einmal gehört? Aus Wien? Von einem Postkartenmaler? Manche Menschen spüren halt die Berufung, für was auch immer. Bei den twitternden Basisdemokraten sind leitende Funktionen in der Partei ehrenamtlich. Wovon Ponader dann lebe, so die Frage von Jauch. Ponader ist eine Persönlichkeit aus der Berliner Gegenwartskultur. Schauspieler und Regisseur. Dramaturg? Er beziehe als Freiberufler Einnahmen und bekäme außerdem „Sozialleitungen“. Neue Frage, die die Alte ist: Ob Ponader davon leben könne? Er bekäme „Sozialleistungen“. Jauch fragt wieder nach, nennt das böse Wort: „Also Hartz IV?“
  13. Weitere Artikel
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  15.     * Piratenpartei: Angebot zum Anderssein  
  16.     * Die Piraten: Eine Partei wie die anderen auch
  17.     * Parteitag der Piraten: Struktur statt Spielerei
  18.     * Bernd Schlömer: Ein Anführer
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  20. Immerhin besser als die Unterkunft in einem Wiener Männerasyl als frühere Residenz mittlerweile verstorbener „Gesellschaftskünstler“, die später auf ihrem Lebensweg beschlossen, Politiker zu werden. „Sozialleistungen“, antwortet Ponader erneut, um schließlich sozialpolitisch korrekt vom ALG 2 zu reden. Das böse Wort kam ihm nicht über die Lippen.
  21. Weil Politik auf Wirklichkeit trifft?
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  23. Wir haben einen hochbegabten Menschen, der weder ein Paar Halbschuhe noch die passenden Socken hat? Dem man wirklich erklären muss, wie man sich auf einen Sessel setzt? Und dafür mit rhetorischem Geschick die Klippe umschifft, warum eigentlich ein solcher Mann ergänzendes ALG 2 braucht. Diese Fragen stellte niemand der anderen Gäste, etablierte Politiker mit den bekannten Einkommen aus Politik als Beruf.
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  25. Soviel Rücksichtnahme lässt auf Irritation schließen. Weil Politik auf Wirklichkeit trifft? Einen Mann in einer leitenden Position ohne eigenes Einkommen und auf Grundsicherungsniveau traf man bisher selten. Ponader hat für sich das bedingungslose Grundeinkommen schon verwirklicht. Dem Arbeitsmarkt wird er nämlich kaum zur Verfügung stehen. Insoweit ist ein auskömmliches Erwerbseinkommen nicht in Sicht. Oder doch? Ponader verwies auf den Trend zur „Professionalisierung“ der Piratenpartei. Es seien durch den Einzug in Landtage und bald in den Bundestag viele Funktionen für Berufspolitiker zu erwarten. Gut zu wissen.
  26. Sie diskutieren, ohne groß gestört zu werden
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  28. Aber es wurde auch inhaltlich diskutiert. Renate Künast, seit Ewigkeiten für die Grünen gut bezahlt in diversen Funktionen tätig, wies auf das entsprechende Bedürfnis hin. Sie wolle hier nicht nur die ganze Zeit über Piraten diskutieren. Christian Lindner, FDP-Hoffnung für NRW am kommenden Sonntag, beendete gar den „Welpenschutz“ für Piraten. Er erläuterte die fehlende Gegenfinanzierung der diversen Piratenvorschläge. Norbert Röttgen (CDU), ebenfalls in NRW aktiv, kämpfte wacker mit dem großen Thema Schuldenpolitik. Er stand allerdings auf verlorenem Posten. Jauch hatte ihn nach seiner Zukunft in NRW gefragt. Röttgen kann diese Frage schlecht beantworten, wie jeder weiß. Die NRW-CDU neigt nicht zu großer Toleranz mit einem Wahlverlierer, den die Funktionäre in Partei und Landtagsfraktion nicht als Landesvorsitzenden gewollt hatten. Er war von den einfachen Mitgliedern gewählt worden, völlig basisdemokratisch und ohne Twitter. Darauf hinzuweisen, unterließ er allerdings. Kein Wunder: Basisdemokratie und „professionelle“ Strukturen können sich schon einmal ins Gehege kommen.
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  30. Jauch kannte dafür Röttgens Zukunft nach der NRW-Wahl: „Er bleibt in Berlin, sagt es aber nicht.“ Röttgen empfand das als „unfair“. Transparenz ist tatsächlich in Wahlkämpfen unfair. Sie stört die strategischen Überlegungen der Berufspolitiker. Ponader saß mittlerweile wie ein bayerischer Musterschüler auf seinem Sessel und hörte sich die anderen Gäste an. Dort ging es um Schuldenpolitik - und um Schlecker. Wir erinnern uns: Das ist jener insolvente Drogerie-Fachmarkt mit den arbeitslos gewordenen „Schlecker-Frauen.“ Christian Lindner, laut Selbstauskunft lediglich „der Botschafter liberaler Themen“, also der Stellvertreter Ponaders in der FDP, hatte bei dem Thema tatsächlich alle Argumente auf seiner Seite. Neben Künast bemühten sich Gregor Gysi von der Linkspartei und der Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) um eine Widerlegung der liberalen Position. Sie verwiesen auf die „Finanztransaktionssteuer“ (Frau Künast) oder auf die plötzlich entdeckte Zuneigung der Liberalen zur „Bundesagentur für Arbeit“ (Wowereit). Sie diskutierten, ohne von Jauch groß gestört zu werden.
  31. Anti-Politiker ohne Socken
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  33. Jauch fasste die Debatte schließlich zusammen: „Sie ahnen gar nicht, wie sehr sie dem Mann hier helfen.“ Er meinte den neben ihm brav sitzenden Ponader. Der kam mit Erkenntnissen aus dem Repertoire für Sonntagsreden zu Wort: „Da hieß es Inhalte – und sie fallen übereinander her.“ Den Piraten dagegen ginge es um einen „konstruktiven Dialog um die richtige Lösung.“ Gelacht hat niemand. Warum eigentlich nicht? Kein Berufspolitiker will in Wahlkämpfen nach konstruktiven Lösungen suchen. Sie wollen ihre Sicht der Dinge durchsetzen – und werden alles ausblenden, was nicht in diese Perspektive hineinpasst. Das machen sie nicht aus böser Absicht. Sie wissen genau, dass die meisten Wähler Selbstkritik zwar theoretisch für richtig halten, aber an der Wahlurne nicht belohnen.
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  35. Die Piraten vermitteln den Eindruck, das könnte anders sein. Sie entlarven Wahlkämpfe mit ihren Sonntagsreden als Inszenierung. Der hoch talentierte Ponader weiß das natürlich. Er inszeniert sich als Anti-Politiker in Sandalen und ohne Socken. Er begreift die Politik nicht als politischen Diskurs, sondern als Theater, das genügend Wähler nicht mehr sehen wollen. Die Piraten bedienen ein Segment auf dem Wählermarkt.
  36. Eine Inszenierung
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  38. Wie in jedem guten Stück gab es schließlich das dramatische Ende. Das Bild wurde schwarz, man hörte lautes Rufen, plötzlich ist der Platz von Jauch leer. Man hört nur seine Worte: „Hier wird niemand wie in der Ukraine einfach heraus gehauen. Holen sie den Mann zurück!“ Er geht zurück zu seinem Platz und fragt: „Worum geht es eigentlich?“ „Um den Neubau der Ernst-Busch Schauspielschule“, so die Antwort von Wowereit. Das wird kaum ein Zuschauer mitbekommen haben. Plötzlich steht ein junger Mann vor Jauch. Dieser hält ihm mit leisen Tönen eine Standpauke. Man dürfe ihn nicht mit Gewalt aus der Sendung werfen. Darauf habe er einen Anspruch. Aber er dürfe auch nicht mit Gewalt versuchen, sein Thema durchzudrücken. Jauch sagte, was zu sagen war. Man kann es nicht besser formulieren.
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  40. Mittlerweile diskutierten die Berliner Politiker ein Thema, das außerhalb Berlins niemand verstanden haben dürfte. Es wird sicherlich kaum jemand so schnell begriffen haben, was dort eigentlich passiert war. Wurde hier jemand wegen seiner Zwischenrufe rausgeworfen? Dieser Eindruck musste entstehen. Das Gegenteil war der Fall. Der unbekannte junge Mann war laut rufend Richtung Bühne gelaufen – und von den Sicherheitsbeamten Wowereits gestoppt worden. Das ist ein zu erwartendes Verhalten. Das musste jeder wissen, der einen solchen Zwischenfall plant. Es war eine Inszenierung. In der Online Ausgabe des Berliner Tagesspiegel war wenige Minuten nach dem Zwischenfall der Hintergrund zu lesen. Bemerkenswert.
  41. Was war noch passiert?
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  43. Wir erlebten am Sonntagabend ein Stück in vier Akten. Ponader inszenierte sich als Anti-Politiker in der Maskerade des „Gesellschaftskünstlers“. Die Berufspolitiker spielten ihr altes Stück namens Wahlkampf. Der Berliner Schauspielschüler machte Aktionstheater im Namen von wem auch immer. Und Günter Jauch? Er präsentierte eine interessante Talkshow. Was war noch passiert? Wahlen in Frankreich und Griechenland. Nur Gysi machte den schüchternen Versuch, darauf hinzuweisen. Sie können nicht so wichtig gewesen sein. Die Bundeskanzlerin wird es mit Interesse zur Kenntnis nehmen.
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