- Ich bin 1945 in Schwaben zur Welt gekommen. Meine Mutter war mit mir schwanger,als die Familie aus Ostpreußen vor den anrückenden russischen Truppen fliehenmusste. Ich bin also im Mutterleib geflohen, ein pränataler Heimatvertriebener,geboren und aufgewachsen in einer schwäbischen Kleinstadt. Dort lernte ich zweiWelten kennen: «Wir», die Heimatvertriebenen, und die «Einheimischen». Als Kind
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- wurde es mir selbstverständlich, dass «Heimat» offenbar etwas ist, das die einenbesitzen und die anderen verloren haben, dass sie für die einen Gegenwart und fürdie anderen Vergangenheit ist. Aber schon als Kind merkte man, dass alles seineZeit hat, auch Heimat, ihr Verlust und die Erinnerung daran. Die «verlorene» Heimatfand schließlich ihren Platz nur noch in behaglichen Erinnerungen am Familientisch,
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- im Fotoalbum und in den Einträgen im Reisepass. Man war eingelebt in einen Raum,den man erst später dann wieder als Heimat würde entdecken und bezeichnenkönnen.Das ist die zarte Realität von Heimat – die doch auch politischen Sprengstoff bergenkann. Aber in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik haben Konsum und
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- Vollbeschäftigung den politischen Sprengstoff entschärft, der sich aus derAnhänglichkeit an verlorene Heimat ergeben kann. Der sogenannte«Revanchismus» war nie eine wirkliche politische Gefahr in Deutschland. Und dochblieb «Heimat» in Deutschland ein kritisches Thema, das häufig Alarmsirenenauslöst, als müssten Leute, die gerade eine Entzugstherapie hinter sich gebracht
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- haben, von ihrer Droge sorgfältig ferngehalten werden, damit es nicht zu einemRückfall kommt. Es ist nicht verwunderlich, dass in einem Volk wie dem deutschen,das mit dem Schlachtruf «Volk ohne Raum» im großen Stil anderen Völkern dieHeimat zerstört oder sie daraus vertrieben hat und dann selbst Vertreibungen undZerstörungen erleiden musste, dass in diesem Volk also das Reden über «Heimat»
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- für eine gewisse Zeit seine Unschuld verloren hat. Aber hoffentlich nur für einegewisse Zeit, denn inzwischen brauchen wir wieder eine Positivbewertung vonHeimat – schon aus anthropologischen Gründen.Es gilt nämlich der Grundsatz: je mehr emotional gesättigte Ortsbindung, destogrößer die Fähigkeit und Bereitschaft zur Weltoffenheit. Wir können global
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- kommunizieren und reisen, wir können aber nicht im Globalen wohnen. Wohnenkönnen wir nur hier oder dort, aber nicht überall. «Heimat» ist der Ausdruck fürgefühlsstarke Anhänglichkeit an einen Ort. Er bezeichnet in der Regel jenenLebensraum, an den man sich besonders gewöhnt hat, weil man dort die Kindheiterlebte und der deshalb mehr als alle späteren Räume zur eigenen
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- Lebensgeschichte und Identität gehört. «Heimat», so definiert das GrimmscheWörterbuch, «ist das Land oder auch nur der Landstrich, in dem man geboren istoder bleibenden Aufenthalt hat.»
- Abitur 2006 – Deutsch
- Haupttermin
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- Aber Heimat ist noch mehr: Sie ist auch der verklärte Ort der Kindheit. Es gibt kaum jemanden, der nicht die Neigung verspürt, die Räume seiner Kindheit zu verklären.
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- Warum diese Verklärung? Wahrscheinlich deshalb, weil das kindliche Erleben dieRäume ganz anders beseelt erscheinen lässt als im späteren Erwachsenenalter.Weil wir nie mehr zur kindlichen Intimität mit einem Raum gelangen können, deshalbist Heimat oft mit Wehmut verbunden. In einem Gedicht von Eichendorff heißt es:«Was wisset ihr, dunkele Wipfel, / Von der alten schönen Zeit? / Ach, die Heimat
- hinter den Gipfeln, / Wie liegt sie von hier so weit!»Solches Heimweh sehnt sich nicht nur nach einem anderen Raum, sondern nach eineranderen Zeit, genauer: nach einer vergangenen Erlebnisweise; denn Heimat ist ebennicht nur der Ort der Kindheit, sondern auch die Erinnerung an diese andere, beseeltereArt des Erlebens. Deshalb konnte «Heimat» auch zum Symbol des gelingenden Lebens
- werden, wie etwa bei dem Philosophen Ernst Bloch, der sein Hauptwerk ,
- Das Prinzip Hoffnung
- ' mit dem Satz enden lässt: Wenn der Mensch «ohne Entäußerung undEntfremdung» wird leben können, «so entsteht in der Welt etwas, das allen in dieKindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.»Das wissen wir: Kindheitserinnerungen enthalten stets auch eine rückwärts gewandte
- Utopie, die aber produktiv wirken kann, wenn die Verklärung des Vergangenen denMenschen empfindlich macht für die Zerstörungen und Unwirtlichkeiten der Gegenwart.Man kann aus der Erinnerung an Heimat sogar einen Imperativ für die Gestaltung vonGegenwart und Zukunft ableiten: Jede Generation sollte die Lebensräume heute sogestalten, dass man sich morgen gerne daran erinnert, in ihnen gelebt zu haben.
- Es mag ja sein, dass man seine Heimat immer erst dann entdeckt, wenn man sieverloren hat – aber es gibt heute Räume von solcher Unwirtlichkeit, dass sie noch nichteinmal im Rückblick zur Heimat werden können. Räume, die einem keine Chancebieten, sich in ihnen heimisch zu fühlen. Ich habe den Eindruck, dass die Fähigkeit undBereitschaft, Heimat zu bauen, nachlässt. Die emotionale Wüste in den sozialen
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- Räumen wächst. Gerade deshalb wird das Verlangen nach Heimat bleiben, und es wirdsogar wachsen in demselben Maß, wie das moderne Wirtschaftsleben den Menschengrößere Mobilität und Flexibilität abverlangt. Denn wir verlangen besonders nach dem,was uns fehlt. Für den mobilen und flexiblen Zeitgenossen ist Heimat der Ort, wo manwenigstens für eine Weile aufhören kann, mobil und flexibel zu sein.
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- Es gibt also eine Heimat, aus der man kommt, und eine andere, in die man kommenmöchte, und schließlich gibt es auch noch, wenn man ein wenig Glück hat, eine Heimat,in der man schon ist, ohne dass man es richtig bemerkt, und wo man bleiben möchte,wenn man es gemerkt hat. Aber meist ist es dann zu spät, weil man schon woandershinmuss